Lesetheater

 

Foto: gerald - pixabay
Foto: gerald - pixabay

In einer nicht gar so fernen Zukunft...

Sonja und ihr Roboter

Dieter Lenz

 

 

Die Personen sind

VATER, Professor der Robotik, mit Gehstock

SONJA, seine Tochter

FRANK, Sonjas Liebhaber

ROBOTER

Hinweis: FRANK und ROBOTER spielt ein und derselbe Schauspieler.

 

Bühnenbild

Das Wohnzimmer im Hause des Wissenschaftlers und SONJAS Schlafzimmer.

 

 

Wohnzimmer. FRANK und SONJA.

 

SONJA: Bist du verrückt! Wie kannst du hier aufkreuzen! So früh! Wenn er dich sieht!

FRANK: Ich hab's nicht mehr ausgehalten.

SONJA: Mein Vater hat vollkommen recht: Sex versaut das Gehirn..

FRANK: Kann ihm nicht passiern, davor schützt ihn sein Alter.. Ja, ich weiß, der Herr Professor für Robotik ist ein Genie, ich weiß. Ich sag dir was: Seine Tochter ist auch nicht ohne. (Man hört ein näher kommendes Tacktack )

SONJA: Da! Siehst du! Er kommt! Schnell! Durchs Fenster! Versteck dich im Garten! (VATER mit Gehstock kommt von rechts, FRANK öffnet das Fenster, klettert hinaus)

VATER (sieht es): R4! Hiergeblieben! (zu SONJA) Er hört nicht.

SONJA: Vielleicht hat er Launen wie ein Mensch? Oder du hast ihn erschreckt? Er wird gleich wieder da sein. Ich ruf ihn. (drückt eine Fernbedienung)

VATER: Na, das wäre was. Vor seinem Schöpfer erschrecken... .Andrerseits... So was gab es doch schon mal.... Hm, wann war das? Ich werd mal googeln..(ROBOTER kommt von rechts, bleibt beim VATER stehen) Da ist er ja schon wieder. Wie macht er das? Ist ja fast Lichtgeschwindigkeit.. Hm.. Liebes, du musst seine Gangart etwas drosseln, es irritiert mich..

SONJA: Aber ich mag ihn so.

VATER: Das ist gut, das ist sehr gut.. Er verdient deine Sympathie. Du hast ihn ja gemacht... Man muss sein Geschöpf lieben.

SONJA: Ja, er ist mein Traummann, aber ich wünschte, er wär ein Mensch.

VATER: Was ist ein Traummann? Fantasie, reine Fantasie.. Findet sich das in der Wirklichkeit? Niemals! Sonst wär es ja kein Traummann..  Logisch. Also red nicht so.

SONJA: Aber ich bin doch dein Geschöpf?

VATER: Was für eine Frage!

SONJA: Dann mach mich glücklich! Gib mir einen Menschen zum Lieben!

VATER: Du bist heute mal wieder sehr .. hm... bockig. Wo hast du deinen Verstand? Denk nach..... Was ist der Mensch? Moleküle mit Zerfallsdatum! Wie kann das glücklich machen, wenn das morgen Staub ist? Aber.. richtig! Kann sich fortpflanzen.. Ja, da muss man ansetzen..  Kriegen wir hin, kriegen wir noch alles hin..(zum ROBOTER) Warum bist du ausgerückt? Das ist ja was ganze Neues. Warum? He? Angst vor mir! Na, das wär was. Lass sehen.. (öffnet am Rücken des ROBOTER eine Klappe). Alles in Ordnung. (schließt die Klappe) Also, warum bist du davon gelaufen?

SONJA (die Fernbedienung weg steckend): Paps, ich glaub, ich hab aus Versehen die Fernbedienung berührt.

VATER: Schade. Dachte schon erstes Zeichen von Bewu.. Bewu..

SONJA: Bitte, lass das Stottern. Das ist nicht mehr witzig, das nervt...

