Zu der schwedischen Familie, bei der ich eine Zeitlang lebte, gehörten anfangs auch zwei Pflegejungen. Sie waren geistig behindert, den einen, dünn und lang wie eine Bohnenstange, durfte man
nicht anfassen, bei der geringsten Berührung kreischte er auf, der andere, von kleiner kräftiger Gestalt, ging leutselig auf jeden Menschen zu. Er hieß Sven-Gösta und obwohl er nichts von
Religion verstand, war er sehr fromm. Jedenfalls hatte er in seinem Zimmer einen kleinen Altar aufgebaut mit einem Kreuz aus zusammengebundenen Holzstücken, einer Blechbüchse mit verwelkten
Margeriten, alles umringt von Kieselsteinen aus dem See. Mehrmals in der Woche hielt er dort seinen Gottesdienst. Er bestand aus einem Gesang langgedehnter, unverständlicher Laute und hatte
tatsächlich etwas von einem gregorianischen Gesang. Dann unterbrachen wir unsere Arbeit und lauschten, als hätten wir einen Mönch im Haus.
Seine andere Leidenschaft war sein grenzenloser Appetit, er konnte an nichts vorbei gehen, was nur irgendwie essbar aussah, ohne es sich in den Mund zu stopfen. Wir standen unter der dauernden
Angst, er könnte sich vergiften.
Beide Eigenschaften verführten mich eines Tages dazu, ihm eine verzwickte Frage zu stellen.
„Hör mal, Sven-Gösta..Ein Pastor kommt doch in den Himmel?“
Er nickte und machte eine Grimasse wegen der dummen Frage.
„Und wenn ein Bär einen Pastor frisst, kommt der Bär mit dem Pastor in den Himmel?“
Entsetzt sah mich der Junge an, dann drohte er mir mit der Faust. „Man stellt nicht solche Fragen!“
Aber die Frage beschäftigte ihn. Ich sah, dass er wenig später zu seinem Pflegevater ging. Der hieß Gunnar und wurde später mein Freund. Der schärfte gerade die Zacken einer Bügelsäge. Für eine
Weile sah der Junge zu, dann fragte er: „Wie schmeckt ein Pastor?“
„Schlecht!“ sagte Gunnar.
Darauf Sven-Gösta: „Dann kommt er nicht in den Himmel..“
Klar. Schließlich kommen nur gute Menschen in den Himmel. Damit war meine Frage beantwortet. Doch dann fiel ihm etwas ein. Er fragte: „Komm ich in den Himmel?“
Vor Aufregung ließ er den Mund offen. Gunnar wollte nicht antworten. Zu oft hatte er diese Frage schon beantworten müssen. Da rief der Junge mit biblisch dröhnender Stimme : „O Herre Gud, bist du
taub oder was?“
Vorsichtig legte Gunnar die Feile auf sein Knie und sagte: „Sicher kommst du in den Himmel.“
Darauf hielt ihm der Junge seinen rechten Daumen hin. Der Mann drückte seinen dagegen. Enen dicken Speicheltropfen einschlürfend, trottete der Junge zufrieden davon.
Mit diesem „Daumendrücken“ holte er sich bei jedem Menschen die Garantie, dass ein Versprechen auch wahr wird. Und ich bin sicher, wenn Gott einen Daumen hat, so hat er diesen Druck gespürt
und seinen dagegen gehalten.