Zwischen Troll und Buddha

Dieter Lenz

1969

 

1

 

Wir hatten den Auftrag, einen Fichtenwald zu lichten. Wir, das waren Gunnar, die Pflegejungen Kore und Sven-Gösta und ich, der deutsche Praktikant bei einer schwedischen Familie, ein junger Spunt.

Wir fällten kleine Jungfichten, kürzten sie auf 2 m Länge, hackten sämtliche Zweige ab und legten die Stangen zum Abtransport am Waldweg ab. Man nannte sie "Dänenstangen", denn sie wurden in Dänemark für Gartenzäune verwendet.

Sven-Gösta war es, der ihn entdeckte. Um die Krüppelkiefer tanzend und sich die Haare raufend, schrie er: ,,O Herre Gud! Ein Troll!“

Kore antwortete mit Kreischen und Verbeugungen, dabei schlug er mit den Armen auf und ab, als wäre er ein Vogel: „Jaha, ein Troll, ein Troll!“

Gunnar kam herbei, legte die Säge an und schnitt den Troll vom Stamm. Er schenkte ihn mir. Ich betrachtete ihn. Eine dunkelbraune, schuppige Figur. Behäbig stützte der kleine Kerl seinen Bauch auf die Fußpfoten. Sein Gesicht war dunkel wie der ganze Körper, die Augen kniff er zusammen. Die raue Haut der Figur kitzelte meine Handfläche.

,,Wie heißt der Tro1l, du Höllenteufel?“ fragte mich Sven-Gösta, ein bärenhafter Junge, 13 Jahre alt. Er fluchte oft und das mit biblischen Ausdrücken. Als ich einmal fluchte, wurde er böse: In Schweden sei das Fluchen verboten. Das war unfair von  ihm, denn schließlich gehörten seine Flüche zu meinen ersten schwedischen Wörtern.

Kore, 12 Jahre alt, spindeldürr und lang wie eine Bohnenstange, kicherte: ,,Troll heißt er.“

Danach hockte der Troll auf meinem Schreibtisch. Morgens traf ihn die aufgehende Sonne und am Abend flackerte der See durchs Fenster.

Ich glaube, der Troll fühlte sich wohl bei mir. Jedenfalls merkte ich bald, dass ich meine

Tabakdose nicht neben ihm liegen lassen durfte. Er mopste sich seinen Teil heraus und futterte ihn wahrscheinlich auf. Denn mein kostbarer Tabak war deutlich weniger geworden.

 

2

 

Lisa hatte Kuchen gebacken. Ein Blech goldbrauner Haferflockenscheiben, knusprig

und honigsüß. Am Nachmittag war das Blech leer, obwohl wir alle - wir versicherten

es uns gegenseitig - doch nur die Hälfte gegessen hatten.

Am Abend stellte ich den Troll zur Rede.

Troll: ,,Ich war es nicht, wenn du das meinst.“

Ich: ,,Denk nach.“

Troll: ,,Dafür bin ich nicht geschaffen.“

Tags darauf fand ich ein paar Kuchenstücke in einer Schublade meines Schreib-

tisches.

Troll: ,,Siehst du!“

Ich war verblüfft, ließ mich aber nicht lange zum Narren halten.

,,Das warst du“, rief ich.

,,Für dich, nur für dich“, sagte der Troll. ,,Nur für dich bin ich zum Dieb geworden.“

Zufällig kam Gunnar an der Zimmertür vorbei. Er hörte das Piepsen des Trolls. Er trat ein und erfasste die Situation mit einem Blick. Er ergriff den Kuchen und stopfte ihn sich in den Mund.

,,Es gibt nichts Schöneres“, sagte er, ,,als zufällig gefundenen Kuchen.“

Und das sagten wir denn auch Lisa. Sie blickte uns prüfend an. Danach kaufte sie sich eine Tiefkühltruhe und seitdem friert sie die Hälfte der Kuchen sofort nach dem Backen ein.

,,Ich hasse den Winter“, sagte der Troll. Er verzog sein Gesicht und pustete auf die Fingerspitzen. ,,Auch dann, wenn die Menschen ihn in einem Kasten eingesperrt halten.

 

3

 

Troll: ,,Warum bist du so geknickt, Gunnar?“

Gunnar: ,,Schau mal. Hier die Ameisenstraße... Sie läuft genau in der Fahrspur. Jedes Mal, wenn wir zur Hütte hochfahren und wieder heimfahren, zerquetschen wir tausende Ameisen. Wie kann man das ändern? "

Troll: ,,Ganz einfach. Bohr Löcher in die Reifen. Ja. Wo nichts ist, passiert nichts. Verstehst du? Die Ameisen werden von den Löchern der Reifen berührt. und weil ein Loch doch nichts ist, merken die Ameisen nichts.“

Gunnar: ,,Fantastisch!“

Troll: ,,Nicht wahr?“

Als Gunnar die Reifen des Fahrrads mit einem Schraubenzieher durchlöcherte, zischte die Luft heraus und das Rad hob sich in den Wind. Gunnar konnte sich noch schnell auf den Sattel schwingen und so flog er am Nachmittag über dem Dorf. Natürlich landete er weich vor dem Strandheim. Denn die Luft, die verströmt, hört einmal auf zu strömen. Und dann muss jedes Flugzeug landen.

Der Troll hatte Gunnar wieder um eine Spur weiser gemacht. Obgleich er selbst nicht damit gerechnet hatte, dass das Fahrrad fliegen würde.

Das erzählte mir der Troll. Und jetzt verstand ich auch Gunnars wunderliches Verhalten

beim Bau des Trockenklos bei der Hütte. Das Klohäuschen stand, die Sitzplatte hatte er gerade festgenagelt. Da kam er zu mir, kratzte sich hinter dem Ohr, wo sich die Haare kringelten. Er schüttelte den Kopf: ,,Wie geht das an! Es fehlt noch das Loch im Sitz! Wie kann aber ein Loch fehlen, das doch nichts ist? Erklär mir das...“

Ich konnte es ihm nicht erklären. Erst viel später stieß ich auf ähnliche Fragen in einem Buch über Buddhismus.

Gunnar wartete meine Antwort nicht ab. Er setzte sich auf die Platte, zog einen Strich um sein Gesäß und sägte die Scheibe heraus. Und tat erstaunt, wenn sich Frauen fürchteten, dort Platz zu nehmen.

,,Ist doch bloß ein Loch, und ein Loch ist doch nichts, oder?

 

4

 

Manchmal lief Birgit zum See hinunter. Sie hatte einen merkwürdigen Gang. Sie schaukelte in den Holzschuhen fast wie ein Seemann. Neben der Bootshütte setzte sie sich nieder und schaute auf den See hinaus.

Einmal huschte auch der Troll hinunter. Er ist ein neugieriger Wicht. Er kauerte sich Birgit gegenüber, rümpfte seine Nase und meinte griesgrämig: ,,Hier unten ist ja alles nass.“

Birgit schwieg.

Troll: ,,Auf wen wartest du?“

Birgit schwieg noch immer.

Troll: ,,Es ist die alte Geschichte. Man läuft von den Menschen weg, um sich Traum-

Menschen zu schaffen. Himmel, ich sehe einen Mann zwischen den Bäumen. Wie riesig

er ist.“

Jetzt lachte Birgit.

Troll: ,,Du hast ihn etwas zu groß geträumt, fürchte ich.“

Birgit warf die Haare von der linken auf die rechte Schulter. ,,Sei still.“

Troll: ,,Er macht sich lustig über dich? Ich weiß.“

Birgit: ,,Ich bin kein Kind mehr. Ich will eine kvinna sein. Eine Frau. Du verstehst.“

Troll: „Ja. Das heißt nein. Ich will immer nur ich sein. Aber meistens bin ich ein anderer. Hör zu: Ich werde ihn jetzt rufen.“

Und ich hörte seine Stimme, oben in meinem Zimmer, es war wie das Fiepen eines Funkgerätes. Ich ging ihm nach und fand die beiden neben der Bootshütte. Kaum sah mich der Troll, kletterte er in einen Birkenbusch und pflückte geschäftig Blätter. Er konnte in seinen kleinen Fingern nicht viel halten. Er brummte: „Jetzt muss ich hinauf und die Blätter auf den Tisch zum Trocknen legen. Daraus wird ein Tee. Danach könnt ihr gut pinkeln." Und weg war er.

