Dieter Lenz

Verse an der Kachelwand


Die Nacht ist eine Kachelwand
mit Flitter als Dekor.
Wisch weg den Spuk mit kalter Hand!
Wo einst man den Verstand verlor,
wird jetzt „Klar Schiff” gemacht,
und Worte wie zur Schlacht
führ sie in Viererreihn
und lass sie Feuer spein.

Wer weiß, wie's um die Menschheit steht?
Stapft sie bekifft, im Rausch erblindet
herum in einem Blumenbeet?
Sucht sie etwas, das sie nicht  findet?
Hat sie das Wissen aufgeschreckt,
dass sie vom Wege kam,
doch weil sie jetzt im Sumpfe steckt,,
genießt sie's ohne Scham?

So wird sie bald verschwunden sein:
von ihr bleibt keine Spur.
Sie war zu ihrer eignen Pein
ein Irrtum der Natur.
Wohin sie schließlich ging,
der Erde ist's egal
und wählt sich einen Schmetterling
zum neuen Prinzipal.

 

 

Um Mitternacht

Könnt er die Nacht doch transformieren
zur Kachelwand von einem Klo,
würd er mit Versen sie beschmieren,
dann hätt er Ruhe, denkt er so.

Zu oft sind Sterne Fakes! Das Wissen
ist wie ein Frost im Frühlingsblühn.
Die weiße Fahne wird er hissen,
der hoffte auf ein Morgenglühn.

Der Menschheit Letzter, seht, er bittet
als Zukunfts Erster aufzustehn,
doch liegt berauscht er, ungesittet
in Dreck und Blut mit Lustgestöhn.

Punkt Zwölf. Vom Rundfunk Phrasen.
Ganz friedlich pennt die Welt.
Und durch die stillen Straßen
rennt wild ein Hund und bellt

 



Schlaflos

In Nietenjeans
die Nacht steigt nieder,
führt Kokains
Gefolg zum Dealer.
 
Und dumpf erdröhnt
ein Zeitenschlagen,
der Schatten stöhnt
beim Traumaustragen.

Der Mensch, er giert
sich auszuschalten,
er ist vertiert
in Lustgewalten..

Neu die Gestalt
dem Web entnehmen,
zu Bits geballt,
treibt fort ein Schemen …
 
Vom Fensterkreuz
falln Sonnensträhnen.
Die Leute freut's
und ich muss gähnen.



Mephisto zu Faust
 
Lass dich von Furcht nicht packen,
sinkt Sonne schattenwärts!
Wehr dich der Schluchzattacken,
du kleines Menschenherz!

Genug vom Tränenschlecken!
Das schärfste Licht schalt an!
Du wirst sogleich entdecken,
was man man dir angetan.

Wirst hin und her gependelt
an Marionettenschnur...
Doch jetzt wird das gecancelt:
befrei dich, Kreatur!

Lass stehn den Einkaufswagen,
gefüllt mit Illusion,
du stopfst in deinen Magen
nur neue Frust-Ration.

Hol dir die Sonnenschwarte,
streu drauf der Sterne Salz
und beiß in das Aparte
des zweiten Sündenfalls.
 
Die letzte Gier – nun still sie!
Du bist dem Ziel schon nah.
Greif endlich zu, enthüll sie:
die Schöpfungs-DNA.
 


Der Fremde

Geh leise durch dein Vaterlandand,
sie dürfen dich nicht sehn.
Du gehst mit einem Hand in Hand,
dem sie schon Stricke drehn.

Er hat die Augen ganz wie sie,
die Nase und den Mund,
und stößt er sich einmal das Knie,
so wird's wie ihres wund.

Ich seh da keinen Unterschied,
wir sind mit ihm verwandt.
Wenn einer etwas andres sieht,
hat er sich nicht erkannt.



Hoffnung

Hoffnung, kleines Entelein,
werde doch ein Schwan!
(Und mein Herz wird rein
und gesund mein Zahn).

Stacheldraht hängt im Museum,
Minen kennt man nur mit e.
In Kasernen laufen rum
Kühe, euterhoch im Klee.

Ich leb mit entblößten Zähnen.
Keiner haut sie dafür ein.
Und statt eisengrauer Tränen
werd ich bunte Reime spein.