VATER: Was denn?

SONJA: Bewusstsein heißt das.

VATER: Genau. Höchste Zeit. Er muss es bekommen. Bewu, Bewu.. Möglichst noch bevor .. (kichert) Jaja.. Transformation in nichts. Auch ein Kunststück. Oder?

SONJA: Du wirst weiterleben. Im Gedächtnis der Menschheit.

VATER: Unwichtig, vollkommen unwichtig. Mein Liebes, dagegen: Kriegt ein Roboter ein Bewu, ist er menschlich und der Mensch wird göttlich. Logisch. Am Anfang war die Suppe, dann kam Fleisch dazu, jetzt löffelt sie aus. Entweder Schöpfer oder Schöpflöffel.

SONJA: Das versteh ich nicht.

VATER: Niemand versteht das. (Zum ROBOTER) Was stehst du noch rum. R4, verschwinde! (ROBOTER ab nach links)

SONJA: Sag mal, Paps, was willst du eigentlich? Was hast du vor? Was soll das alles? Entschuldige. Manchmal kommen mir Zweifel.

VATER: Aber, Kind, warum Zweifel? Fühlst du denn icht, wie du getragen wirst? Der Fortschritt ist ein Wind, der dich trägt... Gib dich ihm hin, werde Teil davon. Denn es ist nicht aufzuhalten. Nichts und niemand kann das aufhalten. Die Schöpfungsgeschichte, mein Kind, ist noch nicht zu Ende, sie geht weiter.. Kapitel 1: Affe wird Mensch. Kapitel 2: Maschine wird Mensch. Kapitel 3.. wird kommen. Und jetzt gute Nacht.

SONJA: Gute Nacht, Paps.

VATER: Wetten, R4.2 schläft schon. Siehst du, er hat schon was mit uns. Besonders in der Nacht. (kichert, ab)

SONJA (beugt sich aus dem Fenster, ruft leise): In fünf Minuten! Aber keine Sekunde früher! (ab nach links in ihr Zimmer.

 

BLACKOUT

 

 

 

 

SONJA und FRANK im Bett

 

FRANK: Wie wär's noch mal?

SONJA: Es wird schon hell. Zieh dich lieber an..

FRANK: Immer diese Klamotten!

SONJA: Du hast ja gesehn: Er hält dich für den Roboter! Und das muss so bleiben.

FRANK: Wie soll ich das verstehn?

SONJA: Herrjeh...Du weißt, wie ich das meine. Er darf nie wissen, dass ich mich mit einem Mann treffe. Das wäre eine Katastrophe.

FRANK: Die Menschheit hat schon ganz andere Katastrophen überstanden.

SONJA: Die Menschheit schon, aber nicht mein Vater. Beeil dich..

FRANK: Verrücktes Theater. Dein Alter mag ein Genie sein, aber eine Macke hat er garantiert.

SONJA: Genie und Wahnsinn liegen oft nebeneinander.

FRANK: So wie wir? Keine Sorge, das Genie bist du.. War ein Witz. Ich kapier euch beide nicht. Wie kann er von dir ein Leben ohne Sex verlangen! Und du gehorchst ihm!

SONJA: Tu ich das?

FRANK: Aber wie. Heimlich und ich muss deinen Roboter spielen.

SONJA: Nur, wenn er uns erwischt. Und das hat uns heute schon mal gerettet, das hast du doch gesehn...  Mach das nie wieder! Einfach so aufkreuzen!

FRANK: Ich soll kommen, wenn du rufst, und ich soll gehen, wenn du es willst. Ich bin ja schon fast dein Roboter... Steigt er auch in dein Bett?

SONJA: Jetzt spinnst du aber.

FRANK: Wär ich du, ich würd ihm nicht traun.  (küsst sie) Kann er das auch?

SONJA: Du kannst es besser.

FRANK (hat sich angezogen): Eines Tages bring ich ihn um.