Birgit und ich saßen nebeneinander. Die Büsche und Bäume dufteten. Der See platschte, die beiden Boote zerrten dann und wann an ihren Ketten.

 

5

 

Der Troll hatte meine letzten Tagebucheintragung gelesen.

Er kringelte sich vor Lachen, er kugelte auf der Schreibtischplatte hin und her. Ich wartete auf einen günstigen Moment, riss eine Schublade auf, der Troll purzelte hinein. Schnell schob ich die Schublade zu.

Nun muss ich sagen, dass der Troll schon seit einiger Zeit so närrisch war. Lisa hatte im Webzimmer auf Tisch und Fensterbrettern Lindenblüten ausgebreitet.. Wir hatten sie von den Linden am ehemaligen Pfarrhof gepflückt im Wettkampf mit Oskars Bienen. Oskar ist unser Nachbar, ein alter Bootsbauer, sein Häuschen steht etwa hundert Meter vom Strandheim auf einer kleinen Anhöhe unter hohen Fichten. Fünf Bienenvölker hat er.

Wer jetzt Lisas Webzimmer betrat, kam betrunken wieder heraus. So dufteten die Blüten. Der Troll hatte es schnell gemerkt und holte sich täglich einen kleinen Rausch.

,,Ich bin nicht betrunken! Lass mich raus!" rief er aus der Schublade.

,,Ich lass mich nicht verhöhnen von einem total berauschten Troll."

,,Ich bin nüchtern. Und ich habe gelacht, weil du in deinem Text vom Norden sprichst. Wir leben doch im Süden! Småland ist Südschweden! Hör mal, lass mich raus, heut ist Flaggentag! Lass mich raus. Ich bin ein Patriot!"

Sogar Gunnar, Lisa und die Jungen, dachte ich. Gunnar hauptsächlich, weil es bei der Feier kostenlos Kuchen und Kaffee gibt. Ich selbst wollte hierbleiben und das Haus mit dem Baby hüten.

Auch einen Troll soll man nicht von seiner patriotischen Pflicht abhalten. Ich ließ ihn heraus und schon war er durchs Fenster verschwunden.

Eine halbe Stunde später stehe ich am geöffneten Fenster, ich höre einen vielstimmigen Gesang aus Richtung des Sees. Der Wind trägt ihn her. Dort, unter den Eichen, im Hembygdspark, singen sie die Nationalhymne Schwedens, und plötzlich wird mir traurig zumute und mich erfasst eine große Sehnsucht.

 

6

 

,,Wo warst du“, fragte der Troll.

,,Wir haben das Netz an der Kuhinsel eingeholt, das wir gestern ausgelegt hatten.“

,,Und was gefangen?“

,,Ein Froschliebespärchen.“

(Nichts im Netz als Zweigstücke und ein eng verbundenes Froschpärchen. Gunnar

löste es behutsam aus den Maschen. Die beiden Frösche sahen uns still mit ihren

Knopfaugen an, ließen aber nicht voneinander ab. Sie fielen aus Gunnars Hand ins Wasser, so wie wir sie ans Licht geholt hatten: aneinandergeklebt.)

,,Was ist das, ein Liebespärchen?“ fragte der Troll weiter.

,,Zwei Frösche, die sich lieben.“

,,Und was ist ,lieben'? Schon gut, schon gut, ich sehe, du weißt es nicht. Aber ich weiß es. Wir Trolle wissen alles.“

,,Wenn du schon alles weißt, warum fragst du mich?“

,,Weil es merkwürdig mit den Menschen ist: So ist etwas und so spricht ein Mensch darüber. Das sind zwei verschiedene Sachen. Also, damit du es weißt: Liebe ist Fortpflanzung. Damit hab ich glücklicherweise nichts zu tun. Ich bin aus Holz."

Sollte ich dem Troll jetzt erzählen, wie sich das Holz liebt? Wie zwischen Fichten

und Birken ungeheuerliche Leidenschaften stattfinden? Bin ich nicht gestern von einer

Fichte verprügelt worden, weil ich ein paar Blätter von einer Birke zupfte? Und als wir drei Fichten fällten, Gunnar und ich: wie viel Trauer hing in den Zweigen der überlebenden Bäume?

Was weiß schon ein Troll.

,,Oho“, sagte der Troll auf einmal. ,,Beispielsweise, wo du dich herumtreibst.. Man sieht dich ja schon gar nicht mehr in der Hütte.“

„Ich bin auf Blaubeersuche.“

„Und warum bringst du nie welche mit? Kein Wunder, es wären ja auch immer nur zwei.. Sehen die so aus?“

Er neigte den Kopf zur Seite und sah mich an. Neckisch? Verführerisch? Anhimmelnd?

„Lass das“, sagte ich, „du schielst. Außerdem stimmt die Farbe nicht. Deine Augen sind schwarz, rabenschwarz.“

„Soll ich sie blau machen? Liebst du mich dann?“ Er gickerte. „Ja, es ist Mittsommer. Dann ist alles möglich. Da wurde Odin Mensch und suchte sich eine Menschenfrau. Heute könnte man sagen, da werden Männer Odin und ..“

„Schon gut, schon gut,“ unterbrach ich ihn. ,,Du hast mal wieder in meinen Büchern gestöbert. Lass gefälligst deine Pfoten davon.“

Der Troll lachte. Es war ein geringschätziges Lachen.

„Bücher! Wenn einer was wirklich weiß, dann schreibt er's nicht auf, er lebt es.“

 

7

 

Es war Zeit, den Koffer zu packen. Man muss ja auch mal Geld verdienen.

Troll: „Ich will mit!“

„Du wirst in Berlin nicht glücklich sein“, sagte ich. „Es ist eine verrückte Stadt..“

Troll: „Na großartig. Mal was Neues.“

„Sie ist gespalten, verstehst du. Mitten durch.. in Ost und West.“

Das hätte ich nicht sagen sollen. Er schlug Saltos auf meinem Schreibtisch und quietschte wie eine Gummiente.

Nein, dachte ich, jetzt erst recht nicht. Als Erstes würde er sofort mit den Grenzern ein Gespräch anfangen und sie womöglich in Bäume verwandeln. Andererseits, wo sollte ich ihn zurück lassen? In einer Schublade? Lisa hatte beschlossen, die Zimmer im Strandhem an Sommergäste zu vermieten.  Der Erste, der die Schublade aufzieht, würde einen Herzinfarkt bekommen ..

Und darum nahm ich ihn mit. Zuvor musste er mir hoch und heilig versprechen, in Berlin keinen Unsinn zu machen, es gäbe dort schon zu viel davon. Mit einem Seufzer versprach er es. Besser hätte auch Gunnar nicht seufzen können. Dann sprang er in meinen Koffer.

Das Auto wartete. Es sollte mich zum Schienenbus bringen. Ein letzter Blick in Augen, die mir lieb geworden waren. Dann die drei Birken vorm Haus, der See, der Waldhorizont, das Haus. Und los.

In Hamburg eine Zwischenstation beim NDR. Ich war schon mal hier. Da war ich 16, hatte ein Theaterstück eingesandt, eine Bande Halbstarker zog rebellisch durch Deutschland, mit dem Ansinnen, man müsse erst alles zerstören, um neu aufbauen zu können, und ich saß Egon Monk und Helmut Käutner gegenüber, die auf mich einredeten, ich begriff nichts und verließ das Haus an der Rothenbaumchaussee ohne die geringste Ahnung, was man von mir gewollt hatte. Und jetzt saß ich wieder hier, einem Regisseur gegenüber, Marcus Scholz, und wieder ging es um ein von mir eingesandtes Stück und wieder begriff ich nichts. Trotzdem wollte er das Stück (die Mauer wurde aufgrund der großen Liebe von Kasper im Westen und der Gretel im Osten von einer sympathisierenden Menschenmasse auf beidern Seiten eingerissen) auf einer Studentenbühne inszenieren. Und es kam nichts. Das wunderte mich nicht, ja, eigentlich hatte ich sogar richtig Glück gehabt. Zweimal ein Gespensterhaus besucht und jedesmal mit dem Leben davon gekommen!

Als ich in das winzige Pensionszimmer zurückkehrte, um meinen Koffer abzuholen, sah ich beim letzten Prüfblick ins Zimmer auf dem Nachttischen einen kleinen holzgeschnitzen Buddha. Ich stutzte, öffnete noch einmal den Koffer – tatsächlich, der Troll war verschwunden. Und da saß er als dickbäuchiger Buddha und griente mich an. Was soll der Quatsch, dachte ich, und stopfte die Figur, in den Pullover gewickelt, in den Koffer. Ich musste mich beeilen, der Zug fuhr in einer halben Stunde.

