Dieter Lenz

Liebe, Geld und noch mehr Mörderisches

 Eine Krimigroteske

 

 

Die Personen sind

MANN, Harry Schröder, arbeitsloser Schauspieler,

FRAU, Nicki, arbeitslose Schauspielerin, Schröders Frau

ALBERT, arbeitsloser Bühnenarbeiter

SCHNEIDER, arbeitsloser Schauspieler

 

 

Das Bühnenbild ist

die Bühne mit einem weiß gedeckten Tisch und zwei Stühlen im Zentrum, etwas abseits ein Beistelltisch mit einem Tablett, Flaschen und Gläsern

 

 

(Abgedunkelte Bühne) 

 

FRAU(kommt): Albert! (ALBERT kommt) Sind Sie soweit?

ALBERT: Aber immer, Madam.

 FRAU: Passen Sie auf die Beleuchtung auf, darin ist mein Mann sehr pingelig. Und hier, verstecken Sie die Flasche. Die hat er sich selbst besorgt, die kriegt er aber erst nach der Vorstellung.

 ALBERT: Schon jetzt, das wäre nicht gut, nein.

 FRAU: Aber seine Nervosität ist verständlich. Immerhin ist das sein Stück. Denken Sie nur, Albert! Wir führen es heute auf. Eine Weltpremiere, Albert.

 ALBERT: Großartig.

 FRAU: Wir tun das alles meinem Mann zuliebe.

 ALBERT: Versteht sich.

 FRAU: Gehen Sie. Er kommt. (ALBERT ab)

 

MANN (kommt): Zu spät, er kümmt und hat's gehört. Ich begreife nicht, wie du annehmen kannst, ich würde Alkohol konsumieren. Ich war und bin ein Feind des Alkohols während einer Aufführung.

 FRAU: Wo warst du?

 MANN: In der Maske. Ich habe mir noch eine kleine Vorrede zusammengebastelt. Ein paar Hintergrundinformationen für das Publikum.

 FRAU: Gut, aber mach schnell, wir haben nicht viel Zeit. Albert, Licht! (ab, Spot an, auf MANN gerichtet)

 MANN: Verehrtes Publikum! Zu Beginn darf ich Ihnen eine Mitteilung der Direktion vorlesen. (liest von einem Blatt) „Um das Theater fortführen zu können, sieht sich die Direktion zu Sparmaßnahmen gezwungen, dazu gehört leider auch die Verkleinerung des Ensembles. Dem Publikum wird jedoch versichert, dass die künstlerische Qualität gewahrt bleibt, da die verbleibenden Schauspieler in den Aufführungen zusätzliche Rollen übernehmen.“ (faltet das Papier zusammen, steckt es weg) Mit anderen Worten: Mephisto spielt auch Gretchen. Meine Damen und Herren! Nach den erwähnten Kürzungen blieb folgendes erhalten: hier diese Bühne, zwei Schauspieler - meine Frau und ich - sowie ein Bühnenarbeiter. (ALBERT läuft über die Bühne, taucht im Licht auf, verschwindet im Dunkel.) Er ist nicht nur Bühnenarbeiter, er spielt ihn auch noch. (Hinter der Bühne fällt etwas um.) Albert? Alles o.k.?

 ALBERT (aus dem Dunkel): Ja, verdammt..

 MANN (ins Publikum): Er flucht, also lebt er noch, wie beruhigend, denn wir brauchen ihn. Bei der heutigen Uraufführung meines Kriminalstückes spielt er die dritte Rolle, denn es handelt sich um ein Dreipersonenstück. Übrigens, hat das Geld für einen Programmzettel gereicht. Nicht? Na dann, meine Damen und Herren, lesen Sie es bitte von meinen Lippen ab.

 ALBERTs Stimme: Wer denn? Ist doch kein Schwein da..

 Stimme der FRAU: Albert!.

 ALBERTs Stimme: Stimmt doch. Unten ist ja alles schwarz und sonst nichts. Soll ich mal Licht machen?

 MANN: Lassen Sie das, Albert, und jetzt hören Sie mal gut zu. Wir Schauspieler spielen letzten Endes immer vor dieser Dunkelheit da unten. Verstehen Sie? Es ist die Pupille des Universums! Es sieht uns zu!

 ALBERTs Stimme: Von mir aus. Soll es zukieken, bloß meine Kumpels nich, die halten mich für intelligent.

 MANN: Um Himmels willen.. Sprechen Sie anständig!

 FRAU (aus dem Dunkel): Harry, wir haben nicht unendlich Zeit.

 MANN: Ja doch.. Nun zum Stück, meine Damen und Herren, sein Titel: „Der Lottogewinn“.(stockt) Nun ja, ein hausbackener Titel, gewiss. Es wurde vom hiesigen Theater abgelehnt, aber ich glaube nicht des Titels wegen. Dieses Stück ist ein Krimi, aber zweifellos auch eine Tragödie. Es geht um ein Ehepaar mit viel Geld und es ist eine Tragödie, was das Geld aus Menschen macht. Man gab es mir zurück mit der Bemer-kung, das Programm sei leider schon für die nächsten zwölf Jahre festgelegt und außerdem sei es unspielbar. Dagegen möchte ich sagen, der Herr Dramaturg ...

 FRAU: Harry!

 MANN: Schon gut ... Albert! Bühnenlicht! (Die Bühnenbeleuchtung geht an und zeigt eine leere Bühne.) Natürlich wurde auch an der Kulisse gespart. Doch wer genau hinsieht.. (Er wartet. ALBERT bringt zwei Stühle, stellt sie hin, ab) ..erkennt sofort, es handelt sich um einen Wohnraum. Es ist... (Er wartet, bis ALBERT mit einer Zimmerpalme kommt, sie hinstellt und abgeht) ..ein gediegener Wohnraum. (ALBERT kommt mit einem Tischchen, stellt ihn an den Bühnenrand, ab. Er kommt mit einem Tablett, darauf zwei Flaschen und einige Weinbrandgläser, stellt alles auf das Tischchen, ab) Sogar mit Luxus. Was im Laufe der Handlung noch an Mobiliar nötig sein wird, kann nur mit Hilfe Ihrer Fantasie realisiert werden, insofern bittet die Direktion um Ihre geschätzte Mitarbeit, eine Vergütung findet nicht statt. (ALBERT kommt mit einem Tisch, stellt ihn zwischen die beiden Stühle) Nein! Wie großzügig. Noch ein Tisch. (ALBERT breitet eine Tischdecke darüber aus) Sogar mit Tischdecke, offenbar befindet sich im Zuschauerraum eine hohe Persönlichkeit. (verbeugt sich.) Mein Respekt. Ich hoffe, Sie haben die Karte auch selbst bezahlt. (ALBERT holt eine Handglocke aus der Hosentasche, stellt sie auf den Tisch, ab) Der Platz ist bereitet, die Tragödie nehme ihren Lauf. (Er geht zu einem Stuhl, setzt sich. FRAU kommt, setzt sich. MANN steht auf, dreht den Stuhl so, dass er in dieselbe Richtung der FRAU sieht, setzt sich.)

 FRAU: Der neue Fernseher hat kein so gutes Bild wie der alte.

 MANN: Ein viel besseres. Und viel größeres.

 FRAU: Aber die Farben sind blass.

 MANN: Sie sind prachtvoll. Wenn du den Vorhang zuziehst, dann sind sie prachtvoll.

 FRAU: Am hellichten Tag die Vorhänge zu? Bist du verrückt?

 MANN: Nein, aber ich versteh was von Fernsehern.

 FRAU: Der neue Fernseher ist schlecht. Ich hab dich gewarnt. Aber du musstest ihn kaufen.

 MANN: Er ist perfekt. (greift die Glocke, läutet. ALBERT kommt, er hat über seine Arbeitskleidung einen Frack ange­zogen, er spielt jetzt einen Butler)

 ALBERT: Haben geläutet?

 MANN: Bitte, Albert. ziehen Sie den Vorhang zu. (ALBERT tut es pantomimisch) Nein, nicht von diesem Fenster. Von dem! (zeigt Richtung Fernseher) Wo der Fernseher steht. (ALBERT zieht den Vorhang wieder auf, dann den beim Fernseher zu) Danke. (ALBERT verbeugt sich und geht)

 FRAU: Die Farben sind noch immer blass. Das ist doch kein Rot, das ist Rosa. (läutet mit der Glocke)

 ALBERT (kommt): Haben geläutet?

 FRAU: Bitte, ziehen Sie den Vorhang wieder auf. (ALBERT tut es) Siehst du, es hat keine Wirkung gehabt. (zu ALBERT) Danke, Sie können gehen. (ALBERT mit einer Verbeugung ab) Und außerdem kann ich im Dunkeln nicht sehen.

 MANN: Dass Rot rosa ist, das konntest du ganz genau sehen.

 FRAU: Ja, Farben!

 MANN: Aber Farben kann man im Dunkeln nicht sehen, dann ist alles grau.

 FRAU: Aber nicht beim Fernseher.

 MANN: Es freut mich, dass du beim Fernseher wenigstens die Farben siehst. Schade. Gerade jetzt entgeht dir etwas. Sie rammeln.... auf dem Esstisch.

 (FRAU schüttelt die Glocke)

 ALBERT (kommt): Haben geläutet?

 FRAU: Bitte ziehen Sie den Vorhang zu, dort beim Fernseher.

 (MANN schnippst pantomimisch mit der Fernbedienung. ALBERT zieht den Vorhang zu)

 FRAU: Warum schaltest du ihn aus? Wenn sie etwas zeigen, was mich von fern an etwas erinnert, das wir einmal gemeinsam hatten..

 MANN: Wir hatten nichts gemeinsam. Höchstens den Irrtum, dass wir glaubten, uns zu lieben.

FRAU (als ALBERT nach dem Zuziehen des Vorhanges mit einer Verbeu­gung wieder gehen will): Bitte, Albert, ziehen Sie den Vorhang wieder auf.

MANN: Meine Frau sieht nämlich keine Farben mehr. Sie sieht jetzt leider gar nichts mehr.

FRAU: Ich sehe, was ich sehen will.(ALBERT zieht den Vorhang auf.) Danke, Sie können gehen. (ALBERT ab) Du machst mich vor ihm lächer­lich. Was soll er von mir denken!

MANN: Wir bezahlen ihn nicht dafür, dass er denkt. Das weiß er. (äfft ihn nach) Haben geläutet? Was für eine Frage! Natürlich haben wir geläutet, wer denn sonst?

FRAU: Ich fass es immer noch nicht. Wir sind Millionäre! Andere spielen jahrelang Lotto und wir nur einmal und schwupp - drei Millionen. (Schweigen) Wenn wir die Summe teilten, dann könnte doch jeder...

MANN (unterbricht sie): Ja. Aber dann würde es nicht mehr für den Rest unseres Leben reichen. Und zur Arbeit zwingt mich keiner mehr, damit das klar ist.

FRAU: Aber ich soll ein Leben lang Hausfrau bleiben!

MANN: Für mindestens 50 % deiner Aufgaben haben wir jetzt einen Butler.

FRAU: Das war sehr lieb von dir.

MANN: Was?

FRAU: Dass du mir einen Butler kauftest.

MANN: Nicht gekauft. Gemietet. Engagiert. Übrigens auch für mich. Alles, was wir für Geld haben können‚ soll uns das Leben leichter und bequemer machen, bis wir end­lich den Gipfel der Behaglichkeit erreicht haben: im Sarg zu liegen.

FRAU: Sei nicht albern. Du redest dummes Zeug. Ja, es ist ein wenig eng hier. Wir sitzen uns zu sehr auf der Pelle! Aber in einem großen Haus mit mehr Zimmern, in einer Villa im Grünen..

MANN: Mit Swimmingpool und Tennisplatz, ich weiß, ich weiß. (heftig) Eine Yacht! Eine große Yacht und aufs Meer! Auf alle Weltmeere. Das war so abgemacht. Das werden wir auch tun.

FRAU: Überhaupt nicht... vielleicht einmal kurz angedacht, ja. Aber denk doch mal nach. Eine Villa kann nicht untergehen! Nein, für ein Schiff bekommst du meine Unterschrift nicht. Nie.

MANN: Und du nicht meine für eine Villa. Basta. (Schweigen)

FRAU: Blöde Idee von dir... Dass wir nur Geld abheben dürfen, wenn beide unterschreiben.

MANN: Die beste Idee meines Lebens. Sonst wäre das Geld längst futsch.

FRAU: Ist es ja auch so. Keiner kommt ran. Du gibst mir das Geld nicht für die Villa, und ich geb es dir nicht für das blöde Schiff. Wir blockieren uns. Wir schaffen es grade noch, das Geld für Miete und Essen abzuheben, und für ein bisschen Taschengeld...

MANN: Und für den Butler.

 FRAU: Widerlich. Er bekommt mehr Geld im Monat als ich oder du. (steht auf) Ich sitze hier und verplemper mein Leben.

 MANN: Ich auch.

 FRAU: Ich werde die Blumen gießen. (tut so, als würde sie die Zimmerpflanze gießen) Das kann der Butler nicht. Er kleckert.

 MANN: Du gießt heute schon zum drittenmal. Sind das Wasser­pflanzen? (FRAU gießt weiter) Wir hätten uns scheiden lassen sollen.

 FRAU: Hast du vergessen, was der Anwalt gesagt hat? Mindestens 30.000 EURO Scheidungskosten. Ist das nicht der Preis für eine Yacht?

