Ursula Eisenberg

 

 

 

 

 

Folgen Sie bitte:
Es ist nicht weit
von der  Satire
zur Wirklichkeit.

Ungereimtes auf den Reim gebracht

 FOTOS

Da sieht die Großmutter mich an –
schon vierzig Jahre tot.
Obwohl ich's nicht erkennen kann,
weiß ich: ihr Kleid ist rot.

Da liegt das neugeborne Kind
so rosig-nackt, wie viele sind
auf einer flauschig-blauen Decke,
ein Kuschel-Tiger in der Ecke.
Ich streichle einmal sacht nach unten –
und Baby, Tiger sind verschwunden,
während die Oma weiter guckt,
ihr blasses Bild nicht einmal zuckt.

Digi-Fotos sind wie Schnee,
rieseln, schmelzen wie die Flocken.

Vor der Oma, die ich seh,
bleib ich immer wieder hocken.



SCHWÄRMEN

Wer gibt die Richtung an
der Vogel-Schwärme?
Ist es die Therme?
Ober-Vogel-Mann?

Vor meinem Fenster: Möwen, Stare, Tauben
in  dichten Schwebe-Wolken – nicht zu glauben –
die steigen, fallen, wirbeln, drehen, schwenken
wie ein Geschöpf – da muss doch jemand lenken?
…und sollte solche Wolke sich mal spalten,
dann wird die kleinere bald innehalten
und schließt sich nach Sekunden irgendwann
der groß gebliebenen Ursprungs-Wolke an,
…und niemals pflegen Wolken sich zu mischen.
Bei Möwen-Wolken fliegt kein Star dazwischen.
Wär doch mal nett – ein Mix aus Vogel-Arten,
doch darauf muss ich wohl noch lange warten.

Wie ist das nun bei Jude, Muslim, Christ?
Ich hoff, dass es bei Menschen anders ist.



 JAMMERN  

Jammern
ist  schön!
Jedes Gestöhn
klammert,
verbindet,
ist wie ein Ruf.

Jammern
macht Luft,
verkündet:
„Hör einmal zu!
Ich  oder  du –
wem geht es schlechter?“

Jammern
macht das Schicksal gerechter,
macht Menschen  weiser,
gibt Hoffnungsschimmer:
Schlimmer
geht immer.

Jammern
wir leiser.




 BLÖDSINN   

Menschen – in allen Erdenräumen –
pflegen gerne von Blödsinn zu träumen:
du: ein Flugzeug zu überfliegen,
er: fünf junge Hunde zu kriegen,  
ihr: euch übereinander zu stürzen,
sie: die Wäsche mit Suppe zu würzen…

Jeder Mensch ist Blödsinn-bewandert,
jeder Blödsinn irgendwie anders.

Mein persönlicher Blödsinn ist:
Gedichte schreiben, die niemand liest,
und – wie könnte ich das vergessen –
vom Fußboden essen.




      FÜR GEGEN   

Es quillt aus meiner Feder,
wird  als Erkenntnis schal,
denn schließlich weiß es jeder:
Schuld ist das Kapital!

Wenn alle Züge stoppen,
wo, wann und was wir shoppen,
was klein wird und was größer,
was gieriger und böser…

Bereits Karl Marx hat viel gedacht
an diese unsichtbare Macht,
von der wir alle nun besessen…

Wir sollten jedoch nicht vergessen:
Milliardenfach auf Weltenwegen
bewegt sich Winziges dagegen…



BILDER UND BEINE     

Merk Dir
das Eine:
Je müder
die Beine,
desto mehr
Bilder –
und die:
immer wilder.



      WIND    

Allgemeine Landschafts-Erregung.
Viel – sonst reglos – kommt in Bewegung:
Äste, Zweige, Blätter und Halme,
Blüten, Blumen, die Yucca-Palme,
und das gestern geerntete Holz
ist zum Poltern sich nicht zu stolz.

Einzig unser Auto steht still,
weil es eben nicht anspringen will.

