Die letzten Tage des Kommissars  Shop 

68 - Es gab nicht nur Demos  Shop 

Die Stadt, ein Bauhelm und der Atomdoktor   Shop

 

Verse auf der Kachelwand

Dieter Lenz


Dies ist meine Geschichte:
Auschwitz, West-Berlin.
Nicht dass mein Fuß
Auschwitz je berührte,
jedoch berührte
mich Auschwitz ganz,
nahm meinen Schatten auf
und hüllte sich drin ein.
West-Berlin war Feuer,
war Sturm und Drang,
ein Sonnenaufgang zu jeder Stunde.
Und heute?
Von Wort zu Wort mich tastend,

auf Suche nach dem Ursprung,
find ich ein Kind mit meinem Namen,

im Krieg geboren.

 

 

                                 Germane und so weiter....

      

    Schreck am Abend

Es war am späten Abend,
da bin ich aufgeschreckt.
In alten Schriften grabend,
hab ich mich selbst entdeckt:

Er trägt die Zipfelmütze,
ein  freundliches Gesicht
und ist zu allem nütze
aus Tradition und Pflicht.

Doch sollte man auch lachen,
weil er voll Streiche ist:
Er macht die besten Sachen
und zwischendurch viel Mist.

Im Osten und im Westen,
sucht er den Lebenssinn,
um jeden auszutesten
auf seinen Höchstgewinn.
    
Er steht, sich zu besehen,
vorm Spiegel heimlich nackt:
Wie könnt er herrlich gehen
mit Muskeln so bepackt!

Dann tritt er mit dem linken
auf seinen rechten Fuß.
Und fällt. Jetzt muss er trinken,

denn er hat einen Blues.

Bald schwenkt er eine Fahne,
geformt aus Bier und Wein.
Er ist ja ein Germane,
wie sollt er anders sein.


An diesem späten Abend
war ich doch sehr bewegt
und hab, mein Schicksal tragend,
zum Schlaf mich hingelegt
.

 

 

         Hoffnung

Hoffnung, kleines Entelein,
werde doch ein Schwan!
(Und mein Herz wird rein
und gesund mein Zahn).

Stacheldraht hängt im Museum,
Minen kennt man nur mit e.
In Kasernen laufen rum
Kühe, euterhoch im Klee.

Ich leb mit entblößten Zähnen.
Keiner haut sie dafür ein.
Und statt eisengrauer Tränen
werd ich bunte Reime spein.

Und doch, Hoffnung… Eh’s geschieht,
wird es Herbst noch manches Mal
und manch Ochs von Jäger sieht
Enten nur als Mittagsmahl.

 

         

            Der Fremde

Geh leise durch das Heimatland,
sie dürfen dich nicht sehn.
Du gehst mit einem Hand in Hand,
dem sie schon Stricke drehn.

Er hat die Augen ganz wie sie,
die Nase und den Mund,
und stößt er sich einmal das Knie,
so wird's wie ihres wund.

Ich seh da keinen Unterschied,
wir sind mit ihm verwandt.
Wenn einer etwas andres sieht,
hat er sich nicht erkannt

 

 

       Der geborene Feind

 

Nachts marschiert in Sturmkolonnen
er im Traum mit der SS,
in den Hals kommt Blut geronnen
und es schmeckt wie Leckeres.
Trommelwirbel in den Rippen
ruft zum letzten Kampfe auf,
schwer wie Blei sind seine Lippen,
kalt der Mund: Pistolenlauf.

 

Und wie brav sieht man ihn schlucken,
was man täglich ihm serviert,
nur, um's heimlich auszuspucken..
Als sein Blick zum Spiegel führt,
schweigen plötzlich die Fanfaren,
und er hört, wie etwas weint,
niemand kann es ihm ersparen:
denn geboren ist ein Feind.

 

  

  Die Strophe der neuen Helden

 

„Deutschland über alles..“
Das klingt fast liebestoll
und hat so etwas Dralles,
das man umarmen soll.

Ich kann nicht miteinstimmen,
ich weiß auch schon warum.
Wo die Berauschten singen,
da bleib ich lieber stumm.

 

Es sind die neuen Helden
mit ihrem Kriegsgesang.
Die alten, sie erzählten
umsonst vom Untergang.

 

Aus Mündern wie aus Schloten

steigt's auf im ganzen Land,

als würden all die Toten
zum zweiten Mal verbrannt.

 

 

    Deutsches Erbe

Was sie uns hinterließen
als Erbe sozusagen,
sind keine Blumenwiesen
und keine Heldentaten.

