Der Mulatte in Småland

Ich mag alte Menschen, das war schon in Berlin so, als ich im ersten Jahr bei einer Rentnerin als möblierter Herr wohnte. Oft saß ich bei ihr im Halbdunkel ihres Wohnzimmers und hörte ihr zu. Sie hatte die Spartakus-Kämpfe in Neukölln erlebt, drei Pflegekinder aufgezogen, war mit dem Bollerwagen nach Kriegsende übers Land gezogen, um Kartoffeln zu „organisieren“.  Es war ein vergangenes Leben, aber es fesselte mich. Immer, wenn ein alter Mensch mir etwas erzählt, sehe ich ihn durch die Landschaften seines Lebens wandern. Stundenlang könnte ich zuhören.
Ich besaß eine Ferienhütte und war mit Eric, einem alten Småländer, befreundet. Die sind ja nicht sehr gesprächig, aber dieser redete gerne, was ihn unter den Dörflern keinen guten Ruf einbrachte. Aber er hatte auch viel mehr als sie erlebt, denn er war in der Welt herum gewandert und seine Geschichten hatten Farben und Stimmung eines unendlich langen Sommers.
Es war im letzten Jahr. Ich war gerade seit einer Woche in meiner Hütte und freute mich über das gute Wetter, das mir bald den Sprung in den See erlauben würde.
An einem Samstagabend klingelte mein Telefon. Gewöhnlich war es der Alte, knapp 80 Jahre alt, ich kannte ihn seit gut zehn Jahren. Jeden Abend rief er mich an, um mir die neusten Nachrichten mitzuteilen Und das machte er, seit ich ihn kannte. Schon hundert Mal hatte ich ihm erklärt, dass auch ich Nachrichten höre, aber er ließ sich davon nicht abbringen.
Diesmal spitzte ich die Ohren. Ja, weiß Gott, ich hielt sogar den Atem an, denn ich hörte ein stockendes Flüstern.
„Sensation!“ flüsterte er. „Sensation!“
„Was ist los? Red lauter!“
Und dann erfuhr ich, er hätte einen Einbrecher entdeckt. Nein, nicht in seinem Haus.. Woanders..  Es war auf einem Waldspaziergang, den macht er immer bei gutem Wetter. Dabei kam er an einem verfallen Haus vorbei, seit Jahren unbewohnt. Aber diesmal sah er in einem Fenster Bewegung, das war natürlich merkwürdig, er ging auf das Grundstück, entdeckte ein Auto, sah hinein. Die Rücksitze waren komplett ausgebaut.
„Und das ist eine fantastisch gute Ladefläche für Diebesgut, kannst du mir glauben!“
Ohne zu zögern, ging er zum Haus, öffnete die Türe und noch ehe er begriff, was da geschah,  sprang ein riesiger Mulatte mit erhobenen Fäusten auf ihn zu.
Er hätte sofort die Hände gehoben, um seine friedliche Absicht zu zeigen, und indem er langsam zurück ging, tat er das, was er bei erregten Bullen gelernt hatte. In sanftem Ton sagte er: „Nur ruhig, ruhig..“
Und machte sich in die Hose.
Ich hörte einen langen Seufzer.
„In meinem ganzen Leben hab ich noch nie so eine Angst gehabt.“
So schnell er konnte, radelte er nach Haus und rief die Polizei an. Aber die sagten, sie könnten erst am Montag einen Wagen schicken.
Anschließend ging er heimlich in den Heizungskeller seines Sohnes und warf seine Unterhose in den Ofen.
Mir schien sein Verdacht glaubwürdig. Seit Wochen wurde in Ferienhäusern eingebrochen. Die Polizei hatte eine Warnung verbreitet, und ich glaubte ihm, dass er das Versteck der Einbrecher entdeckt hätte. Erstaunlich nur, dass sich die Polizei so viel Zeit ließ.
Als ich den Hörer auflegte, musste ich lachen. Ich stellte mir vor, wie Eric in seiner ungehemmten Neugier die Tür öffnete und sagen will: „Hej, Mann, was machst du hier? Machst du das schon lange?“
Und er bekommt eine Abfuhr und zwar eine so deftige, dass er in die Hose macht.
Am Montag, 9 Uhr früh, wieder Erics Stimme, diesmal vergnügt, vielleicht ein wenig aufgedreht.
Ein Streifenwagen sei dagewesen, mit zwei Polizisten. Er wollte mit ihnen zum Einbrecher fahren, aber sie hätten ihm gesagt, sie könnten die Arbeit besser machen. Na, jedenfalls würde dem Burschen jetzt das Handwerk gelegt! Und dann wollte er wissen, ob ich ihn besuche.
Ja, am Nachmittag, antwortete ich.