Als ich in Westberlin den Koffer öffnete, dachte ich, jetzt passiert es. Aber nichts geschah. Kein Troll sprang mir entgegen. Im Koffer lag noch immer der kleine Holz-Buddha, mit dem feisten Bauch und dem grienenden Gesicht.

Na schön, dachte ich, mach dich nur lustig über mich! Ich steckte ihn in die oberste Schublade der Kommode neben meinem Bett. Merkwürdig, kein Gerumpel. Die ganze Nacht nicht, auch nicht am nächsten Tag. Ein Zeichen, dass er ein Buddha bleiben wollte? Ich holte ihn aus der Schublade und stellte ihn auf den Schreibtisch.

 

 

8.

 

Das Feuer der Studentenrevolte, an dem auch ich mich wärmte, erlosch schneller als gedacht. Alle möglichen Bücher über den Buddhismus waren gelesen und meine Frauenbeziehungen waren von kurzer Dauer. Ich führte eine kleine Buchhandlung mit Untergrund-Literatur, bevor sie pleite ging, wurde ich Angestellter in einem Fachverlag und da blieb ich hängen.

Da erreichte mich Gunnars Brief. Das war Anfang Mai 1989. In seiner krakeligen Handschaft schrieb er, die letzte Hütte sei fast fertig, ob ich nicht kommen wolle, um ihm bei den restlichen Kleinigkeiten zu helfen. Ich könne kostenlos darin wohnen, so lang ich wolle. Ich sagte sofort zu.

 

Während ich die notwendigen Sachen in meinen alten Segeltuchkoffer verstaute, ging mir das Resumee meines bisherigen Lebens durch den Kopf. Bei den Linken war ich nie richtig angekommen (ich hatte wohl zu viel von Bäumen gesprochen) und ebenso wenig hatte ich zum Buddhismus gefunden. Ja, dazu hatte mich diese kleine Figur verleitet, nachdem ich zu ahnen begonnen hatte, dass im Leben mehr geschehen müsse als demonstrieren und politische Streitgespräche führen. Die gesellschaftlichen Probleme waren verblasst, jetzt ging es um mich und meine Zukunft.

„Satori“ heißt im Buddhismus das Erkennen der Wahrheit, erst danach lebt man richtig. Manchmal stellte ich mir Satori wie einen Blitz vor, der mir eine Ladung Licht verpasst und danach würde ich ein anderer Mensch sein.

Aber, offen gesagt, in all den Jahren gab es nicht das geringste Anzeichen davon. Weder bei einer APO-Demonstration noch nach einem LSD-Tripp.

Die Buddhafigur hatte sich als völlig nutzlos erwiesen. Sie blieb stumm, rührte sich nicht, war einfach ein Stück Holz und diente als Briefbeschwerer. Ich nahm sie in die Hand und sagte: „Schluss! Finito! Ich setz dich im Wald aus, da gehörst du nämlich hin.“

Ich rollte die Figur in ein Handtuch und dann: Koffer zu!

Zwei Tage später war ich in O. in Småland/Schweden, wo vor zwei Jahrzehnten alles begonnen hatte.

 

1989

 

1

 

Nachts fuhr ich hoch und tastete nach der Taschenlampe. Das Gekreisch war direkt vor mir. Nicht zu glauben. Auf meinem Schlafsack hockte der Troll! Sein Fell sträubte sich, seine Augen waren weiß vom Lampenstrahl.

„Wach auf verdammter Penner! Wir ersaufen!“ zeterte er. „Tu was!“

Und da hörte ich es. Prasseln von schweren Regentropfen aufs Dach. Ich schwenkte den Lichtstrahl zur Decke. Von den Brettern tropfte es. Zum Teufel auch... Die Hütte war eine Tropfsteinhöhle

Nur „Kleinigkeiten“ wären noch zu machen,  hatte Gunnar geschrieben. Eine Kleinigkeit war offenbar das Dach. Es bestand aus Brettern und einer dünnen Plasikplane darüber. Es fehlten die Lattung und die Ziegel. Und jetzt regnete es durch.

In der nächsten Stunde verteilte ich allerlei Auffanggefäße auf dem Boden. Einmal rutschte ich aus und schlug lang hin, was der Troll mit einem Geheul quittierte.

Dann hüpfte er zwischen den Pfützen herum, kippte eine entzündete Kerze um und schimpfte auf Gunnar.

„Der ein Zimmermann? Ein fauler Sack ist das! Was hat der die ganze Zeit getan? Eine Niete ist das, eien Arschgeige! Ein versoffener Wasserfallbauer! Echt! Ich mach ihn fertig!“

Es waren schlimme Berliner Schimpfworte. Andererseits... Wie hatte ich sein Geschimpfe vermisst!

He du! Wo warst du die ganze Zeit?"

„Ich war immer da, du Nulpe!“ tobte er. „Red keinen Blech, Mann!“

Nulpe! So nannte mich mal eine Jungbuchhändlerin, mit der ich einige Zeit zusammen war. Hat der Buddha etwa alles mitbekommen? Ein scheußlicher Gedanke.

„Du hast ja nen Knall“, sagte er. „Ich war nie in Berlin. Was ist das: Berlin?“

Ich sagte, er hätte Berliner Schimpfworte verwendet. Woher er die wohl kenne?

Du gehst mir auf den Sack, Mann! Halt die Klappe!

Er sprang auf den Kaminsims und hielt seinen Hintern in die aufsteigenden Wärme.

So ordinär war es in meiner Berliner Wohnung nun doch nicht zugegangen. Wahrscheinlich hatte er sich während meiner Abwesenheit auf den Straßen herumgetrieben. Am besten ich ignoriere ihn, dachte ich.

Als ich mit dem Aufwischen fertig war, sah ich auf den Wecker. Vier Uhr morgens. Den Schlaf fortzusetzen, dazu war es zu spät. Ich brühte mir einen Kaffee, ein Gang zum Brunnen war nicht notwendig, es war ja genug Wasser da. Dann saß ich in der Küche am bullernden Herd und erklärte dem Troll, ich sei längst aus dem Alter, um mich mit so was wie einem Troll abzugeben, jetzt würden mich erwachsene Dinge beschäftigen und darum würde ich ihn im Wald freilassen. Es sei denn, er verwandele sich wieder zum Buddha und bliebe auch ein Buddha.

„Freilassen? So ein Quatsch. Ich bin frei!“

Und dann sauste er an der Wand entlang, machte einen Salto auf den Tisch und erstarrte neben meiner Schreibmaschine. Den ganzen Tag sagte er nichts und rührte sich nicht. Sehr schön.

Es hörte nicht auf zu regnen, und Gunnar kam nicht. Ohnehin hätten wir im Regen auf dem Dach nicht arbeiten können. Schon am Morgen hatte ich ein Kaminfeuer entfacht. Am Abend wurde es gemütlich. Das Licht vom prasselnden Kaminfeuer wechselte mit den zuckenden Schatten an den Hüttenwänden, friedlich lag das ruhige sanfte Leuchten der Petroleumlampe auf dem Tisch, fast melodisch wie ein Xylophon klang das Geräusch der fallenden Tropfen in die Schüsseln und Blechdosen, und die Figur neben meiner Schreibmaschine war nur ein Stück altes Holz aus einer Zeit vor 20 Jahren.

 

Am nächsten Tag hatte die Sonne überhaupt nichts an! Frühstück vor der Hütte, und dann kam Gunnar, kurz darauf hatte er Nägel im Mund und ich den ersten Holzsplitter in der Hand. Wir nagelten Lattenreihen aufs Dach. Und wie immer sangen Gunnars Nägel bei jedem Schlag, während meine sich vor Schmerz krümmten.

 

 

2

 

Es war Mittag. Die Blockhütte stand im Sonnenlicht am unteren Ende einer Wiese, fas in den Wald gedrückt, als wollte sie sich verstecken. Sie hatte weder Strom, noch Wasser, auch keine Toilette.

"Aber drinnen ist sie perfekt.." hatte Gunnar gestern gesagt.

