Ursula Eisenberg

 

 

 

 

 

Folgen Sie bitte:
Es ist nicht weit
von der  Satire
zur Wirklichkeit.

Ungereimtes auf den Reim gebracht

 

DIE UND WIR

Das ist Natur:
Jeder Baum – eine andre Frisur
und seine ganz spezielle Figur,
 nur
durch Gene, Umwelt und Wind –
wie eben Bäume so sind.

Sie können gleichzeitig
leben  und sterben,
zuverlässig die Gene vererben.

Stehend, liegend – sie bleiben gelassen.
Menschen können das gar nicht fassen,
möchten mit Hilfe gewaltiger Eichen
Bretter für Edel-Möbel erreichen…

Da fühlt die Eiche, knorrig und still:
„…ist seine Sache, was der da will.
Ich werde brechen und halte mich krumm.
Wenn er das merkt, dann dreht er sich um…“

So bleibt die uralte Eiche stur.
Das ist Natur…

 

 

 

CHICAGO 1


MARATON

Über  vierzigtausend rennen
über vierzig Kilometer,
und den Einen, den ich kenne,
seh ich niemals oder später.

Dafür seh ich Füßefüße ,
Fans, die an der Straße grüßen,
sehe vierzigtausend Leben,
die dem Lauf ihr Letztes geben,
sehe fliegende Bananen,
Hinkebeine, Winkefahnen,

kann mich ganz in Ruhe weiden
an der Sportler frischen Leiden:
Kopfweh, Beinweh, Muskelreißen,
plötzlich sich zu Boden schmeißen.

Ja, da bin ich wirklich froh!
Gottseidank! Ich bin nicht so.

Find auch meinen Helden wieder.
Friedlich schlafend liegt er nieder
bei den Tatzen – nicht zu glöwen –
eines Riesen-Eisenlöwen.


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CHICAGO 2


HALLOWEN

Alles käuflich zu erwerben:
Gummi-Leichen, die nicht sterben,
Kürbisse, die immer halten,
Hexenmasken voller Falten,
eine Knochenhand mit Waage,
eine Blink-Alarm-Anlage,
ein Skelett auf hohem Ross,
Gartentür mit Zahlenschloss,
aufblasbarer mighty  frog,
eine Drohung: „Caution! Dog!“
Schilder: Comicblase: „Booo!“
Oder: „Neighbours  watching  you”
“Warning! We will call police!”
…um den Geist der Finsternis
möglichst freundlich zu empfangen,
seine Gnade zu erlangen.
Plastikspinneweben wehn.
Habe ich was übersehn?


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CHICAGO 3


DIE FETTEN UND DIE FITTEN

Die Armen tragen Tüten in den Händen
und Riesenhosen um den dicken Bauch.
Sie essen, trinken, essen ohne Ende
und schwellen an, als wären sie ein Schlauch.

Dass es auch andre Menschen gibt auf Erden,
das sehn die Armen täglich im TV,
und was man tun muss,  um wie sie zu werden,
das zeigt die Glotze ihnen ganz genau.

Sie wissen, das ist eine andre Welt.
In ihrer ist es teuer, sich zu pflegen,
und unbezahlbar ist, sich zu bewegen,
und gerade nichts zu essen, kostet Geld.


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CHICAGO 4

SONETT AUF DEN LEIDER HOFFNUNGSLOSEN VERFALL

DES KAPITALISMUS

Karl Marx hat Recht:
Das Kapital reißt Wolkenkratzer nieder
und baut zur gleichen Stunde andre wieder
aus Glas und Blech.

Und Marx hat Recht:
Chicagos großes Musikhaus ist pleite.
Statt Klängen, Instrumenten, leere Weite,
sonst alles weg.

Und doch: Er irrt.
Zwar werden ein paar Reiche immer reicher,
doch keine Massen kämpferisch – nur weicher,

wie Fliegen kleben sie in ihren Ketten,
betäubt von Schnaps, McDonald, Zigaretten.
Ich bin verwirrt.


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SCHWEDEN 1


AMPELN

…und wieder dieses Ampel-Rot im Wald…

Die kleine Walderdbeere donnert: „Halt!
Bleib stehn! Dass Du mich unverzüglich pflückst!
Ich will, dass Du Dich auf der Stelle bückst.
Du willst den alten Rücken Dir nicht  quälen?
Mach Dich schon krumm, denn dies ist ein Befehl.

Die Pfütze zwischen uns ist tief und groß,
der Graben sumpfig, ohne Grund das Moos.

Streck Dich über den Stein!
Achtung! Gleich brichst Du ein.
Greif mich sacht! Ich zerfalle
sonst in der Hand und bin alle.
Nun ist grün,
und Du kannst wieder ziehn…

und wieder dieses Ampel-Rot im Wald…


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SCHWEDEN 2


ERSCHEINUNG

Auf einmal hat es wie Metall geklungen,
und auf der Lichtung steht ne schwarze Kuh.
Bedrohlich tiefer Bariton, ihr „Muh!“,
die Hörner kilometerweit geschwungen.

Und Kälber kommen fröhlich angesprungen,
und Fersen nun von vorn, von rechts und links,
mehr Rinder als Gewächse rechts und links,
mal groß, mal klein, mal pelzig, mal gedrungen

…und zitternd wird ein großer Stock geschwungen.
Sie schneiden uns im Sumpf die Wege ab
und setzen immer wieder sich in Trab.

Auf schmaler Gräser-Insel ich und Du.
Ich mache einfach meine Augen zu…
…und in der Ferne hat Metall geklungen.


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SCHWEDEN 3


VERGESSEN AM SEE

Wo hoher Schachtelhalm im Wasser steht,
sich elegant der Wasserläufer dreht,
wo zwischen Binsen sich Libellen tummeln,
Seerosen sich entfalten, gelbe Mummeln,
dort steht ein Boot.
Grad sticht ein alter Mann 'nen Hecht drin tot.
Er wirft ihn hinter sich, da liegen viere
sehr tote, spitz bezahnte Wassertiere.

Nicht weit vom Ufer steht ein rotes Haus,
und eben guckt die Schwiegertochter raus.
„Großvater!“ ruft sie, „hast Du das vergessen?
Wir wollten doch um zwölfuhrdreißig essen.
Ich hoff, es ist Dir recht:
Es gibt heut Hecht.
Nun hör mal auf und komm zurück an Land!“

Der Alte wiegt die Angel in der Hand,
er prüft die Lockerheit der Schnur, der langen
und murmelt bloß: „Ich hab noch nichts gefangen…“

 

 

 

MACHT

Was ist zu machen
gegen die Macht der Sachen?

Es soll ja eingestanden sein:
Sachen wachsen nicht von allein,
doch, wenn sie da sind, brauchen sie Raum.
Ob sie davon etwas abgeben? Kaum!

Willst Du erreichen,
dass sie etwas weichen,
musst Du sie drücken,
beiseite rücken,
aber – ist nicht zu lachen –
längst liegen dort ja schon andere Sachen!
Die Tasse, das Kissen, der Hammer, der Schuh –
größer und größer wird das Gedränge,
alle Wege: enger und länger…
Dazwischen: Du.