Verliebt in eine Birke

Dieter Lenz


In letzter Zeit hatte Harry Gruner, Dramaturg an einem Berliner Theater, das Gefühl, als entferne sich das Leben von ihm. Besonders empfand er es bei den Bühnenproben. Kamen die Schauspieler von der Bühne, war ihm, als ginge das Schauspiel weiter.
Nachdem er eines Vormittags beim Betreten des Theaters einen Panikanfall bekommen hatte, suchte er seinen Arzt auf, und dieser riet ihm, eine Auszeit zu nehmen. „Und entdecken Sie wieder Ihren Körper, Ihre Hände und Füße und Ihre Sinne! Weg von der geistigen Arbeit, arbeiten Sie körperlich.“
Die Zeit war günstig. Gerade begannen die Theaterferien.
Schon am Tag nach der Ankunft in seiner schwedischen Hütte ergriff er Säge und Axt. Um die Sicht zum nahe gelegenen See zu verbessern, hieb er alles Buschwerk weg bis auf eine junge Birke. Birken haben etwas Besonderes, sie sind Selbstdarstellerinnen mit einem Gespür für Dramatik. Auftritt im Frühling. Sie legen sich traumhaft langsam ein grünes Kleid an. Das hat etwas Unschuldiges, bis sich herausstellt, das Kleid lässt den weißen Körper durchschimmern, und das ist ziemlich aufreizend. Anschließend wechseln sie rasch das Outfit. Mit einem dunkelgrünen Kostüm geben sie sich matronenhaft-spießig, sehr raffiniert, denn das Nächste wirft einen glatt um. Es ist der Höhepunkt der Show. Plötzlich stehen sie da als Diven in goldenem Flitter. Und sachte geht die Szene in die Schlussphase über. Demütig, nicht ohne Dramatik, lassen sie sich vom Wind entkleiden. Ende der Vorstellung.
Dieses Schauspiels wegen ließ er die Birke stehen.
Drei Tage später, nach getaner Arbeit, setzte er sich auf die Veranda und genoss den Ausblick. Wolkenlos war der Himmel, der See funkelte und der Wald schien wie eine borstige Raupe ans Wasser kriechen zu wollen. Es war Mittsommer und obwohl überall gefeiert wurde, herrschten hier Ruhe und Stille. Nichts rührte sich, nicht einmal ein Blatt an der Birke.
Plötzlich stutzte er. Er trat an das Geländer. Etwas stimmte nicht.  Der Baum schien kleiner als sonst.
Aber das war unmöglich. Weil die Luft vor Hitze brodelte, konnte es nur eine optische Täuschung sein.
Er beschloss, einen Waldspaziergang zu machen. Im Wald herrschte eine angenehme Temperatur. Außerdem liebte er den Fichtengeruch.
Nach einer halben Stunde hatte er sich erholt und kehrte um.
Als er aus dem Wald trat, schlug ihm war­ mer Dunst entgegen. Eine Weile stand er still und schnupperte. Ein brandiger Geruch kam vom Weizenfeld. Ein typischer Sommergeruch, dachte er behaglich. Dann schlenderte er auf seine Hütte zu, doch auf einmal hatte er es eilig, er begann zu laufen. Die Birke war schon wieder  kleiner geworden.
Das war, wie gesagt, unmöglich, und tatsächlich, aus der Nähe betrachtet, fand er ihn unverändert. Unter seiner Hand fühlte sich der Stamm wie immer an, kühl und glatt. Ein paar hauchdünne Hautfetzen hingen herab, wahrscheinlich eine Folge der Hitze. Vorsichtig drückte er sie an den Stamm, umsonst, sie blieben nicht haften. Schließlich trat er drei Schritte zurück, warf einen prüfenden Blick ins Geäst und erschrak. Der Baum schrumpfte vor seinen Augen.
Im abgedunkelten Gästezimmer der Hütte warf er sich aufs Bett und schloss die Augen. “Warum bloß musste ich meine Sonnenbrille vergessen“, dachte er.
Nachdem er sich beruhigt hatte, ging er  in die Küche, um sich die Augen mit kaltem Wasser zu spülen. In Wahrheit wollte er einen schnellen Blick durchs Küchenfenster auf die Birke werfen.
