Verse an der Kachelwand

Dieter Lenz

 

Biografie

 

Dies ist meine Vergangenheit:
Auschwitz,
West-Berlin.
Nicht dass mein Fuß
Auschwitz je berührte,
jedoch berührte
mich Auschwitz ganz,
nahm meinen Schatten auf
und hüllte sich drin ein.
West-Berlin war Feuer,
war Sturm und Drang,
ein Sonnenaufgang zu jeder Stunde.
Untergehakt, so liefen wir

einmal um die Erde.
Dann nahm das Leben mich,
trug mich fort vom Kinderlachen,
aus den Armen der Frau.
Und heute?
Am Rechner sitzend,
tast ich mich von Wort zu Wort
zum Anfang aller Dinge
und finde meinen Namen
bei einem Kind,
im Krieg geboren.

 

          

          Kachelwand (1)

 

          Um Mitternacht
 
Könnt er das Dunkel formatieren
zur Kachelwand in einem Klo,
würd er mit Versen sie beschmieren,
dann hätt er Ruhe, denkt er so.
 
Die Nacht ist eine Höhlenwand,
bestäubt mit Kokain.
Wisch weg das Zeug, dass der Verstand
sich reinigt und wird clean.

Was ist der Mensch? Der Atem stockt,
sieht man, wie hoch er steigt –
und dann – am Gipfel hingehocktg -
die Affenklauen zeigt.

Und wenn er tanzt, ist's ein Gestampf
aus Übermut und Angst,
der Frohsinn ist ein Krampf,
das Lachen ins Gesicht gestanzt.

Den Finger in das Gen gesteckt,
will er das Leben lenken.
und glaubt, wenn er sich selber hackt,
sich Ewigkeit zu schenken.

Breitbeinig in den Sternen stehen,
ein Gott aus eigner Hand,
das träumt er sich - um nicht  zu sehen:
sein Fundament ist Sand.

Und war's einst Lust, so wird's jetzt Pein:
sein Gang in die Natur.
Und bald wird er verschwunden sein,
von ihm bleibt keine Spur.

Und niemand weiß, wohin er ging...
Der Erde ist's egal
und wählt sich einen Schmetterling
zum neuen Prinzipal.
 
Er hat das Fenster aufgemacht,
ihn streift ein kühler Hauch.
Er wünscht den Sternen gute Nacht,
dem kranken Nachbarn auch.

         

            Ein Deutscher

 

Mein Suchen gilt dem Lebenssinn.
Gut leben ist mein Ehrgeiz.

Beim Feiern steh ich mitten drin,
beim Streiten lieber abseits.
 

Bewegt schau ich den Armen zu...
Man kann nicht alle retten!
Doch gilt's dem Baum, reih ich im Nu
mich ein in Menschenketten.

Vorm Spiegel steh ich heimlich nackt,
um zu mir aufzusehen:
Wer so mit Muskeln ist bepackt,
der kann das Weltall drehen!

Dann tret ich auf mit rechtem Fuß
und stolper mit dem linken.
Ich brauche Ordnung, wird's konfus,

könnt ich in Gram versinken.

Dan hilft nur Bier, vielleicht auch Wein,
und her mit einer Fahne!
Wie sollte es denn anders sein..
Ich bin ja ein Germane

 

 

         Hoffnung

Hoffnung, kleines Entelein,
werde doch ein Schwan!
(Und mein Herz wird rein
und gesund mein Zahn).

Stacheldraht hängt im Museum,
Minen kennt man nur mit e.
In Kasernen laufen rum
Kühe, euterhoch im Klee.

Ich leb mit entblößten Zähnen.
Keiner haut sie dafür ein.
Und statt eisengrauer Tränen
werd ich bunte Reime spein.

Und doch, Hoffnung… Eh’s geschieht,
wird es Herbst noch manches Mal
und manch Ochs von Jäger sieht
Enten nur als Mittagsmahl.

 

 

        Kachelwand (2)

         

            Die Geburt

 

Die Nacht ist eine Kachelwand
und weihnachtlich verziert.
Ich reiß es weg, das Glitzerband,
dass man die Kälte spürt,
 
denn ich bin wach und fiebernass.
Auch soll sie meine Tafel sein
und wie mit einem Splitter Glas
kratz Verse ich hinein:
 
Wer weiß, wie’s um den Menschen steht?
Ist er betrunken, ein Prolet,
der grölend durch das Blumenbeet
der Schöpfung geht?
 
Und träumt sich seine  Neugestalt
dem Götterbilde gleich
und macht die Welt mit Kriegsewalt
zum Höllenreich.

Er lässt sich seinen Spaß nicht störn,
ein Leben voller Speed.
So kann er sich nicht keuchen hörn,
nicht sehn, was ihm geschieht.
 
