Titelbild des Stückebuchs "Mensch bleibt Mensch" (Bild: Anke Kemper)
Titelbild des Stückebuchs "Mensch bleibt Mensch" (Bild: Anke Kemper)

Mensch bleibt Mensch.

Dieter Lenz

Copyright by

adspecta GbR, Theater-Verlag, Wiemecker Str. 9, 59909 Bestwig, www.adspecta.de    info@adspecta.de


 

Die Personen sind

Alex KUNERT, Bürgermeister, ehemaliger Traktorist

FRAU KUNERT, Johanna, seine Frau

ANNI Berger, seine Sekretärin

Jochen RARISCH, sein Freund und Kämmerer beim Bürgermeisteramt

Der PROFESSOR

SAUERMANN, Bauunternehmer, ehemaliger Parteisekretär

LOHSE, Gärtner

VERTRETERIN für Büroeinrichtungen

POLIZIST

 

Das Bühnenbild

Das Amtszimmer des Bürgermeisters.

In der Mitte zwei Fenster mit Innenjalousien. Die Wand zwischen den Fenstern ist kahl mit einem weißen, viereckigen Fleck: dort hing einmal ein Bild. Davor  der Stuhl des Bürgermeisters, sein Schreibtisch voller Papiere, Telefon und Bürolampe. Vor dem Schreibtisch der Besucherstuhl.

Links die Wand mit einem kleinen Tresor (Schlüsselschloss). Davor - etwas seitlich - ein Sofa mit Beistelltisch und drei Sesseln. Rechts die Wand mit der Tür zum Vorzimmer, links davon eine Kommode, darauf eine Vase mit Blumen.

Das Mobiliar ist alt und erneuerungsbedürftig.

Wenn das rechte Fenster (links vom Schreibtischstuhl des Bürgermeisters) geöffnet ist, sieht man den Vorderteil eines rotlackierten Traktors. Die Fenster gehen nach außen auf.

Offensichtlich wird das Amtszimmer auch bewohnt.
 

 

1. Akt

Bürgermeister KUNERT sitzt an seinem Schreibtisch und bearbeitet die Unterschriftenmappe. Nach sorgfältiger Lektüre, wobei er den Text mitmurmelt, unterschreibt er schwungvoll. Das Fenster links hinter ihm ist geöffnet, man sieht den vorderen Teil eines rot lackierten Traktors. ANNI, die Sekretärin, steht unruhig neben KUNERT, das beginnt ihn zu irritieren.

 

KUNERT: Na, was ist. Musst du wohin?

ANNI: Ich kann’s nicht mit ansehen.

KUNERT:Kuck nicht hin.

ANNI:Einfach Geld verteilen, bloß weil jemand arbeitslos ist.

KUNERT: Na, was ist das für ne Revolution, wenn ich das nicht kann!

ANNI: Wende! Wende, Herr Bürgermeister.

KUNERT: Meinst du. Beschäftige dich mehr mit Politik, dann weißt du auch, warum gewisse Leute am liebsten bloß von Wende sprechen. War aber eine Revolution. Und damit Schluss.  (zeigt auf eine Stelle des Briefes) Was ist das?

ANNI: Eine Randbemerkung.

KUNERT: Von wem?

ANNI: Von mir.

KUNERT: Frechheit. (erbost) Das les ich nicht.

ANNI: Dann les ich's Ihnen vor. Also hier teile ich Ihnen folgendes mit. Diese Rechnung, die ja sowieso keine richtige ist, aber bitte,  tun wir mal so.. Dass also die hundert Mark für die Rechnung vom Schönke wegen Fensterreinigung nicht ausgezahlt werden kann, weil.. (Er will ihr ungeduldig den Brief wegnehmen) Bin gleich fertig. Weil er die Fensterreinigung durchaus nicht tun kann, da ihm ein Bein fehlt.

KUNERT: Wir müssen auch Behinderte beschäftigen. Und außerdem, so viel ich weiß, arbeiten Fensterputzer mit den Händen.

ANNI: Ja, aber das andere Bein hat er sich gebrochen, Sie werden es nicht glauben, er liegt seit drei Wochen im Bett. (legt den Brief zurück)

KUNERT: Die Hände sind doch noch ganz? Änder das in „Karteiarbeiten“.

ANNI: Was für Karteiarbeiten?

KUNERT: Jetzt ist aber Schluss, Himmel nochmal! Du schreibst „Karteiarbeiten“, welche spielt überhaupt keine Rolle, ist ja sowieso alles fingiert!

ANNI: Aber dann auch richtig fingiern, sonst kommt das mal raus, und dann sitzen wir in.. Sie wissen schon in was!

 

(Plötzlich tritt ein Mann außen ans Fenster, blickt herein: der PROFESSOR.).

PROFESSOR: Einen wunderschönen guten Morgen! Ein Wetterchen ist das! Und eine Gegend, großartig! Verfallene Häuser, kaputte Straßen. Ein Jubel erfüllt uns! Die große Chance! Jetzt wird alles besser.. Also los! Mit Schwung in den Aufschwung. Fangen wir an. Sie fangen doch an?

KUNERT (dreht sich um): Was?

PROFESSOR: Sie sind doch der neue Bürgermeister?

KUNERT: Ja.

PROFESSOR: Meinen Glückwunsch! Bis später! (verschwindet)

 

KUNERT: Wer war das?

ANNI: Weiß nicht. Ein Verrückter.

KUNERT: Ein Verrückter? Der Mann hat doch recht! Ist hier etwa nicht alles kaputt?

ANNI: Jaja, ich weiß schon.

KUNERT: Und das hier, was ist das? (schlägt mit der flachen Hand auf die Papiere) Der Neuanfang! Jetzt wird alles besser. Ja, der Mann hat vollkommen recht. (reicht ihr die Mappe) Den nächsten Verrückten bittest du gefälligst herein zu einer Tasse Kaffee.

ANNI: Sie haben noch nicht alles unterschrieben. Noch vier Briefe. (gibt ihm die Mappe zurück)

KUNERT: Denk mal an. (unterschreibt  wie vorher. ANNIS Gegenwartmacht ihn zunehmend nervöser.)  Was stehst du noch rum? Tu was!

ANNI: Was denn?

KUNERT (ohne aufzublicken): Da ist Taubendreck auf dem Trecker.

ANNI (ohne sich vom Platz zu rühren): Ja, Herr Bürgermeister.

KUNERT (wie vorher): Das ist kein Spaß.

ANNI: Ich weiß, Herr Bürgermeister..

KUNERT (aufblickend): Muss ich dir auch noch verklickern, was ein Denkmal ist?

ANNI: Ich denk mal, Trecker kommt von Dreck?                  

KUNERT: Den Lappen und hinaus! Poliern, bis es blitzt! Ich überzeug mich persönlich! (ANNI ab. Das Telefon klingelt. KUNERTnimmt den Hörer ab.) Bürgermeisteramt.. Ja, höchst persönlich.. Was? Wer? Ein Wissenschaftler? Professor?.. Hier wird jeder gut behandelt.. Von welchem Ministerium.. Aha.. Naja. Wird auch Zeit, dass ihr mal was tut für uns. (sieht durchs Fenster, legt die Hand über die Sprechmuschel, brüllt) Runter vom Denkmal! (ins Telefon) Gut. Ich kümmer mich drum. Wiederhörn.. (legt den Hörer ein)

ANNI (kommt): Ich musste vom Sattel aus wischen.

KUNERT: Na klar. Meine Frau hängt auch immer an der Deckenlampe, wenn sie den Fußboden wischt. (steht auf, geht ans Fenster, sieht hinaus) In der Stadt lassen sie den Taubendreck auf ihren Denkmälern. Wir nicht!

ANNI: Ein Trecker muss das abkönnen.

KUNERT: Das ist kein Trecker, das war mal einer, vor der Revolution war er das. Und ich war der Traktorist. Jetzt bin ich Bürgermeister und das ist ein Fortschritt. Also ist das ein Denkmal für den Fortschritt. (wendet sich um) Was warst du eigentlich?

ANNI: Dasselbe wie heute. Schreibkraft.

KUNERT: Falsch. Ganz falsch. Jetzt bist du Sekretärin, das ist was ganz anderes. Und zweitens, das sollte dir schon aufgefallen sein, du bist jetzt ein freier Mensch. Kannst jetzt überall deine Meinung sagen, ohne was auf die Schnauze zu kriegen. Und du hast eine ganz schöne Klappe, das kann ich dir flüstern.

ANNI: Das können Sie laut sagen, Herr Bürgermeister.

KUNERT: Naja, meine ist auch nicht ohne.

ANNI: Das kann ich Ihnen nur flüstern, Herr Bürgermeister. (LOHSE  kommt, zögert)

 

LOHSE: Zu früh, was? Na,  komm ich später noch mal. (will wieder gehen)

KUNERT: Achwo. Hock dich. Anni, Vorzimmer!

(ANNI greift sich die Unterschriftenmappe, ab)

LOHSE (setzt sich auf den Stuhl vor dem Schreibtisch): Andrerseits lieber zu früh als wie zu spät. Denn lieber lass ich mich von Ihnen bestrafen als wie vom Leben. Weil, wie bekannt, dieses so ungerecht ist.

KUNERT: Das Leben nicht. Nee, Lohse, der Mensch! Das wissen wir doch, wir haben da einschlägige Erfahrungen. Aber am Ende, früher oder später, siegt immer die Gerechtigkeit. Wenn's sein muss mit einer Revolution!

LOHSE: Welche Revolution, bittschön?

KUNERT: Na unsere!

LOHSE: Ah! Die! Ja, die war ganz ordentlich. Obwohl, man hätt sich's denken können. Sozialismus gegen Alkoholismus, da weiß man doch, wie's ausgeht.

KUNERT: Red keinen Quatsch. Sei froh, dass nicht geschossen wurde. Trotzdem war es eine richtige Revolution.

LOHSE: Ein schönes Wort, man kann es nicht oft genug sagen. Aber das andere ist auch nicht schlecht. Wie in dem Gedicht: Nun wird sich alles, alles wenden.

KUNERT: Bleib mir bloß weg mit der Wende. Das Wort überlassen wir mal lieber den Dichtern. Wir machen Geschichte und keine Gedichte! Also, Lohse, weswegen ich dich hab kommen lassen ..  Du warst immer für mich, bei Wind und Wetter hast du mir den Kaffee gebracht, das rechne ich dir hoch an. Ich mach dich heut zum Leiter der Gärtnerei. Was sagst du dazu?

LOHSE: Nee, was sagt man da. Vielleicht macht der Herr Bürgermeister einen Witz. Da lacht man eben.

KUNERT:  Es ist aber mein Ernst. Bist doch gelernter Gärtner? Na also.. (schiebt ihm das Papier zu)  Unterschreib

LOHSE: Ich hab keinen Stift. (KUNERT gibt ihm einen Kugelschreiber. LOHSE liest den Vertrag.) Das Komma von meinem Gehalt könnt schon was weiter rechts stehen. Wo die Zeiten doch auf rechts sind.

KUNERT: Jetzt geht dein Witz zu weit. Dein Autogramm!

LOHSE (unterschreibt): Früher dacht ich immer, ein Autogramm ist ein Gramm Auto und drum dauert’s so lang, bis die Leute ein Auto zusammenhaben. (Schiebt die Papiere zu KUNERT) Heut kriegt man ein Auto so schnell, da klebt man schon am Baum, bevor man richtig drin sitzt

KUNERT (nimmt ein Blatt, schiebt das andere zurück): Das ist für dich.. Na, und wie fühlt man sich jetzt? Herr Chefgärtner?

LOHSE: Wie im Himmel. (faltet das Papier, steckt es ein)

KUNERT: Aber bei mir wird nur nüchtern gearbeitet, ist das klar?

LOHSE(seufzt): Auch die schönste Aussicht hat ne Schattenseite...

KUNERT: Chef oder Flasche. Wähle!

LOHSE: Alle Naslang muss man heut wählen.

KUNERT: Jammer nicht, Lohse, an die Arbeit! Die Radieschen warten!

LOHSE (steht auf): Radieschen! So was! Dafür ist mir die freie Marktwirtschaft zu schad. Wir steigen groß ein, Chef, das garantier ich Ihnen. (Beim Abgehen stößt er auf  RARISCH)

RARISCH: Wieder blau, was?

KUNERT: Sprich anständig von deinem Kollegen. Er ist der neue Gärtnereileiter.

RARISCH: Warum tust du das? Menschenskind!

KUNERT: Er hat es verdient. Aus Treue und Gerechtigkeit, jawohl. Er hat zu mir gehalten. Ich hab dich doch auch eingestellt.

RARISCH: Ich dachte, wegen meiner Fähigkeiten.

KUNERT: Auch das. Natürlich. Nu hör mal auf zu meckern. (RARISCHsieht sich um) Suchst du was?

RARISCH: Pack wenigstens die Decke weg! Muss denn jeder gleich sehen, dass du hier auch pennst?

KUNERT: Ich arbeite Tag und Nacht, das soll man ruhig sehen.

RARISCH: Es heißt, du hast was mit deiner Sekretärin.

KUNERT: Hab das Gerücht gehört. Lächerlich.  Ein alter Hahn und ein Küken! Kaffee?

RARISCH: Nein, danke, muss gleich wieder weg.

KUNERT (brüllt): Anni! (mit normaler Stimme zu RARISCH) Setz dich nen Moment.. (RARISCH setzt sich auf den Stuhl)

ANNI (kommt): Ja, Chef?

KUNERT: Einen Schwarzen,  nur für mich. (ANNI ab) Was wolltest du eigentlich?

RARISCH: Hör endlich auf mit diesen illegalen Zahlungen an Bedürftige. Ich weiß nicht, wo ich die unterkriegen kann. Irgendwann gibt’s Ärger.

KUNERT: Dafür steh ich grade. Ich hab ganz andere Sorgen.. Private..

RARISCH: Ich weiß. Eheprobleme. Geht rum in der Gemeinde.

KUNERT: Da siehst du, wie wichtig die auch für die Leute sind! Ich sag dir was: Die gesellschaftlichen Probleme sind nur halb so schlimm wie die privaten… Ich kapier das nicht.... Unter dem Regime ging’s uns ziemlich dreckig und ich hatte nur Ärger, aber da stand sie auf meiner Seite. Und jetzt, uns geht’s bestens, ich steh ganz oben, da fällt sie über mich her! Dauernd will sie was neues haben. Jetzt will sie ne neue Küche! Als wenn ich nichts anderes zu tun hätte, als an neue Küchen zu denken! Hier! (zeigt auf die überhäufte Tischplatte) Lass den Buchhalterblick! Ich meine die Arbeit! Hier.. das neue Klärwerk, da.. die Grundschule.. der Jugendclub, die Feuerwache..  Und Laternen wollen die Leute, im Abstand von allen drei Metern, aber zahlen wollen sie nichts.. Wie viel ist in der Kasse?

RARISCH: Ne ganze Menge, bloß im Minus.

KUNERT: Man hätte bei der Revolution auch das Geld abschaffen müssen. Das Geld ist nämlich die Konterrevolution.

RARISCH: Es ist doch gar keins da.

KUNERT:  Eben. Wenn es nicht da ist, kann man es doch gleich abschaffen. (seufzt) Manchmal denk ich, was hilft mir ein Amt, wenn kein Geld da ist. Dann bin ich doch genauso machtlos wie früher! Aber dann sag ich mir, die Leute haben dich gewählt, also jammer nicht rum, rein mit dem nächsten Gang und Vollgas!

RARISCH: Du warst der einzige Kandidat.

KUNERT (nickt): Sie drückten sich, ja. Keiner wollte. Aber ich, ich dachte, ich mach was aus dem Kaff hier, das wird eine blühende Landschaft, garantiert.  (ANNI kommt mit der Kaffeetasse) Stell sie hierhin. Wart mal. (schiebt Papiere beiseite) Nicht kleckern! (Sie geht zum Sofa, faltet die Decke zusammen und legt sie ordentlich über die Lehne) Dankeschön,  Frau  Berger. (Sie blickt ihn verblüfft an) Danke. Sie können gehen. (Mit einem Achselzucken geht sie ab)

RARISCH: Was biste auf einmal so förmlich zu ihr...

KUNERT: Von irgendwoher müssen es die Leute doch haben, das blöde Gerücht. (trinkt einen Schluck aus der Tasse)

RARISCH: Und das war´s?

KUNERT: Ja.. Vielleicht redest du mal mit Johanna?  (Nebenan wird es laut: eine Männerstimme und ANNIs Stimme) Ich begreif das nicht. Wir sind schon eine Ewigkeit verheiratet, und noch immer baut sie am Nest.. Das will sie haben und das und das..  (Der Lärm wird heftiger)                                                                                                                                       

RARISCH: Die Stimme kenn ich. Ich hau lieber ab. (steht auf)                                                                                                         

KUNERT: Was brüllt der so herum! Der soll die Klappe halten, der hat hier nichts mehr zu sagen.. (brüllt) Anni!

ANNI (kommt): Der Sauermann.. (SAUERMANNdrängt sie zur Seite)

 

SAUERMANN: Da hocken sie zusammen. Und keine Zeit für die Interessen des Volkes!

ANNI: Ich hab ihm gesagt, dass Sie auf einer Sitzung sind, Herr Bürgermeister.

SAUERMANN: Ja, und auf meinem früheren Stuhl! Gratuliere! Und Kaffee und .. Wo ist der Kuchen? Anni, was ist das für eine Bewirtung! Bei mir gab’s auch was zum Kaun!

RARISCH: Also bis dann... (ab)

KUNERT: Schon gut, Anni, für Leute mit Aussicht auf einen Herzinfarkt bin ich gern zu sprechen. (ANNI ab)

SAUERMANN: Hast du Herzinfarkt gesagt? Den sollst du kriegen!

KUNERT: Ich bitte Sie, mich nicht zu duzen.

SAUERMANN: Jawoll, ich siez dich gleich, gleich dreimal, pass mal auf du. Was ist das? (schmettert ein Blatt Papier auf den Tisch) Was soll das? Schreibst mir einen Brief, die Scheune steht unter Denkmalschutz?

KUNERT: Laut Antrag des Gemeinderats, genehmigt vom Landesdenkmalamt.

SAUERMANN: Aber erst, nachdem du mir die Scheune verkaufst hast..

