Marianne Müller-Brettel

ist in der Schweiz aufgewachsen

und lebt seit 1967 in Berlin.

Sie studierte Psychologie

und war über dreißig Jahre

wissenschaftliche Mitarbeiterin

am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung.

Sie promovierte über Friedenspsychologie

und publiziert seit 1987

zum Thema Krieg und Frieden.

 

Mein Freund zieht in den Krieg

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Zum Geleit

 

Ein schönes Bild: Großmutter und Enkelin Meike im ernsthaften Gespräch über Militär und Sicherheit und Frieden und Unsicherheit in der Stube, während des Galaessens, beim Spaziergang und auf dem Segelboot. Beide mit schier unendlicher Geduld und gezügelter Ungeduld. Da wird fast nichts ausgelassen vom Internationalen Recht bis zur psychischen Veränderung durch militärischen Einsatz. Zwischen beiden muss ein tiefes Vertrauensverhältnis bestehen, dass sie ein so spannungsgeladenes Gespräch aushalten können, ohne die Verbindung abreißen zu lassen, ohne einfach fortzulaufen. Die Großmutter will nicht den Freund der Enkelin akzeptieren, während Meike nicht seine Rechtfertigung, als Soldat nach Afghanistan zu gehen, aufgeben möchte. Es entsteht im Gespräch eine nicht nur intellektuelle Zwiesprache, sondern ein Kampf um existentielle Behauptung einer gefährdeten Liebesbeziehung. Fast dominant wirkt Unterbewusstsein auf eine scheinbar sachlich geführte Auseinandersetzung ein.

Die Großmutter weiß unerhört viel und ist deshalb Meike sachlich meist überlegen. Manchmal sagt sie aber auch erstaunlich drastische Sätze:

 

„Hätte man vor zwanzigtausend Jahren gewusst, wie viel Elend Waffen anrichten, hätte man vielleicht ein Tabu entwickelt, das den Einsatz von Waffen gegen Menschen verbietet. Dann würden wir heute den Einsatz von Waffen zur Lösung von Konflikten genauso verabscheuen wie den Kannibalismus.“

 

Das mag wohl eine Illusion sein, bezeichnet aber doch gut, woran zu arbeiten ist, nämlich gesellschaftliche Lernprozesse so voranzubringen, dass Sicherheit und Gewalt im Unterbewusstsein nicht mehr automatisch zusammen gefügt werden und damit gewaltfreien, zivilen Alternativen Raum gelassen würde.

Doch dann schüttet die kluge Oma wieder Wasser in den hoffnungsvollen gewaltfreien Wein als Meike meint:

 

„Wenn du Recht hättest, würde uns ja nur ein falsches Bewusstsein an der Abschaffung von Kriegen hindern.“

„So einfach ist es leider nicht. Es sind viele sich immer wieder selbst reproduzierende Systeme, die ineinander greifen und schwer zu entzerren sind. Da ist einmal die Bevölkerung, die eigentlich keinen Krieg will, aber lieber an dem Bekannten festhält, als sich auf etwas Neues und damit Unbekanntes einzulassen. Zudem profitieren wir von billigen Rohstoffen und dem Rüstungsexport. Auf der anderen Seite bildet eine Mischung aus Angst, Mangel an Wissen und dem Bedürfnis nach Unverwundbarkeit immer noch einen fruchtbaren Boden für die Kriegsbefürworter.“

 

Bei solchen Worten sollte die Friedensbewegung gut zuhören. Stand sie doch immer unter dem Zwang, militärische Expertise zu erwerben, um in Diskussionen bis zu den höchsten Ebenen bestehen zu können. Dabei geriet leicht die Frage in den Hintergrund, wie denn die Menschen, die gegen Gewalt und Militär zu mobilisieren waren, ihre Friedenssehnsucht mit ihren traditionellen Sicherheitsängsten und mit welchen Folgen verbinden würden. Pazifismus musste und war nicht zwangsläufig das Ergebnis.

Doch zurück zu der Schrift: Glücklich wer eine solche Oma hat! Glücklich auch, wer eine solche Enkelin zur Gesprächspartnerin gewinnen kann. Möge die Schrift zu vielen ähnlichen Gesprächen zwischen der Generationen anregen.

Doch wie würde wohl ein Gespräch zwischen ‚normalen’ Omas und ihren Enkelinnen verlaufen? Könnte es weitere neue psychologischen Einsichten vermitteln?

  Andreas Buro

 

Mein Freund zieht in den Krieg

 Ein Streitgespräch über Kriege  und die Schwierigkeit, sie abzuschaffen

 

 Für meine Enkelkinder in der Hoffnung,  dass sie keinen Krieg erleben müssen.

 Denn Frieden ist nicht alles,  aber ohne Frieden ist alles nichts.

 

 

Einleitung

 

1989 schien der Krieg als Mittel der Politik in Eu­ropa überwunden. Die Friedensbewegung und der breite Widerstand in der Bevölkerung der 1980er Jahre hatte den Abbau der Mittelstreckenraketen be­wirkt. In der DDR war ein Konversionsplan entwi­ckelt worden, um alle militärischen Einrichtungen der DDR innerhalb von zehn Jahren in zivile Bereiche zu überführen. In der BRD hatten Betriebsräte, Gewerk­schafterinnen und Wissenschaftler Konversionspläne für Rüstungsfirmen erarbeitet, um anstelle von Pan­zern und Minen zivile Güter zu produzieren. 1989 fiel die Berliner Mauer und Deutschland wurde wieder­vereinigt, ohne dass ein ein­ziger Schuss abgegeben wurde. Anschließend löste sich die Warschauer Ver­tragsorganisation, das Militärbünd-nis der sozialisti­schen Staaten, auf und die Rote Armee wurde aus Deutschland abgezogen.


 Doch es kam anders. Die Nationale Volksarmee wurde in die Bundeswehr überführt. Man reformierte die Bundeswehr und änderte die Verfassung, damit Bundeswehrsoldaten out-of-area eingesetzt werden können. Seit 1999 führt Deutschland wieder Krieg. Im Sommer 2017 sind über 3000 Bundeswehrsoldaten au­ßerhalb des Territoriums der NATO im Einsatz.

 Nach wie vor lehnt die Mehrheit der Bevölkerung Kriege ab. Warum aber gibt es keinen Aufschrei, wenn Deutschland wieder Krieg führt? Warum ver­traut die Mehrheit der Politiker und Politikerinnen in der Sicher­heitspolitik auf militärische Einsätze, ob­gleich kollekti­ve Sicherheits-systeme wie die KSZE und die OSZE bei der Beendigung des Kalten Krieges und der Bewälti­gung der Konflikte im Baltikum nach 1989 erfolgreich waren? Warum wird die Forderung nach Auflösung der NATO als naiv, weltfremd oder gar gefährlich darge­stellt, obgleich die Geschichte zeigt, dass Militärbünd­nisse die Wahrscheinlichkeit erhöhen, in einen Krieg hineingezogen zu werden?

In den 1990er Jahren wurden Friedensbewegung und Friedensforschung wieder zu Rand-erscheinungen. Dass Krieg und Militär zu den größten Ressourcenvers­chwendern und Umwelt-zerstörern gehören, wird selten thematisiert. Einstellungen und Haltungen zu Krieg sind voller Widersprüche: Man lehnt Kriege ab, mag sich aber nicht mit diesem Thema befassen. Man hält Kriege für etwas Grausames, nimmt sie aber als not­wendiges Übel hin. Man versteht nicht, warum junge Männer im Krieg ihr Leben riskieren, ehrt sie aber als im Dienst für Deutschland Gefallene. Man spricht vom Krieg für Öl, von Kriegsgewinn, mystifiziert aber mili­tärische Interventionen als Hilfe für die jeweilige Be­völkerung.

Kriege sind spezifisch für menschliche Gesellschaft­en. Alle bekannten Hochkulturen haben Kriege ge­führt, während wir in der Tierwelt Ansätze von Kriegen oder Kriegen vergleichbare Kampfformen höchstens bei Schimpansen oder Tieren finden, die in Staaten le­ben wie die Ameisen. Kriege entstehen, wie es in der Prä­ambel der UNESCO-Satzung heißt, „im Geist der Men­schen“. Daher müssen „auch die Boll­werke des Frie­dens im Geist der Menschen errichtet werden.“ Leider lassen sich Kriege nicht durch mora­lische Ap­pelle oder guten Willen beseitigen, wie die militäri­schen Ausein­andersetzungen seit 1945 zeigen. Denn die von Men­schen in Jahrtausenden geschaffe­nen öko­nomischen Systeme, politischen Institutionen, kulturel­len Traditio­nen und sozialen Strukturen, die ineinander­greifen und sich selbst reproduzieren, ma­chen den Ver­zicht auf Kriege so schwierig. Immer noch gehen die meisten Staaten davon aus, dass das Militär einem Land Schutz bietet, der durch Militärbündnisse erhöht wer­den kann. Im Unterschied zu Militärbündnissen setzen kollektive Sicherheitssysteme wie die UNO oder die OSZE nicht primär auf militärische Stärke. Sie gehen von einem Si­cherheitsdenken aus, das auf der Einsicht beruht, dass wir in einem Beziehungsgeflecht leben und alle vonein­ander abhängig sind, auch die Starken von den Schwa­chen.

Das Ausspielen der wirtschaftlichen und militäri­schen Stärke westlicher Gesellschaften brachte Eini­gen ökonomische Gewinne. Gleichzeitig zeigen aber der mit dem Kampf gegen den Terror begründete Ab­bau demokratischer Rechte, die Flüchtlingsproblema­tik und der wachsende Wider-stand gegen Waffenex­porte und Bundeswehreinsätze, dass eine auf militäri­scher Stärke beruhende Politik nicht nur die schwa­chen Länder ins Elend stürzt, sondern auch in den starken Staaten poli-tische und soziale Probleme er­zeugt.

Neben ökonomischen Interessen, politischen Struk­turen und kulturellen Traditionen spielen auch psychi­sche Faktoren wie Fehleinschätzungen, Feind­bilder, Täuschungen, Gruppendruck, Machtstre-ben, Opferbe­reitschaft, Identitätsverlust und Angst eine Rolle. Krie­ge entstehen in bestimmten Situationen und sind in ers­ter Linie das Ergebnis bewusster Ent­scheidungen, nicht aggressiver Impulse. So können angeborene Dispositio­nen wie Tötungshemmung oder Todesangst die Bereit­schaft, Kriege zu führen, hem­men, während moralische Überzeugungen wie die Lehre vom gerech-ten Krieg diese fördern. Kriege sind Bestandteil unserer zivilisa­torischen Entwicklung und prägen unser Bewusstsein, indem wir den Schutz durch eine Armee überschätzen und die Bedrohung durch deren Waffen unterschätzen.

Seit rund 30 Jahren befasse ich mich als Psycholog­in mit der Frage, warum es so schwierig ist, Kriege ab­zuschaffen, obgleich sie keine Naturkatastrop­hen son­dern gesellschaftliche Prozesse sind, die von Menschen entwickelt und durchgeführt werden. Der Dialog zwi­schen der Großmutter, einer Pazifistin, und ihrer acht­zehnjährigen Enkelin, deren Freund als Freiwilliger ei­nen Auslandseinsatz absolviert, beleucht­et Probleme wie Kriegsursachen, die Funktion militäri­scher Inter­ventionen, Sicherheitsdenken, Massentötun­gen und psychische Auswirkungen von Kriegseinsätzen auf Sol­daten.

Den komplexen gesellschaftlichen Prozess „Krieg“ in einem Gespräch darzustellen, war schwie-riger als ich erwartet hatte. Ohne die Vielen, die mich immer wie­der er­munterten, weiter zu machen, wertvolle Hinwei­se ga­ben, das Manuskript redigierten und Korrektur lasen, hätte ich das Vorhaben nicht durchführen kön­nen. Dan­ken möchte ich besonders Annemarie Cor­des, Marian­ne Gutmann, Dieter Lenz, Ursula Müller-Wißler, Ursula Schrö­der, Anne­marie und Peter Schürch, Edgar Weick sowie meinen Kindern Claudia und Urs. Ich hoffe, dass der Text dazu beiträgt, die Ursa­chen von Kriegen zu entmystifizieren und das Pro­blem von Krieg und Frieden unter einem neuen Blick­winkel zu sehen. Denn die Forderung Gorbatschows nach einem Neuen Denken ist nach wie vor aktuell.

 

 

 

Warum Krieg?

 

Schmeckt er nicht?“

 „Doch, Oma, ich habe einfach keinen Hunger.“  Die junge Frau stochert in einem Stück Schokoladen­torte herum.

 „Hast du Liebeskummer?“  Besorgt mustert die alte Dame ihre Enkelin.

 Die junge Frau quetscht ein lang gezogenes „Nein“ durch die Lippen.

 „Was ist los? Oder willst du nicht mit mir darüber reden?“

 „Eigentlich nicht, du hast Florian von Anfang an nicht gemocht.“

 „So kann man das nicht sagen. Er sieht gut aus und kann sehr charmant sein. Natürlich bin ich nicht be­geistert, dass du dich ausgerechnet in einen Bundes­wehrsoldaten verliebt hast.“

Er ist Sportsoldat. Florian ist Leistungssportler. Was ist so schlimm daran, dass die Bundeswehr ihn ge­fördert hat? Seine Eltern hätten das nicht gekonnt.“

Die Großmutter schweigt, aber diese Erklärung stellt sie nicht zufrieden. Meike spürt es und sagt: „Nun gut. Du erfährst es ja doch. Florian hat sich frei­willig für einen Auslandseinsatz gemeldet.“

Das gibt gutes Geld.“

Oma, du bist gemein.“

Sie beginnt zu weinen. Die Großmutter steht auf und legt eine Hand auf ihre Schulter.

Tut mir leid, ich wollte ihm nichts unterstellen.“

Er will seine Kameraden nicht im Stich lassen“, schluchzt die Enkelin. „Ich habe Angst, dass ihm was passiert.“

Die Militärstützpunkte sind stark gesichert und die Bundeswehrfahrzeuge gut gepanzert. Nur wenige Sol­daten haben Feindkontakt“, versucht die Groß­mutter zu trösten. Und, indem sie sich setzt, fügt sie lei­se, mehr für sich hinzu: „Sie schreiben Berichte, putzen Waffen, spielen Karten und langweilen sich.“

Florian meint auch, ein Auslandseinsatz sei weni­ger gefährlich als deutsche Autobahnen.“

Meike trock­net sich die Tränen und beginnt zu essen.

Jedenfalls kamen in den bisherigen Kriegseinsät­zen kaum Bundeswehrsoldaten ums Leben. Dafür umso mehr Zivilisten.“

Es sind keine Kriegseinsätze, sondern Stabilisie­rungseinsätze. Sie dienen der Bekämpfung von Auf­ständischen, unterstützen Demokratiebewegungen und schützen die Bevölkerung vor Islamisten.“

Wie in Afghanistan?“

Die Bundeswehr ist nach Afghanistan gegangen, um Aufbauarbeit zu leisten“, beharrt Meike. „Dass die Taliban daraus einen Krieg gemacht haben, ist nicht ihre Schuld.“

Entschuldige, Liebes, da bin ich ganz anderer Mei­nung. Ein Militäreinsatz ist kein Entwicklungshilfeproj­ekt. Mit Bezeichnungen wie Friedensmission und Durchsetzung der Men-schenrechte sollte die Bevölker­ung positiv auf den Afghanistaneinsatz einge­stimmt werden. Solche Begriffe erzeugen in uns ein Bild von Versöhnung und Helfen. Dass die Bundes­wehr nur Brunnen und Brücken baut, war von Anfang nichts an­deres als eine geschickte Propagandakampa­gne.“

Die längst korrigiert wurde.“

Der erste Eindruck ist der entscheidende. Haben sich bestimmte Vorstellungen erst einmal in unseren Köpfen festgesetzt, lassen sie sich nur schwer korrigier­en. Längst sehen wir aus Kabul keine Bilder tanzender Jugendlicher und unverschleierter Schüle­rinnen mehr, sondern Aufnahmen von Häuserruinen und Soldaten in Kampfanzügen. Doch wenn von der Bundeswehrmissi­on in Afghani-stan die Rede ist, den­ken die Meisten im­mer noch an Aufbau und nicht an Zerstörung.“

Manchmal muss man erst zerstören, bevor man aufbauen kann.“

Den gordischen Knoten zerschlagen wie Alexan­der der Große?“

 „Was hat Alexander der Große mit der Bundes­wehr zu tun?“

 Die Großmutter hebt die Schultern, denkt einen Mo­ment nach und sagt dann: „Eigentlich eine ganze Men­ge. Beiden fehlt die Geduld und die Fähigkeit, den Knoten aufzulösen.“

 „Was ist daran schlecht?“

 „Zerschlägt man den Knoten, ist das Seil kaputt. Nicht zufällig zerfiel das Reich Alexander des Großen ebenso schnell wie er es erobert hatte.“

 „Aber er war ein großer Feldherr und hat dafür ge­sorgt, dass die griechische Kultur sich bis nach Indien ausbreiten konnte.“

 „Das hätte man auch den Kaufleuten überlassen können. Übrigens, was ist groß daran, Leute dazu zu bringen, sich gegenseitig umzubringen?“

 „Ach Oma, man kann Kriege nicht abschaffen. Bei Gefahr gibt es nun mal nur zwei Mög-lichkeiten, die Flucht oder der Kampf. Du unterschätzt die menschli­che Aggression.“

 „Das ist eine der vielen Legenden. Leider bezeich­nen wir Kriege als Aggressionen, also mit einem Be­griff aus der Biologie. Dies verschleiert die Tatsache, dass Kriege gesellschaftliche Prozesse sind. Aggressi­on ist eine biologische Anlage, die alle höheren Lebewes­en besitzen. Aggressiv zu reagieren ist eine Eigen­schaft, ähnlich wie die Fähigkeit, Befehle zu befolgen, Strategien zu entwickeln oder Geräte zu bedienen, die uns neben vielen anderen Fähigkeiten in die Lage ver­setzt, Kriege zu führen. Aber ebenso wenig wie die Fä­higkeit, Werkzeuge zu entwickeln und zu bedienen, sind Aggressionen die Ursache von Kriegen.1 Dies zeigt schon die Tatsache, dass Tiere keine Kriege füh­ren.“

Aber“, fällt Meike ihr ins Wort, „was ist mit den Schimpansen oder Ameisen?“

 „Gut, es gibt immer Ausnahmen. Wobei gerade die­se mit uns Menschen am meisten Ähnlichkeit ha­ben. Schimpansen sind hoch intelligent und Ameisen leben in Staaten. Entscheidend ist doch: Aggression ist eine Reaktion. Sie wird nicht wie zum Beispiel der Hunger durch einen inneren Mangelzustand sondern durch eine äußere Situation ausgelöst. Hunger treibt mich an, et­was zu Essen zu finden. Wütend werde ich erst, wenn ich entdecke, dass nichts zu Essen im Haus ist und die Geschäfte schon geschlossen haben.“

 „Hm.“ Meike stutzt. Nach kurzem Nachdenken meint sie: „Stimmt, aggressiv werde ich erst, wenn mir etwas misslingt. Ich fühle mich dann so hilflos.“

 „Gewalt ist letztlich immer ein Zeichen von Hilflo­sigkeit. Zerstören ist einfacher als aufbauen. Vielleicht ist das der Grund, warum es so schwierig ist, Kriege abzuschaffen“, überlegt die Großmutter. „In kritischen Situationen neigen wir zum Zuschlagen. Das scheint leider auch für Politiker und Staaten zu gelten. Ob­gleich natürlich ein Konflikt zwischen Nationen oder Ethnien etwas anderes ist als ein Streit in der Buddel­kiste.“

 „Warum? Egal, ob sich zwei Brüder um ein Feuer­wehrauto streiten oder der Irak Kuwait überfällt, in bei­den Fällen wird Gewalt angewandt und in beiden Fällen geht es darum, wer der Stärkere ist und sich durchsetzen kann.“

 „Das ist zu simpel“, entgegnet die Großmutter. „Si­cher gibt es zwischen einem Geschwisterstreit und ei­nem Krieg Ähnlichkeiten. Die Übergänge sind flie­ßend. Ein Bandenkrieg enthält mehr Elemente eines Bürgerkrieges oder eines Konfliktes zwischen Staaten als eine Kneipenschlägerei. Doch Krieg ist ein viel komplexerer Prozess als ein Streit zwischen Individu­en. Wir können ihn nicht durch das verstehen, was wir un­mittelbar sehen oder erleben. Zeitungsartikel und Er­fahrungsberichte sind wie Teile eines Puzzles. So­lange wir sie nicht zusammengesetzt haben, kennen wir das Bild nicht.“

 „Unser Physiklehrer sagt immer, einen Ball, der am Boden liegt, können wir ohne Hilfsmittel beschrei­ben, nicht aber ein unförmiges Gebilde, das sich im Weltall bewegt. Dafür benötigen wir wissenschaftli­che Analy­sen.“

 „In der Physik hat man das längst begriffen. Nur al­les, was den Menschen betrifft, versuchen wir aus unse­rer unmittelbaren Anschauung zu erklären. Aber die Welt richtet sich nun mal nicht nach der Begrenzt­heit unserer Wahrnehmung.“

 „Trotzdem“, insistiert Meike. „Aggression ist Ag­gression, ob sich nun zwei Jungen prügeln oder Solda­ten gegeneinander kämpfen.“

 „Vieles, was auf den ersten Blick gleich erscheint, entpuppt sich als verschieden, wenn man es genauer untersucht. Prügeln sich zwei Jungen auf dem Schul­hof, erfahren sie ihre eigenen körperlichen Stärken und Verletzlichkeiten, aber auch die ihres Gegners. Im Krieg dagegen kämpfen Soldaten mit Waffen, die ei­nen direkten Körperkontakt mit dem Gegner verhin­dern.“

 Die alte Dame geht zum Schreibtisch und zieht aus ei­nem Stapel Hefte eine Mappe heraus. Sie gibt die dar­in enthaltene DVD ihrer Enkelin.

