Liste der erschienenen Gedichte

Ach, du fröhliche ...

 

Da steh ich nun verschwitzt,erschöpft

mit meiner Last Geschenke.

Den Mantel hab ich aufgeknöpft

und seltsam, was ich denke:

 

O Weihnacht! Stille Sternennacht…

(Verflixt, wo steht mein Wagen?)

Wer hätte so was je gedacht:

Du bist die Zeit der Plagen!

 

Gedudel aus dem Radio

und ich sitz still am Steuer

und frage mich, wie werd ich froh?

O Weihnacht, bleib mir teuer!

 

Und dann auf einmal ist es da:

die Augen voller Wasser...

Jetzt fliege ich nach Florida

als froher Weihnachtshasser.

 

D.L.

 

 

 

Silvester 

Es fliegen Funkenschwärme.
Die Flamme Saltos schlägt.
Das Zimmer ist voll Wärme
vom Holz, das ich gesägt.

Hab Lust, mich zu betrinken,
doch ist die Flasche leer.
Die Schrippe mit dem Schinken
ist alt und schmeckt nicht mehr.

So vieles ging verloren,
was Ewigkeit verhieß.
Es glauben nur die Toren
noch an ein Paradies.

Das Leben wiederholt sich
mit jedem Morgenrot,
und mancherlei verkohlt dich,
statt Zucker gibt es Schrot...

Doch geht es auch so weiter
im nächsten Jahr - was soll's!
Mein Feuer brennt. Und heiter
hol ich mir neues Holz.

 

Hören

Die den Mund so voll nehmen,
gehöre ich zu denen?

Denen nichts gehört,
weil sie voll sind
des eigenen Getöses?

Wenn einem die Stille gehört,
so geh hin und bitte
um ein Stück davon!

Um die Leere zu füllen,
dass vor lauter Glück
du lachen musst.

 

D.L.

 

 

 

Der Wind

 

Von allen Seiten

weht der Wind.

Atem der Feinde,

Atem der Freunde:

wie ist der meine?

 

Den Kopf gebettet

im Büschel von Gras,

den Mund zur Erde: Sieh,

die Käfer sterben!

 

In unserem Atem

ist der Tod zu Haus,

der Krieg geht ein und aus

in unserem Mund.

 

Müd des Windes,

der anschwillt

von Stund zu Stund,

grab ich mich ein:

Hier, tief im Wald,

atmen die Bäume

den Frieden.

 

Helma Sander




Der Weg

 

Wäre der Weg

auf meiner Hand –

ich höbe die Hand zum Auge:

Geh, sag ich, lauf

und lass keine Spur zurück.

Hüpf ein wenig, wenn

Felskappen dich grüßen,

raste, wenn der blaue Fluss

einer Ader anschwillt.

                                             Was du da zu sehen bekommst!

Den Schorf der Wunde zwischen

den Bergen der Knöchel, und ist

da nicht die Holzfällerhütte,

rot gebälkt, darunter

die große heilende Ruhe

des Schlafs. Leise bröckelt

Morsches aus der Wand, weiß

blickt ein Inneres hervor.

Vielleicht ein Nachthemdzipfel, denn

Holzfäller können nur

im Nachthemd schlafen (sie hassen

ihren nackten Rücken im Schlaf).

Und jedes Härchen eine Brücke

zwischen nichts und nichts

und über nichts gespannt, nur

zum Scherz, und dann

Falten, Klüfte, Schluchten – ein

wüster Weg bis zu den Fingern

mit den Gletschern, rosenglatt,

an den Spitzen ist der Himmel

beispielsweise dieses Blatt Papier

und immer in Bewegung, irre Welt.

Wann endlich ruht ein Weg sich aus

und wann kommst, Auge, du zur Ruhe?

 

Rainer Lohmayer

 

 

 

Ein Ferienabenteuer in Schweden

 

Der schwedische Rundfunk berichtet:

Pilze sammeln sei nicht schwer,

doch habe man Deutsche gesichtet,

die pflückten Pilze mit dem Gewehr.

 

Wir waren‘s nicht, ich schwör es, nein.

Obgleich wir Waldpilze aßen.

Doch nach dem Essen fiel uns was ein.

Sogleich wir ein Pilzbuch lasen.

 

Dem Nachbarn gaben wir Bescheid:

wenn wir die Lampe schwenken,

dann wird es allerhöchste Zeit,

an einen Arzt zu denken.

 

Die Fichten stehen düster still

und alles scheint zu lauschen.

Uns keine Mücke stechen will.

Wer will schon an Gift sich berauschen?

 

Wir huschen zart aneinander vorbei,

wir lächeln und plaudern tapfer

vom Wetter, von Deutschland, ja wir zwei

sind prächtige Unsinnverzapfer.

 

Und dann... O Gott! Das Kind! Wie blass!

Ihm zittern schon die Hände!

Doch sind bloß seine Hosen nass.

Und wir mit den Nerven am Ende.