 MANN: Aber nein. Die kostet das Zehnfache. (FRAU zuckt zusammen) Jetzt hast du auf den Teppich gegossen. (Sie zieht ein Tuch aus der Tasche, tupft den Teppich ab, alles Pantomime)

 FRAU: Niemals werde ich dir erlauben, so was zu kaufen! Ein hübsches Ruderboot meinetwegen, aber so was.. (seufzt) Seit wir das Geld haben, streiten wir uns. Und das ganze Schießzeug, das du gekaufst hast. Pistolen, Gewehre .. Das macht mich nervös. Wann marschierst du in Frankreich ein?

 MANN: Das verstehst du nicht, dafür muss man ein Mann sein.

 FRAU: Setze noch ein Blöd vor Mann, dann stimmt es. (steht auf) Nein, ich halt es nicht mehr aus, ich geh jetzt shoppen.

 MANN: Und so geht sie aus reiner Langeweile los und kauft für eine halbe Million Haarkämme oder Bettbezüge oder sonst was im Sonderangebot. Na, amüsier dich.

 FRAU: Nichts leichter als das. Wenn du bloß nicht dabei bist. (ab. MANN schüttelt die Glocke)

 ALBERT (kommt): Haben geläutet?

 MANN: Wer? Ich?

 ALBERT: Sehr wohl.

 MANN: Warum sollte ich?

 ALBERT: Ja... (leise, aus der Rolle fallend) Ham Se den Text vajessn?

 MANN (ebenso): Schon gut. Ich hab ja geläutet, natürlich, wer sonst?

 ALBERT: Na, sehn Se! Jeht doch!

 MANN (in die Rolle zurück): Berlinern Sie nicht! Sie sind hier in einer anständigen Familie.

 ALBERT (wieder in der Rolle): Pardon.

 MANN: Gut. Und jetzt meine Pistole. Ich langweile mich..

 ALBERT: Geladen oder ungeladen?

 MANN: Na hören Sie mal! Geladen natürlich. Nur so macht das Ding Spaß.

 (ALBERT ab. Er kehrt sofort zurück, ohne Frack, und läuft vor dem MANN von links nacht rechts über die Bühne)

 MANN (aus der Rolle fallend): Um Himmels Willen, Albert. Sie haben den Vorhang jetzt vor mir zugezogen. Die Zuschauer können mich nicht mehr sehen.

 ALBERT (ebenso): Na, det is doch der Sinn von nem Vorhang.

 MANN: Ja, aber ich hab Ihnen doch eingeschärft, dass ich vor dem Vorhang bleiben muss. Ich habe an das Publikum ein paar Worte zu richten. Sie müssen hinter mir zuziehen.

 ALBERT: Nu, zieh ich ehmt wieder uff. (läuft zurück und wiederholt die Vorhangzuziehen-Prozedur, diesmal hinter dem MANN, und verschwindet im Dunkel.)

 MANN (tritt an die Rampe): Es folgen zwölf Szenen, die ich gestrichen habe. (Es knallt im Dunkeln) Albert, was ist?

 ALBERT (im Dunkeln): Das blöde Ding ging los. Sie müssen noch mal laden.

 MANN: Sie sind aber auch ein Esel. (ab ins Dunkel)

 

 (FRAU kommt, das Gesicht ins Dunkel gerichtet, sie flüstert)

 

FRAU: Du bist zu früh. Lass dich bloß nicht sehen. Und nimm die Sache nicht zu leicht. (Pause) Es ist das erste Mal, dass ich auf der Bühne Angst habe. Ich könnte einbrechen. Und so tief, dass es kein Aufstehen mehr gibt.

MANN (kommt): Was tust du hier?

FRAU: Ich ... ich wollte noch mal das Licht prüfen.

MANN: Ist in Ordnung. Aber dieser Alfred! Der macht mir Sorgen .. Geh. Es geht weiter. (FRAU ab. MANN wendet sich zum Zuschauerraum) Was in den gestrichenen Szenen geschieht, kennen wir doch. Der Alltag. Die Wiederholungen. Die Routine zum Tod. Was geschähe, wenn wir mal was ganz anderes tun? Zum Beispiel: Statt in der Nase in den Ohren bohren ... Naja.. Oder wir stehen auf, gehen ans Fenster, öffnen es und ... sehen. Sehen eine Ameise. Auf dem Fensterbrett krabbelt sie. Sehr winzig und sehr geschäftig. Was tun wir? Wir drücken sie mit dem Daumen tot. Wie sie sich krümmt .. Es ist unglaublich, sie krümmt sich nicht zu Tode, im Gegenteil, sie krümmt sich, um zu überleben. Der dicke blöde Daumen schafft es nicht, sie plattzumachen. Ist das nicht frustrierend?

 

(ALBERT kommt, legt eine Pistole auf den Tisch, zieht den Vorhang wieder auf. MANN setzt sich, greift sich die Pistole, spielt mit ihr. ALBERT zieht sich den Frack an und stellt sich in die Nähe)

 

MANN: Ein langweiliger Tag, Albert.

ALBERT: Es hat den Anschein.

 MANN: Es hat den Anschein?

 ALBERT: Ich stimme Ihnen insoweit zu, als es den Anschein hat.

 MANN: Werden wir jetzt spitzfindig?

 ALBERT: Das würde ich mir nie erlauben.

 MANN: Also was.. Langweilig oder nicht?

 ALBERT: Um mich vielleicht etwas präziser auszudrücken: langweilig bis jetzt. Das kann sich jedoch jeden Augenblick ändern.

 MANN: Würde mich freuen. Woraus schließen Sie das?

 ALBERT: Sie spielen mit Ihrer Pistole.

 MANN: Na und? Das mach ich immer. (zielt auf ALBERT)

 ALBERT: Sie ist geladen.

 MANN: Echt? (wendet die Waffe von ALBERT ab)

 ALBERT (erleichtert): Sie erteilten mir den Auftrag, dafür zu sorgen, dass stets eine Kugel im Lauf ist. Das war, als sie gestern die Hüte Ihrer Gattin erlegten.

 MANN: Mann, ich war gestern besoffen!

 ALBERT: Sie haben mir nicht gesagt, dass ich Ihre Aufträge, sofern Sie angeheitert sind, nicht ausführen soll.

 MANN (lacht): Ich hätte Sie jetzt glatt erschossen.

 ALBERT: Das wäre das Ende der Langeweile gewesen.

 MANN: Vollkommen wahr. Aber vielleicht pokern Sie bloß, hm? Sie haben ein richtiges Pokerface, mein Lieber. Was, wenn doch keine Kugel drinnen ist? Na, das werden wir gleich wissen. (schaut sich um) Ich knöpfe mir das herzige Gemälde meiner Frau vor, dort über der Tür. (zielt, es knallt, im selben Augenblick kommt FRAU mit einer Einkaufstasche aus der Schussrichtung)

 FRAU: Du hast sie nicht mehr alle! Du hättest mich treffen können!

 ALBERT: Es wäre ein Versehen gewesen, Madam, ich kann es bezeugen.

 MANN: Sehr richtig. Ein Versehen. Dummerweise zielte ich nach oben.

 FRAU: Leg das Ding weg. Ich hab immer ein so komisches Gefühl, wenn ich dich damit sehe. Kannst du nicht mit einer elektrischen Eisenbahn spielen oder mit einem Computerspiel wie jeder anständige Mann. Ja, ich würde dir sogar erlauben, dafür Geld abzuheben..

 MANN: Das würdest du tun? Alle Achtung.

 FRAU: Vorausgesetzt, ich darf mir auch Geld abheben.

 MANN: Und was willst du kaufen?

 FRAU: Einen Hut natürlich.

 MANN: Du hast ja erst zwanzig.

 FRAU (zu ALBERT): Wir läuten, wenn wir Sie brauchen.

 ALBERT: Sehr wohl. (verbeugt sich, ab)

 FRAU (die Tasche auf den Tisch stellend): Übrigens, ich habe das letzte Geld ausgegeben. Nur für Lebensmittel. Prüf nach.

 MANN: Na, ich glaub dir.

 FRAU (blickt zur “Tür“, nach oben): Mein Bild! Du hast es kaputtgeschossen!

 MANN (verächtlich): Schafe in den Alpen. Allso weißt du,

 FRAU (weinerlich): Es sind Schwäne auf Wasserwellen. Es ist das einzige Bild aus meiner Schulzeit, das ich noch habe.

 MANN: Schafe in den Alpen!

 FRAU: Es sind Schwäne! Auf dem Meer! (sie läutet) Du brauchst eine Brille.

 ALBERT (kommt): Haben geläutet?

 FRAU: Kehren Sie die Scherben zusammen. Und hängen Sie das Bild gerade.

 ALBERT: Mit dem Einschussloch?

 FRAU: Jawohl! Als ständige Erinnerung an einen hässlichen Tag.

 MANN: Sie ist Besitzerin von Alpenschwänen, Albert, und ich habe, wie mir scheint, einen davon erlegt. Fast.

 (ALBERT ab, kommt zurück, tut so, als würde er Scherben aufkehren und anschließend das Bild geraderücken)

 ALBERT (das Bild betrachtend): Wenn ich mir eine Bemerkung erlauben darf... Es hat jetzt noch mehr Originalität als vorher

 FRAU: Es ist gut. Gehen Sie. (ALBERT ab) Was erlaubt der sich. (stutzt) Wer war an meinem Schrank? Er ist aufgebrochen! (läuft hin zum imaginären Schrank, öffnet ihn, schreit auf) Nein!

 MANN: Ist was?

 FRAU (erschüttert): Meine schönen Hüte! (greift einen imaginären Hut nach dem andern) Löcher! Überall Löcher! Alle! Da und da und da.. (wütend) Du hast in die Hüte geschossen!

 MANN: Ja, wie dumm. Hätte warten sollen, bis du einen aufhast.

 FRAU: Das zahl ich dir heim.

 MANN: Nun mach doch nicht so einen Wirbel. In Wirklichkeit freust du dich doch. Weil du jetzt wieder neue Hüte kaufen kannst. Himmel, ja! Ich bereite dir ein Vergnügen, dafür solltest du mir dankbar sein.

 FRAU: Du hast d i r ein Vergnügen bereitet.. Du mit deinem Waffentick. Ich melde das der Polizei.

 MANN (ruhig): Vorher bring ich dich um.

 FRAU (verblüfft): Das könntest du tun?

 MANN: Einer, der den Mut hat, auf Alpenschwäne und Damenhüte zu schießen, dem sollte es ein Leichtes sein, die eigene Frau zu erschießen. (hebt die Pistole) Sie ist geladen. Wenn ich sie jetzt auf deinen Kopf richte...

 FRAU (setzt sich hastig einen imaginären Hut auf): Schieß! Ja, schieß doch!..

 (MANN zielt. Plötzlich ALBERTs Stimme: “Scheiße!“ und das Licht geht aus, die gesamte Bühne liegt im Dunkeln)

 ALBERTs Stimme: Mann, det is de absolute Nacht. (Im folgenden hört man nur die Stimmen)

 MANN: Was ist passiert?

 ALBERTs Stimme: Bin übers Kabel jeflogn.. Ham wa gleich..

 MANN (seufzend): Die absolute Nacht, Nicki.

 FRAU (kichert): Ja.

 MANN: Gefällt dir, was?.. Wo bist du? Gib mir deine Hand. (FRAU kichert)

 MANN: Was ist?

 FRAU: Du kitzelst mich! (kichert)

 MANN (leicht verstimmt): Quatsch! Ich kitzel dich nicht.

 FRAU (erschrocken): Was? (erregt, flüsternd) Weg! Geh weg!

 MANN: Was sagst du?

 FRAU: Neinnein, nichts.. Ich ... Mir ist was ins Gesicht geflogen. Spinnweben.. Hier.. Jetzt hast du meine Hand.

 MANN (ruft): Albert! Beeilung!

 ALBERTs Stimme: Nur keene Bange.. ham wa gleich..

 MANN: Du, hör mal. Ich muss dich was fragen. Hättest du je daran gedacht... Au! Was soll das?

 FRAU: Was?

 MANN: Du stößt mich ... Schon wieder!

 FRAU Entschuldige. (zornig) Hau ab!

 MANN: Wie bitte?

 FRAU: Irgendwas strich um mich herum. Vielleicht eine Fledermaus?

 MANN: Unsinn. Wo gibt es hier Fledermäuse. Wieso bist du nervös?

 FRAU: Es ist schließlich die Uraufführung deines Stückes.

 MANN: Das vergiss mal jetzt. Hast du jemals damit gerechnet, arbeitslos zu werden? Jetzt, in unserm besten Alter? (Pause) Was ist?

 FRAU: Umarm mich...

 MANN: Ja, mein kleines warmes Kätzchen du.. kraule, kraule.. Ja, aber was ist.. Weißt du, ich krieg den Gedanken nicht los. Was ist, wenn.. Denk mal.. Ja, ich hab Angst. Nicht viel, aber immerhin..

 FRAU: Wovor? Doch nicht vor der Dunkelheit?

 MANN: Wenn wir kein Engagement mehr kriegen? Ich hab Angst vor mir. Was tu ich dann? Saufen? Ja, saufen.. Oder was? Wie wirst du damit fertig?

 FRAU: Du musst vor allem eines: Hoffen. Hoffen und an dich glauben.

 MANN: Hoffen, glauben und lieben. Jaja. Lieben vor allem. Das ist noch das beste: Wer liebt, vergisst alles. Lass uns lieben! Jetzt ...

 FRAU: Nicht! Du! (kichert) Du Bär.. (Licht geht an, FRAU und MANN gehen rasch auseinander, sind etwas verlegen)

MANN (leise): Wo waren wir?

 FRAU (in der Rolle, laut): Schieß! Ja, schieß doch! Du wolltest es doch..

