Mein Freund, der alte Schwede

Dieter Lenz


Als er die erste Blockhütte baute – ich durfte ihm dabei helfen – nahm er mich beiseite und flüsterte: „Ich bau noch viele, sollst du sehen! Und dann hänge ich ein großes Schild auf, darauf steht: Für die letzten Vagabunden der Welt!“

Denn er selbst war viele Jahre ein Weltenbummler gewesen. Es wurden vier Hütten, aus ihnen machte seine Frau Ferienhütten für Sommergäste und sie hatte recht getan. Wie sonst hätte sie mit ihren drei Kindern die Familie ernähren können.
Gunnar, so war sein Vorname, hatte neben seiner Wanderlust noch weitere Eigenarten. Eine davon war sein Pazifismus. Bei meinem ersten Aufenthal in Schweden gab es gerade sechs Millionen Einwohner und ich hatte den Eindruck, als würden sich alle persönlich kennen. So wunderte ich mich gar nicht, als ich eines Tages auf seinem Arbeitstisch einen Brief des schwedischen Verteidigungsministers vorfand. Der Minister war ein Jugendfreund und Gunnar hatte ihm beim Amtsantritt einen Brief geschrieben mit der Aufforderung, er solle jetzt das tun, was sie einst besprochen hätten: das Militär abzuschaffen.
Natürlich war die Antwort bei aller Herzlichkeit ablehnend. Gunnar schien sie akzeptiert zu haben, denn er verlor kein Wort darüber. Schließlich änderte es ja nichts an seinem Pazifismus.

Als wir einmal im Wald Kiefern fällten, tauchten plötzlich Militärjeeps auf, sofort drückte er mir einen abgehackten Ast in die Hand und rief:
„Jag sie weg!"

"Ja wie denn?" fragte ich.

"Du musst nebenher laufen und auf sie einschlagen wie auf einen Hund!“

Wenn er auch sonst ungewöhnlich mutig war, vor Hunden fürchtete er sich.
„Warum immer ich? Mach's du doch!“ sagte ich. In seinen Augen war ich für alles ihm selbst Unangenehme bestens zu gebrauchen.
„Du hast die jüngeren Beine“, gab er zur Antwort.
Ich warf den Ast weg und machte mich wieder an die Arbeit: ans Abhacken der Äste von den gefällten Bäumen.

Er schien mit meiner Reaktion ganz zufrieden zu sein.
Und da ging mir ein Licht auf. Er war gewiss ein großer Idealist, aber ebenso ein großer Realist. Kurz gesagt, er war entweder ein Schelm oder ein Philosoph. Wahrscheinlich ein Philosoph, denn Philosophen sind oft auch Schelme, umgekehrt trifft das weniger zu.
Aber das Aufregendste an ihm, zumindest für ländliche Verhältnisse in Schweden, war das: er war für den Kommunismus.

Und damit komme ich zurück zu den Hütten, die er bauen wollte.
Nachdem die Familie ins Dorf gezogen war, wollte seine Frau, eine Deutsche, von den Bauern möglichst rasch ein Waldgrundstück kaufen. Sie plante den Aufbau eines Ferienzentrums für deutsche Sommergäste. Aber wo sie auch anklopfte, sie hörte bloß ein freundliches: „Jaha, kann sein, aber weißt du, im Moment ..., sicher später.. Man wird sehen... Jaha, du..“
Die Zeit verging, nichts geschah, und auf ihr Nachhaken hörte sie immer nur das bekannte „Man wird sehen, jaha, du..“
Dann, eines Junitages, fand die Kommunalwahl statt, und zum ersten Mal gab es eine Kommunistenstimme im  Dorf. Jeder wusste, wer es war, obwohl der Name nie ausgesprochen wurde.

