Verse auf der Kachelwand 2

 

Die Dame auf dem spitzen Dach

Die Dame auf dem spitzen Dach,
sie grüßt mit einem Knicks
die Leute, die da unten stehn
und mit erschrocknem Oh und Ach
und mancher mit versoffnem Hicks
nach oben, nur nach oben sehn.

Die Dame geht dort auf und ab
sie wartet, wartet, nicht's geschieht,
dann ruht sie sich am Schornstein aus.
Nur kurze Zeit, und das Geklapp
beginnt erneut. Herrjeh, wann zieht,
sie endlich weg, denkt man im Haus.

Auch wenn es noch von oben schallt,
bald kümmert's keinen Menschen mehr.
Die Dame auf dem spitzen Dach
erwartet was und wird schon alt.
Noch immer geht sie hin und her
und langsam wird das Spitzdach flach.

 

 

            Den Arche-Frauen

Die ersten Tauben verschlang die Flut.
Sie mussten ihr Leben lassen.
Fast verlor er schon den Mut,
bedrängt von Wassermassen.

Er war gewarnt und folgte dem Rat,
ein Haus auf Wasser zu bauen.
Berühmt ist er durch diese Tat -
doch keiner nennt die Frauen.

Dass sich die Menschheit weiterpflanzte
in wessen Schoß, wer kennt ihn schon?
Die Bibel sagt, wer mit wem tanzte,
doch nichts von Emanzipation.

Gewidmet sei mein kleiner Gesang
den Arche-Frauen zum Gedenken -
und jenen Tauben im Untergang,
die Menschen Hoffnung schenken.

 

 

An einen großen Theaterdichter

Berühmt ist dein Name,
dein Werk fasst Leben und Tod.
Dein Spott, der unduldsame,
macht mal blass und mal rot.

Dies ist, was trotz Begeisterung
mich nachdenklich stimmt:
Dass deines Dramas Schwung
nicht Not der Armen aufnimmt.

Damit es Heiterkeit erwecke,
malst List du in verhärmte Mienen.
Dir leben die Armen zum Zwecke,
dem Reichtum als Folie zu dienen.

Dein schönes Schauspiel, das ewige,
macht vor Entzücken stumm.
Jedoch: Was glänzt der Behäbige,
wieso geht der Arme so krumm?

Wie herrlich die Wortspiel-Witze!
Da lacht sogar der Teufel.
Applaus, Applaus.. Man springt vom Sitze.
Nur einer sitzt: der Zweifel.

 

                     

                     Wissen

Wir werden einst alles verlieren,
doch werden wir noch alles probieren.

Denn weniger wissen, heißt mehr erfahren,
und was wir vermissen, ist bloß, was wir waren.

Nicht wissend, was kommt, erleben wir viel.
Zwar sind wir noch die Nackten,
doch kleidet uns ein schönes Ziel:
viel mehr zu sein als Fakten.

 

 

Wir leben auf ganz neue Art

Wir leben auf ganz neue Art.
und alle unsre Mythen
sind bloß Vergangenheit.
Doch lastet auf der Gegenwart
die Asche vom Verglühten,
zu neuem Brand bereit.

Der Abend spritzt sein letztes Blut
und Laserlicht zersprengt die Nacht.
Der Himmel ist ein alter Hut
voll Mottenlöcher und verflacht.

Es zittert noch die Menschenhaut,
hat Durst nach Zärtlichkeit.
Wir lieben, was so traurig schaut,
und sind die Trauer leid.

Im Zwielicht ist die Welt zu sehn,
verschwommen unsre Sicht.
Maschinen pruduziern Ideen
und etwas in uns spricht:

Ihr lebt zwar auf ganz neue Art.
und spottet allen Mythen
aus der Vergangenheit.
Doch könnt ihr eure Gegenwart
nicht vor dem Stachel hüten:
Noch lebt die alte Zeit.  

                                   

 

        Zum 40.

Dies ist der 40. Frühling
in meinem Leben.
Weiß er es?
Er hat das Gesicht
eines kleinen Kätzchens: blind.
Wie kann er mich kennen?
Seltsam doch, dass ich
ihn kenne.
Kann es sein,
ich verwechsel ihn
mit einem anderen?

Wenn dies so ist,
so lernte ich noch immer nicht
richtig sehen.

Heute will ich ernsthaft
damit beginnen.

Was, zum Beispiel,
fällt vom Himmel da,
gelb und warm?

Schnell hinaus,
es aufzufangen!

 

              

              Nachruf

 

So wollte er sich sehn:

ein Gott aus eigner Hand,

und über Grenzen gehn,

bis plötzlich er verschwand.

 

Wer weiß, wohin er ging?

Der Erde ist's egal.

Er war ein Widerling,

der täglich sie bestahl.

 

 

Astronautenkummer

Meine jüngsten Siege strafen
mich mit Ungeduld.
Ich will die Sonne beschlafen,
des Himmels letzte Unschuld.
Scheidemünzen
der Frauenliebe
fetzen die Taschen
zum Loch.
Von al1en Wünschen
bliebe
noch:
die Sonne zu naschen.

Ich würd mich verkaufen,
würd mich verschleudern sogar
für ein bisschen Raufen
im atomesprühenden Haar.

Ich werd der Erste sein, ich schwör's,
der auf der Sonne liegt,
der irdischen Geschlechtverkehrs
Geflatter weit überfliegt.

 

 

Kein Schlaf ohne Traum

Kein Schlaf ohne Traum.
So auch kein Traum ohne Schlaf.

Schlimm bin ich getroffen.
Träum ich am Tag offenen Augs,
schwer trag ich am Traum:
kein Schlaf trägt ihn zu Bett.
So drückt er
wie Glassplitter.

Und mein Schlaf  zur Nacht
ist ein Stein,
der durchs Fenster bricht.

Wer fügt zusammen,
dass mein Traum seinen Schlaf
und mein Schlaf seinen Traum findet?

 

Der Kummer des Verseschreibers

Hier wird nichts Neues gesprochen.
Hier wird nur Altes umgepolt.
Ob vor Jahrtausend oder Wochen:
Es gibt kein Wort des Anfangs mehr.
Die Welt ist voll. Die Sprache leer.
Verbraucht, verzehrt, verkohlt.

Ich hock am Schreibtisch.
Vom Himmel Jetgedröhn.
Es klingelt. Ein fleischgefülltes Tuch
entpuppt sich als Besuch,
greift sich ein Blatt vom Tisch
und liest und seufzt: Du reimst so schön.

Und ich geh zum Kühlschrank,
stell Gläser auf die Ränder
vom gestrigen Schwips.
Und denke: Gott sei Dank!
Noch findet wer den Sender
für Politik und Popmusik..

 

       

       Abbitte

Ich bin die Vogelstimme
am Abend
dort vom Giebel tropfend
wie Sonnenblut.

Ich bin an einem Frosttag
der Dampf
aus den Nüstern eines Pferdes.

So leicht bin ich,
so vergänglich.

Habt Nachsicht mit mir.