Will ich das Erbe nennen,
kann ich nur mühsam sprechen,
doch will ich laut bekennen
ein Wort zu den Verbrechen:

Lebendig sind die Toten!
Sie haben uns verpflichtet
zu helfen den Bedrohten
und jedem, der da flüchtet.

 

 

         Der Bravbürger

Die alte Zeit ist längst vorbei,
war voller Krieg und Mordsgeschrei.
Die neue, die ist auch nicht schön.
Man hört schon wieder Kriegsgedröhn.

Nicht meine Schuld, kann nichts dafür,
drum Fenster zu und zu die Tür!
Ich brüh mir einen Tee und dann
schau ich mir einen "Tatort" an.

Und wenn es draußen blitzt und kracht,
wird drinnen lauter noch gelacht.
Es ist schon gut, so wie es ist.
Ich mache heut mal auf Buddhist.

Ich bin auch für Gerechtigkeit.
Ist einer dumm und der gescheit,
so bleibt der arm und der wird reich.
Die Menschen sind halt niemals gleich.

 

Ich steh für Umwelt und den Wald.

Ich handel fair, und wird was alt,

gehorch der Wirtschaft ich getreu
und kauf das gleiche wieder neu.

 

Und auch für Volk und Vaterland
geb ich mein Herz und den Verstand

und bin für guten Meinungsstreit
bei passender Gelegenheit.

 

Ich hab mich niemals ausgeruht,
drum Schande, weil der Staat nichts tut:
Es wäre endlich angebracht,
dass er uns Menschen glücklich macht.

 

  

        Deutscher Mond

Die Nacht trägt einen Magier-Mantel,
mit Flitterkram verziert.
Der Mond ist eine süße Mandel,
die das Gemüt kuriert.

 

Zu müde, um sich aufzurichten,
so träumt das Land sich selber fort.
Und aus vergangenen Geschichten
steigt eine alte, Wort für Wort.


Die Nacht trägt den Soldatenmantel,
der Saum ist rot vom Blut.
Zur Drohne ist der Mond verwandelt
und stürzt, als alles ruht.

 

 

Um Mitternacht und so weiter ...

     

         Um Mitternacht (1)

 

Ich bin hellwach und fiebernass.
Die Nacht soll meine Tafel sein
und wie mit einem Splitter Glas
kratz Verse ich hinein:
 
Wer weiß, wie’s um den Menschen steht?
Ist er betrunken, ein Prolet,
der grölend durch das Blumenbeet
der Schöpfung geht?
 
Er lässt sich seinen Spaß nicht störn,
ein Leben voller Speed.
So kann er sich nicht keuchen hörn,
nicht sehn, was ihm geschieht.
 
Und während aus den Space-Sensorn
die Kosmos-Bildflut quillt,
geht auf der Erde eins verlorn:
das traute Menschenbild.

 

Das Dunkel schwillt, es stöhnt die Stadt.
Geburt heißt der Befund.
Und was die Hand geschrieben hat,
das macht mich jetzt gesund.

 

 

     Um Mitternacht (2)

 

In dieser dunklen Stunde
wird fremd mir jedes Wort,
es geht aus meinem Munde
ganz einfach fort..

Die Sonne, Erde, Elektron,
die drehn sich in den Versen,
es ist die Rotation
von Staub und Universen.

Der letzte Mensch, bevor
der Zukunft erster aufersteht,
er liegt mit einem Ohr
im Dreck, das andre hochgedreht.

Und Fernen funken fremden Sinn,
sein Kopf wird Webmaschine
und pocht und sticht: ein Gobelin.
Der Kosmos lacht: Gardine.

Punkt Zwölf. Vom Rundfunk Phrasen.
Ein Tag beginnt, eine neuer.
Reformen abgeblasen.
Sie kommen uns zu teuer.

 

 

          Morgengrauen

Das Dunkel - anfangs war's wie Seide -
gefror zur Kachelwand,
ich schreib mit einer Wasserkreide
sie voll bis an den Rand.

 

In Weltraumfrost gebunden,
ist meine Schrift am Tag getaut,
vergessen ist, was ich empfunden,
es war ein Hauch auf meiner Haut.

 
Am Fenster schlägt sich Feuchte nieder,
die Nacht, in grauer Joggingtracht,
sie läuft zur andren Welt hinüber.
Für wen hat sie da Platz gemacht?