SONJA: Er ist unsterblich..

FRANK: Das macht ihn mir noch unsympathischer.

SONJA: Geh jetzt! Aber leise! (FRANK ab) Nicht dort! Himmel noch mal!

 

 

BLACKOUT

 

 

 

 

Wohnzimmer. VATER. FRANK kommt von links, zögert, bleibt stehen..

 

VATER: Nanu, schon wach? Zu viel Energie abbekommen? (FRANK will vorbeigehen) Halt, lauf nicht davon.. Ein Homo sapiens will mit dir plaudern. Setz dich. (FRANK gehorcht) Weißt du.. Du zitterst? Du bist doch nicht überladen? (FRANK nickt, schüttelt aber gleich den Kopf). Hm... In deinem Programm geht was durcheinander.. Na, soll Sonja mal nachsehen.. Weißt du, zweimal in der Nacht muss ich raus zum Pinkeln. Und dann bin ich wach und lauf herum.. Ja, Roboter müsste man sein, ich sag das mit einem gewissen Neid.. (kichert) Was hältst du davon? Homo sapiens in Roboter verwandeln.. (FRANK fährt erschrocken hoch). Nur ruhig, ruhig, was ist denn los mit dir... Das wäre auch ein Geniestreich (blickt FRANK prüfend an) Was war das? Zeichen von Angst? Interessant.. Das wäre ein Fortschritt. Seit wann spürst du so was?. Du kannst laut sprechen, Sonja schläft.. Also, sag was. Seit wann hast du das?

FRANK: Seit eben.

VATER: Faszinierend. Eine plötzliche Mutation oder ein Nachahmungseffekt. Auch gut. So ist das, wie es schon in der Bibel steht.. Am Anfang war die Angst, dann kam die Versicherung.. (kichert) So was.. Immer diese Werbesprüche. Sollte nicht mehr Privatfernsehen gucken.. Interessant.. Was ist los? Hat Sonja dir ein kleines Nachäffungsprogramm verpasst, um Paps eine Freude zu machen? Stell dich! (FRANK steht auf) Drei Schritte nach vorn. (FRANK tut es. VATER will an FRANKs Rücken, doch der dreht sich immer weg) Willst du wohl stillstehen! Nein? Was heißt das? Kitzelt es dich etwa? (FRANK nickt) Du kannst sprechen. Nur wir zwei Geistesgrößen sind wach. Also, was soll das Rumgetanze?

FRANK: Es kitzelt!

VATER: Echt? Das wäre schon wieder ein Fortschritt!

FRANK: Jawohl. Fortschritt. Großer Fortschritt.

VATER: Großartig! Wenn das so weiter geht, erreichen wir viel früher das Ziel, als geplant.

FRANK: Was ist denn das Ziel?

VATER: Du bekommst ein Bewusstsein.

FRANK: Was hab ich davon?

VATER: Keine Ahnung.. Aber ich krieg den Nobelpreis. Natürlich hast du was davon. Du wirst ein Mensch! Ohne diese ganzen mit Verfallzeit versehenen Sachen wie Leber, Niere, Herz, Lunge, Gehirn.. Und mit deiner Intelligenz wirst du ein geniales und unsterbliches Geschöpf sein. Und dann.. (SONJA kommt im Pyjama)

SONJA: Ich hab Stimmen gehört. (zu FRANK erschrocken) Du...? Marsch, in deinen Kasten!

FRANK: War ich schon. Zu viel Energie.. Muss herumlaufen...

VATER: Ja, du musst mal die Aufladestation prüfen.

SONJA: Ich sagte: In deinen Kasten! Sofort! (FRANK ab nach links)

VATER: Die Unterhaltung mit ihm war großartig. Und ich konnte einen gewaltigen Fortschritt entdecken.

SONJA: Unterhalte dich lieber mit richtigen Menschen.