 „Hier auf dem Video ist ein Interview mit einem kroatischen Offizier. Er hat als Kommandant im Jugo­slawienkrieg viele Menschen ge­tötet. Er meinte, er schieße nicht auf einen Mann, weil er ihn hasse – es sei vielmehr wie eine Puppe, auf die man in der Kaserne schieße. Er wolle nicht wissen, wer er sei. Wenn ein Soldat daran denke, wenn er fühle, dass er jemand getö­tet habe, der vielleicht Frau und Kinder hat, dann drehe er durch, könne nicht mehr schlafen, sei übermüdet und mache Fehler.“2

 „Sicher, im Kampf muss ein Soldat vieles ausblen­den. Immerhin setzt er sein Leben ein. Deshalb sind Soldaten auch keine Mörder.“

 „Nur, wenn man Kriege für legitim hält.“

 „Wären Kriege grundsätzlich ein Verbrechen, wie du immer behauptest, warum haben dann alle Länder, selbst die neutrale Schweiz, eine Armee? Nein Oma, wir brauchen die Bundeswehr.“

 „Wozu?“

 „Zur Verteidigung.”

 „Gegen wen? Gegen die Russen, die Chinesen? Kampfjets, Panzer und Raketen sind Angriffswaffen. Ich kenne keine Armee, die so ausgerüstet ist, dass sie nur der Verteidigung dient.“

 „Aber wir brauchen Waffen zur Abschreckung“, be­harrt Meike.

 „Die einzige Waffe, die der Abschreckung dient, ist die Atombombe. Seit die US amerikanische Regie­rung 1945 den Befehl zum Abwurf der Atombomben auf Hi­roshima und Nagasaki gegeben hat, hat sich keine Re­gierung mehr getraut, atomare Waffen einzusetzen. Nicht zuletzt hat die atomare Abschreckung dazu bei­getragen, dass der Kalte Krieg kalt geblieben ist.“

 „Das ist nicht dein Ernst.“ Irritiert blickt sie ihre Großmutter an.

 „Warum nicht? Mit Atombomben lassen sich keine Kriege führen. Nicht zufällig lehnen viele Soldaten bis hin zu Generälen Atomwaffen als schmutzige Waffen ab. Ähnlich wie die biologischen und chemischen Waf­fen hätte man auch die Atomwaffen nach international­em Recht schon längst verbieten können. Doch bisher haben dies die Atommächte verhindert.“3

 „Omi, Fakt ist doch, dass die Japaner durch die Atombombe 1945 zur Kapitulation gezwungen wur­den. Ohne sie hätte der Krieg im Pazifik noch lange ge­dauert. Der Atombombenabwurf hat deshalb tausendenamerikanischen und japanischen Soldaten das Leben gerettet."

 „Und hunderttausend Zivilisten das Leben gekos­tet. Der Krieg mit Japan hätte auch ohne Atombom­ben be­endet werden können, wenn die USA bereit ge­wesen wären, auf ihre Forderung nach einer totalen Kapitulati­on Japans zu verzichten.“4

 Eine Weile schweigen die beiden Frauen. Mittler­weile ist es dunkel geworden. Die Großmutter stellt ei­nen Kerzenleuchter auf den Tisch.

 „Aber eins bleibt wahr: Ein Staat ohne Armee wird nicht ernst genommen“, sagt Meike, während sie die Kerzen anzündet.

 „Nach dem Motto Streitkräfte brauchen keine Be­gründung, ein souveräner Staat hat eine Armee oder er ist keiner?“, entgegnet die Großmutter sarkastisch, meint aber nach einer Weile:

 „Im Grunde muss ich dir Recht geben. Die über zehntausendjährige Zivilisati­onsgeschichte ist ohne Kriege kaum denkbar. Alle Hochkulturen haben Kriege geführt. Weder Ägypter noch Römer hätten ihre Pyra­miden und Tempel ohne die in Kriegen erbeuteten Sklaven bauen können.“

 „Also ist Krieg doch der Vater aller Dinge, auch wenn es dir nicht passt.“5

 „Die Frage ist eher, brauchen wir Pyramiden und Tempel. Zudem hat es immer Alternativen gegeben: Land zum Beispiel wurde durch Rodungen oder eine geschickte Heiratspolitik gewonnen. Wir sehen häufig nur die Kriege, die geführt wurden, und vergessen die unzähligen Lösungen, die Staaten gefunden haben, um Konflikte ohne Militär beizulegen.“

 „Nicht immer lassen sich Konflikte ohne Waffen lö­sen.“

 „Unsere Interventionen und Waffenlieferungen ver­längern die Kriege nur.“ Die Großmutter seufzt. „Scheinbar sind wir auch im 21. Jahrhundert nicht in der Lage, den zivilisatorischen Teufelskreis zu durch­brechen.“

 „Welcher Teufelskreis?“

 „Der Unterhalt von Armeen setzt einen gewissen personellen und materiellen Überfluss voraus. Um die­sen Überfluss aufrecht zu erhalten, benötigen die meis­ten Gesellschaften mehr Ressourcen als sie mit eigenen Kräften produzieren können. Im Frieden aber trägt das Militär nichts zum gesellschaftlichen Wohl­stand bei. Soldaten bebauen keine Felder und mit Pan­zern kann man keine Güter produzieren. Im Krieg aber sind Ar­meen in der Lage, sich fremde Güter ge­waltsam anzu­eignen. Eine Gesellschaft muss daher von Zeit zu Zeit Kriege führen, damit sich der Unter­halt einer Armee lohnt. Mit anderen Worten, man braucht Armeen, um Kriege zu führen, und man muss Kriege führen, um Ar­meen unterhalten zu können. Das klingt zynisch, ist aber leider so.“

 „Nein! Nein! Das Militär hat eine Schutzaufgabe“, wehrt sich Meike. „Ohne die NATO hätten wir uns nicht gegen Angriffe aus dem Osten wehren können.“

 „Welche Angriffe? Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Sowjetunion ausgeblutet. In den 1950er Jah­ren hätte sie unmöglich Eroberungskriege führen kön­nen. Im Gegenteil. Stalin hat 1952 in der sogenannten Sta­lin-Note den anderen Alliierten vorgeschlagen, mit Deutschland über einen Friedensvertrag zu verhan­deln. Doch die Alliierten lehnten ab.“ 6

 „Warum?“

 „Deutschland sollte sich keinem Militärbündnis an­schließen. Vor allem Adenauer, aber auch die USA wollten die Westbindung. Deutschland sollte nicht neu­tral oder blockfrei werden. Somit wurde die Chan­ce ei­ner Wiedervereinigung verpasst zugunsten der NATO-Mitgliedschaft Westdeutschlands.“

 „Willst du damit sagen, eine Wiedervereinigung wäre schon in den 1950er Jahren möglich gewesen?“

 „Ja.“

 „Das glaube ich nicht, das wäre ja absurd.“

 „Politik ist selten rational.7 Der eine hat Angst, der andere könnte angreifen, der andere hat Angst, der eine könnte angreifen, und alle machen alles, was sie ma­chen aus Angst davor, jemand könnte angreifen. Ja, das ist absurd, aber so denken Menschen, die zwischen­menschlichen Bindungen nicht trauen und im Anderen immer nur den Feind sehen.“

 „Aber wir können einen militärischen Angriff nicht immer ausschließen. Ein Land ohne Armee ist doch den Angreifern schutzlos ausgeliefert!“

 „Wenn ein Land eine kluge Außenpolitik betreibt, indem es auf der einen Seite seine Souveränität be­hauptet, auf der anderen Seite die Souveränität aller an­deren Staaten respektiert, also keine expansive Poli­tik betreibt und für kein anderes Land eine Bedrohung dar­stellt, ist die Wahrscheinlichkeit, dass es in einen Krieg hineingezogen wird geringer als bei einem Staat, der Mitglied eines Militärbündnisses ist.“

 „Mag sein, nur wir brauchen die Bundeswehr und NATO um Kriege zu beenden.“

 „So wie man Feuer nicht mit Feuer löschen kann, so kann man Krieg nicht mit Krieg bekämpfen. Ge­walt er­zeugt Gegengewalt.“

 „Das stimmt nicht. Es gibt Fälle, wo die Feuerwehr das Feuer mit Feuer bekämpft.“

 „Das sind seltene Ausnahmen. Es ist schon traurig, wie wenig Protest es heute gegen Rüstung und Krieg gibt.“

 „Die Mehrheit der Bevölkerung lehnt Kriege nach wie vor ab.“

 „Meinungen können sich rasch ändern. Ich erinne­re mich, wie 1991 Schülerinnen und Studenten auf die Straße gingen, um gegen den Krieg zu protestieren. Überall wurde diskutiert. Im Institut haben wir uns in der Mittagspause versammelt. Drucker und Direkto­ren, Sekretärinnen und Wissenschaftlerinnen, alle wa­ren wir empört, dass amerikanische Soldaten von deutschen Flughäfen aus in den Krieg gegen den Irak flogen.8 Acht Jahre später, als die ersten Bomben auf Belgrad fielen, blieben die Straßen leer. Die Men­schen waren schockiert, blieben aber stumm. Wir wa­ren dabei, uns an den Krieg zu gewöhnen.“

 „Du siehst wieder zu schwarz. Krieg ist nur das al­lerletzte Mittel, wenn alle anderen Möglichkeiten aus­geschöpft sind.“

 „Kriege haben viele Funktionen. Nicht selten die­nen Kriege dazu, die Einheit im Innern zu festigen. Der Staat ist etwas Abstraktes, der Zusammenhalt ei­ner Ge­meinschaft benötigt auch emotionale Bindun­gen. Diese können nicht allein durch Gesetze oder durch eine Verfas­sung hergestellt werden. Hierfür braucht es Personen, Rituale, nationale Symbole und Institutio­nen, mit denen man sich identifizieren kann.“

 „Das haben wir doch“, triumphiert Meike. „Entwi­ckelte Gesellschaften benötigen für ihren Zusammen­halt kein Militär, sie haben eine gemeinsame Kultur.“

 „Wenn aber das Militär Bestandteil der Kultur ist? 9 Bei der Bildung der Nationalstaaten im neunzehnten Jahrhundert spielte das Militär eine große Rolle. Es galt, eine Gemeinschaft über alle religiösen, ethni­schen und lokalen Unterschiede hinweg zu schaffen. Neben dem allgemeinbildenden Schulwesen war die Einfüh­rung der Wehrpflicht ein Mittel, um die jungen Männer aus den unterschiedlichen Regionen und sozia­len Schichten zu Staatsbürgern zu machen.“

 „Oma, wir leben im einundzwanzigsten Jahrhun­dert. Heute ist das Militär nicht mehr die Schule der Nation.“

 „Unterschätze nicht die Rolle, die die NATO bei der Westanbindung der Staaten der ehemaligen Sowjetuni­on spielt.“

 „Mag sein. Aber für den Zusammenhalt der Deut­schen ist die Bundeswehr bedeutungslos.“

 „Ja, Meike, das ist wahr. Nach dem Zweiten Welt­krieg stand das Militär nicht mehr für nationale Stär­ke. Die europäischen Bevölkerungen hatten am eige­nen Leib erleben müssen, dass Waffen nicht Schutz, son­dern Zerstörung bedeuten. Bis heute tragen Autoindus-t­rie, Sozialversicherung und die Gesundheitsver­sorgung mehr zur Identifikation der Bundesbürger und Bürger-innen mit ihrem Staat bei als die Bundeswehr.“

 „Und wir wissen heute, dass sich internationale Konflikte nicht allein militärisch lösen lassen.“

 „Wenn es so wäre, warum versucht man es dann im­mer wieder? Schon 1910 schrieb William James, ein amerikanischer Philosoph und Psychologe: ‚Mo­dern war is so expensive that wie feel trade to be a better avenue to plunder’.“ 10

 „Weil moderne Kriege so teuer sind, sei Handel ein besserer Weg zu plündern? Eine sehr pragmati­sche Ein­schätzung.“ Meike schüttelt den Kopf.

 „Aber wahr. Kriege sind nicht nur eine teure, auch eine verlustreiche und gefährliche Strategie. Ein fairer Handel mit Rohstoffen wäre letztlich billiger. Sparte nicht nur die Kosten für Einsätze, auch für die Unter­bringung von Flüchtlingen. Denn Kriege produzieren nicht nur Kriegs- sondern auch sogenannte Wirt­schafts-flüchtlinge. Im Krieg können sich zwar War­lords berei­chern, aber kein Land kann sich ökono­misch entwi­ckeln, wenn es vermint ist und ständig Bomben fallen.“

 „Aber Schuld sind doch die korrupten Regimes in diesen Staaten.“

 „Die sich ohne unsere Unterstützung nie lange hal­ten könnten. Entwicklungshilfe, Grenzsicherungen, mi­litärische Interventionen und die Aufnahme und Integ­ration von Flüchtlingen kosten uns weit mehr als der Verzicht auf billige Rohstoffe und günstige Absatzm­ärkte. Wir müssten allerdings den schwächeren Staaten erlauben, wieder Zölle zu erheben, um die eigene Produktion zu schützen.“ Die Großmutter schüttelt den Kopf. „Warum nur ist unser Zivilisationsprozess ein ständiges Fehler machen und Fehler korrigieren? War­um nutzen wir unsern Verstand in der Politik so sel-ten?“

 „Na Oma, schließlich hatten wir die Aufklärung.“

 „Man kann Kriege natürlich auch als rationale Stra­tegie betrachten. Die meisten Gesellschaften schwan­ken zwischen Handel, der Frieden benötigt, und Krieg, der dem Handel entgegensteht. Misst man den Erfolg einer Art an ihrer Expansion, so war unser Modell der Zivilisation mit den vielen Kriegen bisher durchaus erfolgreich. Trotz 200 Millionen Kriegstoten hat sich die Weltbevölkerung im zwanzigsten Jahr­hundert ver-doppelt.“

 „Das ist zynisch!“

 „Es ist wie es ist. Das bedeutet nicht, dass ich des­halb Kriege befürworte. Heute können Industriegesell­schaften mit ihren bürgerlichen Rechten, ihrem Wohl­stand und der relativ hohen sozialen Sicherheit in ei­nem Krieg nur verlieren. Was in der Antike ein erfolg­reiches Überle-benskonzept für die jeweilige Ober­schicht gewesen sein mag, kann heute den Untergang einer ganzen Gesellschaft bedeuten. Nicht selten ge­fährdet uns gerade das, von dem wir glauben, dass es uns schützt."

Draußen beginnen Glocken zu läuten. Meike springt auf und blickt auf die Uhr.

 „Oh, schon sechs. Ich muss los, Florian hasst Unpünktlichkeit.“

Sie um­armt ihre Großmutter und eilt hinaus.

 

 

 

 

                                      Hilfe oder Invasion?

 

 

Die alte Dame sitzt vor einem Glas Prosecco. Ihre Enkelin stürmt ins Restaurant und gibt ihr einen Kuss.

 „Entschuldige, ich bin zu spät“, meint sie atemlos. „Florian und ich haben uns eine Hallberg-Rassy ange­schaut.“

 „Ihr wollt eine Segelyacht kaufen?“, staunt ihre Großmutter.

 „Es ist ein absolutes Schnäppchen.“

 „Auch als Schnäppchen dürfte eine solche Yacht ei­niges kosten.“

 „Sein Patenonkel, der Offizier bei der Bundeswehr ist, schießt das Geld vor. Florian kann es mit dem Geld aus dem Auslandseinsatz zurückzahlen.“

 Die Großmutter zieht die Augenbrauen hoch und schluckt die Bemerkung hinunter, dass das Geld bei der Meldung als Freiwilliger offenbar doch eine Rolle ge­spielt habe. Es soll ein harmonischer Abend wer­den.

 Meike mustert den getäfel­ten Raum.

 „Hier ist es aber edel.“

 „Man macht nur einmal Abitur. Erzähl, wie ist es gelaufen.“

 „Ganz gut. In PoWi habe ich sogar eine Eins.“

 Die Großmutter blickt sie fragend an.

 „Also Politik und Wirtschaft“, erläutert die Enke­lin. „Mein Thema war ‚Warum sind militärische Interventio­nen notwendig?’.“

 „Na sag mal, eine solche Formulierung suggeriert ja, dass sie notwendig sind.“

 „Sind sie doch auch.“

 „Und was ist mit dem Desaster des Afghanistaneins­atzes?“

 „Das war ein Bündnisfall. Als NATO-Mitglied wa­ren wir verpflichtet, die USA zu unterstützen.“11

 „Mitgefangen, mitgehangen das Problem von Mi­litärbündnissen. Stell dir vor, eine nord-koreanische Ra­kete trifft absichtlich oder aus Versehen einen Flug­zeugträger der US-Marine im Pazifik. Die USA ruft den Bündnisfall aus, China, als Schutzmacht von Nord­korea, muss eingreifen – nun geht die Kaskade der ge­genseitigen militärischen Unterstützung los und plötz­lich befindet sich Deutschland im Krieg mit Chi­na.“

 „Ach Oma, deine Fantasie“, ruft die Enkelin.

 „Jedenfalls hätten wir ohne Bündnisverpflichtung diesen sinnlosen Krieg am Hindukusch nicht führen müssen.“

 „Es war kein sinnloser Krieg. Die afghanische Be­völkerung brauchte unsere Hilfe gegen das Taliban- Re­gime. Eine demokratische Regierung konnte nur mit ausländischer Hilfe eingesetzt werden.“

 „Schon 1978 hat der Revolutionsrat, der nach ei­nem Putsch in Afghanistan eine sozialistische Regie­rung er­richtet hatte, die Sowjets um brüderliche Hilfe im Kampf gegen die Mudschaheddins gebeten. Diese Got­teskrieger wurden in den 1980er Jahren erst von den Briten, dann von den USA zu einer modernen Kampf­truppe ausgebildet.12 Das Ergebnis war ein zehnjähri­ger Krieg, gefolgt von einem siebenjährigen Bürger­krieg, der mit der Herrschaft der Taliban ende­te.“

 „Aber wir können das Land doch nicht den Taliban überlassen.“

 „Was nützt einer afghanischen Bäuerin die Gleich­berechtigung, wenn ihr Haus von einer US-amerikani­schen Rakete getroffen wird, was ihrem Mann Freiheit und Demokratie, wenn er bei der Feldarbeit von einer Mine zerrissen wird? Sind wir in der Lage, Entwicklun­gen in anderen Ländern zu bestimmen? Sind wir über­haupt dazu berechtigt?“

 „Immerhin gibt es heute in Afghanistan Mädchen­schulen.“

 „Die gab es schon unter der sozialistischen Regie­rung in den 1970er Jahren.“

 „Aber Diktaturen, die das Völkerrecht missachten, muss man doch bekämpfen.“

 „Auch westliche Demokratien wie die USA miss­achten das Völkerrecht, wenn sie vermutliche Feinde in anderen Staaten mit Drohnen liquidieren.“

 „Entscheidend ist doch das Ergebnis“, beharrt Mei­ke.