Ich fand ihn in großer Erregung vor. Die Polizei hätte den Mulatten nicht gefunden, das Haus sei leer gewesen, auch das Auto fehlte. Man unterstellte ihm Irreführung und verwarnte ihn.
Er war empört. Er schlurfte im Zimmer herum, dunkle Drohungen ausstoßend, ab und zu stöhnte er auf: Dass er so viel Angst gehabt hatte, er, der in Argentinien eine Klapperschlange mit einem Stein totgeschlagen hätte, in der Schweiz sei er ohne Seil auf Berge geklettert und wie viel Seen hätte er bei Sturm durchschwommen, kein anderer hätte das gewagt. Und jetzt... mit 82... in die Hose...
Plötzlich wühlte er unter einem Haufen alter Zeitungen auf seinem Schreibtisch sein Falun-Messer  hervor und schob es an seinen Jeansgürtel.
Ich fragte, was er vorhatte.
Er meinte, es bliebe ihm nichts anderes übrig, er müsse die Sache selbst in die Hand zu nehmen.
„Ich werd ihm die Reifen zerstechen.“, knurrte er. „Der haut doch ab, bevor die Polizei kommt.“
Noch nie hatte ich ihn so aggressiv gesehen und ich dachte, ich muss mitgehen, um Schlimmeres zu verhüten, obwohl ich nicht sicher war, ihn bremsen zu können. Er war noch immer größer und stärker als ich.
Bis zum verdächtigen Grundstück radelten wir, dann schoben wir die Fahrräder im Sichtschutz einer Hecke vorwärts. Kurz bevor wir den Steinwall erreichten, der die Wiese mit dem Haus abgrenzte, stellten wir die Räder an eine Birke und schlichen zur Grundstückseinfahrt.
Tatsächlich stand ein brauner Pkw im kniehohen Gras, ziemlich nah am Haus. Es war mehr eine Hütte mit nur zwei Fenstern, eins rechts und eins links von der Haustür, das rechte Fenster war mit Brettern vernagelt, beim andern war ein Fensterflügel aufgeschlagen. Auf dem Dach fehlten einige Ziegel, am vorderen Giebel hatte sich ein Zierbrett gelöst, jeden Augenblick konnte es herunterfallen.
„Da versteckt sich der Mörder!“ murmelte Eric.
Wenn er zornig war, übertrieb er und so wunderte es mich nicht, dass aus einem Einbrecher ein Mörder geworden war.
Ich muss zugeben, alles machte einen mehr als verdächtigen Eindruck. Möglicherweise befanden sich mehrere Männer im Haus, ich wollte den Alten warnen, aber es war schon zu spät.
Geduckt näherte er sich dem Wagen, das Falun-Messer - er hatte es nach hinten geschoben - wippte auf seinem Gesäß. Wie überlegt er an die Sache heranging, sah ich daran, dass er nach links steuerte, damit ihm das Auto Sichtschutz bot. Gerade als er dort ankam und hinter dem Auto verschwand - wahrscheinlich bückte er sich über ein Rad - ging die Haustür ächzend auf und mit ein paar katzenhaften Sprüngen war eine riesige dunkle Gestalt beim Auto. Erics Kopf tauchte auf. Sekundenlang starrten sich beide an, der Mulatte und Eric.
Und dann geschah etwas Seltsames. Mit einer einladenden Geste öffnete der Mulatte die Wagentür, dabei fielen ein paar Worte, die ich nicht hörte. 
Eric, der Vielgereiste, liebte das Autofahren, als Beifahrer genoss er den Ausblick auf die Natur und die Landschaft, trotzdem begriff ich nicht, wieso er ohne zu zögern einstieg. Der Mulatte setzte sich ans Steuer und langsam, ohne dass ich den Anlasser gehört hätte, zuckelte der Wagen durch das Gras auf die Lücke zwischen dem Steinwall, fuhr an mir vorbei, ich beugte mich zum Fenster, Eric lächelte das halb spöttische, halb schmerzliche Lächeln, das bei ihm so anziehend wirkte, hob die Hand, mir schien, als formte sein Mund ein „Hejdo!“ und dann fuhr der Wagen Richtung asphaltierter Dorfstraße, eine Staubfahne hinter sich herziehend.
Im ersten Augenblick war ich fassungslos. Nicht einmal einen Streit hatte es gegeben. Vielleicht kannten sie sich? Möglich, dass der Mulatte eines der seelisch gestörten Kinder war, die zur Gesundung vor vielen Jahren in der Familie des Alten Aufnahme gefunden hatten. Heute waren sie erwachsen und Eric ein alter Mann. Als der Mulatte am Wagen stand, hatten sie sich wohl erkannt.
Aber warum hielt er nicht an, um mich zu informieren, wohin sie fuhren?
