Meine Arbeit als Astrologe

Dieter Lenz


Seit gut sieben Monaten lebe ich mit meiner Frau in Spanien, weit weg vom grauen, feuchten Norddeutschland, und genieße meine Rente.
Ja, ich kann sagen, ich hatte Glück in meinem Leben, aber, wie man so sagt, ich war auch meines eigenen Glückes Schmied.
Ich arbeitete in der Werbeabteilung eines Zeitungsverlag, den Namen der Zeitung will ich nicht nennen. Meine Aufgabe war, die Zeitungsausträger für Werbeaktionen einzusetzen.
Es war im dritten Jahr, ich erinnere mich genau, es war ein Nachmittag im Mai. der Himmel war wie blankgeputzt, auf dem Fluss nicht weit von unserem Verlagshaus zitterte ein Glitzern von den Sonnenstrahlen.
Da ging die Tür auf, mein Chef – Halbglatze mit vollem, welligem Haar an den Seiten, das über die Ohren fiel, und mit  Augen, die immer feucht waren. Diesmal wohl passend, denn nach seinem Gesichtsausdruck zu urteilen, gab es in seiner Familie einen Trauerfall.
Und so klang auch seine Stimme, als er sagte: „Er lebt nicht mehr...“
Ich erinnerte mich, dass kürzlich eine Kollegin zu Arbeitsbeginn heftig weinend ins Büro kam, und ich sie sofort tröstend in die Arme nahm in der Überzeugung, dass ihre Mutter gestorben war. Es stellte sich aber heraus, dass ihr Hund überfahren worden war, und so war ich diesmal vorsichtig, ich schwieg und wartete ab.
Und tatsächlich, niemand aus seiner Familie war gestorben, sondern der Astrologe, der uns das Tageshoroskop für die Zeitung lieferte. Er war bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen.
 „Was machen wir jetzt?“ klagte mein Chef, sein linkes Augenlid flatterte. „Da bricht morgen die Hölle los, wenn kein Horoskop in der Zeitung steht.“
Ich stimmte ihm zu. Da werde ich vielleicht was zu hören bekommen, dachte ich, wenn sie morgen nicht ihr Horoskop zu lesen bekommt! Konnte der Astrologe denn seinen Unfall nicht voraussehen und uns rechtzeitig Bescheid geben?
Und da sagte ich spontan, ich könnte ja das Horoskop schreiben.
Entsetzt sah mich mein Chef an. „Wie soll das gehen?“
„Ich bin Amateurastrologe“, sagte ich.
Der Gedanke behagte ihm gar nicht, aber die Redaktion hatte schon nach dem Horoskop gefragt, also gab er mir grünes Licht.
Und dann machte ich mich an die Arbeit, ich bastelte aus den letzten Horoskopen eines für den nächsten Tag. Ich eignete mir den Stil des Astrologen an und dachte an meine Frau, die jeden Morgen als erstes ihr Horoskop las. Und so schrieb ich unter ihrem Tierkreiszeichen – Steinbock – Folgendes: Eine Überraschung sei zu erwarten und man solle mit einem Geschenk darauf antworten.
Als ich am nächsten Tag abends meiner Frau einen Strauß roter Rosen mitbrachte, strahlte ihr Gesicht auf, sie umarmte sie mich und sagte: „Jetzt darfst du dir was wünschen.“
Nicht zu glauben! Es hatte funktioniert.
„Ich hätte gern einen frisch gebackenen Käsekuchen.“ sagte ich.
Am nächsten Tag bekam ich ihn. Ich ärgerte mich ein wenig, nicht Größeres  gewünscht zu haben.
Aber was einmal klappt, klappt vielleicht auch ein zweites Mal. Da der Verlag so schnell keinen neuen Astrologen fand, schrieb ich weiter die Tageshoroskope. Als nächstes schrieb ich im Tageshoroskop meiner Frau, es gebe einen heimlichen Verehrer und es könnte gut sein sein, dass er sich zu erkennen gebe.
