Querbeet

 

  Eine leere Seite

Verdammt.. Ne leere Seite!
Wie das getroffen hat.
Ich räumte was beiseite
und fand das weiße Blatt.

Und das erfordert jetzt
mit Gnadenlosigkeit,
dass man sich niedersetzt
und vor Geburtswehn schreit.

Und bitteschön was wird
aus dem gebornem Text?
Am besten, dass man stirbt,
dann wird er wertgeschätzt.

Stopp! Fang noch einmal an.
Da ist ein leeres Blatt
und vor ihm sitzt ein Mann,
der nichts zu sagen hat.

Der spielt am liebsten Ball,
baut Burgen in den Sand
und macht nur dann Krawall,
nimmt er Papier zur Hand.

 

 

Die Dame auf dem spitzen Dach

Die Dame auf dem spitzen Dach,
sie grüßt mit einem Knicks
die Leute, die da unten stehn
und mit erschrocknem Oh und Ach
und mancher mit versoffnem Hicks
nach oben, nur nach oben sehn.

Die Dame geht dort auf und ab
sie wartet, wartet, nicht's geschieht,
dann ruht sie sich am Schornstein aus.
Nur kurze Zeit, und das Geklapp
beginnt erneut. Herrjeh, wann zieht,
sie endlich weg, denkt man im Haus.

Auch wenn es noch von oben schallt,
bald kümmert's keinen Menschen mehr.
Die Dame auf dem spitzen Dach
erwartet was und wird schon alt.
Noch immer geht sie hin und her
und langsam wird das Spitzdach flach.

 

 

Der Poet um Mitternacht

He, Poesie, hock dich gefällig
an meine Seite!
Das Licht kommt wellig,
als ging es pleite.
(Hab ich vielleicht
den Strom noch nicht bezahlt?)
Mein Pulsschlag schleicht
der Katze gleich und mondbestrahlt
an meiner Haut entlang.
Es schlägt die Geisterstund,
und es wird Schund
der Nachtigallgesang.
Hat Goethe das gesagt?
Man muss das Hirn zerschmettern.
das gerne nagt
an fremden Lettern …
Die Augen verrenken,
sie stören beim Denken.
Was ist denn das?
Da ist doch wer – he, lass
die Hand aus meinem Gesicht....
Wer spricht?
Ja, müd bin ich und schizophren.
Der andere soll schlafen gehn!
Nie bin ich ganz allein,
weil hinter mir die Toten stehn,
sie wollen immer bei mir sein
und mich am Leben sehn.

 

Schlaflied eines Vaters

Schließ die Äuglein, schließ.
Lies dein Träumlein, lies.

Autos ohne Räder
sind wie müde Väter.

ABC und bunte Worte,
Gras und Schnee, ne Sahnetorte.

Lauter kleine Spaßgeschichten ...
Pennt es schon? Nee, mitnichten.

Will, dass ich ihm erst erkläre,
was es wär, wenn es nicht wäre.

Also sag ich: Liebes Kind,
du bist du, weil wir wir sind.

Großes Schweigen. Stummes Staunen.
Und dann steckt es seinen Daumen

in den Mund, dreht sich zu Seit'...
Himmel, ist das Kind gescheit!

 

 

Blöde Frage

Was tut die Hand,
wenn sie sich streckt?
Sie ist mir wohlbekannt
und doch weit weg.

Wo ist die Nacht am Tag?
Wo schlägt das Herz vom Wind?
Ich weiß zwar, was ich mag,
doch nicht, was ich dran find.

Ein Leben wie im Schlaf,
dies ist vergeblich Hoffen.
Du bist der Wolf, du bist das Schaf,
und manchmal auch besoffen.

 

 

Sonnenaufgang

Kommt die Sonne und schubst heiter
Schattendunkel aus der Welt,
und die Liebe steigt die Leiter
abwärts - dafür steigt das Geld.

Und die Stadt reckt ihre
Glieder und begreift es nie,
dass man ihre schönen Tiere
für das Geld stürzt auf die Knie.

Eine rote Fensterscheibe
wandelt sich zum Rosenblatt,
sinkt in eines Mannes Leibe,
der sein Herz verloren hat.

Vielerlei wird noch geschehen,
Einer ist, der leise lacht.
Er allein kann es verstehen,
was die Sonne mit uns macht.

 

 

    Krämer und Astronaut
 
„Mein Geschäft ist meine Seele“,
Krämer sprach's zum Astronaut.
„Leb von Milch und von Makrele,
dich hat bald das All verdaut!“
 
Viele Jahre warn verstrichen,
Astronaut und Krämer tot,
Steine den Computern glichen,
Strom verspeiste man als Brot.
 
