Für die  „Verse auf der Kachelwand“ gab es 2010 den Brandenburgischen Literaturpreis.

Deutsches

      

  Schreck am Abend

Es war am späten Abend,
da bin ich aufgeschreckt.
In alten Schriften grabend,
hab ich mich selbst entdeckt:

Er trägt die Zipfelmütze,
ein  freundliches Gesicht.
Er ist der Ordnung Stütze
und sitzt gern zu Gericht.

 

Er hält sich selbst in Ehren,

scheut da kein Wortgefecht.
Doch will ihn wer belehren,
hört er auf einmal schlecht.

 

Er träumt von alten Helden,
prüft sich vorm Spiegel nackt:
Er will als einer gelten,
mit Muskeln so bepackt!

Dann tritt er mit dem linken
auf seinen rechten Fuß.
Jetzt muss er sich betrinken,

denn er hat einen Blues.

Bald schwenkt er eine Fahne,
belebt von Bier und Wein.
Er ist ja ein Germane,
wie könnt er anders sein.


An diesem späten Abend
war ich doch sehr bewegt
hab mich, mein Schicksal tragend,
sogleich ins Bett gelegt
.

 

   

 Deutsches Kriegskind


Ein Krieg schloss seine Augen.
Da platzte mein Gesicht
an zwei Stellen
und neuer Krieg begaffte Licht,
begann am Daumen zu saugen.
Und wuchs. Mit Kellen
der Heuchelei gemästet
entstand ein hübsches Heer.

Rauch- und schnapsverpestet,
rollt es in mir kreuz und quer,
hampeln braune Sturmkolonnen,
blinkt das Zeichen der SS,
in den Hals kommt Blut geronnen
und es schmeckt wie Leckeres.
Und mein Herz, das bläht sich auf,
prahlt mit Stiefelwippen,
richtet des Gewehres Lauf
hoch in meine Kehle.
Hitler öffnet sein Geschäft
und verkauft Befehle,
die man wonnig von sich kläfft
oder hämisch ausgespuckt
durch schnapsnasse Lippen.

Abends sitz ich hingeduckt
an der Theke. Gläser kippen,
weil ich heftig diskutiere.
Wie ich in den Spiegel stiere,
zeigt sich mir der Feind.
Es verstummen die Fanfaren
und ich hör, wie etwas weint,
als die Eltern glücklich waren.

 

         

     Der fremde Verwandte

 

Tritt leise auf in deinem Land,
sie dürfen dich nicht sehn.
Du gehst mit einem Hand in Hand,
dem sie schon Stricke drehn.

Er hat die Augen ganz wie sie,
die Nase und den Mund,
und stößt er sich einmal das Knie,
so wird's wie ihres wund.

Ich seh da keinen Unterschied,
wir sind mit ihm verwandt.
Wenn einer etwas andres sieht,
hat er sich nicht erkannt.

 

 

         Hoffnung

Hoffnung, kleines Entelein,
werde doch ein Schwan!
(Und mein Herz wird rein
und gesund mein Zahn).

Stacheldraht hängt im Museum,
Minen kennt man nur mit e.
In Kasernen laufen rum
Kühe, euterhoch im Klee.

Ich leb mit entblößten Zähnen.
Keiner haut sie dafür ein.
Und statt eisengrauer Tränen
werd ich bunte Reime spein.

Doch ich fürchte, eh’s geschieht,
wird es Herbst noch manches Mal
und manch Ochs von Jäger sieht
Enten nur als Mittagsmahl.

 

 

             Der Gutbürger

Jawohl, ich will Gerechtigkeit!
Doch der ist dumm und der gescheit,
drum bleibt der arm und der wird reich.
Kein Mensch ist einem andern gleich.

 

Ich werd mich doch  nicht länger quäln,
ich lasse jetzt die andern wähln.
Gelogen wird ja haufenweis,
ich lese nur, was ich schon weiß.

