Es gibt keinen traurigeren Ort als nachts in der Nähe einer Straßenlaterne. Beleuchtet ist ein Stück Asphaltstraße, zwei Autos stehen zur Hälfte im Lichtschimmer, auch vom Bürgersteig sieht man
nur einen Ausschnitt, ein paar graue Platten, sonst ist alles dunkel und still. Es ist wie das herausgerissene Stück einer Buchseite, du starrst darauf, liest den Text, er bleibt fremd,
unverständlich, ja, er ist geradezu tot, denn alles andere gibt es nicht mehr: das Buch ist verloren gegangen und du hältst nur diesen Fetzen in der Hand.
Ich geh unter der Laterne hin und her, ich friere, ich warte auf jemanden, der mich mit dem Auto abholen soll. Und ich kann nicht vergessen, was ich vorhin erlebt habe.
Ich hatte meinen alten Freund Gunnar in der Psychiatrie der Klinik besucht, dort, etwa 50 m entfernt, steht das schwarze Gebäude mit blanken, hellen Fenstern. Seine Hyperaktivität war so heftig
geworden, dass er sich selbst in die Klinik einliefern ließ.
Nachdem die Schwester mich zu ihm gebracht und ihm einige Pillen gegeben hatte, ging sie. Er saß an einem kleinen Tisch, ich setzte mich zu ihm. Meinen Gruß hatte er nicht erwidert.
Aufmerksam, fast prüfend sah er mich an. Fragte er sich, wer ich bin? Ich begann eine Unterhaltung, aber er schwieg und je länger er schwieg, um so mehr redete ich, obwohl ich schon gar nicht
mehr wusste, was ich sagen sollte. Auf einmal lächelte er, es war ein unheimliches Lächeln, das Lächeln eines Verschwörers, dann hob er den Daumen und senkte ihn. Das machte er drei, viermal. Ich
fragte, was das solle, er gab keine Antwort. Dann fiel, nein, dann stürzte er mit der Stirn auf seinen auf dem Tisch liegenden linken Arm und schlief ein.
Bevor er die Pillen schluckte, hatte er die Schwester mit einem zugekniffenen Auge gefragt: „Es ist doch keine tödliche Dosis?“
Die tödliche Dosis, Gunnar, ist hier draußen, im Umkreis dieser Laterne, und wenn du jetzt schläfst, reise zu den Sternen und lebe deine Träume!
Ich kann die Sterne nicht sehen und zum Träumen ist es hier zu kalt, hier ist nur der kleine ausgerissene Fetzen Leben, den ich nicht begreife.