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Die letzten Tage des Kommissars  Shop 

68 - Es gab nicht nur Demos  Shop 

Die Stadt, ein Bauhelm und der Atomdoktor   Shop

 

Verse auf der Kachelwand

Dieter Lenz

 

Deutscher, Biedermann und so weiter...

         

            Ein Deutscher

 

Ich suche nach dem Lebenssinn,
find täglich einen bessern,

und wenn ich philosophisch bin,
fühl ich die Augen wässern.
 

Bewegt schau ich den Armen zu...
Man kann nicht alle retten!
Doch gilt's dem Baum, reih ich im Nu
mich ein in Menschenketten.

Vorm Spiegel steh ich gerne nackt,
um zu mir aufzusehen:
Wer so mit Muskeln ist bepackt,
der kann das Weltall drehen!

Dann tret ich auf mit rechtem Fuß
und stolper mit dem linken.
Ich brauche Ordnung, wird's konfus,

könnt ich in Gram versinken.

Dan hilft nur Bier, vielleicht auch Wein,
und her mit einer Fahne!
Wie soll es denn auch anders sein..
Ich bin ja ein Germane

 

 

         Hoffnung

Hoffnung, kleines Entelein,
werde doch ein Schwan!
(Und mein Herz wird rein
und gesund mein Zahn).

Stacheldraht hängt im Museum,
Minen kennt man nur mit e.
In Kasernen laufen rum
Kühe, euterhoch im Klee.

Ich leb mit entblößten Zähnen.
Keiner haut sie dafür ein.
Und statt eisengrauer Tränen
werd ich bunte Reime spein.

Und doch, Hoffnung… Eh’s geschieht,
wird es Herbst noch manches Mal
und manch Ochs von Jäger sieht
Enten nur als Mittagsmahl.

 

  

  Die Strophe der neuen Helden

 

„Deutschland über alles..“
Das klingt fast liebestoll
und hat so etwas Dralles,
das man umarmen soll.

Ich kann nicht miteinstimmen,
ich weiß auch schon warum.
Wo die Berauschten singen,
da bleib ich lieber stumm.

 

Es sind die neuen Helden
mit ihrem Kriegsgesang.
Die alten, sie erzählten
umsonst vom Untergang.

 

Aus Mündern wie aus Schloten

riecht es im ganzen Land,

als würden all die Toten
zum zweiten Mal verbrannt

 

 

    Deutsches Erbe

Was sie uns hinterließen
als Erbe sozusagen,
sind keine Blumenwiesen
und keine Heldentaten.

Will ich das Erbe nennen,
kann ich nur mühsam sprechen,
doch will ich laut bekennen
ein Wort zu den Verbrechen:

Lebendig sind die Toten!
Sie haben uns verpflichtet
zu helfen den Bedrohten
und jedem, der da flüchtet.

 

         

            Der Fremde

Geh leise durch das Märchenland,
sie dürfen dich nicht sehn.
Du gehst mit einem Hand in Hand,
dem sie schon Stricke drehn.

Er hat die Augen ganz wie sie,
die Nase und den Mund,
und stößt er sich einmal das Knie,
so wird's wie ihres wund.

Ich seh da keinen Unterschied,
wir sind mit ihm verwandt.
Wenn einer etwas andres sieht,
hat er sich nicht erkannt

 

 

         Herr Biedermann

Die alte Zeit ist längst vorbei,
war voller Krieg und Mordsgeschrei.
Die neue, die ist auch nicht schön.
Man hört schon wieder Kriegsgedröhn.

Nicht meine Schuld, kann nichts dafür,
drum Fenster zu und zu die Tür!
Ich brüh mir einen Tee und dann
schau ich mir einen "Tatort" an.

Und wenn es draußen blitzt und kracht,
wird drinnen lauter noch gelacht.
Es ist schon gut, so wie es ist.
Ich mache heut mal auf Buddhist.

Ich bin auch für Gerechtigkeit.
Ist einer dumm und der gescheit,
so bleibt der arm und der wird reich.
Die Menschen sind halt niemals gleich.

 

Ich steh für Umwelt und den Wald,
was ich auch nicht zu sagen scheu.
Ich kaufe fair, ich kaufe alt,
und nur mein Auto, das ist neu..