Drinnen, das waren ein großes Zimmer, eine winzige Kammer und die Küche. Statt eines Bettes lag auf dem Zimmerboden eine Matratze mit Schlafsack, das Bett sollte noch geliefert werden. Vor dem einzelnen Fenaster zur Ostseite ein Holztisch mit Stuhl. Kein Schrank, aber eine kleine Kommode und neben der Tür in Kopfhöhe ein Brett mit Kleiderhaken. Sonst nur frei liegende Balkenwände. Dafür gab es neben dem Küchendurchgang den Luxus eines offenen Kamins.

In der Küche ein gusseiserner Herd, ein Esstisch mit Schublade, zwei Stühle und ein kleiner Hängeschrank für Geschirr, Töpfe usw. sowie eine große Plastikschüssel zum Waschen im Ausguss, der nicht benutzt werden durfte. Das gebrauchte Wasser sollte ich draußen auskippen.

Perfekt, was?“

Etwa 15 m von der Hütte entfernt, schon ein paar Schritte im Wald, befand sich das Plumpsklo. In der Wiesenmitte, in der Nähe einer Kastanie, war ein ummauerter Ziehbrunnen. Mit einer Kurbelwalze wurde der angekettete Eimer hinab gelassen, gefüllt wieder herauf gezogen und das Wasser in den mitgebrachten Blecheimer gegossen.

Als ich mich nachmittags an den Schreibtsich setzte, stutzte ich. Da stand eine Buddhafigur und sah kein bisschen anders aus als in meiner Berliner Wohnung. Ich beklopfte sie mit dem Knöchel, schüttelte sie, hauchte sie an. Nichts. Ich stellte die Figur wieder hin.

Also was ist, wirst du nun Troll oder nicht?

Ich wartete. Aber die Figur rührte sich nicht. Sie war eben doch nur ein Stück Holz und ziemlich unnütz. Vielleicht sollte ich sie wieder als Briefbeschwerer nutzen?

 

Auch der nächste Tag war fantastisch: blauer Himmel mit Sonne. Mittags stand die Wärme in der Hütte, es roch nach Holz, die Gardinen hatte ich zugezogen, nur die gefilterte Sonne drang herein. Der Raum dämmrig wie geträumtes Wasser. Darin winzige Sonnensplitter wie Goldfische. Wenn sich die Gardinen bewegten (ich hatte die Fenster zur Wiesenseite geöffnet), zogen Lichtwellen durch die Hütte wie das Bauchmuster eines Hechtes.

Gunnar, von einer Regenankündigung im Wetterbericht aufgescheucht, kam mit dem Rad und nagelte die letzten Latten. Ich reichte ihm die  Dachziegel. Wir beeilten uns und und schafften es, das halbe Dach zu decken.

Feierabend. Die Petroleumlampe auf dem Tisch gab ein mattes Licht. Hinter mir, rechts vom Küchenzugang, brannte das Kaminfeuer. Schwarz die Hüttentür, die beiden schmalen Fenster darin glichen Eulenaugen, in denen das Grün der Wiese leuchtete, langsam dunkelten sie und die Nacht begann. Im Lichtkreis des gelben Glaszylinders sitzend, montierte ich ein neues Farbband in die Schreibmaschine.

 

 

3

 

Das mit dem Bett zog sich in, ich lag immer noch auf der Matratze in meinem Schlafsack. Wer weiß, ob das überhaupt noch in diesem Sommer klappte. Die Hütte, so hatte Lisa, Gunnars Frau, wohlweislich beschlossen, sollte erst im nächsten Jahr an Sommergäste vermietet werden.

Nachts lief eine Maus mehrmals an der Wand vorbei, in meiner Kopfhöhe. Gunnar gab mir einen verrosteten Drahtkäfig. Er war strikt gegen das Töten mit einer – wie er es nannte – Hinrichtungsfalle. Seine Zuneigung zu allen Lebewesen war manchmal erschreckend. Einmal beobachtete ich, wie auf seinem nackten Arm eine Bremse landete. Anstatt sie wegzuscheuchen, ließ er sie sitzen und sah mit verträumtem Blick zu, wie sie sich voll Blut saugte.

Am nächsten Morgen saß die Maus im Käfig. Tief im Wald ließ ich sie frei. Aber schon in der folgenden Nacht war sie wieder da und ich musste die Prozedur mit dem Käfig und dem Aussetzen wiederholen. Das geschah noch dreimal, dann gab ich es auf und verlangte von Gunnar, die Matratze hochzustellen, damit ich die Maus nachts nicht im Gesicht hätte.

Er wiegte seinen halbkahlen Schädel hin und her. Stunden später kam ein Bauer mit Trecker und lud zwei uralte, mit Hühnerdreck verschmutzte Holztische vom Hänger. Ich reinigte sie mit heißem Wasser und Bürste. Nachdem sie auf der Wiese in der Sonne getrocknet waren, schob sie Gunnar im Hüttenzimmer aneinander, bedeckte sie mit Zeitungspapier und legte die Matratze darauf.

„Siehst du! Perfekt.“

„Ist doch viel zu hoch! Soll ich mir im Schlaf den Hals brechen?“

Er seufzte und halbierte die Tischbeine mit seiner Handsäge. Erstaunlicherweise wackelte keiner der beiden Tische.

Perfekt.

 

 

4

 

„Du hast einen Buddha?“

Er hatte den Troll in der Hand .

„Das ist doch kein Buddha!“ sagte ich. „Erkennst du ihn nicht? Das ist der Troll, den du mir geschenkt hast, als wir mit Kore und Sven-Gösta im Wald waren. Erinnerst du dich?“

„Klar erinnere ich mich. Aber du hast ihn bei deiner Abreise vergessen und Lisa hat ihn zum Brennholz genommen. Der ist längst Asche. Aber sag mal, was hast du für den bezahlt?“ Er drehte die Figur und besah sie sich von allen Seiten. „Der ist niemals indische Eiche. Pass mal auf..“ Und schon hatte er das Falunmesser aus der Lederscheide an seinem Gürtel gezogen und wollte ins Holz schneiden. Der Troll schnellte aus seiner Hand und verschwand.

„So was... Ist mir aus der Hand geflutscht. Aber ich sag dir, das ist eine billig Imitation. Hast dir da was Hübsches andrehen lassen.“ Er steckte das Messer zurück. „Komm! Zum See! Das Netz auslegen!“

„Gleich“, sagte ich und wartete, bis er draußen war.

Humpelnd kam der Troll unter der Kommode hervor. Seine Augen brannten vor Zorn.

„Er wollte mir was abschneiden!“

„Du warst ja ein Buddha,“ sagte ich. „Selber schuld! Das hast du von deinen Tricks!“

„Auch bei einem Buddha tut man so was nicht!“

In diesem Moment kam Gunnar herein. „Wo bleibst du?“ Und dann mit einem Blick in die Runde. „Mit wem redest du?“

Was machte der Troll? Still saß er da, eine Buddhafigur.

„Mit mir selbst“, sagte ich

Gunnar war meinem Blick gefolgt.

„Du glaubst es mir nicht, was?“ Er trat an den Tisch und griff sich den Troll. „Hier... Sieh mal den Einschnitt. Das ist Kiefer, keine indische Eiche. Schmeiß den Schund weg.“ Er stellte den Buddha zurück. „Und jetzt komm schuften, du Schuft.“

Er liebte solche Wortspiele.

Kurz darauf ruderte ich über den See, Gunnar, am Hack stehend, ließ das Netz durch die Hände gleiten.

 

 

5

 

Gunnar hatte die Stimme des Trolls nicht gehört, offenbar konnte nur ich sie hören, und so wunderte ich mich gar nicht, als in nächster Zeit der Troll mit mir sprach, obwohl jemand anderes zugegen war. Allerdings konnte ich nicht antworten, das hätte merkwürdig ausgesehen, und das nutzte der Troll aus. War er schlecht gelaunt, belegte er mich mit Schimpfworten, das war zu ertragen. Anders, wenn er auf meine Vergangenheit zu sprechen kam. Tatsächlich hatte er alles in Gestalt des Buddhas mit erlebt, was in meiner Wohnung passiert war. Am liebsten brachte er mir meine Liebschaften in Erinnerung, die kein gutes Ende gefunden hatten.

Einmal wurde er ganz bissig. Das war, als Gunnar und ich in der Küche saßen, Kaffee tranken und meinen frisch gebackenen Sandkuchen aßen. Während Gunnar mir die europäischen Baumarten erklärte, er war das reinste Lxikon, hörte ich von nebenan die Stimme des Trolls, ich sei auf der Suche nach einer Traumfrau, die es nicht gäbe, jedenfalls nicht für mich, dazu sei ich zu blöd.