 „Nach dem Prinzip ‚Wo gehobelt wird, fallen Spä­ne’ oder ‚Der Zweck heiligt die Mittel’ darf man Wohnhäuser und Zivilisten bombardieren?“

 „Die NATO bombardiert keine zivilen Objekte.“

 „Warum wurden dann 1999 die Chemieanlagen in Novi Sad, die Sendeanstalten und die chinesische Bot­schaft in Belgrad bombardiert?“

 Meike sucht nach einer Antwort, sie will sich nicht so schnell geschlagen geben und meint: „Mag sein, dass im Kosovokrieg Fehler gemacht wurden. Aber selbst die UNO geht davon aus, dass wir eine Schutz­verantwortung haben und man eine Bevölkerung vor Verbrechen gegen die Menschlichkeit schützen muss, wenn ein Staat dazu nicht mehr in der Lage ist.“

 „Du meinst das Konzept ‚Responsibility to Pro-tect’?“ 13

 Meike nickt.

 „Ich gebe zu“, lenkt die Großmutter ein, „die Idee, die dahinter steht, hat etwas Bestechendes. Aber wie so oft schaden gute Absichten mehr als sie nützen. Weißt du, was das Gegenteil von Gut ist?“

 „Nein“

 „Gut gemeint.“

 Die Frauen lachen, dann insistiert Meike weiter:

 „Aber manchmal muss man Menschenrechte mit militärischen Mitteln durchsetzen.“

 „Da könnte man ebenso gut versuchen, Feuer mit Benzin zu löschen“, entgegnet ihre Großmutter heftig. „Krieg und Menschenrechte sind unvereinbar. Kein mi­litärischer Einsatz kann das Recht auf körperliche Un­versehrtheit garantieren. Nicht zufällig erlaubt Ar­tikel 15 der EU-Menschenrechtskonvention, im Kriegsfall Menschenrechte außer Kraft zu setzten.14 Zudem kolli­diert das Prinzip der Responsibility to Protect mit dem Prinzip der staatlichen Souveränität.“

 „Aber Menschenrechte sind wichtiger als staatliche Souveränität.“

 „Nicht wenn man den Frieden erhalten will. Die Re­spektierung der staatlicher Souveränität ist ein Grund­prinzip der UNO. Besonders zwischen labilen und ver­feindeten Staaten sind Grenzen notwendig, da­mit Kon­flikte nicht in Kriege ausarten. Nicht nur in der Erzie­hung ist es wichtig, Grenzen zu setzen.“

 „Trotzdem finde ich es richtig, wenn die internatio­nale Gemeinschaft eine Schutzverantwortung über­nimmt.“

 „Das Problem ist zum einen, wer ist die internatio­nale Gemeinschaft? Ist es der Westen, sind es alle In­dustrie- und Schwellenländer oder ist es die UNO? Zum anderen öffnet so ein Konzept Tür und Tor für Missbrauch. Wie leicht kann man eine Invasion damit begründen ein Volk von einem Diktator befreien zu wollen.15 Nicht zufällig wurde dieses Konzept wäh­rend des Kosovokrieges entwickelt, um den völkerrechts­widrigen Krieg zu rechtfertigen.“

 „Oma, der Kosovokrieg war notwendig, um einen Völkermord zu verhindern“, protestiert Meike.

 „1998 herrschte im Kosovo Bürgerkrieg. Die syste­matische Vertreibung der Kosovo-Albaner durch die serbische Armee begann erst nach dem Bombarde­ment durch die NATO. Den Hufeisenplan, der als Be­leg für den geplanten Völkermord galt, hat es ebenso wenig gegeben wie die Atomwaffen im Irak.“

 „Auch eine Regierung kann sich irren.“

 „Immerhin, die Regierung der USA hat dies nach­träglich eingestanden, während sich die Regierung der Bundesrepublik bis heute über den Hufeisenplan aus­schweigt.“16

 

     „Im Nachhinein ist man immer klüger. 1999 sollte ein zweites Auschwitz verhindert werden. Ohne das Eingreifen der Amerikaner wären die KZs auch nicht befreit worden“, wendet Meike ein.

Erstens die Hauptlast an der Befreiung Deutsch­lands vom Faschismus trug die Sowjetunion. Den USA ging es vor allem um ihre Interessen im Pazifik. Ihr Hauptgegner war Japan. Die Alliierten landeten erst Anfang Juni 1944 in der Normandie, nachdem der Krieg an der Ostfront entschieden und etliche deut­sche Militärs zu einem Waffenstillstand bereit waren. Zwei­tens vergisst man häufig, dass die ersten Massener­schießungen von Juden im Herbst 1941 an der Ostfront begannen und die Wannseekonferenz erst im Januar 1942 stattfand. Der Holocaust begann also mitten im Krieg und endete erst mit der Kapitulation Deutsch­lands. Ein Waffenstillstand im Sommer 1944 hätte Millionen Juden das Leben gerettet. Denn wäh­rend des ganzen Krieges wurde keine einzige militäri­sche Ope­ration durchgeführt, um den Völkermord zu stoppen. Weder die Zufahrtswege zu den KZs noch deren Kre­matorien wurden bombardiert. Wenn Juden vor den Gaskammern gerettet wurden, dann durch Ak­tionen der Zivilbevölkerung.“17

Der Kellner bringt den Hauptgang. Die Frauen es­sen schweigend.  Nachdem der Kellner die Teller ab­geräumt und Wein nachgeschenkt hat, nimmt Meike das Ge­spräch wieder auf:

 Zottel, mein Politiklehrer, meinte, wir hätten kei­ne Wahl gehabt, nachdem die Verhandlungen in Ram­bouillet am Widerstand von Milosevic gescheitert wa­ren. Man sei schuldig geworden, ganz gleich, was man tat.“

 „Erstens: die Verhandlungen in Rambouillet sind nicht einfach gescheitert. Man hat in einem Ultimatum von Serbien verlangt, seine Souveränität aufzugeben. Ein solches Ultimatum hätten auch alle NATO-Staa­ten abgelehnt. Es war nicht das erste Mal in der Geschich-, te, dass ein Krieg mit einem unannehmbaren Ultimat­um provoziert wird.18 Zweitens ging es nicht um Schuld, sondern um Macht“, widerspricht die alte Dame ein wenig heftig. „Gerhard Schröder schreibt in seinen Er­innerungen, dass er sich bewusst gewesen war, dass die Zustimmung zum Kosovo-Krieg darüber entscheiden würde, ob Rot-Grün regierungsfähig sei oder auf der Regierungsbank nur eine kurze Gastrolle übernehmen würde.19 Mit dem Schuldargument schaff-te es Eppler, dass die Genossen auf dem SPD-Parteitag dem völker­rechtswidrigen Krieg zustimm­ten. Wer sich schuldig fühlt, hat ein schlechtes Gewis­sen und ist leicht mani­pulierbar.“

 „Aber ohne Gewissen gäbe es keine Moral.“

 „Mit moralischen Argumenten sind viele Kriege geführt, aber keine beendet oder verhindert worden. Nicht selten verstärkt das, womit man das Übel beseitig­en will, dieses gerade. Besonders wenn Halb­wissen mit im Spiel ist. Als deine Mutter ganz klein war“, begann die Großmutter zu erzählen, „waren wir in Itali­en in den Ferien. Am zweiten Tag bekam deine Mutter Durchfall. Wir konnten wenig Italienisch, wuss­ten aber, dass Kohle ,Carbone‘ oder so ähnlich heißt. Mit Hän­den und einigen italienischen Wortfetzen schil­derten wir der Apothekerin unser Problem. Sie nickte freund­lich und gab uns eine Schachtel mit Tabletten für das Bambini. Doch am nächsten Morgen war der Durchfall schlimmer. Wir erhöhten die Dosis. Der Durchfall wur­de stärker. Mittlerweile waren die Eigen­tümer der Pen­sion, in der wir wohnten, auf uns auf­merksam gewor­den und wollten das Medikament se­hen, das wir in der Apotheke besorgt hatten. Als sie die Packungsaufschrift lasen, lachten sie. Es war Kohle mit Rhabarber, ein Ab­führmittel! Hätten wir unsere Sprach­kenntnisse nicht überschätzt, wäre deiner Mutter eini­ges erspart geblie­ben. Daran muss ich immer denken, wenn man ver­sucht, mit immer mehr Soldaten einen Krieg zu been­den.“

 „Schließlich haben wir vieles aus der Zeit des Kolon­ialismus gut zu machen.“

 „Kein Mörder kann den Ermordeten wieder leben­dig machen. Es ist überheblich zu glauben, wir könn­ten die Zerstörung so vieler Kulturen durch christliche Mis­sionare, koloniale Armeen und kapitalistische Konzer­ne ungeschehen machen.“

 „Aber, Oma, wir müssen doch etwas tun.“

 „Manchmal ist weniger mehr. Woher wissen wir, welches der richtige Weg ist?“

 „Wir haben eine Verantwortung.“

 „Sicher.“ Die Stimme der Großmutter klingt bitter. „Wir sind verantwortlich für die deutsche Mine, durch die ein Kind zum Krüppel wird, für das deutsche Klein­kalibergewehr, mit dem ein Kindersoldat Frauen er­schießt und für den deutschen Panzer, der Wohn­häuser zerstört.“

 „Wir haben auch eine politische Verantwortung. Wir sind kein kleines Land wie die Schweiz, das sich heraushalten kann.“

 „Eine neutrale Instanz kann für die Lösung von Konflikten sehr nützlich sein. Das gilt auch für die Po­litik. Nicht zufällig haben viele internationale Organi-sat­ionen ihren Sitz in neutralen Ländern wie der Schweiz und Österreich.“

 „Das reicht nicht aus, das Elend zu bekämpfen“, be­harrt Meike.

 „Unsere Interventionen beseitigen nicht das Elend, sie machen es zu einem Dauerzustand. Es ist, wie wenn man den Dorn in einer Wunde nicht herausei­tern lässt, sondern täglich darin her-umstochert und die immer grö­ßer werdende Wunde neu verbindet. Dies bringt kei­ne Heilung. Es nützt höchstens den Fabri­kanten von Ver­bandsstoff.“

 Die Enkelin lacht kurz, blickt dann aber irritiert ihre Großmutter an.

 „Das ist leider kein Witz“, fährt diese fort. „Es gibt mittlerweile nicht nur einen militärisch-industriellen Komplex, sondern auch einen humanitär-industriellen Komplex. Die Zerstörungen, die unsere Waffen an-richt­en, schaffen Nachfrage nach unseren Hilfsgü­tern. Ein Teufelskreis, dank dem wir doppelt verdienen und zudem die Betroffenen beschämen.“

 „Wieso beschämen, sie benötigen doch unsere Hil­fe.“

 „Hilfe macht abhängig. Für Erwachsene, die in Frie­denszeiten für ihren Lebensunterhalt sorgen konn­ten, ist es beschämend, auf fremde Hilfe angewiesen zu sein. Zudem werden die Möglichkeiten von Hilfsorga­nisationen, etwas zum Aufbau der Länder beizutragen oder gar Frieden zu schaffen, überschätzt.“20

 Das Des­sert wird gebracht. Nachdem die alte Dame einige Löf­fel davon probiert und den Rest ihrer Enkelin zuge­schoben hat, nimmt sie das Gespräch wieder auf.

 „Es gibt ein chinesisches Sprichwort: Fragt einer seinen Freund: Warum bist du böse auf mich, ich habe dir doch gar nicht geholfen?“

 „Aber was wäre der Mensch, wenn er nicht bereit wäre zu helfen?“

 „Ohne Altruismus kann keine Gemeinschaft überleb­en, da gebe ich dir Recht, Meike. Aber leider wer­den Hilfsbereitschaft und Nächstenliebe häufig miss­braucht.“

 „Nur wenn man sich ausnutzen lässt.“

 „Schon in persönlichen Beziehungen ist es nicht im­mer leicht zu merken, wenn der andere die eigene Gut­mütigkeit ausnutzt. Auf der politischen Ebene ist es noch viel schwerer. Wenn wir in der Zeitung lesen, wir müssen mit unseren Soldaten den Christen im Irak, der Regierung in Mali oder der afghanischen Be­völkerung helfen, gehen wir spontan davon aus, dass dies wirklich der Zweck eines Bundeswehreinsatzes ist. Selbst die meisten Politiker und Ministerinnen wissen nicht, ob und welchen wirtschaftlichen oder geostrategischen In­teressen ein militärischer Einsatz letztlich dient. Wer findet sich schon in dem komplexen Geflecht von Be­ziehungen und Interessen in der internationalen Politik zurecht? Woher weiß eine Bundestagsabgeordnete, wem die Verlängerung des Afghanistan-Mandats oder der Einsatz in Mali in Wirklichkeit nützt, wer in Frank­reich oder in Saudi-Arabien davon profitiert und wel­che Interessen in Brüssel oder Washington hinter einer militärischen Intervention oder Aufbaumission stehen?“

 „Omi“, erwidert empört die Enkelin, „du unter­stellst Regierungen grundsätzliche schlechte Absich­ten und alles, was die Bundeswehr tut, ist in deinen Augen böse.“

 „Es geht nicht um Gut oder Böse, sondern darum, wem eine Maßnahme nützt. Was bringt es, Häuser auf­zubauen, die kurz darauf in Gefechten zerstört wer­den? Wie sollen ausländische Soldaten Menschen er­mutigen, auf Gewalt zu verzichten, wenn sie selber Waffen tra­gen und in gepanzerten Fahrzeugen fahren? Wie sollen zivile Strukturen entstehen, wenn fremde Soldaten den korrupten Regierungen die Aufgabe abnehmen, die Be­völkerung zu versorgen?“

 „Was schlägst du also vor?“, fragt Meike, die nach dem guten Essen versöhnlich gestimmt ist.

 „Es wäre schon viel geholfen, wenn Bundestagsab­geordnete zugeben würden, dass sie über-fordert, ja hilf­los sind. Es ist immer schmerzhaft, einzugestehen, dass man machtlos ist. Noch verletzender ist es, einzuräum­en, dass man an das Falsche geglaubt hat. Wel­cher Sol­dat ist bereit, einzugestehen, dass er bei sei­nem Aus­landseinsatz niemandem helfen konnte. Auch die Be­völkerung lässt sich belügen. Sie will keinen Krieg und glaubt daher gern, Soldaten würden nur Brücken bau­en.“

 „Aber Frieden kommt nicht von allein. Wir müssen etwas dafür tun.“

 „Faire Preise für Rohstoffe, Verzicht auf Waffenex­porte und auf einen Freihandel, der zu Lasten der öko­nomisch schwächeren Länder geht, würden uns dem Weltfrieden näher bringen als militärgestützte Friedens-missionen. Das würde allerdings das Wirt­schaftswachstum gefährden.“

 „Wir brauchen aber Wirtschaftswachstum.“

 „Kein Baum kann in den Himmel wachsen. Wir ha­ben in Deutschland längst den Punkt erreicht, wo Wachstum mehr schadet als nützt. Wir wünschen uns eine gerechte Welt ohne Hunger und Elend, wollen aber unseren verschwenderischen meine Freundin sagt imperialen Lebensstil nicht aufgeben. Bevor man seine gute Pension aufs Spiel setzt, nimmt man schon einen begrenzten Krieg außerhalb des eigenen Landes in Kauf.“

 „Das ist gemein“, empört sich Meike.

 „Es ist wie es ist. Schon Goethe schrieb:

 

 Nichts Besseres weiß ich mir an Sonn- und Feierta­gen

 Als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei,

 Wenn hinten, weit, in der Türkei,

 Die Völker auf einander schlagen ...

 Dann kehrt man abends froh nach Haus,

 Und segnet Fried’ und Friedenszeiten.“21

 

Der Kellner bringt die Rechnung. Die Großmutter legt mehrere Scheine in das Ledermäppchen. Die Enkel­in schüttelt den Kopf.

 „Wahnsinn, wir ge­ben für ein Abendessen so viel Geld aus, wie viele in einem Monat nicht verdienen.“

 „Und wundern uns, warum die Welt so ist, wie sie ist.“

 „Aber lecker war es. Vielen Dank.“

 

 

 

 

 

Sicherheitsillusionen

 

 

Die Großmutter und ihre Enkelin sitzen in Florians neuem Segelboot und legen ab.

 „Schade, dass Florian abgeflogen ist. Ohne ihn traue ich mich nicht unter Segel abzulegen“, sagt Mei­ke und macht den Motor an.

 „Du bist eben eine Frau. Frauen sind sich der Gefahr­en eher bewusst. Männer denken seltener daran, dass das Ruder brechen, ein Segel reißen oder ein Un­wetter aufkommen kann. Sie vertrauen auf die Tech­nik, die uns nur allzu häufig die Illusion verschafft, unver­wundbar zu sein.“

 „Immerhin sind wir dank der Technik stärker als Elefanten, schneller als Antilopen, fliegen höher als Vögel und werden älter als jede andere Art.“

 „Und können innerhalb von Sekunden hunderte Art­genossen umbringen. Immerhin hat der Homo sa­piens ohne Wissenschaft und Technik mehr als eine Million Jahre überlebt. Wer weiß, wie lange er mit Wissen­schaft und Technik überleben wird.“

      „Ach Oma, dein Pessimismus! Technik macht un­ser Leben sicherer.“

Die junge Frau schüttelt halb vor­wurfsvoll, halb nachsichtig ihren Kopf.

 „Nicht immer. Ein Schild ,Bissiger Hund‘ oder – wie in den USA – ‚Neighbours watched’ schreckt Die­be oft mehr ab als Alarmanlagen. Reden ist besser als Schießen. Auch wenn viele am liebsten die Natur durch Technik ersetzen würden.“22

 Ein Ruderboot treibt auf sie zu. Im letzten Moment legt Meike das Ruder und dreht ab.