Und steht ein Fremder vor der Tür,
so soll er bittschön weiter gehn!
Ich wär ja wie gefangen hier,
blieb er vor meiner Nase stehn.

 

Mein Leben, find ich, ist perfekt,
wär doch der Staat auch so korrekt:
Hat er schon mal daran gedacht,
wie man mich froh und glücklich macht?

 

  

        Deutscher Mond

Die Nacht trägt einen Magier-Mantel,
mit Flitterkram verziert.
Der Mond ist eine süße Mandel,
die das Gemüt kuriert.

 

Zu müde, um sich aufzurichten,
so träumt das Land sich selber fort.
Und aus vergangenen Geschichten
steigt eine alte, Wort für Wort.


Die Nacht trägt nen Soldatenmantel,
der Saum ist rot vom Blut.
Zur Drohne ist der Mond verwandelt
und stürzt, als alles ruht.

 

Mitternacht, Morgengraun und so weiter ...

     

         Um Mitternacht (1)

 

Ich bin hellwach und fiebernass.
Die Nacht soll meine Tafel sein
und wie mit einem Splitter Glas
kratz Verse ich hinein:
 
Wer weiß, wie’s um den Menschen steht?
Ist er betrunken, ein Prolet,
der grölend durch das Blumenbeet
der Schöpfung geht?
 
Er lässt sich seinen Spaß nicht störn,
ein Leben voller Speed.
So kann er sich nicht keuchen hörn,
nicht sehn, was ihm geschieht.
 
Und während aus den Space-Sensorn
die Kosmos-Bildflut quillt,
geht auf der Erde eins verlorn:
das traute Menschenbild.

 

Das Dunkel schwillt, es stöhnt die Stadt.
Geburt heißt der Befund.
Und was die Hand geschrieben hat,
das macht mich jetzt gesund.

 

 

     Um Mitternacht (2)

 

In dieser dunklen Stunde
wird fremd mir jedes Wort,
es geht aus meinem Munde
ganz einfach fort..

Die Sonne, Erde, Elektron,
die drehn sich in den Versen,
es ist die Rotation
von Staub und Universen.

Der letzte Mensch, bevor
der Zukunft erster aufersteht,
er liegt mit einem Ohr
im Dreck, das andre hochgedreht.

Und Fernen funken fremden Sinn,
sein Kopf wird Webmaschine
und pocht und sticht: ein Gobelin.
Der Kosmos lacht: Gardine.

Punkt Zwölf. Vom Rundfunk Phrasen.
Ein Tag beginnt, eine neuer.
Reformen abgeblasen.
Sie kommen uns zu teuer.

 

 

          Morgengrauen

Das Dunkel - anfangs war's wie Seide -
gefror zur Kachelwand,
ich schreib mit einer Wasserkreide
sie voll bis an den Rand.

 

In Weltraumfrost gebunden,
ist meine Schrift am Tag getaut,
vergessen ist, was ich empfunden,
es war ein Hauch auf meiner Haut.

 
Am Fenster schlägt sich Feuchte nieder,
die Nacht, in grauer Joggingtracht,
sie läuft zur andren Welt hinüber.
Für wen hat sie da Platz gemacht?

Ein Silberdeckel wird gehoben
von dunkelblauem Sarkophag.
Noch bleich von seinen Träumedrogen
steigt still heraus der junge Tag.

Und ich schnall los die Hosenleine.
Komm doch herein, sag ich kokett,
du bist wie ich, scheint mir, alleine,
lass uns gemeinsam gehn ins Bett.

 

 

         

             Das Streichholz

Das wird ein Mensch wie ich und du
nicht noch einmal erleben:
Geträumtes kommt da auf uns zu,
es ist ein großes Beben.

Ein Streichholz, das die Zukunft reibt,
sind wir: nur eine Flamme.
Doch was ihr Licht ins Dunkel schreibt,
sind neuer Welt Programme.