Ich durfte nicht antworten, ich beschloss einfach nicht hinzuhören, aber er hatte diesmal eine besonders spitze Stimme, die durchdrang Gunnars sanft gesprochenen Erklärungen und so war ich am Ende blamiert, als er mich einer Prüfung des Gehörten unterzog, ich wusste nichts, und er nannte mich "einen hoffnungslosen Fall".

 

 

6

 

Ich spürte eine nervöse Unruhe. Die hellen Nächte hatten begonnen.

Eines Nachmittags tauchte Gunnar auf und sagte, eine Studentin aus Westdeutschland hätte die Dalastuga für eine Woche gebucht.

"Sie kommt am Nachmittag. Guck doch mal am Abend vorbei. Vielleicht hat sie Probleme. Du kennst ja die Hütte.“

Und ob ich sie kannte. Ich hatte ihm vor zwei Jahrzehnten beim Bau der Blockhütte geholfen. Eine echte Holzfällerhütte. Ohne Strom und fließend Wasser. Und Pumpsklo!

Um 18 Uhr machte ich mich auf den Weg, neugierig auf die Studentin, aber auch auf den Ort, den ich als ganz jungen Mann gesehen hatte.

Ohne dieparkendeEnte“ ein alter, blauer C4   auf dem Waldweg hwäreich glatt vorbei gefahren. Mannshohe Wacholderbäume überall und von der Hütte war nur der Dachgiebel sichtbar. Ich lehnet das Rad an eine Birke und folgte dem Pfad. Schon anch wenigen Metern roch ich den Rauch. Ich beeilte mich.

Die Studentin stand vor dem offenen Kamin, schulterlanges, dunkelblondes Haar, blaue Augen, die mich verstört ansahen. Qualm quoll aus der Kaminöffnung. Sie hatte vergessen, am Schornstein den Schieber zu ziehen. Nachdem ich das getan hatte, zerrte ich mit dem Feuerhaken die Scheite auseinander, damit sie Luft bekamen. Das Feuer flammte auf. Die Studentin hatte sich neben mich gehockt, bis jetzt hatte sie kein Wort gesagt, nicht einmal auf meine Begrüßung hatte sie geantwortet. Ihr Mund war leicht geöffnet, ihre Augen glänzten. Mir fiel auf, wie rot ihre Wangen waren. Warum schwieg sie? Sie war doch nicht stumm? Vielleicht störte es sie, dass ich sie duzte. Aber das war in Schweden üblich. Um ihr die Verlegenheit zu nehmen, begann ich ganz locker über die Hütte zu reden, an der ich mitgebaut hätte, während wir dicht nebeneinander kauerten und in die Flammen sahen. Plötzlich reichte sie mir die Hand, ohne mir das Gesicht zuzuwenden, ich nahm sie, wobei ich den Redefluss fortsetzte. Die Hand war weich, und es fühlte sich an, als überließ sie sie mir vertrauensvoll. Ich wusste nicht, was ich tun sollte, so drückte ich sie und gab sie dann frei. Noch immer sagte sie nichts. Eine Strähne war ihr ins Gesicht gefallen. Inzwischen brannte das Kaminfeuer, ich stand auf, sie ebenso, ich sagte, sie würde sich bestimmt wohlfühlen, man lebe mit der Hütte im Einklang mit der Natur und meine Hütte läge nicht weit entfernt, ich käme morgen kurz vorbei, um zu sehen, ob alles in Ordnung sei. Stumm stand sie da, mit geröteten Wangen, den Blick aufs Feuer gerichtet. Im Halbdunkel zeichnete sich ihr Körper ab. Für einen Moment fühlte ich einen Schwindel. Ein wenig hastig verabschiedete ich mich.

Auf dem Heimweg fragte ich mich, wie sie das in dieser primitiven Hütte aushalten wollte. Und dann schoss mir durch den Kopf: vielleicht hatte sie gar nicht meine Hand verlangt, sondern das Schüreisen.

Ich musste sie unbedingt morgen aufsuchen.

 

 

7

 

Das Auto stand nicht auf dem Weg, wahrscheinlich war sie beim Dorfhändler, um die nötigen Lebensmittel einzukaufen. Neugierig, wie sich die Studentin eingerichtet hatte, sah ich durch ein Fenster in die Hütte. Der Raum war leer. Kein abgestellter Koffer, keine Kleidung über einen Stuhl gelegt, das schmalen Holzbett an der Wand ohne Bettzeug und auf dem der Tisch vorm Fenster lag nicht der geringsten Gegenstand eines Menschenaufenthalts. Keine Spur von einem Bewohner. Dazu die toten Fliegend auf dem Fensterbrett, sie waren das Erste, was Frauen aus der Hütte entfernten. Was mich allerdings besonders irritierte war der Holzstapel neben dem Kamin.

Ich radelte sofort ins Dorf zu Gunnar. Er war in seinem Treibhaus bei den Tomaten, ich erkundigte mich nach der Studentin.

Er sah mich vorwurfsvoll an. „Immer müssen sie rasen!“, sagte er. „Sie ist verunglückt, da war wohl ein Elch im Weg. Sie liegt im Krankenhaus.“

Ich sagte kein Wort mehr und fuhr davon. Aber nach hundert Meter stieg ich ab und schob das Rad neben mir her.

Das konnte ich keinem sagen, was ich erlebt hatte. Das alles muss ich mir eingebildet haben. Sicher bin ich zur Hütte gefahren, doch als sie unbewohnt war, habe ich mich auf einen Findling im Gras gesetzt und alles geträumt.

Ich gebe zu, ich halte die Wirklichkeit schon immer für mangelhaft. Ich will immer eine andere, eine bessere. Als ich demonstrierte, wollte ich die Wirklichkeit ändern. Es sollte eine Welt werden, in der alle Menschen glücklich sind. Jedenfalls habe ich es versucht. Als das nicht gelang, wollte ich wenigstens mich verändern. Über die Sterne hinaus, in die Seele des Universum wollte ich dringen.. Ein völlig neuer Mensch! Ja, ich wollte mehr sein, als ich bin. Ist das ein Fehler? Kann ein Mensch denn überhaupt zufrieden sein, wenn er um seine Mängel weiß? Und wenn die Wirklichkeit dazu noch so banal ist, wie öde ist dann das Leben! Das hatte ich in den letzten Jahren sehr intensiv gespürt, und darum wohl sehnte ich mich nach dem aufregenden Leben vor zwanzig Jahren zurück.

Denn wie ganz anders lebt es sich in der Natur. Wie weit einen die Gedanken tragen! Nirgendwo ist die Fantasie mächtiger als hier.  Und ja... Was ist mit der Ausgeburt meines Trolls?

Und dann sah ich sie. Auf einem von Sonne beschienenen Hang inmitten Heidekraut stand sie und sah mich an, als hätte sie mich erwartet. Gekleidet in in etwas bodenlanges Blaues mit weißen Punkten und mit einer Taille, dass ich schon zu fühlen glaubte, wie ich sie umschlang, wobei sich ihr Körper zurückbog, und ich die sehnige Kraft zu spüren bekam wie bei einer Angelrute, an der ein Fisch zerrt. Ja, ich halluzinierte, eindeutig, das Ganze war ein Spuk, entstanden in meinem erschütterten Hirn, doch dann sprach sie Schwedisch mit einem dunklen, kehligen Akzent:

„Weißt du, wo Preiselbeeren sind?“

Völlig unpassend sagte ich: „Ein so langes Kleid im Wald! Damit kannst du doch nicht gehen!“

„Nicht, wenn ich es so mache“, sagte sie und hob mit beiden Händen den Kleidersaum. Ihre Beine waren nackt. Ging sie etwa barfuß? Und wieso Preiselbeeren? Die gibt es doch erst im August!

Mir war der Verstand längst entglitten.

„Du bist der Deutsche aus Berlin, nicht wahr?“

Auf einmal sprach sie Deutsch, und als ich „nicht wahr?“ hörte, kam ich wieder zu mir. Ja, genau, das alles ist nicht wahr!

Ich murmelte: „Ja, das bin ich.“

„Ich bin Beatrice, mein Sommerhaus ist nicht weit von hier. Besuch mich doch mal!“

Ich nickte. Sie drehte sich um und verschwand im Wald. Und ich ging die Landstraße lang, an einem Damenrad vorbei, das an einer Fichte lehnte. Mein Rad schiebend, hielt ich den Kopf gesenkt, als wollte ich im Sand etwas lesen, das ich verstehen könnte.