Mit dem Wind will die Erde uns zeigen:
„Alles soll sich vor mir verneigen!“
Wenige gehorchen  ihr nicht,
bis hier dazu gehören: drei Steine und ich.

 

 

MORGEN im PARK
(Umgebungs-Gedicht 2, Großstadt
Juli 2019)


Der Rasen: Kleine Einzel-Inseln
mit stachlig-braun-grün-gelben Pinseln.
Dazwischen, leuchtend, blumenbunt:
Der Restmüll, flattrig, hart und rund
und, was die Hunde-Hasser hassen,
von Hunde-Ärschen hinterlassen.
Auch Tauben – vielfach unbeliebt.
Ich freue mich, dass es sie gibt...
Dazu: Im frühen Birkenschatten
zwei zugedeckte Camping-Matten.
Aus einer steigt ein Arm herauf,
hier steht in Kürze jemand auf,
derweil ein Fahrrad liegen bleibt,
weil niemand ist, der es betreibt.
Absperr-Bänder, die schwankend, weiß-roten
signalisieren: „BETRETEN VERBOTEN!“

…und was ich so sehe heute,
verfeindet, verbindet die Leute.

 

DIE UND WIR

Das ist Natur:
Jeder Baum – eine andre Frisur
und seine ganz spezielle Figur,
 nur
durch Gene, Umwelt und Wind –
wie eben Bäume so sind.

Sie können gleichzeitig
leben  und sterben,
zuverlässig die Gene vererben.

Stehend, liegend – sie bleiben gelassen.
Menschen können das gar nicht fassen,
möchten mit Hilfe gewaltiger Eichen
Bretter für Edel-Möbel erreichen…

Da fühlt die Eiche, knorrig und still:
„…ist seine Sache, was der da will.
Ich werde brechen und halte mich krumm.
Wenn er das merkt, dann dreht er sich um…“

So bleibt die uralte Eiche stur.
Das ist Natur…

 

 

 

CHICAGO 1


MARATON

Über  vierzigtausend rennen
über vierzig Kilometer,
und den Einen, den ich kenne,
seh ich niemals oder später.

Dafür seh ich Füßefüße ,
Fans, die an der Straße grüßen,
sehe vierzigtausend Leben,
die dem Lauf ihr Letztes geben,
sehe fliegende Bananen,
Hinkebeine, Winkefahnen,

kann mich ganz in Ruhe weiden
an der Sportler frischen Leiden:
Kopfweh, Beinweh, Muskelreißen,
plötzlich sich zu Boden schmeißen.

Ja, da bin ich wirklich froh!
Gottseidank! Ich bin nicht so.

Find auch meinen Helden wieder.
Friedlich schlafend liegt er nieder
bei den Tatzen – nicht zu glöwen –
eines Riesen-Eisenlöwen.


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CHICAGO 2


HALLOWEN

Alles käuflich zu erwerben:
Gummi-Leichen, die nicht sterben,
Kürbisse, die immer halten,
Hexenmasken voller Falten,
eine Knochenhand mit Waage,
eine Blink-Alarm-Anlage,
ein Skelett auf hohem Ross,
Gartentür mit Zahlenschloss,
aufblasbarer mighty  frog,
eine Drohung: „Caution! Dog!“
Schilder: Comicblase: „Booo!“
Oder: „Neighbours  watching  you”
“Warning! We will call police!”
…um den Geist der Finsternis
möglichst freundlich zu empfangen,
seine Gnade zu erlangen.
Plastikspinneweben wehn.
Habe ich was übersehn?


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CHICAGO 3


DIE FETTEN UND DIE FITTEN

Die Armen tragen Tüten in den Händen
und Riesenhosen um den dicken Bauch.
Sie essen, trinken, essen ohne Ende
und schwellen an, als wären sie ein Schlauch.

Dass es auch andre Menschen gibt auf Erden,
das sehn die Armen täglich im TV,
und was man tun muss,  um wie sie zu werden,
das zeigt die Glotze ihnen ganz genau.

Sie wissen, das ist eine andre Welt.
In ihrer ist es teuer, sich zu pflegen,
und unbezahlbar ist, sich zu bewegen,
und gerade nichts zu essen, kostet Geld.