 MANN (hebt die Pistole, zielt, lässt sie sinken): Nicht mit diesem Hut. Das sieht zu komisch aus.

 FRAU (nimmt den imaginären Hut ab): Seit wir das Geld gewonnen haben, sind wir nicht mehr wie früher.

 MANN: Warum kommst du nicht einfach mit. Mit auf die Yacht. Und wir segeln um die Welt, bis sie untergeht.

 FRAU: Genau davor hab ich Angst.

 MANN: Die Welt, nicht die Yacht,

 FRAU: Nein, da ist mir eine Villa doch lieber, die geht nicht unter.. (Sie nähert sich ihm listig, entreißt ihm die Pistole): Jetzt könnte ich dich erschießen. Und niemand wird es bedauern.

 MANN: Irrtum. Ich würde es tun.

 FRAU: Du? (lacht höhnisch) Du bist ja ein Zyniker, du würdest sogar dich töten, nur um mich zu ärgern... (entschlossen) Nein. Ich weiß was viel besseres! (zeigt ihm die Pistole) Dein Lieblingsspielzeug, was? Und ich.. dein Hassobjekt! O, das passt gut zusammen Sehr gut. Das zusammen ergibt einen Mord, der dich ins Gefängnis bringt. (ab. MANN läutet heftig)

 ALBERT (kommt): Haben ge..

 MANN (unterbricht): Rasch! Folgen Sie meiner Frau! (ALBERT ab. MANN, nach einer imaginären Zeitung greifend)

 ALBERT (kommt zurück): Ihre Gattin hat sich auf der Toilette eingesperrt.

 MANN: Hat sie gesagt, was sie tun will?

 ALBERT: Nein. Aber die hatte vielleicht einen Zahn drauf.. Pardon.

 MANN: Tatsächlich? Dann erschießt sie sich. Für’s Pinkeln bewahrt sie Haltung.. Passen Sie auf! Wir sind hier und tun nichts. Wir können niemals Mörder sein, wenn jetzt was passiert. Albert, wir sind unschuldig.

 ALBERT: Gewiss..

 MANN: Wir tun jetzt gar nichts. (lauscht) War das nicht ein Schuss?

 ALBERT: Ich hab solches nichts vernommen.

 MANN: Vielleicht hat sie sich schon erschossen?

 ALBERT: Wenn Sie mir eine Bemerkung gestatten. Es war nur eine Kugel in der Pistole, und diese Kugel steckt jetzt dort! (macht eine Bewegung zur imaginären Tür)

 MANN: Wie ärgerlich. Also müssen wir doch was unternehmen... Gehn Sie, rütteln Sie für mich die Tür und rufen Sie: Ich muss mal!

 ALBERT: Sehr wohl. (geht, kommt wieder)

 MANN: Na?

 ALBERT: Sie kichert.

 MANN: Was?

 ALBERT: Madam kicherte. Und dann sagte sie: Ich komme gleich. Und kicherte wieder.

 MANN: Allerhand. Was treibt sie da?

 FRAU (kommt): Geh, schau nach, dann wirst du‘s sehn. (MANN stürzt davon, kommt zurück, hält die Pistole mit Fingerspitzen)

 MANN: Drauf gepinkelt. Du Miststück.

 FRAU: Zu mehr hat es nicht gereicht. Leider.

 ALBERT: Da die Herrschaften mich nicht mehr benötigen, möchte ich mich gern zurückziehen. (verbeugt sich ab)

 MANN (aus der Rolle fallend): Meinst du, es ist nicht übertrieben?

 FRAU (ebenfalls): Im Kino hab ich schon Schlimmeres gesehen.

 MANN: Ja, aber in Wirklichkeit.

 FRAU: Geht’s noch schlimmer zu... Zweifelst du an deinem Stück? Mir gefällt’s. Spielen wir weiter?

 MANN: Moment.. (geht an die Rampe, ins Publikum) Natürlich steh ich zu meinem Stück. Seit gut zehn Jahren kämpf ich für seine Aufführung. Ungefähr dreizehnhundert Theatern.. na schön.. dreihundert habe ich es vorgelegt, etwa zwei haben geantwortet, indem sie mir das Script zurückschickten, die restlichen prüfen noch. So. Und nachdem wir, meine Frau und ich sowie weitere Schauspieler des hiesigen Theaters aus bekannten Gründen entlassen wurden, entschloss ich mich, es selbst aufzuführen. Dank meiner Frau wurde das möglich und zwar auf der Bühne, die wir vor Publikum nicht mehr betreten dürfen. Heute ist also hier die Uraufführung, sogar die Welturaufführung meines Stückes. Ja, ich habe es doch noch geschafft, gegen die Sparmaßnahmen, gegen den Widerstand sämtlicher Theaterleitungen die - wie schon Wedekind sagte - lieber zehn tote Autoren ausgraben als einen lebenden zu nehmen. Aber ich kann nicht warten, bis ich tot bin. Ich will jetzt gespielt werden! (geht zurück) Entschuldige, Liebes, das musste mal gesagt sein.

 FRAU: Meinst du, es hat jemand gehört?

 MANN: Ich habe nicht gesagt, das müsste mal gehört sein. Ich sagte: das musste mal gesagt sein..

 FRAU: Verstehe.

 MANN: Wirklich?

 FRAU: Es war jedenfalls ein guter Monolog. Bravo.

 MANN: Ja. Und stell dir vor: aus dem Stegreif gesprochen.

 FRAU: Großartig.

 MANN: Du kleines Biest.. Meinst du, ich weiß nicht, wie du mich wieder aufziehst?

 FRAU: Ach, du.. Wir beide lieben doch das Spiel, dieses Pingpong des Wortwechsels, stimmt‘s?

 MANN: Ja. Aber hör mal, eigentlich wollte ich mein Stück auf­führen, nicht deines.

 FRAU: Also weiter... (wieder im Stück) Zu mehr hat es nicht gereicht. Leider. (kichert)

 MANN (drohend): Du..

 FRAU (kokett): Ja, bitte?

 MANN: Du! Ich werde mir eine Strafe ausdenken, die ... (verstummt vor Wut)

 FRAU: Du hast mir meine Hüte kaputt gemacht. Du hast mein Bild zerschossen. Das schrie nach Rache. Jetzt sind wir quitt

 MANN: Deine Hüte... Deine verdammten Hüte! (geht mit der Waffe zu dem imaginären Schrank, nimmt einen imaginären Hut heraus) Hier! Dein Hochzeitshut, weiß wie Schnee ... Seide und Batist, nicht wahr? Der Schleier ist besonders praktisch. (beginnt mit dem unsichtbaren Schleier die Pistole abzuwischen und zu polieren)

 FRAU (lacht höhnisch): Du weißt genau, ich konnte mir zu unserer Hochzeit keinen Hut leisten. Erst jetzt... nach über zwanzig Jahren!

 MANN: Ja, ich erinnere mich ... Damals hattest du es noch nicht nötig, dein Gesicht zu verschleiern.

 FRAU (aufschluchzend): Du bist abscheulich, abscheulich!

 MANN: Jaja, der Umgang mit dir färbt ab.

 (ALBERT kommt, zieht den imaginären Vorhang zu, diesmal richtig: zwischen Publikum und den Schauspielern)

 MANN (leise): Ende des ersten Aktes.. Gut gemacht, Albert. Das Publikum sitzt wie erstarrt, hoffe ich.

 ALBERT (leise): Hörn Se ma... Wär es nich einfacher, ich mach einfach det Licht aus statt den blöden Vorhang vor? Denn sehn die Leute doch ooch nischt mehr von uns..

 MANN (leise): Jaja, gewiss. Aber wir sehen dann doch auch nichts mehr!

 ALBERT (leise): Und sehn müssen wir?

 MANN (leise): Wollen Sie sich den Hals brechen? Los, der zweite Akt! (ab)

 ALBERT (seufzt): So isset immer.. Die beste Idee jeht anner blöden Kleinigkeit kaputt..

 FRAU (leise): Albert, Vorhang auf... Wir beide sind dran

 ALBERT (leise): Mann, wat fürn Stress.. (zieht den Vorhang auf, ab)

 FRAU (läutet)

 ALBERT (kommt): Haben geläutet?

 FRAU: Ach lassen Sie die Förmlichkeiten. Bitte, setzen Sie sich..

 ALBERT: Wie Sie meinen. (setzt sich steif)

 FRAU: Sie sind eine Perle, Albert. Ein Diamant. Sie gefallen mir. Ihr diskretes Verhalten, ihre englische Kühle, Ihre überlegene, ja königliche Haltung, mit der Sie auch den geringsten Dienst ausführen, das zeigt mir, Sie sind für Größeres geschaffen.

 ALBERT: Sie schmeicheln, Madam.

 FRAU: Keineswegs, es ist mein Ernst. Ich habe aus diesen Gründen Großes mit Ihnen vor. Ich möchte, dass Sie... Also, ich beabsichtige in eine Villa ziehen und dort ein großes Haus führen. Dazu benötige ich weiteres Personal. Sie, Albert, erhalten die Oberaufsicht. Wie gefällt Ihnen das?

 ALBERT: Sie sind sehr liebenswürdig.

 FRAU: Ja. Zuvor müssen wir allerdings noch eine Kleinigkeit erledigen. Dabei rechne ich mit Ihrer Hilfe.

 ALBERT: Ich stehe zu Ihrer Verfügung

 FRAU: Wie Sie wissen.. (ausbrechend) Sie haben es ja mehrfach erlebt, nicht wahr, obwohl ich immer bemüht bin, private Meinungsverschiedenheiten nicht vor dem Personal auszutragen... Albert, wo war ich? Was wollte ich sagen?

 ALBERT: Ich sollte Ihnen hilfreich sein..

 FRAU: Danke, ja... Es ist nur eine Kleinigkeit, wirklich. (fährt hoch) Es hört doch keiner? (huscht an die imaginäre Tür, lauscht, kommt zurück, leise) Ich werde etwas leiser sprechen. Albert, mein Mann will mich erschießen.

 ALBERT: Dafür spricht einiges.

 FRAU: Wozu sonst das ganze Waffenarsenal? Er ist weder ein Jäger noch gehört er zur Bundeswehr. Und jetzt hören Sie zu. Ich hab einen Plan. Ich werde meinen Mann provozieren, und dann erschießt er mich.

 ALBERT: Ich werde mein Möglichstes tun, dies zu verhindern.

 FRAU: Das erwarte ich von Ihnen. Sie sollen allerdings nicht den Schuss verhindern, um keinen Preis, nein. Sie sollen ver­hindern, dass er tödlich ist.

 ALBERT: Wünschen Madam nur eine leichte Verwundung zwecks Scheidungsgrund?

 FRAU: Neinnein.. nicht mal das. Er wird mich nicht mal ver­wunden können, das Ungeheuer, weil Sie nämlich vorher - hören Sie, hören Sie!... weil Sie nämlich vorher eine Platzpatrone in die Pistole gesteckt haben. Hier (reicht ihm eine Schachtel) eine Schachtel mit Platzpatronen. (ALBERT nimmt sie unbewegten Gesichtes) Am besten Sie benutzen die nächste Gelegenheit, um es zu tun. Vielleicht schon heute. Sehen Sie, dass Sie an seine Pistole kommen.. Je früher, je besser.

 ALBERT: Sehr wohl.

 FRAU: Das ist erst der erste Teil Ihrer Aufgabe. Also.. Passen Sie auf! So geht es weiter. Ich sorge selbst dafür, dass er mich erschießt. Ich ärgere ihn bis zur Weißglut, dann dreht er durch, schießt, ich stürze zu Boden, bin aber nur scheintot, nicht wahr, wegen der Platzpatrone. Mein Mann, das Scheusal, stöhnt auf: „Was hab ich getan?“ Ja, mein Lieber, du hast mich ermordet.. Er ist natürlich entsetzt, nicht, weil ich tot bin, nein, aber er hat fürchterliche Angst vor der Polizei, die nimmt ihm nämlich als erstes sämtliche Waffen weg und dann.. ha!.. dann kommt er in den Knast..

 ALBERT: Versteht sich.

 FRAU: Ja, und den hat er auch verdient. Nun gut, so weit brauchen wir es nicht kommen zu lassen, ich bin ja menschlich, mein Plan ist anders. Also.. nach dem Schuss ist mein mörderischer Mann mit den Nerven fertig.

 ALBERT: Das ist anzunehmen..

 FRAU: Und jetzt greifen Sie ein. Als Butler haben Sie ja schon viel erlebt, das hier überrascht sie gar nicht.

 ALBERT: Nein.

 FRAU: Sie haben die Ruhe weg und helfen meinem Mann. Sie sagen, Sie wollen die Leiche verschwinden lassen. Sie packen mich, ziehen mich aus dem Zimmer... und kehren sofort zurück und gießen Ihrem gnädigen Herrn ein Glas Kognak ein.

 ALBERT: Das wäre in der Tat jetzt angebracht.

 FRAU: Ja. Doch weiter. Wenig später klingelt es, Sie gehn zur Tür, machen auf und es tritt herein, na, wer?

 ALBERT: Der Inspektor.

 FRAU (triumphierend): Ich! Albert! Ich! Doch zu meines Mannes und auch zu Ihrer Überraschung bin ich es natürlich nicht, sondern meine Zwillingsschwester.

 ALBERT: Natürlich. (ungläubig) Sie haben eine Zwillingsschwester?