VATER: Ich mag die Menschen nicht. Sie husten dich an mit ihrer Spucke, sie haben Waschlappen als Hände und sie furzen wie Hunde. Sie brechen sich ihre Knochen, ihre Zähne fallen aus und sie jammern, wenn sie arbeiten müssen. Was für elende Geschöpfe! Aber mein Mensch der Zukunft! Er altert nicht, er klagt nicht beim Arbeiten, wird nie müde, braucht kein Futter und ist hoch intelligent. Was ihm bloß noch fehlt, um perfekt zu sein, ist das Bewusstsein!

SONJA: Auf einmal sagst du das ganze Wort!

VATER: Und wenn er das hat, kann ich mich endlich mit einem unterhalten, der mir würdig ist und nie so schlecht gelaunt ist wie meine Tochter.

SONJA: Paps, was machst du so früh?

VATER: Richtig.. Ich hab glatt vergessen, dass ich pinkeln wollte. Gib mir deine Hand, führe mich ins Vaterland.. Toller Witz. (geht kichernd ab)

FRANK (kommt zurück, küsst SONJA, ab)

 

BLACKOUT

 

 

 

 

Wohnzimmer. SONJA. FRANK kommt, hält hinterm Rücken eine Weinflasche.

 

SONJA: R4, was tust du hier?

FRANK: Sonja, ich bin's! Frank!

SONJA: Schon wieder ungerufen! Und dann am hellichten Tag. Wenn dich jetzt mein Vater sieht!

FRANK: Er hat gerade das Haus verlassen. Ich hab aufgepasst. In Mantel und Hut, da bleibt er bestimmt länger weg. Schau mal! (zeigt die Weinflasche)

SONJA: Du bist unmöglich...

FRANK: Wir haben was zu feiern. Weißt du das nicht? Solln wir aus der Flasche trinken?

SONJA: Hier hat keiner Geburtstag und du auch nicht. (bringt zwei Gläser)

FRANK: Doch. R4.2. Er ist jetzt ein Jahr alt... Ein Korkenzieher wär auch nicht schlecht (sie holt einen Korkenzieher, er öffnet die Flasche) Und seit einem Jahr betrügen wir deinen Vater.

SONJA: Ich sehe das nicht so..

FRANK: Ist aber so. (füllt die Gläser) Und jetzt soll er hochleben, unser Lieblingsroboter! (Sie trinken)

SONJA: Auf einmal..

FRANK: Ja, ich hab gedacht, wir machen einen Dreier.

SONJA: Lass den Blödsinn. Du kannst nicht lange bleiben.

FRANK: Richtig. Und du auch nicht. Ich nehm dich heute mit. Gehn wir bummeln und abends ins Kino.

SONJA: Unmöglich. Gerade heute haben wir einen neuen Test vor. Mein Vater hat bei R4 was entdeckt. Endlich einen Fortschritt.

FRANK: Ein Bewu..?

SONJA: Du verstehst die Bedeutung nicht.

FRANK: Nein. Aber ich verstehe, dass du hier in einem Gefängnis bist.

SONJA: Bin ich nicht. Ich unterstütze meinen Vater. Er steht kurz vor einem Erfolg, sagt er. FRANK: Aus welcher Zeitung hast du das? Ich sag dir was: Dein Vater steht kurz davor, verrückt zu werden.. Schon gut. Ich sag nichts mehr. Ich sauf jetzt, bis ich umfall. (trinkt aus der Flasche)

SONJA: Schäm dich. Das ist ekelhaft.

FRANK: Es ist die Lösung unseres Problems. Ist die Flasche leer, bin ich ohne Bewusstsein. Dann werde ich zum Roboter und ich kann bei dir bleiben.

SONJA: Was soll ich mit zwei von eurer Sorte?

FRANK: Naja, der eine wär bloß fürs Bett. Ich würde mich anbieten.

SONJA: Sieh mich nicht so an.

FRANK: Wir könnten es tun. Jetzt.

