Schweden-Bücher

Mein Schweden

Heimkehr in Schweden

 

Schwedisches Allerlei

 
In Deutschland hat sich noch nie jemand um mich kümmerte, wenn ich auf einer Straße bei einer Panne an meinem Fahrrad hantierte. Aber in Schweden ist das anders. Kaum beugte ich mich über das Hinterrad, schon bremste ein Pkw und ich hörte eine Stimme: „Kann ich helfen?“
Ich brauchte eigentlich keine Hilfe, denn ich weiß ich mit einer Handpumpe umzugehen. Zwar war sie nicht mehr die neuste, bei jedem Pumpstoß zischte es, aber nach etwa 5 Minuten war der Reifen wieder prall.
In der Zwischenzeit fand eine Unterhaltung statt. Dabei erklärte ich, dass der Reifen kein Loch hat, er sei in Ordnung, wahrscheinlich nur ein bisschen spröde, er halte knapp 15 km, dann pumpe ich ihn wieder auf und mache kehrt, um vor dem nächsten Platten rechtzeitig zuhause zu sein. Das Aufpumpen sei nämlich das Anstrengendste, das Radfahren selbst sei ein Klacks dagegen. Das gefiel den Schweden, dann lachten sie.

So viel Aufmerksamkeit und Freundlichkeit beeindruckte mich jedesmal.
Ich kannte keinen von ihnen. Aber mich schienen bald alle zu kennen. Darum hob ich bei jedem entgegen kommenden Auto grüßend die Hand. Und der am Steuer, ob Mann oder Frau, antwortet lächelnd mit der gleichen Geste.

Bei meiner ersten Begegnung mit einem Autofahrer, genauer: einer Autofahrerin, verlief alles ganz anders.  Das war vor vielen Jahren. Ich schob mein Rad, das Auto bremste und die Fahrerin fragte mich durch das offene Fenster - so verstand ich es -, ob ich ein Tier gesehen hätte? Ich dachte, sie wird das Wildschwein gemeint haben, das mir begegnet war. Ich erzählte es. Zweifelnd sah sie mich an an. Dann vielleicht die Kuh, die mir fast vors Rad gelaufen war? Ich beschrieb sogar ausführlich den Ort, wo ich sie gesehen hatte. Mitten auf der Straße! Eine Gefahr für alle Autos! Jetzt zeigte sich Verblüffung in den Augen der Frau, auf einmal kurbelte sie das Fenster hoch und fuhr mit einem Gesichtsausdruck davon, als hätte ich sie angewidert.

Mein Schwedisch ist heute besser, und ich wünschte, ich könnte ihr nachträglich erklären, dass ich keinen Gehirnschaden hatte, sondern nur ein schlecht Schwedisch sprechender Ausländer war, und dass ich mit der Kuh ganz sicher nicht sie gemeint hatte...

 

 

,,Oioioioioi . . . Das Leben ist herrlich!“ Gunnars Ruf flog einer Lerche unter die Flügel, die bekam einen Schub hinauf und kicherte herab: ,,He! Eric! Noch mal!" Der steckte seine schmale Nase gerade in einen Salatkopf und hatte volles Verständnis dafür, dass sich Schnecken darin aufhielten.

Ich bummelte herum. Gods own country? Ach was. Des Menschen eigenes Land. Selbst wenn es nicht größer ist als ein paar Fußballfelder nebeneinander, denn viel größer ist O. nicht.

Bei den Fliederbüschen bei Oskars Hütte lege ich mich auf die Böschung und betrachte die Pracht eines Frühlingstages. Jede Farbe hatte Leuchtkraft und Frische. Die Farben kommen aus dem Kern der Dinge, sie schwirren zum Himmel, dort bilden einen gelben Strudel. So betrachtet, ist die Sonne nichts andres als der Ausfluss der Bäume, der Vogelpfiffe, der Acker, der Steine und Gräser und aller Lebewesen, großer und kleiner, sie ist das strahlende Ergebnis allen Strebens auf dieser Erde, und selbst das Misslingen gibt einen Tropfen Glanzlack, einen Funken Wärme dazu.

Hoppla. Ich liege ja in Ameisen. Was besagt das nun wieder? Der Philosoph erhebt sich und trollt sich.

Dann am Nachmittag. Wir lichten den Wald. Gunnar fällt junge Fichten mit der Handsäge, ich entäste sie mit der Axt. In einer Pause foppt Eric mit einem Stock eine Kreuzotter. Sie kam an den Bach, will trinken. Er steht gegenüber auf der anderen Seite.

,,Hejhej! Wartmol, brich dir die Zähne aus, Ötterchen! Na, haust du noch immer nicht zu?“

Die Schlange richtet sich auf, biegt sich zurück, folgt züngelnd der kreisenden Stockspitze. Das Wasser blitzt in der Sonne. Ich lehne mit dem Rücken an einer großen Fichte, fühle Krümel der Borke in meinen Hemdkragen rinnen. Sie bleiben auf meinem schweißnassen Rücken kleben. Ich bin müde und glücklich.