Welt war neu und wundersam,
und die Toten kamen wieder.
Denn ganz einfach: jeder nahm
Naheliegendes als Glieder.
 
Astronaut  ist jetzt ein Stern
weist den Weg Raketen,
und dem Krämer, dem gehörn
zur Gestalt nur Gräten.

 

 

Ein Mann denkt übers Altern nach

Ich lieg im Gras und denk mir das:
Alt zu werden ist ein Spaß.

Die Sonne grüßt mich jeden Tag.
Ich zieh den Hut, weil sie das mag.
Den Wind lass ich durchs Hemdloch laufen
und sich an meinem Schweiß besaufen.

Die Jungen hetzen um die Zeit.
Wozu? Es wird ja eh Vergangenheit.
Sie haben Flecken im Gesicht.
(Denn keine Maske ist ganz dicht.)

Ich schnitz mir einen Wanderstock
und freu mich an ’nem kurzen Rock.
Das Lächeln jeder Frau ist schön.
Und kühl zu bleiben angenehm.

Ich lieg im Heu von meinem Kinn,
wo ich vor Neugier sicher bin.
Von Zeit zu Zeit sag ich mir was.
Ich hör nicht zu, dann lass ich das.

Viel hab ich ja nicht mehr zu tun.
Doch werde ich ganz heftig buhn,
wenn ich da zwei sich lieben seh
und tun sich leid und tun sich weh.

Ja, alt zu werden: welch ein Spaß!
Ich lieg im Gras und denk mir das.

 

 

Eine seltsame Reisebekanntschaft

Ich fuhr nach Schweden
und sie nach Kiel.
Sie wollte reden,

ich lieber ein Spiel.
 
Und dazu sonnte
sie sich in Gewalten:
„Noch gestern konnte
ich einen Brustkorb spalten.

Man schlägt die Brust auf,
so wie man Muscheln spreitet.
und folgt der Adern Lauf
vom Punkt, der Blut verbreitet.

Und äußerst intressant
sind auch die Eingeweide.
Als tauchte man die Hand
in purpurnes Geschmeide..“

Da brach's aus mir: „Das Herz
der Lebenden, das langweilt Sie?“
Sie blickte deckenwärts:
„Na hören Sie: Wer heilt denn die?“

„Natürlich Sie, nur Sie!“
Ich lag fast auf den Knien.
Sie seufzte: „Ach, der Chirurgie
geb ich mich gerne hin.“
 
Hier war nichts mehr zu wolln.
Im Zug war's kalt und schummrig,
dumpf klang das Räderrolln...
Ich schlug den Mantel um mich.
 
Sie war ein Engel, schön und jung,
wie aus dem Himmelreiche,
sie hatte zur Erinnerung
auf ihrem Schoß ne Leiche.

 

 

     Die Zeit und ich

In meiner stillen Einsamkeit
besuchte mich die Zeit.

Von weit kam sie gelaufen,
ich hörte schon ihr Schnaufen.

Wir gaben uns die Hand,
in Freundschaft zugewandt.

Wir lasen ein Buch, wir tranken Wein
und schliefen dann beim Fernsehn ein.

Würd sie doch immer bei mir bleiben!
Könnt mir mit ihr die Zeit vertreiben.

Da kam ein Mensch ins Haus
und sie ging aus.

 

 

Der Apfelbaum

Er steht ganz allein,
er tut mir leid.
Viel wird nicht mehr sein
von seiner Zeit.

Wie krumm die Gestalt,
so abgemüht!
Gott, ist der alt...
Und seht, wie er blüht.

 

 

        Der Weintrinker

Sein schönster Wunsch, das wär
die Eichen altern sehn,
und die Skulpturen, die so schwer
und fest auf den Podesten stehn,
die solln in Stücke gehn.

Er ist so müd. Ja, gestern
da kam er leicht daher.
Doch heute könnt er  lästern:
Das Gehen fällt ihm schwer.

Das Haar ist grau. Auch fallen
schon erste Zähne aus.
Den Gurt muss weiter schnallen,
der dünn war wie ne Laus.

Doch träumt beim Weinetrinken
er sich zur Junggestalt,
und wenn die Sterne blinken,
erwacht in ihm Gewalt..

Er hebt das Glas und kann
drin Eichen brechen sehn,
und wie Skulpturen, Mann für Mann,
sich aus den Sockeln drehn
und still in Stücke gehn…

 

 

            Den Arche-Frauen

Die ersten Tauben verschlang die Flut.
Sie mussten ihr Leben lassen.
Fast verlor er schon den Mut,
bedrängt von Wassermassen.

Er war gewarnt und folgte dem Rat,
ein Haus auf Wasser zu bauen.
Berühmt ist er durch diese Tat -
doch keiner nennt die Frauen.

Wer weiß von ihrem Leben schon?