Und dann stand er da und glotzte.
Keine zwei Meter war die Birke groß. Und sie bewegte sich. Äste und Zweige klappten an den Stamm, verschmolzen mit ihm und langsam bekam der Stamm Rundungen. Oder Formen. Nur zu gut bekannte Formen. Aus dem weißen Stamm wurde ein Frauenkör­ per.
Ein Auto fuhr über die Sandstraße zum See mit einer Staubfahne hinter sich. Sofort riss er die rote Wolldecke vom Sofa, lief hinaus und warf sie über die Statue. Das sah merkwürdig aus, aber bei bestimmt nicht so schockierend wie eine schneeweiße Ve­ nus. Und dann ging er ins Badezimmer, das besonders kühl war, setzte sich auf den Schemel neben der Dusche und starrte vor sich hin. Man hatte ihn gewarnt. Waldeinsamkeit schlägt aufs Gemüt, kann so­ gar die Sinne verwirren. Die Schweden hatten dafür einen Namen: Lappenkrankheit.
Die Verandatür schlug. Besuch? Ohne anzuklopfen? Er spähte um die Kaminecke. Niemand da. Schon wieder eine Einbildung. Und wie er zum Fenster trat und nach draußen blickte,   konnte er weder eine Figur noch eine rote Decke sehen. Da hörte er ein Geräusch hinter sich. Er drehte sich um. Auf dem Sofa, eingehüllt in die Wolldecke, eine junge Frau. Über die rechte nackte Schulter fiel dunkelbraunes Haar.
Er fragte, wer sie sei. Sie schüttelte den Kopf und legte den Finger auf den Mund, dabei glitt die Decke herab.
Er holte aus dem Schrank ein weißes Oberhemd und eine gelbe Jogginghose.  “Anziehen!” Beim Anziehen gab sie ein Fauchen von sich, wahrscheinlich ihre Art Lachen, denn sie warf ihm be­ lustigte Blicke zu. Anschließend setzte sie sich in den Lehnstuhl und sah ihn erwartungsvoll an. Er nahm ihr gegenüber im Schaukelstuhl Platz, wippte zurück und blieb in dieser Stellung. So, den Blick von oben herab, musterte er sie aus schmalen Augen.
Da erinnerte er sich, wie er vor drei Tagen im Dorf einen Tischler besucht hatte. Der zeigte ihm seine jüngste Arbeit, mattweiße Schneidebrettchen, und forderte ihn auf, mit der Hand über ein Brettchen zu fahren. Das tat er, dreimal, dann zuckte er zurück und wurde rot, denn er war sexuell erregt. Ihm war, als hätte er einen Frauenrücken gestreichelt. Das war  schon ziemlich merkwürdig gewesen. Aber das hier ...
Irgendwie kam ihm die Frau bekannt vor. Vielleicht eine Schauspielerin? Spielte perfekt Birke und spielt jetzt die Stumme? Eine vom Deutschen Theater? Der Volksbühne? Naja, das wäre schon seltsam. Die ganze Zeit Birke spielen! Aber – und da glaubte er kurz, den Verstand zu verlieren - : Was wenn die Birke schauspielert? Spielt eine richtige Frau? So ein Blödsinn … Nein, dachte er, die Sache muss einen wissenschaftlichen Hintergrund haben. Wir leben im 21. Jahrhundert, nicht im Mittelalter!
Von Berufs wegen  war er auf der Höhe der Zeit. Er las viele Zeitungen und Magazine, informierte sich über die neusten Entwicklungen in Gesellschaft und Wissenschaft. In letzter Zeit stieß er oft auf Geschehnisse und Dinge, die man früher als Wunder bezeichnet hätte. Zum Beispiel hatten Wissenschaftler auf dem Rücken einer Maus eine menschliche Ohrmuschel wachsen lassen. Und aus der Stammzelle eines Schafes hatten sie ein komplettes Schaf gemacht. Na bitte: Was ist da schon eine Birke, aus der ein Mensch wird? Und logischerweise ein weiblicher. Schließlich ist eine Birke weiblich.