 

Kaum in der Hütte, setzte ich mich an die Schreibmaschine. Mein Blick fiel auf den Troll und diesmal hoffte ich, er würde wie sonst eine Bemerkung machen, sei sie auch so sinnlos wie immer. Aber er schwieg.

Und da murmelte ich: „He, du Satansbraten. Erklär mir das.“

Und tatsächlich, er zog eine Grimasse und sagte: „Erstens bin ich kein Satansbraten. Und zweitens: komm mir nicht mit so einer verrückten Sache. Wer ist sie?“

Plötzlich brach ich in Tränen aus. Es war nur ein kurzer Anfall.

„Heul nicht“, sagte der Troll. „Schau mich lieber an!“

Und als ich ihn ansah, war es der Buddha.

Und das blieb er den ganzen Tag, und ich versuchte, das Erlebte aufzuschreiben. Ging nicht. War noch immer überwältigt. Dann einfach was anderes, egal was. Was kam? Längst Vergangenes kam. Fetzen waren das, kurze Szenen aus meiner Kindheit, schmerzlich und doch fremd, als hätte das ein anderer erlebt.

 

 

8

 

Als ich am nächsten Morgen mit dem Blecheimer Wasser aus dem Brunnen holen wollte, um mir einen Kaffee zu brühen, kam mir der Gedanke, der Kastanie einen Besuch abzustatten. Täglich sahen wir sahen, auf stumme Weise begrüßten wir uns jeden Morgen, aber diesmal hatte ich das Bedürfnis, mit dem Baum zu reden. Gunnar hatte es mir vorgemacht. Auf sämtliche Fensterbretter des Hauses stellte er ab März Töpfe mit seinen hochgezogenen Tomatenpflanzen. Beim regelmäßigen Wässern flüsterte er mit ihnen. Sie gediehen so gut, dass er sie schon Ende April ins Treibhaus bringen konnte, wo sie im Laufe des Sommers große Früchte bekamen. 
Also ist es nicht abwegig, wenn ich mal mit einem Baum rede. Ich ließ den Eimer am Brunnen stehen, trat zur Kastanie und sagte, den Blick abwechselnd auf den Stamm und seine Krone richtend: „Hör mal, ich rede jetzt zu dir. Mit dem Troll zu reden hat keinen Sinn. Alles nur Blödsinn. Also.. Sieh mal, ich habe ein Problem. Ich fasse dich an. Du sagst keinen Mucks, natürlich nicht, aber ich spüre dich. Fest und rau und .. ein bisschen warm. Dich gibt es, das ist der Beweis. Damit sollte man doch glücklich sein? Oder?“
Plötzlich hatte ich die aberwitzige Vorstellung, auch Hände könnten träumen. Schöne Geschichte. Damit stellt man ja alles infrage!
Für solche Augenblicke, wenn das Gehirn im Leerlauf durchdreht, hielt Gunnar einen schlichten Rat bereit. Arbeite! Tomaten gießen! Holz hacken!

Also marschierte ich zum Brunnen, versenkte den Eimer ins Wasser und kurbelte ihn hoch. Tatsächlich ein wohltuender und beruhigender Vorgang.

Doch als ich überschwappenden Eimer zur Hütte trug, dachte ich: Wohin bin ich nur versunken? In welchem Morast stecke ich?

 

 

9

Mittags, ich trank in der Küche schon wieder Kaffee, lutschte schwedische Schokolade – und dies nicht nur, weil sie mir schmeckte, sondern weil auf der Verpackung Mit Lecithin“ stand, was ja die Nerven stärken soll als ich ein Fahrrad klappern hörte. Ich dachte an Gunnar und trat mit der Tasse vor die Tür. Sie war es! Da stand sie, das Rad an die Hüfte gelehnt und so, wie ich sie heute morgen gesehen hatte. Wie konnte sie mit dem Kleid Rad fahren und dazu noch barfuß!
Sie begann sofort zu sprechen, als würden wir uns schon lange kennen. Und, Gott sei Dank, so aus der Nähe betrachtet war sie gar nicht atemberaubend schön, sie war hübsch, ja, aber nicht ungewöhnlich hübsch. Bis auf die nackten Füße war alles an ihr normal. Vielleicht war sie mir am Hang deswegen so bestürzend schön vorgekommen, weil ich noch nie eine unbekannte  Frau im Wald gesehen hatte.
In ihren Augen lag ein belustigter Blick, der, selbst wenn er spöttisch gemeint sein sollte, mich froh stimmte.
„Ich wollte dir zeigen, was ich im Wald suche, schau mal.“ sagte sie. Sie ließ mich in den geflochtenen Korb auf dem Gepäckträger blicken, darin befanden sich Papierschachteln mit Preiselbeerblättern, nach Farben sortiert, rote, dunkelrote, hell rote,gelbe, auch grüne, dunkelgrüne und schwarze 
„Was machst du damit?“ frage ich.
„Besuch mich, ich zeig es dir..“
Und dann setzte sie sich aufs Rad, schob das Kleid über das linke angewinkelte Bein bis an die Hüfte und radelte davon.
„Ja, die kenn ich“, sagte der Troll. „Vergiss sie. Sie ist nicht normal.“
Das hätte er nicht sagen sollen. Jetzt musste ich sie erst recht besuchen. Von Gunnar erfuhr ich, wer sie war und wo sie ihre Sommerhütte hatte. Eine Finnin sei sie, Beatrice Waltari mit Namen, sie hätte sich vor zwei Jahren ein Sommerhaus bauen lassen am Ende eines alten Holzweges, nicht weit von meiner Hütte.
Am Nachmittag machte ich mich auf den Weg. Einen Kilometer die Straße lang, dann einen Hügel hoch. Der Holzweg war mittlerweile asphaltiert, er endete auf einem Plateau, dem ehemaligen Wendeplatz für die Holztransporte. Dort stand das Haus: ein typisch småländisches Holzhaus mit roter Fassade und weißen Schmuckbrettern an den Fenster, den Hausecken und den Giebeln. Etwas abseits eine Garage.
Sie freute mich, als ich eintrat, das sah ich ihr an. Nach kurzer Begrüßung führte sie mich hinauf ins  Dachgeschoss mit zwei Räumen: einer war ein Schlafzimmer, der andere ein Atelier mit drei bis auf den Parkettboden gezogenen Dachfenstern. An der Balkendecke hing Treibholz vom See. Im Wasser hatten die Aststücke ihre Rinde verloren, durch Austrocknen wurden sie knochenweiß und federleicht. Sie waren so geschickt an unsichtbaren Fäden befestigt, dass sie im leisesten Luftzug wie auf Wasser dümpelten. Vor einem der Dachfenster lag auf Holzböcken eine lange Platte mit Stapeln weißen Kartons vom Postkartenformat bis zur DIN-A-4-Größe. Dazu eine Reihe von Glasschüsseln mit Preiselbeerblättern, nach Farben sortiert, außerdem ein Becher mit kleinen Scheren und Pinzetten. Ein Karton mit einem Mosaik aus den winzigen Blättern war in Arbeit. Es sah aus wie ein Sonnenaufgang auf einem fremden Planeten.
„Nein“, sagte sie und lachte, „kein Sonnenuntergang. Auf einem fremden Planeten, ja das könnte stimmen. Denn er hat keinen Himmel. Es gibt nämliche keine blauen Preiselbeerblätter. Aber vielleicht wird es auch noch was anderes, noch sind sie nicht festgeklebt. Bitte nicht pusten!“
Sie öffnete ein dickes Buch auf, das sie als Presse benutzte, entnahm ihm ein Mosaikbild in Postkartengröße und  schenkte es mir. Es zeigte eine Birke auf einer Wiese. Der weiße Stamm war ausgesparte Kartonfläche mit ein paar schwarzen Blättern. Das Laub des Baumes war hellgrün, der Himmel war  fast schwarz mit gelben Punkten. So entstand der Eindruck, auf der Wiese herrsche der Tag, am Himmel die Nacht. Ein mystisches Bild.
Dann gingen wir hinunter in den Wohnbereich mit den durchweg weißen Möbeln. Ihre Küche wolle sie mir lieber nicht zeigen, sagte sie, es sei eine reine Hexenküche. Sie habe den Ehrgeiz, nur mit Stoffen aus der Natur zu arbeiten. So versuche sie aus Blaubeeren blaue Farbe zu gewinnen, aus Kirschen rote, und das Grün wolle sie aus Brennnesseln sintern. Allerdings sei noch alles im Experimentierstadium. Mit den Farben würde sie dann Aquarelle malen.
„Und woher willst du Schwarz bekommen?“ fragte ich.
„Du hast doch sicher auch verkohltes Holz im Kamin“, meinte sie. Anschließend lud sie mich zu einem Glas Rotwein ein. In einer Sitzecke plauderten wir noch eine Weile über Farben in der Natur, über ihren Zweck und ihre Wirkung. Und dabei blickten wir uns in die Augen, als gelte es ihre Farben zu prüfen. Die dunkelbraune Iris ihrer Augen verschmolz mit der Pupille, das machte die Augen groß und anziehend. Übrigens sprach sie mehr als ich, denn ich fürchtete, Flecken auf dem plüschigen Weiß zu machen. Gefesselt vom Schwarz ihrer Augen und der Farbe des Weines, konnte ich mich kaum rühren.