 FRAU: Aber sicher. Mein Mann und ich lernten uns ja auf einem Ball der Zwillinge kennen. Meine Schwester wohnt in München, aber jetzt steht sie vor der Tür. Merkwürdig, nicht? Überhaupt nicht merkwürdig, weil ich meiner Schwester einen Brief geschickt habe, in dem steht, dass ich meine Mann verdächtige, mich umzubringen, des Geldes wegen. Natürlich habe ich ihr nicht geschrieben.

 ALBERT: Verstehe. Sie haben angerufen.

 FRAU: Nein! Wozu denn! Passen Sie doch auf.. Ich bin ja meine eigene Zwillingsschwester, wieso soll ich mir schreiben? Mit diesem Brief und dem beigefügten Testament werde ich meinen Mann, in diesem Fall meinen Schwager, zwingen, den letzten Wille seiner Frau auszuführen: eine Villa im Grünen mit Swimming­pool. Die bekommt nämlich die Zwillingsschwester, das steht im Testament, das heißt: ich bekomme jetzt endlich meine Villa. Und dann, Albert, dann ziehen wir dort ein, ich mit Ihnen und dem anderen Personal und es beginnt ein neues, herrliches Leben.

 ALBERT: Und Ihre Zwillingsschwester in München?

 FRAU: Ach herrjeh‚ seien Sie doch nicht so pingelig. Vielleicht hab ich gar keine Zwillingsschwester und ich hab damals meinen Mann belogen? Er war übrigens auch auf dem Zwillingsball, ja, richtig, das sagte ich schon, und er war auch allein, denn sein Zwillingsbruder lebt in Amerika. Wir fanden das damals sehr lustig. Aber jetzt ran an die Arbeit. Je schneller, je besser, sonst entscheide ich mich in meinem Zorn noch für eine echte Kugel.

 ALBERT: Pardon, Madam, dann würden Sie ja richtig erschossen.

 FRAU: Wie? Aber natürlich, gut, dass Sie mich daran erin­nern.. Wissen Sie, mein Hass reißt mich manchmal hin.

 (MANN kommt, mit der Pistole in der Hand)

 FRAU: Da ist er schon. (laut) Liebling! Möchtest du auch einen Kaffee? Mir ist danach. (zu ALBERT) Nein, bleiben Sie bei meinem Mann. Vielleicht braucht er Sie noch. Diesmal koch ich den Kaffee.

 MANN: Mach mir den bloß nicht zu stark. Und nicht zu viel Gift.

 FRAU (lacht hysterisch): Er ist immer so komisch, nicht wahr? Bitte, Albert, kümmern Sie sich um seine Pistole. Tut mir leid, was ich getan habe. Putzen Sie das kostbare Stück auf Hochglanz. Sie muss richtig funkeln. Liebling, gib ihm die Pistole, ja? (ab)

MANN: Was hat sie? Eine geistige Umnachtung?

 ALBERT: Wie meinen?

 MANN: Sie ist so liebenswürdig. Da steckt doch was dahinter. Na, bald ist eh alles vorbei. (spielt mit der Pistole, nachdenklich) Albert ...

 ALBERT: Gnädiger Herr wollen mir die Pistole zum Reinigen geben?

 MANN: Nein. Kommen Sie, setzen Sie sich..

 ALBERT: Wenn Sie gestatten, ich stehe lieber. Und würden Sie die Waffe bitte beiseitelegen?

 MANN: Aber natürlich. (legt die Pistole auf den Tisch) Und Sie setzen sich. Bitte. (ALBERT setzt sich) Ich will.. hm... sozusagen... von Mann zu Mann mit Ihnen sprechen. Nicht wahr... Wir kennen uns zwar erst seit ein paar Wochen, aber Sie sind schon wie ein guter Freund für mich. Sie haben mich ja auch in den... sozusagen... intimsten Augenblicken erlebt. In den widerlichen Momenten mit meiner Frau. In diesen in jeder Hinsicht Ekel erregenden Momenten. So kann das nicht weitergehen, darin werden Sie mir sicher beipflichten. Und was könnten wir für eins chönes Leben führen! Auf einer Yacht in der Südsee, über uns nur Himmel und geblähte Segel. Niemand ärgert uns, niemand nervt uns. Was sagen Sie dazu, Albert?

 ALBERT: Ein Paradies, gnädiger Herr.

 MANN: Ach hören Sie doch auf mit “gnädiger Herr“. Ich sag ja auch Albert zu Ihnen. Ich heiße Harry.

 ALBERT: Sehr liebenswürdig, Herr Harry.

 MANN: Gut. Wir stimmen also überein. Ich würde Sie gern auf meiner Yacht mitnehmen, ich schätze Ihre Diskretion, Ihre Aufmerksamkeit, Ihre weltmännische Art. Ja, ich kann Ihnen versichern, ich habe mich so an Sie gewöhnt, dass ich Sie nicht mehr missen kann. Es geht sogar so weit, dass ich jetzt auf Sie angewiesen bin. Ich brauche Sie!

 ALBERT: Sie schmeicheln, Herr Harry.

 MANN: Geschmeichelt wird bei mir nicht, das wissen Sie doch. Ich brauche einen kleinen Dienst von Ihnen. Es sieht vielleicht ein bisschen merkwürdig aus.. Ja, Sie werden es nicht glauben: Mein Frau will, dass ich sie erschieße.

 ALBERT (überrascht): Oh!

 MANN: Nicht Sie, Albert! Meine Frau soll ich erschießen.

 ALBERT: Oh!

 MANN: Überrascht?

 ALBERT: Ich muss gestehen...

 MANN: Anders kann ich mir ihre ständigen Provokationen nicht erklären. Und jetzt passen Sie auf. Eine Frau in ihrem Hass ist zu allem fähig, sogar zur Aufopferung ihres Lebens. Ich soll sie erschießen, damit ich den Rest meines Lebens im Knast verbringe, so pervers grausam ist sie. Aber ich bin ja nicht dumm. Ich habe mir einen Plan ausgedacht, der ihren Plan durchkreuzt und alle meine Probleme mit einem Schlag löst. Ich werde mich erschießen.

 ALBERT: Sie (Pause) sich? Darf ich wissen, warum?

 MANN: Ja, weil sie mich verfluchtnochmal zur Verzweiflung treibt, das hat sie davon. Bei einer der übli­chen Auseinandersetzungen, möglichst noch heute, werde ich die Waffe gegen mich richten und dann... päng. Ich werde das im Nebenzimmer tun, allerdings bei geöffneter Tür, damit sie es auf jeden Fall sieht. Das haut sie um.

 ALBERT: Sie auch, gnädiger Herr. Harry.

 MANN: Wieso? (lacht) Achja ... Aber das Wichtigste kommt noch.

 ALBERT: Das dachte ich mir.

 MANN: In der Pistole ist natürlich eine Platzpatrone, es knallt also bloß, aber das weiß sie nicht... Und jetzt passen Sie auf. Ihre Aufgabe ist folgende: Meine Frau sieht mich tödlich getroffen am Boden, sie ist..

 ALBERT: Entsetzt.

 MANN: Das auch. Aber vor allem wütend, irrsinnig vor Wut und dann auch vor Angst: Ein Selbstmord bei uns, was sollen die Leute denken? Also schlagen Sie ihr in Ihrer so ruhigen und dafür so überzeugenden Art vor, die Leiche wegzuschaffen und zu verscharren. Sie ziehen mich, den scheinbar Toten, aus dem Zimmer, lassen mich draußen frei, kehren zurück zum Tatort, wo jetzt ein Häuflein Elend sitzt, und servieren meiner Witwe...

 ALBERT (unterbricht ihn): Einen Kognak..

 MANN: Großartig, Sie denken schon mit.. Wir sind ein gutes Team, Albert. Sie dürfen dann meine Frau trösten, ich wünsche es sogar. Denn gleich darauf klingelt es. Und draußen steht.? Na, raten Sie mal.

 ALBERT: Der Inspektor? (Pause) Nein..

 MANN: Erraten. Kein Inspektor. Na? Wer ist es also? Sie kommen nie drauf. Es folgt Schock Numero zwei für meine Frau: Draußen stehe ich. (ALBERT fährt zusammen) Ist Ihnen nicht gut?

 ALBERT: Es berührt mich, Sie schon wieder am Leben zu sehn.

 MANN: Aber ich bin es doch gar nicht, es ist mein Zwillings­bruder! Das heißt natürlich, ich bin mein Zwillingsbruder. Ich habe nämlich einen Zwillingsbruder, der ist aber weit weg, in Texas. Aber wie der Zufall so will, steht er plötzlich vor der Tür. Wobei das mit dem Zufall nicht ganz stimmt, aber meine Frau weiß es nicht: Ich schickte meinem Bruder nämlich einen Brief, in dem ich schildere, wie meine Frau mich in den Selbstmord treibt

 ALBERT: Verstehe. Kommen Sie bitte zum Schluß.

 MANN: Geht Ihnen nahe, was? Aber, glauben Sie mir, danach geht es mir und Ihnen viel, viel besser..

 ALBERT: Der Schluss nach dem Schuss, bitte.

 MANN: Der Schuss nach dem Schluss... Ich meine, der Schluss nach dem Schuss ist ganz einfach. Ich, der Zwillingsbruder, sage meiner Schwägerin, dass ich alles weiß und das Testament von Harry besitze- Ich komme, um seinen letzten Willen auszuführen. Eine Yacht und eine Weltumsegelung. Sein Zwillingsbruder Jim, so der Wunsch des Toten, wird in Vertretung des Toten die Weltreise durchführen... mit Ihnen natürlich, Albert, und einer Klasse-Mannschaft und einem Koch, um den mich alle Kapitäne der Welt beneiden werden. Endlich sind wir glücklich, Albert.

 ALBERT: Wenn ich mir eine Frage erlauben darf: Und ihr Zwillingsbruder in Amerika?

 MANN: Ist vor vier Jahren in Amerika gestorben. Ich hab es meiner Frau nie erzählt.

 ALBERT: Welch ein glücklicher Umstand.

 MANN: Also, Sie wissen, was zu tun ist. Heute muss es geschehen, noch heute... bevor ich vor Ärger einen Herzinfarkt bekomme! (ALBERT zieht den Frack aus und zieht den Vorhang vor, ab. FRAU kommt aus der Kulisse mit einem Geburtstagskuchen und brennenden Kerzen)

 FRAU (singt): Happy birthday tou you.

 MANN ( verwirrt): Was soll das?

 FRAU (stellt den Kuchen auf den Tisch): Ich gratuliere dir zu deinem Geburtstag. (geht an die Rampe, wendet sich zum imaginären Publikum) Liebes Publikum! Viele Jahre hat er auf dieser Bühne gespielt, Sie kennen ihn alle, seine Rollen waren groß oder klein, er jedoch war immer groß, er war bescheiden, soweit es ein Schauspieler sein kann, er war tapfer, soweit die Schmerzen ihn und nicht andere betrafen, er war sich und mir treu, er hat es verdient, dass Sie seinen fünfzigsten Geburtstag mitfeiern, und daher überraschen wir ihn heute auf diesen Brettern, die sein Leben bedeuten. Er lebe hoch, hoch, hoch! (zu MANN) Und jetzt setz dich und hau rein.

 MANN (setzt sich): Ich hörte keinen Applaus.

 FRAU: Es war eine Ovation.

 MANN (nach einer Pause, steht auf und geht an die Rampe): Verehrtes Publikum! Auch ich möchte etwas sagen.. Hätte das Theater nicht solche Frauen wie sie, dann gäbe es nicht solche Schauspieler wie mich. (verneigt sich vor seine Frau) Ich danke dir. (setzt sich)

 FRAU: Meinst du das ehrlich? (ruft) Albert, wo bleiben Sie denn!

 MANN: Eigentlich werde ich 55.

 FRAU: Psst! Wen geht das was an..

 MANN: Ach was! Genug Heuchelei.. Ich werde 70.

 FRAU: Jetzt übertreibst du aber..

 MANN (lacht leise): Ja. In diesem Fall kann man nicht genug übertreiben. Man muss sich heute älter machen, um jung auszusehen.

 FRAU: Albert, wo bleiben Sie denn!

 ALBERT (kommt im Frack als Butler, in den Händen ein Tablett mit Weinflasche und Gläsern): Pardon, Madam. Ich suchte im ganzen Haus einen Korkenzieher. Leider fand ich keinen. (stellt alles auf den Tisch, bleibt neben FRAU in Butlerhaltung stehen)

 MANN: Was für ein armes Theater. Aber passen Sie jetzt mal auf, Albert, ich zeig Ihnen was. Erin­nerst du dich, Nicki? Fröken Julie. Ich war der Knecht, und da war diese Rotweinflasche, ich, der Knecht sollte sie aufmachen. Ich nahm also die Flasche und dann ein Küchenmesser... Ich brauch jetzt ein Küchenmesser. Oder sonst was Spitzes. (wendet sich an ALBERT) Haben Sie ein Taschenmesser bei sich?

 ALBERT: Nein. Wenn Sie gestatten... Vielleicht mein Schlüsselbund? (zeigt ihm die Schlüssel)

 MANN: Passt auch. Geben Sie her... (nimmt sie, versucht mit einem Schlüssel den Korken hineinzustoßen) Ich musste nämlich mit dem Messer den Korken in die Flasche stoßen. Der Regisseur meinte, das wäre wie.. naja .. eine Entjungferung .... Schiet. (gibt auf) Ich schaff es nicht.

 ALBERT: Erlauben Sie? (nimmt das Schlüsselbund, stößt mit dem ersten Stoß den Korken in die Flasche, es spritzt. FRAU juchzt auf)

 MANN (applaudiert): Bravo, bravo! (mechanisch) Sie können gehen..

 

(ALBERT blickt FRAU an. Sie nickt. ALBERT ab)

 

MANN (leise): Der hat nicht mal geprobt... Nicki, ich werde alt.

