Für die  „Verse auf der Kachelwand“ gab es 2010 den Brandenburgischen Literaturpreis.

Liebe, Sex usw.

 

            Früher Morgen

Am Fensterglas tropft Feuchte nieder,
es ist der Todesschweiß der Nacht.
Noch einmal glüht sie auf im Fieber,
dann ist der Schöpfung Werk vollbracht.

Und dann geschieht am Himmel droben
als öffne sich ein Sarkophag
und wie ein Träumer unter Drogen
steigt bleich heraus der junge Tag.
 
Was mich gequält, das ist verschwunden,
was brannte, das wird jetzt betaut,
und was ich über Nacht empfunden,
war nur ein Hauch auf meiner Haut.

Ich löse meine Gürtelleine.
Zum jungen Tag sag ich kokett:

„Komm doch herein... Ich bin alleine,
gehn wir zusammen jetzt ins Bett.“

 

   

    Schwedische Loreley

 

Das Ruder schlug am Ufer an.
Mittsommer war’s genau.
Ich war noch ein sehr junger Mann
und sie die schönste Frau.


Der Hügel lag im Sonnenlicht
mit Blaubeerkraut und Farn,
und oben Gras, so hoch und dicht...
Sie nahm mich bei dem Arm.


Ich sah zum See. Da war ein Boot.
Schau, wie das Segel blinkt!
Noch heut seh ich im Abendrot
wie sanft es dort versinkt.

 

 

 

                                         Was man nicht alles für die Geliebte tut


Damit es dich entzücke
(ich komm nicht drum herum),
klau ich dem Himmel Stücke
aus seinem Eigentum.
  
Und all das Funkelbare
häng ich an deine Zehn
und auch in deine Haare
als Feuerwerk. Wie schön!
  
Vom Wald die größten Eichen,
die rupf ich zum Bukett
und werde sie dir reichen
beim Frühstück an dein Bett.
  
Den Föhn drück ich zu Falten,
mach dir daraus ein Kleid,
du sollst doch nicht erkalten
in dieser kalten Zeit!
  
Und weinst du nachts, da renne
ich los und mache Licht,
damit ich rasch erkenne,
wo dich der Hafer sticht.

 

 

 

Ein Verschmähter spricht
 

Ein Wort zur Liebe...

Man schiebe
hinweg was sentimental,
sodann wird konstatiert:
Das ist nicht neu, das ist banal,
was einem so passiert.

Wenn man am Morgen schon,
vom Herzschlag
befeuert,
ganz ohne Argwohn,
zu spüren glaubt, der Tag
wird durchgefeiert...

Und dann mit Blumen, ganz tiefroten,
begrüßt man sie,
die Stimme sanft zum Steinerweichen.
Was sagt die Schönste der Despoten?
„Du wirst doch nie
dem Traummann gleichen.“

Drum wechselt rasch die Straßenseite,
kommt Venus lächelnd auf euch zu.
Das schützt euch vor der Pleite!
Sie trägt schon wieder neue Schuh...

Und spät am Abend legt
euch hin, trinkt Bier gekühlt,
bis ihr, von eignem Leid bewegt,
die Tränen kommen fühlt.

 

 


       Der Mann im Gras (1)

Ich lieg im Gras und denk mir das:
Alt zu werden ist ein Spaß.

Die Sonne grüßt mich jeden Tag.
Ich zieh den Hut, weil sie das mag.
Den Wind lass ich durchs Hemdloch laufen
und sich an meinem Schweiß besaufen.

Die Jungen hetzen um die Zeit.
Wozu? Es wird ja eh Vergangenheit.
Sie haben Flecken im Gesicht.
(Denn keine Maske ist ganz dicht.)

Ich schnitz mir einen Wanderstock
und freu mich an ’nem kurzen Rock.
Das Lächeln jeder Frau ist schön.
Und kühl zu bleiben angenehm.

Ich lieg im Heu von meinem Kinn,
wo ich vor Neugier sicher bin.
Von Zeit zu Zeit sag ich mir was.
Ich hör nicht zu, dann lass ich das.