KUNERT: Ich nicht, die Gemeinde. (trinkt aus der Tasse) Und verkauft haben wir dir das Grundstück, nicht die Scheune.

SAUERMANN: Wie soll ich jetzt  bauen? Um die Scheune herum?

KUNERT: Nein. Dann sieht man ja das Denkmal nicht mehr.

SAUERMANN: Ja, wie dumm von mir. Und was empfiehlt mir der Herr Bürgermeister?

KUNERT: Wer ist hier der Bauunternehmer? Bau sie doch aus, die Scheune.

SAUERMANN: Die Bruchbude?

KUNERT: Ein Denkmal, wenn Sie gestatten.      

SAUERMANN: Was? Noch eins? Reicht dein Trecker nicht?

KUNERT: Diese Scheune, mein Herr, wurde an einem einzigen Wochenende vom Dorfkollektiv gebaut. Und ein kleiner, schäbiger Traktorist hat sämtliche Balken rangekarrt... mit diesem Trecker dort!

SAUERMANN: Aha, daher weht der Wind. Trägst mir die alte Geschichte nach, was? Dann lass dir mal wieder gesagt sein: Du warst ein Staatsfeind. Wie kannst du so naiv sein und erwarten, dass der Staat dich fördert?  Wofür hältst du den Staat? Für einen Idioten?!

KUNERT: Der Staat ist das Volk und das Volk ist gerecht, man hätte nur hinhören müssen. Ja, zu deiner Zeit war das anders rum! Da musste das Volk hinhören! Heute ist das anders. Da müssen die Politiker hinhören! Da kucken die Leute denen gradewegs in die Augen und sagen sie „nein“, dann fliegt keiner von seinem Platz oder wird weggesperrt. Ihr aber habt uns geduckt, und du warst ein Meister darin.

SAUERMANN: Blödsinn.

KUNERT: Ja, aber da wehrte sich einer, und drum blieb er bloß Traktorist. Ingenieur hätte ich sein können! Und außerdem – jetzt reden wir mal Klartext - außerdem warst du auf die Johanna scharf, die hättste gern gehabt, aber nichts da! Die hatte nämlich Grundsätze, die pfiff auf Wortverdreher und Phrasendrescher, die schiss auf Heuchler und Schmarotzer, und wenn die zehnmal Parteisekretär warn! Die wollte einfach nen ehrlichen Kerl, und wär’s auch bloß ein Traktorist!

SAUERMANN: Danke, Genosse, pardon, Herr Bürgermeister, für die Rede im proletarischen Stil. Brüllen musst du aber nicht, du hockst nicht mehr auf dem Trecker.

KUNERT: Richtig. Ich sitz auf deinem Stuhl, wie ärgerlich. Und jetzt muss ich arbeiten. Wiedersehn.

SAUERMANN: Ich stelle in der Gemeindevertretung den Antrag auf Abwahl des Bürgermeisters.

KUNERT: Geht nicht. Ich bin vom Volk gewählt..

SAUERMANN: Das Volk! Diese Dummköpfe!

KUNERT  (brüllt): Anni!

ANNI (kommt): Ja, Chef?

KUNERT: Notieren Sie das!

ANNI: Was denn?

KUNERT: Was er gesagt hat.

ANNI: Was denn?

SAUERMANN: Ein hübsches Pärchen seid ihr.

KUNERT (brüllt): Raus! (ANNI will abgehen)  Du nicht! Der da! Zeig ihm, wo der Zimmermann das Loch gelassen hat!  

ANNI (zu SAUERMANN): Bitte folgen Sie mir!

SAUERMANN: Ihr spinnt ja beide. Die Sache ist noch nicht entschieden, Herr  Bürgermeister! Und was Ihren Stuhl betrifft... Wie ich da saß, hatte ich was hinter mir, nämlich die Arbeiterklasse. Und  was hast du? Die nackte Wand! Nichts als die nackte Wand! Mit nem weißen Fleck drauf! Alles miefig hier und kleinkariert. Dagegen sind die Baubuden für meine Leute Weltformat! (ab)

ANNI: Mann, ist der sauer.

KUNERT: Der Kaffee ist kalt. (Sie nimmt die Tasse) Was meinst du. Sollten wir nicht ein bißchen mehr auf Repräsentation achten?

ANNI: Auf was?

KUNERT: Die Leute könnten ja denken, hier ist ein Schlafzimmer. Und dann.. Diese Wand! Wieso ist die so leer?

ANNI: Na, weil da nichts hängt.

KUNERT: Der weiße Fleck, der stört dich nicht?

ANNI: Im Gegenteil. Darauf bin ich stolz.

KUNERT: Was?

ANNI: Das ist nämlich ein Denkmal und sagt, wir waren mal rot.

KUNERT: Ich nicht.

ANNI: Doch. Sogar öfters. Nämlich vor Wut.

KUNERT: Pass auf du, gleich bin ich’s wieder! Keine Widerrede! Himmel noch mal.. Also! Da hängst du was hin! Was Bedeutendes, bitt ich mir aus.

ANNI: Na schön. Den Rahmen haben wir ja noch. Und für was drin find ich auch noch was.

KUNERT: Sehr gut, Anni. Bist die Stütze des Hauses.

ANNI: Die Anni oder die Frau Berger?

KUNERT: Beide, beide.

ANNI: Ich werd’s den beiden ausrichten. (ab)

 

RARISCH (kommt): Gab’s Krach? Er hätte mich fast umgerannt.

KUNERT: Ihm steckt die Scheune im Hals.

RARISCH: Soll er dran ersticken. (leise) Ich muss dir was zeigen.(reicht ihm einen Zettel) Der Kontoauszug von heute.

KUNERT (nimmt den Auszug): Ist es so schlimm? (sieht ihn sich an, pfeift durch die Zähne) Ich glaub, wir sind echt pleite, was?

RARISCH: Kein Minus. Plus! Das ist Plus!

KUNERT: Was? (sieht noch einmal hin, ungläubig) Unmöglich.

RARISCH: Ich hab in der Bank angerufen. Es stimmt.

KUNERT(fassungslos): Fünf..

RARISCH: Ja, fünf Millionen. Der Absender ist ein Zahlencode, ich vermute die Landesregierung. In der Zeitung stand gestern, es gibt einen neuen Fördertopf für Investitionen.

KUNERT: Ja, na klar! Jetzt geht mir ein Licht auf. Da rief vorhin einer an, vom Wirtschaftsministerium. Mann, wir sind Millionäre!

RARISCH: Und wenn's doch ein Irrtum ist?  Na, dann buchen die das wieder zurück. Warten wir’s ab.

KUNERT: Was? Das können sie? Das Geld einfach zurückbuchen?

RARISCH: Na klar.

KUNERT: Dann runter damit! Sofort! Runter vom Konto, aber fix!.. 

RARISCH: Na hör mal....

KUNERT: Gleich gehst du hin und hebst es ab. Das Geld gehört uns, das rück ich nicht mehr raus. Jetzt wird investiert, dass die Schwarte kracht!

RARISCH: Vielleicht sollten wir erst mal abwarten.

KUNERT: Abwarten?  Jochen, man stellt sich nicht gegen sein Glück! Lass diesen Buchhalterblick. Ich will strahlende Augen sehn! Jetzt geht’s aufwärts!

 

 

(PROFESSOR erscheint am Fenster, in einer Han ein Messgerät, in der anderen Hand einen Aktenkoffer)

KUNERT:Sie! Was machen Sie da!                                                                                                                                   

PROFESSOR: Gleich! (richtet das Gerät auf KUNERT) Erlauben Sie, ich muss näher.. (steigt umständlich durch das Fenster)

KUNERT (brüllt): Anni!

ANNI (kommt): Ja, Chef?

KUNERT: Wer ist das?         

ANNI (zu PROFESSOR): Wie wär’s mit einer Tasse Kaffee?

PROFESSOR: Liebes Kind, nicht jetzt! Ich mache hier meine Arbeit. Ich bin vom Institut Standortanalysen für Investitionen. Hat Sie denn niemand unterrichtet? (nähert sich KUNERT) Aha, hier komm ich der Sache näher.

ANNI: Nee. Ich weiß von nichts.

KUNERT: Aber ich! Sie sind der Professor! Ist schon o.k., Anni.(ANNI ab)

PROFESSOR: Ich sammle Daten über die monetärpsychische Stabilität der hiesigen Bevölkerung. (zu KUNERT) Warum zittert Ihre Hand? Zeigen Sie mal. (nimmt ihm den Kontoauszug aus der Hand, sieht ihn sich an)

RARISCH: Sie! Geben Sie das sofort zurück!

KUNERT: Lass nur, ich erklär‘s dir später.

PROFESSOR: Aha, darum! (zu RARISCH) Halten Sie mal. (RARISCHnimmt den Kontoauszug) Kein Händezittern. Großartig. (sieht auf sein Gerät) Anzeige negativ. (zu RARISCH) Wer sind Sie?

KUNERT: Unser Kämmerer.

PROFESSOR: Das erklärt alles. Herr Bürgermeister, ich muss Sie sprechen. Unter vier Augen.

RARISCH: Heißt das, ich soll gehen?

KUNERT: Ja, Jochen. Entschuldige. Das hat mit einem Anruf zu tun, vom Wirtschaftsministerium. Und dann das hier.. die Überweisung. Das gehört alles zusammen. Aber (mit einem Blick zum PROFESSOR) das bleibt Amtsgeheimnis. (PROFESSOR nickt.) 

RARISCH: Ich würd trotzdem gern mal wissen..

KUNERT: Mann, hör nun doch mal auf damit.

PROFESSOR: Na, lassen Sie nur, der Mann ist goldrichtig. Gesundes Misstrauen. (zu RARISCH) Ich hoffe, Sie stehen uns noch zur Verfügung, wir brauchen solche Männer wie Sie. Erlauben Sie, dass ich jetzt mit Herrn Bürgermeister ein paar Worte wechsele, ganz vertraulich.

RARISCH: Wir sehn uns später! (ab)

PROFESSOR: Das psychologische Profil Ihres Kämmerers ist hervorragend. Hundertprozentiger Einsatz, absolute Hingabe an die Sache. Kamikazehaltung. Das wird den Japanern gefallen.

KUNERT: Japanern!

PROFESSOR: Nicht so laut! Das ist noch streng geheim. Also hören Sie. Ich bin beauftragt.. (geht zur Tür, reißt sie auf, sieht hinaus, schließt sie)   Also.. Erstellung eines Standortprofils Ihrer Gemeinde. Das ist mein Auftrag. Vom Ergebnis macht mein Auftraggeber es abhängig, ob hier eine Autofabrik gebaut wird. 

KUNERT: Hier! Japanische Autos ..Bei uns.. Teufel! Das ist ja.. das ist ja.. Was sagt man dazu? Herr Professor, verfügen Sie über mich!

PROFESSOR (blickt ihn aufmerksam an, leicht  belustigt): Gern. Zuvor muss ich erst noch ein paar Messungen durchführen. Sie haben ja gesehen, wie ich das mache.

KUNERT: Natürlich.. bitte.. bitte, hier setzen Sie sich. Entschuldigen Sie die Unordnung. Wir sind unterbesetzt.... Naja.. Sie wissen ja, leere Kassen. Das wird sich bald ändern, hoff ich doch.

PROFESSOR (setzt sich): Gewiss. Die fünf Millionen zum Beispiel ..

KUNERT: Sind für das Projekt. Stimmt’s?

PROFESSOR: Donnerwetter. Sie schalten schnell! Ja, in der Tat, es ist für mein Projekt. Aber Sie müssen das Geld umgehend abheben. Ich brauch es nämlich. Sie haben doch einen Tresor? Sie lachen? Warum?

KUNERT: Schon veranlasst. Mein Kämmerer fährt gerade zur Bank.

PROFESSOR: Fabelhaft. Sie sind der richtige Mann am richtigen Platz.

KUNERT: Nana, loben Sie mich nicht so, mir ist schon ganz schwindlig.. Also die Japaner! Die wollen hier investieren? Warum? Wieso gerade bei uns?

PROFESSOR: Gerade bei Ihnen! Ein Dorf wie aus dem Bilderbuch. Ich war grade bei der Post. Der Mann wiegt die Briefe zweimal, einmal vor dem Aufkleben der Briefmarke und einmal danach. Und die Hauptstraße! In den Schlaglöchern schwimmen Enten. Sehr ökologisch.

 

                                                                              

KUNERT: Jetzt machen Sie sich aber lustig, Herr Professor.

PROFESSOR: Ja, entschuldigen Sie, manchmal entfährt mir so was, ganz gegen meine Absicht. Aber sehen Sie, die Japaner mögen das! Heidelberg und kaiserliches Beamtentum. Ein alter japanischer Traum. Hören Sie jetzt. Was die Japaner in dem neuen Autowerk entwickeln wollen - wieder einmal, muss man wohl sagen - ist eine derartige Sensation,  dafür brauchen sie ein gutes Versteck zum Schutz vor Werkspionage. Und wo wäre das beste? In einer Stadt? An einem bekannten Ort?  In Berlin etwa? Da wimmelte es doch von Spionen.. Nein, hier ist der Platz, hier in dieser bescheidenen Gegend vermutet niemand eine Autofabrik. Hier können die Japaner in aller Ruhe.. (geht leise zur Tür, öffnet sie, sieht hinaus, schließt die Tür).. Die Ruhe bei Ihnen ist schon erstaunlich!.. Also, hier können sie ungestört das Auto der Zukunft bauen, ein Wunder der Technik. Tausend Arbeitsplätze! Aber bitte! Kein Wort nach draußen. Sie verstehen?

KUNERT: Selbstverständlich. Tausend Arbeitsplätze..! So wahr ich der Bürgermeister bin: Ich werde nicht ruhen und nicht rasten, Tag und Nacht werde ich..

PROFESSOR (unterbricht ihn): Ja, ausgezeichnet, das gefällt den Japanern... So, jetzt muss ich wieder los.

KUNERT: Was haben Sie da eigentlich gemessen?

PROFESSOR: Ihnen darf ich's ja zeigen. (holt ein Glas aus dem Koffer, öffnet es) Und jetzt passen Sie mal auf! (richtet das Glasinstrument auf KUNERT, es rötet sich) Aha! (sieht sich das Glas an)

KUNERT: Es ist rot. Was heißt das? Schämt es sich?

PROFESSOR: Die Färbung zeigt Ihr persönliches Verhältnis zum Geld.

KUNERT: Und was haben Sie bei mir gemessen? Darf  man das wissen?

PROFESSOR: Aber natürlich. Aus der Intensität der Farbe lässt sich Ihre monetäre Vitalität in Verbindung mit debiler Moralität ableiten, die Norm liegt bei 240 ethischmonetären Einheiten, den sogenannten Ethimona. Sie haben nicht mal 150 Ethimona. Das ist nicht gesund, Herr Bürgermeister. Sie könnten ruhig ein bißchen schärfer hinterm Geld her sein.

KUNERT: Es gibt Wichtigeres, Herr Professor.

PROFESSOR: Es gibt eine Regel: Hat einer Geld, will er mehr. Hat er nichts, so hat er auch nichts zu wollen.So, ich werde mir jetzt das Dorf unter die Lupe nehmen. (packt alles ein) Wie ich die Menschen kenne, gibt es bald Gerüchte. Nun ja, dann lieber gleich die Wahrheit, Herr Bürgermeister, das können Sie offiziell verlautbaren lassen: ich bin Wissenschaftler und arbeite zum Wohle der Menschheit. Sagen Sie das den Leuten. (ab)

KUNERT: Ganz wie Sie wünschen. (brüllt): Anni!

ANNI (kommt): Chef!

KUNERT: Dieser Mann wird in Zukunft mit Fingerspitzengefühl angepackt.

ANNI: Jawohl, Chef. Warum?

KUNERT: Und wenn er mit seinem Messgerät kommt, denk ans Geld, hörst du! Kräftig ans Geld denken!

ANNI: Auf einmal. Warum?

KUNERT: Weil sich jetzt was tut in unserm Kaff!  Aber du hältst die Klappe. Und was ich gesagt habe, ist nur eine Andeutung und es gilt sowieso nur das geschriebene Wort.

ANNI: Sie sind aber gut gelaunt.

KUNERT: Ja, denk mal an. Jetzt brauch ich ne Pause... Muss mich vorbereiten, Kräfte sammeln. Ich hau mich ein bisschen hin. Wimmel die Leute ab, ja? (legt sich auf’s Sofa)

ANNI: Soll ich Sie zudecken?

KUNERT: Kannst du das?

ANNI: Man friert so leicht, wenn man liegt. (deckt ihn zu) Sie hätten die Schuhe ausziehen sollen.

KUNERT: Die Schuhe können ruhig arbeiten.

ANNI: Soll ich die Jalousien runterlassen?

FRAU KUNERT (kommt, in Reisekleidung): Später, Anni, später.

ANNI (erschrocken): Herrje, Frau Kunert! Sie wolln bestimmt zu Ihren Mann. Ich geh schon.. (ab)

KUNERT (setzt sich auf): Das ist aber eine Überraschung! Dass du mich mal besuchst..

FRAU KUNERT: So arbeitest du also. Tag und Nacht.

KUNERT: Naja, das macht jetzt vielleicht einen irreführenden Eindruck.

FRAU KUNERT: Nein, nein, lass mal. So irreführend ist er gar nicht.

KUNERT: Ist er doch.. (stutzt) Warst du beim Friseur?

FRAU KUNERT: Das siehst du?

KUNERT: Und wieso das Kostüm? Haben wir einen Termin? Warum, zum Teufel, hat mir das keiner nicht gesagt? (steht auf) Ich bin gleich fertig. Die Schuhe hab ich schon an.

FRAU KUNERT: Bleib sitzen. Ich geh.

KUNERT (dumm): Allein?

FRAU KUNERT: Ja. Ich geh weg.

KUNERT: Weg?

FRAU KUNERT: Ich verlasse dich.

KUNERT: Das ist nicht wahr!

FRAU KUNERT: Dein Trecker da draußen, der funkelt ja richtig. Ich wette, du tust ne Menge für ihn.

KUNERT: Bleib beim Thema! Du haust ab? Warum?

FRAU KUNERT: Ja, dein Trecker bin ich leider nicht. Den Kühlschrank hab ich dir noch gefüllt. Ich hätte dir auch noch ein Essen vorgekocht, wenn ich sicher wäre, du kämst vor morgen nach Haus. Aber du hast ja so viel zu tun.