Ein Silberdeckel wird gehoben
von dunkelblauem Sarkophag.
Noch bleich von seinen Träumedrogen
steigt still heraus der junge Tag.

Und ich schnall los die Hosenleine.
Komm doch herein, sag ich kokett,
du bist wie ich, scheint mir, alleine,
lass uns gemeinsam gehn ins Bett.

 

 

         

             Das Streichholz

Das wird ein Mensch wie ich und du
nicht noch einmal erleben:
Geträumtes kommt da auf uns zu,
es ist ein großes Beben.

Ein Streichholz, das die Zukunft reibt,
sind wir: nur eine Flamme.
Doch was ihr Licht ins Dunkel schreibt,
sind neuer Welt Programme.

 

 

      Abends bei ihr

„Die Zukunft, sie soll leben!“
rief ich und hob das Glas.
Sie lachte bloß: „Vonwegen!“
Und dann entfuhr ihr das:

„Gelobt sei mir das Gestern.
Wie schön war da die Welt.
Vergangenes zu lästern,
nur leicht dem Träumer fällt!“

Nahm sie mich auf die Schippe?
Ich war erst einmal stumm,
doch dann mit kesser Lippe:
„Nun hör mal, sei nicht dumm!

Es kommt die wundervolle
Befreiung von der Zeit.
Und aus ist's mit der Rolle
des Tods: Vergänglichkeit.

Zwar machen Dichter-Zeilen
mit ihrer Lyrik bang:
Wir sollten still verweilen
beim Sonnenuntergang.

Nur der verstünd zu leben,
der's Abendrot beschaut.
Die Lippen sollen beben,
und frösteln seine Haut...

Wir nicht! Wir beide holen
ein Sci-Fi-Buch heran
und gehn auf Augensohlen
der Morgensonn voran.“

„Sag mal, bist du besoffen?“,
rief sie. „Jetzt ist's genug!“
Nur eins sei zu erhoffen:
„Werd endlich Mann und klug!“

Dann griff sie nach dem Smartphone
und schoss ein Bild von mir.
Und flüsterte: „Ich seh schon...
Vergangenes sitzt hier.“

 

 

        Homo sapiens

 

Breitbeinig in den Sternen stehn,

(Wozu sonst der Verstand?)

wollt er den Kosmos um sich drehn

zum göttlichen Gewand...

 

Er war erwählt, ein Mensch zu sein,
ein Liebling der Natur.
Er wurde sich und ihr zur Pein -
so löscht sie seine Spur.

 

Und niemand weiß, wohin er ging...

Der Erde ist's egal

und wählt sich einen Schmetterling

zum neuen Prinzipal.

 

 

 

        Fort-Schritt

Da hat wer – nenn ihn: Gott –
den Menschen konstruiert.
Das schuf dann was aus Schrott
und Gott ward liquidiert.

Jedoch – das ist zum Schrein –
der Schrott, als Mensch kreiert,
begann sich zu befrein
und hat den Menschen abserviert.

Der Schrott baut sein Genie
in jeden Kieselstein.
Der Dummkopf! Er wird nie
mehr frei und mächtig sein.

Am Schluss beherrscht die Welt
mit einem Gottverstand,
was heut zum Unrat zählt:
der Sand, der Sand, der Sand.

 

 

            Das  Ende

Die Haut hat er sich eingeschlitzt,
er will noch etwas spüren,
und mit dem Blut, das aus ihm spritzt,
will er die Welt berühren...

Er ahnt, dass seine Nacht anbricht
es dunkeln die Gestirne,
verschattet vom vernetzten Licht
der künstlichen Gehirne.

Was einst gehorchte, das bestimmt
nun eigene Gesetze.
Doch seine Glut noch immer glimmt
im Glanz geraubter Schätze.

 

       Liebe und so weiter ...

 

       Ende einer Liebe

Seht, die Stadt reckt ihre
Glieder und sie seufzt entzückt,
weil man ihr schon früh um viere
Dröhnung in die Adern drückt!

„Müssten wir nicht endlich gehen?“
fragt Laterne eine Bank.
Und sie stolpert in ein Drehen
und verstaucht sich –  Gott sei Dank.

Eine rote Ampelscheibe
fällt herab als Rosenblatt,
sucht im Mann sich eine Bleibe,
der sein Herz verloren hat.

Tat nach einer andren schielen,
hat sich einen Spaß gemacht.
Sagte ihr, es sei nur Spielen..
Na, dann hat es halt gekracht.