 „Solche Idioten! Turteln anstatt nach vorne zu schauen“, ärgert sie sich. „Wir hätten sie rammen kön­nen, wir wären im Recht gewesen.“

 „Die Strategie der Stärke? Es hätte uns den ganzen Nachmittag verdorben. Zudem hättest du wahrschein­lich einen Teil der Schuld bekommen.“

 „Du meinst, man darf die Vorfahrt nicht erzwin­gen?“

 „Genau. Das Verkehrsrecht geht ähnlich wie die UNO von den Prinzipien eines kollektiven Sicherheits­systems aus. Oberstes Gebot ist es, Schaden zu vermei­den.“

 „Oma, du kannst den Straßenverkehr nicht mit der Politik vergleichen. Im Verkehr geht es um das Ver­halten von Personen, in der internationalen Politik um das von Staaten. Selbst die UNO-Charta erlaubt die An­wendung von militärischer Gewalt.“

 „Nur in einem Fall, wenn der Weltfrieden bedroht ist, als allerletztes Mittel. Davor fordert die Charta viele Stufen des Einsatzes nichtmilitärischer Gewalt. Ein Problem dabei ist, dass allein der Sicherheitsrat über die Maßnahmen entscheidet. In den letzten Jah­ren ha­ben die Großmächte im Sicherheitsrat den Spielraum für militärische Einsätze ständig erweitert. Schon längst sind militärische Einsätze in Afghani­stan, Mali oder Syrien keine Frieden erzwingenden Maßnahmen mehr, sondern einfach Kriege.“23

 „Das stimmt nicht. Florian sagt, wenn sie unter ei­nem UNO-Mandat kämpfen, müsse vor jedem Ein-satzb­efehl die Verhältnismäßigkeit sorgfältiger ge­prüft werden als das vom Kriegsrecht verlangt wird.“

 „Soldaten sind keine Völkerrechtler. Ein Kampfein­satz ist nicht der Ort für juristische Abwägun­gen. Wie soll ein Offizier unter Beschuss entscheiden, ob er ei­nen Befehl, der nach dem Kriegsvölkerrecht er­laubt ist, auch erteilen darf, wenn seine Truppe unter ei­nem UNO-Mandat kämpft?24 Soldaten sind für den Kampf ausgebildet. Eine Bevölkerung vor Gewalt zu schützen im Notfall auch mit Waffen ist etwas anderes als den Gegner im Kampf zu besiegen. Deshalb bräuchte man für UNO-Einsätze nicht Soldaten, sondern speziell für friedenserzwingende Maßnahmen ausgebildete Fach­kräfte.“

 „Und was ist der Unterschied?“

 „Soldaten sind Partei. Sie vertreten die Interessen ihres Landes. Die UNO dagegen ist eine neutrale In­stanz, nach der Charta sollte es bei Einsätzen nicht um Sieg oder Niederlage, Gewinn oder Verlust, sondern ausschließlich um die Bewahrung oder Wiederherstel­lung des Weltfriedens gehen. Deshalb benötigte die UNO Kontingente von Friedensfachkräften, die nicht wie Soldaten ausgebildet sind, um gegen einen Feind zu kämpfen, sondern die in der Lage sind, zwischen die Fronten zu gehen und Konfliktparteien mit einem Mini-m­um an Gewalt zu trennen. Männer und Frauen, die nicht für eine der Konfliktparteien Partei ergreifen, son-dern allparteilich sind und mit allen Seiten reden kön­nen.“

 „Warum bildet man nicht entsprechende Truppen aus?“

 „Das hat sicher viele Gründe. Zum einen benötigte man dafür ein Umdenken nicht nur bei Politikern und Militärs, auch in der Bevölkerung. Man müsste das Prinzip Sicherheit durch militärische Stärke ersetzen durch das Prinzip Sicherheit durch Bindung, durch Ver­handeln, gegenseitiges Verstehen und Vertrauen. Sicher spielen auch machtpolitische Gründe eine Rol­le. Die US-Streitkräfte sind die weltweit stärkste Ar­mee. So­lange man auf militärische Stärke setzt, behält die USA ihre Führungsrolle in der Welt. Friedensfach­kräfte da­gegen könnte jedes Land ausbilden. Dazu be­nötigt man weder eine hochentwickelte Technologie noch Billio­nen Dollars.“

 „Aber die UNO ist doch nicht die USA.“

 „Nein, aber die UNO ist auch noch weit davon ent­fernt, ein funktionierendes kollektives Sicherheitssys­tem zu sein. Sie ist nicht neutral. Schon bei ihrer Grün­dung in San Francisco im Oktober 1945 gab es unter­schiedliche Ziele und Erwartungen. Auf der ei­nen Seite sollte jeder Staat die gleichen Rechte besit­zen – ähnlich wie in einer Demokratie jeder Bürger und jede Bürge­rin. Deshalb hat jedes Land in der Ge­neralversammlung eine Stimme, die Großmacht USA genauso wie der Zwergstaat Andorra. Auf der anderen Seite sicherten sich die Großmächte mit der Einführung des Sicher­heitsrates und ihrem Vetorecht eine Führungsrol­le.“

 „Deshalb soll ja die UNO reformiert werden.“

 „Das scheiterte bisher an den Großmächten, die ihre Vormachtstellung nicht verlieren wollen. Boutros-Ghal­i, der in seiner ersten Amtszeit als General­sekretär mit Reformen begonnen hatte, wurde 1996 auf Betrei­ben der USA nicht wiedergewählt.“

 Meike ist irritiert. Sie versucht, sich auf den Trimm des Bootes zu konzentrieren. Sie fiert das Großsegel, nimmt es dichter, fiert die Fock, fällt leicht ab und luvt wieder an. Der richtige Trimm will sich nicht einstell­en. Zum Schluss schaltet sie den Autopiloten an und setzt sich neben ihre Großmutter. Diese berichtet:

 „Zu Beginn der 1960er Jahre hat Charles E. Os­good, ein US-amerikanischer Sozialpsychologe, das Modell GRIT entwickelt, um die Spannungen zwi­schen den Großmächten USA und Sowjetunion abzu­bauen. Er schlug vor, durch einseitige Vorleistungen eine Atmo­sphäre des gegenseitigen Vertrauens herzu­stellen.25 Dieses Modell hat die US-amerikanische Au­ßenpolitik beeinflusst. Auch die von Egon Bahr und Willy Brand entwickelte Ostpolitik war eine Alternative zur Block­konfrontation und Revanchepolitik. Der erste Schritt war 1971 das Viermächteabkommen für Berlin. Es folgte 1975 die Einberufung der KSZE (Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa), die 1995 in die OSZE (Organisation für Sicherheit und Zu­sam-menarbeit in Europa) überführt wurde. Dass der Kalte Krieg ohne militärische Gewalt beendet werden konnte, ist nicht der NATO, sondern dieser Politik zu ver-danken. Ich sage immer, ein kollektives Sicherheits­system schützt uns besser als ein Militärbündnis.“

 „Die NATO ist auch ein kollektives Sicherheitssyst­em.“26

 „Nein, denn OSZE und NATO gehen von einem anderen Sicherheitsverständnis aus. Militärbündnisse schließt man, weil man glaubt, je größer die militäri­sche Stärke desto höher die Sicherheit. Doch es gibt viele Beispiele, vom Peloponnesischen Krieg über die napoleonischen Kriege bis zum Vietnam- und Irak­krieg, dass der militärisch Überlegene letztlich der Ver­lierer ist. Ein kollektives Sicherheitssystem dage­gen geht davon aus, dass alle voneinander abhängig sind, auch die Starken von den Schwachen. Es basiert auf dem Prinzip Sicherheit durch Bindung, nicht durch Stärke.“

 „Was ist mit der Ukraine? In militärischen Ausein­andersetzungen ist die OSZE doch ein zahnloser Ti­ger.“

 „Gut, auch die OSZE ist nicht allmächtig. Immer­hin blieb der Krieg im Donezbecken bis jetzt lokal be­grenzt – nicht zuletzt dank der Präsenz der OSZE. Ich möchte nicht wissen, was passiert wäre, wenn sich die NATO eingemischt hätte – wie damals in den Jugoslawienkrie­gen. Ich jedenfalls bin froh, dass es in Europa die OSZE gibt.“

 „Aber warum fühle ich mich von der NATO und nicht von der OSZE beschützt?“

 „Es scheint unmöglich zu sein, bei militärischer Stärke nicht an Sicherheit zu denken. Es ist wie in dem Experiment, in dem die Versuchspersonen aufge­fordert werden, sich bei dem Wort Elefant keinen Ele­fanten vorzustellen, was praktisch keiner gelingt. Es sind Schemata, die unser Denken und Wahrnehmen prägen. Sie entstehen in der frühen Kindheit. Neue Wahrneh­mungsinhalte werden mit ihnen verknüpft. Informatio­nen dagegen, die an keine schon vorhandenen Schema­ta anknüpfen können, dringen meist nur kurzfristig ins Bewusstsein und werden bald vergessen.“27

 „So wie eine E-Mail, die in keines meiner Postfä­cher passt. Sie bleibt eine Weile im Eingang und wenn der Eingang voll ist, wird sie automatisch gelöscht.“

 „Genau. Das könnte auch erklären“, überlegt die Großmutter, „warum nach dem Zweiten Weltkrieg alle behaupteten, von den Vernichtungslagern nichts ge­wusst zu haben, obgleich es in Deutschland genü­gend Informationen über die KZs und Hinweise auf die Ju­denvernichtung gab.28 Die fließbandmäßige Tö­tung von Menschen ist so ungeheuerlich, dass die meisten einen Widerstand gegen diese Informationen entwickelten. Sie passten in kein vorhandenes Schema und wurden bald im Gedächtnis gelöscht. Ähnlich vergessen wir das Versagen von Militärinterventio­nen. Es kann ja nicht sein, dass so viel Kosten, Zerstö­rung und mensch­liches Leid vergeblich gewesen sind.“

 „Wenn du Recht hättest, bräuchten wir die NATO nicht mehr.“

 „Stimmt, die NATO-Mitgliedschaft gefährdet uns mehr als sie uns schützt. Leider erinnert sich deine Ge­neration kaum mehr an die Erfahrungen unserer El­tern und Großeltern im Zweiten Weltkrieg. In allen europäi­schen Ländern erlebte die Bevölkerung, dass das Mili­tär sie nicht schützen konnte.“

 „Die Funktion des Militärs hat sich geändert.“

 „Nicht für ein jemenitisches Kind, das von einer Drohne zerfetzt wird, nicht für eine afghanische Bäue­rin, die auf eine Mine tritt, und nicht für eine Familie in Mossul, deren Haus bombardiert wird. Nach wie vor töten Waffen. Ihre Funktion hat sich nicht geän­dert, nur der Ort, an dem sie eingesetzt werden.“

 „Aber die NATO wird benötigt im Kampf gegen den Terror.“

 „Der Terror lässt sich nicht militärisch bekämp­fen.“

 „Da magst du Recht haben“, gibt Meike zu. „Aber was ist mit den Taliban, dem IS?“

 „Zugegeben, diese fundamentalistischen Regimes sind grausam. Nur wenn die Gotteskrieger an einer Stelle unserer militärischen Überlegenheit weichen müssen, ziehen sie woanders hin. Erst kämpften sie in Bosnien, dann in Afghanistan, dann im Irak, heute auf den Philippinen und wo morgen? Unsere Bomben und Drohnen zerstören zwar ihre Städte, produzieren aber gleichzeitig neue Gotteskrieger, denen dank unserer Waffenexporte die Maschinengewehre und Raketen nicht ausgehen werden.“

 „Aber wir können die Bevölkerungen doch nicht dem IS überlassen.“

 „Der Boden für den IS ist nicht zuletzt der Hass auf den Westen. Vielleicht sollten wir mal überlegen, wo­her dieser Hass kommt.“

 „Aber es geht doch um die Sicherheit“, weicht Mei­ke aus.

 „Wir scheinen in unserer frühen Kindheit ein Sche­ma ‚Stärke und Gewalt gleich Sicherheit’ entwickelt zu haben.“

       „Für ein Kind bedeuten nun mal starke Eltern Si­cherheit.“

       „Selbst wenn es geschlagen wird?“

Das ist ein Problem. Aber spätestens im Kinder­garten erfährt es, wie wichtig ein starker Freund ist.“

 „Ein starker Freund kann einem auch gefährden. Oder findest du, dass die amerikanischen Atomwaf­fen, die in dem Fliegerhorst Büchel lagern, uns schützen?“

 „Nein, natürlich nicht.“

 „Leider wird die komplexe Dynamik internationa­ler Beziehungen häufig auf die Gleichung Sicherheit gleich starker Freund, also Sicherheit gleich Freund­schaft mit den USA, reduziert.“

 „Omi, wir brauchen starke Freunde, in der Politik ebenso wie im Privatleben. Ohne Robert wären wir da­mals den Glatzen hilflos ausgeliefert gewesen.“

 „Davon hast du mir gar nichts erzählt.“

 „Das war an meinem sechzehnten Geburtstag. Du warst verreist. Wir feierten in unserem Garten. Mama und Papa waren ins Kino gegangen. Plötzlich stand eine Gruppe Neonazis im Vorgarten. Sie trampelten mit ihren Springerstiefeln auf den Blumenbeeten her­um und schrien nach Bier. Ich bekam furchtbare Angst. Robert sagte, niemand solle den Garten verlas­sen. Er selbst ging mit einem Kasten Bier in den Vor­garten und verteilte die Flaschen an die Kerle. Danach setzte er sich mit dem Anführer auf die Eingangstrep­pe und rief in einer Machomanier, die ich von ihm nicht kannte: ‚He, wo bleibt das Essen!’ Ohne nachzu­denken, brachte ich ihnen Koteletts und eine Schüssel Kartoffelsalat. Ich verstand nicht, warum Robert, der die Neonazis verabscheute, mit diesen Ty­pen Bier trank. Doch ir­gendwie schien er die Situation im Griff zu haben. Je­denfalls versuchte keiner der Glatzen zu uns in den Garten zu kommen. Nachdem sie Koteletts und Kartof­felsalat aufgegessen und jeder eine Flasche Bier einge­steckt hatte, verschwanden sie. Als sie weg waren, in­formierten wir die Polizei, die die Gang kurz danach festnahm.“

 „Na bitte, da siehst du es! Robert hat gerade nicht seine Muskeln spielen lassen, sondern eine Beziehung zu dem Anführer hergestellt. Stell dir vor, Florian wäre dabei gewesen und im Haus hätte es Waf­fen ge­geben.“

 Meike schweigt. Sie mag sich nicht vorstellen, was passiert wäre, wenn Florian sich mit dem Anführer der Glatzen angelegt hätte.

 „Es ist erstaunlich“, fährt die Großmutter fort, „wie die einmal erworbenen Schemata unsere Wahrneh­mung und Erinnerung prägen. Du bist im Nachhinein über­zeugt, die körperliche Stärke Roberts habe die Glatzen in Schach gehalten, obgleich er keine Gewalt eingesetzt hat. Das Verzwickte an Schemata ist: Die Kritik an ei­nem bestimmten Schema ruft dieses automatisch hervor und verfestigt es. Es macht durchaus Sinn, dass unsere Vorstellungen stabil sind. Stell dir vor, du müsstest bei jedem Hund, der dir begegnet, erst die Kopfform, Fell­beschaffenheit und Körpergröße mit deinem Wis­sen über Hunde vergleichen, um zu entscheiden, ob es sich um einen Hund oder um einen Wolf handelt.“

 „Ich würde mich kaum mehr in den Park trauen“, gibt Meike lachend zu.

 „In Situationen, in denen man rasch reagieren muss, sind stabile Schemata nützlich. Aber wir leben nicht mehr im Urwald. Historische Erfahrungen leh­ren uns, Waffen haben häufiger Menschen getötet als beschützt und Militärbündnisse führten fast immer zu Kriegen. Deshalb bräuchten wir dringend das von Gorbat­schow geforderte Neue Denken. Es gibt keinen Grund, das Schema ,militärische Stärke gleich Sicherheit’ bei­zu-behalten, das mehr auf Glauben als auf Wissen be­ruht.“

 „Wissen und Glauben müssen sich nicht widerspre-c­hen.“

 „Vom Glauben zum Aberglauben ist es nicht weit. In Situationen, die wir nicht durchschauen und erklä­ren können, neigen wir zu magischem Denken. Leider kommt unser politisches Denken häufig über die Stufe des magischen Denkens nicht hinaus.29 So wie ein klei­nes Kind glaubt, die Sonne bewegen zu können, glau­ben wir, ein Diktator, General oder Präsident kön­ne gesellschaftliche Entwicklungen nach seinem Wil­len steuern. Wir sagen, Hitler habe den Zweiten Welt­krieg gemacht und denken nicht an die Reichswehr, an BASF und Krupp, an gesellschaftliche Bewegun­gen im In- und Ausland oder an die vielen Widersprü­che und Zu­fälle, die es ihm ermöglichten, sein zerstöreri­sches Programm umzusetzen.“

 „Es stimmt schon“, seufzt die junge Frau, „Politi­ker, seltener Politikerinnen, lassen uns gern in dem Glau­ben, sie seien allmächtig, stark wie die Helden in den Sagen und weise wie die Könige in den Märchen.“

 „Interessant ist, dass Märchen häufig Beispiele für zivile Konfliktlösungen enthalten: Schwache setzen sich mit List gegen Mächtige durch. Nicht Stärke, son­dern Klugheit und emotionale Bindungen führen zum Erfolg. Denk an das tapfere Schneiderlein und den ge­stiefelten Kater. Sie überlisten ihre überlegenen Geg­ner. Hänsel und Gretel halten zusammen und ret­ten sich mit Klugheit. Herr und Frau Igel gewinnen, weil sie sich gegenseitig unterstützen. Helden in natio­nalen Epen dagegen sind ohne Schwert nicht denkbar. Ich glaube, die Welt wäre friedlicher, würden nicht Helden­sagen, sondern Märchen unser politisches Be­wusstsein prägen.“

 „Märchen sind nicht rational.“

 „Sind vielleicht Politiker rational? Kein vernünfti­ger Mensch würde Zigarette rauchend einen Benzin­kanister nach dem anderen in eine Scheune voll Stroh tragen und sich dann wundern, wenn sie explodiert. Die USA und Europa aber exportieren seit Jahrzehn­ten Waffen in den Nahen Osten und sind empört, wenn sie eingesetzt werden.“

 „Ohne das Militär gäbe es längst keinen israeli­schen Staat mehr, das musst du zugeben, Oma. Ganz zu schweigen von der Bedrohung aus dem Iran.“

 „Ich kann verstehen, dass Israel nach dem Holo­caust nie mehr schutzlos sein will. Aber wir vergessen oft, auch der Iran fühlt sich bedroht und zwar von den Atommächten Israel und USA.“

 „Omi, du willst doch nicht bestreiten, dass die ato­mare Aufrüstung des Irans gefährlich ist.“

 „Jede Atomwaffe ist gefährlich. Wer weiß, viel­leicht wäre der Iran heute ein säkularer, demokrati­scher Staat ohne atomare Ambitionen, wenn der ge­wählte Mossadegh 1953 nicht mit Hilfe der CIA ge­stürzt wor­den wäre – seine Regierung hatte die anglo-iranis­che Ölgesellschaft verstaatlicht.“

 „Wäre, wenn – das sind Spekulationen, Omi.“

 „Trotzdem ist es nützlich, sich ab und zu klar zu machen, dass die Geschichte auch anders hätte verlau­fen können. Fakt ist, ein Staat, der keine Armee be­sitzt, kann keine Kriege führen.“

 „Aber Opfer von Kriegen werden.“ Meike schüttelt den Kopf. „In einem Land ohne Armee würdest selbst du dich unsicher fühlen.“

 „Mag sein. Nur leider können uns Gefühle täu­schen. Welches Mädchen oder welcher Junge träumt nicht von einer Wunderwaffe, mit der man die Welt beherrschen kann. Aber Allmachtfantasien gehören ins Kinderzim­mer, nicht ins Parlament.“ 30

 „Eine Armee schützt ein Land, das ist keine kindli­che Fantasie.“

 „Wir überschätzen die Möglichkeiten von Waffen und unterschätzen das Risiko, das mit ihnen verbun­den ist. Hätte man vor zwanzigtausend Jahren ge­wusst, wie viel Elend Waffen anrichten, hätte man vielleicht ein Tabu entwickelt, das den Einsatz von Waffen gegen Menschen verbietet. Dann würden wir heute den Ein­satz von Waffen zur Lösung von Kon­flikten genau­so verabscheuen wie den Kannibalis­mus.“

 „Hätte, wäre, wenn … Oma, wir haben nun mal Waffen. Zudem bedeuten Waffen auch Sicherheit.“

 Sicher sind nur Steuern und der Tod, sagte, glau­be ich, Benjamin Franklin“, meint die alte Dame tro­cken. „Der Glaube, militärische Stärke bedeute auto­matisch Sicherheit, macht uns blind für die vielen Konflikte, die erfolgreich ohne Militär beigelegt wur­den. Die Mög­lichkeiten ziviler Friedensstrategien und einer zivilen Verteidigung werden meist unterschätzt.“31

 „Wenn das wirklich funktionierte, bräuchten wir keine Armeen.“

 „Jedenfalls nicht zur Herstellung von Frieden oder zur Verteidigung. Ohne die Kriege der Fürsten und Kö­nige hätten die mittelalterlichen Bauern niemand benö­tigt, der sie beschützt. Sie hätten keine Burgen bauen und nicht für ihre Herren in den Krieg ziehen müssen. Friedensrichter hätten ausgereicht, um Kon­flikte zu schlichten.“

 „Immerhin haben die Burgen sie vor Normannen und anderen Eindringlingen geschützt.“

 „Wahrscheinlich sind durch diese Invasoren weni­ger Bauern umgekommen als durch die Kriege ihrer Herren.“

 „Du kannst das Mittelalter nicht mit heutigen Indust­riegesellschaften vergleichen. Wir können froh sein, dass die USA die fundamentalistischen Regimes in Schranken weist. Ich fühle mich von den USA be­schützt, nicht bedroht.“

 „Dieses Gefühl kann genauso falsch sein wie der Glaube der mittelalterlichen Bauern, sie bräuchten zu ihrem Schutz Burgen und Ritter.“

 „Oma, wir leben heute, wir haben Bildung und ge­lernt, unsern Verstand zu benutzen.“