Nachdem meine Frau das Horoskop gelesen hatte, brachte der Postbote einen anonymen Brief  mit einem in Schreibmaschine geschriebenem Liebesgedicht (ich fand es in einem Taschenbuch mit mittelalterlicher Lyrik) und es endete: „ Von einem heimlichen Verehrer“.
Selten habe ich meine Frau so gut gelaunt gesehen. Sie sang und tanzte durch die Küche, als hätte sie im Lotto gewonnen. Eigentlich hätte ich mich ärgern müssen.  
Als ich darauf andeutete, es würde auch meine Laune heben, wenn ich mir endlich einen größeren Fernseher kaufen dürfte, stimmte sie sofort zu.
Und es wurmte mich, mir kein neues Auto gewünscht zu haben.
Ich überlegte mir gerade ein neues Horoskop für sie, da deutet der Chef an, die Zeitung hätte bald einen neuen Astrologen, es ginge nur noch um die Höhe des Honorars, das, wie ich wusste, aus dem Werbeetat gezahlt wurde.
Ich erschrak. Sollte ich die Macht über meine Frau verlieren? Ich musste meinen Chef überzeugen, dass ich genau so ein Spezialist war wie ein professioneller Astrologe. Und das ging so: Wenn mein Chef auch behauptete, nicht an solchen Humbug zu glauben, so las er doch täglich sein Horoskop, denn er machte sich bisweilen darüber lustig.
Als er einmal sein Zimmer verließ, stibitzte ich sein Telefonbuch vom Schreibtisch. Stunden später suchte er wie ein Irrer danach. Schließlich war er überzeugt, es verloren zu haben, und ich bedauerte ihn kräftig.
Am nächsten Tag stand in seinem Horoskop (mein Chef war ein Löwe), er würde heute eine erfreuliche Entdeckung machen.
Und tatsächlich, als er sich nach der Mittagspause an seinen Schreibtisch setzte und die Schublade aufzog, fiel sein Telefonbuch auf den Teppichboden. Es hatte zwischen Tisch und Schublade geklemmt.
Er kam zu mir, klopfte mir bewundernd auf die Schulter und murmelte: „Sie haben da ein Talent, mein Lieber... Wer hätte das gedacht! Wissen Sie was?  Sie sind ab sofort für das Horoskop zuständig.“
Und dann ging es fast Schlag auf Schlag. Ich schrieb ins Horoskop meiner Frau, sie dürfe ein größeres Geschenk erwarten. Zwei Tage später schenkte ich ihr einen kostbaren Ring mit einem Saphir, weiß Gott, ich hatte mich das was kosten lassen. Als ich ihr sagte, ein neues metallicblaues Auto würde gut dazu stehen, stand dem Kauf nichts mehr im Wege.
Und so ging es weiter, Monat für Monat erweiterte ich meinen Kundenkreis unter Verwandten und Bekannten. Ich musste nur wissen, ob sie täglich meine Zeitung lasen und ob sie an Horoskope glaubten. Nebenbei bemerkt, über die Höhe meiner Gehaltserhöhungen bestimmte nicht mein Chef, sondern sein Horoskop.
Auf diese Weise kam ich zu einem gewissen Wohlstand, ich beschloss früher in Rente zu gehen. Als ich das meinen Chef mitteilte, schlug er mir vor, als freier Astrologe für die Zeitung tätig zu bleiben. Aber bitte: Was hätte ich davon, hier in Mallorca? Wenn die Zeitung mit dem Horoskop erst nach drei Tagen ankommt?
Trotzdem lass ich mir die Zeitung nachschicken. Warum? Ganz einfach. Ich studiere das Horoskop, selbstverständlich aus rein kollegialem Interesse.  Und wenn ich dann lese, der oder die unter diesem Sternbild Geborene solle am Abend lieber zuhause bleiben, es könnte ihm sonst etwas passieren, frage ich mich: „Will der der Astrologe seine Geliebte besuchen? Oder will er verhindern, dass seine Frau ihren Geliebten besucht?“
Übrigens stand heute in meinem Horoskop, ich solle mein Geheimnis für mich behalten.
Na, das galt ja vor drei Tagen. Und außerdem, mich kann der Astrologe nicht gemeint haben, mich kennt er ja gar nicht.