 FRAU: Die Flasche damals war doch präpariert.

 MANN: Nein, war sie nicht.

 FRAU: Bühnenarbeiter sind nun mal kräftiger als Schauspieler.

 MANN: Danke für den Trost. Aber nicht nötig. Auf dein Wohl. (trinkt) Wo ist Albert? Er soll unser Gast sein.

 FRAU: Du hast ihn gerade weggeschickt.. (Sie läutet)

 ALBERT (kommt): Haben geläutet?

 FRAU (kichert): Er kann das schon im Schlaf..

 MANN: Ja, ein Wunder an Talent.

 ALBERT: Wie meinen?

 MANN: Sie sollen mitfeiern.. Setzen Sie sich..

 ALBERT: Gestatten: Wo?

 FRAU: Ganz recht... wo?

 MANN: Na so was.. . kein Stuhl! Sparmaßnahmen der Direktion, Albert.

 FRAU: Suchen Sie sich eine Sitzgelegenheit.. Aber brechen Sie sich nicht den Hals.

 ALBERT: Ich tue mein möglichstes. (ab)

 FRAU: Er ist schon ganz mit seiner Rolle verwachsen.

 MANN: Ja, ein gefährdetes Talent. Ob wir ihn nicht für das Leben verderben?

 FRAU: Seit wann verdirbt Schauspielen für das Leben? Es ist ein Schauspiel. (Während des folgenden Dialoges hört man dann und wann im Dunkeln Poltern)

 MANN: Zu 60 Kerzen hat das Geld wohl nicht gereicht, was? (beginnt zu zählen)..

 FRAU: Es sind 25. So alt bist du in meinen Augen.

 MANN: Ich wünschte, ich hätte deine Augen.

 FRAU: Puste sie aus.. (MANN tut es) Was hast du dir gewünscht?

 MANN: Weißt du das nicht? (Pause) Ich liebe dich, Nicki. Und ich begehre dich. Du hast noch immer den kleinen hungrigen Mund. Der Butler möge das Bett bereiten..

 FRAU (lach): Und du noch immer das jungenhafte Strahlen in den Augen.

 MANN: Das liegt am Wein.

 FRAU: Früher hättest du gesagt, es liegt an mir.

 MANN: Verzeih, ich vergaß.

 FRAU: Es ist dir verziehn. Wenigstens heute. Ich freue mich auf die nächsten Jahre mit dir.

 MANN: Auch, wenn wir arbeitslos sind?

 FRAU: Und wenn wir Straßentheater machen?

 MANN: Um Himmels willen! Ich sehe dich schon plattgewalzt unter den Autos liegen..

 FRAU: Nicht auf Straßen. In Fußgängerzonen. Wir hätten immer ein volles Haus.

 MANN: Aber das Haus wäre mit sich selber beschäftigt. Nein, nein.. es sollte schon eine Bühne sein. Das ist das Problem. Nicht das Geld, ach, das Geld... (wegwerfende Geste)

 FRAU: Aber alles muss bezahlt werden. Auch das Geringste.

 MANN: Dann werden wir nichts kaufen. Auch nicht das Geringste.

 FRAU: Und verhungern.

 MANN: Das überlass mal mir.

 FRAU: Das Verhungern?

 MANN: Das Ranschaffen von Atzung. Als Steppke hab ich im zerbombten Berlin die ganze Familie versorgt. Was denkst du, welche Tricks ich drauf hatte.. und damals war ich noch gar nicht so was.. Schauspieler.. (trinkt) Ich hätte gern noch mal in einem saftigen Volksstück gespielt. Was zum Lachen! Es gibt so viel zum Heulen... (schweigt) Nicki, ich bin ein Relikt. Unsere Zeit ist vorbei. (springt auf) Nein! Wer sagt das! Lass uns tanzen, Nicki. Wie früher.. Hörst du? Die Rolling Stones. (tanzt. FRAU steht auf, tanzt auch, jeder für sich)

 FRAU: Und ich die Beatles! (Aus dem Dunkeln kommt SCHNEIDER, ganz in Schwarz gekleidet, und tanzt zwischen MANN und FRAU vorbei wieder ins Dunkel, MANN sieht es, tanzt aber weiter, MANN bleibt ruckartig stehen, zu FRAU)

 MANN: Hast du gesehen?

 FRAU: Was?

 MANN: Den Theaterdirektor! Dieser Scheißkerl. Der war hier! Er hat da getanzt zwischen uns..

FRAU: So würde der nie tanzen.

 MANN: Stimmt. Hab ich etwa Halluzinationen? Oder.. Warte mal.. (ruft) Albert!

 FRAU: Du siehst schon Gespenster.

 MANN: Du siehst, er verfolgt mich, aber ich sage dir: ich werde ihn noch erschießen, schade, es geht nicht mehr auf offener Bühne .. Vielleicht war es auch Albert .. Wo ist er? Was treibt der Kerl? (ruft) Albert! (läutet)

 ALBERT (kommt, eine Krone auf dem Kopf): Haben geläutet?

 MANN: Allmächtiger.. Schon wieder ein anderer!

 FRAU (kichert): Philipp der Zweite, König von Spanien.

 ALBERT: Steht mir, wa? Bin in de Schatzkammer jeraten.

 MANN: Reden Sie anständig! (mustert ihn von allen Seiten, prüft sein Gesicht) Ist das Schminke?

 ALBERT: Staub.. Ich hab im Kronschatz je.. gewühlt.

 MANN (gibt es auf): Na schön.. Trinken Sie mit uns ein Glas, ich habe Geburtstag

 ALBERT: Herzlichen Glückwunsch.. Auf welchen Jahrgang darf ich aufstoßen?

 FRAU (kichert): Noch nichts getrunken, aber schon beschwipst.. (gießt ALBERT ein Glas ein)

 ALBERT: Stimmt nicht.. Ein Jespenst hat mir im Dunkeln ne Flasche gereicht und jesacht, ich soll ma nippeln... Pardon.. Soll ich’s noch mal auf anständig sagen?

 MANN: Ist mir egal... Jetzt ist Pause..

 FRAU (reicht ALBERT das gefüllte Glas): Trinken Sie auf sein Wohl, Albert!

 ALBERT (hebt das Glas): Auf den größten Schauspieler der Welt! (trinkt)

 MANN: Das war mächtig übertrieben, Albert, aber sehr nett. Und was halten Sie von meinem Stück?

 ALBERT: Ich befinde mich noch in der Urteilsfindung..

 MANN: Gut so. Warten Sie noch mit dem Urteil. Das Wichtigste kommt nämlich erst noch. Und dazu brauchen wir Sie und zwar nüchtern. Es reicht. (nimmt ihm das Glas aus der Hand, stellt es auf den Tisch, eine Hand kommt hinter ihm aus dem Dunkeln, und reicht das Glas ALBERT. Dieser nimmt es, verbeugt sich dankend Richtung verschwundener Hand und trinkt. MANN ertappt ihn.) Jetzt säuft er doch schon wieder!

 ALBERT: Mit Verlaub. Das Gespenst..

 MANN: Lassen Sie das. Mein Stück ist spannend genug! (ALBERT verbeugt sich zum Publikum, trinkt ihm zu)

 FRAU (kichert): Ja, und außerdem sind wir Einbrecher.

 MANN: Was?

 FRAU: Er musste das Schloss aufbrechen.

 ALBERT: Genau. Ein Brecher bin ich auch. Pardon. Verbrecher. (trinkt. MANN nimmt ihm das Glas ab, stellt es vor sich auf den Tisch. ALBERT lauert auf das Gespenst, dreht den Kopf manchmal ins Dunkel)

 FRAU: Man hätte uns das nie erlaubt...

 MANN (zu ALBERT): Warum wackeln Sie? Setzen Sie sich!

 ALBERT: Zu Befehl. (schaut sich um) Wo?

 MANN: Holen Sie sich einen Stuhl. (ALBERT ab.) Jetzt aber mal ehrlich. Raus damit. Warum tust du das?

 FRAU (unsicher): Was meinst du?

 MANN: Du weißt genau, dass ich heute keinen Geburtstag habe. Heute nicht. Nicht heute!

 FRAU: Weißt du, ich dachte..

 MANN: Ich werde sechzig, ja, sechzig... aber später! Viel später.. Erst in fünf Wochen. (immer heftiger) Willst du mich lächerlich machen? Nimmst du etwa die Uraufführung meines Stückes zum Anlass, um aller Welt zu zeigen, dass der Autor ein alter Knacker ist?

 FRAU (entsetzt): Harry..!

 MANN: Du willst es mir heimzahlen, nicht wahr? Du willst dich rächen. Für all die Jahre, wo ich der Star und du nur das Sternchen warst... Jetzt ist der Augenblick da. Du präsentierst mich dem Publikum, hier ist der Schröder, gratuliert ihm, und insgeheim freust du dich, dass du mich in aller Öffentlichkeit zum Greis machen kannst. (springt auf, packt sie) Du ... (lässt ab, setzt sich wieder)

 FRAU (erschrocken): Spinnst du?

 

MANN (ruhig): Hab ich erst in fünf Wochen Geburtstag oder nicht?

 FRAU: Ja, doch... Aber ich dachte.. in diesem Rahmen könnten wir.. dir zur Freude.. ja, zur Freude schon heute den Geburtstag feiern! (ausbrechend) Weißt du denn, was in fünf Wochen ist? Kannst du dir deinen Geburtstag vorstellen? Zuhause? In unseren vier Wänden? Du wirst schon am Morgen fliehen. Wahrscheinlich hängen wir dann in irgendeiner Bar rum. Bis spät in die Nacht.. (schluchzt auf) Du hattest einmal gesagt, dein Traum sei, den Sechzigsten auf der Bühne zu feiern.. Bitte.. Heute konnten wir’s noch. Denn morgen bauen sie hier um. Dann gibt es überhaupt keine Bühne mehr für uns!

 MANN (zerknirscht) : Entschuldige. Verzeih mir, Nicki, bitte. Der Zirkusgaul ging mit mir durch. (lacht gezwungen) War fast wie Strindberg, was? Aber weißt du ... Meine Nerven. Ich denk jetzt immer das Schlimmste. Und dann .. Sieh mich doch an! Ich habe mich verändert, und die Veränderung geht weiter, von Minute zu Minute. Jedesmal, wenn ich in den Spiegel sehe, erschrecke ich. Mein Gesicht fängt an zu verschwimmen, blass ist es, konturenlos, ganz sachte löst es sich auf. Eines Tages.. ein Wind­zug... Und mich sieht ein leerer Spiegel an.

 FRAU (nimmt seine Hand) Bitte, sieh mich an. Nicht, dass ich mit dem billigen Scherze kommen möchte: sieh in den Spiegel meiner Augen. Sieh mich an, wie ich bin! Bin ich anders als du? (MANN tut es) Du weinst?

 MANN (lächelt): Wie ich das kann, was?

 FRAU: Ich will dir was sagen. Das Leben ist noch lang nicht vorbei. Nicht, wenn du es nicht willst! Wir haben noch viel Arbeit vor uns... Und viel Spaß. Was hältst du davon, wenn wir uns irgendwo einen Raum mieten und Zimmertheater machen, wortwörtliches Zimmertheater? Und wir spielen nur für ausgesuchte Leute.

 MANN: Ausgesuchte Leute? (lacht leise) Du warst schon immer ein kleines arrogantes Luder. (ruhig) Die Tränen waren gespielt.

 FRAU: Wie gut!

 ALBERT (kommt, schleppt einen Königsthron mit sich): Da hab ich so wat wie ne Sitzjelegenheit. (schiebt ihn an den Tisch, plumpst hinein)

 MANN: Jetzt hat der König zu seinem Thron gefunden. Gratuliere. Aber zu spät. Majestät, wir spielen weiter, und zwar mein Stück, nicht Ihres. (nimmt ihm die Krone ab) Und jetzt kommt das, was an meinem Stück genial ist. Also reißen Sie sich zusammen. Denn jetzt hat der Autor aufgehört, am Stück zu schreiben und gibt es in die Obhut der Schauspieler. Und Sie sind der Schauspieler, der ausgewählt ist, an meinem Stück weiterzuschreiben und einen Schluss zu finden. Also bitte, Albert, wie geht’s weiter?

 FRAU: Sind Sie bereit, Albert?

 ALBERT: Warten Sie... Ich setz mich erst mal.. (will sich in den Thron setzen)

 MANN: Himmel, er ist betrunken..

 ALBERT (streng): Nein. Ich verbitte mir! Beim Nachdenken muss ich sitzen, sonst kann ich mich nicht konzentriern. Und lassen Sie mich allein, Sie stören bloß..