KUNERT (fasst sich): Nu hör mal auf, das ist doch alles reiner Blödsinn. Ja! Ich hab zu tun, und wie! Du weißt doch, wie das war, nach der russischen Revolution! Lenin undsoweiter.. Die hatten auch keine Zeit für Ehe, Familie undsoweiter...

FRAU KUNERT: Mach dich nicht lächerlich.Lenin hat so einen Bart!

KUNERT: Nee, das war Karl Marx.

FRAU KUNERT: Und deine Revolution, was, bitte, hat sie uns gebracht?

KUNERT: Eine ganze Menge, denk ich.

FRAU KUNERT: Nicht mal ein Auto haben wir wie fast alle andern.

KUNERT: Du, ich verrat dir was. Bald hab ich ein Dienstfahrzeug. Und ich wette, es wird ein Mercedes. Reden darf ich darüber noch nicht. Streng geheim.

FRAU KUNERT: Die Koffer sind schon am Bahnhof. Also leb wohl.

KUNERT: Du haust doch nicht einfach ab? Das geht doch nicht.

FRAU KUNERT: Wie du siehst.

KUNERT(mit einem Blick zum Sofa):Ich träum. Ich leg mich noch mal hin und wach erst mal auf.

FRAU KUNERT: Lass das. Wenn du albern wirst, drückst du dich vor der Wirklichkeit, ich kenn dich doch. Mein Gott! Du hast dich überhaupt nicht geändert! Der Phantast, der Querkopf. Damals war’s noch amüsant, aber heute ist das einfach dumm!

KUNERT: So, heute ist es dumm. Aber heute bin ich Bürgermeister!

FRAU KUNERT: Und was hast du davon? Sieh dir unsre alte Küche an.. Oder das Schlafzimmer. Noch von deiner Mutter! Und dann sieh mal, was die andern haben.

KUNERT: Was soll die Meckerei? Gut, das glänzt noch nicht wie es vielleicht sollte. Aber es wird! Es ist nicht einfach, ich racker mich ab, aber ich steh kurz vor einem Erfolg! Der Aufschwung ist schon fast da, wenn du verstehst, was ich meine.

FRAU KUNERT: Von uns hab ich geredet, nicht von deiner blühenden Landschaft. Nein, ich bin’s leid, ich besorg mir jetzt selbst eine blühende Existenz, wenn du verstehst, was ich meine. Ein Schulfreund von mir ist jetzt Bankdirektor, du kennst ihn, bei dem hab ich einen Arbeitsplatz, ja, da staunst du, und die Wohnung hab ich auch schon. Hättest du alles längst merken können. Ja, leg dich hin und träum weiter. 

KUNERT: Nicht mal gefragt hast du mich.                                   

FRAU KUNERT: Dafür ist der Bürgermeister nicht zuständig. Hier die Schlüssel. (legt sie auf den Tisch) Tschüs. (im Abgehen) Anni,  Jalousien runterlassen! (ab)

                  

ANNI (kommt leise, betrachtet KUNERT): Jetzt könnt man nen Kaffee vertragen. Oder nen Cognac?

KUNERT (aufblickend): Sie ist weg.

ANNI: Ach, die kommt wieder.

KUNERT:Jetzt, wo ich ganz oben bin, haut sie ab. Die hat wohl Höhenangst.

ANNI: Ich tät bei Ihnen stehen und jodeln aus voller Brust!

KUNER: Cognac, Anni.

ANNI: Schon unterwegs! (ab)

KUNERT: Die wird sich noch wundern! Die kommt noch mit ihrem Bankdirektor angekrochen und will nen Kredit von mir! Nämlich, wenn die Bank pleite ist. Und die geht pleite, garantiert. Ich kenn den Kerl, der fing schon beim Anblick einer Hausnummer an zu schwitzen.

ANNI (kommt mit einem Glas): Die doppelte Ladung, das wird Sie wieder aufrichten.

KUNERT: Annichen, sehr logisch ist es nicht. Gewöhnlich ist’s umgekehrt. Aber wie meine Frau immer sagt: Bei mir ist eben alles anders rum. (trinkt)

ANNI: Sie sind in Ordnung, Chef, und wenn ich mal was Nichtamtliches sagen darf: Sie sind für mich der Mann, für den müsst eine Frau durchs Feuer gehn.

KUNERT: Hast du ein Glück, dass grad kein Feuer da ist. (trinkt) So ja.. Das war gut. Und wenn ich mal was sagen darf: Gegen meine Frau bist du ein helles Köpfchen.

ANNI: Ja, und wissen Sie was? Wir leben schon zwei Jahre zusammen und es gab noch keinen Krach. Ich meine, bis auf den natürlich, den Sie selber machen.

KUNERT: Denk mal an. Was mach ich jetzt?

ANNI: Ich weiß nicht. Krach?

KUNERT: Termine, Anni, Termine! Was steht auf dem Programm?

ANNI: 14 Uhr, Termin im Altenheim..

KUNERT: Fahrrad startklar?

ANNI: Geölt und aufgepumpt.

KUNERT: Prächtig, Anni. Sobald ich nen Dienstwagen hab, kriegst du’s. (ab. VORHANG)                                                                                                                            

 

 

 

ANNI und VETRETERIN. ANNI steht auf dem Stuhl und versucht ein großes gerahmtes Foto vom Bundeskanzler Kohl an die Wand zu hängen.

 

ANNI: Er muss jeden Moment kommen. Wollen Sie solang warten?

VERTRETERIN: Gern. Kann ich Ihnen helfen?

ANNI: Ja, halten Sie den Stuhl, der wackelt wie Pudding. Ich wart jeden Tag darauf, dass er unterm Bürgermeister zusammenbricht. Wär schad, wenn’s jetzt mir passierte.

VETRETERIN: Ja, Sie bräuchten dringend neue Büromöbel.

ANNI: Das sag ich ja. Aber auf dem Ohr ist er taub.

VERTRETERIN: Wenn wir beide ihn bearbeiten, schaffen wir’s vielleicht.

ANNI: Sind Sie die Vertreterin für Büromöbel?

VERTRETERIN: Büromaschinen, Büromöbel, Büromaterial...

 ANNI (das Bild hängt): Das hätten wir. Gibt das was her?

VERTRETERIN: Das Bild? Oja. Nur müsste der Blick dann auf bessere Möbel fallen.

ANNI: Genau. Na, Geld haben wir ja jetzt. Mehr als genug. Fünf Millionen.

VERTRETERIN: Wo überall gespart werden muss!

ANNI: Herrje, das hätt ich nicht sagen sollen. Was denken Sie, was hier los ist, wenn das rauskommt. Setzen Sie sich doch so lange. (wischt den Stuhl) Besser Sie setzen sich mit ihrem hübschen Kleid aufs Sofa.

VERTRETERIN: Danke. (setzt sich aufs Sofa)

LOHSE (kommt mit einem Kürbis unter dem Arm):Ich grüße die holde Weiblichkeit.

ANNI: Herrje.. was schleppen Sie da an?

LOHSE: Pardon, die Damen. Dieser Kürbis ist nämlich eine eklatante Frühgeburt. Mindestens sechs Wochen zu früh. Das muss ich melden. Wo ist der Chef?

ANNI: Kommt jeden Moment.

LOHSE: Na, dann werd ich den Damen Gesellschaft leisten. (zu VERTRETERIN)  Gestatten, Lohse, Siegfried. Leiter der hiesigen Gärtnerei. Und Sie sind Mona Lisa, widersprechen Sie nicht, Ihr Gesicht hängt im Museum. Mit Ihrem Lächeln können Sie einen wahnsinnig machen, es sei denn, es ist ein Mann von Welt, der lächelt einfach zurück. (lächelt sie an, legt den Kürbis auf den Tisch und setzt sich in einen Sessel)

VERTRETERIN (leicht irritiert): Charmant.

LOHSE: Jawohl, das bin ich. Also tun sie sich keinen Zwang an.

ANNI (den Schreibtisch aufräumend):Reden Sie keinen Quatsch, Lohse.

LOHSE: Sie wissen nicht, was Quatsch ist. Letztens, wo ich in Berlin war, da haben sie Quatsch geredet, teilweise, zum andern Teil ging’s schon in die Schlägerei. Plötzlich schrie einer: Kuhlmann! Da warn sie still. Muss ein besonderer Raufbold sein, der Kuhlmann, vor dem haben alle Schiss. Vielleicht ist der bei der Polizei. (wendet sich an die VERTRETERIN) Was verschafft uns die Ehre, Gnädigste? Ein Gesuch zur Baugenehmigung? Oder eine Stellungssuche? Ja, dann heißt es anstehen.

VERTRETERIN: Weder noch. Ich verkaufe Büroeinrichtungen, Computer, eben alles, was eine Verwaltung braucht. (ANNIgeht in ihr Zimmer.)

LOHSE: Ah! Computer! (Pause) Wozu das?

VERTRETERIN: Für vieles. Ein Computer erspart Arbeit. Der ganze Schreibtisch dort könnte leer sein. Alles wär im Computer.

LOHSE: Für so was hab ich ein deutsches Patent. Funktioniert auch bei Stromausfall. Ich sag bloß: Schublade.

VERTRETERIN: Wollen Sie mich auf den Arm nehmen?

LOHSE: Ich versuch’s mal.  (will sie umarmen)

VERTRETERIN: Lassen Sie das!

LOHSE: Wenn Sie mittun, könnt ich’s schaffen. (drängt weiter auf sie ein)

VERTRETERIN: Sie! Hilfe!

ANNI (kommt): Lohse! Mensch! Aufhörn!

LOHSE: Alle Welt redet vom Sex im Büro, bloß wie das gehn soll, das muss mir einer mal vormachen.

ANNI: Schämen Sie sich!

LOHSE: Bei einer Dame? Das ist ganz und gar unmöglich. Ja, wenn sie keine Dame wär..  Wann kommt er nun endlich, der Chef? Ich kann nicht ewig warten!

ANNI: Ja, Sie gehn mal lieber.

LOHSE: Ja, das wird das Beste sein. Am Ende schrei ich noch nach Kuhlmann. (steht auf)  Meine Damen! Sie bitten mich zu entschuldigen. (ab)

 

ANNI: Nu hat er seinen Kürbis vergessen.

VERTRETERIN: Er hat sogar sich vergessen, vorhin.                                                   

ANNI: Ja, dafür ist er bekannt. Bloß gibt es da nicht viel zu vergessen. Ich muss mich für ihn entschuldigen. Er hat wahrscheinlich wieder einen gezwitschert. Naja, den ganzen Tag lebt er unter Grünzeug, dann will er halt mal was Fleischliches. So sind doch die Männer. Das heißt, nicht alle. Mein Chef  tät so was nie. (seufzt) Leider.

VERTRETERIN (frischt ihr Make-up auf): Dann muss er schon was besonderes sein.

ANNI: Das ist er. (betrachtet bewundernd die VERTRETERIN) DieMona Lisa. muss sehr schön sein.

VERTRETERIN: Sie ist doch nur gemalt. Und, sehen Sie, ich bin‘s auch.

ANNI: Ich wünschte, ich wäre auch so gemalt.

VERTRETERIN: Setzen Sie sich..

ANNI: Warum?

VERTRETERIN: Ja. Ich mach Sie zur Mona Lisa zwei. Sie haben schöne Augen. Die müssen Sie mit einem Lidstrich betonen. So.. (macht es) Ihre Lippen haben es eigentlich nicht nötig, ein bisschen Rosa vielleicht.. wie ein Rosenblatt, ein taufrisches. (fährt mit dem Lippenstift über ANNIs Lippen) Und die Brauen ein wenig dunkler. (zieht sie nach) Und jetzt passen Sie auf! (hält ihr den Handspiegel vor)

ANNI (nimmt den Spiegel, schaut hinein, lächelt): Das bin ich?

VERTRETERIN: Ihr wahres Ich. Wir haben es ans Licht geholt.

ANNI: Und wenn er mich ansieht, meinen Sie, er denkt dann auch... Mona Lisa?

VETRETERIN: Bestimmt. Sie müssen nur darauf achten, dass er Sie auch sieht. Wenden Sie ihm Ihr Gesicht zu. Und lächeln Sie dabei. (ANNI lächelt) Ja. So. (Geräusch nebenan. ANNIspringt auf.)

ANNI. Herrje.. der Chef!

 

(KUNERT kommt, bleibt verblüfft stehen und betrachtet  das Bild an der Wand)

ANNI (geht dicht an ihn heran, lächelt): Gefällt’s Ihnen?

KUNERT (immer noch auf das Bild blickend): Toll. Der Mann ist doch glatt für so’n Wandbild was geschaffen.

ANNI (spitz): Und Sie sind endlich unter Ihresgleichen.

KUNERT: Wie meinst du das?

ANNI (lächelt ihn an): Ich meine, jetzt sitzt ein Mannsbild unterm anderen.

KUNERT (verwundert): Was kuckst du so? Geh mal beiseite (blickt wieder auf das Bild) Dem soll ich ähnlich sein? Naja.. Meine Augen sind besser.

ANNI: Quatsch. Sie sind ja blind! (ab)

VERTRETERIN: Sie haben sie gekränkt.

KUNERT: Ich? Wie kommen Sie darauf?

VERTRETERIN: Haben Sie nicht gesehn, wie hübsch sie sich gemacht hat?

KUNERT: Oha … (brüllt) Anni! (ANNI kommt, er betrachtet sie,  pfeift durch die Zähne) Donnerwetter!

ANNI: Zu gütig, Herr Bürgermeister. (ab)

KUNERT: Da kann man sich anstrengen, wie man will. Es reicht euch nicht. Und wer sind Sie?

VERTRETERIN. Verzeihung. (steht auf) Meine Karte.(reicht ihm die Visitenkarte)  Ich vertrete Büroeinrichtungen.

KUNERT (blickt kurz auf die Karte): Meine Sekretärin hat Sie herbestellt, was? Die liegt mir schon dauernd in den Ohren. Na, Sie haben Glück! Grad heut hab ich mich nach reiflicher Überlegung entschlossen, das Büro zu modernisieren. Und zwar alles..

VERTRETERIN: Ich bin begeistert.

KUNERT: Ja, ich auch... Hm... Sie bleiben noch in der Gemeinde? 

VERTRETERIN: Ich besuch noch den hiesigen Bauunternehmer.

KUNERT: Was? Seien Sie bloß vorsichtig bei dem. Der kauft nur, um Verluste zu machen, wegen der Steuer. Stil ist dem völlig egal. Aber ich erwarte mehr! Wer hier reinkommt, soll sehen, welcher Geist hier weht. Keine Provinz!

VERTRETERIN: Ich verstehe. Modern und zukunftsorientiert.

KUNERT: Modern, jawohl, supermodern, unbedingt. Von internationalem Charakter, mit leicht japanischer Ausrichtung. Sie sehen ja: Die Räume sind nicht gerade riesig, japanische Maßstäbe sind da durchaus angebracht.

VERTRETERIN: Klein, aber effizient.

KUNERT: Und Glanz. Glanz muss sein. Sehen Sie den Trecker da? Der glänzt, was? So soll es sein! Große Dinge geschehen, da sind wir doch nicht kleinkariert. Naja... Lassen Sie Ihre Prospekte da und machen Sie einen Termin bei meiner Sekretärin. Ein bisschen Zeit brauch ich schon.

VERTRETERIN: Selbstverständlich. Hier ist eine Mappe mit allem, was Sie brauchen. Bitte... (reicht sie ihm)  Ich will Sie nicht weiter aufhalten. Sie haben ordentlich zu tun, denk ich. Ich melde mich wieder.

KUNERT: Tun Sie das.

VERTRETERIN: Auf Wiedersehn, Herr Bürgermeister. (ab)

 

KUNERT (blättert in der Mappe, brüllt): Anni! (ruft noch einmal, aber leiser, würdevoller) Anni! (Es geschieht nichts. Er blickt auf.) Anni? (Nichts rührt sich. Er denkt nach, dann brüllt er) Anni! (Sie kommt) Muss ich denn immer brüllen, dass du kommst? Da will ich mal freundlich sein und du reagierst nicht.

ANNI: Ich bin doch da.

KUNERT: Ja, aber spät. Ich hätt die Zeit stoppen sollen. Zeit ist money. Ich zieh dir das vom Gehalt ab. Kuck nicht so. Das war ein Witz.

ANNI: Jawohl, Herr Bürgermeister.

KUNERT: Gut. Setz dich.

ANNI: Ich steh lieber.

KUNERT: Wie du willst. (Er betrachtet sie. Nach einer Pause) Amtsgeheimnisse, Anni, sind Amtsgeheimnisse. Nicht wahr?

ANNI: Ja.

KUNERT: So. Und woher weiß das ganze Dorf von den fünf Millionen?

ANNI: Weiß es das schon?

KUNERT: Ein Amtsgeheimnis ist sogar doppelt geheim. Es ist nämlich auch im Amt ein Geheimnis. Keiner darf  hier was wissen, nicht mal ich.. offiziell.. Und jetzt quaken es schon die Frösche im Dorfteich! Also! Woher?

ANNI: Weiß ich nicht. Fragen Sie die Frösche!

KUNERT: Red anständig!

ANNI: Ich hab’s nur meiner Mutter gesagt. Aber nur ihr.

KUNERT: Denk mal an, nur ihr.

ANNI (trotzig): Und dann hab ich ihr auch noch gesagt, ich krieg jetzt mehr Gehalt.

KUNERT: Von wem? Von mir nicht.                                       

ANNI: Doch. Geld ist ja genug da.

KUNERT: So. Denkst du. Das schmink dir mal gleich wieder ab. Ich mein das bildlich! Das Geld ist nämlich für die Gemeinde da. Für ein Zukunftsprojekt!  Und außerdem: Wir wären die letzten, die was davon bekämen. Wir sind  nämlich Diener des Staates. Weißt du, wer einmal gesagt hat: Ich bin der erste Diener des Staates? Der preußische König, der Alte Fritz.

ANNI: Da muss er aber wirklich schon sehr alt gewesen sein.

KUNERT: Widersprich nicht. Hör lieber zu. Ich geb dir jetzt staatspolitischen Unterricht. Von uns, den gewählten Volksvertretern und deren Mitarbeitern, hängt das Wohl und Wehe des Volkes ab.

ANNI: Nee, mein Wohl hängt von meinem Gehalt hängt ab.