Viel hab ich ja nicht mehr zu tun.
Doch werde ich ganz heftig buhn,
wenn ich da zwei sich lieben seh
und tun sich leid und tun sich weh.

Ja, alt zu werden: welch ein Spaß!
Ich lieg im Gras und denk mir das.

 

 

  Kommen, um zu gehen

Sie kam. Und wie sie kam,
das werd ich nie vergessen.
Die von mir Abschied nahm,
sie hob mit einem kessen
Blick den Mund und ich
umfasste mit den Händen
den kleinen Kopf – tief wundig,
als wenn wir uns für ewig trennten.
Sie lächelte und war im Drehen
schon weit von mir entrückt.
Ich sah sie ihr nach und muss gestehen:
ich war von ihrem Po entzückt.

 

 

     Der Sadomado-Aff
 
Welcher Schelm hat das verdrehte
Ding sich ausgeheckt?

Wie von Blitzen aufgeschreckt,

stürmen Sterne

in Stampede

durch die Nacht
beim berühmten Kitzelspiel,
wo man unter Schmerzen lacht.

Im Vertraun.. Ich hätt es gerne,
dass man mich zum Baume macht.
In den Adern Chlorophyll,
wär mein Leben friedlich still.

 

Lieber noch der ewge Frieden...
Keusche Engel! Kommt mich holen!
Eure blütenzarten Finger
sind ein Windhauch allenfalls.

Doch des Frühlings leises Sieden
und zwei Augen schwarz wie Kohlen
sind gewaltige Bezwinger.
Und ich liebe, liebe abermals …
 
Als ich ihr erkläre,
dass sie meine Liebste wäre,
murmelt sie: „Schon Koks geschnupft?“

Und dann küss ich ihr das Pfötchen
und beneide jedes Brötchen,
das beim Frühstück sie zerrupft.

 

Schließlich fall ich auf die Knie,
fleh sie an und bitte sie:
„Schatz, gewähr mir Straferlass!
Was soll's sonst bedeuten?
Oder ist's nur Jägerspaß,
Lust, was zu erbeuten?
Sich mal beißen, sich mal küssen,
sind wir so gebaut?

 

Lass uns jetzt das Rätsel lösen,
dazu müssen
wir wohl mehr entblößen
als nur unsre Haut...

 

Und sieh an - wir sind ganz baff -
feixt doch dort ein kleiner

und gemeiner

Sadomado-Aff.“

 

 

  
          Pech gehabt

Es erwacht die Stadt, reckt ihre
Glieder und sie seufzt entzückt,
weil man ihr schon früh um viere
Drogen in die Adern drückt.

„Müssten wir nicht endlich gehen?“
fragt Laterne eine Bank.
Und sie stolpert in ein Drehen
und verstaucht sich - Gott sei Dank.

Eine rote Ampelscheibe
sinkt herab als Rosenblatt,
sucht im Mann sich eine Bleibe,
der sein Glück verloren hat.

Tat nach einer andren schielen,
hat sich einen Spaß gemacht.
Sagte ihr, es war nur Spielen..
Na, da hat es halt gekracht.

Starrt auf seine nackten Beine,
sitzt ganz still auf seinem Bett.
Lächelt leis.. Schmiss doch die Kleine

seine Blumen ins Klosett..


        
       Bloß ein Spaß

Ist das an deinen Wimpern
ein Tropfen Nitroglyzerin?
Jetzt bloß nicht damit klimpern,
sonst sind wir beide hin!
 
Wie man so sagt... Das Glück ging baden.
Wer denkt denn schon daran,
dass auch an einem seidnen Faden
ein Himmel hängen kann.

Ein Schluck noch aus dem Glase ...
Ja, lachen wir! Ein Witz war das!
Denn was da rinnt an deiner Nase,
ist Wasser nur und macht bloß nass.
 

 
 

        Der Mann im Gras (2)
  
Ach, weckt mich nicht. Ich träume schon.
An meinem Haar, da zupft etwas
und aus der Ferne kommt ein Ton,
als kämen Schritte durch das Gras.
  
