Dies ist der Auszug eines Textes unter dem Titel „Begegnung mit einem Brandstifter“ von Horst Krüger in seinem Buch „Deutsche Augenblicke“, erschienen 1969 bei R. Piper & Co.
Max Frisch hat es gezeigt, wie beide ineinander spielen. Wie der Biedermann die Brandstifter ins Haus lässt, sie duldet, ihnen verfällt und ihnen schließlich die Streichhölzer reicht. Aber dann
fragt man sich wieder: Ist das nicht Literatur; Gleichnis, Metapher der Vergangenheit, also Geschichte? Heute ist alles ganz anders als 1933. Geschichte wiederholt sich nicht.
Wohl wahr, will ich meinen – bis man dann eines Tages dem Brandstifter gegenüber steht. Ich erschrak. ... Ich will nicht leugnen, dass ich einen Augenblick auch fasziniert war. Nun sieh dir das
an. Das gibt es tatsächlich. Das lebt in Deutschland. Das läuft rum und verbreitet sich: ein richtiger kleiner Brandstifter, ein Zeitgenosse.
Bemerkenswert war sein Kopf. Man sah sofort, da kommt nichts durch, durch diese Schädelwände dringst du nicht. Da ist schon alles eingespeichert. Das Gesicht spiegelte Angestrengtsein,
Beschränktheit und höchste Erregung zugleich. Das Bestürzende aber war seine Gesinnung. Im Grund wollte er mit seinen historischen Ausführungen nur auf eine unwiderlegbare Weise Deutschland Ehre,
Größe und Unantastbarkeit freilegen. Er war auf eine gusseiserne Weise national. Er liebte sein Vaterland unbedingt. Er war nur ein kleiner Mann, aber wie er dieses stramme, stählerne Korsett der
deutschen Nation um sich trug, das machte ihn deutliche größer. Es gab ihm Halt und Rückgrat.
,,, merkwürdig, dass so etwas bei uns immer wieder neu gezeugt, geboren und großgezogen wird. Das zwängt sich durch alle Maschen der Demokratie. Diese schreckliche Verkorkstheit des kleinen
Mittelstands, der seine soziale Ohnmacht verinnerlicht hat und nun als nationalen Schweiß wieder von sich gibt. Schiefe Mittellage, die sich, anstatt sich unten zu stützen, immer nach oben
drängt. Kleinhandel, durch Warenhäuser bedroht – wie viele soziale Ängste werden hier eigentlich verinnerlicht und zugehängt mit den Fahnen der Nation? Warum zitterte der Mann so nach dem
unbefleckten, reinen Vaterland? Warum konnte er Schuld nicht annehmen und trotzdem ein guter Deutscher sein? Er strengte sich richtig an, die Nation hochzuhalten. Er hatte so eine schwitzende
Bemühtheit für die Ideale. Er war so verkrampft und verbissen in diese gute Sache. In seinem bleichen und überanstrengten Gesicht zuckte so viel richtungslose Aggressivität, bereit, sich auf
alles zu stürzen.
Das gibt es jetzt also wieder bei uns. Das gruppiert und formiert sich und drängt jetzt nach oben. Will nur Sauberkeit, Ordnung und Ehre: das Gute.
Das zwängt sich jetzt durch alle Maschen der Demokratie, will sie niederreißen.
Damit müsst ihr rechnen.