SONJA: Auf die Schnelle? Nicht mit mir.

FRANK: Mit wem denn sonst? Er lässt dich doch an keinen andern ran.

SONJA: Du machst mich ganz nervös.

FRANK: Ich bin eben verdammt sexy. Versauter kann ein Hirn nicht sein.

SONJA: Wirklich, du redest nur Blödsinn.. (Man hört das Klopfen des Gehstockes) Da!

FRANK: Das kann er nicht sein..

SONJA: Doch! In mein Zimmer. Schnell.

FRANK: Nein, ich will ihm guten Tag sagen.

SONJA: Bist du wahnsinnig!

FRANK: Jawohl! (VATER kommt)

VATER: Seit wann trinkt ein Roboter?

SONJA: Er tut nur so, Paps. (zu FRANK) Steh auf, R4, und ab in den Kasten!

FRANK: Gestatten, in der Tat, R4.2. Heut gibt’s ja fast schon mehr Roboter als Menschen. Das liegt an der Herstellungszeit.

VATER: So was.

FRANK: Herstellungszeit Roboter: 3 Tage, Herstellung Mensch: 9 Monate.

SONJA: Hör auf!

VATER: Er hat Recht... Bloß, wie kommt er darauf? (zu FRANK) Woher weißt du das?

FRANK: Weißt du das nicht, du Esel!?

VATER: Großartig! Eine originelle Frage. (zu FRANK) Definier Esel!

FRANK: Vater von Sonja. Sonja Eselin.

VATER: Er wird frech. Interessant. Verfolgen wir hier den Beginn einer Menschwerdung?

FRANK: Jawohl! Mit ganz viel Bewu..

VATER: Rate! Was ist das? Sieht aus wie ein Mensch, geht wie ein Mensch, spricht wie ein Mensch, aber ist... na, was? Kein Verdauungsapparat. Na, da könnte man drüber wegsehen. Aber so ist er bloß... na was? Maschine? Jetzt glotzt er blöd. Ist doch noch nicht so weit. Ihm fehlt immer noch das Bewu! Ohne Bewu bist du nichts. Bloß Maschine. Andrerseits... Sieht aus wie ein Mensch, geht wie ein Mensch, glotzt wie ein Mensch.. Könnte sich schon für einen Menschen halten. Aber.. Aber..

SONJA: Ist dir nicht gut, Paps?..

VATER. (tippt an die Stirn): Da schwirrt was herum, dockt was an, da blitzt und kracht es. Was ist du? Was ist er? Was weiß man? Bewu und Sein, Bewu und Sein...

FRANK: Sag „Seele“. Ist einfacher.

VATER: Seele! Da lachen ja die Hühner. Wenn Seele, dann auch Hühner.. Und warum? Vom Universum bis zur Kellerassel – alles nur Atome! Seele, pfui! Hirngespinst. Ja, das Hirn könnte eine Spinne sein. Und sie ist das Bewu... Bewu! Denk mal an. Ja! Oder auch nicht. Hau den Kopf gegen eine Tür – das ist Aua! Das ist Bewu! Aber davon weiß ein Roboter nichts. Der sagt nicht „Aua“, der sagt: „Fehler. Korrektur.“ Und schon geht der durch die Tür wie eine Flunder. Keiner hat eine Seele, wir sind alle Roboter! Roboter aus Metall, Roboter aus Knochen..

SONJA: Paps, das meinst du nicht im Ernst..

FRANK: Ich nicht, ich bin ein gebürtiger Mensch! He, Alter, hast du gehört? Ich hab 'ich' gesagt.

