Foto: johnhain - pixabay
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Fort-Schritte

Aus:

Mein Schatz, das haut dich um

Verse an der Kachelwand

Das Kleine Buch Bd. 1

 

Lagebericht

 

Das wird ein Mensch wie ich und du
nicht noch einmal erleben:
Geträumtes kommt da auf uns zu,
es trifft uns wie ein Beben.

Kein Standpunkt hält und schon ein Wort
weckt stürmische Gewalten
und Neues stößt Gewohntes fort
und wird sogleich veralten.

Ein Streichholz, das die Zukunft reibt,
sind wir: nur eine Flamme.
Doch was ihr Licht ins Dunkel schreibt,
sind neuer Welt Programme.  

 

 

Mephisto zu Faust

 

In Trauer zu verweilen,
dreht sich die Erde schattenwärts,
wie dumm! Ich will dich heilen
von Ängsten und von Abschiedsschmerz.

Wozu das Tränenschlecken!
Das schärfste Licht schalt ein!
Du wirst statt zu erschrecken
begeistert sein.

Vom Spieler ausgependelt
an Marionettenschnur...
Dein Schicksal ist gecancelt:
dein Sein als Kreatur!

Zweitausend Jahre:
den Knoten
erledigt
ein Streich.
Schluss mit Verboten,
der Predigt
vom Himmelreich.

Lass stehn den Einkaufswagen,
bepackt mit Illusion,
du füllst nur deinen Magen
mit neuer Frust-Ration.

Sei klug: entwöhn dich
der blöden Erdenhaft!
Anstatt nach wenig,
verlang viel mehr!
Mit einem Zug trink leer
den Gral der Götterkraft.

Hol dir der Sonne Schwarte
streu drauf der Sterne Salz
und beiß in das Aparte
des zweiten Sündenfalls.
 
Die letzte Gier – nun still sie!
Du bist dem Größten nah.
Greif furchlos zu, enthüll sie:
die Schöpfungs-DNA.

 

 

 

Ende und Anfang

Da liegt er still, in Schweiß gepfützt
und Sternenfilz im Barte,
er fühlt, dass er zu nichts mehr nützt,
die Schöpferhand erstarrte.

Und über seine Stirne zieht
die Flut von tausend Zeiten,
und unter seinem Augenlid
sieht er die Welt entgleiten.

Er will noch einmal alles spürn
und murmelt dunkle Sätze.
Und während wir sein Leben führn,
verliern wir unsre Schätze.

 

 

Abends bei ihr

„Es lebe die Zukunft!“
rief ich und hob das Glas.
Sie aber schwieg und dumpf
entfuhr ihr das:

„Gelobt sei mir das Gestern.
Wie schön war da die Welt.
Vergangenes zu lästern,
nur leicht dem Träumer fällt!“

Nahm sie mich auf die Schippe?
Ich war erst einmal stumm,
doch dann mit kesser Lippe:
„Nun hör mal, sei nicht dumm!

Vielleicht noch zwanzig Jahre,
dann gibt‘s Verkehr im All.
Man schickt dann seine Ware
von Ort zu Ort wie Schall.

Es kommt die wundervolle
Beendigung der Zeit.
Und aus ist's mit der Rolle
des Tods: Vergänglichkeit.

Zwar kommt in Lyrikzeilen
von altersher ein Sang:
Wir sollten doch verweilen
beim Sonnenuntergang.

Nur der verstünd zu leben,
der's Abendrot beschaut.
Die Lippen sollen beben,
und frösteln seine Haut...

Wir nicht! Wir beide holen
ein Sci-Fi-Buch heran
und gehn auf Augensohlen
der Morgensonn voran.“

„Sag mal, bist du besoffen?“,
rief sie. „Jetzt ist's genug!“
Nur eins ist zu erhoffen:
„Werd endlich reif, werd klug!“

Dann griff sie nach dem Smartphone
und schoss ein Bild von mir.
Und murmelte: „Ich weiß schon...
Vergangenes sitzt hier.“

 

 

Fortschritte

Da hat wer – nenn ihn "Gott" –
den Menschen konstruiert.
Das tat der Mensch mit Schrott
und Gott ward liquidiert.

Jedoch – das ist zum Schrein –
der Schrott, als Mensch kreiert,
begann sich zu befrein
und hat den Menschen abserviert.

Der Schrott gab sein Genie
nun weiter an den Stein.
Der Dummkopf! Er wird nie
mehr Weltenherrscher sein.

 

 

 

Vielleicht ist's nur ein Spiel...

 

Wie bitter wir entbehren
den Halt der Substanz,
das feste Stehn!
So wie die schweren
Maschinen, die mit Glanz

und leicht durch Wolken gehn,
gefesselt sind am Fall,
sind auch wir Menschen flüchtig.
Wie sie belebt vom Schall,
sind wir im Lärmen tüchtig. 


Und jede Nacht voll Traurigkeit.
Sind die Gestirne
oft nur Schein
vergangner Zeit,
und unsre Hirne,
vernetzt ins Ferne, sie fangen
bloß eigenes Verlangen
und unsre Träume ein.

Doch auf der Hand Atome spüren,
mit Robotern Gespräche führen,
im Blitz von Weltraumreisen
mit Helden der Geschichte speisen...

Vielleicht ist’s nur ein Spiel
und jemand zwingt
uns durch ein Labyrinth
zu einem Ziel
im Nirgendwo,
auf dass es so
ein kleines Kind
zum Lachen bringt.