 

 

Als Kind stellte ich mir oft vor, wie ich mir im Wald eine Erdhöhle baue. Dort würde ich leben, eine Kerze gibt mir Licht und die Wände sind mit Bretter verkleidet, Tisch und Stuhl sind Baumstümpfe. Wann immer ich will, krieche ich durch ein Schlupfloch hinaus und sehe über mir Laubbäume, der Wind spielt in den Blättern, in dem Gewölbe über mir zwinkert der Himmel mit tausend Augen mir zu.

Ein Gefühl des Geborgenseins, warmer Stille, sonntäglicher Ruhe kam aus dem Fantasiebild, und ich malte es immer dann aus, sobald ich mich bedrückt fühlte. Das war ziemlich oft der Fall. Allein durch ihr Leben übten die Erwachsenen Zwänge aus, sie nannten es aber Anpassung und Pflichen, als handele es sich um Notwendigkeiten wie Essen und Trinken. Sobald ich durch den fränkischen Wald strolchte, zweifelte ich an ihren Worten: Kein Baum, kein Busch, kein Eichhörnchen, kein Laubfrosch verlangten von mir Anpassung, Gehorsam, Pflichten . . . Offenbar waren es doch nicht lebensnotwendige Dinge.

Wir zogen in die Stadt, ich wurde älter, der Traum von einer Höhle im Wald hat mich nie verlassen. Und jetzt sitze ich oft am See, in einer menschenleeren Bucht, die Bäume mit ihrem Lauibdach sind eine Grotte für mich, ich bin geborgen, behütet von Mutter Natur. Irgendwann steh ich auf, um die Svensson-Familie zu suchen, von der ich weiß, dass sie badet. Ich finde sie zwei Buchten weiter, die Sonne schlägt ins Wasser, macht die Badenden schwarz im Gegenlicht. Sie flackern und sind doch verkohlt wie abgebrannte Streichhölzer. Erst wenn sie zum Ufer waten, nehmen sie Menschengestalt an, die Gesichter hellen auf mit einem Glanz aus Nässe und Freude, Erregung, Begeisterung... Hej! Das Leben ist herrlich!

Ja, hier im Wasser hat vor Urzeiten alles einmal begonnen.

Und so kehren wir immer zu der Quelle zurück und schöpfen neue Kräfte.

,,He, wo ist das Handtuch?"

Denn jetzt sitzen zivilisierte Menschen im Sand und klappern mit den Zähnen.

 

 

Foto: Astrid Manz
Foto: Astrid Manz

 

Die Insel war sehr klein und verwildert. Ich hatte das Boot angelegt und wollte sie erkunden. Nur wenige Meter vor mir sprang im Gestrüpp ein Reh auf. Das Reh war im Winter über das Eis zur Insel gelangt und hatte wohl die Rückkehr aufs Festland verpasst. Jetzt war es hier gefangen. Ich war sicher, ich würde zum ersten Mal einem Rehe so nahe kommen, dass ich es berühren konnte. Zwar war es nicht mehr zu sehen, aber ich hörte das Brechen von Zweigen, wenn es vor mir aufsprang und weiter lief. Nur noch wenige Augenblicke, und wir würden uns am Inselende gegenüber stehen. Und da leuchtete auch schon der See durch das Dickicht. Vorsichtig bog ich die letzten Fichtenzweige beiseite. Doch wo war das Reh? Vor mir nichts als Steingeröll und Wasser. Und dann sah ich in etwa 20 m Entfernung einen Rehkopf auf den Wellen schwimmen. Ruhig zog das Reh seine Bahn zum gegenüber liegenden Ufer, stieg langsam aus dem Wasser und verschwand zwischen den Bäumen, ohne mich eines Blickes zu würdigen...

 

 

Foto: Astrid Manz
Foto: Astrid Manz

 

Ich werfe die Angel aus. Nur das Platschen des Blinkers, wenn er ins Wasser fällt. Sonst Stille. Was ist ein Opal? Dieser blaue Edelstein ist ein Tropfen vom Bolmen, an einem Augustnachmittag unter zartblauem Himmel. Hin und wieder greif ich zu den Rudern, weil eine Brise das Boot abtrieb. Die Sonne ist schon in den Wald getaucht, lässt eine Spur hinter sich. Sieht aus wie Hechtblut, das sich über das Dorf und die Wälder ausbreitet, wintergrün wird der Himmel über mir. Eine Ahnung von Frost liegt in der Luft. Erste Schatten färben den See dunkel. Ich bekomme klamme Finger, trotzdem wechsle ich den Blinker aus, nehme einen breiten, silbernen, der auch im schwarzen Wasser glänzen soll. Ich schleudere ihn weit und beim Einspulen ziehe ich Furchen durchs Wasser. Vielleicht sollte ich nicht so viel ackern, die Hechte wollen zärtlich geangelt werden. Behauptet Oskar, der gut Freund mit allen Fischen ist. Jetzt schwappt der Schatten schon ins Boot.

