Es war ein Sonntag und der erste warme Sommertag.
„Was meinst du, Holger? Was machen wir heute?“
Der Junge schüttelte die Plastiktasche in seiner Hand. Es klirrte.
Ich seufzte. Er war sechs Jahre alt, ein Jahr älter als im letzten Sommer, aber offenbar nicht vernünftiger geworden. Und da sagte er auch schon: „Will Mäuse fangen..“
Die Jagdausrüstung, zwei leere Gurkengläser, durfte ich ihm, wie vor einem Jahr, nicht abnehmen.
Am Bahnhof Zoo kaufte ich ein Käsebaguette, das Baguette war für mich, der Käse für die Mäuse.
Jährlich werden im Zoo die Tiere gezählt, mit Ausnahme der Mäuse. Es ist die einzige frei laufende Tierart im Zoo, aber niemand beachtet sie, anders mein Sohn. Er legte sich auf den Bauch, bis
zur Hüfte versteckt unter einen Busch und bewegte sich nicht mehr. Seine Beine lagen ausgestreckt auf dem Sandweg.
Sofort blieben Zoobesucher stehen, blickten irritiert auf die Jeansbeine, dann auf mich. Ich sagte kein Wort. Als sie in den Beinen noch Leben bemerkten, fragten sie mich, ob ich wüsste, zu
welcher Gattung das Tier gehöre. Ich sagte, das sei mein Sohn als Mäusejäger.
Augenblicklich verwandelte sich ihr Erstaunen in Interesse. Sie gaben zu, dass Mäuse eine aufregende Spezies seien, an der sie bisher achtlos vorbeigegangen wären. Einige freilich glaubten, mich
bedauern zu müssen. Ob Mäuse Zuhause wirklich so attraktiv seien wie Goldfische beispielsweise?
Als wir zwei Stunden später den Zoo verließen, waren die Gläser leer, wir aber guter Dinge. Mein Sohn war sogar sehr zufrieden. Beim nächsten Mal, sagte er, würde er bestimmt eine
Maus kriegen, heute hätte er eine fast schon am Schwanz erwischt.
Anders als ich bei der Hinfahrt befürchtet hatte, verlief die Rückfahrt in der U-Bahn ohne Zwischenfälle. Ich musste niemandem erklären, wie eine Maus in das Gurkenglas meines Jungens gekommen
war.