 MANN: Nein, das Ding geht zurück in den Orkus. Schon Brecht sagte, Sitzen ist der erste Schritt zum Schlaf.. Oder so ähnlich... Denken Sie nach im Stehen! Und beeilen Sie sich mit dem Nachdenken. (MANN und FRAU ab)

 

ALBERT: Erst muss ich's in den Muckis haben und und denn ooch noch im Kopp. (ab mit dem Thron in Dunkel. Von unsichtbarer Hand wird der Thron wieder auf die Bühne geschoben. ALBERT kommt, wieder im Frack, stutzt) Hochverehrtes Publikum! (äugt zum Thron) Ich soll Ihnen, hochverehrtes Publikum, mitteilen, dass der Vorhang vorgezogen ist und ich vor dem Vorhang stehe. (schielt immer wieder zum Thron, geht schließlich hin, setzt sich, vergnügt) Ein sehr höfliches Gespenst.. (laut) Also, Herrschaften, ich soll nämlich denken, und zwar so, dass Sie mitdenken können. Das heißt, ich muss laut denken. Und wenn ich schon denken muss, denn will ich (heftiger werdend) so denken, wie ich det jelernt hab, nämlich in meiner Kindersprache. Also.. Det kann mir sowieso keener verübeln, weil, im Grunde denk ich ja im Stillen, det hört ja keener... Also in Wirklichkeit könn‘n Se det jar nich hörn, wat ich jetzt laut denke. Also... jetzt denke ich. Ja, wat denke ich? Dem Autor von dem Stück ist die Puste ausgegangen, der weiß nicht mehr wie’s weiterjeht.. Und jetzt soll ich ihm aus dem Schlamassel helfen. Das ist eine große Verantwortung. Also da sind zwei und jeder will vom andern sein Geld und der arme Butler soll es den beiden geben. Wat tut er da? Ja, das ist eine große Verantwortung . Nee, da muss ich erst mal ne Nacht drüber schlafen ..

MANN (kommt): So geht es nicht. Sie sitzen ja doch und es ist genau das passiert, wovor ich Sie gewarnt habe: Sie reden wie im Schlaf. Runter da! Sie sind kein Penner auf einem Thron.. Sie sind Butler in einem Kriminalstück! (zieht ALBERT vom Thron, stößt den Thron mit einem Fußtritt ins Dunkel) Und dann lassen Sie um Himmels Willen das Berlinern.

 ALBERT: Verlangen Sie nicht zu viel von mir, mein Herr!

MANN: Ich gebe Ihnen einen Tipp. Die Frage lautet doch: Wer darf seinen Plan durch­führen? Die Frau oder der Mann?

 ALBERT: Nu passen Sie mal auf.. So einfach is det ... ist das nicht. Das sind ja zwei Halunken, die .... Hörn Sie mal, jetzt hab ich sogar schon das Ende vom Stück. Perfekt.. Das ist ne richtige Bombe. Also .. . Und denn .. Aber das zeig ich Ihnen lieber. Holen Se schon mal die Madam..

 MANN: Jetzt schon der Schluss? Das hat doch grade erst angefangen. Mein Lieber, das passt in unsre Zeit. (ab)

 ALBERT (zieht sich die Jacke aus): Achtung! Nu geht’s los.. Ich zieh jetzt den Vorhang uff ... Wo bleiben Sie denn? (MANN und FRAU kommen.) Setzen Sie sich. (Sie setzen sich.) Jut. Also, jetzt geht der Vorhang uff. und denn sind wir alle drei in der juten Stube.. (zieht den Vorhang auf, er zieht wieder die Jacke an)

 

 ALBERT (als Butler, zur FRAU): Haben geläutet?

 FRAU (mürrisch): Nein, hab ich nicht.

 ALBERT (zu MANN): Haben geläutet?

 MANN (ebenso): Nicht dass ich wüsste.

 ALBERT (nimmt die Glocke, läutet, stellt sie hin): Habe selber geläutet. Ich möchte den Herrschaften etwas mitteilen.

 MANN: Na, da sind wir aber neugierig.

 ALBERT: Jawohl. Ich kündige. Ich verlasse Sie und zwar fristlos, als Folge der Aufträge des gnädigen Herrn und der Madam. Was Sie mir zumuten, läuft über und das Maß ist voll..

 MANN: Was für Aufträge? Ich kenne keinen.

 FRAU: Ich kann mich nicht erinnern, Ihnen einen gegeben zu haben.

 ALBERT: Sie wissen das nicht mehr? Also wissen Sie!

 MANN: Legen Sie los, wir hören.

 ALBERT: Gut, auf eigene Gefahr. Ich will's vorsichtig sagen. (zum MANN) Die Madam gab mir den Auftrag, Ihre sämtlichen Waffen auf den Sperrmüll zu schmeißen..

 MANN (fährt hoch): Was ...

 ALBERT (zur FRAU): Und Ihre schönen Fotos im Großformat, Madam, aus der Karibik vor sechs Jahren, die musste ich im Auftrag Ihres Herrn Gatten verbrennen. Nur die Aktfotos hat er behalten, die will er für Geld an eine Zeitung schicken.

 MANN (sehr erregt): Meine Waffen!

 FRAU (ebenso): Meine Fotos!

 MANN: Ha! (nimmt die Pistole vom Tisch) Aber die habe ich noch.

 FRAU: Gib sie mir! Nein, warte, du darfst sie behalten...  Albert! Er will mich erschießen. Hilfe!

 MANN: Ohne Waffen. Was hat das Leben dann noch für einen Wert. Da kann man sich doch gleich erschießen. (geht pantomimisch ins “Nebenzimmer“, die Tür weit offen lassend, er bleibt sichtbar auf der Bühne)

 FRAU (rückwärts gelehnt, mit geschlossenen Augen): Bitte, nicht schießen, erschieß mich nicht, bitte nicht!

 (MANN erschießt sich, fällt, liegt wie tot)

 

 FRAU (schaut auf): Hat er geschossen?

 ALBERT: Ja.

 FRAU: Aber was ist das dort? (deutet auf MANN)

 ALBERT: Ihr Selbstmörder.

 FRAU: Wie bitte?

 ALBERT: Der Selbstmord des Herrn Gatten, Madam. Wissen Sie was? Die Geschichte kriegt Fahrt. Ich hab zwar gekündigt, aber jetzt steh ich Ihnen bei.

 FRAU: Das ist lieb. Aber hören Sie... Wir hatten es doch anders geplant. Mich sollte er erschießen.

 ALBERT: Ein Stümper, Madam.. Hat auf Sie gezielt und sich getroffen.

 FRAU: O! Und was jetzt?

 ALBERT: Bitte geruhen, sitzenzubleiben. Sie haben verständlicherweise einen Nervenzusammenbruch. Der Kognak kommt gleich (schleift MANN ins Dunkel, kehrt zurück, füllt ein Kognakglas)

 FRAU: Nein, wie rücksichtslos von ihm. Was sollen die Leute denken? (Besinnt sich) Aber es war doch eine Platzpatrone?

 ALBERT: Leider nicht. In Anbetracht meiner geplanten Kündigung hatte ich den Austausch der Patronen unterlassen. (trinkt das Glas aus, füllt es wieder, stellt es auf das Tablett) Darf ich Ihnen jetzt einen Kognak anbieten? (geht mit dem Tablett und dem Glas zur FRAU)

 FRAU: Und so war doch mein Plan nicht. Warum haben Sie nicht meinen Plan ausgeführt?

 ALBERT: Ihr Herr Gatte zog schneller. Pardon. Ihr Herr Gatte war schneller.

 FRAU: Muss ich den Anflug von Albernheit bei Ihnen so deuten, dass Sie für meinen Mann mehr Sympathie hegen als für mich?

 ALBERT: Madam, ich steh auf Frauen.

 FRAU: Dann hat der wohl uns beide hinters Licht geführt.. Wie soll es nun weitergehen? Ich bin.. so hilflos...

 ALBERT: Erlauben Sie mir, die Führung zu übernehmen?

 FRAU: Bitte.

 ALBERT: Wohlan.. Wie wär’s mit einem Tröpfchen? Pardon.. Einen Kognak? (reicht ihr das Tablett, sie nimmt das Glas, trinkt abwesend) Und wenn Sie gestatten, mir auch.

 FRAU: Bitte. (ALBERT geht zum Tisch, schenkt sich ein)

 ALBERT (hebt das Glas): Auf Ihr Wohl, Madam! (trinkt) Na, det schmeckt, wa... Denn will ich ma noch eenen.. (will sich eingießen)

 FRAU (scharf): Albert!

 ALBERT (zuckt zusammen): Pardon. Sehr wohl.

 FRAU: Bitte trinken Sie nicht mehr. Wir müssen jetzt unbedingt nüchtern bleiben.. (Es rasselt ein Wecker) O Gott! Es klingelt!

 ALBERT: Ein Wecker! Wem darf ich das Frühstück servieren?

 FRAU: Nein, das war unsere Klingel. Mein Mann hat sie so lächerlich eingestellt. (Der Wecker rasselt.)

 ALBERT: Absolut getroffen, Madam, eine lächerliche Klingel.

 FRAU (angstvoll): Wer wird das wohl sein?

 ALBERT: Der Inspektor, Madam. In derartigen Fällen handelt es sich immer um einen Inspektor.

 FRAU: Dann öffnen Sie nicht. Wir sind einfach nicht da. (Der Wecker rasselt.)

 ALBERT: Wenn es ein erfahrener Inspektor ist, hat er einen Kaugummi auf die Klingel geklebt. (Der Wecker rasselt.) Ein alter Hase.

 FRAU: Dann machen Sie in Gottes Namen au.!

 ALBERT: Sehr wohl.. (geht ab ins Dunkel, kommt zurück mit MANN, dieser ist neu gekleidet: Jackett und Cowboyhut.)

 

FRAU (fährt hoch): Harry! Du lebst!

 MANN (mit amerikanischem Akzent): Sorry, Schwägerin, it’s me. Ich bin Jim, Harrys Bruder, Ähnlichkeit verblüffend, aber logisch, wir sind Zwillinge. Komme gerade aus Texas, yes.. (zum feixenden ALBERT) Das finden Sie, wie sagt man.. komisch?

 ALBERT: Pardon, Herr Jim. Darf ich um Ihren Hut bitten?

 MANN: No, Sir. (zu FRAU) Was ist das? (deutet zu ALBERT)

 FRAU: Unser Butler. (ungläubig) Du bist Jim? Über zwanzig Jahre bin ich mit Harry verheiratet und erst jetzt lern ich dich kennen.

 MANN: Ich hatte geschäftlich zu tun... Aber jetzt.. Habe da einen Brief von Harry, sehr erstaunlich, mit Ankunft.. Sorry. Mein Deutsch ist nicht mehr so gut.. Mit Ankündigung seines Selbstmordes. Wo ist er?

 FRAU: Wer?

 MANN: Na wer wohl? Dein Mann, seine Leiche, Schwägerin! (schaut sich um) Leiche schon verscharrt, wie? So komme ich, sein Vermögen einlösen.. Sorry, sein Vermächtnis einlösen. (zieht ein Papier) Black auf white: Du hast ihm das Leben gemacht zur Hölle. Nicht einmal eine Yacht durfte er kaufen. Armer Kerl träumte seit Kindheit von Worldreise. Jetzt soll ich das tun. So steht es in Testament. (winkt mit dem Papier) Du sollst nach seinem Tod dieses tun: Du gibst mir Yacht und Geld für Weltreise.

 FRAU: Ich denke nicht daran.

 MANN: Was sagtest du?

 FRAU: Ich denke nicht daran.

 MANN: Damned. Du bist so brutal, wie mein Bruder geschrieben.

 ALBERT (reicht MANN Pistole): Gestatten, das war Ihres seligen Herrn Bruders Lieblingsspielzeug. (Er zwinkert FRAU zu)

 MANN: Thank you. Habe selbst genug Guns auf meiner Ranch.

 ALBERT (noch immer zwinkernd zu FRAU): Nehmen Sie! Rächen Sie Ihren Bruder! Erschießen Sie die brutale Ehefrau.

 FRAU (begreift, lehnt sich zurück, schließt die Augen): Nein! Bitte nicht.. Nicht schießen!

 MANN: Sorry, wieso?

 ALBERT (wütend): Schießen Sie! Sie sind aus Texas, Mann!

 FRAU(hysterisch): Hilfe! Nicht schießen! Nein! Hilfe!

 MANN: No. Ich schieße nie auf schwache Frauen.

 ALBERT: Mir langt‘s. (nimmt MANN die Pistole ab, zu FRAU) Er ist ein Feigling, entschuldigen Sie! (schießt, FRAU sinkt zusammen)

 MANN: Damned.. (steht auf) Sie haben sie erwischt.

 ALBERT: Bei der Entfernung immer. Wenn Sie sich bitte setzen wollen. Ihnen geht es nicht gut. Sie haben einen Nervenzusammenbruch.(MANN setzt sich) Gestatten Sie, dass ich Ihre Schwägerin ent­ferne.

 MANN: Tun Sie das, old boy... Ich bin ein wenig geschwächt..

 ALBERT: Ja, Herr Jim, für das alte Europa braucht man Nerven. (schleppt die “Leiche“ ins Dunkel, kehrt zurück)

 MANN: Und jetzt, mein Freund?

 ALBERT (geht zum Tisch, schenkt ein Glas Kognak ein): Gemäß abendländischer Sitte werden bei einem Sterbefall geistige Getränke gereicht. (geht zu MANN) Bitte. (MANN nimmt das Glas., ALBERT geht zurück zum Tisch, gießt sich ein Glas ein, hebt es) Auf die deutsch-amerikanische Freundschaft!

 MANN: Interessant. Sie haben geschossen..

 ALBERT: Sehr wohl. Man ist schon ganz schön amerikanisiert, was. Prost! (trinkt, MANN ebenfalls)

 MANN: Well, ich nehme das als Beweis von Freundschaft. Aber ich bin doch voll Sorge, Mann... Wenn jemand kommt und fragt..

 ALBERT: Die Herrschaften sind verreist. Zielort: Unbekannt. Rückkehr: Un-wahrscheinlich.

 MANN: Sehr gut. Dennoch...

 ALBERT: Kein Dennoch. Überlassen Sie das mir. Wie geht’s dem Nerven-zusammenbruch? Noch einen Kognak?

 MANN: No..

 ALBERT: Schade. (Weckergerassel) Schon wieder.

 MANN: Was ist das?

 ALBERT: Die Weckerklingel.