Ich sehe meine Holzschuhe nicht mehr. Feierabend. Wieder nichts. Aber es gibt einen Hecht in diesem See! Wir haben ihn schon oft gesehen. . . Diesmal hat er sich einen ganzen Nachmittag nicht gezeigt. Na warte. Ich krieg dich noch.

 

 

Zwei Männer und ein kleiner Junge in einem Ruderboot, keiner spricht. Ein wolkenloser Himmel. Keine Brise kräuselt den See. Am Ufer, bei den Bäumen, hat das Wasser die Farbe von grünem Flaschenglas. Alles stimmt träumerisch. Wo sind die hysterischen Möwen des Frühlings? Die Zeit der Brut ist längst vorbei.

Ja, die Zeit ist ins Land gegangen. Und wir sind auf dem See geblieben, der jetzt mit dem Boot flüstert, manchmal lacht er leise, sein Gurgeln dringt über die Ruder herauf, die Gunnar gleichmäßig zur Brust zieht und wieder nach vorne stößt. Zwischen seinen Knien hockt sein Sohn Ulf. Ich sitze auf der Heckbank, lasse die Hand ins Wasser hängen, kühl ist es und scheint an meinen Fingern zu saugen.

Ich weiß nicht mehr, was wir wollten. Vielleicht hatten wir vorher unter der Birke gesessen, am Gartentisch, und einer sagte: ,,Da unten, das Boot . . ." Und das genügte. Auf dem Rückweg kommt Gegenwind auf. Plötzlich schlägt Ulf gegen Gunnars Knie.

,,Da! Da! Bienen! überall!“

Der Kleine ist nicht zu beruhigen. ,,Sie ertrinken!" kräht er, ins Wasser zeigend. ,,Müssen sie retten!“

Wohin wir blicken: überall auf den Wellen schaukeln goldbraune Punkte. Bei Windstille waren Oskars Bienen auf die Inseln des Sees geflogen. Auf dem Rückweg, beladen mit Blütennektar, kam Gegenwind auf. Ihre Kräfte reichten nicht und so, kurz vorm Ziel, druckte der Wind sie aufs Wasser.

Wir sehen, wie ihre fadendünnen Beinchen in dem glasklaren Wasser nach Halt suchen und ins Leere strampeln. Ihre Flügel prasseln aufs Wasser, ein feines Rascheln ist zu hören, erzeugt von einem Bienenvolk, das untergeht. Denn bald dringt Wasser in den Bienenpelz und nicht mehr lange und eine Biene nach der andern treibt leblos und nah unter dem Wasserspiegel, als hielte sie etwas am Diesseits fest.

Mit Zweigstücken und der Schöpfschaufel beginnen wir die Bienen ins Boot zu heben. Ulf greift einfach ins Wasser und setzt sie auf dem Bootsrand ab. Dort haften sie, die späte Sonne wärmt sie, trocknet sie, dann rühren sie die Flügel, langsam, vorsichtig, sie prüfen ihr Flugleitwerk, und auf einmal heben sie ab, gelassen und brummend ziehn sie eine Schleife ums Boot und steuern, über das Birkenwäldchen am Ufer hinweg, auf Oskars Hütte zu.

Ich weiß nicht, wie viele wir retten konnten, sicher nicht alle. Unvermittelt stürzte die Dämmerung in die Bucht, im schwarzen Wasser waren die Bienen nicht mehr zu erkennen. Wir mussten aufgeben. Dumpf schlug die Bootsspitze an den Steg, Eric hob mir seinen Sohn entgegen, ein Lächeln auf den Lippen.

Ein paar Wochen später, an einem der ersten Herbsttage, auch an einem Sonntagnachmittag, hörten wir Oskars schlurfenden Gang auf der Sandstraße näherkommen. Als trüge er eine Laterne, die er vor Wind schützen müsse, hielt er in den Händen einen Teller mit einer Bienenwabe. Sagte ich: als trüge er eine Laterne? Die Bienenwabe war eine Laterne, durchstrahlt von der tief stehenden Sonne, brannte sie in seinen Händen. Er überreichte sie uns wortlos, und dennoch war etwas in seiner Haltung wie von einem Wikingerkönig, der seinen Gefolgsleuten ein Kleinod zum Geschenk macht.

Seit dem Bienensonntag hatten wir bei ihm einen Stein im Brett. Mit einer solchen Gabe aber hatte keiner gerechnet. Zufälligerweise hatte ich am Morgen Brot gebacken, Sauerteigbrot nach Bauernart. Gunnars Frau bat Oskar, zum Abendessen zu bleiben und mit uns das frische Brot zu versuchen. Und so gab es leicht feuchtes Roggenbrot, das nach Anis duftete, und auf ihm rollte auf einem Butterspiegel das süße Gold eines Sommers.

Der alte Heide und die Indianer O.s feierten Abschied vom Sommer. Des Häuptlings Squaw goss grünrauchigen Birkenblättertee in die Gläser und ihr schwarzer Zopf streifte die Männer dann und wann.