Mein letzter Nachmittag


Als ich ihm den Rest meiner schwedischen Briefmarken und einen Regenschutz fürs Radfahren auf den Tisch lege, sieht er gar nicht hin.
Er winkt mir, ihm in den Keller zu folgen. Dort zieht er hinter einer ausgehängten Tür ein flaches in Zeitungspapier gewickeltes Paket hervor. Der Form nach könnte der Inhalt eine Bogensäge sein.
„Hast Recht.“, er legt den Finger an den Mund, flüstert, „heute sind wir Terroristen.“
Der Stuhl, auf den ich mich stütze, bricht zusammen.
„Mann! Kannst du nicht gucken?“ Er schiebt die Trümmer mit dem Fuß beiseite. „War schon kaputt. Will ihn reparieren. Aber nicht heute. Komm jetzt.“
„Eric,“ sage ich, „ für so was hab ich keine Zeit. Morgen früh fahr ich heim.“
„Es geht ganz schnell.“, sagt er.
Seit Wochen berichtet das Fernsehen über illegale Bonuszahlungen an Vorstand und Manager einer großen Versicherungsgesellschaft, die einen Rentenfonds führt. 2 Milliarden Kronen gingen verloren, das kürzt die zukünftigen Renten der Einzahler um bis zu 5 %, heißt es.
 „Höchste Zeit, dass man was unternimmt. Wir legen einen Telefonmast um. Komm!“
„Aber die Telefongesellschaft hat damit doch gar nichts zu tun!“
„Hast du eine Ahnung.. Stecken alle unter einer Decke, diese Bande. Und außerdem.. Die letzte Rechnung war viel zu hoch! Und immer sagen sie: schuld ist der Computer.“
An der Gartentür halte ich ihn am Arm zurück: „Nein du, Eric, ich mach da nicht mit.“
Er blickt mich vorwurfsvoll an.
„Das ist vielleicht mein letzter Wunsch..“
Er ist über 70. Na und? Ich hab auch einen letzten Wunsch, sogar mehrere. Und weiß ich, wie lang ich lebe?
Er drückt mir das Paket in die Hand.

„Bei dir fällt es nicht so auf.“
Alles um uns ist friedlich. Noch nie habe ich das Dorf so friedlich gesehen! Die Häuser stehen ordentlich auf ihren Plätzen, in den Gärten wachsen Pflanzen und Büsche hübsch vor sich hin, die Blätter an den Bäumen hängen still. Was wir vorhaben, passt nicht dazu. .
Erics Schritte sind kurz, folgen aber rasch aufeinander. Er geht wie aufgezogen.
 „Und vielleicht zerstörst du sogar deine Telefonleitung, dann kannst du nicht mehr telefonieren!“
„Darauf kann ich keine Rücksicht nehmen.“
Ich zähle die vorbeifahrenden Autos.  Vierzehn...  Wenn heute Abend der gefällte Mast entdeckt wird, gibt es morgen eine Menge Zeugen, die zwei Kerle, einen alten und einen noch ziemlich jungen, mit einer in Zeitungspapier eingewickelten Bogensäge am Straßenrand lang wandern sahen.
Meine Unruhe fällt ihm auf.
„Keine Angst, wir sind gleich da.. Ich hab mir den Mast schon vor Jahren ausgesucht..“
Und als er ihn mir zeigt, begreif ich ihn nicht. Der Mast steht hoch oben auf einer steilen Böschung. Wir sind doch keine 20 mehr!
Na bitte! Immer wieder rutscht er zurück, krallt sich an Sträuchern fest, umklammert Grasbüschel. Einmal muss ich ihn hochstemmen.
Oben weise ich ihn darauf hin, dass man uns aus jeder Richtung sehen kann.
Er wickelt die Bogensäge aus.
„Kein Problem. Kommt ein Auto, verstecken wir uns....“
Wir setzen uns hinter einen Birkenbusch. Durch das Laub beobachten wir die Straße. Ist sie in beiden Richtungen leer, steht Eric auf und legt die Säge an den Mast. Es ist wie verhext: jedes Mal taucht dann in der Ferne ein Auto auf.  Das geht eine gute halbe Stunde so. Mir reicht's.
