In Schuhen und Socken

Aus

Verse an der Kachelwand

 

In Schuhen und Socken

Du fragst mich, wie ich lebe?
Da fällt mir etwas ein.
Sei gut, mein Schatz, und hebe
mal dort den flachen Stein.

Was siehst du jetzt darunter?
Sieh tiefer und ganz nah.
Du staunst. Doch ist's kein Wunder,
es lebt sich gut auch da.

Jetzt schau nicht so erschrocken.
Wo immer man auch lebt –
trotz Schuhe und trotz Socken
glaubt jeder doch, er schwebt.

 

 

Der Wunsch des Trinkers
 
Was ich mir wünsch? Das ist
die Eichen fallen sehn,
und die Kerle, die so trist
und starr auf Sockeln stehn,
die solln in Stücke gehn...
 
Das war doch grad erst gestern.
Ich kam so leicht daher.
Doch heute könnt ich lästern:
Das Gehen fällt mir schwer.
 
Und außerdem.. Es fallen
nicht nur die Haare aus.
Den Gurt muss weiterschnallen,
der dünn war wie ne Laus.
 
So will den Wein ich trinken,
und, Sonne, mach mal Halt!
Wir wolln gemeinsam sinken
nur duch des Weins Gewalt.
 
Trink aus das Glas! Ich kann
schon Eichen brechen sehn.
Und füll gleich nach! Denn dann
solln sich die Sockel drehn,
die Kerls in Stücke gehn…

 

 

 

Das Manko

Wie bitter wir entbehren
den Halt der Substanz,
das feste Stehn!
Gleich diesen schweren
Maschinen, die mit Glanz
so leicht durch Wolken gehn,
gefesselt sind am Fall,
sind auch wir Menschen flüchtig
und unser prächtiger Krawall
ist gleich dem ihren nichtig.

Wo gibt es Festigkeit,
wenn oft selbst Sterne täuschen?
Schon längst vergangen,
trifft uns aus ihrer Zeit
nur ihres Sterbens Schein,
und unsre Augen sind wie Reusen
ins Ferne aufgespannt und fangen
nur unsre Träume ein.

 

 

 

Die Zeit und ich

In meiner stillen Einsamkeit
besuchte mich die Zeit.

Von weit kam sie gelaufen,
ich hörte schon ihr Schnaufen.

Wir gaben uns die Hand,
in Freundschaft zugewandt.

Wir lasen ein Buch, wir tranken Wein
und schliefen dann beim Fernsehn ein.

Würd sie doch immer bei mir bleiben!
Könnt mir mit ihr die Zeit vertreiben.

Da kam ein Mensch ins Haus
und sie ging aus.

 

 

Gibt es noch Rätsel?

 

Nur kurz das Touchscreen kosen,

dann siehst du alles, so scheint’s,

befreit von Hüllen und Hosen:

Es gibt keine Rätsel, keins.

 

Es fehlen nur Maschinen

und Formeln, noch nicht erdacht.

Und hinter den Gardinen

ist nichts als nur die Nacht.

 

Doch plötzlich Herzgerase,

ein toller Liebesschrei!

Dann putzt du dir die Nase

und stirbst so nebenbei.

 

Wo bist du jetzt geblieben?

Das Rätsel, das bist du.

Und was ich jetzt geschrieben,

das deckt der Staub schon zu.

 

 

Das Pilzgericht

Der schwedische Rundfunk berichtet:
Pilze sammeln sei nicht schwer,
doch habe man Deutsche gesichtet,
die pflückten Pilze mit dem Gewehr.

Wir waren‘s nicht, ich schwör es, nein.
Obgleich wir Waldpilze aßen.
Und kurz danach fiel uns was ein.
Sogleich wir ein Pilzbuch lasen.

Dem Nachbarn gaben wir Bescheid:
wenn wir die Lampe schwenken,
dann wird es allerhöchste Zeit,
ans Krankenhaus zu denken.

 

Die Fichten standen düster still
und alles schien zu lauschen.
Nicht eine Mücke stechen will!
Sie könnt ja an Gift sich berauschen...

 

Wir huschten zart an uns vorbei,
wir sprachen lang und tapfer
von dies und dem, wir waren zwei
perfekte Unsinnverzapfer.

Und dann... O Gott! Das Kind! Wie blass!
Ihm zittern schon die Hände!
Es warn bloß seine Hosen nass.
Und wir mit den Nerven am Ende.

Am Tag darauf ein Bauer spricht
- hab ich ihn recht verstanden? - :
„Man kocht sein erstes Pilzgericht
auch nur den reichen Erbtanten.“