Für die  „Verse auf der Kachelwand“ gab es 2010 den Brandenburgischen Literaturpreis.

Zukunft


Und jeden Tag Revolution
als wär's ein Zähneputzen...
Der Sterne Xylophon
mit Laserpointer nutzen...          

Das wird ein Mensch wie ich und du
nicht noch einmal erleben:
Geträumtes kommt da auf uns zu,
es ist ein großes Beben.

Ein Streichholz, das die Zukunft reibt,
sind wir: bloß eine Flamme.
Doch was ihr Licht ins Dunkel schreibt,
sind einer Welt Programme.

 

 

                    Ich

Es steht im himmlischen Kassiber:
Computer, die nichts taugen,
bewegen meine Glieder.
Es klappt nur eins: das Daumensaugen.

Die Nase riecht Raketendünste,
wenn sie in Blumen kippt.
Mein Mund, ach der verwünschte,
hat sich in Blech verliebt.

Ich möcht was Andres werden:
etwas aus mondenem Glanz,
und Dinge, die mich beschweren,
solln Lieder sein und Tanz.

Ich bin zu früh geboren,
obwohl ich noch nicht bin.
In mir zieht an den Ohren
mein Enkel seine Enkelin.

 

     

       Zu Gast bei ihr

„Die  Zukunft soll leben!“
rief ich und hob das Glas.
Sie lachte bloß: „Vonwegen!“
Und dann entfuhr ihr das:

„Gelobt sei mir das Gestern.
Wie schön war da die Welt.
Vergangenes zu lästern,
nur leicht dem Träumer fällt!“

Nahm sie mich auf die Schippe?
Ich war erst einmal stumm,
doch dann mit kesser Lippe:
„Nun hör mal, sei nicht dumm!

Es kommt die wundervolle
Befreiung von der Zeit.
Aus ist es mit der Rolle
des Tods: Vergänglichkeit.

Zwar machen Lyrikzeilen
der alten Dichter bang:
Wir sollten still verweilen
beim Sonnenuntergang.

Nur der verstünd das Leben,
der's Abendrot beschaut.
Die Lippen sollen beben,
und frösteln seine Haut...

Wir nicht! Wir beide holen
ein Sci-Fi-Buch heran
und gehn auf Augensohlen
der Morgensonn voran.“

„Sag mal, bist du besoffen?“,
rief sie. „Jetzt ist's genug!“
Nur eines sei zu hoffen:
Wann wirst du endlich klug!“

Dann holte sie das Smartphone
und schoss ein Bild von mir.
Und flüsterte: „Ich seh schon...
Vergangenes ist hier...“

 

 

           Um Mitternacht 1

 

Die Nacht möcht er gern transformieren
zur Kachelwand von einem Klo,
er könnt mit Versen sie beschmieren,
dann hätt er Ruhe, denkt er so.

Denn jede Nacht hat Traurigkeit:
Sind die Gestirne oft nur Schein
und längst Vergangenheit
und unsre Augen fangen
nur eigenes Verlangen
und unsre Träume ein.

Er lauscht in Finsternissen
und hört, wie was zerbricht...
Die weiße Fahne wird er hissen,
der hoffte auf ein Morgenlicht.

Die Menschheit rennt
durch Lifestyl-Kulissen,
mit Spaß und Speed,

indes zur ihren Füßen

die Erde glüht

und brennt.

 

Von Ängsten überschüttet,
will er sich retten im Vergehn.

Der letzte Mensch, er fleht und bittet
als Zukunfts Erster aufzustehn.

Atome auf den Händen spüren,
das Leben an der Leine führen,
und auf den Kosmosreisen
ein Stückchen Sonnenglut
als Naschwerk speisen..
das tät ihm gut....

Er hat das Fenster aufgemacht,
ihn streift ein kühler Hauch.
Er wünscht den Sternen gute Nacht
und allen Menschen auch.

 

        

        Die neue Art

Wir leben jetzt auf neue Art
und schwelgen im verfrühten

Gewinn der Göttlichkeit.
Für uns gilt nur die Gegenwart.
und schicken vom Verglühten
die Asche sternenweit..

Der Abend sprüht sein letztes Blut
und Laserlicht zersprengt die Nacht.
Der Himmel ist ein alter Hut
mit Mottenlöchern und verflacht.

Zwar zittert noch die Menschenhaut,
sehnt sich nach Zärtlichkeit.
Doch ist das nur ein Klagelaut
vergangner Schwächlichkeit.

Des Weltalls Schalter wolln wir drehn,
es werde neues Licht!
Und hörn nicht im Gestöhn

der Stürme was da spricht:

Ihr lebt zwar jetzt auf neue Art,
ihr zählt zu den Hybriden,
halb Mensch, halb Göttlichkeit.
Doch könnt ihr eure Gegenwart
nicht vor dem Stachel hüten:
Ihr lebt nur kurze Zeit. 

 

 

                 
            Fort-Schritt

Da hat wer – nenn ihn: Gott –
den Menschen konstruiert.
Das schuf dann was aus Schrott
und Gott ward liquidiert.

Jedoch – das ist zum Schrein –
der Schrott, als Mensch kreiert,
begann sich zu befrein
und hat den Menschen abserviert.

Der Schrott baut sein Genie
in jeden Kieselstein.
Der Dummkopf! Er wird nie
mehr frei und mächtig sein.

Am Schluss beherrscht die Welt
mit einem Gottverstand,
was durch die Finger fällt,
der Sand.
 

          

 

 Die Lösung

In Nietenjeans
steigt Nacht herunter,
macht Kokains
Gefolge munter.

Nicht mehr getrimmt,
nicht mehr geschunden.
Ins Weite schwimmt,
was einst gebunden..

 

Die Neugestalt
dem Web entnehmen,
zu Bits geballt
der Mensch als Schemen …

Am Fensterkreuz
der Sonne Strähnen.
Genug Geseufz.
Jetzt kommt das Gähnen

 

 

        Nachruf

 

So wollte er sich sehn:

ein Gott aus eigner Hand,

und über Grenzen gehn,

bis plötzlich er verschwand.

 

Wer weiß, wohin er ging?

Der Erde ist's egal.

Er war ein Widerling,

der täglich sie bestahl.

 

 

     Des Menschen Glück

Wie er mit seinen Genen ringt,
durch die das Urwalddunkell dringt,
da reckt er sich und wirft hinauf
die Hände zu der Sterne Knauf
und reißt sich hoch und ist bereit
zum Flug in die Vollkommenheit.

Doch unterwegs, da fällt ihm ein,
man könnt doch auch mal anders sein
als immer bloß zivilisiert.
Er trinkt sich einen ungeniert,
worauf er eine Fahne schwingt
und lauthals Heldenlieder singt.

Ich glaub daran, ich bleib dabei:
Bei aller Lust zur Tollerei,
des Menschen Glück ist sein Verstand
und seine sternverliebte Hand,
sie retten ihn vorm Untergang
und dem zu hohen Blutandrang.