Andererseits. Hatte er das jemals für nötig gehalten? Wie oft vermisste ihn seine Familie, und später stellte sich heraus, er war mit einem Bekannten weggefahren. Tage später kam er heim, mit leuchtenden Augen und einem Sack voller Geschichten.
Ich ließ das Grübeln und sah mir die Stelle an, wo der Wagen geparkt hatte. Im Gras lag das Falunmesser, ich hob es auf. Sein roter Holzgriff war abgegriffen und die Klinge durch unzählige Schliffe kleiner geworden. Ein Småländer wirft nichts weg, nur weil es schäbig aussieht.
Damit man Eric nicht vergebens suchte, wollte ich seinem Sohn Lasse Bescheid geben, der ganz in der Nähe seines Vaters wohnte.
Ich fand ihn draußen, er zersägter mit der Kettensäge Birkenstämme zu Brennholz für den Winter. Er sah mich kommen, schaltete die Säge aus und nahm den Helm ab. 
„Was gibt's?“
Ich sagte ihm, sein Vater sei mit einem unbekannten Mulatten davongefahren, und dann erzählte ich ihm, was wir getan hatten. In seinem Gesicht wuchs das Erstaunen. Schließlich war ihm die Verblüffung so deutlich anzumerken, dass ich ihn fragte, ob er mir etwa nicht glaube?
Er lächelte höflich.
„Du glaubst mir nicht? Hier ist sein Messer, es lag beim Auto.“
Er wischte sich mit einem Tuch die Stirn.
„Jaha, du weißt doch, er geht dort spazieren. Er hat es wohl verloren.“
Bevor ich widersprechen konnte, sagte er: „Übrigens.. Vor ein paar Minuten sah ich ihn, er schüttelte auf der Treppe seine Sofadecke aus.“
Er schwieg und senkte den Blick. Und da begriff ich. Sicher hatte er von den Polizisten erfahren, dass sein Vater einen blinden Alarm ausgelöst hätte. Und das hatte ihn in seiner Meinung bestärkt, sein Vater sei eine Gefahr für die Allgemeinheit und gehöre ins Altersheim
Und jetzt kam auch noch dessen Freund, der alte Deutsche, und erzählte ihm so was. Ja, ich konnte mir denken, wohin er mich wünschte.
Ich stieg aufs Fahrrad. Soll er denken, was er will. Spätestens, wenn sein Vater zurückkommt, wird er sehen, dass ich recht habe.
In diesem Moment rief Lasse: „Warte, wir gehen mal hin.“
„Sehr gut,“ dachte ich. „Jetzt werde ich dir deine Besserwisserei unter die Nase reiben.“
Und dann traf es mich. Erics Rad stand im Fahrradständer vorm Haus.
Lasse ging hinein, ich streifte mir im Windfang die Schuhe ab, da hört ich ihn rufen: „Hej, Papa, Besuch! Wach auf!“
Ich müsste mich sehr irren, wenn seine Stimme nicht triumphierend klang.
Ich trat ins Zimmer und sah Eric in seinem abgewetzten Ohrensessel sitzen, das Kinn auf der Brust, im Fernseher liefen die Tagesnachrichten.
Lasse rief noch einmal, klopfte seinem Vater auf die Schulter, der kippte nach vorn, sein Sohn konnte ihn gerade noch auffangen.
Der Alte war tot.
Ich setzte mich aufs Sofa. Vielleicht um mich zu beruhigen, sagte Lasse: „Weißt du, so hat er sich das immer gewünscht. Vorm Fernseher, bei seiner Lieblingssendung weggehen.“
„Weggehen“ für „sterben“ ist eine småländischen Redensart. Doch in Verbindung mit dem gerade Erlebten schien es mir völlig falsch und ich antwortete: „Er ist nicht weggegangen, er ist weggefahren.. Wirklich! Ob du es glaubst oder nicht: Ich habe es gesehen! Er ist weggefahren im Auto des Mulatten!“
Irritiert blickte mich Lasse an.
Richtig. Selbst die Polizisten hatten weder das Auto noch den Mulatten gesehen, als sie das Grundstück absuchten.
Plötzlich war mir klar, auch ich hätte nichts sehen sollen, nicht in meinem Alter. Ich war noch keine 50.
Meine Knie begannen zu zitterten.
Mich hielt nichts mehr in der Hütte. Am nächsten Tag fuhr ich zurück nach Deutschland.   
Und jetzt bin ich hier. Egal was ich tue, ein Gedanke lässt mich nicht los: Was, wenn ich noch mal den Mulatten sehe?
Aber vielleicht habe ich Glück. Vielleicht gibt es den Mulatten nur in Småland.
 

Siehe auch Mein letzter Nachmittag