Ein gut bezahltes Sterben

Farce

 

Dieter Lenz

Die Personen sind

Otto SANDBERGER,  Eigentümer der Sandra-Nudelwerke

Seine FRAU

Seine TOCHTER

SOHN des Sterbenden

Seine MUTTER und Frau des Sterbenden

ONKEL, Bruder des Sterbenden

 

Das Bühnenbild

Ein schlichtes Wohnzimmer: Tisch, Stühle, Sessel, Couch mit Stehlampe, Kommode etc. Rechts eine Tür zum Sterbezimmer, in der Mitte die Wohnungstür.

 

Das Zimmer ist leer. Es klingelt, nichts rührt sich, es klingelt noch einmal, immer noch keine Bewegung, es klingelt heftiger, ein junger Mann kommt aus dem Sterbezimmer, öffnet die Wohnungstür. Ein in einem auffallend guten Mantel gekleideter älterer Mann.

 

SANDBERGER: Junger Mann, bin ich hier richtig bei Nagels?

SOHN: Ja.

SANDBERGER (schaut über die Schulter des jungen Mannes): Ist er nebenan?

SOHN: Wer?

SANDBERGER: Ihr Vater.

SOHN: Sie können jetzt nicht zu ihm.

SANDBERGER: Ich weiß, ich weiß. Aber er lebt doch noch? Das wollen wir doch hoffen .. Sie gestatten? (Er drängt sich ins Zimmer). Sandberger, Sie wissen,  Sandrawerke, Nudeln und so weiter ...  Einen Platz brauchen Sie mir nicht anzubieten, ich mach es kurz. Es wird Sie vielleicht erstaunen, aber es ist menschlich, sehr, sehr menschlich. Ich möchte … Sie bieten mir wirklich keinen Platz an?

SOHN: Nein. Was wollen Sie?

SANDBERGER: Sie müssen schon entschuldigen.. Es ist etwas ganz Delikates. Ich würde mich gern setzen.

SOHN: Nein. Ich geb Ihnen zehnSekunden,dann sind Sie draußen..

SANDBERGER: Gut. Passen Sie auf.. (zieht seien Brieftasch, holt einen Tausender heraus) Eintausend.Sagen Sie einfach „ja“, wenn es langt. Das ist sicher zu wenig. (holt einen zweiten Tausender heraus) Zweitausend. Das ist mir die Sache wert. Ihnen nicht? Gut. Sie haben recht. Eigentlich ist es unbezahlbar. Ich leg gleich zweitausend dazu. (legt zwei Scheine dazu) Viertausend. Und eigentlich ist es für gar nichts.. Andererseits.. Ich will nicht kleinlich sein. (legt noch einen Schein dazu) 5000. Toll, was? Wie lange müssen Sie dafür arbeiten?

SOHN: Ich bin arbeitslos, toll, was?

SANDBERGER (legt einen Schein dazu): Verstehe. (legt einen Schein dazu)  Sechstausend. Und die gehören Ihnen. Praktisch für nichts, recht besehen.

SOHN: Dann geben Sie mal her.

SANDBERGER: Moment. Ihr Vater ist schwer krank, schon seit langem.. Aber jetzt stirbt er.. Eine Erlösung....

SOHN: Woher wissen Sie das? Wer hat Ihnen das gesagt?

SANDBERGER: Naja.. Traf einen alten Schulfreund, kam grade aus dem Haus hier...

SOHN: Unser Arzt? So ein..

SANDBERGER: Seien Sie fair. Er hat gekämpft, es hat mich 200 Euro gekostet.

SOHN: Und was zum Teufel wollen Sie?

SANDBERGER: Wissen Sie - dass ich das im Stehen sagen muss, das ist nicht gut für mein Herz, es regt mich auf -,  es gibt Gelegenheiten, einmalige Gelegenheiten, da muss man handeln..

SOHN: Verdammt! Tun Sie's endlich und verschwinden Sie. Das Geld können Sie da lassen.

SANDBERGER: Aha.. So weit sind wir schon. Schön, kommen wir zum Punkt. Heute sieht man alles live im Fernsehen. Das Sterben kommt bestimmt auch noch, aber wann? Ja, wann... Ob ich das noch erlebe?

SOHN: Keine Sorge, Sie werden es noch am eigenen Leib erleben.

SANDBERGER: Ich muss zugeben: Sterben ist das Letzte, was ich erleben möchte. Andererseits: Mit einem gewissen Alter macht man sich so seine Gedanken, verstehen Sie.. 

 SOHN: Was zum Teufel wollen Sie?

SANDBERGER: Wieso kann ein Mensch plötzlich aufhören? Da liegt er.. und plötzlich ist er weg? Ja, wie denn? Wohin? Vielleicht sagt er noch was? Das wäre doch interessant..  Herrgott, muss ich Sie denn erst auf so was aufmerksam machen? Ist das für Sie denn überhaupt kein Thema? Das große Rätsel Sterben! Ich will es mir mal genau ansehen sehen! Hier! Wo liegt er denn? Nebenan?