Er war ganz froh, nicht einem Ahorn gegenüber zu sitzen.
Merkwürdig nur, dass  er diese Entdeckung machte und kein Wissenschaftler. Andererseits … Wie viele Entdeckungen wurden durch Zufall gemacht!
“Ob ich sie mal anfasse? Eine tolle Figur, ein hübsches Gesicht. Und wie sie kuckt! Anhimmeln, heißt das wohl.”
Er deckte den Tisch. Sie aß nichts. Etwas trinken? Tee, Milch? Sie schüttelte den Kopf, nahm den Flieder aus der Vase und trank das Wasser. Er zapfte ihr ein Glas Leitungswasser. Sie fauchte ihr La­ chen, umarmte ihn –   er spürte eindeutig einen warmen, geschmeidigen Frauenkör­ per –   dann saßen sie sich wieder gegenüber und blickten sich an.
Was jetzt? Das Rot des Sonnenunterganges füllte das Hüttenzim­ mer. Aber natürlich. Kaminfeuer! Als er nach einem Stück Birkenholz griff, kam ein furchtbarer Laut aus ihrem Mund. Mit vorgestreckten Armen stellte sie sich vor den Kamin, er verstand sofort. Kein Birkenholz. Könnte ja ein  Mitglied der Familie sein.
Pro forma richtete er ihr das Bett im Gästezimmer. Dabei beob­ achtete er sie aus den Augenwinkeln. Sie hielt sich zurück.
Wenig später lag er in seinem Bett, dekoriert mit seinem weinro­ ten Pyjama,  und blätterte in einer Zeitschrift. Alles blieb still. Sei­ ne Augen wurden bleiern, auch der Kopf, nach dem dritten Durch­ blättern schlief er ein.
Als er am Morgen erwachte, lag sie neben ihm.
Zum ersten Mal verfluchte er seine Vorliebe für breite Betten. Hat­ te sie sich nur dazu gelegt oder war doch etwas gewesen? Er konnte sich nicht erinnern. Sie schlief, mit leicht geöffnetem Mund, eine Haarsträhne über der Nase. Und dann hob er vorsich­ tig die Decke. Sie hatte nichts an. Er auch nicht. Also doch. Noch immer hielt er die Decke hoch. Ganz weiß war ihr Körper. Und er dachte halb staunend, halb spöttisch: Wo warst du im Win­ ter? Versteckt im Schnee?
Plötzlich schlug sie die Augen auf, ein grüner Katzenblick traf ihn, mit einem Sprung war sie aus dem Bett und lief in ihr Zimmer.
“Wie süß ...” Eine warme Welle von Freude und Entzücken überflutetet ihn.
Während er frühstückte, hörte er von dort ein sonderbares Geräusch, ein Rauschen, dann ein feines Singen, mal lauter, mal leiser, und plötzlich Stille.
Gerade wollte er nachsehen, da kam sie heraus, in den Händen ein Bündel Grünes, mit strahlendem Gesicht, sie war barfuß, trug seine Jeans und seinen blauen Pullover. Verblüfft beobachtete er, wie sie vom Küchenschrank drei Blumentöpfe herunter holte. Sie lief nach draußen und begann direkt vor dem Fenster, an dem er saß, in jeden Topf Erde zu füllen und eine Pflanze einzusetzen. Wie sie da kauerte und geradezu zärtlich mit dem Grünzeug  umging, das ärgerte ihn.  
Einmal blickte sie auf und lächelte ihn an. Ihr Blick war vergnügt, verdrossen blickte er weg.
Sie kam in die Hütte zurück und stellte die Töpfe auf seinen Schreibtisch beim Terrassenfenster. Jetzt sah er, was es war: Bir­ kenschößlinge. Und, zweifellos, keine gekauften. Es waren ihre eigenen! Sie hatte Birken zur Welt gebracht, nicht zu glauben. Aber hat man einmal akzeptiert, dass aus einem Baum  eine Frau werden kann, ist alles Weitere logisch. Sogar das: Wenn  er das richtig sah, war er jetzt Vater geworden.
