Für die "Verse auf der Kachelwand" gab es 2010 den Brandenburgischen Literaturpreis.

Zukunft usw...

 

 

   Gute Nacht

In Nagel-Jeans
die Nacht steigt herab,
bringt Dopamins
Gefolge auf Trab,

und aus Gestöhn
wird ein Gelächter:
Es stirbt sich schön
für Spaßgeschlechter!

Am Ende bricht,
die Form des Alten,
in Splitterlicht,
atom-gespalten.

Den neuen Halt
dem Web entnehmen,
zu Bits geballt,
gelebt als Schemen …

Am Fensterkreuz
der Sonne Strähnen.
Genug Geseufz.
Jetzt kommt das Gähnen.

 

 

 

 

        Zu Gast bei ihr

„Die Zukunft, sie soll leben!“
rief ich und hob das Glas.
Sie lachte bloß: „Vonwegen!“
Und dann entfuhr ihr das:

„Gelobt sei mir das Gestern.
Wie schön war da die Welt.
Vergangenes zu lästern,
nur leicht dem Träumer fällt!“

Nahm sie mich auf die Schippe?
Ich war erst einmal stumm,
doch dann mit kesser Lippe:
„Nun hör mal, sei nicht dumm!

Es kommt die wundervolle
Befreiung von der Zeit.
Und aus ist's mit der Rolle
des Tods: Vergänglichkeit.

Zwar machen manche Zeilen
mit ihrer Lyrik bang:
Wir sollten still verweilen
beim Sonnenuntergang.

Nur der verstünd zu leben,
der's Abendrot beschaut.
Die Lippen sollen beben,
und frösteln seine Haut...

Wir nicht! Wir beide holen
ein Sci-Fi-Buch heran
und gehn auf Augensohlen
dem Morgenlicht voran.“

„Sag mal, bist du besoffen?“,
rief sie. „Jetzt ist's genug!“
Nur eines sei zu hoffen:
„Werd älter, das wär klug!“

Dann griff sie nach dem Smartphone
und schoss ein Bild von mir.
Und murmelte: „Ich seh schon...
Vergangenes sitzt hier.“
 

 

 

            Morgengraun


Am Fenster schlägt sich Feuchte nieder,
die Nacht, in grauer Joggingtracht,
sie läuft zur andren Welt hinüber.
Für wen hat sie da Platz gemacht?

Ein Silberdeckel wird gehoben
von dunkelblauem Sarkophag.
Noch bleich von seinen Träumedrogen
steigt still heraus der junge Tag.

 

Und sanft berührt er meine Wunden,

von seiner kühlen Hand betaut,
und was ich vorhin noch empfunden,
war nur ein Hauch auf meiner Haut.

Den Gürtel auf.. Und lös die Leine!
Zum jungen Tag sag ich kokett:
"Komm doch herein... Ich bin alleine,
gehn wir zusammen jetzt ins Bett."
 
 
                 
              Das Streichholz

Das wird ein Mensch wie ich und du
nicht noch einmal erleben:
Geträumtes kommt da auf uns zu,
es ist ein großes Beben.

Ein Streichholz, das die Zukunft reibt,
sind wir: nur eine Flamme.
Doch was ihr Licht ins Dunkel schreibt,
sind neuer Welt Programme.

 

 

 


            Fort-Schritt

Da hat wer – nenn ihn: Gott –
den Menschen konstruiert.
Das schuf dann was aus Schrott
und Gott ward liquidiert.

Jedoch – das ist zum Schrein –
der Schrott, als Mensch kreiert,
begann sich zu befrein
und hat den Menschen abserviert.

Der Schrott baut sein Genie
in jeden Kieselstein.
Der Dummkopf! Er wird nie
mehr frei und mächtig sein.

Am Schluss beherrscht die Welt
mit einem Gottverstand,
was durch die Finger fällt,
das Allerkleinste: Sand.
 

 

 


             Das   Ende

Die Haut hat er sich aufgeschlitzt,
er will noch etwas spüren,
und mit dem Blut, das aus ihm spritzt,
will er die Welt berühren...

Er ahnt, dass seine Nacht anbricht
es dunkeln die Gestirne,
verschattet vom vernetzten Licht
der künstlichen Gehirne.

Was ihm gehorchte, das bestimmt
jetzt seiner Welt Gesetze.
Doch seine Glut löscht nie. Sie glimmt
im Glanz geraubter Schätze.

 

 

 

 

     Der Kommende

Sie sprechen von Tumoren,
wo doch ein Fötus wächst.
Da wird etwas geboren,
wonach das Weltall lechzt.

Er zerrt an unsren Nerven,
und macht uns täglich Zoff,
er wird bald Sterne werfen,
der einst von Tränen troff.

Er kommt, du kannst ihn spüren,
gleich sitzt er neben dir,
und löst sich aus den Schnüren,
ein Gott gewordnes Tier.

 

 

 


          Der neue Mensch
    
Das ist des neuen Menschen Art:
Gelockt von Grenzgebieten
wühlt er sich tief und reckt sich hoch.
Und zugedröhnt von Gegenwart
lässt er sich nichts verbieten,
kein „Aber“ gibt’s, kein „Weder/noch“.

Und ist mit Einem schon vertraut,
das ihn, so denkt er, bald befreit
von seiner alten Menschenhaut,
der Fessel der Empfindlichkeit:
Durch alle Formen will er gehn,
ein endlos weites Sternenlicht,
er lässt sich digital erstehn,
und hört nicht, was die Erde spricht:
 
Zwar lebst du jetzt auf neue Art,
und sprengst die alten Mythen,
gräbst genentief, steigst sternenhoch,
mein Erbe bleibt dir nicht erspart,
du kannst es nicht verhüten:
Du bleibst vergänglich doch.
 

 


       Um Mitternacht (2)
 
In dieser dunklen Stunde
wird fremd mir jedes Wort,
es geht aus meinem Munde
ganz einfach fort..

Die Sonne, Erde, Elektron,
die drehn sich in den Versen,
es ist die Rotation
von Staub und Universen.

Der letzte Mensch, bevor
der Zukunft erster aufersteht,
er liegt mit einem Ohr
im Dreck, das andre hochgedreht.

Und Fernen funken fremden Sinn,
sein Kopf wird Webmaschine
und pocht und sticht: ein Gobelin.
Der Kosmos lacht: Gardine.

Punkt Zwölf. Vom Rundfunk Phrasen.
Ein Tag beginnt, eine neuer.
Reformen abgeblasen.
Sie kommen uns zu teuer.