KUNERT: Schrei nicht  immer gleich nach Geld,  tu was für die Allgemeinheit, kostenlos. Aus Idealismus.

ANNI: So blöd kann doch keiner sein.

KUNERT: Also hör mal. Das ganze Streben der Menschheit von Anbeginn ist der reine Idealismus! Sonst wären wir heut noch Affen. Oder glaubst du wirklich, alle Philosophen sind blöd, von Sokrates bis.. Kennst du einen lebenden Philosophen?

ANNI: Duzen Sie mich nicht dauernd!

KUNERT (verblüfft): Achja.

ANNI: Sie reden, wie wenn Sie auf Ihrem Trecker sitzen und ich in den Kartoffeln. Immer von oben herab! Für Sie bin ich doch bloß die doofe Tippse!  Stimmt doch!

KUNERT (betroffen): Tipse? (sieht sie lange an) Tipse! Wie kommst du darauf? Du bist meine Chefsekretärin!

ANNI: Sie, bitte.

KUNERT: Na schön. Frau Berger, ich sag dir jetzt was. Hören Sie zu, ich bitte darum. Es ist nämlich so...  Sehn Sie! Wir tun hier eine Arbeit, eine für die Gemeinschaft, und wenn wir sie richtig tun wolln, dann mit Engagement, ich tu’s, und für so was wird man eben nicht bezahlt, sonst wär´s nämlich kein Engagement. Also, bitte, entschuldigen Sie, das ist vielleicht mein Fehler. Ich glaub eben, wir Menschen haben mehr zu bieten als ne dicke Brieftasche. (sieht sie an) Stimmen Sie mir zu? (Schweigen) Sag was! (Schweigen) Frau Berger!

ANNI: Ja, Herr Bürgermeister, ich stimme zu. Nicht ganz, aber im Prinzip.

KUNERT: Ich danke Ihnen!

ANNI: Bitte. (Pause) Sie können mich wieder duzen. Aber nur, wenn Sie auch wirklich wollen. So von Herzen, sozusagen.

KUNERT (erleichtert): Ja, gern, sehr gern.. Anni, ich mag dich ja. Immer so gut drauf und schnappst nicht ein bei meinem Gebrüll, überhörst es so nett.

ANNI: Im Gegenteil. Ich wart ja immer darauf. Übrigens, ich bin noch nicht fertig. Jetzt ist Kapitalismus, von Idealismus redet kein Mensch.

KUNERT: Geht das schon wieder los. Man muss eben beides unter einen Hut bringen.

ANNI: So‘n großen Hut muss ich mir erst noch kaufen und der kostet Geld.

KUNERT: Frieden, Anni! Frieden! Und jetzt fertig.

                                                                                                                       

RARISCH (kommt): Stör ich? Schon Feierabend?

KUNERT (blickt auf die Armbanduhr): Nee, eigentlich noch nicht. Andrerseits, das war ein aufregender Tag, sehr anstrengend.. hm.. Ich denke, wir haben den Feierabend verdient. Anni, bis morgen! Ich freu mich! Hm, ja..

ANNI: Ja, ich auch.. Schönen Abend auch, allerseits. (ab)

RARISCH: Sie ist ja geschminkt.

KUNERT: Das siehst du sofort? Typisch Schürzenjäger. Wo ist das Geld?

RARISCH: Wie stellst du dir das vor. Marschierst einfach zur Bank und lässt dir fünf Millionen hinblättern. Das haben die doch gar nicht da.

KUNERT: Und das nennt sich Bank? Hör mal, wir brauchen das!

RARISCH: Wozu?

KUNERT: Frag nicht so viel.

RARISCH: Ich krieg‘s morgen.

KUNERT: Gott sei Dank. Sonst hätte ich vor dem Professor ganz schön blöd dagestanden. Jochen, beim nächsten Mal, ein wenig freundlicher, eleganter ja? Weltmännischer! Da kommt was auf uns zu. Der Aufschwung, verstehst du?

RARISCH: Ich hoffe, du weißt, was du tust.

KUNERT: Das weiß ich immer.

RARISCH: Auch, dass deine Frau abgehauen ist?  Alles spricht schon darüber.

KUNERT: Ist mir wurscht. Die Zeitungen werden über mich schreiben. Ja, und dann wird sie’s bereuen, aber dann ist es zu spät. Und wenn sie auf Knien angerutscht kommt.

RARISCH: Wie grausam.

KUNERT: Ja, bin ich, wenn’s nötig ist. Das ist nur gerecht.

RARISCH: Gerecht.

KUNERT:  Mich sitzen lassen! Das ist Verrat.

RARISCH: Und verzeihen ist nicht drin.

KUNERT: Nein. Weißt du noch, wie wir heirateten? Wir waren begeistert! Wir haben geglaubt! Wollten gemeinsam durch dick und dünn gehen. Und jetzt..  Na, die wird sich wundern. Warum fragst du?

RARISCH: Ich hätte dir was zu beichten.

KUNERT: Du? (Pause, dann überrascht) Du hattest was mit ihr! (lacht)  Mensch, sie hat dich auch verlassen! (beruhigt sich) Keine Angst, mich kratzt das nicht mehr. Und zu deiner Beruhigung: Sie ist gar nicht mehr scharf auf Männer. Jetzt ist sie hinterm Geld her. Ja, so ändern sich die Menschen. Bei mir saß sie auf dem Bock und heut kriecht sie auf allen Viern in nen Mercedes. Na schön. Ich verzeih dir. Vergiss es.

RARISCH: Danke. Bloß, das war’s nicht.

KUNERT: Weißt du was, darauf trinken wir einen!

RARISCH: Das wird wieder ein langer Abend.

KUNERT: Wer wartet auf uns? Na also. (Im Abgehen) Eins kapier ich nicht. Wieso verlassen die Frauen immer grad die Männer im besten Alter? (beide ab. VORHANG)

 

 

2. Akt

Amtszimmer im Halbdunkel. Die Jalousien sind heruntergelassen. KUNERT schlafend auf dem Sofa.

 

ANNI (kommt): Herrje. Er pennt noch... Herr Bürgermeister! .. Mann, ist ja zappenduster hier. (sie zieht die Jalousien hoch) Aufwachen! (sie stößt das rechte Fenster auf. Der Traktor ist weg.) Herr Bürgermeister, sehn Sie mal! Der Trecker ist weg!

KUNERT (richtet sich auf, unwirsch):Ruhe! Das ist ein Amtslokal!

ANNI: Ich bin’s!

KUNERT: Was reißt du das Fenster auf.. Wo ist das Denkmal?

ANNI: Ja, denk mal. Weg! Futsch ist es!

KUNERT: Und da stehst du noch rum? Alarm! Polizei! Sofort!

ANNI: Schon passiert. Gott, wie Sie heut wieder aussehn.

KUNERT(springt auf): Wie ich ausseh, wie ich ausseh. Wen interessiert das! Ohne Trecker bin ich nackt. (sieht an sich runter) Ich bin ja nackt.

ANNI: Halbnackt. Hier sind Ihre Kleider.

KUNERT (zieht sich hastig an):Großfahndung, Straßensperren, Grenzen schließen. Na, was? Sag schon. Was macht die Polizei? Hubschraubereinsatz? (stößt einen Stuhl um) Wer war das?

ANNI: Sie selbst.

KUNERT: Widersprich nicht. Ich erwarte klare Auskunft. Ist er schon verhaftet? Ich bring ihn um.

ANNI: Sagen Sie mal, haben Sie heut Nacht vielleicht eine kleine - na Sie wissen schon - Sauftour gemacht? Vielleicht auch noch motorisiert? Dann pfeifen wir die Polizei lieber gleich zurück.

KUNERT: Hier wird nicht gepfiffen. Wann war das?

ANNI: Was?

KUNERT: Wann er geklaut wurde.

ANNI: Weiß ich nicht. Hoffentlich war’s kein Schrottsammler.

KUNERT: Anni, töte mich nicht. Da klaut wer meinen Trecker, unter meinen Augen, und ich krieg nichts mit!

ANNI: Die waren doch zu.

KUNERT: Frau weg, Trecker weg. Eine Verschwörung ist das. (Geräusch von nebenan) Da! Schnell! Der Dieb! (ANNIab. Sie kommt zurück, hinter ihr der POLIZIST)

ANNI: Das Überfallkommando.

POLIZIST: Was? Überfall? Wieso Überfall? Hat mir keiner gesagt. (dreht sich um) Ich hol mal gleich Verstärkung. (geht ab, kommt wieder) Mir fällt ein, das bin ich ja selber. Bei uns herrscht nämlich Sparzwang. (seufzt) Wenn Sie vielleicht morgen noch einen Mord haben, dann sagen Sie’s lieber gleich, dann spar ich mir den Weg.

ANNI (zeigt durchs Fenster.): Da!

POLIZIST: Schöne Aussicht.

ANNI: Da stand der Trecker. Jetzt ist er weg.

POLIZIST: Sind Sie doch froh. Bei der Aussicht.

KUNERT: Na hören Sie mal, das war ein Denkmal!

POLIZIST (blickt ihn argwöhnisch an): Ein Denkmal, was? Vielleicht noch mit ner Krone drauf, was? Und drunter ein Pferd, wie? Kaiser-Wilhelm-Trecker, was? Wenn Sie mich beleidigen, kostet das was extra....

KUNERT (brüllt): Anni!

ANNI: Ja, Chef?

KUNERT: Wer ist das?

ANNI: Der Kreispolizist.

KUNERT: Bloß einer?

ANNI: Na, Sie wissen doch. Alle andern sind politisch vorbelastet und in Urlaub.

POLIZIST: Eine Ungerechtigkeit. Ich bin politisch völlig blöd, aber den Urlaub kriegen die. (sieht sich um)

KUNERT: Was ist? Glauben Sie, der Trecker ist hier?

POLIZIST: Ruhe! Merken Sie denn nicht? Hier hat der Dieb rumgewühlt.

ANNI: Nee, das ist bloß die übliche Unordnung.

KUNERT: Wieso sollte der hier was suchen?

POLIZIST: Den Fahrzeugschein. Ohne Fahrzeugschein darf er das Fahrzeug nicht benutzen.

KUNERT: Jetzt langt’s. Sie,  ich bin hier der Bürgermeister. (POLIZIST steht stramm) Stehn Sie locker, Mann. Und jetzt machen Sie eine Kehrtwendung, so, und Abmarsch unter größter Vermeidung von Lärm. Wir sehn uns jetzt nämlich den Tatort an. Vorwärts! Marsch! (Sie marschieren hintereinander hinaus)

ANNI: Nee. Und wenn sie sich vorher prügeln, bei so nem Schritt sind sie alle zahm.

 

 

PROFESSOR (mit Aktenkoffer durchs Fenster einsteigend):Meine Liebe, dann lassen Sie man bloß keinen Fußball dazwischen kommen.

ANNI (erschrocken): Herrje! Müssen Sie immer durchs Fenster rein! Wirklich! Man wird Sie noch mal für einen Einbrecher halten.

PROFESSOR: Das wär gut. Denn sobald  die Leute in mir den Wissenschaftler entdecken, soll ich ihre Probleme lösen.

ANNI: Ach, wenn Sie das könnten!

PROFESSOR: Was? Sie auch, schönes Kind?

ANNI: Hat sich was mit „Schönes Kind“. Ich bin nämlich kein Kind! Herr Professor, bin ich sexy?

PROFESSOR: Und wie! Soll ich mal messen?

ANNI:Kann man das?

PROFESSOR: Heutzutage kann man alles messen.

ANNI: Dann tun Sie's mal. Wo ich mich umseh, alle kriegen den sie wollen, bloß ich nicht.

PROFESSOR: Wer ist es?

ANNI: Bitte, Herr Professor! Messen, messen!

PROFESSOR:  Wie Sie wünschen. Moment ... Wo ist denn das Instrument? Ich hab’s doch sonst immer bei mir .. (neckisch) Ob Sie’s wohl finden?

ANNI: Da! In Ihren Koffer! Herrje, sind Sie zerstreut! Typisch Professor.

PROFESSOR (enttäuscht): Professor, immer wieder bloß Professor. Einfach ein Mann zu sein, wär auch mal schön.  (holt das Glas  aus  dem Aktenkoffer)  Hier, die neuste Erfindung, eine japanische, geniales Völkchen, diese Japaner,  misst Ausstrahlungen jeder Art, werde es jetzt mal auf  Sex-Appeal einstellen. (manipuliert am Glas) So. Und jetzt muss ich Ihnen mal näher kommen. (berührt mit dem Glas ANNIs Busen)

ANNI: Halt! Das war nah genug!

PROFESSOR: Mal sehn, ob das reicht. (zeigt das sich rötende Glas) Wunderbar, es leuchtet schon.

ANNI: Rotlicht. Wie passend.

PROFESSOR: Bei Männern kommt Blaulicht. Ja, Sie sind geradezu von einer bedrohlichen sexuellen Ausstrahlung. Brauchen Sie noch ein Zertifikat? Ich bring’s Ihnen nach Haus. Noch heute Abend..

ANNI: Nicht nötig. Ich glaub Ihnen.

PROFESSOR: Schade. (packt das Gerät ein) Ich hätte gern den Bürgermeister gesprochen. Wegen des Geldes. Sie wissen Bescheid?

ANNI: Ja, der Kämmerer holt es grade von der Bank.

PROFESSOR:  Großartig. Komm ich später noch mal. Sind Sie dann noch da?

ANNI: Nee. Ich bin dann beim Friseur.

PROFESSOR: Sie wollen noch hübscher werden? Das halt ich nicht aus. (sieht nach draußen) Sehn Sie mal! Ihr Chef. Wohin geht er jetzt?

ANNI: Na, wohin er immer geht, wenn er was auf dem Herzen hat.

PROFESSOR: Zum Psychiater?

ANNI: Sie sind lustig. In die Kleine Linde. Da, wo die Kerle groß reingehn und klein rauskommen. (heftig) Dabei ist er stark wie ein Baum.

PROFESSOR (küsst sie auf die Wange, LOHSE kommt mit zwei Kürbissen unterm Arm): Denken Sie daran.Wenn er fällt: Ich bin der Baum gleich nebenan. (will abgehen)

LOHSE: Aha.

ANNI: Was, aha.

LOHSE: Nur aha, man ist ja kein Unmensch. (ANNIab in ihr Zimmer.) Ich grüße die Wissenschaft, Herr Professor.

PROFESSOR: Mit wem hab ich die Ehre?

LOHSE: Ich bin zuständig für die freie Marktwirtschaft auf dem Gebiet des Grünwesens. (zeigt die Kürbisse) Mein erster Erfolg!

PROFESSOR: Gratuliere.

LOHSE: Herzlichen Dank. Erlauben eine Frage an die Wissenschaft?

PROFESSOR (seufzt): Sie auch? Na schön, wo liegt Ihr Problem?

LOHSE: Es liegt nicht an mir, an den Kürbissen liegt‘s. Die Frage lautet: Woher kommt das?

PROFESSOR: Was?

LOHSE: Dass diese Kürbisse sowie 25 weitere schon so groß sind! Im August!

PROFESSOR: Ich nehme an, sie stammen aus dem Treibhaus?

LOHSE: Nein, aus Luckenwalde.

PROFESSOR: Ich meine die Kürbisse.

LOHSE: Ah! Diese ja.

PROFESSOR: Ich hoffe, Sie bestehen nicht auf einer Messung? Sie haben den Kürbis doch schon vermessen?

LOHSE: Von eigener Hand. Mit dem Bandmaß.

PROFESSOR: Sehr gut, Herr Kollege, mein Gerät wurde schon über die Maßen strapaziert, ich muss es erst aufladen. Also, hören Sie zu. In der Fachliteratur wird mehrfach ausgeführt, dass Produkte der Flora, insbesondere Fructuritis Kürbisimina unter der Einwirkung geschlossener Räume, in Verbindung mit einer gewissen Lichtdurchlässigkeit -  gewöhnlich von 99 Lux - also unter optimalem Luxus - bei einer Wärmedämmung von 72 Grad sowie einem Längengrad von 19 Minuten - eine Beschleunigung ihrer vitalen Interessen von 60 % erhalten. Mit anderen Worten: in Treibhäusern geht alles schneller.

LOHSE: Um 60 %. Sie sehen mich perplex.

PROFESSOR: Sie verstehen mich.

LOHSE: Ja, und daraus folgere ich.. Nein, erlauben Sie, der Dienstweg! Ich muss das zuerst beim Bürgermeister vortragen.

PROFESSOR: Ich wünsche guten Erfolg. Auf Wiedersehen. (ab)

LOHSE: Meine Verehrung...Ein gescheiter Mann. Mit ihm allein auf einer Insel wär toll. Am liebsten Mallorca. (ANNIkommt)

 

 

ANNI: Da sind Sie ja noch, Lohse. Wollen Sie was?

LOHSE: Ja, aber das geben Sie mir nicht. Ich versteh’s nicht, aber ich verzeih Ihnen.

ANNI: Dann ist es ja gut.

LOHSE:  Überhaupt nicht. Ich sah Sie vorhin in einem Zustand, da hätt ich nach Kuhlmann schrein können.

ANNI: Ach hören Sie doch auf. Es war ja gar nichts.

LOHSE: Ja, das sagen Sie. Ich muss Sie warnen. Mann und Frau liegen zusammen wie ein Paar Socken, man denkt, es ist das pure Glück. Dann, an einem Freitag, steckt sie ein unbegreifliches Schicksal in die Waschmaschine, und danach geht sie los, die blöde Fragerei. Wo ist die verdammte zweite Socke?

ANNI: Nun hören Sie doch mal auf mit dem Blödsinn. (sieht die Kürbisse) Sie kommen doch nicht schon wieder mit Kürbissen?

LOHSE: Ich muss sie dem Chef  vorlegen. Als Beweis.

ANNI: Der Chef  ist nicht da.

LOHSE: Ja, das seh ich, und erlauben Sie mir eine Bemerkung. Ein Chef muss immer da sein, wozu ist er sonst da. Ein Büro ohne Chef  ist wie ein Telefon ohne Telefonbuch.

ANNI: Ich geb Ihnen gleich ein Telefonbuch.

LOHSE: Ich werde von Ihnen durchaus nicht verstanden.

ANNI: Was zum Kuckuck wollen Sie eigentlich?

