Für die  „Verse auf der Kachelwand“ gab es 2010 den Brandenburgischen Literaturpreis.

Deutsches usw...

 

         Hoffnung

Hoffnung, kleines Entelein,
werde doch ein Schwan!
(Und mein Herz wird rein
und gesund mein Zahn).

Stacheldraht hängt im Museum,
Minen kennt man nur mit e.
In Kasernen laufen rum
Kühe, euterhoch im Klee.

Ich leb mit entblößten Zähnen.
Keiner haut sie dafür ein.
Und statt eisengrauer Tränen
werd ich bunte Reime spein.

Doch ich fürchte, eh’s geschieht,
wird es Herbst noch manches Mal
und manch Ochs von Jäger sieht
Enten nur als Mittagsmahl.

 

      

  Schreck am Abend

Es war am späten Abend,
da bin ich aufgeschreckt.
In alten Schriften grabend,
hab ich mich selbst entdeckt:

Er trägt die Zipfelmütze,
ein  freundliches Gesicht.
Er ist der Ordnung Stütze
und sitzt gern zu Gericht.

 

Er hält sich selbst in Ehren,

scheut da kein Wortgefecht.
Doch will ihn wer belehren,
hört er auf einmal schlecht.

 

Er träumt von alten Helden,
prüft sich vorm Spiegel nackt:
Er will als einer gelten,
mit Muskeln so bepackt!

Dann tritt er mit dem linken
auf seinen rechten Fuß.
Jetzt muss er sich betrinken,

denn er hat einen Blues.

Bald schwenkt er eine Fahne,
belebt von Bier und Wein.
Er ist ja ein Germane,
wie könnt er anders sein.


An diesem späten Abend
war ich doch sehr bewegt
und hab, mein Schicksal tragend,
mich still ins Bett gelegt
.

 

 

             Der Gutbürger

Klar bin ich für Gerechtigkeit...
Doch der ist dumm und der gescheit,
drum bleibt der arm und der wird reich.
Kein Mensch ist einem andern gleich.

 

Ich werde mich nicht länger quäln
und lasse jetzt die andern wähln.
Gelogen wird ja haufenweis,
ich lese nur, was ich schon weiß.

 

Ich muss mal sagen, wie es ist:
Ein Moslem wäre besser Christ!
Dann bräucht er seinen Vollbart nicht,
und schon wär deutsch auch sein Gesicht.

Ich danke Gott, das ist vorbei,
bei uns gibt es kein Kriegsgeschrei.
Und darum ist das wenig schön,
man hört von fern schon Kriegsgedröhn.

Nicht meine Schuld, kann nichts dafür,
drum Fenster zu und zu die Tür!
Jetzt brüh ich meinen Tee und dann
schau ich mir einen „Tatort“ an.

Und wenn mal Rauch zum Himmel quillt,,
dann hat bloß einer falsch gegrillt.
So friedlich geht es bei uns zu.
Drum, liebe Welt, lass mich in Ruh.

 

 

Lebst du noch, du deutsche Eiche?
Dass ich dir die Bürste reiche,
so  bist du zerzaust.
Und dazu in deinem Innern
bist von braun gefleckten Spinnern
schrecklich du belaust.

Soll sich das denn noch verschlimmern?
Spechte müssten an dir zimmern,
wo das Dunkel haust,
bis du durch das Blätterflimmern
wieder einen Himmel schimmern
und die Sonne schaust.

 

         

             Der Fremde

Geh leise durch das Heimatland,
sie dürfen dich nicht sehn.
Du gehst mit einem Hand in Hand,
dem sie schon Stricke drehn.

Er hat die Augen ganz wie sie,
die Nase und den Mund,
und stößt er sich einmal das Knie,
so wird's wie ihres wund.

Ich seh da keinen Unterschied,
wir sind mit ihm verwandt.
Wenn einer etwas andres sieht,
hat er sich nicht erkannt

 

  

   Die Strophe der neuen Helden

 

„Deutschland über alles..“
Das klingt fast liebestoll
und hat so etwas Dralles,
das man umarmen soll.

Ich kann nicht miteinstimmen,
ich weiß auch schon warum.
Wo die Berauschten singen,
da bleib ich lieber stumm.

 

Es sind die neuen Helden
mit ihrem Kriegsgesang.
Die alten, sie erzählten
umsonst vom Untergang.

 

Aus Mündern wie aus Schloten

steigt's auf im ganzen Land,

als würden all die Toten
zum zweiten Mal verbrannt.

 

 

Erbe und Verpflichtung

 

1

Was sie uns hinterließen
als Erbe sozusagen,
sind keine Blumenwiesen
und keine Heldentaten.

Will ich das Erbe nennen,
kann ich nur mühsam sprechen,
doch will ich laut bekennen
ein Wort zu den Verbrechen:

Lebendig sind die Toten!
Sie haben uns verpflichtet
zu helfen den Bedrohten
und jedem, der da flüchtet.

 

 

2

Aus Krieg, Gefängnis, Hungersnot,
zum freien Land der Satten,
zwang sie die Flucht. Es war im Boot,
das sie noch Hoffnung hatten.

Still wie im Schlafe liegt am Strand
ein Kind mit nassen Haaren,
und seinen Abdruck hält der Sand
auch noch in tausend Jahren.

 

 

      Die Klassenfrage

Was passierte da, Marcuse?
(Nachbarin, Ihr Taschentuch!)
Nach dir kam Beate Uhse,
Pornos deckten zu dein Buch.

Leben war das Wunderbare,
Rebellion, statt stumpf Studiern..
Es genügten lange Haare,
um die Bürger zu schockiern.

Steine krachten in die Scheiben
und es hat auch mal geflammt.
Nichts vom Alten sollte bleiben.
Doch die Welt ist festgerammt.

Unverändert ist die Lage:
Immernoch gibt's Hass und Gier.
Anders ist die Klassenfrage:
Was ist Mensch an uns, was Tier?