SOHN: Raus!

SANDBERGER: Moment, Moment. Bevor Sie mich rausschmeißen, denken Sie erst mal nach. Man wird mich gar nicht bemerken. Ich schau doch bloß! Ganz still! Andächtig, wirklich.. Ich weiß ja, was geschieht.. Ich respektiere das! Und wissen Sie was? Ich komm auch zum Begräbnis. Ganz offiziell. Und ich hab einen Fotografen dabei, es kommt in die Zeitung... 

SOHN: Mann! Raus!

SANDBERGER: 6000 Euro!

SOHN: Sie glauben wohl, Sie können sich alles kaufen! Raus! 

SANDBERGER: Die Unsterblichkeit nicht! Das ist ja das Problem...

SOHN (schiebt ihn zur Tür): Raus!

SANDBERGER (zieht eine Visitenkarte aus der Brieftasche): Hier.. Rufen Sie mich an (er wirft sie auf den Tisch) Aber rechtzeitig. Tote hab ich schon gesehen. (wird durch die Tür geschoben) Ruhig, ruhig, ich geh ja schon! (ab)

(ONKEL komm aus der rechten Tür.)

ONKEL: Mein Junge, es ist vorbei. Er ist grade hinüber.

SOHN (läuft ins Zimmer, ONKEL genehmigt sich einen Schnaps. SOHN kommt  mit MUTTER aus dem Sterbezimmer): Tut mir leid, Mutter ich wusste nicht, dass ... Dieser Kerl, der verfluchte..

ONKEL: Wie sprichst du von deinem Vater!

SOHN: Ich red von dem Idioten, der grade hier war.

ONKEL: Was für'n Idiot?

SOHN: Ich erzähl's dir nachher. (umarmt sie) Mutter!

MUTTER: Er ist eingeschlafen. Stell dir vor: Macht einfach die Augen zu. Ich dachte, er macht mal wieder Witze. Ihr wisst doch, wie er ist. (setzt sich in einen Sessel) Vielleicht schläft er auch noch. Wir sollten noch mal rein gehn und kucken.

ONKEL: Nee, der ist tot. Sei froh, die Quälerei ist vorbei.

MUTTER: Aber wenn er nicht tot ist ...

ONKEL: Er ist es, Herrgott nochmal!

MUTTER: Und nu? Die Beerdigung, das ganze Drum und Dran. Was das kostet.

ONKEL (gießt sich noch einmal ein Glas ein, trinkt): Ich war für ne anonyme Bestattung, das hätt uns allen gut getan, er aber: Kommt nicht infrage. Und macht die Augen zu und lässt uns in der Scheiße sitzen. Tschuldigung.

SOHN: Er wollte nicht verbrannt werden!

ONKEDL: Er hätte nichts davon gemerkt.

MUTTER: Er schläft vielleicht nur.

ONKEL: Jaja, er pennt. Da gibt's bloß einen Haken: er wacht nicht mehr auf.

SOHN: Hör auf, so zu reden.

ONKEL: Sag ihr, sie soll nicht mehr so reden! Na, aber die Kosten, da hat sie recht. Was meinste, Agnes, hast du dich schon erkundigt?

MUTTER: Bei der Marianne ihrem Alten waren es über 2000.

ONKEL: Verflucht, wir sind alle verflucht! Das Leben ist schon teuer, jetzt auch noch der Tod! Wir werden geplündert über den Tod hinaus!

SOHN: Ich denke, wir kriegen das schon hin.

MUTTER: Wie denn? Ich hab nichts, du hast nichts und Jörg mit seiner Minirente..

ONKEL: Nee, ich kann da wirklich nicht aushelfen. Verdammt, konnte er nicht warten, bis es uns besser geht? So etwa in tausend Jahren?

SOHN: Und hätten wir das Geld, tät er noch leben. So ist es. Mit Geld hast du das gesündere Leben, die besseren Ärzte, die bessere Medizin, das bessere Essen, das längere Leben.

ONKEL: Ich hab noch neun Euro, wie viel Tage sind das?

MUTTER: Leise! Ihr stört Vattern.

ONKEL: Der hört nicht. Der ist jetzt weit weg..der ist im Himmel. Der hat's besser.

SOHN: Wetten, da gibt es auch ein Oben und Unten. Mich kotzt das an.

MUTTER: Ach ihr.. Der Mensch ist müde und will bloß schlafen!

ONKEL: Genau! Jetzt wird gesoffen und dann gepennt!

