Es war in West-Berlin Anfang der 70er Jahre. Vom Aufstand der Studenten war nicht mehr viel da, aber es gab noch die 1. Mai-Demonstrationen und die wollte ich auch diesmal aus Solidarität mit den
Arbeitern mitmarschieren.
Ich zog mir meinen leichten Regenmantel an, man konnte ja einem Wasserwerfer begegnen, und ging los. Und da standen sie auch schon, die Demonstranten, seltsamerweise in Gruppen aufgestellt.
Ich wollte mich einreihen, das wurde mir verwehrt. Stimmen ertönten: „Welche Gruppe? Welche Gruppe?“ Meinten die mich? Und was meinten die mit Gruppe? Ich ging zur nächsten Gruppe. Auch
dort: „Welche Gruppe? Welche Gruppe?“ Zum Kuckuck. Ich wollte doch nur mitlaufen..
Und das tat ich auch, aber neben ihnen mit einem Abstand von zwei Metern. Plötzlich, wie auf ein Kommando, stürmten sie vorwärts, als gäbe es da vorne kostenloses Bier, ebenso jäh stoppten sie
wieder und marschierten weiter. Das geschah mehrmals. Ich war irritiert. Wo war ich hier gelandet? Und dann kamen die ersten misstrauischen Blicke. Sie brannten auf mir. Ich rückte ein
wenig mehr von der Gruppe ab. Die Blicke wurden böse. Ich vergrößerte den Abstand und nach einer Weile befand ich mich auf dem Bürgersteig. Trotzdem lief ich weiter mit, das war mein gutes Recht.
Allerdings, als die Demonstranten wieder losrannten, stoppte mich auf dem Bürgersteig der Gegenverkehr. Genug. An einer Seitenstraße bog ich links ab und verschwand. Und das war meine letzte,
wirklich letzte 1.Mai-Demo.
Heute, viele Jahre später, weiß ich, was ich da erlebt habe: den Ausbruch einer Krankheit. Es ist eine Pandemie. Gruppen überall. Es gibt die Rentner, die Jugendlichen, die
Hausbesitzer, die Mieter, die Handwerker, die Radfahrer, die Autofahrer, die Unternehmer, die Arbeiter und so weiter. Ich nenne diese ansteckende Krankheit Grupperitis. Und wer glaubt, die
Gruppen seien nur statistische Begriffe, dem muss ich widersprechen. Denn ein Hausbesitzer, ein Mieter, ein Autofahrer, ein Arbeiter und so weiter fühlt sich am wohlsten in seiner Gruppe. Er
kuschelt sich hinein, glaubt sich geborgen, geschützt, gestärkt, ja, auch mächtiger. Und das hat Folgen: Streitigkeiten und Kämpfe mit anderen Gruppen, im schlimmsten Falle Kriege. Ist diese
Grupperitis uns angeboren oder ist sie eine Krankheit, ausgelöst durch ein Virus unseres Gesellschaftssystems? Im letzten Falle könnte man was dagegen tun.
Andernfalls, wenn wir Menschen schon in einer Gruppe leben müssen, wie wär es, wir kuschelten uns nur in eine einzige, nämlich in die Menschheit?