„Mensch, ich geh jetzt. Ich muss noch packen..“
„Wart mal, wart mal...Gleich geht’s los. Sollst du sehen...“  Er breitet die Zeitung aus und legt sich darauf. „Ist doch ein schöner Platz hier.“
„Weißt du,“ sag ich, „dass du Telia sogar Arbeit abnimmst? Bald gibt es nur noch Handys, dann müssen sie die Leitungen sowieso stilllegen.“
Er antwortet nicht, er schläft schon.
In der Ferne taucht ein rotes Auto auf, es ist Sven. Ich rutsche mit Karacho die Böschung hinunter und halte ihn an. Ich erzähle ihm, was wir vorhaben.
Er grinst.
 „Ja, das wollen wir schon seit Jahren machen...  Aber, weißt du, ich hab nie Zeit.“
Er parkt den Wagen am Straßenrand. Schnaufend - er ist schließlich schon über 60 und rundlich - krabbelt er die Böschung hoch, greift sich die die Säge und eh ich es recht kapiere, sägt er am Mast. Das Geräusch weckt Eric, langsam öffnet er die Augen, setzt sich schnell auf, blickt verwundert. Plötzlich ein Knall, Sven hält die Säge hoch. Das Sägeblatt ist gerissen.
„Verdammt auch, Sven, du kannst mit Sägen nicht umgehen!“
„Quatsch! Deine Säge war Mist. Das Blatt hatte schon einen Bruch.“
Mit der Schulter drückt Eric gegen den Mast, er rührt sich nicht. Sven kratzt sich die Stirn. „Vielleicht beim nächsten Sturm..“
 „Blödsinn.“ Eric tritt gegen den Mast. „Klingt viel zu gut. Aber an der Stelle fault er.“
„Na fällt er eben von selbst.“
„Ja, in zwanzig Jahren. So lang wart ich nicht. Ich setz ein neues Blatt ein und komm zurück.“
Sven meint, es lohnt sich nicht der Mühe. Ja, wenn es ein Hochspannungsmast wär, ja dann.. 
„Die schmeißt du mit einer Säge nicht um,“ sagt Eric.
„Da hast du recht,“ sagt Sven. „Man müsste Dynamit haben.“
 „Hast du was dabei?“ fragt Eric.
Und so reden sie noch, als sie auf ihren Hosenböden den Abhang hinunter rutschen. Sven nimmt uns im Auto mit, er war sowieso auf dem Weg zu Eric. Hat für ihn in Halmstad einen Teppich aus der Reinigung abgeholt.
Wenig später sitzen wir am Gartentisch. Jetzt hab ich doch noch Zeit. Wolken ziehen am Himmel wie am Schnürchen, zwischendurch blitzt die Sonne. Am Vormittag hatte es geregnet und als Eric sich in einen der beiden Plastikstühle setzt, setzt er sich in eine Pfütze. Das geht nicht durch die Jeans, meint er. Sven begießt mit seinen Stuhl Erics Blumen (was natürlich Quatsch ist, es hatte ja geregnet), dann wischt er mit der Hand darüber und erst jetzt setzt er sich. Ich benutze den Holzklappstuhl, er ist nicht mal feucht. Wir reden wie immer. Wetter, Nachrichten..
Und als Eric sagt, wenn er sich so wie jetzt fühlt, wird er im Herbst doch noch die Chinareise machen, steht er plötzlich auf und flucht. Er dreht uns seinen Hintern zu, damit wir seinen großen feuchten Arsch bewundern können.
„Als wenn du gepinkelt hättest..“, sagt Sven.
Eric will doch lieber eine trockene Hose anziehen. Ich nutze die Gelegenheit, um mich rasch zu verabschieden. Bloß kein großer Bahnhof!
„Eric, wir telefonieren noch.“
Er nickt und schlurft ins Haus.
Das Telefongespräch war nichtssagend. 
Also jetzt der letzte Abend.
Im Winter konnte ich den Sonnenuntergang über dem See beobachten. Einer prächtiger als der andere. Im Sommer verschwand die Sonne im Nordwesten über dem Wald. Ein blassroter Schein blieb dort, wanderte nach Osten und um halb vier quoll aus ihm das erste Gold.
Heute Abend ist es anders. In den Baumwipfeln brennt rotes Licht, kaum größer als das Bremslicht eines Autos, aber von düsterer Leuchtkraft.
Ferien vorbei. Morgen kehr ich nach Deutschland zurück.