SOHN: Der von vorhin, der wusste nicht wohin mit der Kohle... Der lebt noch in hundert Jahren!...Wart mal.... Wir nehmen ihm ein paar Jährchen ab. Beruhigt euch. Ich weiß was. (nimmt SANDBERGERs Karte vom Tisch, tippt die Nummer in sein Handy) Ich bin’s, der von vorhin. Ja, der. Ich hab’s mir überlegt, wir machen das Geschäft. Ja. Kommen Sie. Aber für 10.000. Auf die Hand.. 10.000 und keinen Cent darunter.. Gut.. Aber beeilen Sie sich.

MUTTER: Wer soll sich beeilen?

ONKEL: Ein Geschäft, der Junge macht ein Geschäft am Todestag von seinem Vater. 

SOHN: So kriegen wir, was wir brauchen. Und noch was dazu. Der Besuch von vorhin, das war der Besitzer von den Sandrawerken.

ONKEL: Der Nudelkönig?

SOHN: Genau der. Der wusste, wie Vater stirbt. Und zahlt 10.000 Euro, wenn er das sehen kann. Versteht ihr? In live will er das sehn. Im Fernsehn gibt's das noch nicht. Sagt er.

ONKEL: Von dem hättste noch mehr kriegen können.. Der hat ja ne Macke.

SOHN: Bei so viel Kohle kannste dir Macken leisten.

MUTTER: Naja, nu ist er ja tot.

ONKEL (irritiert): Wer?

MUTTER: Na, Vattern... Oder nicht?

SOHN: Ja, aber sein Bruder lebt! Und darum wirst du sterben, Onkel.

ONKEL: Du spinnst wohl.

SOHN: Menschenskind.. 10.000! Das ist überhaupt keine Arbeit, liegst einfach still und hauchst dein Leben aus.

ONKEL: Hauchen? Du hast nicht mitgekriegt, wie er schnaufte ... 10.000? Dafür muss man lange ackern. Was meinst du, Agnes?

MUTTER: Frag Hannes.

ONKEL Aber der ist doch tot!

MUTTER: Ja, aber wenn er schläft .. (schluchzt auf)

ONKEL: Hör endlich auf damit!

MUTTER: Ich kann nicht, ich kann nicht ..

SOHN: Wir brauchen das Geld. Da ist alles drin, die Beerdigung, die Feier, das Grab und dann bleibt noch was zum Leben.

ONKEL: Das stimmt.

SOHN: Und du, Mutter, was sagst du?

MUTTER: Ich weiß nicht.. Lasst mich einfach in Ruh, ich will nichts mehr hörn, gar nichts ... (sie nickt ein)

OBKEL: Lass sie. Die braucht jetzt nen Schlaf. Das ziehn wir lieber allein durch.

SOHN: Wir holen mein Bett, stellen es hier her und du legst dich rein.

ONKEL: Still liegen, das ist nicht mein Ding. Mach's also kurz, hörst du? Gib mir ein Zeichen. Dann mach ich die Augen zu und bin mal weg.

SOHN: Mach's dir nicht zu leicht. Er will es sehen, das Sterben!

ONKEL: Also doch Arbeit. Sag mal, wenn er aber dann wissen will, ob ich echt tot bin? Wenn der das kontrollier? Mich kneift oder so? Was dann?

SOHN: Das werd ich verhindern. Ich schick ihn raus. Wir haben doch das Recht, für einen Moment der Trauer allein zu sein.. Dann holen wir Vattern und legen ihn ins Bett. Danach kann er wieder reinkommen und meinetwegen prüfen

MUTTER (kommt zu sich): Er ist doch schon im Bett!

SOHN: Ja, Mutter. (Sie schläft wieder ein, zu ONKEL): Und jetzt her mit dem Bett. (Die beiden Männer ab durch die linke Tür, kommen mit Holzbett heraus, stellen es neben den Sesse mit der Mutter, richten das Bett)

SOHN: Und jetzt zieh dir meinen Pyjama an. Da. Unterm Kopfkissen!

ONKEL (zieht den Pyjama hervor): Der wird mir nicht passen.

MUTTER (wacht auf, sieht das Bett): Du hast dein Bett noch nicht gemacht.

SOHN: Jaja, schon gut, ruh dich aus.

MUTTER: Nur ein kleines Nickerchen.

SOHN:  Jaja, schon gut. (MUTTER schlummert ein, zu ONKEL) Fertig?

ONKEL (zieht sich noch um): Gleich. (ist im Pyjama) Ein bisschen eng, aber es geht. Und meine Klamotten? Wohin damit?

SOHN: Deine Socken! Mann! Du hast die Socken vergessen! (ONKEL zieht sie aus) Gib her! (nimmt alle Kleidungsstücke und bringt sie ins Sterbezimmer. ONKEL legt sich ins Bett. SOHN kommt zurück, schaut sich um) 

SOHN: Zu hell. (geht zum Fenster zieht den Vorhang zu. Halbdunkel.) So ist es besser. (Er zündet ein paar Kerzen an.)