Trotzdem. Ein Vater! Und dazu noch ein Vater von Birken ... Er krümmte sich, so fröstelte ihn. Andererseits, niemand würde davon erfah­ ren, und im Grunde sollte er sogar stolz sein. Schon immer war er für die Natur. Ein Grüner, ja, er war ein Grüner. Wenn er für die Verbreitung von Pflanzen sorgte, wäre das geradezu fortschrittlich. Außerdem waren Birkenschößlinge durchaus dekorativ, man konnte sie als Zimmerpflanzen verwen­ den.
Die Füße der geschäftigen Mutter gaben auf dem Holzboden schmatzende Laute von sich. Wie bei einem Baby, dachte er, und spürte, wie seine gute Laune zurückkam.
Aber was machte sie jetzt? Mit der Kaffeekanne wässerte sie die Pflanzen, zugegeben behutsam, kein Tropfen ging daneben, nur hatte er seine Erfahrung: Irgendwann läuft garantiert Wasser aus, erst über den Tisch und dann in seine Papiere. Er drängte sie bei­ seite, ergriff zwei ihrer Töpfe, sie stöhnte auf und er bekam einen Schlag mit der Kanne an die Schläfe.
“Verdammt”, sagte er, “ich will sie doch nur woanders hinstellen. Aufs Regal!”
Sie schüttelte den Kopf, zeigte nach draußen. Ja, richtig. Pflanzen brauchen Sonne. Er rieb sich die Schläfe. Ein Wunder, dass die Kanne noch heil war. Schließlich holte er aus dem Schuppen vier Klappstühle, stellte sie ans Südfenster und legte eine alte Holztür darüber.
“Da hast du den richtigen Platz für deine Kleinen!”
Sie küsste ihn. Und er zog sie an sich. Ein warmer, biegsamer Körper. Möglicherweise könnte man mit ihr leben? Eine gewisse Zeit. Eine lange Zeit. Für immer?
In der Nacht wartete er auf sie, vergebens. Auch als  er am Morgen erwachte, lag sie nicht neben ihm. Beim Rasieren hörte er wieder die seltsamen Geräusche aus ihrem Zimmer. Und wieder kam sie mit Schößlingen heraus und griff sich die Blumentöpfe vom Küchenschrank, vier waren es, die letzten.
Aber er konnte nicht klagen. Wenig später deckte sie den Früh­ stückstisch, als hätte sie es schon immer getan. Und so ging es bis zum Abend. Sie verwöhnte ihn. Sie lernt schnell, dachte er, viel­ leicht klappt es doch? Jetzt hoffte er auf die Nacht.
Am nächsten Morgen wachte er auf und, davon abgesehen, dass er wieder allein lag, wurmte es ihn, weil er eine Stunde länger als sonst geschlafen hatte. Auf einmal polterte es nebenan in der Ab­ stellkammer. Er stieß die Tür auf: “Was suchst du denn da?”
Sie zeigte ihm ihre neuen Schößlinge und machte eine verzweifel­ te Geste. Er seufzte, ging in den Schuppen und kramte noch ein paar uralte Töpfe hervor.
Nach und nach verwandelte sich die Hütte in ein Treibhaus. Auf dem Bücherregal reihten sich Schüsseln, Sup­ pentassen und Einmachgläser mit Birkenschößlingen. Seine Bü­ cher lagen aufgestapelt neben dem Kamin. Und überall war ein feuchtwarmer Geruch wie ein Windelgeruch.
Er zählte die Schößlinge –   53, die Folge einer einzigen Nacht, von der er nicht mal die Spur einer Erinnerung hatte. Und Dankbarkeit zeigte sie auch nicht, kein kleines bisschen, im Gegenteil, sie be­ gann ihn zu vernachlässigen. Alles drehte sich nur noch um ihre Babys.
Gekränkt und im Schaukelstuhl wippend, bemerkte er nicht, wie sie nach draußen ging. Dann hörte er einen Laut, wie wenn ein Spaten gegen Stein stößt.
Durch das Fenster beobachtete er, wie sie in der Wiese Löcher grub und ihre Schößlinge einpflanzte. Waren sie schon so groß? Er hatte ihr Aufwachsen gar nicht mitbekommen. Wahrhaftig, da standen schon sechs Birkenbäumchen, zierlich und kerzengerade. Wie kleine Mädchen, dachte er und musste bei allem Ärger lächeln.