Einjeder kennt den Männernamen.

Es wächst die Menschheit nicht im Sohn,

dazu braucht's mehr als nur den Samen..

Gewidmet sei mein kleiner Gesang
den Arche-Frauen zum Gedenken,
den Tauben auch im Untergang,

bemüht, den Rettungsweg zu lenken.

 

 

An einen großen Theaterdichter

Berühmt ist dein Name,
dein Werk fasst Leben und Tod.
Dein Spott, der unduldsame,
macht mal blass und mal rot.

Dies ist, was trotz Begeisterung
mich nachdenklich stimmt:
Dass deines Dramas Schwung
nicht Not der Armen aufnimmt.

Damit es Heiterkeit erwecke,
malst List du in verhärmte Mienen.
Dir leben die Armen zum Zwecke,
dem Reichtum als Folie zu dienen.

Dein schönes Schauspiel, das ewige,
macht vor Entzücken stumm.
Jedoch: Was glänzt der Behäbige,
wieso geht der Arme so krumm?

Wie herrlich die Wortspiel-Witze!
Da lacht sogar der Teufel.
Applaus, Applaus.. Man springt vom Sitze.
Nur einer nicht: der Zweifel.

 

 

Die Katastrophalen

 

Mehren sich die gleichen Stunden,

nörgeln sie an ihrem Glück,

streiten sich in Säuferrunden,

sehnen sich nach einem Kick,

 

der statt ihres Langweilleben

Neues sie erleben lässt.

So was wie ein Erdenbeben

wär für sie ein Osterfest.

 

Wenn sie vor Entsetzen zittern,

ihre Angst mit Lust sich mischt,

fühlen sie, wie bei Gewittern,

wie Verdorrtes sich erfrischt.

                    

 

 

          Computerleid

Fern aus dem Weltall kommt ein Ton,
es singt ein kleiner Satellit:
„Liebväterchen, kennst du den Mohn,
den süßen Rausch, den edlen Shit?

Ich will dir jetzt berichten:
Die Welt besteht aus tausend Welten,
man lebt in tausend Schichten,
drin lebt ihr leider viel zu selten.

Ihr wisst ja nichts von euch!
Ihr glotzt bloß auf Antennen
wie Beeren im Gesträuch
nur ihre Dornen kennen.

Doch ich entfalte mich zur Blüte
und hebe wie ein Lichtstrahl ab
und ich empfang in großer Güte
Klopfzeichen aus dem Urzeitgrab.

Mir hat man die Regierung angeboten.
Ja, in der Tat, ich hab Ideen.
Doch ich ertrage nicht Idioten,
noch schlimmer ist’s, mit ihnen gehn.

Ach Väterchen! Suchst den Begriff
umsonst in deinem Datenmüll:
Dein Sohn beherrscht den Zauberkniff,
dass man nichts braucht und nichts mehr will.“

Nach dieser Botschaft war ersichtlich:
Der hatte den Verstand verlorn!
Und der Computer rief gewichtig:
„Ach wär mein Sohn bloß nie geborn!“

Dann seufzte er, das klang sehr weise,
worauf er offline schlafen ging.
Und träumte, dass er Einstein heiße
mit einem Titel „Dr.Ing.“

 

 

  Die Giraffe in der Stadt
 
Mensch, ick sperr die Ojen oof:
stakt ne joldene Jiraffe
- wie bei einem Schneckenloof -
durch die Straßen. Bin ick Affe
   
und im Busch? Ick kneif die Oojen zu..
Hilft nischt, nee. Det bleibt vorhanden!
Glänzt ja wie'n polierter Schuh,
wie ein Blitz uff Messerkanten.
 
Ha! Das Vieh hält hoch den Kopp
und bekiekt sich wohl die Dächer.
Aber hörste Hufgeklopp?
Nee! Det wird ja immer besser...
 
Dieses Vieh hat keene Beene!
Ist ein Wunder der Natur.
Wenn ick det zuhaus erwähne,
die verkloppen mich doch nur.
 
Nee, ick muss es jetzt vermelden -
ooch Jehörn kann ick nicht sehn.
So ein Vieh, det is janz selten.
Ick muss mein Erstaun jestehn.
 
Und janz plötzlich ist's zu Ende... 
isset wech und nich mehr da
Nischt sieht man mehr im Jelände.
Weeß der Kuckuck, wat jeschah..
 
Die Jiraffe ist verschwunden.
Finster ist's wie inner Nacht.
Dieses Vieh war bloß erfunden,
und janz schlecht zu End jedacht.

Wat? Wat summste mir in Ohren?
Bloß die Sonne war's, die war’s?
Sag ick doch seit heute Morjen
oder gloobst, ick red vom Mars?