ONKEL: Ich hab mir's überlegt, wie ich’s tu. Ein schönes langes Geröchel, ein hübscher Seufzer und dann: aus. Freu mich schon drauf.. (Es klingelt)

SOHN: Mensch, da ist er schon.  Los, deck dich zu!

(Er öffnet die Tür, SANDBERGER, FRAU SANDBERGER, TOCHTER,  alle drei in Mänteln. Gedämpftes Reden.)

 

SOHN: Die Vereinbarung galt nur Ihnen!

SANDBERGER: Nicht so pingelig, mein Lieber. Und ob einer oder drei.. Meien ganze Familie will Ihnen beistehen. (sieht das Bett mit ONKEL und die MUTTER) Wieso ist er jetzt hier?

SOHN: Er will nicht in dem winzigen Schlafzimmer sterben.

SANDBERGER: Respekt... Und alles anständig vorbereitet, schön feierlich, wie es sich gehört. Sehr gut, mein Lieber. (sieht sich um) Wo hängen wir uns hin? (SOHN zeigt auf die Kleiderhaken rechts an der Wand. Die drei ziehen sich die Mäntel aus und hängen sie an die Haken.)

FRAU: Wie in einer Kita.

SANDBERGER: Bist du still! (zu SOHN)  Er ist doch nicht schon … Erlauben Sie, dass ich ihn kurz anfasse?

SOHN: Das kostet hundert extra.

SANDBERGER: Dann dürfen ihn meine Frau und meine Tochter auch anfassen.

TOCHTER: Paps, ich will nicht.

SANDBERGER: Aber Liebes, so eine Gelegenheit kommt so schnell nicht wieder.

SOHN: Und Sie, Frau Sandberger?

FRAU SANDBERGER: Wo denken Sie hin? Nicht um alles in der Welt!

SOHN: Richtig. Sterben könnte ansteckend sein.

FRAU SANDBERGER: Na hörn Sie mal!

SANDBERGER: Benehmt euch … Die Frauen sind gereizt, das hier ist ja mehr als eine Modenschau. Hier.. (reicht SOHN die Banknoten) Und hundert dazu. (reicht ihm den Schein) Sie sind ganz schön geschäftstüchtig, mein Lieber, hätte ich nicht gedacht. (Sohn legt das Geld auf die Kommode. SANDBERGER zu Frau  und Tochter): Und jetzt nehmt euch zusammen. Seid euch des großen Augenblicks bewusst! Spürt die Gegenwart des Todes! Nur noch ein kleienr Schritt hinüber udnd ann..... 

SOHN: Quatschen Sie nicht. Fassen Sie ihn kurz an, aber vorsichtig.

SANDBERGER: Jaja. Ich werde vorsichtig sein, ganz, ganz vorsichtig...(Sie nähern sich dem Bett.) Drängelt nicht! Geht auf Zehenspitzen! (SANDBERGER berührt zögernd ONKELs Hand, die Hand zuckt zurück) Scheint noch viel Leben drin zu sein.

SOHN: Ein letzter Reflex.

SANDBERGER (blickt auf MUTTER): Ihre Frau Mutter?

SOHN: Ja. Sie ist völlig erschöpft.

SANDBERGER: Dann wollen wir sie nicht stören. Können wir uns setzen? Oder sollen wir die ganze Zeit stehen? (SOHN stellt drei Stühle hin. Sie setzen sich.) Meine Lieben, sitzen wir still und mit allem Respekt. Ein alter Mann scheidet dahin. (zu SOHN) Was war er von Beruf?

SOHN: Bauarbeiter.

SANDBERGER: Ein Arbeiter. Ich habe über 300 davon. Ich finde, man darf vor Arbeitern keine Scheu haben, ja, man sollte auch Leid und Kummer mit ihnen teilen. Schließlich sind wir alle nur Menschen.

SOHN: Nun halten Sie doch endlich mal die Klappe!

FRAU SANDBERGER: Wie sprechen Sie mit meinem Mann?

TOCHTER: Er hat doch recht, Ma. Ich finde das alles sehr… sehr merkwürdig. (Pause)

SANDBERGER: Wie lange wird's noch dauern? Unsere Zeit ist begrenzt.

SOHN: Es wird gleich passieren.

TOCHTER: Woher wissen Sie das?

SANDBERGER: Gut. Wir wollen nämlich noch in die Oper.. (Onkel röchelt) Ist es schon soweit? Das wär aber ein kurzes Vergnügen.

SOHN: Nein. (lauter) Noch nicht! (ONKEL hört auf zu röcheln)

TOCHTER: Er bewegt die Hand. Er will was.

SOHN: Das glaub ich nicht.