 „Unser Verstand ist begrenzt, auch der von Minis­tern und Politikerinnen. Sie müssen meist unter Zeit­druck über Dinge entscheiden, für die sie keine Fach­leute sind. Deshalb entscheiden sie nach einfa­chen Faustregeln, was in den meisten Fällen bedeutet, so zu verfahren wie immer.“32

 „Wenn es sich bewährt hat.“

 „Wie Probleme mit Kriegen zu lösen? Das ist das Übliche. So haben über zehntausend Jahre Herrscher und Regierungen entschieden. Eine brutale und ver-lustr­eiche Strategie.“

 „Dank der viele Gesellschaften überlebt haben.“

 „Und viele zerstört wurden.“

 „Es würden doch nicht alle Gesellschaften Armeen unterhalten und Kriege führen, wenn dies keinen Sinn hätte.“

 „Ich habe nicht gesagt, das Militär sei sinnlos. Es dient der Disziplinierung und dem Machterhalt im In­nern ebenso wie der Machterweiterung nach außen. Nur Machtpolitik ist nicht Sicher-heitspolitik.“

 „Manchmal muss man gesellschaftliche Entwicklun­gen mit Gewalt durchsetzen.“

 „Frauenrechte und Demokratie kann man nicht im­portieren wie Coca Cola – schon gar nicht mit militäri­scher Gewalt. Mi­litärische Stärke verführt zum Zu­schlagen. Dadurch wird das mühsame Suchen nach einer gemeinsamen Lösung vermieden.“

 „Omi, mit Diktatoren wie Milosevic und Assad oder Verbrechern wie den Taliban und dem IS kann man keine gemeinsamen Lösungen finden.“

 „Warum nicht? Sie lassen sich allerdings nicht mit Gewalt erzwingen. Manchmal muss man jahrelang ver­handeln.“

 „Kriegsverbrecher gehören vor den internationalen Gerichtshof, nicht an den Verhand-lungstisch.“

 „Verhandeln heißt nicht kooperieren. Die Frage ist doch, will man seine eigenen moralischen Überzeugun­gen durchsetzen, egal wie viel Tote es kos­tet, oder das gegenseitige Abschlachten beenden.“

 „Aber das ist ungerecht gegenüber den Opfern.“

 „Das stimmt. Es ist ungerecht. Auch unser Rechts­system ist oft ungerecht und doch bin ich froh, in ei­nem Rechtsstaat zu leben. Übrigens Diktatoren und Kriegs­verbrecher fallen nicht vom Himmel. Hinter ih­nen ste­hen Interessen. Um die deutsche Arbeiterbewe­gung zu schwächen, nahmen große Teile der deut­schen Wirt­schaft einen Hitler in Kauf. Um die Sowjet­union zu be­kämpfen, bildeten Großbritannien und die USA die Mudschahedins aus. Assad wieder­um wurde erst im Bürgerkrieg zu einem brutalen Kriegsherrn.“33

 „Nun sind Taliban, IS und Assad da. Das ist unser Problem heute!“

 „Solange wir in Kategorien von Stärke und Macht denken, werden sie auch weiterhin agieren können. Deshalb benötigen wir ein anderes Sicherheitsdenken, das auf der Einsicht beruht, dass wir in einem Bezie­hungsgeflecht leben und wir alle voneinander abhän­gig sind, auch die Starken von den Schwachen. Das bedeu­tet, Schwächere zu stützten und Stärkere nicht heraus­zuheben.“

 „Das ist illusorisch. So funktioniert unsere Gesell­schaft nicht.“

 „Immerhin leben wir in einem Staat, in dem nicht das Recht des Starken, sondern die Stärke des Rechts gilt. In dem auch die Starken Grenzen akzeptieren und Gesetze einhalten müssen. Sie tun dies, weil auch sie von der Rechtssicherheit profitieren. Denn in einem Rechtsstaat lebt man sicherer als in einer Gesellschaft, in der Blutrache und Lynchjustiz herrschen. Warum also sollte der Rechtsstaat nicht Vorbild sein für die Re­gelung internationaler Beziehungen?“

 „Oma, dein Traum von einer friedlichen Welt!“

 

 

 

 

 

Verändern durch Zerstören

 

 

 

Liebe Oma,

herzliche Grüße aus Kroatien. Es ist schon erstaunlich, wie schnell sich ein Land vom Krieg erholt. Allerdings gibt es bei den Leuten noch viele Wunden. Ges­tern habe ich mich mit der Besitzerin un­serer Pension un­terhalten. Ihr Vater ist 1995 bei dem Massa­ker in Srebrenica um­gekommen. Es ist un­fassbar, was da­mals geschah: Unter den Au­gen hollän­discher UNPROFOR-Soldaten wurden unbewaff­nete Dorfbewohner abge­schlachtet. Wie kann ein normaler Mensch solche Gräuel­taten begehen? Ich vermisse Florian sehr. Doch mich tröstet die Vor-stellung, dass er hilft, solche Massaker zu verhindern.

Viele Grüße! Deine Meike

 

 

 

Liebe Meike,

 vielen Dank für Deine Karte. Ja, zer­störte Gebäude sind rasch aufgebaut. Lei­der lassen sich zerstörte Seelen nicht so leicht erneuern. Was Florians Einsatz be­trifft, hoffe ich, du hast Recht. Sicher gibt es Situationen, in denen Soldaten Massa­ker verhindern können. Auf der anderen Seite aber begünstigt nun mal jede Kriegs­situation Massaker und Völ­kermorde. Nicht selten sind Soldaten daran beteiligt. Ein Völkermord wie der Holocaust wäre ohne Krieg und ohne die Mithilfe von Tei­len der Wehrmacht nicht möglich gewe­sen.

 Ich schicke dir einen Artikel, den ich vor etlichen Jahren zu dem Thema ge­schrieben habe. Er handelt unter ande­rem vom Zusam­menhang zwischen Kul­tur und Existenz. Da­durch, dass eine be­stimmte Kultur quasi die ökologische Ni­sche einer bestimmten Gesell­schaft ist, erhält sie au­tomatisch eine existen­tielle Bedeutung. Erst dadurch wird verständ­lich, warum sich Menschen gegen Verände­rungen ei­nes bestehenden Gesellschaftssys­tems wehren, unabhängig davon, ob Sitten und Gebräuche human oder grausam sind und das Wirtschaftssystem allen oder nur ei­ner kleinen Elite ein Leben ohne Hunger und Existenzangst ermöglicht. Selbst wenn kultur­elle Traditionen und religiöse Glau­benssätze die Entfaltungsmöglichkeiten der Mehrheit einschränken, sind sie Be­standteil der Identi­tät jedes Gesellschafts­mitglieds.

 Durch Sozialisation haben sich in un­serem Bewusstsein Schemata gebildet, die uns die eigene Kultur als unbedingt erhal­tenswert erscheinen lassen. Gerade denje­nigen, die am wenigsten von einem Gesell­schaftssystem profitieren, fehlt häufig die Bildung, um zu erkennen, dass es viele mögli­che, aber keine perfekten Gesellschaftssyste­me gibt. Besonders Religion­en und Ideologi­en, die auf Glau­ben, nicht auf Wissen beruhen, erzeugen in uns die Ge­wissheit, den einzig richti­gen Weg gefund­en zu haben. Aber jede Kultur hat ihre Schwachstellen. Kein Ge­sellschaftssystem ist optimal.

 Den meisten europäischen Frauen und Männern erscheint das kapitalisti­sche Wirt­schaftssystem als das einzig mögliche. Kapi­talgesetze werden als Na­turgesetze und damit als unveränderlich wahrgenom­men. Wir ver­gessen, dass Menschen auch in anderen Kul­turen überlebt haben. Ich bin immer wieder er­staunt, dass wir uns dem kapitalistischen Wirtschaftssystem und seinen Verwertungsin­teressen mehr ausgeliefert fühlen als Natur­gewalten. Wir glauben für un­ser Überleben sei­en Banken unverzicht­barer als gesunde Nah­rung. Wir fürchten einen Stromausfall mehr als ver­seuchte Böden, vergiftete Luft und ver­schmutztes Trinkwasser. Wir haben die Verluste vergessen, die durch die Industriealisierung auch für uns verloren gegangen sind.

 Nun ist der Brief doch sehr lang gewor-den. Aber Krieg und Völkermord ist nun mal mein Thema. Ich wünsche dir noch viele schöne Tage am Meer.

 Liebe Grüße! Deine Oma

 

 

Das Unfassbare fassbar machen

 

Nach internationalem Recht ist Völkermord, an­ders als Krieg, ein Verbrechen. Nach der Konvention über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes von 1948 liegt ein Völkermord vor, wenn Handlungen „in der Absicht“ begangen werden, „eine nationale, ethni­sche, rassische oder religiöse Gruppe“ ganz oder teil­weise zu zerstören. Darunter fallen auch Maßnah­men, „die auf die Geburtenverhinderung innerhalb der (zu vernichten­den) Gruppe gerichtet sind.“ Entscheidend dabei ist die Absicht, eine bestimmte Gruppe ganz oder teilweise ausrotten zu wollen.

 

Gesellschaftliche Bedingungen für Massentötun­gen

 

Oft werden Völkermorde und Massaker auf krank­haftes Verhalten zurückgeführt. Doch weder diejeni­gen, die solche Verbrechen befehlen, noch diejenigen, die sie ausführen, sind Psychopathen oder gar Dämo­nen. Die Täter weisen nicht mehr Persönlichkeitsstö­rungen auf als der Durchschnitt der Bevölkerung. Sie sind weder besonders aggressiv, noch haben sie sonstig­e Auffällig­keiten. Es gibt keine besonderen An­lagen, die jemand besitzen muss, um sich an einer Mas­sentötung zu betei­ligen. Entscheidend sind vielmehr die Normen des Kol­lektivs, dem die jeweiligen Täter ange­hören. „Die Deutschen fühlten sich zur Zeit des Nationalsozialis- mus einem normativen Modell ver­pflichtet, das die Erniedrigung und Verfolgung ande­rer Men­schen nicht verurteilte, sondern forderte, und das im letzten Drittel des ‚Dritten Reiches’ auch vor­sah, dass es notwendig und gut sei, zu töten“ (Welzer, S. 69).

 Auch wenn der Völkermord als Barbarei bezeich­net wird, findet er nicht nur in unter-entwickelten Gesells­chaften statt. Einer der größten Genozide ereigne­te sich in Deutschland, einem Industriestaat. Er wurde von In­tellektuellen geplant und von Gebildeten tole­riert. Die Ausführenden hatten eine Schulbildung und besaßen weder eine angeborene, noch kulturell bedingte, hohe Gewaltbereitschaft. Vielmehr fühlten sie sich verpflich­tet, die Befehle der Vorgesetzten aus­zuführen. Diese appellierten nicht in erster Linie an Hass oder Zerstö­rungslust, sondern an die Opferbe­reitschaft und das Pflichtgefühl der Täter. So bezeich­nete Himmler in sei­ner Rede an die SS vom 21. Juni 1944 die Tötung von jüdischen Frauen und Kindern als schwere Aufgabe, die aber zum Schutz der eigenen Frauen und Kinder und des deutschen Volkes durch­geführt werden müsse.

 Erst in neuerer Zeit wurden wissenschaftliche Ana­lysen über Massaker und Völkermorde durchgeführt. Nach Staub (1989} kommt es in Situationen beschleu­nigter gesellschaftlicher Um-wälzungen zu Völkermor­den. Nach Sémelin (2007) entstehen Massaker und Völkermorde aus einer „komplexen Situation“. Dabei ist der „Gewaltprozess … keineswegs anarchisch, son­dern wird bewusst gegen eine bestimmte Gruppe ge­richtet. Er konkretisiert sich als kollektives Handeln, angestoßen zumeist von einem Staat (und dessen Ver­tretern), der diese Gewalt bewusst organisiert. Das ver­hindert jedoch nicht, dass die Akteure bei den Formen des Quälens und Tötens eine gewisse Improvisation oder sogar Spontaneität walten lassen können“ (S. 356). Massentötungen können nicht allein staatlichen Akteu­ren zugeschrieben werden. Sie werden erst durch die „partizipative Gewalt“, also das Zusammenwirken un­terschiedlichster gesellschaftlicher Gruppen möglich. Massentötungen ereignen sich in einer langfristig ange­legten, aber zeitlich begrenzten Krise. Sie sind im zwanzigsten Jahrhundert meist auf den Wandel von ei­ner agrarischen zu einer industriellen Gesellschaft und die damit verbundene Konkurrenz neuer und alter ge­sellschaftlichen Gruppen um den Elitestatus zurückzu­führen (Gerlach 2011).

 Kriege sind ein guter Nährboden für Massaker. Massentötungen sind aber auch ohne Krieg möglich und nicht jeder Krieg artet in Massentötungen aus. Zwi­schen einem Krieg und einem Massaker gibt es struktu­relle Unterschiede. Im Krieg geht es darum, den Geg­ner zu unterwerfen, nicht zu vernichten. An­ders beim Massaker: hier wird eine von vornherein unterlegene Gruppe von der überlegenen ganz oder teilweise ver­nichtet. Es findet kein Wettkampf statt. Es gibt weder Sieger noch Verlierer, sondern Täter und Opfer. Im Krieg sind die Akteure ausgebildete Soldaten, die auf Befehl handeln und deren Tun durch staatliche Stellen sowie das Kriegsvölkerrecht legiti­miert ist. Bei Mas­sentötungen dagegen sind Zivilisten nicht nur Opfer, sondern häufig auch Täter. Es gibt selten Regeln. Ge­sellschaften, in denen staatliche Strukturen fehlen, sind besonders anfällig für Massa­ker. Das Töten wird in ers­ter Linie durch Gewähren lassen ermöglicht. Weder Regierungen noch Nachbarn noch gesellschaftliche In­stitutionen wie Kirchen und Verbände greifen ein. Alle sehen weg.

 

 

 

Die Verteidigung der eigenen Kultur

und die identitätsstiftende Funktion der Gewalt

 

Menschen leben in Gemeinschaften, die durch eine bestimmte Kultur geprägt sind. Die Zuge-hörigkeit zu einer sozialen Gruppe, Ethnie oder Nation ist Teil ih­rer Identität. Ihre Kultur, das heißt: die Werkzeuge, Bau­ten, Produktionsweise, die wirtschaftlichen und gesell­schaftlichen Institutionen sowie die Regeln des Zusam­menlebens sind existentiell für das Überleben ei­ner Gesellschaft, sie sind quasi die ökologische Ni­sche ihrer Mitglieder.

 Aber Kultur ist kein statischer Zustand. Überleben bedeutet, sich den ständigen inneren und äußeren Ver­änderungen anzupassen. Misslingt dies, weil herrschen­de Eliten einen gesellschaftlichen Wandel ver­hindern oder gesellschaftliche Veränderungen einem Land von außen aufgezwungen werden, kommt es meistens zu gewaltsamen Auseinandersetzungen wie Revolutionen oder Bürgerkriegen. Das plötzliche Weg­brechen gesell­schaftlicher Strukturen erzeugt Existenz­angst und führt zu Identitätsverlust. Die Ver­teidigung der bestehenden Kultur wird zum Existenz­kampf, wäh­rend die Abgren­zung nach außen dem Identitätsverlust entgegen wirken soll.

 Mithilfe kollektiver Gewalt wird versucht, die be­drohte Identität zu festigen. Kollektive Gewalt ver­schafft dem Schwachen ein Gefühl von Stärke. In einer unsicheren Welt stiftet Gewalt Identität. „Sie sorgt für Sicherheit, wo Unsicherheit herrschte, indem sie zwi­schen ,ihnen‘ und ,uns‘ unüberwindliche Schranken er­richtet“ (Sémelin, S. 106). Wenn sich Staaten auflösen und gesellschaftliche Regeln nicht mehr gelten wird Si­cherheit in der Reinheit und Ho­mogenität der eigenen sozialen Gruppe gesucht. Es scheint, als ob der Zusam­menhalt der Mehrheitsge­sellschaft nur durch Vernich­tung aller anderen Grup­pen zu retten sei. In einer sol­chen Situation fehlt die Einsicht, dass durch Massentö­tungen nicht nur die „fremde“ Gruppe sondern auch die eigene Gemein­schaft zerstört wird. Während die Unter­werfung eines Gegners in einem siegreichen Krieg möglicherweise den Zusammenhalt einer Nation festi­gen kann, muss der Versuch scheitern, durch „Säubern und Vernich­ten“ das Auseinanderfallen einer Gesell­schaft zu ver­hindern.

 Bei Massakern sind sowohl Täter wie Opfer die Verlierer. Nur selten haben die direkt daran Beteilig­ten langfristig einen Gewinn. Massaker bringen Vor­teile für diejenigen, die ein Interesse an der Schwä­chung ei­nes Staates und einer raschen gesell­schaftlichen Um­wälzung haben. Sie beschleunigen in der Regel die ge­wünschten Veränderungen. Wie der Bauer den Acker bestellt für eine neue Saat, so pflügt ein Genozid gesell­schaftliche Institutionen und Bezie­hungen unter und bestellt das Feld für ein neues Ge­sellschaftssystem. Nicht selten ist daher die Bildung von Nationalstaaten verbunden mit ausrottenden Ver­nichtungspraktiken. Sé­melin beschreibt diese konsti­tutive politische Dynamik folgendermaßen: „Es scheint, als ob der moderne Staat, der sich als ein ho­mogenes ‚Selbst’, als ein politisch, ethnisch und/oder religiös begründetes imaginäres ‚Wir’ begreift, immer dazu neigt, sich gegen einen An­deren herauszubilden, den es zu vertreiben, ja zu ver­nichten gilt. Zum Feind­bild wird in diesem Falle jener ‚überflüssige Andere’, den man als ganz und gar an­dersartig betrachtet und der auf dem beanspruchten Territorium ‚zu viel’ sein soll“ (S. 368).

 

 

 

Einwirkung von außen

 

Massentötungen finden in der Regel in gesellschaftl­ichen Umbruchsituationen statt. Aber nicht jede Um­bruchsituation führt zu einem Massaker. Bei aller Bru­talität und Grausamkeit, mit der gesellschaftliche Sys­temveränderungen durchgesetzt werden, bleiben Völ­kermorde die Ausnahme. Auch ethnische und religiöse Unterschiede führen nicht zwingend zu Massentötun­gen. Es gibt kaum einen Staat, in dem nicht verschiede­ne Ethnien und Religionen leben. Gewaltsame Ausein­andersetzungen zwischen ihnen finden aber meistens erst statt, wenn die Unterschiede zwischen ih­nen für die Austragung politischer und wirtschaftlicher Konflikte missbraucht werden. In der Weimarer Repu­blik kam es erst zu Gewaltexzessen, nachdem sich die wirtschaftli­chen Probleme verschärften. Alle negativen Folgen des Ersten Weltkrieges und des kapitalistischen Wirt­schaftssystems wurden auf die Juden projiziert. Im ehe­maligen Jugoslawien begann die Gewalt zwischen den verschiedenen Volksgruppen, als die ökonomi­schen Probleme mit dem jugoslawischen Wirtschafts­modell nicht mehr zu lösen waren.

 Die Grenzen zwischen den einzelnen ethnischen und religiösen Gruppen sind mögliche Bruchstellen einer Gesellschaft. Bruchstellen brechen aber nur, wenn von außen darauf eingewirkt wird. Immer wie­der haben in der Geschichte Großmächte nach dem Prinzip „Teile und herrsche“ ethnische und religiöse Konflikte ge­schürt, um ihre wirtschafts- und machtpo­litischen Inter­essen durchzusetzen. Meist wird der An­teil unter­schätzt, den ausländische Mächte am Entste­hen von Massakern und Völkermorden haben. Wer thematisiert zum Beispiel die Rolle des Auslandes während des Ho­locausts oder die Rolle Frankreichs während des Völkermordes in Ruanda?

 

 

 

Fazit

 

Unser Verstand weigert sich, Völkermorde und Massa­ker zu begreifen. Und doch sind Massentötun­gen Be­standteil der menschlichen Zivilisationsge­schichte. Sie sind weder Ergebnis von Psychopathen noch das spezifische Merkmal primitiver Gesellschaf­ten. Chris­ten haben Heiden abgeschlachtet, intelligen­te Men­schen Völkermorde geplant und bis heute wer­den nicht selten Massaker in Kauf genommen, um po­litische und ökonomische Interessen durchzusetzen.