 MANN: Und wer klingelt?

 ALBERT: Der Inspektor. (lauscht, kein Klingeln) Ein noch junger Inspektor. Ich gehe öffnen. (ab, kommt zurück mit FRAU, die jetzt eine Perücke trägt und stark geschminkt ist, in der Hand eine Reisetasche)

 MANN: Jesus Christ, sie lebt!

 ALBERT: Pardon, kleiner Irrtum. Das hier ist die Zwillingsschwester.

 MANN (ungläubig): Zwillingssister?

 FRAU: Da staunst du, was? Ja, ich bin die Schwester deiner Frau, und du, Harry, hast sie ermordet. (stellt die Tasche ab) Keine Widerrede. Ich weiß alles..

 MANN: No no, Lady. Ich bin nicht Harry, ich bin Jim, Harrys Zwillingsbruder, ich suche Harry selbst, o.k.?

 ALBERT (zur FRAU): Ich bitte den Hut zu beachten. Männer in Texas werden damit geboren.

 MANN: Ich bin nicht geboren in Texas, ich bin ausgewandert.

 ALBERT: Der Hut ist angenäht. Kaum zu merken.

 FRAU: Und wo ist Harry? (sich umsehend) Aha, auf der Flucht... Hat den Schrank durchwühlt, was? Dachte wohl, unter den Hüten ist das Geld, wie? Nun, er irrt sich, meine Schwester hat es fest angelegt auf einem Bankkonto.. Übrigens... (ALBERT verschwindet unauffällig), in ihrem Brief an mich steht, dass ich ihr den letzten Wunsch erfüllen soll: Eine Villa im Grünen... Und ich werde ihren Wunsch erfüllen, niemand und nichts wird mich davon zurückhalten! Hier ist das Testament! (Sie wedelt mit einem Papier)

 MANN: Well.. Auch ich habe Testament. Im Namen meines armen Bruders fordere ich eine Yacht und Weltreise!

 FRAU: Dein Bruder ist auf der Flucht.

 MANN: No, er ist tot.

 FRAU: Nein!

 MANN: Geselbstmordet. Und ich habe Testament und - sorry, Lady - ich war vor dir hier. Yea, ich bin erster.

 FRAU: Das lässt sich ändern. (nimmt die Pistole vom Tisch) Ich erschieße dich.

 (ALBERT, in zerknittertem Trenchcoat, kommt, man bemerkt ihn, FRAU lässt die Pistole sinken)

      ALBERT: Störe ich? (deutet zurück) Entschuldigung, die Tür war offen. (will sich zurückziehen) Ich komm besser später noch mal. Wenn jemand noch schnell jemanden erschießen will, soll er das tun. Auf einen Mord mehr oder weniger komm es nicht an. (will gehen)

 FRAU (legt die Pistole zurück): Nein nein, nicht doch, bleiben Sie. Ich machte bloß einen Scherz. Aber vielleicht stellen Sie sich vor?

 ALBERT: Hab ich das nicht? (lacht) Nein so was, ich vergess das immer. Inspektor Klumbig, Mordkommission..

 MANN (verblüfft): Mord...

 FRAU: Sie meinen Columbo!

 ALBERT: Sie kennen meinen amerikanischen Bruder? Ja, er hat unseren schönen deutschen Namen amerikanisieren lassen. Ja, er soll eine Berühmtheit sein. Wir sehn uns ähnlich, äußerlich, aber sonst.. Zwillinge sind wir gerade nicht. Wissen Sie, ich habe mit ihm ein Problen. Auf einem Auge ist er blind. Er hat mir nie gesagt, auf welchem, wissen Sie es?

 MANN: Nehme an, Sie haben Ausweis?

 ALBERT: Natürlich... (sucht in den Taschen) Moment.. Ich hab ihn doch immer..(lacht auf) Na sowas! Er ist nicht da. Wis­sen Sie, jetzt fällt es mir ein, ich muss ihn erneuern lassen, das dauert immer ein paar Tage. Aber ich denke, wenn Sie mich genau ansehen, genügt das. Die Dame hat schon meine Ähnlichkeit mit meinem Bruder erkannt, dankeschön.. Übrigens Ihr Butler..

 MANN: Nicht mein Butler.

 FRAU: Meiner auch nicht.

 ALBERT: Nein? Merkwürdig. Er sagte was anderes. Na, jedenfalls traf ich ihn im Vorgarten. Gräbt ein Loch ... für einen Rosenbusch. Sagt er. Macht man das? Im Winter? Vielleicht bin ich da nicht auf dem neusten Stand, werde mal meine Frau fragen. Jedenfalls sagte der: Wenn die Herrschaft jetzt Rosenbüsche will, dann kriegt sie die, egal wie das Wetter ist. Toller Kerl. Wünschte, meine Frau hätte so eine Küchenhilfe. Ist eine Spanierin, spricht klasse spanisch, wir kein bisschen. Die ist vielleicht eigensinnig. Sie hört einfach nicht, was man ihr sagt.

 FRAU: Würden Sie so freundlich sein und uns den Grund Ihres Besuches mitteilen?

 ALBERT: Hab ich das noch nicht? (schlägt sich vor den Kopf) Ich bin vielleicht schusselig. Entschuldigen Sie. Da war ein Anruf. In Ihrem Haus sollen Schüsse gefallen sein. Zwei Schüsse. Vermutlich der Anruf eines Nachbarn. Reine Formsache. Ich stelle ein paar Fragen und dann unterhalten Sie sich einfach weiter. (deutet in die „Schrankecke“) Ihre Hüte? (schüttelt den Kopf) Die sehen ja schlimm aus. Der Hund, was? Wenn das meine Frau sähe. Sie mag Hunde sowieso schon nicht besonders, ich aber, wissen Sie, ich bin ein richtiger Hundenarr, ich habe ..

 FRAU (unterbricht ihn): Das war kein Hund, das war...

 MANN (unterbricht): Sorry, wissen nicht, wer. Sind nicht unsere Hüte. Wir sind nicht die Mieters dieses homes, wir sind... Well, ich bin der Zweiing... excuse me, Zwilling von ihm und sie die Zwillingin von ihr. Wir sind nur Besuch. Mein Bruder und sein wife sind verreist, Sie verstehen?

 ALBERT: Texaner, was? Man merkt’s am Akzent.

 FRAU: Und wir sind rein zufällig hier.

 ALBERT: Wenn ich Sie recht verstanden habe, sind die Wohnungsinhaber also nicht anwesend?

 MANN: Verreist, Sir.

 ALBERT: Aber sie haben ihren Butler dagelassen. Offenbar vergessen. Na klar, kann bei reichen Leuten schon mal vorkommen. Vergessen ihre Hunde, ihre Kinder, ihren Butler. Kann man ihnen nicht verübeln. Bei den Sorgen, die sie mit ihrem Geld haben.. Sie können also nichts sagen über die Schüsse? Vielleicht... (nimmt die Pistole vom Tisch) ... mit diesem Ding da?

 MANN: Nicht mein Ding.

 FRAU: Meines auch nicht.

 ALBERT (nickt): Dachte ich mir schon. Na, dann nehm ich sie mal mit, fürs Fundbüro. (schaut auf die Armbanduhr) Wie die Zeit vergeht! Jetzt muss ich mich aber beeilen. Muss noch Kartoffeln kaufen. Heute Abend gibt es bei uns nämlich Brat­kartoffeln mit Speck und Spiegelei. Schon mal probiert? Kann ich nur empfehlen. Na, dann noch einen schönen Abend (ab, dreht sich dann aber noch einmal um) Entschuldigen Sie, da ist noch etwas, was ich nicht ganz verstehe. Wie kann der Butler sagen, die Herrschaften wollen jetzt Rosenbüsche gepflanzt haben, wenn sie doch ver­reist sind? Weiß er nichts von der Reise? Aber sicher.. (schlägt sich vor die Stirn) Ganz bestimmt weiß er nichts von der Reise. Sonst wär er doch nachgefahren. (ab)

 MANN: Dass der old boy gerade im Vorgarten Rosenbüsche pflanzen muss!

 FRAU: Wo denn sonst?

 MANN: Well, im Keller. (ALBERT kommt, wieder im Frack)

 ALBERT (leicht aufgeregt): Haben Sie den komischen Kerl erkannt. Das war doch der...

 FRAU: Columbing, Inspektor Columbing..

 MANN: Ja, old boy, da haben Sie uns eine schöne Suppe eingebrockt! (ALBERT geht an die Bar, gießt sich ein Glas ein) Im Winter Rosenbüsche pflanzen!

 ALBERT: Also, was besseres fiel mir nicht ein.

 MANN (aus der Rolle fallend): Sie wissen nicht mehr weiter, was? Also ein Schluss war das jedenfalls nicht.

 ALBERT: Gestatten Sie, einen Nervenzusammenbruch. (gießt sich ein. MANN läutet. ALBERT zuckt zusammen, steht gerade) Haben geläutet?

 MANN: Suchen Sie sich einen richtigen Schluss aus, mir geht die Sache allmählich auf den Keks. Und wenn ein Stück seinem Autor auf den Keks geht, dann ... Ich hab keine Ahnung, was dann. Also finden Sie rasch einen Schluss.

 ALBERT: Sehr wohl, Herr Jim.. Harry.. Gnädiger Herr....

 FRAU: Vielleicht sagen Sie dem Inspektor einfach die Wahrheit?

 ALBERT (kratzt sich die Stirn): Um die Wahrheit zu sagen... Ich meine... (Pause) Welche Wahrheit eigentlich? Ich wüsste nicht, welche. Aber warten Sie ... Ich denke mal.... Klar! Ich hab‘s! (kurze Pause) Sie einigen sich! Ja, bitteschön, einigen Sie sich.

 MANN: Einigen? Wir?

 FRAU: Wie soll denn das gehn?

 ALBERT: Ganz einfach. Ziehn Sie sich die Klamotten von den Toten an. (macht eine weite Geste) Die Schränke sind voll davon. Dann sehen Sie perfekt aus wie die beiden dahingegangenen Zwillinge. Und die Unter­schriften können sie bestimmt gut nachmachen. Sie gehen gemeinsam zur Bank, heben alles Geld ab und führen das schönste Leben auf Erden. Sie wissen doch, Ihre dahingeschiedenen Zwillinge haben drei Millionen hinterlassen!

MANN (steht auf, schüttelt ALBERTs Hand): Großartig, Mann, very großartig. Das ist der Schluss... Was sagst du, Zwilling von meiner Schwägerin?

 FRAU: Die Idee gefällt mir. Heben wir alles ab und leben wir.

 ALBERT: Ja, holen wir uns die Kohle und denn uff de Rennbahn, im Pferdewetten bin ich‘n Ass.

 FRAU (setzt sich den Hut gerade): Ja, auf zur Pferderennbahn!

 

(Begeisterter Aufbruch)

 

MANN: Nein! Stop! Geht nicht, geht überhaupt nicht ... Das ist ja ein Happy-End, dagegen hab ich was. Es widerspricht der Intention meines Stückes. Die Sache muss blutig ausgehen. Es muss einen Toten geben.

 FRAU: Es hat zwei gegeben.

 MANN: Scheintote. Nein, jetzt muss einer richtig sterben und zwar der Held.

 FRAU: Und wer soll das sein? (MANN blickt ALBERT an).

 ALBERT: Nee, ich nicht. Wie kommen Sie drauf? Ich bin bloß der Butler. Ein Butler ist kein Held. Er ist feige, er ist dumm, er ...

 MANN (fällt ihm ins Wort): ... ist weder feige noch dumm. Albert, Sie haben dem Ehepaar in seiner Hölle beigestanden, ja, Sie sind für Ihre Herrschaften sogar zum Kriminellen geworden. Das nenne ich Heldentum. Und Helden enden nun mal tragisch.

 ALBERT: Aber ich bin vollkommen unschuldig.

 MANN: Das ist ja die Tragik. Also, passen Sie auf.. Jetzt kommt der Inspektor..

 ALBERT: Denkste.

 MANN: Dass Sie fliehen wollen, sieht er sofort... Er erschießt Sie auf der Flucht.

 ALBERT: Ich flieh nicht...

 MANN: Das sieht er zu spät.... Also.. Ich bin jetzt der Inspektor.. Der Inspektor greift zur Pistole.. Wo ist die Pistole? (sucht die Pistole)

 ALBERT: Hilfe!

 FRAU: Keine Ahnung..

 ALBERT (erleichtert): Die hat ja der Inspektor mitgenommen. (Die Pistole fällt aus dem Dunkeln auf die Bühne).

 MANN: Da ist sie ja! (hebt sie auf)

 ALBERT: Das Gespenst!

 FRAU: Unsinn. Dem Inspektor ist sie aus der Tasche gefallen. Er steht dort versteckt und belauscht uns. Kommen Sie heraus, Herr Inspektor!

 ALBERT: Kann er doch gar nicht.. Ich war der Inspektor!

 MANN (richtet die Pistole auf ALBERT): Aha.. Ich kapiere. Raffiniert ... Wollten uns ausschalten und dann selbst ans Geld, was? Sie waren die ganze Zeit scharf drauf, was? Ich bin mächtig enttäuscht. Ein krimineller Butler ... Ich muss Sie leider erschießen.