SANDBERGER: Doch. Ich seh’s auch. Ich glaub, er will was sagen. Seine letzten Worte.

SOHN: Unmöglich.

(ONKEL richtet sich auf, nähert sein Gesicht SANDBERGER)

SANDBERGER: Um Himmels willen, halten Sie ihn fest, er kommt auf mich zu! Was will er von mir? (ONKEL starrt ihn an)

MUTTER  (wacht auf): Was ist los? (ONKEL sinkt aufs Kopfkissen zurück.)

SANDBERGER: Da! Er will was! Er!

MUTTER: Wer?

FRAU SANDBERGER: Na wer.. Ihr Mann!

MUTTER: Mein Mann? (beugt sich über ONKEL, stutzt, dann): Jörg, willst du was? (der bewegt den Mund, sie beugt sich tiefer über ihn, lauscht auf sein Geflüster, sinkt zurück in den Sessel) Er will einen Schnaps. Nun gebt ihm einen und lasst mich endlich in Ruh .. (schläft wieder ein)

SOHN: Er weiß schon nicht mehr, was er sagt.

SANDBERGER: Vielleicht doch. Immerhin, es ist ein echt proletarischer Wunsch.

FRAU SANDBERGER: Mir wird schlecht. Otto, bring mich an die frische Luft.

SANDBERGER: Doch nicht jetzt, meine Liebe, nicht jetzt!.. Hatte der einen Blick. Schrecklich. Ich sag euch: der sah den Tod.

TOCHTER: Aber er hat doch dich angesehen.

SANDBERGER: Ach was. In so einem Moment sieht der Mensch überhaupt nichts von uns, da wird alles durchsichtig für ihn.

FRAU (zu SOHN): Ich halt das nicht mehr aus. So machen Sie doch wenigstens das Fenster auf! Die Kerzen verpesten die ganze Luft. Ich ersticke ja.

SANDBERGER: Kommt nicht in Frage, das Fenster bleibt zu, du weißt doch, wie schnell ich mich erkälte. Das fehlte mir noch. In der Oper niesen.

FRAU SANDBERGER: Ich bekomme keine Luft! Ich ersticke! Ich ersticke!

SOHN (zu SANDBERGER): Gehen Sie schon. Ich glaube, das dauert doch noch ein bisschen. Er hat eine starke Natur.

SANDBERGER: Sie garantieren mir das? Teufel noch mal. Die Frau braucht doch immer eine Theaterpause. (steht auf) Gertie, du holst mich beim ersten Zeichen, aber blitzartig! Wir sind im Treppenhaus. (geht mit seiner Frau ab durch die Wohnungstür.)

 

 (TOCHTER  steht auf, holt das Smartphone heraus)

 

SOHN: Was soll das? Was haben Sie vor?

TOCHTER: Das muss ich posten. Das wird eine Sensation.

SOHN: Das werden Sie nicht tun.

TOCHTER: In zehn Sekunden steht’s im Internet, Sie werden sehn.

SOHN (steht auf): Dazu haben Sie kein Recht.

TOCHTER: O doch. Mein Vater hat dafür bezahlt.

SOHN: Sie reden wie der Alte. Geben Sie her.

TOCHTER: Lassen Sie das! Sie.. Sie .. (Er packt sie, nimmt ihr das Smartphone ab, drückt sie an sich) Ich will mein Smartphone zurück! (Für einen Moment bewegen sie sich nicht.)

SOHN: Sie wollten mich doch beschimpfen.

TOCHTER: Wirklich? Ich kann mich nicht erinnern.

SOHN: Sie sagten: Sie.. Sie..

TOCHTER: Ach das. Na schön. Sie Unterschicht.

SOHN: Oberschicht trifft Unterschicht. Ist doch ganz im Sinne Ihres Alten. Teilen Sie es mit mir.

TOCHTER: Was denn?

SOHN: Den Kummer, das Leid, den Schmerz, die Trauer, den Hunger, die Armut, das Bett.  (Sie löst sich von ihm)

TOCHTER: Jetzt werden Sie geschmacklos (setzt sich, nach einer Weile) Ich weiß nicht, was ich hier soll. Ich gehöre doch gar nicht zu Ihnen. Aber was sich mein Vater in den Kopf setzt, das muss man tun. Alles hört auf sein Kommando.

SOHN (setzt sich auf den Stuhl neben sie, gibt ihr das Smartphone zurück): Ja, das kenn ich. Aber das ging bei mir nur bis zu einem gewissen Alter. Dann war das vorbei.

TOCHTER: Wie alt waren Sie da?

SOHN: Zwölf. Da hab ich ihn verdroschen.

TOCHTER: Gratuliere. (Pause) Ich habe Angst vor dem Sterben.

SOHN: Ach wissen Sie, bei unserm letzten Todesfall…

TOCHTER: Diesem hier?

