Die Armut kommt von der Pauvreté.

Kürzlich bat ihn ein Bankier um einen Wink, sobald etwas auf der Insel Sylt zum Verkauf stehe, erzählte Dahler. „Aber Sie haben doch schon ein schönes Haus auf Sylt?“, meinte der Makler verblüfft. Das stimme, erwiderte der Manager, doch er wisse einfach nicht, was er mit seinem Kapital anstellen solle. „Der Mann war fast ein bisschen verzweifelt“, sagt Dahler.  (DER SPIEGEL 6/2017 S. 66)

Der Ärmste. Er weiß nicht wohin mit seinem Geld.
Was würde ein Rentner denken, der zum Leben neben seiner  Rente noch einen Job  braucht, oder eine alleinstehende Mutter mit zwei oder gar drei Jobs, um über die Runden zu kommen..
Ach was, die können sich ja gar keinen SPIEGEL leisten.
Nehmen wir einfach an, sie finden dieses SPIEGEL-Heft. Ein Glücksfall. Denn sie können jetzt endlich erfahren, wie arm dran die Reichen sind.
Sie könnten natürlich auch wütend werden. Oder neidisch. Oder missgünstig. Sozialneid, nennen das einige Leute. Wahrscheinlich zählen sie zu den Ärmsten, die nicht wissen, wohin mit ihrem Geld.
Aber unsere beiden SPIEGEL-Leser sind weder wütend noch neidisch. Warum? Sie haben längst resigniert. Und sie fragen sich: Bin ich vielleicht selber schuld an meiner Situation? Es gibt doch kluge Leute, die das behaupten. Ja, wenn das so wäre, dann wäre der Bankier auch selbst schuld an seiner Situation.
Na, seine Schuld möchte ich haben.
Also wer oder was ist schuld an der Ungerechtigkeit? Denn eine Ungerechtigkeit ist es.
So viele Gelehrte haben die Frage zu beantworten versucht. Hat es geholfen? Einer - kein Gelehrter, aber ein Menschenfreund - gab aus Verzweiflung sogar diese Antwort: "Die Armut kommt von der Pauvreté". Das stammt von Nestroy, einem Theaterdichter, er hat es einer seiner Figuren sagen lassen. Das Publikum krümmte sich vor Lachen. (Die da lachten, waren sicher nicht die Armen.)
Unsere beiden SPIEGEL-Leser lachen nicht. Sie denken: Es hat keinen Sinn zu fragen.  Und bleiben stumm. Es war auch nur eine Randbemerkung von mir, pardon. Und tut nichts zur Sache.
Ja, so steht also noch immer die Frage im Raum: Wer ist schuld an arm und reich? Bestimmt muss man lange studiert haben, um sie beantworten zu können.
Da stoßen wir auf etwas Interessantes. Denn unsere Politiker sind durchweg Studierte, Akademiker, die es wissen sollten, und tatsächlich reden sie davon, dass die Reichen reicher werden und die Armen immer mehr. Warum ändert sich nichts? Vielleicht gibt es keine Lösung?
Und Rentner und Jobs-Inhaberin resignieren.
Halt. Da dröhnt etwas. Beide blicken auf. Eine Partei, die sich die Alternative nennt, donnert im Off: Wir ändern das. Sie sagt das so laut und mit so einfachen Worten, dass die beiden aufatmen und  hoffnungsvoll zu glauben beginnen.
Jetzt wird es spannend. Denn eine weitere Partei hat die Ungerechtigkeit entdeckt und verspricht: Wir tun was gegen die Ungerechtigkeit. Und sie sagt das in einem Ton, als wäre die Ungerechtigkeit etwas ganz Neues.
Ist es aber nicht. Die Journalisten reiben es der Partei unter die Nase: Das ist doch eine ausgelutschte Sache, die hattet ihr doch schon immer im Wahlprogramm.
Ja, es ist die SPD. Mit großem Getöse will sie den Kampf gegen die Ungerechtigkeit aufnehmen. Ganz oben soll es in ihrem Wahlprogramm stehen.
Und das ist gut so. Es gibt eben noch immer die Ungerechtigkeit und sie wird größer von Tag zu Tag. Doch sollte die SPD wie schon einmal entdecken, dass man den Vermögenden mehr geben muss, damit sie Arbeitsplätze schaffen, dann wird sich wieder mal nichts ändern. Denn, wie wir sehen, Arbeitsplätze allein helfen nicht gegen die Armut.

Dann wird es endgültig vorbei sein mit der Gerechtigkeitspartei und der nächste Bundeskanzler kommt aus der neuen Partei. Übrigens: ist die wirklich so neu? Pardon, wieder bloß so eine Randbemerkung, tut also nichts zur Sache. 
Die AfD ist eine Partei - man sieht es an den rückwärts gekehrten Gesichtern -, die vom Vergangenen träumt. Es müsste eigentlich ein Alptraum sein. Denn was war in der Vergangenheit? Von Gerechtigkeit keine Spur, im Gegenteil. Im Geschichtsbuch nachzuschlagen.  
Das zu wissen wäre gut für den Rentner und die Mehrfachjobberin.
Aber bis hierher sind sie beim Lesen meines Textes gar nicht gekommen. Sie sind vor Müdigkeit eingeschlafen.
Dumme Frage – haben die eigentlich das Internet?