Ich rieche noch den Duft vom Tee.
Die Kerze kaum erhellte
die kleine Hütte tief im Schnee.
Im Wald ein Fuchs, der bellte.
  
Und als wir uns dann Mund auf Mund
fast ineinander drückten,
da war’s, als knüpften wir den Bund
im Himmel der Entrückten.

 

So komm aus der Vergangenheit!
Warum bist du gegangen?
Du hast dich zwar von mir befreit,
doch hältst du mich gefangen.
 
Es ist geschehn. Ich schlafe schon.
An meinem Haar da zupft etwas,
und aus der Ferne kommt ein Ton,
es weht der Wind im Sommergras.

 

 


             Der Hund

Er läuft mir nach, kann ohne mich
wohl nicht mehr sein.
Oft sag ich ihm: "Verschone mich,
lass mich allein!"

Und schließ die Tür. Umsonst.. Schon kratzt
und winselt's leis.
Was soll ich tun? Vergnatzt
kläff ich auf Menschenweis:

„Na los, komm rein, du Biest!“
Ich kann's ja nicht vermeiden.
Was man in deinen Augen liest,
das gleicht auch meinem Leiden.

 

 

 

        Du
  
Du mit dem Haar
aus duftendem Licht
bist gar nicht wahr,
dich gibt es nicht.

Du mit dem Mund -
ein Schlusslicht, das strahlt -
bist auch nur Schund
und teuer bezahlt.

Du mit der Haut
aus Glut und Schnee
hast ganz versaut
mein Leben in spe.

Die Kehle speit
nur ein Geschluchz.
Die Seele schreit:
Lieb mich... Versuch's..

 

 

 

        Singel

Ich bin so allein,
wie’s gar nicht mehr geht.
Ich hätt nen Geldschein
gern hin und hergedreht,
nur des Gesichtes wegen.
Wir könnten stumm
zu zweit überlegen:
Ne Flasche Rum,
um nichts mehr zu spüren?
Doch lieber ein Buch,
um Träume zu schüren?
Vielleicht ein Gesuch
dem himmlischen Herrn
in den Computer tippen?
Ich bitt, mir aus den Rippen
das Flatterding zu zerrn!

Umsonst gefleht.
Abel ruft Kain:
Er ist so allein,
wie’s gar nicht mehr geht

 

 

 

           Die neue Art des Lesens

                                                                                       

Du willst, dass ich so schreibe,
wie der, der Goethe hieß?
Ich schreib's auf meinem Leibe,
mit deinen Lippen, lies!

Auf dir steht's auch geschrieben
als reizendes Gedicht!
Ich will die Verse üben,
bis meine Zunge bricht.
 
Die Worte, sie entstammen,
dem Reich, wo Götter ruhn.
Dort lesen sie zusammen.
Wir wolln's genau so tun.

 

 

 

  Das Leben der Dinge

 

Die Ohren öffne, weite
die Augen auch! Ganz dicht
rührn sich an deiner Seite
Gestalten, jede spricht.

Der Tisch brummt vor Vergnügen:
„Endlich ein Mannsgespräch!
Kein Süßholz! Keine Lügen!
Hör mal, ich sag es frech:

'ne Tür kennt keine Treue,
weil sie nie still stehn kann.
Auch unsre nagelneue
lässt jeden an sich ran!“

Die Tür dreht ihre Hüften
und quietscht: "Verdammter Bock!
Ich brauch nur mal zu lüften
den blanklackierten Rock,

schon knarrst du zum Erbarmen,
wirst weich wie Apfelmus.
Du willst mich heiß umarmen?
Komm endlich her und tu's!“

Den Sessel hält‘s nicht länger
er strengt sich an, doch steht er fest,
er wölbt sich wie ein Sänger,
der seinen Bass ertönen lässt:

„Wie dumm ihr seid! Das Lieben
geht nur auf Polstern weich.
Bei mir könnt ihr es üben,
kommt her, ich zeig es euch!“

Und alles lacht. Ganz leise
bin ich ins Bett geflutscht,
wo mir auf Babyweise
ein Buch die Daumen lutscht.