SOHN: Nein, dem bei meinem Onkel. Als der starb, haben wir gelacht, richtig lustig war das. Ich seh ihn noch vor mir. Er lag so wie jetzt im Bett. Er wollte gerade einen Witz erzählen, da … bums,  weg war er. Schade, wir haben den Witz nicht mehr gehört.

TOCHTER: Ja, das ist ein glücklicher Tod, wenn es so schnell geht. Aber wenn es sich hinzieht wie hier… Und eigentlich habe ich mehr Angst vor dem Tod. Ich will noch nicht sterben.

SOHN: Verlangt ja keiner.

TOCHTER: Ich finde Sie ziemlich hart.

SOHN: Ja, so viel Zartheit wie Ihr Vater kann ich mir nicht leisten… Entschuldigen Sie. Sie wissen doch, Ihr Alter hat 10.000 Euro gezahlt, um meinen sterben zu sehen! Das ist interessant, das ist aufregend, das gibt ihm einen Kick wie mit seinem BMW über die Autobahn brettern! Er hat doch einen BMW?

TOCHTER: Einen Mercedes. Ja, und das gefällt mir nicht. Ich sagte Ihnen doch schon, ich wollte nicht mit. Aber jetzt bin ich eben da. Und es ist gut, dass ich das sehe. Ich stehe dazu. Ich weiß, dass ich sterblich bin. Aber bis dahin möchte ich noch leben.

SOHN (nimmt ihre Hand): Das werden Sie, na klar doch. (Sie lehnt sich an ihn. ONKEKL ist neugierig, will sich aufrichten) Jetzt! Los! Holen Sie Ihren Vater! Es ist so weit! (Tochter ab)

ONKEL (richtet sich auf): Mann, du hast versprochen, es schnell zu machen. Ich schwitze wie ein Schwein. Gib mir was zu trinken.

SOHN: Unmöglich, die sind gleich wieder da... Leg dich! (Stimme vom Flur) Und jetzt kannste sterben! (ONKEL legt sich hin. SANDBERGER, FRAU SANDBERGER  und TOCHTER kommen)

SOHN: Setzen Sie sich. Es fängt an, es sind seine letzten Atemzüge. (Sie setzen sich ans Bett)

SANDBERGER: Rührt euch nicht.. Sitzt still. Schaut auf seinen Mund! Das ist die Öffnung!

TOCHTER: Was für eine Öffnung?

FRAU SANDBERGER: Na, für die letzten Worte, das weiß man doch. Hoffentlich sind es nicht zu viele.

TOCHTER: Ma!

FRAU SANDBERGER: Ist doch wahr. Wir haben es eilig.

SANDBERGER: Nichts zu hören und nichts zu sehen. Ich spür auch nichts.. Er wird doch nicht schon hinüber sein?

 (Plötzlich röchelt ONKEL grässlich auf)

SANDBERGER (zuckt zusammen): Großer Gott! Es geht los!

SOHN (ruft): Mutter, er stirbt!

MUTTER (wacht auf): Was ist?

SOHN: Er stirbt! Vater stirbt!

MUTTER (verwirrt): Ich dachte, er schläft?

SANDBERGER (erregt): Jetzt! Herrschaften! Jetzt kommt’s! Der letzte Augenblick im Leben eines Menschen! Schaut hin, schaut genau hin, lasst euch nichts entgehn! (Man hört einen lauten, langsam erlöschen Seufzer ONKELs, Stille)

SOHN: Dahingegangen. Jetzt ist er tot.

MUTTER: Man muss den Arzt holen, ich will endlich den Totenschein.

SANDBERGER: Ich begreif das nicht. Das war’s? Und das für 10.000. Habt ihr etwas bemerkt?

TOCHTER: Ja, du hast den Atem angehalten und er hat ihn ausgepustet.

FRAU SANDBERGER: 10.000? Das hast du gezahlt für so was? (zur TOCHTER) Und dir gönnt er nicht mal ein Auto.

TOCHTER: Wozu brauch ich ein Auto.

SANDBERGER (zu seiner Frau): Willst du, dass dein Kind sich totfährt? (zu SOHN) Auch nichts bemerkt, was? Nicht mal ein Abschiedszeichen! Und die Seele.. Pustekuchen. Alles nur Gerede. (schaut auf die Armbanduhr) Wir müssen los. In zwei Stunden fängt die Oper an.

TOCHTER: Und du prüfst nicht, ob er wirklich tot ist? Prüfst du nicht immer die Ware, die du bekommst?

SANDBERGER: Selbstverständlich. Moment, lasst mich mal ran ..

SOHN: Halt! Lassen Sie uns für einen Moment der stillen Trauer allein! Das gehört sich so!

SANDBERGER: Aber natürlich. Verstehe. Respekt und so weiter. Wir gehn mal kurz vor die Tür. (zu TOCHTER) Wie prüft man, ob einer tot ist?