Und während aus den Space-Sensorn
die Kosmos-Bildflut quillt,
geht auf der Erde eins verlorn:
das traute Menschenbild.

 

Das Dunkel schwillt, es stöhnt die Stadt.
Geburt heißt der Befund.
Und was die Hand geschrieben hat,
das macht mich jetzt gesund.

 

 

                                        Die Strophe der neuen Helden

 

„Deutschland über alles..“
Das klingt fast liebestoll
und hat so etwas Dralles,
das man umarmen soll.

Ich kann nicht miteinstimmen,
ich weiß auch schon warum.
Wo die Berauschten singen,
da bleib ich lieber stumm.

Es sind die neuen Helden
mit ihrem Kriegsgesang.
Die alten, sie erzählten
umsonst vom Untergang.

 

 

     Götterdämmerung

Ermattet ist er, abgemüht,
der Schöpfer aller Zeiten,
und unter seinem Augenlid
sieht er die Welt entgleiten.

Die Haut hat er sich aufgeschlitzt,
er will sich noch mal spüren,
und wo sein Wille einst geblitzt,
beginnt es zu gefrieren.

Und langsam sinkt die schwere Stirn
in Staub und Spinnennetze.
Und während wir sein Leben führn,
verliern wir unsre Schätze.

 

         

             Das Streichholz

Das wird ein Mensch wie ich und du
nicht noch einmal erleben:
Geträumtes kommt da auf uns zu,
es ist ein großes Beben.

Wo Wissen wankt, da weckt ein Wort
den Ausbruch von Gewalten,
das Fremde stößt Vertrautes fort
und kann sich selbst nicht halten.

Ein Streichholz, das die Zukunft reibt,
sind wir: nur eine Flamme.
Doch was ihr Licht ins Dunkel schreibt,
sind neuer Welt Programme.

 

 

      Um Mitternacht

 

In dieser dunklen Stunde
wird fremd mir jedes Wort,
es geht aus meinem Munde
ganz einfach fort..

Die Sonne, Erde, Elektron,
die drehn sich in den Versen,
es ist die Rotation
von Staub und Universen.

Der letzte Mensch, bevor
der Zukunft erster aufersteht,
er liegt mit einem Ohr
im Dreck, das andre hochgedreht.

Und Fernen funken fremden Sinn,
sein Kopf wird Webmaschine
und pocht und sticht: ein Gobelin.
Der Kosmos lacht: Gardine.

Punkt Zwölf. Vom Rundfunk Phrasen.
Ein Tag beginnt, eine neuer.
Reformen abgeblasen.
Sie kommen uns zu teuer.

 

 

      Abends bei ihr

„Die Zukunft, sie soll leben!“
rief ich und hob das Glas.
Sie lachte bloß: „Vonwegen!“
Und dann entfuhr ihr das:

„Gelobt sei mir das Gestern.
Wie schön war da die Welt.
Vergangenes zu lästern,
nur leicht dem Träumer fällt!“

Nahm sie mich auf die Schippe?
Ich war erst einmal stumm,
doch dann mit kesser Lippe:
„Nun hör mal, sei nicht dumm!

Es kommt die wundervolle
Befreiung von der Zeit.
Und aus ist's mit der Rolle
des Tods: Vergänglichkeit.

Zwar machen Dichter-Zeilen
mit ihrer Lyrik bang:
Wir sollten still verweilen
beim Sonnenuntergang.

Nur der verstünd zu leben,
der's Abendrot beschaut.
Die Lippen sollen beben,
und frösteln seine Haut...

Wir nicht! Wir beide holen
ein Sci-Fi-Buch heran
und gehn auf Augensohlen
der Morgensonn voran.“

„Sag mal, bist du besoffen?“,
rief sie. „Jetzt ist's genug!“
Nur eins sei zu erhoffen:
„Werd endlich Mann und klug!“

Dann griff sie nach dem Smartphone
und schoss ein Bild von mir.
Und flüsterte: „Ich seh schon...
Vergangenes sitzt hier.“

 

 

       Das verdrehte Ding

 

Welcher Schelm hat das verdrehte
Ding sich ausgedacht!
Aufgeschreckt, wie in Stampede,
stürzen Sterne
durch die Nacht
beim berühmte Kitzelspiel,
wo man unter Schmerzen lacht.
Ja, ich wäre wirklich gerne

zu nem Baum gemacht,

in den Adern Chlorophyll,

stünde einfach da ganz still.