Als sie hereinkam, um sich die Hände zu waschen, ging er hinaus. Vor einem Bäumchen hockte er sich hin. Die Blätter waren noch nicht ganz entfaltet. Vorsichtig bog er eines glatt, und dann traf es ihn wie ein Stoß vor die Brust, er musste sich ins Gras setzen. Auf den ersten Blick war die Äderung auf dem Blatt reines Gekrakel,  als er es aber länger betrachtete, formte sich daraus ein Ge­ sicht. Nicht ein Gesicht, kein x-beliebiges, sondern sein Gesicht. Hastig entrollte er ein Blatt nach dem anderen. Hier wie dort, überall ein Vexierbild, in dem sich sein Gesicht versteck­ te. Mal lachend, mal ernst, mal schla­ fend, mal vergrämt. Einmal sah es geradezu dämlich aus. Das Blatt riss er ab.
Sie war beim Ausfegen der Hütte, denn bei allem, was sie tat, ver­ gaß sie zwar ihn, aber nie die Hausarbeit. Er nahm ihr den Besen weg und fragte: “Wer gab dir das Recht, mein Gesicht zu veröf­ fentlichen?” Sie blickte ihn erstaunt an.
“Ich will”, sagte er, “dass du das sofort änderst. Sämtliche Blätter mit meinem Gesicht sind zu entfernen. Tust du das nicht, dann tu ich’s!”
Darauf schlug sie  mit Fäusten gegen seine Brust, er packte ihre Handgelenke, sie rangen, Gesicht an Gesicht. Plötzlich küsste sie ihn und ihr Körper erschlaffte, er fing sie auf. Er war schon an der Tür zum Schlafzimmer, da schlüpfte sie aus seinen Armen und lief davon.
Er warf sich aufs Bett.
“Da haben wir den Salat!”
Dann schlug er zu, mit den Fäusten, brutal, immer wieder, und zwar ins Kissen.
“Ich bin ihr ausgeliefert, ich bin hoffnungslos verknallt!”
Aber, zum Teufel, wem gehörte denn die Hütte?
Jetzt war Kampf angesagt. Es galt, die Herrschaft zurück zu gewinnen. Von Natur aus war sie stumm, zweifellos ein Vorteil für sie, denn er konn­ te sagen, was er wollte: er bekam keine Antwort. Das machte ihn hilflos. Bis er auf den genialen Gedanken kam, dasselbe zu tun. Schweigen! Das müsste sie sogar härter treffen als ihr Schweigen ihn, denn er schwieg ja aus Überlegung.
Und er ließ sie nicht mehr aus den Augen. Was immer sie ausheckte, er würde ihr zuvorkommen. Übrigens tat sie das gleiche, sie beobachtete ihn, aber raffinierter. Vermutlich hatte sie auch im Rücken Augen. Anders war nicht zu erklä­ ren, wieso sie sich immer so geschickt drehen konnte, dass er nur ihren Rücken sah.
Die Stille wurde drückend, schließlich sogar beängstigend. Er be­ schloss, ein Ende zu machen. Sie musste verschwinden. Kein Pro­ blem, dachte er. Sie ist ja, genau genommen, nur ein Baum. Ein Baum mehr oder weniger, wem fällt das schon auf. Also her mit der Säge, der Axt ... Moment mal, sie war jetzt eine Frau. Sie würde bluten und es wäre Mord, wenn auch nur im übertragenen Sinne. Sozusagen im Bühnensinne. Aber bluten würde sie, bestimmt.
Es war zum Verzweifeln.
Und dann hatte er die Lösung. Vor ihren Augen würde er Birkenholz zu Brennholz machen. Und das würde er jeden Tag tun und so lange, bis sie es nicht mehr aushiel­ te und ihn verließ.
Aus dem Holzschuppen zog er einen dünnen Birkenstamm und wuchtete ihn auf den Sä­ gebock. Als die Säge durch das Holz ging, kam sie ans Fenster und begann heftig zu gestikulieren. Ihr Mund klappte auf und zu wie ein Fisch, der nach Luft schnappt, mit der Stirn stieß sie gegen die Scheibe.