Jetzt wusste Gunnars Frau Bescheid. Sie rief ihn zu sich.
Als er ihre Stimme hörte, erkannte er am Ton, dass etwas Ungutes im Busche war. In Kurven trödelnd, kam er aus dem Treibhaus und sagte damit der ganzen Welt einschließlich seiner Frau, dies sei ein wunderbarer Tag, am besten genieße man das herrliche Wetter und die Natur. Aber auch eine Schnecke kommt einmal an, und als er vor ihr stand, wandte er sein Gesicht halb ihr, halb dem fern im Sonnenlicht blitzenden See zu und er lauschte ihrer Rede, als meinte er den See zu hören. Als sie mit ihrer Rede fertig ferig war, nickte er und schlenderte wieder in sein Treibhaus zurück. Nach einer Weile drang aus dem Glashaus seine hohe Stimme, er sang sein Lieblingslied, das Lied vom alten Indianer. Ichch es nie übersetzt bekommen, aber immer klang es nach der Reise in die ewigen Jagdgründe.
Wenn er gehofft hatte, am nächsten Tag würde alles vergessen sein, so irrte er sich. Gleich nach dem Frühstück, als er schon wieder ins Treibhaus verschwinden wollte, stellte sich seine Frau in der Diele in den Weg, über dem Arm eine gebügelte Hose  und in der Hand ein weißes Oberhemd. Wie ein zum Tode Verurteilter folgte er ihr nach oben ins Schlafzimmer.
Herunter kam er in einem Anzug, im weißen Hemd und in schwarzen glänzenden Halbschuhen. So hatte ich ihn nur einmal gesehen, bei der Taufe seines Erstgeborenen, und schon damals hatte es seine Frau damit nicht leicht gehabt. Störrisch hatte er darauf hingewiesen, dass dergleichen in der Natur nicht vorgesehen sei. Oder hätten jemand schon mal eine Waldmaus, ein Reh oder sonst ein Lebewesen in Sonntagskleidung gesehen?
Ich weiß nicht, ob seine Frau ihm aus den oberen Fenstern nachsah. Ich jedenfalls beobachtete ihn durchs Dielenfenster. Er nahm den Weg hinauf zu Okes Hof. Und Oke, das wusste ich, war der Gemeindevorsteher.
Was dort geschah, erzählte mir Gunnar später selbst. Oke saß in seinem Wohnzimmer auf dem Sofa, las Zeitung und paffte seine Pfeifer. Dass ihm die Pfeife nicht aus dem Mund fiel, hat alle verwundert. Denn Gunnar sagte, noch ehe Oke den Morgengruß erwidern konnte, dass er den Moderaten beitreten wolle.  Und das war die Bauernpartei.
Worauf Oke ungläubig sagte: „Aber du bist doch immer für die Kommunisten…“
Das anschließende Gespräch der beiden muss seltsam geklungen haben. Oke mit seiner dröhnenden Bassstimme, die ihn zum Vorsänger des Kirchenchores gemacht hatte, und Gunnar mit seiner hohen Stimme, die so gut zum Lied vom alten Indianer passte.
Und dann trat Stille ein, eine lange Stille, das war, als Gunnar bedächtig den Aufnahmeantrag für die damals konservativste Partei Schwedens unterschrieb.
In der Zwischenzeit hatte seine Frau im Gemüsegarten Unkraut gerupft. Für mich hatte sie weder einen Blick noch Worte. Die Spannung war unangenehm, ich trat vor Haus, bummelte am Wiesenrand hin und her, ich wartete auf Gunnar.
Und dann sah ich ihn von Okes Hof herunterkommen. Gewöhnlich ging er mit seinem Holzfällerschritt: immer die Füße breit setzend, fast wie die Seeleute. Aber diesmal ging er mehr balancierend und auch nicht wie sonst in der Mitter der Schotterstraße, sondern an ihrem Rand, wo Gras wuchs. Und er hielt etwas in den Händen. Beim Näherkommen erkannte ich es: Es waren seine Schuhe und seine Socken, denn er ging barfuß, und er hielt den Kopf gesenkt, denn obwohl er am Straßenrand ging, musste er auf die spitzen im Gras versteckten Steine aufpassen.
An der Straßenkreuzung des Dorfes drohte er mit einem Schuh einem heranrasenden Auto. Quietschend blieb es stehen und gab ihm die Vorfahrt zum Überqueren der Straße.
Seine Füße warendukel von Staub, als er in die kühle Diele trat. Seinem stets verträumten Blick begegnete die aufglimmenden Augen seiner Frau. Für ein paar Tage war ihm alles verziehen.
Ich war erschüttert.
„Wie konntest du nur... Du Verräter!“
Er kniff ein Auge zu, mit dem anderen sah er durchs Fenster, als ziele er hinauf zu Okes Hof. Sein Kater sprang ihm auf den Schoß, und er begann ihn am Hals zu kraulen. Er blickte mich aufmerksam an, dann lächelte er. Sein Lächeln war wie gewöhnlich: spöttisch und zärtlich zugleich. (Damals hatte er noch keinen Bart.) Und dann hob er den Zeigefinger, so wie er es immer tat, wenn er seinem Schüler, wie er mich gern nannte, eine dumme Frage beantworten musste, und gab folgende Erklärung ab:
Er sei immer noch Kommunist. Er hätte nur eine besondere Art Lüge benutzt, nämlich eine weiße Lüge. Die Schweden hätten sie erfunden zum eigenen Schutz wie zum Schutz des anderen. Sie würden nie „Nein“ sagen, wenn ein Ja erwartet würde, weil ein Nein das Problem nur vergrößern würde, es käme womöglich zu einem Streit, am Ende sogar zu einer körperlichen Auseinandersetzung. Ob ich schon mal darüber nachgedacht hätte, warum in Schweden seit 150 Jahren Frieden herrsche? Im Gegensatz zu der „weißen Lüge“ sei die „schwarze Lüge“ natürlich absolut unmoralisch und streng verboten.
Wenige Tage nach seiner Aufnahme in die Moderaten-Partei bekam seine Frau zwei prächtige Wald- und Wiesengrundstücke, dort standen zwei Jahre später vier Ferienhütten und im Sommer wimmelte es von Kindern, Müttern und Vätern. Es gibt kein schöneres Paradies als dieses, seufzten die Frauen, und die Männer klopften Gunnar anerkennend auf die Schulter und brummten: „Das hast du gut gemacht!“
Seine Antwort war immer die gleiche: kein Wort, aber ein spöttisch-zärtliches Lächeln.
Bis heute frage ich mich: Hatte der Bursche etwa zwei Parteibücher?
Ihn danach zu fragen, hielt ich für sinnlos, seit ich wusste, warum die Schweden die weiße Lüge erfunden haben.

 

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