 

 

      Abends bei ihr

„Die Zukunft, sie soll leben!“
rief ich und hob das Glas.
Sie lachte bloß: „Vonwegen!“
Und dann entfuhr ihr das:

„Gelobt sei mir das Gestern.
Wie schön war da die Welt.
Vergangenes zu lästern,
nur leicht dem Träumer fällt!“

Nahm sie mich auf die Schippe?
Ich war erst einmal stumm,
doch dann mit kesser Lippe:
„Nun hör mal, sei nicht dumm!

Es kommt die wundervolle
Befreiung von der Zeit.
Und aus ist's mit der Rolle
des Tods: Vergänglichkeit.

Zwar machen Dichter-Zeilen
mit ihrer Lyrik bang:
Wir sollten still verweilen
beim Sonnenuntergang.

Nur der verstünd zu leben,
der's Abendrot beschaut.
Die Lippen sollen beben,
und frösteln seine Haut...

Wir nicht! Wir beide holen
ein Sci-Fi-Buch heran
und gehn auf Augensohlen
der Morgensonn voran.“

„Sag mal, bist du besoffen?“,
rief sie. „Jetzt ist's genug!“
Nur eins sei zu erhoffen:
„Werd endlich Mann und klug!“

Dann griff sie nach dem Smartphone
und schoss ein Bild von mir.
Und flüsterte: „Ich seh schon...
Vergangenes sitzt hier.“

 

 

 

        Homo sapiens

 

Breitbeinig in den Sternen stehn,

 

(Wozu sonst der Verstand?)

 

wollt er den Kosmos um sich drehn

 

zum göttlichen Gewand...

 

 

 

Er war erwählt, ein Mensch zu sein,
ein Liebling der Natur.
Er wurde sich und ihr zur Pein -
so löscht sie seine Spur.

 

 

 

Und niemand weiß, wohin er ging...

 

Der Erde ist's egal

 

und wählt sich einen Schmetterling

 

zum neuen Prinzipal.

 

 

 

 

        Fort-Schritt

Da hat wer – nenn ihn: Gott –
den Menschen konstruiert.
Das schuf dann was aus Schrott
und Gott ward liquidiert.

Jedoch – das ist zum Schrein –
der Schrott, als Mensch kreiert,
begann sich zu befrein
und hat den Menschen abserviert.

Der Schrott baut sein Genie
in jeden Kieselstein.
Der Dummkopf! Er wird nie
mehr frei und mächtig sein.

Am Schluss beherrscht die Welt
mit einem Gottverstand,
was heut zum Unrat zählt:
der Sand, der Sand, der Sand.

 

 

            Das  Ende

Die Haut hat er sich aufgeschlitzt,
er will noch etwas spüren,
und wie er still und einsam sitzt,
beginnt es zu gefrieren.

Er hört, wie um ihn alles bricht
durch fremder Macht Gesetze.
Es ist der Mensch, der "Werde!" spricht,
der Finder seiner Schätze.

 

  Zeitgemäßes

In Nietenjeans
die Nacht steigt nieder,
führt Dopamins
Gefolg zum Dealer.
 
Und dumpf erdröhnt
ein Zeitenschlagen,
das Dunkel stöhnt
beim Traumaustragen.

Der Mensch probiert
sich auszuschalten,
er transformiert
sich fort vom Alten ...

Will die Gestalt
dem Web entnehmen,
zu Bits geballt,
treibt fort ein Schemen …
 
Ins Zimmer falln
der Sonne Strähnen
und Türen knalln ...
Ich muss jetzt gähnen.

 

Liebe Sex und so weiter ...

 

       Das verdrehte Ding

 

Welcher Schelm hat das verdrehte
Ding sich ausgedacht!
Aufgeschreckt, wie in Stampede,
stürzen Sterne
durch die Nacht
beim berühmte Kitzelspiel,
wo man unter Schmerzen lacht.
Ja, ich wäre wirklich gerne

zu nem Baum gemacht,

in den Adern Chlorophyll,

stünde einfach da ganz still.

 

Auch genehm der ewge Frieden:
dass mich keusche Engel holen,
ihre blütenzarten Finger
sind ein Windhauch allenfalls.
Doch des Frühlings leises Sieden
und zwei Augen schwarz wie Kohlen
sind gewaltige Bezwinger.
Und ich liebe, liebe abermals …

 

Als ich ihr entzückt erkläre,
dass sie meine Liebste wäre,
murmelt sie: „Schon Koks geschnupft?“
Und ich küsse ihr das Pfötchen
und ich fühl mich wie das Brötchen,
das beim Frühstück sie zerrupft.