 

Am Morgen dann, bei Sonnenlicht,

hat uns ein Bauer gestanden,

man kocht ein solches Waldpilzgericht

auch nur den reichen Erbtanten.

 

Dieter Lenz

 

 

Gehen im Schnee

 

Was war gut an diesem Tag?

Dass die Luft grau war,

voll des trüben Traumes, der mich

seit Tagen nicht verlässt,

und dass darunter das Weiß des Schnees

von einer mächtigen, fröhlichen Farbe wurde?

Die blau war, wenn ich

an den Himmel dachte, rot,

wenn ich deiner gedachte, Mariann?

 

Und dass du einsankst

bis zur Hüfte, wo Fichten

auf dem Schnee standen,

wurzellos, das Gleichgewicht

des Blinden, denn wo, wo nur

war in diesem Augenblick das Licht?

 

Dass wir der Rehspur folgten

und plötzlich schien es,

als sei die Spur der Stich

von einem Stift,

den Weg uns weisend,

wo wir ins Schweigen gerieten,

so weit wie ein Schlaf?

 

Doch schließlich war‘s die Nässe

im Stiefel, die uns Antwort gab,

als spräche sie fortwährend

dasselbe und strapazierte

so Wollsocken und Stiefel.

 

Was ist der Fehler an den Dingen,

dass sie da sind,

als einzige, wenn wir glauben,

das Ziel erreicht zu haben?

 

Rainer Lohmayer

 


 

Verfügung

 

meine Verse sind
keine Gurken die sich nach

Gewicht verkaufen

meine Verse sind keine Sterne

die in der Nudelsuppe

schwimmen

meine Verse sollen
ins Gewicht fallen

poetisch schmecken


legt meine Verse auf
eure Waagschalen

Wort für Wort



© Cornelia Bera


 

 

Wie es ist

 

So wie es ist, soll es nicht bleiben

So wie es sein soll, wird es nicht sein

jedenfalls nicht demnächst

 

nicht stehen bleiben

weitergehen

 

auf Beton hinterlässt man keine Spuren

aber Staub lässt sich aufwirbeln

ein Körnchen davon tut weh im Auge

 

und schon ist es ein bisschen anders

als es ist.

 

Gabriele Thiere


 

 

Der Aussteiger


Du strengst dich an
im Mitgehn, Mitsein.
Doch irgendwann
entfährt dir ein Nein.

Zum Beispiel im Bus.
Gequassel ganz laut
und alles bloß Stuss:
"Wie der da ausschaut!

Und schau mal die!"
Man lacht dabei.
Und gackert wie
ein Huhn beim Ei.

Du warst bemüht,
weiß Gott, das reicht.
Was jetzt geschieht,
es fällt dir leicht.

Kein Abschiedsgruß.
  Das wäre Hohn.
Es fährt der Bus,
du gehst davon.

 

H.T.

 


 

Abendsee (Foto: Bera)
Abendsee (Foto: Bera)

 

November am Gorinsee

 

allein steh ich vor dir

du klares Aug'

du kaltes Wasser

 

nimm meine Tränen

nachts geweint

als ich mich verlor

 

so kann ich mich

wieder finden

in deinen Wellen

 

im feuchten Laub

an deinem Ufer

im Geruch des Ahorns

 

 ©  Cornelia Bera


 

 

 Auf dem Eis


Das Wasser schloss
der graue Star.
Ich steh darauf.

Geöffnete Augen
sind furchtbare Tiefen.
    

Mario Hartmann

 

 

Inmitten ...

 

Inmitten meiner Träume sitzend,
denk ich:
Warum lauf ich
nicht einfach davon?

Inmitten der Dinge sitzend,
kann ich nicht mal
die Lider senken,
um einzuschlafen.
        

 Mario Hartmann


 

Wir


Mal sind wir hier, mal sind wir da,
am liebsten sind wir fern und nah.
Das nennen wir Verreisen,
dass wir uns selbst zerreißen.

Ein Bein ist in New York,
das andre in Türkei,
ein Arm, der ist in Indien,
der andre in Hawai,
der Torso in Australien
und wo ist unser Kopf?

Man hat ihn uns genommen,
man braucht ihn auch nicht mehr.
Wir sind doch längst verschwommen
im Irgendwo als Irgendwer.

  Monika Reichert

 

 


Von Rotwein und Hunden

 

Gestern hast du mir Rotwein in

mein leer verwaistes Glas gegossen

der färbte die blassen Wangen

ich wusste nicht

wo die zitternden Knie verstecken

im Hof bellten Hunde

wir haben beide Angst vor Hunden

und gingen nicht mehr runter an diesem Abend

 

Du hast einen Pullover dagelassen

nicht gerade modisch

doch er reicht für zwei von mir und ist warm

 

heute muss ich schmunzeln,

als ich deinen Abdruck im Kissen sehe,

heute kann ich festen Schrittes in den Hof gehen

und direkt auf die Hunde zu.

 

Gabriele Thiere, Berlin