 Massentötungen finden unter den unterschiedlichs­ten kulturellen, politischen und wirt-schaftlichen Bedin­gungen statt. Umgekehrt finden in einem Land Massen­tötungen statt, während unter vergleichbaren Bedingun­gen ein anderes Land davon verschont bleibt. Soziale Ungerech-tigkeiten, Armut, machtpolitische Interessen von außen und innen, ethnische Unterschiede, religiö­ser Fanatismus, spezifische Mentalitäten und histori­sche Traditionen können in ihrem Zusammenwirken zu Massentötungen führen, müssen aber nicht. Sich am Ei­gentum der Getöteten zu bereichern oder private Ra­cheakte mögen in einzelnen Fällen eine Rolle spielen, reichen aber zur Erklärung ebenso wenig aus wie das Vorhandensein bestimmter politischer, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Bedingungen.

 Bei einer gewaltsam durchgeführten gesellschaftli­chen Umwälzung ist ein Völkermord der GAU, der größte anzunehmende Unfall. Ähnlich wie die Kern­schmelze in einem Reaktor entwickelt ein Völker­mord, einmal in Gang gesetzt, eine Eigendynamik, die kaum mehr zu stoppen ist. Warum in einer konkreten gesell­schaftlichen Situation gesellschaftliche Regeln, Geset­ze, geltende Normen und natürliche Schranken wie Tö­tungshemmung und der Schutz von Kindern außer Kraft gesetzt werden, während dies unter ähnlichen Bedingungen unterbleibt, müssen weitere Forschungen klären.

 

 

 

Literaturverzeichnis

 

Gerlach, C.: Extrem gewalttätige Gesellschaften. Stutt­gart: DVA 2011

Sémelin, J.: Säubern und Vernichten. Die Politik der Massaker und Völkermorde. Hamburg: Hamburger Edition 2007

 Staub, E.: The roots of evil. The origins of genocide and other group violence. Cambridge: Uni­versity Press 1989

 Welzer, H.: Täter. Wie aus ganz normalen Men­schen Massenmörder werden. Frankfurt a.M.: S. Fi­scher 2005

 

 

 

 

 

Soldatenberuf

 

 

 

Puh, richtiges Novemberwetter.“

 Die alte Dame knöpft ihren Mantel bis unters Kinn und zieht sich die Kapuze über den Kopf.

 „Sollten wir nicht lieber ins Café gehen?“

 „Ach Oma, es nieselt doch nur. Ich brauche frische Luft und dir tut ein bisschen Bewegung auch gut.“

 „Warum joggst du nicht mit Florian, er ist doch wie­der da?“

 Meike schüttelt den Kopf. Nach einigem Zögern sagt sie: „Wir haben uns gestritten. Er ist plötzlich so anders.“

 Die Großmutter blickt sie besorgt an und sagt:

 „Viele Soldaten haben Schwierigkeiten, sich im Zi­villeben zurecht zu finden. Der Krieg verändert die Menschen. Nicht Mitgefühl sondern Härte und Todes­verachtung werden verlangt. Nicht die Lebenden zäh­len sondern die Toten.“

 „Oma, für einen Bundeswehrsoldaten gelten die gleichen Werte wie für jeden Bürger. Er darf sogar Be­fehle verweigern, die er nicht mit seinem Gewissen vereinbaren kann.“

 „Unter Beschuss kann man nicht über Befehle dis­kutieren. Da geht es nicht um Gewissen sondern um Gehorsam. Auch in heutigen Kriegen verändert sich die Bedeutung von Werten und Gegenständen, ein Wohn­haus wird zum Gefechtsstand und eine bewohn­te Stadt zum Feindobjekt.“

 „Oma, das ist Vergangenheit. Einen Stabilisierungs­einsatz kann man nicht mit früheren Kriegen verglei­chen. Es geht darum, das Leben von Zi­vilisten zu schützen.“

 „Deshalb sterben in heutigen Kriegen mehr Zivilis­ten als Soldaten,“ meint die Großmutter sarkastisch. „Du hast recht, das war früher anders.“

 „Doch nur, weil Terroristen die Bevölkerung als le­bende Schutzschilde benutzten. Im Unter-schied zu ei­ner Armee bringen Gotteskrieger gezielt Zivilisten um.“

 „Auch Minen und Drohnen töten mehr Zivilisten als Kombattanten. Wo ist der Unterschied?“

 „Terroristen sind Verbrecher, keine Soldaten.“

 „Deshalb dürfen sie gefoltert und, wie Bin Laden, ohne Gerichtsverfahren exekutiert werden? Nein, Mei­ke, da wird mit zweierlei Maß gemessen.“  Sie bleibt stehen und schaut einem Specht nach, der zwischen den kahlen Bäumen hindurch fliegt. Dann fährt sie fort: „Jede Gesellschaft, auch wenn sie militä­risch dem Gegner haushoch überlegen ist, ist verwund­bar. Gegen Selbstmordattentate helfen keine Raketen. Die Entwicklung wirksamerer Waffen bringt immer nur kurzfristig Vorteile. Denn die gegnerische Seite rüstet entweder nach oder – wie die Dschihadis­ten mit ihren Attentaten – praktiziert Kampftechniken, gegen die eine Armee hilflos ist.“

 „Wenn eine Seite aufrüstet, muss man nachrüsten.“

 „Eine endlose Rüstungsspirale. Wir müssen aufhö­ren, unsere waffentechnische Überlegenheit auszuspiel­en. Warum nicht unsere sozialen Errungenschaf­ten ein­setzen? Wie wäre es, wenn wir Wissen statt Waffen ex­portierten?“

 „Fände ich auch gut, aber so ist die Welt nicht. Wir benötigen Soldaten.“

 „Fragt sich nur wofür. Spätestens seit der Erfin­dung des Maschinengewehrs ist die Vorstellung vom tapfer für seine Familie und sein Vaterland kämpfen­den Sol­daten zur Fiktion geworden.“

 „Auch in heutigen Kriegen benötigen Soldaten Mut, um für die Sicherheit der freien Welt zu kämp­fen“, be­harrt Meike.

 „Wohl eher für die Geschäfte der freien Welt“, kon­tert die Großmutter. „Und dafür opfern sich junge Män­ner!“

 „Was ist schlecht daran?“

 „Es kommt immer darauf an, wofür man sich op­fert, Meike. Die Bereitschaft sein Leben zu riskieren, um ein Kind vor dem Ertrinken zu retten, ist eine wichtige Ei­genschaft, ohne die unsere Art nicht über­lebt hätte. Doch seit tausenden von Jahren wird diese Bereitschaft von den Herr-schenden missbraucht, um Kriege zu füh­ren. Wem hat Florians Einsatz denn genützt? Im besten Fall hat er niemand getötet.“

 „Ein Soldat tötet nicht für sich. Er kämpft gemein­sam mit seinen Kameraden für andere.“

 „Nach dem Motto: Töten ist akzeptabel, wenn man es für andere tut?“, fragt die Großmutter leicht sarkas­tisch. „Aber wer sind diese anderen? Die irakische Bäue­rin oder die Ölkonzerne, der syrische Arzt oder die Wall Street? Ist es wirklich sinnvoll, sein Leben für die Errichtung US-amerikanischer Militärbasen rund um den Globus oder für bundesrepublikanische Groß­machtträume aufs Spiel zu setzen?“

 „Berufssoldaten setzen ihr Leben nicht leichtsinnig aufs Spiel.“

 „Das stimmt. Totale Kriege wie die beiden Welt­kriege können wahrscheinlich nur mit Wehr-pflichti­gen geführt werden. Denn die meisten Berufssoldaten wol­len sich weder für ein Vaterland noch für einen Regime-Change opfern. Sie empfinden ihre Tätigkeit als inter­essanten Job, den sie gut machen wollen und dem sie auch positive Seiten abgewinnen können.“

 „Krieg ist doch kein Vergnügen!“, entsetzt sich Meike.

 „Menschen sind verschieden. Es scheint Männer, auch einige Frauen, zu geben, die sich im Krieg woh­ler fühlen als im Zivilleben. Soldatenleben und Zivil­leben sind zwei völlig verschiedene Welten.“34

 „Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand die Front ohne Not dem zivilen Leben vorzieht.“

 „Nicht die Front, aber das Militär. Glücklicherwei­se eignet sich nicht jeder zum Soldaten. Wahrschein­lich sind die, die am Krieg zerbrechen, die Gesünde­ren.“

 „Florian ist nicht am Krieg zerbrochen und trotz­dem gesund, obschon … “ Meike hält inne, wischt sich eine Träne aus den Augen. „Vielleicht habe ich mich doch in ihm getäuscht.“

 „Jeder trägt in sich verschiedene Anlagen. Wir un­terschätzen häufig die ‚Macht der Situation’.“35

 „Nicht jede wird zur Verbrecherin, egal wie die Si­tuation ist.“

 „Das habe ich nicht behauptet. Ich meinte nur, wenn ein Krieg erst einmal da ist, passt man sich der Situati­on an. Das ist die Schattenseite unserer hohen Anpas­sungsfähigkeit.“

 „Jedes Tier kämpft ums Überleben und verteidigt sein Revier.“

 „Und ergreift die Flucht, wenn der Gegner über­mächtig ist. Ziel militärischer Ausbildung ist es doch gerade, Instinkte wie Fluchtverhalten oder Tötungs­hemmung abzutrainieren. Krieg pervertiert die Natur. Tiere sind klüger. Drohgebärden werden eingesetzt, um Reviere abzustecken, ohne dass ein Tier verletzt wird. Ein Wolf zum Beispiel, der in einem Kampf mit einem Rivalen aufgibt, präsentiert dem Stärkeren sei­ne offene Flanke. Dies führt beim Sieger zu einer instinktiven Hemmung seiner Kampffähigkeit.“

 „Aber der Mensch ist kein Tier. Wir haben eine Mo­ral, auch Bundeswehrsoldaten. Wir leben schließ­lich in einer Zivilisation.“

 „Sag ich doch. Kriege sind ein Ergebnis unserer Zi­vilisation. Wir haben leider nicht nur großar-tige Bauten und nützliche Werkzeuge hervorgebracht, son­dern auch Kasernen und Waffen. Es ist schon traurig, wenn ein junger Mann seine Fähigkeiten durch das Bombardie­ren fremder Städte beweisen muss.“

 „Florian muss sich nichts beweisen“, widerspricht Meike, etwas zu schnell und heftig. Die Großmutter blickt sie ungläubig an und sagt:

 „Bist du sicher? Schließlich ist er nicht freiwillig aus der Olympiamannschaft ausgeschieden. Ich hatte den Eindruck, dass für ihn der Job als Trainer ein Ab­stieg bedeutet, dass er sich als Versager fühlt.“

 „Aber das Kriegführen passt nicht zu ihm. Er ist kein Draufgänger.“

 „Das muss ein Soldat nicht sein. Im Gegenteil. Die Bereitschaft zu gehorchen ist eine der wichtigsten Ei­genschaften eines Soldaten. Im Militär herrscht Ord­nung. Die starren Regeln geben Halt. Florian dürf­te da­mit kein Problem haben. Hast du dich nicht manch­mal über seine Pedanterie und Autoritätshörig­keit be­klagt?“

 „Aber das macht ihn doch noch nicht zu einem be­geisterten Soldaten“, sagt Meike verzweifelt.

 „Begeistert vielleicht nicht, aber befähigt. Der Mensch ist nicht nur friedensfähig, er ist leider auch kriegsfähig“, seufzt die Großmutter.

 „Auch Florian lehnt Kriege ab.“

 „Wer lehnt Krieg nicht ab? Ich kenne niemand, der Krieg will. Nur leider führt dies in den seltensten Fäl­len zur Kriegsverweigerung. Findet der Krieg im eige­nen Land statt, geht es ums nackte Überleben. Wenn Bom­ben fallen, kann man keinen Widerstand organi­sieren. Solange sich der Krieg wo anders abspielt, wird er tole­riert – man ist ja nicht direkt betroffen. Vielleicht fallen sogar ein paar Brosamen vom Kriegsgewinn für den kleinen Mann oder die einfache Frau ab.“

 „Das ist zynisch. Zudem vergisst du das Flüchtlings­problem und die Kriegskosten.“

 „Kriegsflüchtlinge kann man zurückschicken, wenn nicht mehr geschossen wird. Die Kriegs-kosten tragen vor allem die Länder, in denen der Krieg statt­findet. Manchmal sind allerdings – wie im letzten Irakkrieg – die Kosten einer Intervention höher als der Gewinn. Auch die USA kann sich verrechnen.“36 Die Großmut­ter bleibt stehen und schiebt die Kapuze vom Kopf. Dann geht sie weiter und meint nach einigem Überle­gen: „Übrigens, Meinungen können rasch um­schlagen. Fühlt man sich bedroht, ist man anfällig für Kriegspro­paganda.“

 „Aber Propaganda ist nicht allmächtig.“

 „Stimmt, deshalb passt sich ihr Inhalt dem Zeit­geist an. Früher führte man Kriege, weil es Gottes Wille war, dann weil das Vaterland bedroht war und jetzt, weil wir moralisch verpflichtet sind, zu helfen. Damit werden heute genauso wie früher die eigentli­chen Triebkräfte von Kreuzzügen, Völkerschlachten und humanitären Interventionen verschleiert. Leider findet man in Zei­tungen kaum Informationen über geostrategische und wirtschaftliche Interessen, die hin­ter militärischen In-ter­ventionen stehen.“

 „Heute werden Kriege geführt, um Unrecht zu be­kämpfen. Auch die Kriegsberichterstattung dient die­sem Zweck. Kriegsbilder können Widerstände ge­gen einen ungerechten Krieg mobilisieren. Wärst du ohne die Bilder der Opfer von Napalm gegen den Vi­etnamkrieg auf die Straße gegangen?“

 „Wahrscheinlich nicht. Ich behaupte ja nicht, dass Kriegsreportagen überflüssig sind. Im Gegen-teil, Doku­mentationen und gut recherchierte Berichte sind sehr wichtig. Nur leider tragen Medien selten zum Verste­hen eines Kriegsereignisses bei. Die vielen Einzelmeld­ungen verbauen den Blick auf die Zusammenhäng­e. Die dritte Wiederholung einer Nachricht ist als Infor­mation wertlos, erweckt in uns aber die Illusio­n, Be­scheid zu wissen. Nicht selten werden wir durch die Medien mehr desinformiert als informiert.“

 „Aber du liest doch auch jeden Morgen den Tages­spiegel.“

 „Der gehört zu meiner Tasse Tee.“37

 „Siehst du, du möchtest auch nicht ohne Zeitungen leben. Ich bin froh, dass es sie gibt. Eine freie Presse ist für jede Demokratie unerlässlich.“

 „Sicher, viele Journalisten und Reporterinnen bemü­hen sich um eine möglichst objektive Berichter­stattung. Aber warum spiegeln Medien in der Regel nur den Zeit­geist? Warum bestärken Zeitungen, Tagesschau und Talk Shows das Schema 'Militärische Stärke be­deutet Sicherheit', anstatt es zu hinterfragen? Stattdes­sen zementieren sie unsere Vorstellungen von Sicherheit durch mili-tärische Stärke.“

 „Ach, Oma, deine Pauschalurteile! Nie bist du mit dem zufrieden was ist.“ Meike seufzt, dann fährt sie la­chend fort: „Aber wenn du nicht mehr die Welt verbes­sern wolltest, mit wem könnte ich mich dann strei­ten?“

 „Ich weiß. Mich ärgert es einfach, dass immer noch behauptet wird, Kriege seien nicht zu vermeiden. Schließlich haben wir es auch geschafft, bei uns Folter und Blutrache abzuschaffen.“

 „Das ist was anderes.“

 „Warum eigentlich. Wir müssten nur aufhören, über unsere Verhältnisse zu leben. Unsere Produktivi­tät ist so hoch, dass wir ohne weiteres von dem leben könn­ten, was wir aus eigener Kraft herstellen oder durch fai­ren Handel erwerben.“

 „Und was ist mit unserer internationalen Verant­wortung?“

 „Warum nicht mit den Kapazitäten der Bundes­wehr eine internationale Zivilschutzeingreiftruppe bil­den, die entweder dem Auswärtigen Amt oder dem Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung unterstellt ist. Diese könnte man interna­tionalen Orga­nisationen oder einzelnen Ländern bei Katastrophen zur Verfügung stellen. Das wäre hilfrei­cher als unser Waf­fenexport. Denn kein Gesetz kann verhindern, dass Waffen ihren Weg in die Kriegsgebiete finden.“

 „Wir brauchen die Rüstungsindustrie.“

 „Ich gebe zu, die Rüstungsproduktion hat einen Vorteil: Solange es Kriege gibt, kennt sie keine Über­produktionskrise.“

 „Das ist zynisch. Zudem brauchen wir Wirtschafts­wachstum.“

 „Leider ist der Glaube ans Wirtschaftswachstum un­sere neue Religion. Wir unterwerfen uns den Finanz­märkten wie einst Herrscher und Untertanen der Kir­che.“

 „Oma, du siehst wieder einmal alles nur negativ. Heute haben wir Menschenrechte, religiöse Toleranz, ein Verbot von Kriegshetze und vieles mehr.“

 „Umso trauriger ist es, dass Krieg und Militär im­mer noch Teil unserer Zivilisation sind. Nach wie vor bestimmt die Vorstellung, dass Sicherheit von der Stär­ke unserer Armeen abhängt, unser Denken.“

 „Wenn du Recht hättest, hätte man Kriege ja längst abschaffen können.“

 „So einfach ist es leider nicht. Es sind viele sich im­mer wieder selbst reproduzierende Systeme, die inein­ander greifen und schwer zu entzerren sind. Da ist zum einen die Bevölkerung, die eigentlich keinen Krieg will, aber lieber an dem Bekannten festhält als sich auf etwas Neues, Unbekanntes einzulassen. Zum anderen bildet eine Mischung aus Angst, Mangel an Wissen und dem Bedürfnis nach Unverwundbarkeit einen fruchtba­ren Boden für die Kriegsbefürworter. Auch Armut und Unterdrückung fördern Kriege. Nicht zuletzt bietet das Militär Arbeits- und Ausbil­dungsplätze sowie Auf­stiegschancen für unterprivile­gierte Schichten wie die Schwarzen in den USA.“

 „Zottel meint, Kriegführen benötigt einen gewis­sen Überschuss an jungen Männern.“

 „Das stimmt. Nicht zufällig haben kriegführende Gesellschaften häufig strenge Abtrei-bungsgesetze.”

 „Eigentlich sind Frauen für den Krieg genauso wichtig wie Männer“, überlegt Meike. „Wenn sie zu wenig Kinder gebären, fehlt der Nachwuchs fürs Mili­tär.“

 „Ja, ein Gebärstreik könnte Kriege verhindern.“

 „Du meinst, Lysistrate sollte unser aller Vorbild sein?“38

 Die alte Dame nickt. „Würden alle Mütter ihren Söhnen verbieten, zum Militär zu gehen, und Mäd­chen und Frauen sich den Soldaten verweigern, gäbe es bald keine Bundeswehr mehr.“

 Plötzlich beginnt Meike zu weinen.

 „Florian ist so verändert“, schluchzt sie.

 Die Großmutter nimmt sie in den Arm. Allmählich versiegen die Tränen. Meike löst sich aus der Umar­mung. Zum ersten Mal, seit sie sich getroffen haben, blickt sie ihrer Großmutter direkt in die Augen und sagt:

 „Er hat mich geschlagen!“

 

 

 

Anmerkungen

 

 

Warum Krieg?

 

1 1986 verabschiedeten Wissenschaftler und Wissenschaftle­rinnen aus der Ethnologie, Biogenetik, Evolutionsforschung, Neurophysiologie und Psychologie die „Erklärung von Sevil­la“, in der sie feststellen, dass die Annahme, der Mensch sei aufgrund seiner biologischen Ausstattung oder evolutionsge­schichtlichen Entwicklung zu Aggression und Krieg ver­dammt, wissen­schaftlich nicht haltbar ist. Vielmehr zeigten Ergebnisse aus der Verhaltens- und Evolutionsforschung die zentrale Bedeutung der Kooperation für das Überleben einer Gattung. Auch die militärpsychologische und militärsoziolo­gische Forschung zeigt, dass Kriege auf einer Vielzahl von Faktoren basieren wie auf der systematischen Nutzung indi­vidueller Eigenschaften wie Gehorsam, Suggestion und Idea­lismus, auf sozialen Fä­higkeiten wie Sprache und auf ratio­nalen Überlegungen wie Kosten-Nutzen-Rechnungen, Pla­nung und Informationsverarbeitung (Die "Erklärung von Se­villa" 1993, 226).

