Er war mein Schulfreund, sein Familienname war Syffus, aber wir nannten ihn Syff. Ein hoch intelligenter Junge, aber sehr empfindlich. Unsere Freundschaft ging nach der Schulzeit weiter,
und es war ganz natürlich, dass er mir eines Tages begeistert erzählte, er hätte morgen das erste Rendezvous mit einem Mädchen. Ich tat ebenfalls begeistert, aber im Grunde war ich neidisch: ich
hatte noch keine Freundin..
Es war am nächsten Tag, spät abends, da klingelte es, und er stand an der Wohnungstür, in Schlips und Anzug, mit zerrauftem Haar und geschwollener Backe.
Was war passiert?
Kurz gesagt, er war am Bahnhof zur vereinbarten Zeit. Er wartete und wartete, aber das Mädchen kam nicht, mit jeder Minute wuchs seine Qual, und dann war ihm, als müsste er sterben, wenn er nicht
gleich ein Mädchen zu einem Rendezvous bekäme. Mit Aufbietung aller Kräfte sprach er ein Mädchen an. Sie hatte dunkles, lockiges Haar und trug einem himmelblauen Sommermantel. Er lud sie zu einer
Tasse Kaffee ein, er wolle mit ihr nur plaudern, aber sie lief weiter, ohne ihn zu beachten, er blieb dicht hinter ihr und flüsterte fast flehend auf sie ein. Plötzlich zischte sie „Hau
ab!“, machte kehrt und rannte zum Bahnhof, und er im gleichen Schritt mit. Vor der Eingangshalle standen zwei junge Männer, auf die lief sie zu und zeigte auf ihn. Obwohl er schon stehen
geblieben war, kamen die Männer heran und schlugen ihn.
„Und jetzt ist Schluss mit den Frauen, mit allen!“ rief er schluchzend. „Ich schwöre bei Gott, keine soll mich kriegen. Sie sollen leiden wie ich! Ich hasse sie, ich hasse sie alle bis an mein
Lebensende!“
Seine Tränen flossen, ich gab ihm einen Korn zu trinken, nach zwei Stunden ging er.
Wir verloren uns aus den Augen, gestern trafen wir uns in einer S-Bahn wieder, wir erkannten uns sofort, obwohl wir beide schon alte Männer sind. Stolz erzählte er, er sei glücklich verheiratet
und hätte einen Jungen und eine Tochter.
Als ich ihn fragte, wie er das geschafft habe, wo er doch alle Frauen hasse, sagte er:
„Ich habe sie ja aus Hass geheiratet!“
Ich lachte.
„Jawohl“, sagte er, „du kennst mich doch, ich halte, was ich verspreche. Ich hasse die Frauen wie am ersten Tag.“
„Das kapier ich nicht“, sagte ich
„Ist auch nicht nötig“, meinte er. Die S-Bahn hielt, er musste aussteigen, er drehte sich noch einmal um und sagte: „Sieh es doch einfach so: Der Hass ist heute die neue Liebe.“
Ich stutzte. Und da ging mir ein Licht auf. Und ich begriff alles, den ganzen Ärger auf unserem Planeten, sogar diese Partei – wie heißt sie noch mal – verstand ich jetzt. Es stimmte also, was
überall Medien zu lesen oder zu hören war: Wir leben in der Zeit der Umwertung aller Werte.
Erwartungsvoll sah ich mich in der Bahn um. Vielleicht hatte ich heute das Glück und eine hübsche Frau blickte mich hasserfüllt an.
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