LOHSE: Das sehen Sie doch. Die Kürbisse abliefern als Beweis unserer freien Marktwirtschaft. Es herrscht eine Kürbisschwemme.

ANNI: Na und? Was machten wir früher? Nach Berlin damit.

LOHSE: Die Berliner haben ja schon die Bananen mit der Schale gegessen. Bei den Kürbissen kriegen sie Schwierigkeiten.

ANNI: Lohse, Sie bringen mich noch um!

LOHSE: Jetzt nähern wir uns dem Punkt. Angst haben Sie. Na, wer hat die nicht. Mord und Totschlag, Weltuntergang überall. Ich kann Sie beruhigen. Der Mensch vermag über die Katastrophen hinauszuwachsen in einem die Katastrophen erschreckenden Maße. In unserm Fall wüsst ich die Lösung, geradezu genial, sag ich Ihnen. Klappt aber nur in einer Fabrik. Soll ich sie Ihnen verraten?

ANNI: Nein, meine Nerven sind eh schon vom Trecker strapaziert.

LOHSE: Ja, das ist ein Ding, teilweise. Zum andern Teil ist es ein Unding. So ein Diebesgut hat noch keiner in einer Tasche weggeschleppt. Wie geht’s ihm?

ANNI: Dem Dieb?

LOHSE: Bitte! Dem Chef.

ANNI: Der ist putzmunter.

LOHSE: Dieser Mann ist krankhaft gesund. Ja, den Seinen gibt’s der Herr im Schlaf.

ANNI: Ihm hat man‘s genommen im Schlaf. Und jetzt haun Sie endlich ab.

LOHSE: Aber die bleiben hier. (legt die Kürbisse auf den Tisch) Sie gleichen den Früchten des Himmels. Nicht fallen lassen. Runterplumpsende Sonnen, das wär die Apokalypse. (kichert) Pardon, erlaubte mir einen Witz. (ab)

 

VERTRETERIN (kommt): Immer noch ein Durcheinander, Anni?

ANNI (dreht sich um): Ach, Sie sind’s.. Ja, ich weiß nicht mehr, was ich hier oben hab. Kopf oder Kürbis.

VERTRETERIN: Ja, warten Sie nur, bis das Büro modern eingerichtet ist.

ANNI: Da kommt der vom Gartenbau mit seinen Kürbissen und schwatzt wie die Nordsee am Strand. Fehlt noch der Schaum vorm Mund.. Und mein Chef  hat auch die Hände voll. Wenn nicht noch mehr.. Alles wegen dem Trecker.

VERTRETERIN: Ja, kann ich mir denken..

ANNI: Sie werden ihn heut nicht sprechen können..

VERTRETERIN: Na, ist auch nicht so wichtig. Eigentlich komm ich ja auch nur Ihretwegen. Wissen Sie, hier mach ich einen so großen Abschluss, und das, wo überall gespart wird. Sie sollen sich mitfreun..

ANNI: Ja, das tu ich doch. Ich profitier doch am meisten davon. Bloß vorm Computer hab ich Fracksausen.

VERTRETERIN: Halb so schlimm, das lernen Sie schnell.. Anni, ich möchte Sie zu einer Reise einladen.

ANNI: Mich?

VERTRETERIN: Ja. Wir fliegen nach Kalifornien... oder Ceylon.. oder in die Karibik. Und genießen ein paar herrliche Tage. Sie dürfen ausgeben, was Sie wollen: Zahlt alles meine Firma.

ANNI: Wirklich?

VERTRETERIN: Sie müssen herrlich aussehen im Bikini! Die Welt ist so schön, und Anni, Sie sind es auch.. Ich möchte Sie  umarmen! (tut es) Ich.. ich mag Sie. Kommen Sie mit mir. (ANNIlöst sich von ihr) Du lieber Gott.. Sie weinen?

ANNI: Überhaupt nicht.. Doch.. Ja.... Es wär ja so schön.

VERTRETERIN: Dann lassen Sie uns fliegen!

ANNI: Ich würd ja gern.. Ja doch! Aber nur mit dem Chef..

VERTRETERIN: Mit dem Chef?

ANNI: Wenn er wollte, wär er‘s schon längst nicht mehr. Nur Chef, meine ich.

VERTRETERIN: Sie sind verliebt in ihn!

ANNI: Ach was.. Das wär halt ein Abenteuer, wie sich’s gehört heutzutage.

VERTRETERIN: Schade. Wir hätten auch unsern Spaß gehabt. Nun weinen Sie doch nicht mehr. Das Make-up nimmt Schaden.

ANNI (sich die Augen trocknend): Wieso fängt die Waschanlage immer dann an, wenn die Augen grad gezeigt haben, dass sie gut sehen können.  Manchmal denk ich, er mag mich, aber dann.. Dann schimpft er wieder, gleich darauf lobt er mich und am Ende will er mich wegen nem Taubendreck rausschmeißen. Das ist doch nicht auszuhalten.

VERTRETERIN: Tja, hin und her, eben ein echter Mannskerl.

ANNI: Na, ich lass mir ne neue Frisur machen, das möbelt mich wieder auf.

VERTRETERIN: Ja, tun Sie das … Was meinen Sie, wann kann ich mir den Auftrag holen?

ANNI: Er liegt auf dem Tisch zur Unterschrift. Heut wird es wohl nichts mehr.

VERTRETERIN: Dann bis morgen. Tschüs, Anni.

ANNI: Ja, bis morgen! (VERTRETERINab. ANNI räumt weiter auf)

 

RARISCH (kommt, mit Koffer): Würden Sie mich einen Moment allein lassen? Ich muss an den Tresor.

ANNI: Ja, natürlich.. Ist es da drin?

RARISCH: Was, Sie wissen? Darf aber keiner was wissen. Was wissen Sie denn?

ANNI: Nichts.

RARISCH: Das ist schon zu viel. Ich hab gar kein gutes Gewissen.

ANNI: Das ist auch schon zu viel.

RARISCH: Was?

ANNI: Kein Wissen und kein Gewissen, das ist das Beste.

RARISCH: So. Von wem haben Sie das? Wo ist der Tresorschlüssel?

ANNI: In der Schublade..

RARISCH: In der Schublade.. Ungeheuerlich. Der Mann macht mir Angst. Und jetzt, bitte, lassen Sie mich allein.

ANNI: Ja, aber schnappen Sie aber nicht gleich über. Bei dem vielen Geld!

RARISCH: Sind Sie still, verdammt noch mal. (ANNIab. Er öffnet den Tresor in der Wand, stellt fest, dass der Koffer nicht hineinpasst) Da haben wir den Salat.. (überlegt, schiebt dann den Koffer unter das Sofa, schließt den Tresor und legt den Schlüssel wieder in die Schublade, ruft) Anni! (Sie kommt nicht.) Die ist Brüllen gewöhnt. (brüllt) Anni!

ANNI (kommt):Herrje, brülln Sie nicht so. Bin doch nicht taub.

RARISCH: Ja, aber sehen Sie, das hat doch gewirkt. Ein pawlowscher Reflex, denk ich mal. Ich möcht Sie bitten, dafür Sorge zu tragen, dass kein Fremder den Raum betritt. Ist das klar?

ANNI: Wie reden Sie mit mir?

RARISCH: Anni, Frau Berger, passen Sie auf, ja.. Sie tragen jetzt eine verdammt große Verantwortung!

ANNI: Ich!

RARISCH: Sie sind der Höllenhund vor der Pforte eines Schatzes.

ANNI: Verdammt!

RARISCH: Und wenn Sie rausgehen... immer gut abschließen! Dreimal prüfen! Ich komm noch mal kontrollieren.. (ab)

ANNI: Nervenbündel... (Das Telefon klingelt. Sie nimmt den Hörer ab) Bürgermeisteramt. Herr Sauermann, sieh mal an.. Nein, er ist nicht da. Weiß nicht. Was ich wissen muss, das geht Sie nichts an. Was? Heut Nachmittag? Meinetwegen. Nee, garantieren.. Was?.. Ja, sag ich. Aber garantieren.. Peng. Eingehängt. Schofel. Aber garantieren kann ich nichts.

KUNERT (kommt, leicht wankend): Was kannst du nicht garantieren?

ANNI: Ob Sie heut noch nüchtern werden.

KUNERT: Frechheit.

ANNI: Grad rief der Sauermann an. Er will Sie am Nachmittag sprechen. Und ich soll Ihnen ausdrücklich sagen, Sie warten schon auf ihn.

KUNERT: Ich? Wieso? (denkt nach)  Die Scheune! Na, der kann mich mal.

ANNI: Glaub ich nicht.

KUNERT: Glaubst du nicht. Was glaubst du denn, du Schaf.. Pardon.. Süße Maid... Was kuckst du mich fremdlich so an?

ANNI: Wenn ich ein Schaf bin, sind Sie ein blinder Schäferhund.

KUNERT: Unerhört. Ein schwacher Moment in meinem Leben, und du... (sie wendet  ihn Richtung Sofa) Schubs mich nicht!

ANNI: Er meint den Trecker. (führt ihn zum Sofa) Da legen Sie sich jetzt hin.

KUNERT: Ich kenn die hiesigen Örtlichkeiten, Frau Berger. (legt sich hin, richtet sich wieder auf) Der Trecker! Ich hab’s. Dieser Mistkerl war‘s!

ANNI: Natürlich.

KUNERT: Siehst du.. Ich seh alles. (legt sich hin) Hellwach bin ich, damit ich’s bleib, muss ich mich’n bisschen ausruhn. (schläft ein)

ANNI: Na endlich. (läßt die Jalousien runter) Herrjeh! Ich muss zum Friseur. (ab. Das Zimmer liegt im Halbdunkel. Die Jalousie des rechten Fensters wird gehoben und der PROFESSOR steigt leise ein. Er durchsucht lautlos das Zimmer. KUNERTwälzt sich. Der PROFESSOR erstarrt. KUNERTschläft wieder ein. Der PROFESSOR sucht weiter, findet den Tresor, holt ein Werkzeug aus seinem Koffer.)

 

KUNERT (im Traum): Kupplung! Bremse!.. Der Hänger! Mann! Der Hänger! (er richtet sich auf) Jee, die schönen Äpfel! (Er greift um sich, als wollte er sie fassen, stößt dabei gegen die Kürbisse, die rollen dem flüchtenden PROFESSOR vor die Füße, der schlägt lang hin. Stille. KUNERTist jetzt wach, brüllt) Anni!

PROFESSOR (am Boden): Sie ist nicht da.

KUNERT: Wo ist sie denn?

PROFESSOR: Beim Friseur. (Er steht auf und zieht die Jalousien hoch,  das rechte Fenster ist  offen).

KUNERT: Herr Professor! Wie kommen Sie denn hierher?

PROFESSOR: Ich ging gerade vorbei. Da schrie jemand. Ich bin hereingestürzt, durchs Fenster, hab zur Sicherheit ein Schlaginstrument aus dem Koffer geholt.... Aber ich sehe, Sie waren gar nicht in Gefahr. (packt das Instrument in den Koffer)

KUNERT: Ich war eingeschlummert und hab was geträumt, einen Alptraum. Tausende, nein Millionen..

PROFESSOR: Fünf Millionen, denk ich.

KUNERT: Ja. Ne Menge Äpfel... und alle in den Graben. Mir ist der Hänger umgekippt. Beim Wenden.

PROFESSOR: Dabei waren es nur zwei Kürbisse. Einbrecherfalle, was?

KUNERT (sich umsehend): Ja, so ein Chaos. Tut mir leid. Entschuldigen Sie...Wissen Sie das neuste?  Das Denkmal wurde gestohln.

PROFESSOR: Der Trecker?

KUNERT: Ja, und ich war auf Spurensuche, mit der Polizei. Danach Besprechung.. Ja..

PROFESSOR: Was gefunden?

KUNERT: Nein.. Doch.. Aber ja.. Natürlich. Ich weiß jetzt, wer’s war.. Der Sauermann.  Früher Parteisekretär, heute.. Entschuldigen Sie.. Ist es morgens oder abends?

PROFESSOR: Früher Nachmittag.

KUNERT: Ja, kommt mir auch früh vor, sehr früh..

PROFESSOR: Sie haben wohl einen kleinen zur Brust genommen?

KUNERT: Ja, entschuldigen Sie bitte.. Verfl..  Wie oft entschuldige ich mich noch? Sie schreiben doch keinen Bericht darüber?

PROFESSOR: Iwo. Schließlich gibt es überall auf der Welt, auch in Japan, Augenblicke, da muss man sozusagen auf außerordentliche Stärkungsmittel zurückgreifen. Zum Beispiel nach einer Enttäuschung. Ich kenn das. Grade jetzt.

KUNERT: Wirklich?

PROFESSOR: Ja, leider.

KUNERT: Sieht aus wie ein Männerleiden.

PROFESSOR: Männer ertragen alles, bloß keine Enttäuschungen.

KUNERT: Genau. Und darum sollten wir uns von Frauen fernhalten. Zum Beispiel.

PROFESSOR: Wir erwarten zu viel. Aber auch das Geld kann enttäuschen. Vor allem, wenn es nicht da ist.

KUNERT: Na, jetzt haben wir's doch, jetzt wird's besser.

PROFESSOR: Nein, mein Lieber, es wird schlimmer.

KUNERT: Nana, Sie! Mit dem Geld blüht alles auf!

PROFESSOR: Irrtum. Jetzt kriegen wir Fieber und den Wahn dazu. Ich lüfte Ihnen mal ein Geheimnis. Das Geld gehört zur Familie der Schmarotzer. Ja! Geld ist ein Bazillus und es schmarotzt an uns. Wir sind bloß sein Wirtstier. Wir sind sein Mittagessen. Und was wir Wirtschaft nennen, ist  eine ansteckende Krankheit. Erzählen Sie das nicht weiter, sonst gibt es einen Börsensturz.

KUNERT: Das glauben Sie doch selber nicht.

PROFESSOR: Was, meinen Sie, war die Revolution in Ihrem Lande?

KUNERT (pathetisch): Ja, und die haben wir gemacht, wir! Für Freiheit und Gerechtigkeit!

PROFESSOR: So? Na, dann passen Sie mal auf: Als sich der Bazillus pekunius in der Welt in den 80iger Jahren umsah, gab’s nur noch in einer Ecke der Welt knackiges Frischfleisch. Im Osten, bei euch. Also kam er im Kostüm der Revolution. Und jetzt hat er euch alle in der Speisekammer.

KUNERT: Sie machen Witze!

PROFESSOR: Ich sage nur: Kommt die DM nicht zu uns, gehen wir zu ihr!

KUNERT: Ein paar Dummköpfe.

POFESSOR: Und was die Freiheit betrifft, warten Sie nur ab. Der neue Käfig ist vergoldet.

KUNERT (verstört): Hören Sie mal.. Wenn ich bitten darf..  Darüber erlaub ich keine Witzchen. Keinem! (Pause, bitter) Warum sagen Sie so was?

PROFESSOR (einlenkend): Verzeihen Sie, ich wollte Sie nur ein bisschen aufmuntern. (Geräusch nebenan) Da ist wer.

KUNERT: Das ist Anni. (brüllt) Anni!

PROFESSOR: Au! Müssen Sie so brüllen?

KUNERT: Das gefällt ihr. (ANNIkommt, mit neuer Frisur, stellt sich in Position) Du hast ja eine neue Frisur! Ich hab's sofort gesehn!..

PROFESSOR: Zehn Jahre jünger.

KUNERT: Nee, zwanzig, mindestens.

ANNI: Dann wär ich jetzt ein Baby. (sieht die Kürbisse) Die Herren haben gekegelt?

PROFESSOR (steht auf): Die Pflicht ruft. Machen Sie’s gut! (ab).

KUNERT: Besser, Herr Professor, besser! (Lärm nebenan)  Was ist denn jetzt schon wieder?

SAUERMANN (kommt): Ihr habt mich doch erwartet, denke ich..

KUNERT: Klopfen Sie das nächste Mal gefälligst an. (zu ANNI) Machst du mir einen Kaffee?

SAUERMANN: Mir auch?

ANNI: Pa! (ab)

SAUERMANN: Darf ich mich setzen?

KUNERT: Bitte. Der Kürbis ist frei.

SAUERMANN: Sie sind gut aufgelegt, Herr Bürgermeister, das freut mich. Also sind wir endlich mal ohne Stress und entspannt. Oder sind wir gespannt?

KUNERT: Herr! Sie stehlen mir die Zeit!

SAUERMANN: Ja, das wär zu viel. Frau weg, Trecker weg.. und dann noch die Zeit weg! Nicht brüllen, bitte.. Ich setz mich lieber ein bisschen näher, damit Sie Ihre Stimme nicht so anstrengen müssen. (setzt sich auf den Stuhl) Herr Bürgermeister, ich komm mit einer guten Nachricht. Ich hab was von Ihnen gefunden. Nicht die Frau... Naja, ich hab sie auch mal verloren..

ANNI (kommt): Der Kaffee. (stellt ihn auf den Tisch. Zu SAUERMANN).Für Sie hätt ich ein Glas Wasser.

SAUERMANN: Nein, danke. Aber wie wär’s mit Champagner? Achja, den gibt’s hier nicht. Schade. Besuchen Sie mich mal.

ANNI: Pa! (ab)

KUNERT: Schluss jetzt mit dem Gesülze. Scheune gegen Trecker, was? Darum bist du doch da. Aber daraus wird nichts. Gesetz ist Gesetz. Du kannst gehen..

SAUERMANN: Moment, Moment, Herr Bürgermeister. Es handelt sich nur indirekt um den Trecker. Also, ich wach heut morgen auf und da seh ich.. Der Schlag soll mich treffen. Da steht doch der Trecker auf meinem Hof! War ich wütend! Wozu brauch ich ein Denkmal? Also ich trommel meine Leute zusammen, denn ein Denkmal stehlen ist kein Spaß. Und was sagen die Leute? Sie sagen, aus Angst haben sie das getan. Aus Angst vor Arbeitslosigkeit. Sie wissen nämlich, ihr Chef hat keine Aufträge mehr. Aber was hat der Trecker damit zu tun? Und da sagen sie, sie wollten damit dem Herrn Bürgermeister einen Wink geben, dass er sie nicht vergisst in ihrer Not und möglichst schnell ein paar Aufträge vergibt.

KUNERT: Vergebung, ehrwürdiger Vater! Mir kommen die Tränen.