VATER: Nachgeplappert, nachgeplappert. Sonja, er äfft uns nach! Frechheit.. Ich! .. Was für ein Ich?  Roboter-Ich? Esel-Ich? Blattlaus-Ich? Menschen-Ich? Das hat Tränen in den Augen! Kann lachen! Hat Kummer, Verzweiflung, Begeisterung, Entzückung.. Sieh dich an, R 4! Dein  kaltes Gesicht! Mich legst du nicht rein.. Hm..Immerhin... R4 fängt an zu lügen. Nicht schlecht.. Riecht schon nach Mensch.. Was sagt er jetzt? R4! Na, was jetzt? Da ist er stumm. Sprache verschlagen, was? Dummer Kerl.

SONJA (leise): Er ist wirklich ein Mensch.

VATER: Sonja, du hast getrunken..

FRANK. Ein Messer! Ein Messer her!

SONJA: Nein!

FRANK: Verflucht nochmal... Er glaubt es einfach nicht.

VATER: Und jetzt flucht er. (kichert) Jetzt wird’s lustig. Rebellion, was? (FRANK greift sich ein Messer vom Tisch) Was will er mit dem Obstmesser?

SONJA: Nein, nicht!

FRANK (schneidet sich in die Hand): Hier! Blut! Bitteschön..

VATER: Sonja, was ist das?

SONJA (nimmt FRANKs Hand, sieht sie sich an): Marmelade. Erdbeermarmelade. Hat mir R4 heute aufs Brötchen geschmiert. (leckt es ab, küsst die Stelle, leise) Bitte, lass das.

FRANK (leise): Du würdest mich verbluten lassen? Um seinetwillen?

SONJA (leise): Nein, um unsretwillen.

FRANK (leise): Soll das ein Witz sein?

VATER: Genug getuschelt, ihr Schelme.. Habt euch da was Schönes ausgedacht.. War schon ein wenig irritiert..

FRANK: Ein Irrer ist irritiert? Es reicht. Wer nicht verrückt ist, haut ab! Zum letzten Mal, Sonja. Kommst du?  (SONJA rührt sich nicht) Nein? Du bleibst?  Dann eben nicht. Jetzt ist Schluss. Aus und vorbei! Verschwindet aus meinen Augen! Nein.. Fehler.. R4 verschwindet aus euren Augen..  (ab)

VATER: Sehr theatralisch.. Hast du ihm ein neues Programm gegeben? Andererseits..Vielleicht schon erste Anzeichen von Emotion? Was sagst du dazu.. Gefühle! Anfang von Bewu! Was meinst du? (ROBOTER kommt) Da kommt er zurück. Brav, R4.  Nicht davon laufen.. Bin doch dein Freund, dein guter Vater.. Zeig mal die Hand! Die linke! (ROBOTER reicht ihm die Hand) Nichts zu sehen.  Folglich: Der Roboter heilt sich selbst. Und das ist, ergo, auch das Ende aller Medizin! Nur gut, Töchterchen, dass du nicht Medizin studiert hast.. Homo sapiens geht jetzt ins Labor. (ab) .

SONJA (ruft): Frank!

ROBOTER: Fehler. Korrektur. R4.2

SONJA (schreit): In den Ruhestand! (ROBOTER erstarrt.)

 

 BLACKOUT

 

 

 

 

Wohnzimmer. SONJA arbeitet am ROBOTER., dessen Klappe am Rücken geöffnet ist. VATER kommt.

 

VATER: Schon wieder am Fummeln? Hör auf damit. Er muss sich selbst entwickeln.

SONJA: Es fehlt was, es fehlt was.. Ich will, dass er ein Mensch wird!

VATER: Das muss er sich selbst schaffen. Wie sag der Engländer? Learning by doing.

SONJA: Kann er lieben? Kann er einen Menschen glücklich machen? Kann er mich zum Fliegen bringen? Ich möchte mit ihm fliegen! Paps! Fliegen! Paps, gib mir endlich einenrichtigen  Mann, einen Menschen.

VATER Geht das schon wieder los.

SONJA: Es ist ein Naturrecht.

VATER: Willst du Sklave der Natur zu sein?

SONJA: Wie kann ich ihr Sklave sein, wo ich selbst Natur bin!

