Über den Winter war ich in Deutschland, ich wollte den Jahreswechsel 2000 erleben. Eine Welle von Untergangsängsten hatte die Menschen ergriffen. Man war überzeugt, alle
Computersysteme in der Welt zusammenbrechen würden mit katastrophalen Folgen. Aber dann passierte gar nichts, wahrscheinlich zur Enttäuschung vieler, und Anfang März bezog ich wieder meine
schwedische Hütte. Als erstes rief ich Gunnar an.
Niemand hebt ab. Ich rufe seine Tochter an und erfahre, dass er sich in der psychiatrischen Abteilung der Klinik in L. befindet. Der Grund sei ein Vorfall am Neujahrstag gewesen. In seiner
Wohnung hatte es zu rauchen begonnen, worauf er auf die Straße rannte und mit der Warnung, die Welt ginge unter, die Autos anhielt. In Wahrheit hatten die nasse Socken über den Herd
zu qualmen begonnen hatten. Nachdem er mit einem Motorradfahrer in eine Schlägerei geraten sei, habe man die Polizei gerufen. Er ließ sich widerstandslos in die Klinik fahren. Dort stellte
man bei ihm ADHS fest. Ich bezweifelte das. In seinem Alter mit 80 Jahren?
Nein, hieß es, Zeichen davon habe es schon viel früher gegeben. Da war sein „unschwedisches“ Verhalten, fremde Leute anzusprechen, Einwohner ungefragt zu besuchen und für ein paar Stunden oder
gar Tage zu verschwinden, weil er spontan eine Mitfahrgelegenheit genutzt hatte.. Für mich war das nichts anderes als seine Neugier auf Menschen und seine unbändige Reiselust.
Gestern Nachmittag musste seine Tochter in der Stadt etwas besorgen, ich fuhr mit. Sie setzte mich vor der Klinik ab.
Die Klinik ist ein Komplex mit drei sechsstöckigen Gebäuden. Durch einem Nebeneingang komme ich in die Psychiatrie.
Als ich in an der Glastür das Schild lese „Bitte klingeln“, stockt mir der Atem. Gunnar hasst verschlossene Türen. Noch nie sah ich einen Hausschlüssel in seiner Hand.
Eine junge, streng blickende Schwester öffnet. Ich sage, wen ich besuchen will.
„Gerade aus. Du wirst ihn gleich sehen.“
Ich durchquere die Hälfte des Flures, dann weitet er sich rechts und links zu Sitzecken mit Fernsehern. Und da, links, in einem Ohrensessel, den Rücken zur Wand, sitzt er. „Sitzt“ ist der falsche
Ausdruck, er ist abgelagert. Sein Pullover hat Essensflecken, sein Hosenschlitz ist offen.
Er erkennt mich nicht, ich beuge mich zu ihm: „Hej, alter Småländer! Ich bin’s!“
Darauf belebt sich sein Blick. Ein Räuspern kriecht aus seinem Hals, er rappelt sich hoch, murmelt: „Komm. In mein Zimmer.“ Steif geht er neben mir. Plötzlich schleudert er erst den rechten, dann
den linken Pantoffel vom Fuß, sie sausen über die Fliesen, knallen gegen die Wände, er lässt sie liegen. Er ist barfuß. Ich sage: „Du wirst dich erkälten.“ Er streift mich mit einem
grimmigen Blick.
Am Flurende ist die Tür sperrangelweit offen, es ist sein Zimmer, dazu eine Toiletten- und Duschkabine. Eine hohe Decke mit Neonbeleuchtung, kahle weiße Wände, ein verstellbares Krankenhausbett,
ein Spind, daneben ein Waschbecken. Zwischen den beiden Fenstern (die sich nicht öffnen lassen) ein schmaler Plastiktisch und zwei Stühle.
Er zeigt aufs Bett: „Ich schlaf auf dem Boden.“ Erst durch hartnäckiges Nachfragen sagt er, dass er auf der Matratze liege.
Das waren seine einzigen Sätze während des Besuches. Er saß mir gegenüber, vor sich hinbrütend. Ich versuchte sein Interesse zu wecken, indem ich von ersten Frühlingszeichen berichtete. Dann
geschah etwas. Er hob sein Gesicht, sah mich bedeutungsvoll an, machte die Hand zur Faust, hob den Daumen und drehte ihn langsam nach unten. Dabei lächelte er verschwörerisch, wie ich es noch nie
von ihm gesehen hatte.
Er wiederholte die Geste drei-, viermal. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Als das Schweigen immer länger wurde und er in seine Stumpfheit zurückfiel, stand ich auf. Es war nicht zu
ertragen. Ich sagte, ich müsste jetzt gehen. Er wälzte sich vom Stuhl und begleitete mich, was mich zu sehr langsamen Gehen zwang. Ich sagte ab und zu etwas, er scbhwieg. Ich bat eine ältere
Schwester, die Tür aufzuschließen, Gunnar hatte sich aan meine Seite gestellt und wie selbstverständlich ging er mit mir hinaus, das durfte er nicht und ich hoffte, er würde von selbst umkehren,
aber er drängte sich körperlich an mich wie ein Kind, das bei einem Erwachsenen Schutz sucht. Er wollte mit mir die Klinik verlassen, und das nicht aus Überlegung, sondern aus seinem angeborenen
Drang zur Freiheit. Die Schwester lief heraus und hielt ihn am Ärmel fest. Mehr automatisch als gehorsam ging er mit ihr zurück und während die Schwester die Tür abschloss, blieb er mit
gesenktem Kopf vor der Flurwand stehen und lehnte die Stirn an sie. Ich sah es und mein Atem stockte. Auf einmal schnellte er herum und warf sich gegen die Glastür. Das Gesicht in die Arme
vergraben, schluchzte er auf. Die Schwester legte begütigend ihre Hand auf seine Schulter. Darauf stieß er sich von der Tür ab und, als hätte er eine Arbeit erledigt, ging er hoch aufgerichtet
davon.
Vor der Klinik knöpfte ich Jacke und Hemd auf, so heiß war mir. Es war dunkel geworden. In einiger Entfernung sah ich schwarze, bucklige Klumpen unter den Laternen stehen, es mussten Autos sein,
ja, Autos waren das. Autos, Autos! Stumpfsinnig wiederholte ich: Autos, Autos, Autos. Nun hatten meine Gedanken etwas, an das sie sich halten konnten.