 ALBERT: Moment! Ein Nervenzusammenbruch. (will sich ein Glas eingießen

 MANN: Mach deine Rechnung mit dem Himmel, Wirt! (Die Pistole klickt, ALBERT sinkt in die Knie, trinkt aber noch das Glas aus, verschwindet fluchtartig ins Dunkel.) Schiet! Das Ding ist nicht geladen. (wirft sie ins Dunkel. Dort ertönt ein „Au“) Der Held ist geflohen, aber ich hab ihn doch noch erwischt. (Setzt sich) Albert wird zu albern. Die Sache läuft aus dem Ruder, was meinst du? Da fällt mir ein, es war im Düsseldorfer Schauspielhaus, da standen plötzlich zwei Hamlets auf der Bühne, ich und einer aus dem Publikum. War einfach auf die Bühne gekommen. Ich setze gerade an mit dem Monolog, da donnert er los: (übertrieben pathetisch) Sein oder nicht sein..

 FRAU: Und? Was hast du getan?

 MANN: Na was wohl. Ich spielte ihn an die Wand. Er floh vor dem Gelächter, ich bekam fünfzehn Vorhänge. Ja, auf der Bühne muss man präsent sein und nur ein guter Schauspieler ist jeder Situation gewachsen... (ruft) Albert, die Pistole! (zu FRAU) Ich will mir das Ding doch mal ansehen. (Er die Hand über die Schulter, eine betont ausdrucksvoll lässige Geste. Aus dem Dunkel wird eine Toilettenrolle hineingelegt. MANN blickt verblüfft darauf. FRAU lacht) Jetzt dreht der völlig durch ... Stell dir vor, wir hätten Publikum. (brüllt) Albert!

 ALBERT (kommt): Sie haben geläutet?

 MANN: Ich habe nicht geläutet. Ich habe gebrüllt.

 ALBERT (fällt aus der Rolle): Ja, verdammt! (in die Rolle zurück) Sehr wohl. Sie wünschen?

 MANN: Keine Albernheiten mehr. Haben Sie verstanden? Mein Stück ist keine Klamotte.

 ALBERT: Wie meinen?

 MANN: Die Pistole. Ich verlangte die Pistole.

 ALBERT: Dort ist sie doch! (zeigt auf das Tischchen, eine Hand aus dem Dunkeln hatte sie kurz zuvor heimlich hingelegt. MANN greift sich an den Kopf.)

 FRAU (zu ALBERT): Bitte.. Lassen Sie uns einen Moment allein.

 ALBERT: Mit Vergnügen. (ab)

 

 MANN: Albert kriegt den Schluss nicht hin.

 FRAU: Vielleicht musst du den Schluss machen. Improvisier was.

 MANN: Ich bin der Autor und halte mich an mein Script. (räuspert sich) Und ich bin heiser. (prüft die Pistole) Sie ist geladen.

 FRAU (gießt ein Glas ein): Wir spielen schon lange ohne Script.

 MANN: Spielen wir wirklich?

 FRAU (reicht ihm das Glas): Trink.

 MANN (wehrt ab): Nein, ich will nicht. (räuspert sich, theatralisch, Richtung Publikum) Ist es nicht erbärmlich, wie man uns tröstet? Kaum sind wir geboren, schreien wir, wir schreien aus Zorn und Verzweiflung, wir wollen zurück auf unseren Planeten. Und was geschieht? Man stopft uns das Maul mit Milch. Trinken sollen wir. Aus Brüsten, aus Tassen, aus Gläsern ...

 FRAU: Und ihr tut es gerne. (reicht ihm wieder das Glas)

 MANN: Da ist was Wahres dran. (nimmt das Glas, trinkt, erneut theatralisch) Aber es bleibt Ersatz. Erbärmlicher Ersatz. Ersatz für das Verlorene. O süßer Vogel Jugend ...

 FRAU (unterbricht ihn): Genug. Du hast deine Stimme wieder. Spielen wir weiter.

 MANN (in Fahrt): Spielen? Ja, was denn? Mensch ärgere dich nicht? Fußball? Oder meinst du das Spiel des Lebens? So viel Anstrengung – für was? Und für wen? (zu FRAU) War das von mir oder aus einem Stück?

 FRAU: Weiß nicht.

 MANN: Na, ist auch egal. Aber du hast recht. Ich mach jetzt Schluss. (ruft) Albert, der allerletzte Akt! Kommen Sie! (ALBERT kommt)

 ALBERT: Sie wünschen?

 MANN: Jetzt wird gestorben. Aber Tempo!

 ALBERT: Ich weigere mich. (Weckergerassel) Das Gespenst!

 MANN: Ach was. Der Wecker ging von alleine los. (Weckergerassel) Doch nicht.

 ALBERT: Das Gespenst.

 MANN: Sagen Sie mal, sind wir in der Oper?

 FRAU: Es ist die Hausklingel. Ich geh aufmachen. (ab)

 MANN: Allerhand. Ein Besuch zu so später Nacht. Muss dringend sein. Der Inspektor?

 ALBERT: Wetten, das nicht. Eine Kommissarin. Ja, ich tippe auf Kommissarin.

 MANN: Na meinetwegen. Also, passen Sie auf. Die Kommissarin erschießt Sie.

 ALBERT: Schon wieder ich. Und warum?

 MANN: Schon vergessen? Weil Sie sich der Verhaftung entziehen. Also los! Haun Sie ab, rennen Sie um Ihr Leben.

 ALBERT: Nee. Ist mir zu anstrengend. Ich mach Schluss und wissen Sie, wie? So. (hebt die Hände hoch) Ich ergeb mich. Soll sie mich verhaften, und dann geh ich ins Gefängnis, wo ich meine Ruh hab. (lässt die Hände fallen) Sie hat ja gar keine Pistole. Die haben Sie.

 MANN: Stimmt, ja. Na schön. Dann eine andere Lösung. Ich erschieße Sie.

 ALBERT: Dafür gibt es keinen Grund.

 MANN: Doch, es gibt einen und der reicht, um Sie vor ein Erschießungskommando zu stellen. Sie haben keinen Schluss gefunden. Mein Lieber, Sie haben mein Stück verpfuscht, darauf steht Todesstrafe. (zielt auf ALBERT)

 ALBERT: Hilfe!

  (FRAU kommt, hinter ihr SCHNEIDER, in der Maske des Theaterdirektors)

 ALBERT: Das Jespenst!

 MANN: Der Herr Theaterdirektor! Da bin ich aber baff. (zur FRAU) Wie kommt der hierher?

 FRAU: Hier, Herr Direktor, hier ist es.

 SCHNEIDER (mit verstellter Stimme, der Direktorstimme): Wo denn? Ich sehe kein Feuer ... Ich verstehe nicht .. Man holt mich aus meinem Bett, es brennt im Theater ... Wo denn?

 FRAU: Es hat gebrannt. Sehen Sie die Geburtstagskerzen? Sie sind gerade erloschen. Sie kommen trotzdem noch rechtzeitig. Gratulieren Sie Ihrem besten Schauspieler zum Gebutstag.

 ALBERT: Ja, Herr Direktor. Zu seinem Fünfzigsten.

 SCHNEIDER (sieht sich um): So eine Frechheit, unerhört ... Man benutzt meine Bühne für eine Privatpary. (zu MANN) Schröder! Was bilden Sie sich ein?

 MANN: Ich hab Sie nicht eingeladen. Also halten Sie die Klappe und verschwinden Sie.

 FRAU: Du wirst doch mein Geburtstagsgeschenk nicht ausschlagen. Also tu es! Erschieß ihn!

 SCHNEIDER: Sind Sie betrunken?

 MANN: Mein Geburtstagsgeschenk?

 FRAU: Hat nicht viel gekostet. Nur einen Anruf.

 SCHNEIDER: Also Sie waren das!

 FRAU: Du hast es ja oft genug gesagt. Du möchtest ihn am liebsten erschießen. Auf offener Bühne. Bitteschön. Schieß!

 SCHNEIDER: Ach, lassen Sie doch den Quatsch. Sie, Schröder, Sie werden mir das bezahlen. Die unerlaubte Nutzung meines Theaters für private Zwecke. Das kostet Sie eine Stange Geld.

 MANN: Dass der Kerl immer von Geld redet.

 SCHNEIDER: Wie sind Sie überhaupt hier reingekommen? Wer hat Ihnen den Schlüssel gegeben?

 FRAU: So schieß doch!

 MANN: Vor Publikum, ich meinte, vor Publikum. Aber es ist ja keins da.

 SCHNEIDER: Natürlich, anders wär es ja ein Wunder. Nie ist jemand da, wenn Schröder spielt.

 MANN: Dafür knall ich dich ab! (zielt auf SCHNEIDER)

 ALBERT: Keine Angst, Herr Direktor. Ist nur ne Platzpatrone.

 MANN (lässt die Pistole sinken, zu FRAU): Hat der Kerl ein Glück. Aber trotzdem: Danke für dein Geschenk.

 FRAU: Warte. (geht zum Tisch, holt aus der Reisetasche eine Pistole, geht zu MANN, nimmt seine, drückt ihm ihre in die Hand) Jetzt geht es. Schieß!

 MANN: Die ist echt?

 FRAU: Was denkst du.

 MANN: Und geladen?

 FRAU: Frag nicht, schieß!

 MANN: Hör mal.. Das ist aber jetzt kein Spiel mehr!

 FRAU: Ja, höchste Zeit, dass wir uns ernst nehmen. Schieß!

 SCHNEIDER (beunruhigt): Hören Sie mal ... Man kann über alles reden.

 MANN: Sieh mal, wie er einknickt, das arme Würstchen.

 FRAU: Feigling! (nimmt ihm die Pistole weg, zielt auf SCHNEIDER)

 MANN: Lass das!

 SCHNEIDER (wie vorher): Gut, gut, beruhigen Sie sich. Was wollen Sie?

 FRAU: Die Bühne!

 SCHNEIDER: Die Bühne gehört ..

 FRAU: Uns! (schießt, SCHNEIDER fällt, Stille)

 MANN: Getroffen ... Du hast ihn getroffen.

 ALBERT (geschockt): Das geht jetzt aber zu weit ..

 FRAU: Du hast es doch so gewollt.

 MANN: Jaja, verbal, Menschenskind, verbal. Du kennst uns doch.. Nicki, um Himmels willen, wie konntest du das tun ... Es gab Zukunft, es gibt immer Zukunft. Und jetzt ... Alles vorbei. (reißt ihr die Pistole aus der Hand) Der ist schuld! Dieser Mistkerl ist an allem schuld! (schießt, SCHNEIDER zuckt, liegt dann regungslos, mit ruhiger Stimme) Albert, Sie sind Zeuge. Ich habe geschossen, zweimal habe ich geschossen ... Ist das klar? Ich war das. Und damit Schluss. Du hältst dich raus, Nicki.

 ALBERT (erschüttert): Himmelherrgott!

 MANN: Und jetzt rufen Sie die Polizei.

 FRAU (zu ALBERT): Warten Sie! Ist er wirklich tot?

 ALBERT: Ich weiß nicht, ich weiß gar nichts ...

 FRAU: Sehn Sie nach!

 ALBERT: Bittschön ... Nehmen Sie ihm das Ding weg. (FRAU nimmt Mann die Pistole.) Danke. (Er geht zu SCHNEIDER, dreht ihn um) Blut. O Mann. Eine ganze Menge ... (berührt das Blut mit dem Finger, besieht ihn, riecht) Ketchup.

 MANN: Was?

 ALBERT (leckt den Finger): Vom feinsten.

 SCHNEIDER (richtet sich auf, mit seiner eigenen Stimme): Das krieg ich noch von euch bezahlt. Und die Reinigung.

 MANN: Der lebt ja! (verdutzt) Und spricht wie Schneiderchen. (SCHNEIDER zieht Maske und Perücke ab) Es ist Schneiderchen.

 SCHNEIDER: In einer Nebenrolle. Man unterfordert mich schon wieder.

 MANN (packt FRAU): Du! Du Mörderin, du! Was hast du dir dabei gedacht! (lacht auf) Alles von dir inszeniert. Von meinem Geburtstag bis zum toten Theaterdirektor - alles falsch! Toll! (küsst sie, lässt sie los) Und da habt ihr's. Seht euch an! Nur wir sind echt. Wir Schauspieler. Echt bis auf die Knochen. Und wir leben. Menschenskinder, wir leben!

 SCHNEIDER: Was du nicht sagst.

 ALBERT: Ich nicht. Ich bin echt totjeschossen, schon die janze Zeit.

 SCHNEIDER: Sie Glücksvogel! Das hier war mein letztes Engagement. Darauf genehmige ich mir einen Nervenzusammenbruch.(geht zum Tisch mit dem Tablett, füllt ein Glas)

 ALBERT: Vorsicht! Der Inhalt ist waschecht.

 SCHNEIDER: Eben. (kippt das Glas)

 FRAU: Ich hatte schon befürchtet, du lässt mich hängen. Aber das mit dem Wecker war ein guter Einfall. Auch deine Einlagen waren nicht schlecht.

 SCHNEIDER: Ja, ich dachte, ihr solltet was zum Lachen haben. Bei eurem Trauerspiel.

 MANN: Hört mal ...

 FRAU: Aber beim nächsten Mal verbitte ich mir das Herumgetatsche an mir.

 SCHNEIDER: War ich das?

 MANN: Ruhe jetzt! Hört mal zu. Ich hab eine Idee.Wir sind doch eine gute Truppe ... Ab sofort ist Schluss mit dem Jammern. Wir, Herrschaften, gründen ein eigenes Theater.

 FRAU: Achja, bitte!

 SCHNEIDER: Wohl verrückt geworden? Erschießt mich lieber.

 FRAU: Albert, Sie machen doch mit?

 ALBERT: Hab ja sonst nischt zu tun. Bloß det sag ich Ihnen. So'n Theater nicht noch mal! Wie soll’s denn heißen?

 FRAU: Sie haben es gerade gesagt. So ein Theater. (Blackout)

 

ENDE