 

Auch genehm der ewge Frieden:
dass mich keusche Engel holen,
ihre blütenzarten Finger
sind ein Windhauch allenfalls.
Doch des Frühlings leises Sieden
und zwei Augen schwarz wie Kohlen
sind gewaltige Bezwinger.
Und ich liebe, liebe abermals …

 

Als ich ihr entzückt erkläre,
dass sie meine Liebste wäre,
murmelt sie: „Schon Koks geschnupft?“
Und ich küsse ihr das Pfötchen
und ich fühl mich wie das Brötchen,
das beim Frühstück sie zerrupft.


Klüger wär's, davonzulaufen,
besser noch ne Weltraumfahrt,
reiß an Gottes langem Bart,
will mich mit ihm raufen.

 

Fall stattdessen auf die Knie,

bin erschöpft, und bitte sie:

 

„Schatz, gewähr mir Straferlass!

Was soll's sonst bedeuten?

Oder ist's nur Jägerspaß,

Lust, was zu erbeuten?

Sich mal beißen, sich mal küssen,

sind wir so gebaut?

Wollen wir das Rätsel lösen,

ja, ich denk, dann müssen

wir viel mehr entblößen

als nur unsre Haut.

Und wir finden einen schlaffen,

leiderprobten Sado-Affen...

 

Möchte dich zum Abschied fragen

(in der Seele grollt's):

Musstest du die Liebe schlagen

an ein Kreuz aus Stolz?

 

 

         Herr Biedermann

Die alte Zeit ist längst vorbei,
war voller Krieg und Mordsgeschrei.
Die neue, die ist auch nicht schön.
Man hört schon wieder Kriegsgedröhn.

Nicht meine Schuld, kann nichts dafür,
drum Fenster zu und zu die Tür!
Ich brüh mir einen Tee und dann
schau ich mir einen "Tatort" an.

Und wenn es draußen blitzt und kracht,
wird drinnen lauter noch gelacht.
Es ist schon gut, so wie es ist.
Ich mache heut mal auf Buddhist.

Ich bin auch für Gerechtigkeit.
Ist einer dumm und der gescheit,
so bleibt der arm und der wird reich.
Die Menschen sind halt niemals gleich.

 

Ich steh für Umwelt und den Wald,
was ich auch nicht zu sagen scheu.
Ich kaufe fair, ich kaufe alt,
und nur mein Auto, das ist neu..


Und steht ein Fremder vor der Tür,
so soll er bittschön weiter gehn!
Ich wär ja wie gefangen hier,
blieb er vor meiner Nase stehn.

 

Mein Leben, find ich, ist perfekt,
wär doch der Staat auch so korrekt:
Hat er schon mal daran gedacht,
wie man mich froh und glücklich macht?

 

         

            Der Fremde

Geh leise durch das Vaterlandand,
sie dürfen dich nicht sehn.
Du gehst mit einem Hand in Hand,
dem sie schon Stricke drehn.

Er hat die Augen ganz wie sie,
die Nase und den Mund,
und stößt er sich einmal das Knie,
so wird's wie ihres wund.

Ich seh da keinen Unterschied,
wir sind mit ihm verwandt.
Wenn einer etwas andres sieht,
hat er sich nicht erkannt

 

 

        Deutscher Mond

Die Nacht trägt einen Magier-Mantel,
mit Flitterkram verziert.
Der Mond ist eine süße Mandel,
die in das Traumland führt.

Kommt es aus Mündern oder Schloten?
Es riecht im ganzen Land,
als würden die Millionen Toten
zum zweiten Mal verbrannt.

Die Nacht trägt nen Soldatenmantel,
der Saum ist rot vom Blut.
Zur Drohne ist der Mond verwandelt
und stürzt, als alles ruht.

 

 

        Bloß ein Spaß

Ist das an deinen Wimpern
ein Tropfen Nitroglyzerin?
Bloß nicht damit klimpern,
sonst sind wir beide hin!
 
Wie man so sagt: Das Glück ging baden.
Wer denkt denn schon daran,
dass an einem seidnen Faden
auch ein Himmel hängen kann.

Ein letzter Schluck aus unserm Glase ...
Und lachen wir, ein Witz war das!
Denn was da rinnt lang deiner Nase,
ist Wasser nur und macht bloß nass.

 

 

            Sex-to-go

Manchmal beim Spazierengehen,
bleib ich wie genagelt stehen.
Irgendwas tut da gespenstern
auf Plakaten, in Schaufenstern...

Schau ich still, will nur verschnaufen,
ist's zu spät, davonzulaufen.
Durch was Schönes, kaum bekleidet,
werde ich zum Kauf geleitet...

Das verfluchte  Animieren,
das Verwirren, das Verführen..
Kann die Finger nicht von lassen,
muss mal hier, mal dorthin fassen.

Dass man mich zum Kaufen zwinge,
sind heut sexy alle Dinge,
und ich wette, dass im Grabe
ich was sexy Tolles habe.