Und doch, Hoffnung… Eh’s geschieht,
wird es Herbst noch manches Mal
und manch Ochs von Jäger sieht
Enten nur als Mittagsmahl.



Ein Germane

Da ich nie richtig traurig bin,
bin ich auch nie ganz heiter.
Ich suche nach dem tiefern Sinn,
das ist auch viel gescheiter.

Ich steh für Umwelt und den Wald,
da lass ich mir nichts sagen.
Ich kaufe fair, ich kaufe alt,
stets neu ist nur mein Wagen.

Ein Kind wirft zu mir einen Ball,
da kommt er angeflogen.
Ein Attentat? Ein Überfall?
Ich werfe mich zu Boden.

Ich schreie links, ich brülle rechts,
man darf sich doch beschweren!
Ich bin gekränkt und auch verletzt,
will jemand mich belehren.

 

Ich zieh mich aus, ich bin ganz nackt,
will mich im Spiegel sehen:
Mit Muskeln ist der Kerl bepackt
und kann nicht richtig gehen!


Wieso das ist? Tief im Gebein
lebt noch der alte Ahne:
Der Kerl kann gar nicht anders sein,
er ist ja ein Germane!



Herr Biedermann

Die alte Zeit ist längst vorbei,
war voller Krieg und Mordsgeschrei.
Die neue, die ist auch nicht schön.
Man hört schon wieder Kriegsgedröhn.

Nicht meine Schuld, kann nichts dafür,
drum Fenster zu und zu die Tür!
Ich brüh mir einen Tee und dann
schau ich mir einen "Tatort" an.

Und wenn es draußen blitzt und kracht,
wird drinnen lauter noch gelacht.
Es ist schon gut, so wie es ist.
Ich mache heut mal auf Buddhist.

Ich bin auch für Gerechtigkeit.
Ist einer dumm und der gescheit,
so bleibt der arm und der wird reich.
Die Menschen sind halt niemals gleich.

Und was die Politik verspricht,
das nennt man später ein Gerücht.
Und Lügen gibt es haufenweis,
ich glaub nur noch, was ich schon weiß.

Steht da ein Fremder vor der Tür,
so soll er doch woanders stehn!
Ich bin ja sonst gefangen hier,
ich kann ja nicht ins Freie gehn.

Ja, meine Welt, die ist korrekt,
bloß eines ist nicht ganz perfekt:
Ich hab schon öfters mal gedacht,
gibt's etwas, das mich glücklich macht?



Der Mond

Die Nacht ist eines Magiers Mantel,
mit Flitterkram verziert.
Der Mond ist eine süße Mandel,
die in das Traumland führt.

Kommt es aus Mündern oder Schloten?
Es riecht im ganzen Land,
als würden die Millionen Toten
zum zweiten Mal verbrannt.

Die Nacht ist ein Soldatenmantel,
der Saum ist rot vom Blut.
Zur Drohne ist der Mond verwandelt
und stürzt, als alles ruht.



Die erste Strophe

„Deutschland über alles..“
Das klingt so liebevoll.
Es hat so etwas Dralles,
das man umarmen soll.

Ich kann nicht miteinstimmen,
ich weiß auch schon warum.
Wo die Berauschten singen,
da bleib ich lieber stumm.

Es sind die neuen Helden
mit ihrem Kriegsgesang,
dieweil noch Feuer melden
vom alten Untergang.



Die Katastrophen-Süchtigen

Wenn die Worte blechern scheppern,
stumpf ist unser Blick,
möchten wir die Welt zerdeppern
nur für einen Kick.

Würde doch die Erde beben,
uns wär das ein Osterfest,
weil es im erstarrten Leben
neues auferstehen lässt.

Wenn wir Blut und Feuer wittern
und die Angst mit Lust sich mischt,
fühlen wir, wie in Gewittern,
dass Verdorrtes sich erfrischt.

 

 

 

Ein Tipp zum Schluss

Ein neues Alter hat die Zeit,
sie ist jetzt jung und steht bereit.
Begrüße sie, geh furchtlos mit,
ein Freundespaar im gleichen Schritt.

Zwar ist ihr Ziel dir nicht bekannt,
doch führt sie dich mit festen Hand.
Wovor es gestern dich gegraut,
das Fremde, ist dir bald vertraut.