 

2 Friedensfachkräfte des Zivilen Friedensdienstes (forum ZFD) arbeiten mit Kriegsveteranen im ehemaligen Jugosla­wien. In diesem Zusammenhang entstand ein Film mit an­schließenden Interviews mit Veteranen. (ZFD 2008,Teil 3).

 

3 Der Abschluss des Atomwaffensperrvertrages 1970 war ein erster Schritt zur Begrenzung von Atomwaffen. 1995, nach dem Ende des Kalten Krieges, bedeutete seine Verlängerung auf unbegrenzte Zeit die völkerrechtliche Anerkennung von Atomwaffenbesitz mit dem Ergebnis, dass es heute nicht fünf, sondern neun Atommächte gibt (USA, Russland, Frankreich, Großbritanni­en, China, Israel, Indien, Pakistan, Nordkorea). Am 7.7.2017 haben 122 Staaten bei der UNO ei­nen Vertrag zum Verbot von Atomwaffen verabschiedet, der von den Atommächten boykottiert wird. Auch die Regie­rung der BRD hat ihn bisher nicht unterzeichnet.

 (http://www.spiegel.de/politik/ausland/Atomwaffen 7.2.2017)

 

4 Mitte Juli 1945 hatten die Japaner versucht über Moskau mit den USA über einen Waffenstillstand ins Gespräch zu kom­men. Auf der Potsdamer Konferenz (17-25 Juli 1945) erfuhr Truman vom erfolgreichen Atombombentest. Am 25. Juli forderten USA, China und Großbritannien in der Potsdamer Deklaration von Japan die bedingungslose Kapitulation. Ja­pan lehnte diese ab, unter anderem wegen der Forderung nach der Abdankung des Tenno, des japanischen Kaisers, dem im na­tionalen Verständnis ein göttlicher Ursprung zuge­schrieben wurde (Müller 2011, 64-69; Ploetz 1998, 1228). Der Einsatz der Atombombe war strittig: Hohe Militärs und einige Wissenschaftler waren dagegen. Truman schwankte. Es gab den Vorschlag, den Japanern die Waffe auf einem un­bewohnten Atoll im Pazifik zu demons­trieren. Viele Atom­physiker und einige hohe Offiziere aber drängten Tru­man dazu, sie gegen Japan einzu­setzen (Moore/Moore 1958).

 

5 Das Zitate lautet: „Krieg ist aller Dinge Vater, aller Dinge König. Die einen erweist er als Götter, die andern als Men­schen – die einen lässt er Sklaven werden, die anderen Freie“ (Heraklit 1986: B53).

 

6 Die USA hatten kaum Kenntnisse über die Verhältnisse in der Sowjetunion. McMahon, ein CIA Mitarbeiter, meinte später über die Zeit während Trumans Präsidentschaft (1945-1953): „Unsere Erkennt-nisse über die Sowjetunion waren gleich null“ (Weiner 2008, 108). Am 10. März 1952 über­reichte der stellvertretende sowjeti­sche Außenminister An­drej Gromyko den Vertretern der drei Westmächte in Mos­kau den Entwurf eines Friedens­vertrages mit Deutschland, mit der Bitte, darüber zu verhandeln. Der Entwurf, die soge­nannte „Stalin-Note“, ent­hielt unter anderem folgende Punk­te: Wiederherstellung Deutschlands als einheitlichen Staat in den im Potsdamer Abkommen festgelegten, Grenzen. Abzug der Streitkräfte der Besatzungsmächte und Liquidati­on sämt­licher ausländischer Militärstützpunkte. Gewährung demo­kratischer Rechte einschließlich Redefrei­heit, Pressefreiheit, Recht der freien Religionsausübung, Freiheit der politischen Überzeugung und der Versammlungsfreiheit. Freie Betäti­gung demokratischer Parteien und Organisationen. Ver­pflichtung Deutschlands keinerlei Koalitionen oder Militär­bündnisse mit Staaten einzugehen, die am Krieg ge­gen Deutschland teilgenommen haben. Keinerlei Beschränkun­gen für die Entwicklung der deutschen Frie­denswirtschaft. Deutschland darf für seine Verteidigung eigene nationale Streitkräfte (Land-, Luft- und Seestreitkräf­te) besitzen (Stei­ninger 1985, 115-116). Es kam zu keinen Gesprächen. Nach einer umfassenden Analyse von unveröffentlichten britischen und amerikanischen Akten von April 1952 bis Juni 1953 kommt der Historiker Steininger zu dem Schluss, dass vor al­lem Adenauers Ziel einer „bedingungslosen Westbindung“ die Verhandlungen über die Note der sowjetischen Regie­rung verhindert hatte (Steininger 1985, 88).

 

7 In komplexen Situationen, was bei politischen Entschei­dungen in der Regel der Fall ist, schränken begrenzte kogni­tive Kapazitäten (Dörner 1995) und gruppendynami­sche Pro­zesse (Janis 1983, 173-276) die Problemlösefähigkeit ein. Nicht zuletzt führen Emotionen zu falschen Risikoabschät­zungen, sei es, dass sie die Aufmerksamkeit gegenüber Risi­ken einschränken (Selten 2001, 13-36) oder durch sie Risi­ken überschätzt werden (Pinker 2011, 559-560). Es ist des­halb nicht erstaun­lich, dass das „Phänomen, dass Regierun­gen und Regierende eine Politik betreiben, die den eigenen Interessen zuwiderläuft“ - wie zum Beispiel die Entscheidun­gen zum Ersten Weltkrieg (Müller-Brettel 2017) - „die ge­samte Geschichte, unabhängig von Zeit und Ort durchzieht“ (Tuchman 1996, 11).

 

8 Im 1. Golfkrieg (1980-1988) unterstützte der Westen den Irak im Krieg gegen den Iran. Nach dem Sieg über den Iran besetzte die irakische Armee 1990 völkerrechtswid­rig Ku­weit. Der UNO-Sicherheitsrat forderte in den Resolutionen 661 und 662 im August 1990 die Wiederher­stellung der Sou­veränität Kuweits. Daraufhin bildeten die USA eine anti-ira­kische Koalition. Im November er­mächtigte der UNO-Si­cherheitsrat in der Resolution 678 die Mitgliedsstaaten, alle notwendigen Mittel zur Befreiung Kuweits einzusetzen. Ein französischer Vermittlungsversuch, der die Einberufung einer Nahostkonferenz vorsah, scheiterte am Veto der USA. Im Januar 1991 begannen die USA das Bombardement. Gestützt auf die Re­solutionen des Sicherheitsrates führte die Anti-Irak Koali­tion unter US-amerikanischer Führung einen dreimona­tigen Krieg, der mit der Niederlage Iraks endete. Während der 3. Golfkrieg 2004 eindeutig völkerrechtswidrig war, ist für den 2. Golfkrieg strittig, inwieweit das Eingreifen der von den USA geführten Koalition dem Völ­kerrecht entsprach. Nach Kapitel VII, Artikel 47 der UNO Charta hätte ein General­stabsausschuss eingesetzt wer­den müssen.

 

9 Müller-Brettel 2004

 

10 James 1910, 400. Zum gleichen Schluss kam der polni­sche Bankier Jan van Bloch (1899). Seine Berechnungen der Kosten moderner Kriege ergaben, dass sich wegen der hohen Kosten der neuen Waffen, Kriege nicht mehr lohnen.

 

 

 

Hilfe oder Invasion?

 

11 Zum ersten Mal hat der NATO-Rat am 4. Oktober 2001 den Bündnisfall (Artikel 5 des NATO-Vertrages) beschlos­sen, nachdem die Mitgliedstaaten die Interpretation der US-Regierung, die Anschläge auf das World Trade Center seien ein be­waffneten Angriff von außen, akzeptiert hatten. Diese Inter­pretation ist strittig, weil das Attentat weder die Existenz der NATO noch die eines einzel­nen Mitglieds gefährdet hatte.

 

12 Carew 2001, 63-64

 

13 In mehreren UNO Resolutionen aus den Jahren 2005-2009 wird gefordert, dass die internationale Staatengemein­schaft Verantwortung übernehmen soll für den Schutz der Bevölkerung vor Genozid, Kriegsverbrechen, ethnischen Säuberungen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit (Er­ler 2009, 93-98). Die Befürworter militärsicher Interventio­nen berufen sich meist auf den Artikel 139 der Resolution 60/1 des Weltgipfels 2005, in dem das Eingreifen nicht nur nach Ka­pitel VI und VIII (friedliche Mittel), sondern auch nach Kapitel VII (regelt unter anderem den Einsatz von Streitkräften) erwähnt wird. Allerdings wird im gleichen Ar­tikel die weitere Prüfung „eingedenk der Grundsätze der Charta und des Völkerrechts“ gefordert.

 

(http://www.un.org/depts/german/gv-60/band1/ar60001.pdf 4.11.2017). Zur Problematik des Konzepts Responsibility to Protect siehe Haid 2011.

 

14 Artikel 15, Abs. 1 der Konvention zum Schutz der Men­schenrechte und Grundfreiheiten (Europäische Menschen­rechtskonvention) vom 4. November 1950: „Wird das Leben der Nation durch Krieg oder einen anderen öffentlichen Not­stand bedroht, so kann jede Hohe Vertragspartei Maßnahmen treffen, die von den in dieser Konvention vorgesehenen Ver­pflichtungen abwei­chen, jedoch nur, soweit es die Lage un­bedingt erfordert und wenn die Maßnahmen nicht im Wider­spruch zu den sonstigen völkerrechtlichen Verpflichtungen der Vertragspartei stehen.“ Auch im Kriegsfall müssen fol­gende Verpflichtungen beibehalten werden: das Verbot von Tötungen, außer sie stehen im Zusammenhang mit Kriegs­handlungen (Artikel 2), das Verbot von Folter (Artikel 3), das Verbot der Sklaverei und Leibeigenschaft (Artikel 4, Abs. 1) und die Bedingung „Keine Strafe ohne Gesetz“ (Ar-ti­kel 7).

(https://www.menschenrechtskon­vention.eu/kon­vention-zum-schutz-dermenschenrechte-und-grundfreiheiten-9236/ 4.11.2017)

 

15 „Jede Befreiungsarmee kommt an einen Punkt, jenseits dessen sie sich in eine Besatzungsarmee verwandelt“, schrieb Leutnant General Davie H. Petraeus, führender Vier-Sterne-General im Irakkrieg von 2003-2011 (Weiner 2008, 637).

 

16 Heinz Loquai, ein ehemaliger Bundeswehrgeneral und Mitarbeiter der OSZE im Kosovo, sagte in der Panorama- Sendung vom 18. Mai 2000: „Ich kann nur sagen, dass der Verteidigungsminister bei dem, was er über den Hufeisen­plan sagt, nicht die Wahrheit sagte.“ Dar­aufhin wurde sein Vertrag als Mitarbeiter der OSZE im Kosovo vom Bundes­ministerium der Verteidigung nicht verlängert. (http://daserste.ndr.de/panorama/archiv/2000/erste7422.html 4.11.2017). Loquai belegte seine Aussage in einer Dokumen­tation der Entwicklungsstadien des Bürgerkriegs im Kosovo von Ende 1997 bis März 1999 (Loquai 2000). Loquai ver­fasste auch ei­nen detaillierten Bericht über die verschiedenen Faktoren (fehlende Vorbereitung der OSZE auf den Konflikt, man­gelnde Unterstützung durch die meisten OSZE Teilneh­merstaaten, Einmischung der USA, Intervention der NATO, Be­hinderungen bei der Aufarbeitung der Ereignisse in Ra­cak), die eine erfolgreiche Arbeit der OSZE in den Balkan­kriegen behin­derten (Loquai 2003). Fehlinformationen und die Wei­gerung, das Scheitern von mi­litärischen Einsätzen zuzuge­ben, werden auch für andere Einsätze beschrieben: Somalia 1994: „Das Engage­ment in Somalia war fehlge­schlagen. Dennoch tat die Politik, als sei man erfolgreich ge­wesen. ... Für die Bundesre­publik rechnet sich die ‚Erfolgsbi­lanz’ nach einem Jahr Einsatz und mehr als 380 Millionen D-Mark fol­gendermaßen: knappe vier Millionen Liter Wasser aufberei­tet, sie­ben Brunnen gebohrt und drei Straßen ausge­bessert. ... Heute sind dort Brunnen zerstört oder vermint, auf den Stra­ßen pa­trouillieren marodierende Banden und das auf­bereitete Was­ser ist längst getrunken“ (Lindemann 2010, 186-187). Afgha­nistan 2001-2014: „Für die internationale Staatenge­meinschaft, auch für das Heer der Staatsbeamten, besteht Af­ghanistan nur aus Kabul. ... sie werden dort (am Flughafen M.M-B.) abgeholt, in Quartieren untergebracht, die den euro­päischen gleichen. Dann sind sie nach ein paar Monaten zwar gerade mal zehn Kilometer außerhalb von Ka­bul gewesen, ... dennoch aber meinen sie, jetzt Afghani­stan zu kennen“ (Neu­deck 2003, 45-46).

 

17 Der polnische Diplomat Karski (2011) beschreibt, wie er vergeblich versuchte, die Alliierten dazu zu bewegen, den Holocaust zu stoppen. Er wurde zwar von Churchill und Roosevelt empfangen, musste aber erkennen, dass niemand etwas vom Judenschicksal wissen wollte. Dass die Zufahrts­wege zu den KZs und deren Krematorien nicht bombardiert wurden, ist wahrscheinlich darauf zurückzuführen, dass un­terschiedliche Interessen und Faktoren zusammenfielen und sich gegensei­tig verstärkten. Churchills Motiv soll die Angst vor jüdischen Flüchtlingen gewesen sein, insbesondere vor ihrer massenhaften Einwanderung nach Palästina, das engli­sches Mandatsgebiet war. Ein militärstrategisches Motiv könnte gewesen sein, dass die Judentransporte die Kapazitä­ten für den Nachschub an die Ostfront blockierten und damit die Wehrmacht schwächten. Die Befreiung der KZs begann ein Jahr vor Kriegsende mit der Befreiung von Majdanek am 23. Juli 1944 durch die Rote Armee. Das Morden ging aber in den anderen Vernich­tungslagern weiter und selbst nach der Befreiung von Auschwitz am 27. Januar 1945 starben bis zum 8. Mai 1945 noch Hunderttausende auf den Todes­märschen.

Gerettet wurden Juden dagegen durch zivile Aktio­nen wie zum Beispiel die Rettung der dänischen Juden durch die Be-völkerung in Dänemark (Pundik 1995), die Ak­tionen des Unternehmers Oskar Schindler. (http://www.judentum-projekt.de/geschichte/nsverfolgung/ret­tung/schindler.html) oder auch der Protest der Frauen gegen die Deportation ihrer  jüdi­schen Ehemänner in der Ro­senstraße in Brlin (https://de. wikipedia.org/wiki/Rosenstraße-Protest).

Die Weigerung Hitlers, 1944 über einen Waffenstillstand zu verhandeln, ist nicht das einzige Beispiel für die sinnlose Verlängerung eines Krieges, weil eine Kriegspartei den Dia­log verweigert: Ablehnung eines Verständigungsfriedens der deutschen Generäle 1917; Igno­rieren der japanischen Kon­taktbemühungen 1945 (siehe Anmerkung 4); Weigerung der Opposition und ihrer Verbündeten, im Syrien­krieg mit Assad zu verhandeln.

 

18 Zum Beispiel das Ultimatum Österreichs an Serbien vom 23. Juli 1914 (Hirschfeld/Krumeich 2013, 38) oder das Ulti­matum Präsident Roosevelts an Japan im November 1941 (Beard 1948).

 

19 Schröder 2006, 84.

 

Obgleich bei allen Meinungsumfra­gen die Mehrheit der Be­völkerung Kriege ablehnt, scheint das Kriegführen die Chancen, wiedergewählt zu werden, nicht zu beeinträchti­gen. 2002 wurde die Rot-Grüne Koalition wiedergewählt, nachdem sie 1999 den Kosovokrieg befür­wortet und 2001 dem Afghanistaneinsatz zugestimmt hatte. Ähnlich wurde Thatcher 1983 nach dem Falklandkrieg trotz rigorosem Sozialabbau und der Zerschlagung der Gewerk­schaften mit 43,5% wiedergewählt. Auch der US-amerikani­sche Präsident Bush wurde 2004, nachdem er den Afghani­stan- und Irakkrieg begonnen hatte, mit mehr Stimmen als bei seiner Wahl 2000 wiedergewählt.

 

20 Goodhand (2006) analysierte die Arbeit von NGOs in be­waffneten Konflikten. Sein Fazit ist, dass die Arbeit von NGOs überbewertet wird: Es fehle die Kontinuität. Hel­fer wollten innergesellschaftliche Prozesse von außen kontrollie­ren und es bestehe die Gefahr, dass die Ar­beit von NGOs für Interessen von lokalen Warlords oder internationalen Macht­blöcken missbraucht wird. Kritik übt auch der Gründer von Cap Anamur Rupert Neudeck (2003): Die Entwicklungshilfe ist zufrieden, wenn sie die eigenen Bataillone für die Bera­tung der nichtsnutzigen Ministerien einsetzt und Residenzen und Bü­rogebäude nach deutschem Standard in Kabul hoch­zieht. Übrigens immer mit deutschem Mobiliar, wie ich mich in den neugebauten Diplomatenquartieren überzeugen konnte (52). Anstatt den Rückkehrern in Afgha­nistan Baumateriali­en zur Verfügung zu stellen, damit sie in ihren Heimatdör­fern die zerstörten Häuser wie­der aufbauen können, sammelt man sie in Lagern und macht sie damit hilflos. „So gibt es in Herat, wohin ich im Mai 2003 gekommen bin, mehrere Flüchtlingslager, obwohl die Dörfer mit ihren Ruinen auf den Wiederaufbau warten und das Lager kostet organisations­technisch sicher mehr als der Wiederaufbau der kleinen Lehmhäuser in den Dörfern um Herat kosten würde“ (123).

 

21 Goethe Faust, Vers 860-867

 

 

 

 

Sicherheitsillusionen

 

 

22 Werlhof 2009, 148-149

 

23 Im Kapitel VI sind viele Stufen der friedlichen Beilegung aufgeführt (Artikel 33-38). Im Artikel 37, Absatz 2 wird die Entscheidung, welche Maßnahmen zu ergreifen sind, also auch der Einsatz militärischer Mittel nach Kapitel VII, Arti­kel 42, dem Sicherheitsrat anheim gestellt: „(2) Könnte nach Auffassung des Sicherheitsrats die Fortdauer der Streitigkeit tatsächlich die Wahrung des Welt­friedens und der internatio­nalen Sicherheit gefährden, so beschließt er, ob er nach Arti­kel 36 tätig wer­den oder die ihm angemessen erscheinenden Empfehlungen für eine Beilegung abgeben will.“ Dieses tat der Sicherheitsrat in der Resolution 1368 vom 12. September 2001. Er berief sich darauf, dass der Terrorismus eine Gefahr für den Weltfrieden ist und legitimierte damit die Anwen­dung von militärischen Mitteln nach Kapitel VII. (Einsatz von Luft-, See- oder Landstreitkräften, die der UNO von den Mitgliedsstaaten zur Verfügung gestellt werden) gegen Af­ghanistan.