Starrt auf seine nackten Beine,
sitzt am Rand von seinem Bett.
Lächelt leise... Sie warf seine
Blumen ins Klosett!

 

 

       Das verdrehte Ding

 

Welcher Schelm hat das verdrehte
Ding sich ausgedacht!
Aufgeschreckt, wie in Stampede,
stürzen Sterne
durch die Nacht
beim berühmte Kitzelspiel,
wo man unter Schmerzen lacht.
Ja, ich wäre wirklich gerne

zu nem Baum gemacht,

in den Adern Chlorophyll,

stünde einfach da ganz still.

 

Auch genehm der ewge Frieden:
dass mich keusche Engel holen,
ihre blütenzarten Finger
sind ein Windhauch allenfalls.
Doch des Frühlings leises Sieden
und zwei Augen schwarz wie Kohlen
sind gewaltige Bezwinger.
Und ich liebe, liebe abermals …

 

Als ich ihr entzückt erkläre,
dass sie meine Liebste wäre,
murmelt sie: „Schon Koks geschnupft?“
Und ich küsse ihr das Pfötchen
und ich fühl mich wie das Brötchen,
das beim Frühstück sie zerrupft.


Klüger wär's, davonzulaufen,
besser noch ne Weltraumfahrt,
reiß an Gottes langem Bart,
will mich mit ihm raufen.

 

Fall stattdessen auf die Knie,

bin erschöpft, und bitte sie:

 

„Schatz, gewähr mir Straferlass!

Was soll's sonst bedeuten?

Oder ist's nur Jägerspaß,

Lust, was zu erbeuten?

Sich mal beißen, sich mal küssen,

sind wir so gebaut?

Wollen wir das Rätsel lösen,

ja, ich denk, dann müssen

wir viel mehr entblößen

als nur unsre Haut.

Und wir finden einen schlaffen,

leiderprobten Sado-Affen...

 

Möchte dich zum Abschied fragen

(in der Seele grollt's):

Musstest du die Liebe schlagen

an ein Kreuz aus Stolz?

 

 

        Bloß ein Spaß

Ist das an deinen Wimpern
ein Tropfen Nitroglyzerin?
Bloß nicht damit klimpern,
sonst sind wir beide hin!
 
Wie man so sagt: Das Glück ging baden.
Wer denkt denn schon daran,
dass an einem seidnen Faden
auch ein Himmel hängen kann.

Ein letzter Schluck aus unserm Glase ...
Und lachen wir, ein Witz war das!
Denn was da rinnt lang deiner Nase,
ist Wasser nur und macht bloß nass.

 

 

          Single

Heut Nacht... Allein.
Ins Facebook noch spät..
Da lacht man sich dumm..
Dann lieber offline.
Das Fernsehgerät?
Mann, zapp nicht so rum..
Wie wär es mit Pillen,
zum trendy Chillen?
Das Smartphone her! 
Der Akku ist leer.
Ein Ächzer diskret.
Abel ruft Kain.
Er ist so allein,
wie’s gar nicht mehr geht.

 

 

            Sex-to-go

Manchmal beim Spazierengehen
bleib ich wie genagelt stehen.
Irgendwas tut da gespenstern
auf Plakaten, in Schaufenstern...

Schau ich nur, will michverschnaufen,
tät ich besser, wegzulaufen.
Durch was Schönes, kaum bekleidet,
werde ich zum Shop geleitet...

Das verfluchte  Animieren,
das Verwirren, das Verführen..
Kann die Finger nicht von lassen,
muss mal hier, mal dorthin fassen.

Dass man mich zum Kaufen zwinge,
sind heut sexy alle Dinge,
und ich wette, dass im Grabe
ich ein sexy Spielzeug habe.

 

     

         Lied und Leid einer Frau

 

Die Frau kann Kinder kriegen,
der Mann, der kriegt das Geld.
Er sagt, er kann nur siegen,
so sei er eingestellt.

Wenn er doch bloß verräte,
was er da tut.
Ja, wenn er's besser täte,
dann wär's gut.

 

Er hält sich fürn Experten

in großer Politik.

Er will darin was werden,
und wird dann doch nur dick.

Wenn er doch bloß verräte,
was er da tut.
Ja wenn er's besser täte,
dann wär's gut.

Und spielt sich auf im Bette,
als wär er Supermann.
Er kriegt ne TÜV-Plakette,
für das, was er da kann.

Wenn er doch bloß verräte,
was er da tut.
Ja, wenn er's besser täte,
dann wär's gut.

 

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