SAUERMANN: Das hoffe ich. Und ich glaube, in diesem Fall sind’s Freudentränen. Bei fünf Millionen ist es doch kein Problem.. Also, zwei, drei Aufträge, Axel, und du hast den Trecker ruckzuck zurück. Das haben mir die Männer  in die Hand versprochen.

KUNERT: Reinspucken hätten sie sollen. Du Dreckskerl!

SAUERMANN: Brüll nicht. Du hockst nicht auf dem Trecker.

KUNERT: Du kannst dir den Trecker sonst wohin stecken, von mir kriegst du keinen einzigen Auftrag. Die werden ausgeschrieben! Öffentlich! Hier, bei mir, geht es nach Recht und Gesetz. Und jetzt Schluss. Ich ruf die Polizei und lass den Trecker holen.

SAUERMANN: Recht und Gesetz! Ach was! Du bist auf mich sauer, du schleppst eine alte Geschichte mit dir herum, die stinkt dir meilenweit aus dem Hals. Weil ich dich vom Lehrgang strich... Das ist es doch! Gib’s zu!

KUNERT: Ingenieur könnt ich sein..

SAUERMANN: Jetzt bist du Bürgermeister! Ist doch auch was. Kooperieren wir. Das nützt allen!

KUNERT: Und dir am meisten.

SAUERMANN:  Jetzt platzt mir der Kragen.. Ich wollt’s nie sagen, aber du zwingst mich dazu. Staatsfeindliche Gespräche hast du geführt, aufwieglerische.  Jawohl. Es gibt einen Zeugen.. Willst du seinen Namen wissen? Jochen Rarisch! Ja, dein Jochen! Verpfiffen hat er dich! Glaubst mir nicht? Ich hab die Protokolle noch, kannst sie alle lesen. Ich hab damals nur vorschriftsmäßig gehandelt! Ich musste dioch streichen. Und jetzt leck mich! (ab, kommt zurück) Noch was. Du bist derselbe sture Bock wie früher. Keiner hat sich geändert! Die andern nicht, du nicht und ich auch nicht! Der Mensch bleibt, was er ist! Gierig nach Geld, gierig nach Macht.. Nur haben die andern bei meiner Gier auch was davon! (ab)

ANNI (kommt, sieht den zusammengesunkenen KUNERT):  Herr Kunert.. Herr Bürgermeister, das glauben Sie doch nicht..

KUNERT: Wenn das stimmt.. (stöhnt)

ANNI: Das ist bestimmt alles gelogen.

KUNERT: Hol ihn.. Ich will’s wissen. Sofort.

ANNI: Wolln Sie nicht lieber erst einen Cognac..

KUNERT:Tu, was ich dir sag!

RARISCH (kommt): Was soll sie tun?

KUNERT: Setz dich. (zu ANNI) Geh. Lass uns allein. (ANNI ab)

RARISCH: Warum so feierlich? Ich wollt dir nur sagen..

KUNERT: Schweig. (Pause)

RARISCH: Ich hab das Geld.

KUNERT: Scheiß auf das Geld. (Pause) Geld, Geld.. Denkst du immer nur an Geld? Gibt es nichts Wichtigeres?

RARISCH: Zum Beispiel? (Stille) Ist was?

KUNERT: Ich bin doch immer eingetreten für dich. Stimmt´s? Du konntest dich auf mich verlassen, ich war ehrlich zu dir, stimmt’s? (Schweigen) Ja oder nein?

RARISCH: Ja.

KUNERT: Kann ich das auch von dir behaupten? (Pause) Du sagst ja nichts. (Pause) Es gibt Papiere, da steht, du hast mich verpfiffen.. Damals.. (Pause) Stimmt das? Ja oder nein!

RARISCH: Was soll das? Ist das ein Gericht? (Pause) Woher weißt du’s? Na gut. Es ist nicht mehr zu ändern. Ich schäm mich ja, ich wollt‘s dir schon immer sagen .. Aber du bist so... idealistisch. Ja! Zum Fürchten idealistisch! Dabei ist die Sache einfach menschlich. Ich war jung... und dumm... saudumm. Ich war auf die Leitung vom Kraftverkehr scharf, du hast selbst gesagt, ich sollte mich bewerben.  Und da wollte der Sauermann, dass ich was erzähl von dir.... Ich weiß selbst nicht mehr, wieso ich das tun konnte. Ein- oder zweimal hab ich ihm was gesteckt. Den Posten bekam ich trotzdem nicht. Der Sauermann ist ein Schweinehund! Verführt wurde ich! Wie ein grüner Junge..

KUNERT: Ingenieur könnt ich sein..

RARISCH: Davon wusste ich nichts. Nachher, ja, da war’s zu spät. Und es waren doch nur Banalitäten, alles Sachen, die sie längst wussten..  mehr oder weniger.. So genau erinner ich mich nicht mehr.

KUNERT: Der Herr erinnert sich nicht mehr.

RARISCH:  Es tut mir leid.. Ehrlich. Ja, ich schäm mich, verdammt, ich schäm mich. Reicht das nicht?

KUNERT: Nein, du, nein, so leicht kommst..  kommen Sie mir nicht davon! Schweinerei! Ingenieur könnte ich sein! (heftig) Verpiss dich! (beherrscht) Sie sind entlassen, Herr Rarisch!

RARISCH: Wegen was?

KUNERT: Du hast dich ins Amt gelogen!

RARISCH: Gelogen? Und wer lügt hier im Amt? Ich könnt dich jetzt richtig verpfeifen! Mit den illegalen Zahlungen.. Ja, Lust hätt ich, verdammt! Auch ein getretener Wurm windet sich!

KUNERT: Ja, winde dich, du Arsch, winde dich! Damals hättest du dich winden sollen! Hinaus! 

RARISCH: Wirst auch noch mal in Scheiße treten!  

KUNERT: Schon getan!

RARISCH: Die Wende hat dich größenwahnsinnig gemacht!

KUNERT: Wende! Aha, daher weht der Wind! Wie ich an Ihren Worten sehe, Herr Rarisch, ist die Revolution noch nicht beendet! Bei mir, nehmen Sie das gefälligst zur Kenntnis, werden Wendehälse abgeschnitten! Verlassen Sie sofort das Amt! Ab sofort haben Sie Hausverbot! (brüllt) Anni! (sie kommt, schweigt) Führen Sie den Mann...(wütend) ..ab! Jawohl! Abführn!

RARISCH: Ich geh schon selber. (zu ANNI) War  der Sauermann da?

ANNI: Ja.

KUNERT: Ich wünsche, dass Sie den Wortwechsel mit dem Herrn einstellen. (ANNIund RARISCHab. KUNERTlehnt sich zurück und schließt die Augen. ANNIkommt zurück)                         

KUNERT (mit geschlossenen Augen, müde): Siehst du, Anni.. ..

ANNI: Ich wünscht, ich wär blind und taub.

KUNERT (blickt  auf): Na, hör mal.. Was heißt das?

ANNI: Was ich sage.

KUNERT: Mehr sagst du nicht?

ANNI: Nein.

KUNERT: Bist du feige!

ANNI: Ich weiß nicht. Der Herr Bürgermeister weiß aber alles, mehr als wir, er wird schon wissen, was er tut.

KUNERT: Was meinst du damit? (Pause) Hab ich was falsch gemacht? (Keine Antwort. KUNERT blickt sie einen Augenblick an): Gefühle haben hier nichts zu sagen, verstehst du, und wenn es meine rechte Hand wär, ich müsst sie abhaun...  Hast du vergessen, was er mit Verrätern gemacht hat, der Lenin?

ANNI: Gott! Lassen Sie den Mann in seinem Grab..

KUNERT: Mausoleum.

ANNI: Auch gut. Jedenfalls ist er mausetot.

KUNERT: Setz dich. Ich glaub, ich muss dir was erklären.

ANNI: Ich dachte, ich bin längst aus der Schule.

KUNERT: Man ist nie aus der Schule. Setz dich..

ANNI: Ich steh lieber vorm Rausschmiss.

KUNERT: Wer redet hier vom Rausschmiss. Na schön, bleib stehen.. (steht auf) Dann steh ich eben auch... (beginnt herumzugehen) Haben wir die alle nicht zum Teufel geschickt grade wegen ihrer Heuchelei und Verlogenheit? Und jetzt soll es so weitergehn? Nur dass wir jetzt oben sind und die unten..

ANNI: Die sind nicht alle unten und wir nicht alle oben.

KUNERT(hört nicht hin): Will man neu anfangen, dann weg mit dem alten Mist, aber komplett! Sonst bleibt der Gestank und vom Gestank bis zur Sauerei ist es nicht weit... Die Menschheit nämlich entwickelt sich in reiner Luft sowie durch Streben nach Höherem, und Gerechtigkeit ist was Höheres, ja, was ganz Hohes.. Du kennst doch das Landgericht. Da ist ne Figur am Portal. Ein Mordsweib. Solche Brüste! Naja.. Tut nichts zur Sache. Ist aber ne Göttin, nämlich die von der Gerechtigkeit. Hier hat sie ne Waage und da 'n Schwert. Aus Stein ist sie, siehst du, und das ist gut so. (zornig) Ja, aus Stein muss man sein! Dann haut man richtig zu! Und winkt nicht bloß mit der Waage! (setzt sich wieder) Ich hab‘s heut nehmen müssen, das Schwert.

ANNI: Also, wenn einer aus Stein ist, kann er überhaupt nichts mehr tun. Nur ne Randbemerkung.. Ja, ich kenn sie, die Mordsfigur. Bei euerm Frauengeschmack muss man sich nicht wundern über eure Gerechtigkeit. Schwert und Waage, ja, das hat sie. Aber kucken Sie mal höher als bis zum Busen, nämlich ins Gesicht! Das Mordsweib hat ja die Augen verbunden. Die sieht ja nichts. Wie kann sie dann gerecht urteilen? Und ihr seid ihr auch nicht besser, ihr habt Tomaten auf den Augen!

KUNERT: Ich bestimmt nicht. Mir sind sie heut aufgegangen.

ANNI: So? Wirklich? Dann passen Sie mal auf, da ist noch was, und das fuchst mich noch mehr. Die Eva hat dem Adam den verbotenen Apfel gegeben, heißt es, und darum mussten sie raus aus dem Paradies. Ich könnt jedesmal zum Himmel schrein, wenn ich das hör. Der Schuldige ist nämlich die Schlange! Die hat die Eva reingelegt! Die hätte man rausjagen sollen aus dem Paradies. (stampft auf) Zum Teufel mit der Schlange!

KUNERT: Hm.. (blickt sie erstaunt an) Was du reden kannst..

ANNI: Kann ich, Herr Bürgermeister... Cognac?

KUNERT: Sag Alex zu mir.(steht auf)  Ich weiß nämlich jetzt den Namen von dem lebenden Philosophen.. Und ich möcht ihn küssen.

ANNI: Reden Sie von mir? Bitte! (Sie schließt die Augen. Er  küsst sie auf die Stirn. Sie blickt auf.) War das alles?

KUNERT: Ein Philosoph weiß, das ist ein Anfang.

ANNI: Naja.. Wir haben alle mal klein angefangen. (ab)

KUNERT: Und ich weiß auch den Namen der Schlange. Na warte, du Hund!und!HHHHHHH (seufzt) Ingenieur hätt ich sein können.. (VORHANG)

 

 

(Nacht. Das dunkle Amtszimmer. KUNERTkommt eilig, in der Hand eine Latte, knipst die Schreibtischlampe an, entdeckt die Latte in der Hand, wirft sie weg, läuft  herum, schiebt die Latte mit dem Fuß unter das Sofa, geht ans Telefon, wählt)

           

KUNERT (legt ein Taschentuch über die Sprechmuschel): Hören Sie.. Da liegt wer bei Ihnen.. Na was.. Jemand.. Ein Mann.. Vorn, bei der Gartentür..   (legt auf, läuft wieder herum, geht ans rechte Fenster, öffnet es, atmet tief Luft ein. Draußen bewegt sich etwas.) Wer ist da?

PROFESSOR (noch unsichtbar): Gut Freund! (kommt ans Fenster) Ich bin’s.

KUNERT: Wie? Noch nicht in der Falle?                                                                   

PROFESSOR: Ich muss Japan anrufen. Da ist jetzt Tag.

KUNERT: Richtig..(Schweigen, dann verlegen): Sternklarer Himmel, was? Der Wagen, sehen Sie? Ein Bollerwagen!

PROFESSOR: Ja. Und Sie? Warum sind Sie noch wach? Herumgetrieben von Sorgen?

KUNERT: Jaja..

PROFESSOR: Ja, dann sucht man Trost bei den Sternen und lauscht der Stille. Die japanische Methode.

KUNERT: Kluge Köpfe. (seufzt) Bloß wirkt’s nicht. Jedenfalls nicht bei mir.

PROFESSOR: Sie nehmen alles zu wichtig. Sehn Sie, die Welt ist ein Luftballon, den ein Kind am Faden hält... Alles Leere, Nichts..

KUNERT: Nein!

PROFESSOR: Sie widersprechen?

KUNERT: Ja! Absolut! Weil es etwas gibt! Es muss etwas geben! Etwas Höheres, Geistiges..Wozu sonst alles?.. Sie, wollen Sie nicht lieber reinkommen? Reden wir ein bisschen. Sie sind mir sympathisch, wissen Sie.

PROFESSOR: Beruht auf Gegenseitigkeit. Aber ich bleib doch lieber hier. Auf der Scheide zwischen hier und dort.(setzt sich aufs Fensterbrett) Apropos Geist.. Gibt’s hier geistige Getränke?

KUNERT: Klar... (holt die Flasche und zwei Gläser, füllt ein) Sie mit Ihrer Leere! Sehen Sie: Leere kann man füllen.

PROFESSOR: Ja, aber richtig. (hält sein Glas hin)

KUNERT (gießt nach):Nichts und Leere.. Na hörn Sie mal! Jeden Tag hau ich mir den Schädel dort am Türbalken, von wegen Leere, aber ich verstehe, was Sie meinen: In den Köpfen, nicht wahr, da gehört was rein. Wozu sonst der aufrechte Gang.. Denn der Mensch, nicht wahr, der ist doch.. Ich meine.. (stöhnt kurz auf)

PROFESSOR: Ist Ihnen nicht gut?

KUNERT: Nein. Ich wollte sagen: Wir sind doch geboren.. (stockt)

PROFESSOR (sanft): Ja, das stimmt..

KUNERT: Warten Sie! Ich hab nicht studiert, ich muss erst nachdenken.. (seufzt) Ach was soll’s! Trinken wir. (trinkt)

PROFESSOR: Sie haben was auf dem Herzen, sagen Sie’s ruhig.

KUNERT: Nein, nein, da ist nichts.

PROFESSOR: Leere?

KUNERT: Ja, Leere. (lacht leise)

PROFESSOR: Jetzt lachen Sie wieder.

KUNERT: Ja, ich könnt Ihnen beweisen, dass es sehr wohl was Handfestes gibt. Sogar sehr Handfestes!

 PROFESSOR: Sie machen mich neugierig. Nanu, da kommt jemand. Ich muss jetzt Japan anrufen. Gute Nacht. (verschwindet. KUNERT  knipst rasch das Licht aus. Er setzt sich an den Schreibtisch. Es klopft draußen, dann wird gegen die Tür geschlagen.)

SAUERMANN (von draußen): Aufmachen! Mensch! Ich hab Licht gesehen! Du bist da! Aufmachen! Ein Notfall!

(KUNERTmacht das Licht wieder an, dann geht er  öffnen. Hereinkommen SAUERMANN  und RARISCH, dieser hat einen Kopfverband und wird von SAUERMANNbehutsam geführt, anschließend  der verwirrte KUNERT)

 

SAUERMANN:  Mensch, pennst du? Wach auf.. Wir müssen ihn wo hinlegen.. Auf’s Sofa! (Sie legen ihn auf das Sofa) Vorsichtig! Wie du dich anstellst.. Hast du auch was am Kopp?. So. Langsam.. Gut.  Da liegt dein bestes Stück..

KUNERT (mit belegter Stimme): Was ist... (räuspert sich, versucht der Stimme Kraft zu geben) Was ist passiert?

SAUERMANN: Ja, komische Sache. Das Telefon klingelt, meine Frau geht ran, irgendwer nuschelt,  da liegt wer vor unserm Haus. Ich geh raus, und da find ich ihn.. Mit blutendem Schädel. Er faselte bloß dummes Zeug, dann verstand ich, er wollte zu dir. (zu RARISCH) Na, Jochen, da bist du jetzt, kuck her, dein Busenfreund. Erkennst du ihn? Nee, er glotzt bloß.. (zu KUNERT). Am besten du rufst den Notarzt.

KUNERT: Ja, ja.. Warst du denn zu Haus?

SAUERMANN: Ausnahmsweise hab ich heut mal früher Schluss gemacht. (blickt zu RARISCH) Du bist ja so bleich wie der Kunert? Ja, da siehst du mal, wie es zugeht in der Welt!  Man ist sich seines Lebens nicht mehr sicher. Die Polizei musst du auch benachrichtigen. Und jetzt sag dankeschön. Ich will ins Bett.                                                                                

KUNERT: Dankeschön. (räuspert sich)  Hau ab!

SAUERMANN:  Gern. Gut Nacht. (ab)

KUNERT (nach einer Pause): Mann, Jochen.. Was hast du wieder angestellt! Was treibst du dich nachts beim Sauermann rum? Hättste doch einen Ton gesagt! Jochen!.. Jochen!

RARISCH (richtet sich auf): Wo bin ich?

KUNERT: Bei mir.

RARISCH: Wer sind Sie?

KUNERT: Spinnst du? Ich bin’s!

RARISCH: Wer?

KUNERT:  Dein... (stutzt) Sag mal, welcher Tag ist heute?

RARISCH:  Gehn Sie weg! Wer sind Sie eigentlich?

KUNERT: Wer sind Sie, wer sind Sie… Mann, die Latte ist noch nicht mal zerbrochen, so schlimm war das doch nicht! (erschrocken)  Hast du was verstanden?

RARISCH (sieht sich um):Wo bin ich?

KUNERT: Der weiß nichts. Der weiß rein gar nichts.  Das ist gut. (zuckt zusammen) Nein, verflucht, das ist schlecht. Jochen, die Millionen! Wo sind die? (geht hastig an den Schreibtisch, holt den Tresorschlüssel, schließt den Tresor auf) Scheiße! Jochen, das Geld! Wo ist das?