 

Ich muss mal sagen, wie es ist:
Ein Moslem wäre besser Christ!
Dann bräucht er seinen Vollbart nicht,
und schon wär deutsch auch sein Gesicht.

Ich danke Gott, das ist vorbei:
bei uns gibt es kein Kriegsgeschrei.
Bei andern freilich, gar nicht schön:
da hört man wieder Kriegsgedröhn.

Nicht meine Schuld, kann nichts dafür,
drum Fenster zu und zu die Tür!
Jetzt brüh ich meinen Tee und dann
schau ich mir einen „Tatort“ an.

Und wenn mal Rauch zum Himmel quillt,
da wird beim Nachbarn bloß gegrillt.
So friedlich geht es bei uns zu.
Drum, liebe Welt, lass mich in Ruh.

 

  

    Die Strophe der neuen Helden

 

„Deutschland über alles..“
Das klingt so liebevoll
und hat so etwas Dralles,
das man umarmen soll.

Ich kann nicht miteinstimmen,
ich weiß auch schon warum.
Wo die Berauschten singen,
da bleib ich lieber stumm.

 

Aus Mündern wie aus Schloten

steigt's auf im ganzen Land,

als würden all die Toten
zum zweiten Mal verbrannt.

 

Es sind die neuen Helden
mit ihrem Kriegsgesang.
Die alten, sie erwählten
umsonst den Untergang.

 

 

Erbe und Verpflichtung

 

Was sie uns hinterließen
als Erbe sozusagen,
sind keine Blumenwiesen
und keine Heldentaten.

Will ich das Erbe nennen,
kann ich nur mühsam sprechen,
doch will ich laut bekennen
ein Wort zu den Verbrechen:

Lebendig sind die Toten!
Sie haben uns verpflichtet
zu helfen den Bedrohten
und jedem, der da flüchtet.

 

 

    Deutschland im Herbst
 
Der Himmel ist ein Magiermantel,
mit Gold und Silberkram behängt.
Der Wind treibt mit den Bäumen Handel.
Das erste Blatt wird ihm geschenkt.
 
Und schwer von Traumgewichten
liegt Deutschland, kalter Ort,
begraben unter Aschenschichten,
der Schmerz hat es verdorrt.
 
Und an den Fersen schleife
ich Leichen an das Licht,
bis ich den Sinn begreife:
Erlösung gibt es nicht.
 
Der Himmel, ein Soldatenmantel,

sein Saum ist rot von Blut.
Zur Drohne ist der Mond verwandelt

und stürzt, als alles ruht.

 

       

           Am Abend

 

Der Himmel steht entzündet,
er ist dort fiebrig wund,
und weil's die Nacht verbindet,
ist er tags drauf gesund.

Doch wer verbindet meine?
Die Wunde, die da glimmt
in meinem linken Beine,
mit dem mein Leben hinkt.

Ich fand nicht meine Richtung
und stolperte dazu.
Doch wie auf einer Lichtung
setz ich mich jetzt zur Ruh.

Das kleine Glück des Tages,
den Sternenblick dazu
und dann – ach Gott, ich sag es:
ein gutes Buch und du.

Kein Sieg und keine Feier,
das soll am Zielband sein.
Und Stille, wie ein Schleier,
hüllt eine Wunde ein.

 

 

    Die neue Klassenfrage

Was passierte da, Marcuse?
(Nachbarin, Ihr Taschentuch!)
Denn es kam Beate Uhse,
Pornos deckten zu dein Buch.

Leben war das Wunderbare,
Rebellion, statt stumpf Studiern.
Es genügten lange Haare,
um die Bürger zu schockiern.

Steine krachten in die Scheiben
und es hat auch mal geflammt.
Nichts vom Alten sollte bleiben.
Doch die Welt ist festgerammt.

Unverändert ist die Lage:
Immer noch gibt's Hass und Gier.
Neu ist nur die Klassenfrage:
Was ist Mensch an uns, was Tier?