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CHICAGO 4

SONETT AUF DEN LEIDER HOFFNUNGSLOSEN VERFALL

DES KAPITALISMUS

Karl Marx hat Recht:
Das Kapital reißt Wolkenkratzer nieder
und baut zur gleichen Stunde andre wieder
aus Glas und Blech.

Und Marx hat Recht:
Chicagos großes Musikhaus ist pleite.
Statt Klängen, Instrumenten, leere Weite,
sonst alles weg.

Und doch: Er irrt.
Zwar werden ein paar Reiche immer reicher,
doch keine Massen kämpferisch – nur weicher,

wie Fliegen kleben sie in ihren Ketten,
betäubt von Schnaps, McDonald, Zigaretten.
Ich bin verwirrt.


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SCHWEDEN 1


AMPELN

…und wieder dieses Ampel-Rot im Wald…

Die kleine Walderdbeere donnert: „Halt!
Bleib stehn! Dass Du mich unverzüglich pflückst!
Ich will, dass Du Dich auf der Stelle bückst.
Du willst den alten Rücken Dir nicht  quälen?
Mach Dich schon krumm, denn dies ist ein Befehl.

Die Pfütze zwischen uns ist tief und groß,
der Graben sumpfig, ohne Grund das Moos.

Streck Dich über den Stein!
Achtung! Gleich brichst Du ein.
Greif mich sacht! Ich zerfalle
sonst in der Hand und bin alle.
Nun ist grün,
und Du kannst wieder ziehn…

und wieder dieses Ampel-Rot im Wald…

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SCHWEDEN 2


ERSCHEINUNG

Auf einmal hat es wie Metall geklungen,
und auf der Lichtung steht ne schwarze Kuh.
Bedrohlich tiefer Bariton, ihr „Muh!“,
die Hörner kilometerweit geschwungen.

Und Kälber kommen fröhlich angesprungen,
und Fersen nun von vorn, von rechts und links,
mehr Rinder als Gewächse rechts und links,
mal groß, mal klein, mal pelzig, mal gedrungen

…und zitternd wird ein großer Stock geschwungen.
Sie schneiden uns im Sumpf die Wege ab
und setzen immer wieder sich in Trab.

Auf schmaler Gräser-Insel ich und Du.
Ich mache einfach meine Augen zu…
…und in der Ferne hat Metall geklungen.

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SCHWEDEN 3


VERGESSEN AM SEE

Wo hoher Schachtelhalm im Wasser steht,
sich elegant der Wasserläufer dreht,
wo zwischen Binsen sich Libellen tummeln,
Seerosen sich entfalten, gelbe Mummeln,
dort steht ein Boot.
Grad sticht ein alter Mann 'nen Hecht drin tot.
Er wirft ihn hinter sich, da liegen viere
sehr tote, spitz bezahnte Wassertiere.

Nicht weit vom Ufer steht ein rotes Haus,
und eben guckt die Schwiegertochter raus.
„Großvater!“ ruft sie, „hast Du das vergessen?
Wir wollten doch um zwölfuhrdreißig essen.
Ich hoff, es ist Dir recht:
Es gibt heut Hecht.
Nun hör mal auf und komm zurück an Land!“

Der Alte wiegt die Angel in der Hand,
er prüft die Lockerheit der Schnur, der langen
und murmelt bloß: „Ich hab noch nichts gefangen…“

 

 

 

MACHT

Was ist zu machen
gegen die Macht der Sachen?

Es soll ja eingestanden sein:
Sachen wachsen nicht von allein,
doch, wenn sie da sind, brauchen sie Raum.
Ob sie davon etwas abgeben? Kaum!

Willst Du erreichen,
dass sie etwas weichen,
musst Du sie drücken,
beiseite rücken,
aber – ist nicht zu lachen –
längst liegen dort ja schon andere Sachen!
Die Tasse, das Kissen, der Hammer, der Schuh –
größer und größer wird das Gedränge,
alle Wege: enger und länger…
Dazwischen: Du.