“Gleich bricht sie, und du wirst bluten, meine Kleine”, murmelte er durch die Zähne, “und wetten, die Farbe deine Blutes ist grün.”  Aber als er wieder aufblickte, war sie nicht mehr am Fens­ ter. Nachdem er den Stamm zersägt hatte, spaltete er die Stücke. Schon das Sägegeräusch hatte ihm gut getan. Der Klang der Axt war Musik in sei­ nen Ohren.
Mit einem Arm voll Holzscheite trat er in die Hütte. Sie kauerte im Schaukelstuhl. Die Fersen auf der Sitzkante, das Kinn auf den Knien, starrte sie in die Kaminhöhle. Langsam und umständlich baute er auf dem Rost die Scheite zu einer Pyramide und riss ein Streichholz an. Ein Ächzen, dann sausten ihre Fäuste auf seinen Rücken, da­ mit hatte er gerechnet. Er wehrte sich nicht.
Dann hörte er, wie nackte Füße davonliefen.
So gut brannte das Feuer gar nicht. Dampf zischte aus den Holz­ scheiten und sie gaben winselnde Laute von sich. Er wünschte, es wäre Fichtenholz, das knallt und Funken spritzt. Ja, alles sollte in einem riesigen Feuerwerk aufgehen, das wäre ihm recht.
Er zog den Lehnstuhl heran, setzte sich und las etwas. Herrgott, das war ja eine uralte Zeitung. Ins Feuer damit.
Was war mit ihr? Weinte sie? Er schlich zur Tür. Nichts zu hören. Er öffnete sie einen Spalt. Das Gesicht zur Wand gekehrt, lag sie im Bett. Sie schlief!
Im Kamin qualmte ein verkohltes Holzstück, er schob es nach hin­ ten, auf einmal züngelten kleine blaue Flammen hervor. Sie schrumpften und dann waren sie fort. Zurückgegangen an ihren Ursprungsort.  Wenn doch auch sie zurückginge, von wo sie her­ gekommen war. Aber sie schlief. In der Asche herum stochernd, dachte er: Na schön. Jetzt weiß sie wenigstens Bescheid. Ab sofort gibt es hier keinen Sklaven mehr, der das tut, was sie will, sondern einen Kerl, der tut, was er will.
Am besten, er nahm sofort seine alten Gewohnheiten wieder auf. Dazu gehörte der abendliche Spaziergang.
Vom See kam Discomusik und Geschrei, Halbwüchsige saßen an einem Lagerfeuer und tranken aus Bierdosen. Er ging den Wald. Nach einer Weile streifte etwas sein Gesicht. Erst dachte er, das seien die Büsche, es waren aber Ebereschen, die näher rückten. Mit ihren Zweigen griffen sie nach ihm. Wie vielfingrige Hände glitten ihre gezackten Blätter schon über seinen Körper. Er wollte umkehren, sah aber hinter sich keinen Weg mehr, nur   undurchdringliches Dickicht. Als er weiterlaufen wollte, war auch der Weg vor ihm verschwunden.
In der Ferne stand schwarz gegen den Himmel eine mächtige Fichte. Er kämpfte sich zu ihr durch und kroch unter ihre Zweige. Schon glaubte er sich in Sicherheit, da platzte vor ihm der Waldboden auf. Erdbrocken prallten in sein Gesicht. Vor seinen Füßen züngelten Wurzeln auf. Sie krochen unter sein Hemd, umschlangen ihn, gar nicht unangenehm, ja, fast zärtlich war das, und kurz darauf war er völlig von Blattlaub umhüllt. Mehrmals klopfte ein Trieb mit der Knospe gegen seine Lippen, er öffnete sie, und während ihm die Augen zufielen, begann er zu saugen.  
Drei Wochen lang suchte man ihn, dann gab man auf, überzeugt, er sei in einem der umliegenden Sümpfe umgekommen. Ein Jahre später wurde das Grundstück verkauft. Der neue Besitzer fällte die Birke. Sie hatte ihm die Sicht zum See genommen. 



Aus: Die letzten Tage des Kommissars