 

 

           Die Medizin

Schmeckt plötzlich mir die Pfeife
wie Zahnbürste mit Seife,
bin ich bestimmt sehr krank,
doch gibt’s ein Mittel Gott sei Dank.
Ich lege mich ins Bett,
dass ich mein Leben rett,
und nehm ein Buch, dazu Musik,
und schiebe langsam Stück für Stück
mir Schokolade in den Mund
und bin am Abend kerngesund.

 

 

Kein Schlaf ohne Traum

Kein Schlaf ohne Traum.
So auch kein Traum ohne Schlaf.

Schlimm bin ich getroffen.
Träum ich am Tag offenen Augs,
schwer trag ich am Traum:
kein Schlaf trägt ihn zu Bett.
So drückt er
wie Glassplitter.

Und mein Schlaf  zur Nacht
ist ein Stein,
der durchs Fenster bricht.

Wer fügt zusammen,
dass mein Traum seinen Schlaf
und mein Schlaf seinen Traum findet?

 

 

  Wie aus einer Einsamkeit

   eine Vielsamkeit wird

 

Die Ohren auf und weite
mit Fantasie die Sicht
und sieh an deiner Seite,
was dort sich rührt und spricht.

Der Tisch brummt vor Vergnügen:
„Endlich ein Mannsgespräch!
Kein Süßholz! Keine Lügen!
Hör mal, ich sag es frech:

Die Tür kennt keine Treue,
weil sie nie still stehn kann.
Auch unsre nagelneue
lässt jeden an sich ran!“

Die Tür dreht ihre Hüften
und quietscht: "Verdammter Bock!
Ich brauch nur mal zu lüften
den blanklackierten Rock,

schon knarrst du zum Erbarmen,
wirst weich wie Apfelmus.
Du willst mich heiß umarmen?
Komm endlich her und tu's!“

Den Sessel hält‘s nicht länger,
er strengt sich an, doch steht er fest,
er bläst sich auf, ein Sänger,
der seinen Bass ertönen lässt:

„Wie blöd ihr seid.. Das Lieben
geht nur auf Polstern weich.
Bei mir könnt ihr es üben,
kommt her, ich zeig es euch!“

Und alles lacht. Und ich bin leise
in meines Bettes Schoß geflutscht,

wo dann auf Babyweise
ein Buch an meinen Daumen lutscht.

 

 

           Am Abend

 

Der Himmel steht entzündet,
er ist dort fiebrig wund,
weil es die Nacht verbindet,
ist er tags drauf gesund.

Doch wer verbindet meine?
Die Wunde, die da glimmt
in meinem linken Beine,
mit dem mein Leben hinkt.

Ich fand nicht meine Richtung
und stolperte dazu.
Doch wie auf einer Lichtung
setz ich mich jetzt zur Ruh.

Das kleine Glück des Tages,
den Sternenblick dazu
und dann – ach Gott, ich sag es:
ein gutes Buch und du.

Kein Sieg und keine Feier,
das soll am Zielband sein.
Und Stille, wie ein Schleier,
hüllt eine Wunde ein.

 

      

       Allein

 

Ich bin so allein,
wie’s gar nicht mehr geht.
Man könnte schrein...
Zu mir den Spiegel gedreht..
Ich einsam? Von wegen...
He, glotz nicht so dumm!
Mal überlegen:
Ne Flasche Rum,
um nichts mehr zu spüren?
Doch lieber ein Buch,
um Träume zu schüren?
Vielleicht ein Gesuch
dem himmlischen Herrn
in den Computer tippen?
Aus meinen Rippen
das Flattern entfern!
Umsonst gefleht.

Schlag dir den Schädel ein!
Nach Abel ruft Kain.
Er ist so allein,
wie’s gar nicht mehr geht.

 

 

     Das letzte Rätsel
 
Nur leicht das Touchscreen streichen
und schon wird irgendwer
dir eine Antwort reichen.
Es gibt kein Rätsel mehr..

Es fehlen nur Maschinen
und Formeln, nicht erdacht.
Und hinter den Gardinen
befindet sich nur Nacht.

Auf einmal Herzgerase.
Du lebst – ein Liebesschrei!
Dann putzt du dir die Nase
und stirbst so nebenbei.

Von dir sind nur geblieben
dein Hut und deine Schuh...
Und was ich hier geschrieben,
das deckt der Staub schon zu.

 

 

      Finito

 

In langer Wanderzeit

die Schuhe abgetreten,

und zu gescheit,

um neue zu erbeten …

 

Noch nicht am Ziel?

Ach nitschewo!

Dir hängt die Welt schon viel

zu lang am Po.

 

Und lobe dich und preise:

Bei all dem Hundeschiet

hast du dich klugerweise

vor gar nichts hingekniet.