 

24 Ein Beispiel für dieses Problem ist die sogenannte Kun­dus-Affäre. Am 4. September 2009 gab der Oberst Klein in Kundus den Befehl zur Bombardierung von zwei Tanklas­tern. Dabei kamen über 100 afghanische Zivilisten um. Bis heute ist es strittig, ob der Freispruch für den Oberst gerechtfertigt war. (http://www.n-tv. de/politik/dossier/Die-Kundus-Affaere-article837486.html 4.11.2017; https://www. stern.de/investigativ/projekte/ruestungundmilitaer/oberst-klein-und-sein-toedlicher-befehl-die-akte-kundus-3524588.html 4.11.2017)

 

25 Graduated and reciprocated initiatives in tension reducti­on (GRIT) ist ein Modell, wonach durch einseitige Initiativen (z.B. durch einseitige Abrüstung bei gleichzeitiger Aufforde­rung an den Gegner, Gleiche zu tun) Schritt für Schritt eine Atmosphäre gegenseitgen Vertrauens zwischen den Gegnern geschaffen wird (Osgood 1962).

 

26 Die Gleichsetzung von NATO und UNO bezieht sich auf Artikel 1 des Nordatlantikvertrages vom 4. April 1949: „Die vertragschließenden Staaten verpflichten sich, ge­mäß den Bestimmungen der Charta der Vereinten Nationen jeden in­ternationalen Streitfall, an dem sie beteiligt sein mögen, durch friedliche Mittel in der Weise zu regeln, dass Frieden, Sicherheit und Gerechtigkeit unter den Völkern nicht gefähr­det werden, und sich in ihren internationalen Beziehungen jeglicher Drohung oder Gewalt­anwendung zu enthalten, die in irgendeiner Weise mit den Zielen der Vereinten Nationen nicht vereinbar ist.“ Auch wenn die NATO während des Kal­ten Krieges keine Kriege geführt hat, war ihre Struktur von Anfang an die eines Militärbündnisses und nicht die eines kollektiven Sicherheitssystems. Wie jede militärische Institu­tion ist sie nicht demokratisch sondern hierarchisch struktu­riert. In einem Konflikt ist sie nicht neutral sondern Partei, weil es ihre Aufgabe ist, die Interessen ihrer Mitglieder not­falls mit militärischen Mitteln zu verteidigen. Der Einfluss der USA ist dadurch gewährleistet, dass der Supreme Allied Commander Europe, der alle militä­rischen Einsätze der NATO leitet, bis heute immer ein US-amerikanischer Gene­ral ist. Auch die UNO ist nur bedingt ein kollektives Sicher­heitssystem, unter anderem wegen dem Vetorecht der ständigen Mitglieder des UN-Sicherheitsrates, dem individu­ellen und kollektiven Selbstverteidigungsrecht der einzelnen Staaten oder Staatengruppen und der fehlenden rechtlichen Kontrolle des UN-Sicherheitsrates (Deiseroth 2010, 37-39)

 

27 Lakoff 2004, XIII. Psychologisch gesehen sind Frames oder Schemata früh gebildete Denkstrukturen, die die spätere Wahrnehmung beeinflussen. Sie verweisen mithilfe des von ihnen konstituierten Begriffssystems auf die gemeinsam ge­teilte Realität. Sie ermöglichen damit konsis­tentes, für die Umwelt nachvollziehbares Handeln. Die damit gebildeten Wissenssysteme sind stabil und erlau­ben das Übertragen von Erkenntnissen und Handlungsstrategien auf immer neue Situa­tionen (Mül­ler-Brettel 2017).

 

28 Longerich (2006) nennt die „Endlösung“ ein offenes Ge­heimnis. In seiner Analyse von Zeitungen und Dokumenten aus der Zeit des Nationalsozialismus kommt er zu dem Schluss, dass die nationalsozialistische Führung die Existenz von KZs ebenso wie die Judenvernich­tung zwar nicht beson­ders propagierte, aber auch nicht geheim hielt. Informationen darüber waren also für je­den deutschen Bürger und jede Bür­gerin zugänglich gewesen.

 

29 Müller-Brettel 1995, 167-174

 

30 Der Physiker und Philosoph Friedrich von Weizsäcker (1912-2007), der während des Zweiten Weltkrieges gemein­sam mit Heisenberg atomare Forschung betrieben hat, ge­steht am Ende seines Lebens: „Es war der träumerische Wunsch, wenn ich einer der wenigen Menschen bin, die ver­stehen, wie man eine Bombe {Atombombe, Anm. MM-B} macht, dann werden die obers­ten Autoritäten mit mir reden müssen“ (Hoffmann 1993, 338)

 

31 Zivile Friedensstrategien versuchen, ohne militärische Gewalt Frieden zu sichern. Dabei müssen Friedenssicherung (Kontrolle der Akteure, um weitere Ge­walt zu verhindern), Friedensstiftung (Suche nach einer Verhandlungslösung) und Friedenskonsolidierung (Ver­söhnung, Wirtschaftliche Ent­wicklung und politische Maßnahmen wie Wahlen, freie Pres­se, Menschen­rechte) gemeinsam und gleichzeitig angewen­det werden (Schweitzer 2004, 518). Ansätze sind aus konkre­ten Widerstandsbewegungen entstanden wie der indi­schen Befreiungsbewegung unter Gandhi (Gütekraft), der US-ame­rikanischen Bürgerrechtsbewegung Martin Luther Kings (Nonviolence) und der gewaltfreien Proteste der 68er Bewe­gung (Gewaltfreie Aktion). Analysen und Fallstudien zu Bedingungen, Formen und Grenzen ziviler Konfliktbearbeit­ung siehe Ebert 2011; Müller 1995; Vüllers/Destrade 2015; Barash/Webe 2014, 617-646. Für die politische Praxis entwi­ckelte das Monitoring-Projekt für Zivile Konfliktbear­beitung, Gewalt- und Kriegsprävention Alternativen zu mili­tärischen Interventionen in Afghanistan, Syrien, Mali, der Ukraine, im Irankonflikt, in den Konflikten zwischen der Türkei und den Kurden und zwischen Israel und Palästina. (http://www. koop-frieden.de/sub/das-monitoring-projekt.html 4.11.2017)

Das 1996 gegründete Forum Ziviler Friedensdienst in Köln bildet Friedensfachkräfte aus und führt Projekte in Nahost, auf dem westlichen Balkan und in Südostasien durch. (http://www.forumzfd.de 4.11.2017)

 

32 Forschungen der ABC-group am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung wiesen nach, dass einfache Faustregeln, sogenannte simplen Heuristiken, oft zu besseren Ergebnissen führen als aufwändige Analysen. Die Konzentration auf nur einen Reiz (one cue heuristic), das Wählen von Dingen, die man kennt (recognition heuristic) oder die einem ins Auge springen (take the best), das Lernen von Anderen (learning from others) und das Befolgen von Regeln (default heuristic) ermöglichen schnelle Entscheidun­gen, ersparen langes Su­chen, bewahren vor Fehlern und füh­ren meist zu hinrei­chend be­friedigenden Ergebnissen. Sie er­möglichen effizien­te und rasche Entscheidungen unabhängig von ihrer Komple­xität (Gigerenzer 2015). Simple Heuristi­ken versagen allerdings in Situationen, in denen neue Lösun­gen gefunden werden müs­sen, die ein Umdenken, ja das von Gorbatschow geforderte Neue Denken erfordern. Alternati­ven zu militäri­schen Kon­fliktlösungen benötigen viel Zeit, Geduld und das Abwägen möglichst vieler Faktoren. Rasche einfache Lösun­gen wie das Zerschlagen des gordischen Knotens schaffen keinen sta­bilen Frieden. Diplo­matische Entscheidungen kön­nen nicht aufgrund nur eines Kriteriums wie bei der one cue Heuristik gefällt wer­den. Ähnlich hemmend für nichtmilitäri­sche Lö­sungen internationaler Konflikte erweist sich die Re­cognition Heu­ristik: In der zehntausendjährigen Zivilisati­onsgeschichte war das Führen von Kriegen eine be­kannte Lösung für äuße­re und innere Konflikte. Die Heuristik take the best wiederum ist wenig hilfreich bei der Vermeidung ei­nes Krieges, wenn in einer Gesellschaft das Militär dem Zivi­len gegenüber als moralisch überlegen gilt, Stärke und Macht belohnt und Schwäche und Abhängigkeit gering ge­schätzt, sowie Helden­tum und Opferbereitschaft glorifiziert werden. Ähnlich dysfunktional ist die Heuristik learning from others. Wenn starke Imperien wie das Römische und das Reich Karls des Großen als Vorbilder gelten, bedeutet von anderen lernen, Krieg führen lernen. Auch die default Heuristik steht der Ächtung von Kriegen entgegen, so lange Krieg als ein legitimes Mittel der Politik gilt.

 

33 Leukefeld 2015

 

 

 

 

Soldatenberuf

 

34 Berichte und Aufzeichnungen von Soldaten zeigen, wie sich im Krieg Wahrnehmung, soziales Verhalten, moralische Werte und Motivationen verändern, unabhängig davon, ob sie aus den Weltkriegen oder heutigen Kriegen stammen. Sie dokumentieren, wie der Krieg die Art und Weise der Befrie­digung grundlegender Bedürfnisse wie Essen, Sexualität, zwischenmenschliche Bindungen und das Bedürfnis nach Spiel und Spaß ändert, ja pervertiert.

 

Wahrnehmung: Für Soldaten werden Felder und Wälder ebenso wie Dörfer zu reinen Gefechtsdingen: „ihre wesentli­chen Eigenschaften sind die Möglichkeit oder Unmöglichk­eit, sie vom Feinde aus einzusehen, der Schutz, den sie gegen Infanterie- und Artilleriewirkung ge­ben, ihre Eigenschaften als Schussfeld, die Anzahl und Verteilung besonders ge­schützter und besonders gefährdeter Stellen“ (Lewin 1982, 320).

 

Körperliche Strapazen: „Über Müdigkeit, Fluchtgedanken und Verlangen nach Schlaf, über Hunger und Kälte reichte mein Leben und Denken nicht mehr hinaus“ (Reese 2004, 63). Märsche und Übungen dienen dazu, den körperlichen Erschöpfungszustand nicht mehr als individuel­les körperli­ches Signal zu empfinden, man darf sie nicht mehr spüren, denn man marschiert nicht für sich, son­dern für die Truppe. „Er darf hier nicht schlappmachen. .. Dazu hat er nicht das Recht. ... Gute Führer wissen, dass Erschöpfung zum Teil ein Geisteszustand ist und dass die Männer, die ihr nachgeben, auf einer bestimmten Ebene die Entscheidung getroffen ha­ben, sich über alle andern zu stellen. Wer nicht bereit ist, für andere zu marschieren, ist ganz sicher nicht bereit, für sie zu sterben ...“ (Junger 2010, 98).

 

Soziale Bindungen: „Über Sinn und Unsinn des deutschen Afghanistan-Einsatzes wird in der Truppe in aller Regel nicht mehr gesprochen. Wenn die eigene Einheit in das Land am Hindukusch verlegt wird, will man dabei sein und die ande­ren nicht im Stich lassen. ... Würden wir uns jetzt zurückzie­hen und Afghanistan sich selbst und damit den Taliban über­lassen, wären alle bisher gebrach­ten Opfer umsonst gewesen. Es ist eben nicht das Sterben an sich, was falsch ist. Es ist das sinnlose Sterben!“ (Lindemann 2010, 18). „Ich war Teil einer Einheit – ich war Teil von etwas, dem viele Menschen gerne angehö­ren würden“ (Gourevitch/Morris 2009, 141). Verführerisch am bewaffneten Kampf und anderen ‚Deep Games’ ist unter anderem dass sie so komplex sind und es sich beim besten Willen nicht voraussagen lässt, wie sie aus­gehen. ... aus dieser Ungewissheit erwächst die extreme Ver­bindung zwischen den Männern. ... die ge­meinsame Ver­pflichtung, das Leben des anderen zu schützen, ist unver­brüchlich und wird mit der Zeit nur noch verlässlicher. ... Loyalität gegenüber der Gruppe trieb die Männer in den be­waffneten Kampf – und gelegent­lich auch in den Tod - , aber die Gruppe bot auch die einzige psychologische Rückzugs­möglichkeit aus dem Hor­ror dessen, was sich abspielte“ (Junger 201, 285). Es lässt sich eine tiefe Genugtuung aus der gegenseitigen Über­einkunft schöpfen, zum Schutz einer anderen Person das eigene Leben einzusetzen. Der bewaffne­te Kampf ist so gut wie die einzige Situation, in der dies re­gelmäßig geschieht. „Im Kampf fühlen sich Männer zwar nicht leben­dig wie nie – das können sie beim Fallschirm­springen intensiver haben – aber von Nutzen wie nie. Hier können sie ihr Leben für andere einsetzen.“ (Jun­ger 2010, 279). „Könnte der Mensch einen Zustand finden, in dem er müßigginge und doch dabei das Gefühl hätte, ein nützliches Mitglied der menschlichen Gesellschaft zu sein und seine Schuldigkeit zu tun, dann hätte er damit ein Stück der ursprünglichen Glücks­eligkeit wiedergefunden. Und ei­nes solchen Zustan­des, in welchem der Müßiggang pflicht­mäßig ist und keinem Tadel unterliegt, erfreut sich ein ganzer Stand: der Militärstand“ (Tolstoi 1984, 129).

 

Spiel und Spaß: „Wir trieben unseren Spott mit Tod und Ge­fahr, verzerrten die Dinge und jagten alle Gedanken ins Gro­teske hinein. Wie Knabenstreiche machten wir unsere Späh­trupps zum Brunnen und wollten die Russen ärgern, indem wir Stahlhelme über den Grabenrand spazieren trugen” (Ree­se, 182). „Fast nichts von dem, was das Leben daheim le­benswert macht, ist in Restrepo (Ein­satzort im afghanischen Korrengal-Tal, Anm. MM-B) vorhanden, und daher muss sich die gesamte Bandbreite des Selbstwertgefühls eines jun­gen Mannes in der ruppigen Choreografie eines Feuerge­fechts spiegeln. ... Es ist der ultimative Test, und manche Männer sorgen sich, dass sie sich nach den vielen bewaffne­ten Kämpfen, an denen sie teilgenommen hatten, nie wieder mit dem‚normalen Leben’ – was auch immer das ist – zufrie­den ge­ben können. ’Ich mag die Feuergefechte’, gestand mir O’Byrne einmal” (Junger 2010, 188). „Die Langeweile ist so brutal, dass die Männer unverhohlen auf einen Angriff hof­fen. (Junger 2010, 265).

 

Moral: “Ich habe soviel Großes, Schönes, Grässliches, Ge­meines, Brutales, Entsetzliches und Grausames gesehen, dass ich wie alle ganz abgestumpft bin. Menschen sterben zu sehen, stört einem kaum noch den Ge­nuss eines Kaffees ...“ (Messer 1915, Fn 229). Ich „sah den russi­schen Kriegs-gefangenen bei ihrer Arbeit zu. ... Jede Be­wegung geschah träge, widerwillig, und die Wächter fluch­ten, schlugen sie mit Stöcken und den Kolben ihrer Gewehre. Ich fühlte keinen Zorn über die Misshandlung der Wehrlosen und kein Mitleid mit ihnen. Ich sah nur ihre Faulheit und ihren Trotz ... mein eigenes Schicksal füllte mich vollständig aus ... (Reese 2004, 48). „Die moralische Grundlage des Krieges scheint Soldaten nicht sonderlich zu interessieren, und ob sich auf lange Sicht Erfolg oder Verlust einstellen, hat fast keine Relevanz. Sol­daten machen sich über diese Dinge un­gefähr so viele Gedanken, wie Landarbeiter sie über die Weltwirtschaft ver­schwenden ...“ (Junger 2010, 38).

 

Motivationen: Ein britischer Elitesoldat, schreibt in seiner Biografie, dass für ihn die Einsätze in Afghanistan in den 1980er Jahren nichts anderes waren als ein anspruchsvol­ler, interessanter Job. Trotz mehrmaliger Verwundung schreibt er im Epilog „... aber mittlerweile ging meine in der Armee ver­brachte Zeit zu Ende: 22 vergnügungsreiche Jahre waren vor­über” (Carew 2001, 251). Ein US-Soldat, dessen Einheit unter Dauerbeschuss der Taliban stand, meinte, sie würden sich nach ihrer Militärzeit nicht betrinken, weil sie so viel Schlimmes erlebt hätten, sondern weil sie all die guten Dinge von ihren Kriegseinsätzen im Zivilleben vermissten. (Grazia 2010, 134). „Meine Zeit in der Bundes­wehr gehört zu den schönsten Abschnitten meines Lebens. ... Insbesondere danke ich all meinen Kameraden aus den Einsätzen für die gemein­samen Monate in Afghanistan” (Lindemann 2010, 282).

 

35 Sozialpsychologische Experimente zeigen, dass „die Macht der Situation“ ganz normale Menschen dazu bringt, sich grausam zu verhalten. Milgram-Experiment: Nur sehr wenige Versuchspersonen weigerten sich, auf Anweisung des Versuchsleiters Probanden schmerzhafte Stromstöße zu versetzten (Milgram 1974). Stanford-Prison-Experment: Stu­denten wurde per Zufall die Rolle ei­nes Gefangenen oder ei­nes Wärters zugewiesen. Die Gefangenen verbrachten 24 Stunden, die Wärter 8 Stunden am Tag in einer simulierten Gefängnissituation. Die zuvor gesunden und friedlichen Stu­denten verhielten sich als Wärter aggressiv, zum Teil sadis­tisch, und als Gefangene pathologisch. Das Experiment musste vorzeitig abgebrochen werden (Haney/Zimbardo 1977).

 

36 Stiglitz/Bilmes 2008

 

37 Medien sind ein Bindeglied zwischen der Politik und der Bevölkerung. Um ein Transmissionsriemen zwischen Indivi­duum und Gesellschaft, zwischen Politik und Bürgerschaft zu sein, müssen Medien auch soziale und emotionale Bedürf­nisse befriedigen (Luostarinen 1998, 147). Das tägliche Zei­tungslesen ist ein Ritual, das Gemeinschaft schafft. Journalis­mus ist eine Form geteilter Erfahrung. Das Lesen der Zeitung wird „in zurückgezogener Privatheit vollzogen, ... aber jedem Leser ist bewusst, dass seine Zeremonie gleichzeitig von Tausenden (oder Millionen) anderer vollzogen wird, von de­ren Existenz er überzeugt ist, von deren Identität er jedoch keine Ahnung hat” (Anderson 1996, 41). Nachrichten und Tageszeitungen erzeugen durch das Wiederholen von Mel­dungen in einem bestimmten zeitlichen Rhythmus ein Gefühl des Dazugehörens durch Bescheid Wissen. Zudem bewirken die vielen Wiederholun­gen, dass, wie Experimente gezeigt haben, Meldungen selbst dann geglaubt werden, wenn sie zu­vor als falsch bezeichnet wurden (Mausfeld 2015, 5). Da­durch gewinnt die für alle Massenmedien typische Redun­danz ihren Sinn. Massenmedien konstruieren nicht selten ihre eigene Realität: Im Büro der Hezbi-Islami in Pes­hawar wur­de der Gründer von Cap Anamur gefragt: „‚Sollen wir für Sie auch einen kleinen Krieg vorbereiten?’ ... vor allem amerika­nische Fernsehteams wünschten sich derlei makabre Insze­nierungen” (Neudeck 2003, 12). Ähnlich beschreibt Erös, wie einer seiner afghanischen Mitarbeiter für den Chefrepor­ter einer großen Illustrierten eine Bombenexplosion insze­nierte (Erös 2005, 175-182).

Allerdings gibt es auch viele Journalistinnen und Journalis­ten, die sich für eine objektive Berichterstattung und Aufklä­rung engagieren. Um Medien für den Friedenserhalt einzu­setzen, wurden folgende Kriterien für einen Friedensjourna­lismus entwickelt: Alle Beteiligte zu Wort kommen lassen und humanisieren; die Interessen und Beweggründe aller Konfliktparteien darstellen; Propaganda, Unwahrheiten ebenso wie Gräueltaten und Leid aller Seiten thematisieren und asymmetrische Kräfteverhältnisse nicht ausblenden; nicht den Gegner, sondern den Krieg als Problem darstellen; versöhnungsbereite politische Eliten und Bevölkerungsseg­mente zu Wort kommen lassen (Haydt 2015, 12).

 

38 Lysistrate ist eine Komödie von Aristophanes. Sie spielt während des peloponnesischen Krieges. Die griechischen Frauen besetzen die Akropolis und sind erst bereit, in die Häuser zurückzukehren, wenn zwischen Athen und Sparta Frieden herrscht.

 

 

 

 

Literatur

 

 

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