Als ich ging, bedankte ich mich für die Einladung und vor allem für das Mosaik.
Auf dem Rückweg hätte ich singen können. Ihr Geschenk begeisterte mich, gleichzeitig wurmte es mich. Es war  persönlich und originell... Was konnte ich da schon bieten? Irgendwie musste ich mich revanchieren.

 

 

10

 

Der Bauer, der schon die beiden Tische geliefert hatte, brachte mir auf seinem Hänger ein uraltes Holzbett. Wir luden es ab und stellten es in der Hütte auf. Ich fragte ihn, ob er die Tische wieder haben wollte. Mit einem schrägen Blick registrierte er die halbierten Beine. Nein, er brauche sie nicht, ich könne sie verheizen. Dann streifte er mit einem Blick meinen Schreibtisch, verharrte für zwei, drei Sekunden auf der Buddhafigur. Mich ritt der Teufel und ich fragte, ob er einen Troll sähe.Verwundert sah mich der Bauer an, sein Vollbartbusch öffnete sich und heraus dröhnte seine Stimme: „Das sitzt er doch oder?!“
Und er zeigte auf den Buddha auf meinem Schreibtisch.
„Der da?“ fragte ich verblüfft und nahm den Buddha in die Hand.
„Sieht doch aus wie ein Troll.“ Als genügte das nicht oder als müsste er mit seinem Wissen auftrumpfen, setzte er hinzu: „Ein norwegischer Troll. Gibt es zu kaufen.“
Ich schwieg. Das war ja nun wirklich was Neues. Der Troll spielte mit dem Bauern wie er es mit mir tat! Aber dann machte ich einen Fehler. Um dem Troll zu zeigen, dass ich ihn durchschaut hatte, sagte ich zu ihm: „Und jetzt beweg dich.“ Er rührte sich nicht. „Wirst du wohl mal einen deiner verdammten Hüpfer machen?“ Keine Wirkung. Als ich dem Bauer erklärte, der Troll wolle mich nur ärgern, hatte der es plötzlich eilig, sich zu verabschieden.
Kaum war er draußen, wurde aus dem Buddha der Troll, er sprang aus meiner Hand und kicherte.
„Der Alte hat noch nie einen Buddha gesehen! Der hält jeden Buddha für einen Troll!“
„Verdammt!“ sagte ich wütend. „Warum musst du dich verstellen? Warum bleibst du nicht einfach das, was du bist?“
Der Troll hob seine krallige Pfote.
„Sag mir nicht, was ich bin! Das bestimme ich!“
Kurz darauf kam Gunnar, um sich von der Lieferung des Bettes zu überzeugen. Wir plauderten ein wenig. Merkwürdig fahrig war das Gespräch. Als er ging, sagte er plötzlich: „Ich verteidige dich, keine Sorge.“ Bedeutungsvoll sah er mich an. „Ich bin dein Freund!“ Was sollte das? Gerade wollte er aufs Rad steigen, da wendete er sich mir noch einmal zu und sagte: „Die Studentin ist gestorben. Gestern Abend.. Tragisch..“ Krähte „Hejho!“ und radelte davon.
Ich wusste nicht, was ich denken sollte. Ich hatte sie doch in der Hütte getroffen! Für einen Moment wollte ich sofort in die Klinik fahren, um sie zu sehen. Aber dann scheute ich zurück. Niemandem würde ich die Begegnung mit ihr erklären können. Und ich fürchtete mich, ja, ich hatte sogar Angst. Ich wollte nicht wissen, ob meine Fantasie Grenzen durchbricht oder meine Empfindsamkeit mir etwas vormacht.  Denn was wäre ich? Ja, was wäre ich ich? Und dennoch. Ich spürte einen Schmerz, als hätte ich, als ich der Studentin ihre Hand zurück gab, etwas Kostbares verschwendet.

 

 

11

 

Die nächsten Tage war ich auf der Suche nach Preiselbeersträuchern mit farbigen Blättern. Rote, gelbe und schwarze in allen Schattierungen. Das war gar nicht so einfach, es gibt sie nicht oft. Und außerdem kriecht der Zwergstrauch über den Waldboden, man muss sich tief bücken, oft ging ich sogar in die Knie. Manch ein Blatt war nur zum Teil farbig, ich pflückte es trotzdem. Man kann ja das Grün abschneiden, dachte ich. Die Blätter waren wie aus Leder und glänzten lackiert. Inmitten ihrer dunkelgrünen Artgenossen wirkten sie fremd, andersartig, wenn nicht gar abartig. Vielleicht waren sie mit einer seltenen Krankheit geschlagen. Es war mühsam und ich fragte mich, was wohl anstrengender sei: das Suchen oder das Kleben dieser Blätter. Die gesammelten Blätter wollte ich ihr bei einem Besuch zu überreichen. Übrigens waren die Beeren noch weiß, erst im August würden sie rot und reif zum Pflücken sein.

Ich weiß nicht, ob ich es unbewusst wollte. Aber am ersten Tag geriet ich in die Nähe ihres Grundstückes. Da ich nun schon mal dort war, wollte ich einen Blick auf das Haus werfen. Ich näherte mich von der Seite, und da sah ich sie im Garten in einer Hängematte liegen. Genau genommen sah ich nur ihre nackten Beine. Ihre Zehen bewegten sich, und die Hängematte schaukelte ganz sanft. Ich konnte den Blick nicht von ihren Zehen lösen, sie schienen miteinander zu spielen, wahrscheinlich betrachtete auch sie gerade ihre Zehen. Ich wollte zu ihr, dann schoss mir durch den Kopf, sie könnte nackt sein. Ich machte kehrt und verdrückte mich.

Am folgenden Tag ging ich wieder auf Blättersuche, ich hatte noch nicht genug, die Briefumschläge sollten gut gefüllt sein. Diesmal wählte ich eine Richtung, die mich garantiert von ihrem Haus entfernte. Und dann begegnete ich ihr doch. Wieder sah sie mich nicht, während ich sie wie gestern beobachten konnte.

Jenseits einer Kuhweide, vorbei am Wald, radelte sie über einen Weg, den ich nie genommen hatte, weil er kniehoch zugewachsen und bestimmt sehr schwer zu befahren war. Aber sie hatte ihn gewählt, diesmal trug sie einen gelben Rock, dazu eine kurze braune Jacke, wahrscheinlich eine Lederjacke, ihr schulterlanges Haar flog hin und her. Sie radelte stehend. Sicher, weil es viel Kraft kostete, durch das Gestrüpp zu fahren. Und dabei hielt sie sich kerzengerade... Ich dachte: Was für eine stolze, schöne, lebenslustige Frau!

Das musste ich jemandem mitteilen und da kein anderer da war, erzählte ich es dem Troll: „Und was sie mit den winzigen Blättern macht.. Einfach großartig. Und sie läuft am liebsten barfuß.. Auch im Wald!“

Troll: „Sie trägt Sandalen. Schau genau hin. Sie sind bloß durchsichtig. Plastik, du Esel.“

„Wenn ich genau hinsehe, ist vielleicht die ganze Frau durchsichtig.“

Troll: „Das wäre das Beste für dich .. Mann, du bist verliebt.“

„Mach dich nicht lustig über mich!“

Troll: „Es ist die Frau, die du gesucht hast. Selber schuld.“

 

 

12

 

Danach schrieb ich ein Gedicht.