TOCHTER: Mit dem Spiegel. Ich hab einen bei mir.

SOHN (zu ihre): Sie sind ganz schön ausgebufft.

TOCHTER: Sie aber auch.

SANDBERGER: Fünf Minuten! (wendet sich zum Gehen, zu Frau und Tochter) Ganz schön aufregend, was? (alle drei ab)

 

SOHN (geht zur Tür, schließt sie): Jetzt aber los. Wir müssen Vater holen! (Sie holen den Toten aus dem Nachbarzimmer und legen ihn ins Bett)

ONKEL: Hannes, du weißt gar nicht, wie wertvoll du uns geworden bist.

SOHN: Lass die Witze. Und jetzt verdrück dich. Und dass du nichts von dir hören lässt! Keinen Mucks!

ONKEL: Das da greif ich mir lieber. (nimmt das Geld an sich). Ich trau dem Kerl nicht. (ab ins Sterbezimmer)

MUTTER (wacht auf, schaut um sich, beugt sich über den Toten): Ach, Hannes, mein Hannes .. (legt ihren Kopf auf seine Brust)

SOHN (öffnet Wohnungstür, ruft): Sie können jetzt reinkommen.

(SANDBERGER mit Frau und Tochter)

SANDBERGER: Wie machen's kurz. Vielleicht lebt er ja noch ... Ich kann mir eigentlich nicht denken, dass ein Arbeiter so schnell stirbt .. Das ist ein zäher Menschenschlag. (neben der MUTTER). Gnädige Frau, würden Sie bitte ein wenig beiseite rücken, damit ich den Spiegel…. (sieht den Toten) Gott, hat der sich aber verändert.

MUTTER: Lasst mich doch endlich mal allein mit Hannes!

SANDBERGER: Wieso Hannes? Heißt er nicht Jörg?

SOHN: Er hat einen Doppelnamen.

MUTTER: Geht weg, geht alle weg…

SANDBERGER: Gnädige Frau, ich habe ein Recht dazu.

FRAU SANDBERGER: Selbstverständlich. (zu MUTTER) Und nebenbei, ich finde, Sie tragen ziemlich dick auf. Die ganze Zeit schlafen Sie am Bett Ihres sterbenden Mannes und auf einmal spielen Sie die trauernde Witwe.

MUTTER: Wer sind denn Sie? Sie voll Lackierte?

FRAU SANDBERGER: Was sagten Sie da?

TOCHTER: Ma, bitte beherrsch dich!

FRAU SANDBERGER: Ich zügel mich, ich zügel mich schon die ganze Zeit.

MUTTER: Jawohl, zügeln Sie sich, Sie altes Pferd. (schläft wieder ein)

FRAU SANDBERGHER: Sie ist ja betrunken.

SOHN: Schluss jetzt. Jeder kann sehen, dass er tot ist! Also gehen Sie endlich.

SANDBERGER: Was meinst du, Töchterchen? Ist der tot?

TOCHTER: Ja, der ist tot. Wirklich, wir sollten jetzt gehen

SANDBERGER: Nee, sicher ist sicher... (hält den Spiel an den Mund des Toten) Nichts.  Also tot ist er, das kann man wohl sagen. Jaja.. So ist das! Vorher ein Mensch, jetzt eine Leiche! Dass es mit einem Menschen so weit kommen kann ... Ich sag euch was: Das Sterben ist und bleibt ein Rätsel. Aber es tut jedenfalls nicht weh. Das ist immerhin ein Trost.. Na, genug für heute! Marsch in die Oper.. (sieht noch einmal auf die Leiche) Wie er sich verändert hat. Erstaunlich. Und das in so kurzer Zeit.

 (ONKEL kommt aus dem Sterbezimmer, tritt ans Bett. Alle starren ihn an).

ONKEL (am Bett): Hannes, Bruderherz, ich muss dir was beichten, das lässt mir keine Ruh, das muss raus, sonst krepier ich dran...  Ja, ich hab mit der Jule geschlafen. Aber nur einmal. Vielleicht auch zweimal. Wer weiß das noch so genau. Es ist eben so passiert, weißt du. Ja, ich hätte dir das schon früher sagen sollen, aber die Umstände.. Trag mir das nicht nach! Hörst du?

MUTTER (richtet sich auf): Wer war Jule?

ONKEL: Das war noch vor deiner Zeit. Seine Freundin. Die kennst du nicht. Oder vielleicht doch? Julia Sponholz. Ne Schwarzhaarige. Ist schon lang tot. Die Kneipe, wo sie Kellnerin war, die gibt's auch nicht mehr. Entschuldigt die Störung, Leute, aber jetzt ist mir leichter. (zurück ins Zimmer)

SANDBERGER: Das… das war doch der, der am Sterben war!

