Aus meinem schwedischen Tagebuch
Beim deutschen Wald habe ich oft den Eindruck, jeden Abend muss jemand mit dem Besen für Sauberkeit sorgen, während hier in Schweden der Wald wild, unaufgeräumt und von mitreißender Lebendigkeit
ist: in jedem Winkel regt sich etwas, wächst etwas, er ist voll von Gerüchen und Formen. An sonnigen Tagen finden Lichtspiele statt, an Regentagen Wasserspiele. Manchmal ist er so schwarz als
hätte sich dort seit dem Mittelalter die Dunkelheit Schicht auf Schicht abgelagert und kein Lebewesen sie jemals aufgerührt.
Und er ist voller Überraschungen. Wo sonst in der Ferne der Wald war, glitzerte im letzten Winter eine Wand aus Spinnweben. Ich lief hin und sah, es waren kahle Bäume. Auf ihren Zweigen lag der
Silberglanz der Sonne so blendend, dass man das dunkle Holz darunter nicht sehen konnte.
Kürzlich ging ich im Wald eine Steigung hoch. Auf einmal sah ich zwischen den Bäumen dicht über dem Waldboden etwas Blaues aufleuchten, ich dachte, es ist wie so oft in Schweden ein See. Doch
plötzlich stand ich am Rand eines Abgrunds, über mir der blaue Himmel und zu meinen Füßen das grüne Meer eines Waldes.
Was ist es, was mich so fasziniert am Wald? Es muss mehr daran ein als diese Abgeschiedenheit von Hektik und Lärm. Er ist ja voller Leben, man kann es überall sehen. Also, was ist er? Ich denke,
er ist eine Art Heimat, er ist die Quelle des Lebens. Schon wenige Minuten nach Beginn einer Waldwanderung spüre ich meinen Körper nicht mehr und was ich sehe, wird zum Teil eines Traumes.
Vielleicht bin ich selber schon Traum, denn alles ist so leicht, so federleicht. Wo ist die Schwere, die Enge meines Körpers? Dieses Einswerden mit dem Wald ist wie ein Verschmelzen mit ihm bei
vollem Bewusstsein.
Seit einiger Zeit spricht man bei einem Waldspaziergang vom Waldbaden, man will den Wald als einen Ort der Erholung nutzen, man geht gestresst hinein und kommt fit heraus.
Was ich meine, ist aber etwas anderes, kein entspannendes oder auch heilendes Bad, sondern ein tiefes Eintauchen in den Wald und eine Verwandlung. Es liegt mir auf der Zunge und ich sage es
frei heraus: Es gleicht einer Taufe. Der verlorene Sohn kehrt zurück in die Gemeinschaft der Schöpfung.
Das geschah in einer Mittsommernacht, als ich durch den Wald ging und mich das sanfte Licht der Sonne begleitete.