„Du schreibst ihr was?“ Zum ersten Mal flüsterte der Troll. „Mir hast du noch nie was geschrieben..“

Ich schwieg. Stimmte ja. Aber warum sollte ich ihm ein Gedicht schreiben?

„Liebst du mich etwas nicht..“

War da ein jämmerlicher Klang in der Stimme? Was für ein Theater. Ich lachte.

„Dann will ich dir etwas sagen!“ Jetzt war es der Troll, wie ich ihn kannte. Zornig. Wütend. Bissig. „Du hast dich gewundert,dass sie keine Schramme an den Beinen hat? Dass sie barfuß durch den Wald geht? Quatsch mit Soße! Sie ist eine Einbildung. Eine Zauberei von mir! Sie heißt in Wirklichkeit Fata Morgana. Und jetzt nehm ich sie dir jetzt weg! Husch!“ Er machte mit der Pfote einen Kreis. „Da ist sie hin..“

Der Bursche ist einfach eifersüchtig.

„Du spinnst ja!“

„Sehr witzig. Besser kann man nicht daneben zielen“, brummte er und dann aufkreischend: „Mach dich auf die Socken! Überzeug dich!“

Eine Fata Morgana? Und wenn schon. Eine Fata Morgana ist eine Spiegelung von etwas Wirklichem, es befindet sich nur nicht in der Nähe, sondern in der Ferne. Da kann man hinkommen! Übrigens hatte ich ein Birkenbild von ihr. Sie gibt es also. Wo war das Bild? Ich fand es nicht. Egal.

Morgen besuche ich sie.

 

 

13

 

Es war kurz nach 11, ich nahm das Papierblatt mit dem Gedicht, dazu die drei Couverts mit den Preiselbeerblättern und lief los. Ja, ich lief, ich pfiff auf das Rad, ich nahm den kurzen Weg quer durch den Wald..

Durch Gebüsch und Fichtendickicht, über Stock und Stein bahnte ich mir den Weg. Ich lief und lief, ich spürte beim Laufen die Berührung der Fichtennadeln an Händen und Gesicht, es war eine Berührung der Gewalt, aber aus Zuneigung, und es fühlte sich gut an...Alles geträumt? Es war die pure Wirklichkeit.

Zuerst sah ich einen geparkten Wagen mit Berliner Kennzeichen. Einen teuren Schlitten, einen Mercedes. Dann sah ich sie. 

Und dann erblickte sie mich.

Sie lachte auf und rief mich heran. Ich zerknüllte das Gedicht, stopfte es in die Jeanstasche und ging auf die beiden zu. Er hatte ein Glatze, dicke Brauen und Augen, die aufmerksam, aber zugleich leutselig mich betrachteten.

Sie sind bestimmt der mit dem Troll?“ Er sagte das ohne Spott. „Meine Frau hat mir viel von Ihnen erzählt. Sie ist Ihnen nicht unähnlich. Sie spielt gern die Märchenhafte, wissen Sie.“

Sie gab ihm lächelnd einen Klaps an die Schulter.

Ich nickte, auch ich lächelte.

Und ich dachte: Das ist genau die Art Mensch, gegen die ich inmal demonstriert habe. Geschäftsmann, Makler, Kapitalist. ..Und jetzt sah ich auch, sie geht gar nicht barfuß. Sie trägt Sandalen aus durchsichtigem Kunststoff.

Ja, ich lächelte. Ich spürte mein eigenes Lächeln wie ein inneres Leuchten. Ich denke, man konnte es mir ansehen. Ja, ich fühlte mich richtig glücklich.

Sie wollten mich noch zu einem Glas Wein einladen, aber ich verabschiedete mich. Ich sagte, ich sei beim Packen, denn ich würde nach Deutschland zurückkehren.

Bevor ich in den Wald trat, sah ich mich noch einmal um. Da stand das Auto. In der Windschutzscheibe gleißte die Sonne. Etwas Außerirdisches war hier gelandet. Es war ein Bruch im Bild der Idylle, aber das war gut so.

Und Gunnar wollte, dass ich hier bleibe und als Holzfäller mein Geld verdiene!

Was für eine Illusion.

 

 

14

 

Als ich zurück kam, lag das Birkenbild auf meinem Schreibtisch.

Troll: „Ich hab es gefunden. Komisch, es lag auf dem Tisch.“

Ich ärgerte mich nicht, ich war ganz ruhig.

Troll: „Was ist?“

„Es gibt Schönheiten“, sagte ich, „denen darf man nie begegnen.“

Troll: „Du hältst mich für schön?

„Ja“, sagte ich, „sogar sehr, und darum müssen wir uns jetzt trennen.“ Ich packte und trug ihn tief in den Wald, tiefer als damals, als ich die Maus aussetzte.

„Ich will aber mit!“, schrie er.

„Ich werde dich nächstes Jahr besuchen,“ antwortete ich. „Nicht an diesem Ort. Irgendwo anders in Schweden. Mach jetzt keine Scherereien.“

Tatsächlich sagte er keinen Ton, als ich ihn an einen Baum setzte, in ein Nest von Kiefernnadeln und grünem Laub.

Ich dachte, dort wird er sich zu Hause fühlen. Zu Erinnerung machte ich ein Foto.

Auf dem Rückweg begegnete mir ein Wildschwein, ein paar Schritte von mir entfernt stand es und sah mich an. Wir betrachteten uns eine Weile, dann ging ich weiter.

Ich bin sicher, es war der Troll.

Eine Minute später schrie ein Eichelhäher in meiner Nähe, es heißt, Eichelhäher sind die Polizisten des Waldes, sie warnen die anderen Tiere. Auch das musste mein Troll gewesen sein.

Und als ich auf die Lichtung von meiner Hütte trat, sah ich hoch am Himmel einen Habicht kreisen. Er war es, mein Troll.

 

 

15

Am Abend  kam Gunnar mit den neusten Nachrichten aus Berlin. Ich glaube, es war noch einmal ein Versuch, mich in Schweden zu halten.
„In der DDR gibt es Unruhen“, sagte er, „wer weiß, was noch passiert. Vielleicht gibt es Bürgerkrieg. Und du bist dann mitten drin!“
Aber genau das faszinierte mich, das rief mich wieder nach Berlin wie vor 30 Jahren. Damals war es der Westen der Stadt mit seinen Studentenunruhen, jetzt war es der Osten mit der Bürgerbewegung. Ja,  achte ich, so ist es! Die Menschen wollen frei sein, sie wollen nach ihren Vorstellungen leben dürfen und so werden sie immer auf die Straße gehen und demonstrierten... Und reicht das nicht, dann eben bis zur Revolution.
Beim Abschied gab ich Gunnar die Briefumschläge mit den Preiselbeerblättern.
„Für die Finnin“, sagte ich. 
Er kniff ein Auge zu, nickte und radelte davon. Eine Weile hörte ich dem sich entfernenden Geklapper zu, dann setzte ich mich auf die Holzbank vor der Hütte. Die Sonne war  in den Wald gesunken, in den Bäumen blieb ein rotes Glimmen. Das Bremslicht eines untergehenden Sterns. Ich schloss die Augen und sah das Auto, die Windschutzscheibe blitzte in der Sonne, und  in den Armen meiner Traumfrau lag ein anderer Mann –  und es gefiel mir. Ich war sogar erleichtert.
Mir schien, als hätte ich doch noch mein Satori gefunden, aber anders als ich erwartet hatte. Ich wollte zur buddhistischen Erleuchtung finden, zur Erkenntnis, dass nichts ist außer dem Nichts. Dem Irdischen und dem Zeitlichen wollte ich entkommen und stieß dagegen auf mich und die Wirklichkeit.
„Möchtest du denn wirklich in die Wirklichkeit?“ So sprach es in meinem Kopf. Nein, es war nicht mehr mein Troll.
„Ja“, dachte ich. „Aber lass mir ein bisschen Magie.“
Im Zug Richtung Malmö hörte ich, wie die Dörfler von Unruhen in der DDR und Ost-Berlin sprachen.

Willkommen in der fatastischen Wirklichkeit.

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4. Auflage

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In seinem Testament verlangt ein deutscher Auswanderer von den Erben seines schwedischen Hauses, dort sein Tagebuch zu lesen, wenn sie das Haus bekommen wollen. Sein ältester Sohn erfüllt die Bedingung. Beim Lesen der Texte stößt er auf ein schockierendes Geheimnis seines Vaters, das ihn und auch die junge Schwedin betrifft, in die er sich verliebt hat.