RARISCH: Wer sind Sie?

KUNERT: Wirst du endlich aufhören! Wo sind die fünf Millionen?

RARISCH: Wo bin ich?

KUNERT (wütend):Ich hau dir... (beherrscht sich, blickt RARISCHscharf an) Spielst du? Du Mistkerl! Du spielst!

PROFESSOR (erscheint am Fenster):Probleme?

KUNERT: Probleme? (Er lacht gequält) Fünf Millionen! Er hat sie heut abgehoben, und ich krieg nicht raus, wo er sie hat!

PROFESSOR (steigt ins Fenster):Um Gottes Willen! Das japanische Geld! Vielleicht hat man‘s ihm geraubt? Er ist verletzt!                                                                                                                                  

KUNERT: Er ist bloß auf den Kopf gefallen. Und jetzt weiß keiner, wo das Geld ist!

PROFESSOR: Hm.. Das nennt man Kopfgeld..

KUNERT: Ich ruf einen Arzt.

PROFESSOR: Nein, lassen Sie mal. Ich hab auch Medizin studiert. (beugt sich über RARISCH) Sagen Sie mal A!

RARISCH (zu PROFESSOR): Wer sind Sie?

PROFESSOR: Nicht mal „A“ kann er sagen, sehr merkwürdig. (hebt ein Augenlid von RARISCH) Du lieber Himmel. Der Menschheit ganzer Jammer sieht mich an. Ich hol schnell die Medizin. Bin gleich wieder da. (ab durchs Fenster)

KUNERT: Hast du ein Glück, Jochen, der Professor ist auch Mediziner. Ich glaub, ich brauch auch ne Medizin. (gießt sich ein Glas ein, trinkt) Hättest dich doch mal kurz umdrehn können, dann hätt ich gesehn, dass du’s bist. Und was treibst du dich auch da rum? Mitten in der Nacht!

RARISCH: Dasselbe! Wumm...

KUNERT: Mit den bloßen Händen? Biste blöd? Bei einem Bauunternehmer?

RARISCH: Wer sind Sie?

KUNERT: Hör auf damit!

PROFESSOR (steigt durchs Fenster, in der Hand eine Zaunlatte): Glücklicherweise haben Sie die Apotheke gleich am Haus. Damit holen wir sein Gedächtnis zurück.

KUNERT: Warten Sie mal, Herr Professor. Sie wollen doch nicht ...

PROFESSOR: Stocktherapie. Durchschlagender Erfolg garantiert.

KUNERT: Ja, aber..

PROFESSOR: Kein Aber. Sehen Sie, der Patient sieht mich schon begeistert an. (geht zu RARISCH)

KUNERT: Sollten er die Medizin nicht lieber löffelweise kriegen?

PROFESSOR: Er kriegt sie hinter die Löffel. (beugt sich über RARISCH)

RARISCH: Ich will einen Hut.

PROFESSOR: Na bitte. Der Mann hat vielleicht alles vergessen, was war. Aber was jetzt kommt, das weiß er. (RARISCHgreift sich ein Kissen, hält sich das über den Kopf, PROFESSOR will schlagen, zögert, wendet sich an KUNERT) Herr Bürgermeister, aus arbeitsrechtlichen Gründen müssen Sie das tun. Ich bin hier doch nicht angestellt.

KUNERT: Und ich hab nicht Medizin studiert. Ich geb Ihnen die Erlaubnis.

PROFESSOR: Das hier ist natürliche Heilkunst, dazu ist ein Studium nicht nötig. (reicht ihm die Latte)

KUNERT: Sehn Sie! (zeigt seine zitternden Hände)

PROFESSOR: Furchtbar. Ich sollte Sie auch behandeln. (wendet sich zu RARISCH) Sie! Patient! Ich zähl bis drei und wenn Sie dann nicht gesund sind..

RARISCH: Wer sind Sie?

PROFESSOR: Das fragt mich keiner ein zweites Mal! (haut zu)  Na, wie fühlt sich der Patient?

RARISCH (kläglich zu KUNERT): Papa, er hat mich gehaun!

PROFESSOR: Hm.. Mit einem Schlag um 40 Jahre jünger. Ich glaub, ich hab ein Verjüngungsmittel entdeckt.

KUNERT: Es hat nicht gewirkt.

PROFESSOR: Verdoppeln wir die Dosis.

KUNERT: Lieber nicht. Nachher ist er im Mutterbauch.

PROFESSOR: Ja, das Schlupfloch kriegt er nicht. Außerdem werd ich müde. So einen anstrengenden Fall hab ich noch nicht erlebt. (zu RARISCH) Liebes Kind, du kann jetzt auch in die Heia gehn. Doch rat ich dir dringend: Werd über Nacht schnell alt und finde dein Gedächtnis wieder. Sonst kommt der Onkel Doktor und bringt die ganze Apotheke mit! Gute Nacht! (ab durchs Fenster)

KUNERT: Ich glaub, Jochen, der Professor will damit sagen, du simulierst. Aha. Du grinst. Na warte. Runter vom Sofa! Ich will jetzt auch pennen. (RARISCHlässt sich sofort zurückfallen und tut schlafend) Na schön, bleib da liegen, ausnahmsweise.. Hör mal, Jochen, begraben wir, was mal war.  Denken wir an die Zukunft... Ja, Zukunft! Wir sind doch bessere Menschen, ja doch, du auch. Jetzt werden wir’s beweisen, pass auf. (Schweigen) Tat’s denn so weh? (Schweigen)  Mariechen schmollt noch immer. (wütend) Verfluchter Hund! Du kriegst es noch fertig, dass ich brüll. (beherrscht sich) Jetzt hör mal zu. Ich reich dir die Hand, ja? Und als Zeichen meines guten Willens darfst du sogar auf meinem Sofa pennen, du Aas, verdammtes. Und wo lieg ich? (sieht sich um) Na schön. Ich hab ja.. hm.. den  Sessel. Aber dafür sagst du mir morgen gleich als erstes, wo das Geld ist. Denn morgen sind wir wieder vernünftig und tun unsere Pflicht. (Er deckt RARISCHzu, knipst das Licht aus und macht es sich, so gut es geht, im Sessel bequem. VORHANG)

 

 

3. Akt

Das abgedunkelte Zimmer, hinter den Jalousien ist Tageslicht. ANNIkommt, zieht die Jalousien hoch, wendet sich zum Sofa, um KUNERTzu wecken.

 

ANNI (schreit auf)

KUNERT (aufwachend): Was? Wer hat geschrien?

ANNI (dreht sich zu KUNERT): Da sind Sie! Was ist passiert?

KUNERT: Wieso? Ist was passiert?

ANNI: Was hat der auf dem Kopf? (zeigt auf den schlafemden RARISCH)

KUNERT: Wer?

ANNI: Der da auf dem Sofa. Sieht aus wie unser Buchhalter.

KUNERT: Das ist ein Verband. Und red nicht so respektlos. Ein Be­triebsunfall mit Kopfverletzung und Gedächtnisverlust. Anni! Heut heißt es kühlen Kopf bewahren.

ANNI: Wie wär’s wie bei dem? Mit einem Verband? Mit Eiswürfeln?

KUNERT: Red nicht so durcheinander, ich muss meine Sinne sammeln.

ANNI: Wie viele hatten Sie denn? Ich helf suchen.

KUNERT: Sei nicht albern!

ANNI: Na, was erwarten Sie. Ich mag keinen Chef, der jeden Morgen mit ei­nem Kater aufwacht!

KUNERT: Ich hab keinen Kater. Du kannst dir nicht vorstel­len, was über mich hereingebrochen ist. Und ich war stinknüchtern. Ich sag dir was: Das liegt an diesen verrückten Zeiten. Hör mal, wenn ein Anruf aus Japan kommt, ich bin nicht da, ist das klar? Hongkong muss warten!

ANNI: Hongkong liegt nicht in Japan.

KUNERT: Ist doch egal. Japaner sind überall. Hör zu.Wir müssen Zeit herausschinden. Der Professor kommt nachher mit der Medizin. Das heißt.. Wart mal..  Ist unser Zaun noch ganz? Sieh mal nach.

ANNI (schaut durchs Fenster):Da fehlt ja was. Eine... Nee, zwei. 

KUNERT:  Zwei was? Sprich ordentliche Sätze!

ANNI: An unserem Zaun sind zwei Latten abwesend und das aus unentschuldigtem Grund. (sieht die Latte auf dem Tisch) Da ist ja eine. Und die andere, wo haben Sie die?

KUNERT: Ich? Was unterstehst du dich! Was hab ich damit zu tun? Außerdem, was geht uns der Zaun an. Wir sind hier nicht beim Gartenbauamt. Frag den Lohse. Nein..  Wer stellt hier die Fragen? Du oder ich?

ANNI: Also bitte, dann fragen Sie.                                                                                 

KUNERT: Vielleicht ist alles bloß ein Traum? Ein Alptraum? Was? Andrerseits.. Die Wirklichkeit ist auch nicht von Pappe. Nanu, ich bin ja schon angezogen.

ANNI: Vielleicht waren Sie gar nicht ausgezogen.

KUNERT: Stimmt. Jetzt erinner ich mich. Der da hat sich einfach auf mein Sofa gelegt. Anni, wir duzen uns doch!

ANNI: Darf ich fragen seit wann?

KUNERT: Seit gestern. Konzentrier dich. Du musst den Überblick behalten.  Üb­rigens, ich muss gleich den Jochen .. den Herrn Kämmerer verhören. Dabei will ich nicht gestört werden.

ANNI: Nun sag endlich, was passiert ist.

KUNERT: Das siehst du doch! Er hat eins auf den Kopf bekommen und jetzt ist sein Gedächtnis weg. Ich glaub aber, das ist nur, um mich zu ärgern. Er ist nämlich eine Schlange. Kuck nicht so..

ANNI: Das Beste wird sein, ich mach uns nen starken Kaffee. (ab)

 

KUNERT (leise):Jochen! Wo ist das Geld? (RARISCHschläft) Markier nicht den Siebenschläfer! Wo ist es, das verfluchte Geld? Du hast es mir versprochen!

RARISCH (schlafend):Überhaupt nicht. Das hast du dir selbst versprochen.

KUNERT: Du redest im ja Schlaf, aber red weiter.

RARISCH (wie vorher):Du hast mir eins drübergebraten.

KUNERT: Das galt doch nicht dir, sondern dem Sauermann. Aber bitte.. Sieh es mal so. Manchmal führt das Schicksal die Hand. Also, wo ist es?

RARISCH: Ich red nicht mehr mit dir. Nicht mal im Traum.

KUNERT: Mensch, hör auf damit. Da läuft was Tolles, für uns alle.... Ich hab einen Investor, dem gehört das Geld. Und der braucht es jetzt! Weil er hier bauen woll! (Schweigen) Willst mich ärgern, was? Glaubst wohl, ich schaff's nicht ohne dich? Keine Bange.. Ich kann mir schon denken, wo du es versteckt hast. Wart mal.. Du hast ja den Zweitschlüssel von meiner Wohnung! Na klar! Du bist ja ein ganz Raffinierter! Hast es bei mir versteckt! Damit ich nachher dastehe wie ein Verbrecher! Du rachlüsterner Satan! Penn so lang du willst, du Penner, ich hol es mir. (ANNIkommt mit dem Kaffee) Halt ihn mir warm, ich muss mal in meine Wohnung. (ab)

ANNI (steht verdutzt):Warm halten? Wie denn? (mit Blick auf RARISCH) Ob ich mirseine Haube ausleihe? (stellt die Kanne auf den Tisch)

                                                   

VERTRETERIN (kommt): Morgen, Anni. Ich bin grad hier in der Gegend und denk, schau mal rein.

ANNI: Er ist nicht da.

VETRETERIN: Macht nichts. Plauder ich ein bisschen mit Ihnen. Darf ich?

ANNI: Ja, gern, setzen Sie sich. Der Kaffee ist grade frisch. (gießt ihr ein) Hier geht es vielleicht drunter und drüber.. Achja, schreiben Sie auch noch ne Thermos­kanne auf die Bestellung.

VERTRETERIN (trinkt, sieht RARISCH): Nanu? Ein Verletzter?

ANNI: Betriebsunfall. Unserm Buchhalter ist vielleicht ein Buch auf den Kopf gefallen. Na, ich glaub eher, mein Chef und er haben gestern Abend einen zu viel gebechert. Sie, ich muss Ihnen was erzählen, es wird ja wohl kein Amtsgeheimnis sein. Wir duzen uns!

VERTRETERIN: Wer?

ANNI: Mein Chef und ich. Ja. Er hat mich geküsst.

VERTRETERIN: Nein!

ANNI: Hierhin. (zeigt auf die Stirn) Wie vom Papst geküsst. Ich war ganz ergrif­fen. (VERTRETERIN lacht)  Jetzt bin ich vermutlich heiliggesprochen. Und genau das will ich nicht sein, heilig, meine ich.

VETRETERIN: Der Weg zur Sünderin ist gar nicht so schwer.

ANNI: Bei dem schon. An dieser Rein­gestalt geht ja kein Weg vorbei. (seufzt tief) O Gott! Ich will ihn haben.

VETRETERIN: Und Sie kriegen ihn, nur Geduld.

ANNI: Ihr Wort in Gottes Ohr. Nein. Besser in das vom Gegenteiligen.

 

(LOHSE kommt, zwei Kürbisse unter den Armen)

ANNI: Sie haben mir noch gefehlt. Sie und Ihre Kürbisse! Her damit..(nimmt ihm die Kürbisse ab)  Die setz ich gleich an die frische Luft! (ab)

LOHSE: Ah! Meine Mona Lisa! (VERTRETERINrückt ein wenig zur Seite. LOH­SEmit  einem Blick zu RARISCH) Er auch?

VERTRETERIN: Was?

LOHSE: Hat er’s auch versucht? Sie auf den Arm nehmen?

VERTRETERIN: Ja. Und den Erfolg sehen Sie..

LOHSE: Ein Märtyrer der Liebe. Jedoch, wir geben weder Suche noch Versuche auf.

VERTRETERIN: Wenn ich Sie recht verstehe, suchen Sie eine Frau.                                                                                                                      

LOHSE: Seit der Geburt. Das ist das Menschsein beim Mann. Erst sucht er die Mutter, dann die Jungfrau und am Schluss die Mutter seiner Kinder.

VETRETERIN: Annoncieren Sie. Oder gehen Sie zu einem Ehevermittler.

LOHSE: Ich sehe bereits das prächtigste Weib vor meinen äußeren Augen und vor den inneren seh ich die Mutter meiner Kinder. Wie wär’s mit drei?

VERTRETERIN: Was? Sie meinen doch nicht mich!

LOHSE: Wär es zu viel verlangt, nach Ihrer Schuhgröße zu fragen? Denn beim ge­meinsamen Gang durchs Leben brauchen wir gutes Schuhwerk. Ich würd mit Ihnen sofort das beste Schuhgeschäft aufsuchen.

VERTRETERIN: Ist das ein Heiratsantrag?

LOHSE: Man kann es so ausdrücken. Aber auch wie bei Rodeo und Julia: Ich liebe dich, meine Lerche. (denkt nach) Oder war’s die Nachtigall? (Zu VERTRETERIN) Sie heißen nicht zufälligerweise Julia?

VETRETERIN: Nein. Und dann hieß der Mann Romeo, nicht Rodeo.

LOHSE: Ja, vielleicht früher. Heut sagt man‘s auf Amerikanisch. Also lieben wir uns? Wie wär’s mit heut Nachmittag?

VERTRETERIN: Das schlagen Sie sich mal aus dem Kopf.

LOHSE: Das tut weh.

VERTRETERIN: Sie kommen drüber weg.

LOHSE: Sie verlangen da was! Ich soll über Leichen gehen! Zudem über die eige­ne! Sie haben jetzt nämlich mein Lebenslicht ausgeblasen.

ANNI (kommt): Sie sind ja immer noch da.

LOHSE: Ja, aber tot. Ermordet. Die Nichtliebe einer Frau ist Mord am Mann, und Sie sind schon die zweite heut, ich werd noch zum Serienermordeten. Nein, Frauen seh ich nicht mehr. Meine Augen sind geschlossen auf ewig.

ANNI: Soll ich Sie hinausführen?

LOHSE: Nein, danke. Den Weg kenn ich. (im Abgehen) Den geh ich doch im Schlaf. (ab)

VERTRETERIN: Und mit Korb.

ANNI: Ja, den kann er gebrauchen, er ist Gärtner.

VERTRETERIN: Mir laufen die falschen Männer nach. Ich würd lieber dem rich­tigen nachlaufen. Er müsste sein wie Sie.

ANNI: Ich lauf keinem nach.

VERTRETERIN: Nein, brauchen Sie auch nicht. Sie sind nämlich viel klüger als ich. Ich könnt noch was lernen von Ihnen. Also heut muss es mit dem Auftrag klappen, mir wird’s richtig unheimlich bei euch. Am Ende bleib ich hier noch hän­gen. (ab)

                                                                                                                     

 

ANNI: Herr Rarisch.. Nun wachen Sie doch auf! Sie müssen hier weg. Das geht doch nicht. Was sollen die Leute denken! Aufwachen! (Sie schüttelt ihn. KUNERTkommt. Man sieht ihm an, dass er nichts gefunden hat) Er wacht nicht auf! Es wird doch nichts Schlimmeres sein?

KUNERT: Wär er doch tot, dann wärn wir aus dem Schneider, wir hätten dann wenigstens eine Entschuldigung. Leider ist er hellwach.

ANNI: Ist das hellwach?

KUNERT: Wenn du unter seine Lider sehen könntest, da strahlen die Augen vor Vergnügen...hm.... Wo ist der Kaffee?

ANNI: Ich mach einen neuen. (stößt im Abgehen auf LOHSE. Dieser trägt die Kür­bisse von vorhin) Der schon wieder! Und seine Kürbisse!

LOHSE: Im Müllcontainer hab ich sie gefunden! Das ist Sabotage! Ich beantrage ein Diszi­plinarverfahren! Gegen hiesige Frau Berger!

KUNERT: Beruhig dich.. Kaffee! (ANNIab) War das alles? Oder was willst du noch?

LOHSE: Laufend werd ich von Frauen hingerichtet. Ich weiß nicht, warum ich sol­chen Frauenhass auf mich ziehe.