MUTTER: Was ist los? Sind schon Trauergäste da? Aber wir haben noch gar nichts vorbereitet!

SOHN (zu SANDBERGER): Quatsch, das war mein Onkel.

SANDBERGER: Ihr Onkel.. (zeigt auf den Toten) Und der?

MUTTER: Das ist Hannes, mein Mann.

SOHN: Mein Vater.

TOCHTER (lacht auf): Sein toter Vater.

SANDBERGER: Ich finde, hier stimmt was nicht.

TOCHTER: Fällt dir das auch schon auf.

MUTTER: Ich bräuchte jetzt einen Kaffee.

TOCHTER(steht auf): Gehen wir. Das war ein scheußliches Theater.

SOHN: Nein, warte! Ich will es erklären.

TOCHTER: Da gibt es nichts zu erklären.

FRAU SANDBERGER: Ja, es ist höchste Zeit. Und ins richtige Theater gehen wir erst noch. Wir alle müssen uns umziehen. Und unbedingt noch mal unter die Dusche!

SANDBERGER: Moment. (öffnet die Tür zum Sterbezimmer) Kommen Sie raus! (ONKEL kommt)

ONKEL (zu SANDBERGER): Wie wär’s mit einem Schnäpschen?

MUTTER: Jörg, mir auch.

SANDBERGER: Sie sind doch der, der soeben gestorben ist!

ONKEL: Ach was, ich wär ja blöd, jetzt zu sterben. (gießt sich und MUTTER ein Glas ein, bringt es ihr)

MUTTER: Jetzt macht hier keinen Lärm. Ehrt die Totenruhe! Und hebt das Glas auf einen guten Toten! (hebt das Glas, trinkt es aus. Zu SANDBERGER) Ich kenne Sie nicht. Aber ich habe Sie schon mal gesehen. Wissen Sie, dass mein Mann gestorben ist?

SANDBERGER: Das ist bekannt, aber ich hab nichts davon gehabt! Im Gegenteil. Hier fand auf  widerliche Art mit dem Sterben ein riesiger Betrug statt! Und zudem, wie meine Tochter bereits sagte: ein scheußliches Theater. Eine Schmierenkomödie! Ich verlange mein Geld zurück!

SOHN: Kommt nicht in Frage. Sie haben ein Sterben gesehen, es war eine gute Vorstellung, und dafür zahlt man. Jetzt steht der Tote wieder auf freut sich seines Lebens mit einem Glas Schnaps, das ist so beim Theater.

ONKEL: Jawohl, und wie ich mich freue. Wollen Sie sich auch freuen, Herr Nudelkönig? Na, dann eben nicht. (prostet dem Toten zu) Mach’s gut, Hannes! (trinkt)

MUTTER (ebenso): Mach’s gut, Hannes! (trinkt)

SANDBERGER: Ich ruf die Polizei.

SOHN: Ja, machen Sie sich nur lächerlich.

TOCHTER: Er hat recht, Paps. Das macht die Sache nur schlimmer. (zu SOHN) Und sie ist schlimm! (zu ihrem Vater) Tu so, als wär alles in bester Ordnung. Das wäre nicht das erste Mal. Das ist doch immer deine Masche, wenn was schief läuft!

FRAU SANDBERGER: Mein Gott, ihr diskutiert, und wir verpassen die Oper!

SANDBERGER: Also gut. Ich will mal großzügig sein, immerhin hat der junge Mann seinen Vater verloren. Behaltet das Geld, es war auch nicht umsonst, keineswegs.  Denn, Herrschaften, ich habe mal wieder was gelernt. Jawohl! Wie verdorben die Menschen sind. Unmoralisch, kriminell und herzlos bis in beide Herzkammern! Und ich muss leider sagen: wieder sind es die Arbeiter, die hier wie gewöhnlich an vorderster Front stehen. Sie wollen Geld, da ist ihnen nichts heilig. immer nur Geld! Keine Moral, kein Anstand! Gehen wir, verlassen wir diese Räuberhöhle. Aber eines sage ich Ihnen: Zur Beerdigung Ihres Vaters komme ich nicht!

MUTTER: Das war eine schöne Rede. Ich danke Ihnen.

(Alle drei ziehen sich die Mäntel an, SANDBERGER mit Frau ab. TOCHTER  bleibt in der Tür stehen)

TOCHTER (zu SOHN): Du hast deinen Vater verloren, das ist schlimm, aber ich hab ihn noch. Das ist schlimmer.

ONKEL: Schlimm oder nicht schlimm.. Jetzt wird gefeiert!

SANDBERGER (von draußen): Gertie, wo bleibst du?

SOHN: Kann ich dir helfen?

TOCHTER: Naja ... Ruf mich an. Du findest mich im Internet. (ab)                                                                            

 

 

 ENDE