Klüger wär's, davonzulaufen,
besser noch ne Weltraumfahrt,
reiß an Gottes langem Bart,
will mich mit ihm raufen.

 

Fall stattdessen auf die Knie,

bin erschöpft, und bitte sie:

 

„Schatz, gewähr mir Straferlass!

Was soll's sonst bedeuten?

Oder ist's nur Jägerspaß,

Lust, was zu erbeuten?

Sich mal beißen, sich mal küssen,

sind wir so gebaut?

Wollen wir das Rätsel lösen,

ja, ich denk, dann müssen

wir viel mehr entblößen

als nur unsre Haut.

Und wir finden einen schlaffen,

leiderprobten Sado-Affen...

 

Möchte dich zum Abschied fragen

(in der Seele grollt's):

Musstest du die Liebe schlagen

an ein Kreuz aus Stolz?

 

 

Süßes Ungeheuer

Ich wünscht, du wärst nicht da
und nur als Spuk vorhanden.
Ich kam dir viel zu nah -
und mein Verstand abhanden.

Jetzt rührst du meine Seele an,
verlangst nach meinen Innerrein.
Ich warn dich, Liebste, denn ich kann
sie gleich vor deine Füße spein.

In deiner Augen schwarzem Feuer
verbrenn ich wie ein Streichholz krumm.
Ich lieb dich, süßes Ungeheuer,
und diese Liebe bringt mich um.

 

 

        Bloß ein Spaß

Ist das an deinen Wimpern
ein Tropfen Nitroglyzerin?
Bloß nicht damit klimpern,
sonst sind wir beide hin!
 
Wie man so sagt: Das Glück ging baden.
Wer denkt denn schon daran,
dass an einem seidnen Faden
auch ein Himmel hängen kann.

Ein letzter Schluck aus unserm Glase ...
Und lachen wir, ein Witz war das!
Denn was da rinnt lang deiner Nase,
ist Wasser nur und macht bloß nass.

 

 

          Single

Heut Nacht... Allein.
Ins Facebook noch spät..
Da lacht man sich dumm..
Dann lieber offline.
Das Fernsehgerät?
Mann, zapp nicht so rum..
Wie wär es mit Pillen,
zum trendy Chillen?
Das Smartphone her! 
Der Akku ist leer.
Ein Ächzer diskret.
Abel ruft Kain.
Er ist so allein,
wie’s gar nicht mehr geht.

 

            Sex-to-go

Bin ich beim Spazierengehen,
bleib ich wie genagelt stehen.
Irgendwas tut da gespenstern
auf Plakaten, in Schaufenstern...

Schau ich nur, will michverschnaufen,
tät ich besser, wegzulaufen.
Durch was Schönes, kaum bekleidet,
werde ich zum Shop geleitet...

Das verfluchte  Animieren,
das Verwirren, das Verführen..
Kann die Finger nicht von lassen,
muss mal hier, mal dorthin fassen.

Dass man mich zum Kaufen zwinge,
sind heut sexy alle Dinge,
und ich wette, dass im Grabe
ich ein sexy Spielzeug habe.

 

     

         Lied und Leid einer Frau

 

Die Frau kann Kinder kriegen,
der Mann, der kriegt das Geld.
Er sagt, er kann nur siegen,
so sei er eingestellt.

Wenn er doch bloß verräte,
was er da tut.
Ja, wenn er's besser täte,
dann wär's gut.

 

Er hält sich fürn Experten

in großer Politik.

Er will darin was werden,
und wird dann doch nur dick.

Wenn er doch bloß verräte,
was er da tut.
Ja wenn er's besser täte,
dann wär's gut.

Und spielt sich auf im Bette,
als wär er Supermann.
Er kriegt ne TÜV-Plakette,
für das, was er da kann.

Wenn er doch bloß verräte,
was er da tut.
Ja, wenn er's besser täte,
dann wär's gut.

 

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