KUNERT: Lohse!

LOHSE: Aber ich könnt mir schon denken, warum. Am Ende fürchten sie meine Persönlichkeit, sie ist ja nach der Revolution gewachsen. Und dann wittern sie was Löwenhaftes in meiner Männlichkeit, daher ihr Hass, teilweise, zum andern Teil ist es die reine Angst.

KUNERT (brüllt):Hör auf damit!

LOHSE: Brüllen Sie nicht, da schläft einer.

KUNERT: Den weckt kein Gebrüll auf.

LOHSE: Noch ein Toter.

KUNERT (geht zu LOHSE): Hauch mich mal an.

LOHSE (zurück weichend): Lieber nicht. Der Atem eines Toten ist fürchterlich.

KUNERT: Hauchen! (LOHSEhaucht vorsichtig) Sofort nach Haus und penn dich aus. Los!

LOHSE: Lohse heiß ich.

 

ANNI (kommt mit dem Kaffee, zu LOHSE): Platz da.. Zur Seite!

LOHSE: Ja, wohin denn noch..

KUNERT: Nach Haus. (zu ANNI, die ihm eine Tasse eingießt) Danke. Genau das brauch ich jetzt. (trinkt aus der Tasse, zu LOHSE) Bist ja noch immer da!

LOHSE: Da haben Sie vollkommen recht, aber wie! Zerrissen steh ich da, ein Denkmal des geteilt gewesenen Deutschlands. Steh für deine Sache, sagt der linke Teil, der rechte hingegen meint, marsch ins Bett, da ist´s am sichersten. Ja, wenn es da bloß nicht so einsam wär.

KUNERT (wütend, auf ihn zugehend): Raus!

LOHSE: Halt! Stehen bleiben! Jetzt werd ich aber langsam reizend.. reizig.. sauer, mein ich. (KUNERT lacht) Ja, jetzt lacht der auch noch. Sie! Langt Ihnen eine Re­volution nicht, ich mach Ihnen gern noch ne zweite. Ich bin jetzt so was von sauer, dagegen ist Kuhlmann ein Witz! Sie! Lachen Sie nicht! Ich hab hier nämlich was...(hebt die Kürbisse) Die reinsten Bomben! (POLIZISTkommt)

POLIZIST (macht erschrocken kehrt): Alarm! Alarm! Bombenalarm! (stößt auf FRAUKUNERTund SAUERMANN)

SAUERMANN: Quatsch. Kürbisse. Blinder Alarm!

POLIZIST (wischt sich die Stirn): Auch ein blinder ist mordsgefährlich. Da sind schon ne Menge Herzinfarkte passiert. Um was geht's?

SAUERMANN (deutet auf KUNERT): Verhaften Sie den! Das ist der Kriminelle.

KUNERT: Bist wohl übergeschnappt?

FRAU KUNERT: Alex, überleg, was du sagst. Du stehst unter Verdacht.

ANNI: Schon wieder so eine Gemeinheit vom Sauermann.

SAUERMANN: Schnabel halten!

POLIZST: Ruhe! Hier befehle ich!

FRAU KUNERT: Lass dir helfen von mir. Ich sag dir, was du tun musst.

ANNI: Pa! Er braucht Ihre Hilfe nicht.

FRAU KUNERT: Ach, Kindchen, du hast ja keine Ahnung.

ANNI: Duzen Sie mich nicht! Und mit Kindchen schon gar nicht!

POLIZIST: Ruhe!(zu KUNERT) Wir kennen uns doch? Am Ende aus der Verbre­cherkartei? Na, das haben wir gleich..

LOHSE (zum POLIZISTEN): Sie! Ich war zuerst dran. Ich bitte gefälligst eine Schlange zu bilden!

KUNERT: Was wollt ihr eigentlich?

POLIZIST: Ein Blatt Papier, bitte. Ich muss das notiern.. Ruhe!.. Bei uns herrscht ein saumäßiger Sparzwang.. Ruhe! (ANNIreicht ihm einen Schreibblock) Danke. Einen Schreiber brauch ich auch, bittschön. (ANNIgibt ihm einen) So, ja. Bei wem fangen wir an.. Ruhe!

SAUERMANN: Bei ihm natürlich. Fünf Millionen hat er veruntreut. Sie sind vom Bankkonto der Gemeinde abgehoben worden, von seinem Kämmerer. Das war gestern. Und heut Nacht wurde der überfallen.. Schon merkwürdig, was?  Ja, Alex, das hast du gut gemacht, aber nicht gut genug! Jetzt kommt die Gerechtigkeit zu dir!

ANNI: Alles Unsinn. Das Geld ist doch hier. (holt den Tresorschlüssel, schließt den Tresor auf. Sie sieht KUNERTan.) Leer!

LOHSE: Ja, so viel Geld haben wir alle.

FRAU KUNERT: Ach Alex.. Hast du dich von dem Geld verführen lassen? Ich versteh dich ja. Aber renn nicht ins Verderben, gib mir's, ich bring's zu meiner Bank.

KUNERT: Ich hab’s nicht. Fragt den! (deutet auf RARISCH)

ANNI: Ja, ich hab's selbst gesehen. Er war hier mit dem Koffer!

SAUERMANN: Und später ist er überfallen worden, ganz einfach. Oder hat sich überfallen lassen. Man weiß ja, wie viel kriminelle Energie so einer entwickeln kann. 

LOHSE: Da haben Sie vollkommen recht! Man müsst eben mit den Energiespar­maßnahmen auch mal bei der Kriminalität anfangen.

POLIZIST (ist zu RARISCHgegangen): Der da hat's? Der ist ja wie tot! So was. Vielleicht wird noch ein Mord draus.. Herrschaften! Die Kriminalität ist jetzt schon doppelt so hoch und wir haben noch nicht Mittag.

FRAU KUNERT: Alex, du kriegst einen guten Zins bei uns.

ANNI: Na klar. Und Sie eine hohe Provision, was? Alex, du hast es versteckt, nicht wahr? Vor solch gierigen Leuten!

FRAU KUNERT: Ach, ihr duzt euch schon? (zu KUNERT) Hast du ihr einen Pelz­mantel versprochen oder die Karibik?

ANNI: Nein, aber Freundschaft!

FRAU KUNERT: Na, wenn’s nur das ist.. Da drück ich ein Auge zu.

SAUERMANN: Hört auf damit! Dieser Heilige hat Dreck am Stecken. Das schreit nach Gerechtigkeit. Er schimpft uns Betrüger und ist der größte!

ANNI: Was Sie sind, das wissen wir doch, Sie Parteikapitalist!

POLIZIST: Ruhe! Was ist das schon wieder für eine Komplikation. Parteikapita­list. Das ist ja das Neuste!

ANNI: Das war ein Witz.

POLIZIST: Hier wird nicht gewitzelt! Wofür halten Sie mich? Meinen Sie, der Polizeidienst ist ein Spaß? Da kratzt wer am Autolack, und wer muss hin? Ich. Fünf Minuten später: Schnapsflaschenklau im Laden! Wer muss hin? Natürlich ich, ist ja sonst kein Schwein da.. Und grad bin ich da, geht der Alarm schon wieder los: „Mord in der Bredtschneider!“ Keine Ahnung, wo die ist, aber hin muss ich! Aber am schlimmsten sind die Schlägerein: die merken gar nicht, dass ich schon da bin. Also, Herrschaften, nehmen Sie Rücksicht. (VERTRETERINkommt) Noch einer.  Was wollen Sie?

VERTRETERIN: Ich bin bestellt.

KUNERT: Zu mir will sie.

POLIZIST: Aha. Die Täterin zieht‘s zum Täter zurück.

FRAU KUNERT: Wie Sie das getroffen haben, Herr Wachtmeister!

ANNI: Nu reden Sie doch keinen Stuss!

POLIZIST: Ruhe. Bilden Sie eine Schlange! Sie wissen doch, wie das geht: Der Kleinste nach hinten, der Größte nach vorn. (zu LOHSE) Was wolln Sie mit den Kürbissen?

LOHSE: Noch sind es solche, aber nachher..

KUNERT (zur VERTRETERIN): Ja, kommen Sie, kommen Sie. Ich hab den Auf­trag schon... (sucht auf dem Tischt. ANNIzeigt ihm das Papier) .. schon unter­schrieben.. (unterschreibt)  Hier. (reicht ihr den Vertrag) Und Dank für die schnel­le Lieferung! Sehr schön, Ihre neuen Möbel!

VERTRETERIN: Sie scherzen! Die kommen noch.

POLIZIST (sieht sich um): Neue Möbel? Gibt’s hier vielleicht auch noch nen Be­trug zu melden?

KUNERT: Da stehn sie doch, die Glanzstücke. Ein Möbelstück neben dem andern. Das hier.. (tritt zu SAUERMANN) ..istder neue Panzerschrank! Vielleicht ist da schon Geld drin? (versucht an SAUERMANNs Brusttasche zu kommen)

ANNI: Herrje.. Jetzt dreht er durch.

SAUERMANN (schlägt auf KUNERTs Hand): Finger weg!

KUNERT: Und sogar sprechen kann er.. (wendet sich seiner Frau zu) Und da unser neue Garderobenständer! Sehr schick.. Passt zum Panzerschrank.. (schiebt seine Frau neben SAUERMANN)

FRAU KUNERT: Du ramponierst mir das Kostüm! Lass das!

KUNERT: Das nächste Mal aber mit Rollen, Anni.

SAUERMANN: Der macht auf unzurechnungsfähig. Aber damit kommst du nicht durch! 

LOHSE: Herr Bürgermeister, wenn Sie mich mal betrachten wollen.

KUNERT: Achja, da ist noch was.. (schnuppert an LOHSE) Die Bar! Denkst auch an alles, Anni. Wenn hohe Tiere kommen. Gluck, gluck... Und so schöne Kugel­lampen hat sie auch!

LOHSE: Ist das die Möglichkeit! Sie haben vollkommen Recht! Es sind nämlich wirklich Lampen, allerdings Lampen in spe.. Ja, Chef, hören Sie! Ich hab nämlich eine Geschäftsidee: Eine Fabrik für Kürbislampen, so was gibt’s noch nicht, ich hab im Telefonbuch nachgesehn. Das Geld für die Fabrik haben Sie ja!

KUNERT: Wo denn?

POLIZIST: Ja, ich zerbrech mir auch schon den Kopf.

SAUERMANN: Er hat‘s doch selbst!

POLIZIST: Richtig.. Jetzt passt mal auf, wie ich das mache.. (zu KUNERT)  Also, mein Herzchen, wo ist denn das liebe Geld? Du hast es versteckt, was? Und wir sollen suchen? (zu den Umstehenden) Sagen Sie mal, hat er letztens im Ge­müsegarten gebuddelt?

ANNI: Wir haben gar keinen Gemüsegarten.

POLIZIST: Sieh mal an, ein ganz Raffinierter. Jetzt bräuchten wir nen Polizeihund, aber der Sparzwang schafft halt immer zuerst die unteren Dienstränge ab.

VERTRETERIN: Entschuldigung! Wann komm ich dran? Ich muss weiter..

POLIZIST: Ruhe! Einer nach dem andern.

LOHSE: Man versteht sich ja selbst nicht mehr.

FRAU KUNERT: Alex, sag doch was!

SAUERMANN: In den Knast mit ihm, dann spricht er!

POLIZIST: Sie! Im Knast herrscht aber Ruhe!

KUNERT: Jawohl, Ruhe! Ich bin müde.. Ich glaub, ich leg mich mal kurz hin.. (will sich auf den RARISCH legen) Wieso ist das Ding so hart. Muss ich wohl erst weich klopfen. (will zuschlagen, da springt RARISCHauf)

 

 

RARISCH (zu KUNERT): Nicht schon wieder, du Esel! Undjetzt pass mal auf, du! (zieht unterm Sofa erst das Brett hervor, dann den Koffer.)

POLIZIST: Was ist das?

RARISCH: Na, der Geldkoffer, der verdammte.

POLIZIST: Und voll?

RARISCH: Sehn Sie selbst! (tritt zu KUNERT) So ein Affentheater! Zufrieden? (KUNERT macht eine Handbewegung.)

SAUERMANN: Das will ich sehen! (drängt sich vor)

FRAU KUNERT: Ich auch! (ebenfalls)

VERTRETERIN: Nicht zu glauben! (ebenfalls)

ANNI: Unterm Sofa! (ebenfalls)

LOHSE: Selbstverständlich! Ein Sofa ist doch bequemer als wie ne Bank. (ver­sucht nach vorn zu kommen) Ich war schon vor Ihnen da.

POLIZIST: Achtung! Der Koffer wird amtlicherseits geöffnet. Herrschaften, be­halten Sie doch die Ruhe, Menschenskind!

(Stille beim Öffnen des Koffers. KUNERTund RARISCHsprechen leise miteinan­der)

 

 

KUNERT (zu RARISCH): Alter Affe.

RARISCH: Saukerl, verdammter.

KUNERT: Was treibst du dich da rum, in der Nacht?

RARISCH: Ich wollt ihn vermöbeln, genau wie du.. Siehst du jetzt ein, was das für eine Gerechtigkeit ist? Jeder denkt an sich... Du auch!

KUNERT: Jaja.. Aber was machen wir jetzt?

RARISCH: Ich weiß, wo dein Trecker ist. In der Scheune vom Sauermann!

KUNERT: Mensch, hol ihn mir! Aber Tempo! Und quer durch seinen Garten!

RARISCH: Mit Vergnügen!  (ab)

 

 

POLIZIST: Herrschaften, halten Sie Abstand! So.. (öffnet und schon drängen sie alle an den Koffer, bis auf KUNERT. Alle fassen mal hinein.) Nicht anrühren! Sie zerstörn ja sämtliche Fingerabdrücke! .. Nee, so was.. Lauter Tausender.. Ich hab noch nie so’n Ding in der Hand gehab.. (langt auch hinein)

KUNERT: Schluss jetzt. (drängt sich zum Koffer, klappt ihn zu) Ist das vielleicht euer Geld? Soll ich’s verteilen?

ANNI: Auja, bitte.

KUNERT: Ja, das hättet ihr gern... Bloß der Lohse nicht, der schweigt. Was meinst du, Lohse, für was ist das Geld?

LOHSE: Für meine Fabrik natürlich sowie einen Dienstwagen, viertürig mit Air­bag und Klimaanlage, dazu ne Schreibgarnitur und eine Frau. Letzteres ist nicht Bedingung.

KUNERT: Letzteres sollst du kriegen, zur Strafe. Ich sag euch, wozu die Millio­nen gut sind. Hier.. (klopft auf den Koffer) Das ist ein Traum. Nein, das war ein Traum. Der Traum eures Bürgermeisters. Damit wollte er aus dem Dorf was Blü­hendes machen mit Menschen, die auch erblühen, nämlich zu neuen Menschen. Ihr Arschgeigen, ihr seid dieselben wie früher. Ich geb's auf. Und damit ihr's wisst: das Geld gehört einem Großinvestor, für den hab ich's aufgehoben.

PROFESSOR (kommt): Sehr freundlich von Ihnen, Herr Bürgermeister. Vielen Dank! (holt eine Pistole aus seinem Aktenkoffer) Dieses Instrument überzeugt Gehir­ne, die nicht verstehen wollen. (richtet die Pistole auf die Gruppe) Hände hoch und her mit dem Koffer!

KUNERT: Sie, heut bin ich nicht in Stimmung für Witze.

PROFESSOR: Kein Witz, Herr Bürgermeister. Die Japaner bin ich. Und ich muss Ihnen leider sagen, Ihre Gemeinde ist für meine Fabrik nicht geeignet. Sie sehen ja selbst: kein Idealis­mus bei den Leuten! Alles Egoisten! Das ist schlecht für die Arbeit.

POLIZIST (hat sich versteckt): Ein Räuber! Und ich hab keine Pistole! Verfluch­ter Sparzwang. Ich bin ein zwangsgesparter Pazifist.

PROFESSOR (verdutzt): Ein Polizist? (fasst sich) Na, großartig. Sie können mir helfen. Passen Sie auf, dass mich keiner beklaut. (nimmt den Koffer) Hier! Meine Pistole! (wirft dem Polizist die Pistole zu, rasch ab)

POLIZIST: Sehr freundlich.

SAUERMANN: Der Kerl ist weg!

FRAU KUNERT: Der Koffer! Das Geld!

VERTRETERIN: Ist auch weg. (lacht auf)

LOHSE: Ja, das ist das Tragische am Geld: seine Mobilität.

FRAU KUNERT (zu POLIZIST): So tun Sie doch was!

SAUERMANN (ebenso): Warum haben Sie ihn nicht abgeknallt?

POLIZIST: Mit was? Mit so was? (drückt mehrmals ab, man hört nur Knacken) Ne Spielzeugpostole. Überall Sparzwang. Auch bei der Räuberschaft.

SAUERMANN: Los, hinterher, das ist unser Geld!

FRAU KUNERT: Den kriegen wir noch! (beide ab)

LOHSE (zu VERTRETERIN): Beeilung, Gnädigste! Sonst geht uns meine Fabrik und Ihr Auftrag durch die Lappen und wir sind Lappländer! (beide ab)

KUNERT (zum POLIZISTEN, der sich langsam in Bewegung setzt): Geht’s nicht ein bisschen schneller?

POLIZIST: Ja, hab ich denn Blaulicht?  (geht langsam ab)

KUNERT (zu ANNI): Und du? Du stehst hier rum und rennst nicht mit?

ANNI: Nee. Ich wart auf ein Taxi.

KUNERT: Hör mal! (Geräusch des sich nähernden Treckers) Das Taxi.

ANNI: Ein bisschen laut, das Taxi. (Treckergeräusch endet)

RARISCH (kommt): Dein Lieblingsstück ist da. Und was jetzt?

RARISCH: Anni, jetzt machen wir einen Ausflug. In die weite Welt.

ANNI: Auf dem Trecker? Da ist doch kein Platz für mich.

KUNERT: Klar, auf meinen Knien.

ANNI: Auja. Und ich zeig dir, wo’s lang geht.

RARISCH: Hatten wir das nicht schon mal?    

KUNERT: Kann mich nicht erinnern. (ab mit ANNI)

RARISCH: Ich wüsst ein Gegenmittel ... (ab) 

 

 Vorhang

 


ENDE