VATER: Ja, das ist ein Handikap.

SONJA: Und ich will ein Kind. Schon lange. Es ist etwas Großartiges, ein Kind zu schaffen, etwas,d as vom ersten Augenblick an lebt.. und es ist etwas Leres, etwas Banales, etwas Dummes einen Roboter zu bauen.. (Schließt die Klappe. Zum ROBOTER) Geh, hol mir ein Glas Wasser.

VATER: Mir auch. (ROBOTER ab. VATER und SONJA setzen sich) Du bist durcheinandert. Aber warte nur, du bekommst, was du willst...

SONJA: Für dich ist die Natur doch nur ein Auslaufmodell. Aber dann sag mir mal, wie hast du mich gemacht? Oder schon vergessen?

VATER: Ja, das waren noch Zeiten! Und deine Mutter starb nach der Geburt.

SONJA: Ich weiß...

VATER: Siehst du. (zeigt auf ROBOTER, der kommt mit einem Tablett und den Gläsern kommt, stellt es auf den Tisch) Ein Roboter, der alles für dich tut. Und er ist unsterblich.

SONJA (zu ROBOTER): Geh. ich brauch dich nicht mehr.. (ROBOTER ab)

VATER: Und er sieht aus, so wie du es gewollt hast. Dein Traummann.

SONJA: Sieht aus wie ein Mensch, geht wie ein Mensch, spricht wie ein Mensch, aber wenn du rein guckst.. Eine Maschine!

VATER: Nicht mehr lange..Apropos Traummann.. Kürzlich sah ich einen Menschen... mit einem Gesicht wie R4.2. Merkwürdig.. Da spaziert ein Traummann herum.

SONJA: O Paps! Den will ich haben!

VATER: Kommt nicht infrage. Schau mich an.. So wird der Kerl einmal aussehen. Willst du das? Du verdienst etwas Besseres, viel Besseres.

SONJA: Aber ich will auch ein Kind!

VATER: Sollst du haben, warte nur Töchterchen.. Sollst du haben! Und was für eins! Das schönste, das beste, das herrlichste, das es je gab.

SONJA: Du fantasierst!

VATER (steht auf): Mein Liebes, als Gott den Menschen schuf, fantasierte er. Aber, wie man mühelos erkennen kann, war der Erfolg ein Reinfall. Bei mir wird es anders sein. Ja, du sollst ihn bekommen, was dir zusteht! Und ihr werdet sein wie Adam und Eva und ihr werdet eine neue Menschheit gründen und sie wird sich verbreiten im Universum bis in alle Ewigkeit. Naja, so lang das Universum besteht. (singt) Warte, warte nur ein Weilchen, dann kommt auch das Glück zu dir... Hm. Klingt banal. Eine Sinfonie, ja, das wär jetzt genau das Richtige, aber sing mal eine Sinfonie.... (ab)

 

BLACKOUT

 

 

 

Wohnzimmer. SONJA, ROBOTER

 

SONJA: R4! Wieso folgst du mir die ganze Zeit? Geh weg! In die Ladestation!

ROBOTER: Nicht nötig. Energiemodus: 100 %.

SONJA: Ich hasse dich, geh weg, lass mich allein!

ROBOTER: Unmöglich.

SONJA: Warum?

ROBOTER: Auftrag von Vater.

SONJA: Ich will dich aber nicht! Nicht dich... Den anderen...

ROBOTER: Verstehe. Frank.

SONJA: Du weißt es? Dann weißt du auch, ich warte.. Aber er kommt nicht!

ROBOTER: Telefon.

SONJA: Hab ich ja. Ich hör ihn atmen, aber er sagt nichts!

ROBOTER: Gib Smartphone. (hält ihr die Hand hin)

SONJA: Die Nummer weißt du?

ROBOTER: Ja. (Sie gibt ihm das Smartphone, er tippt die Nummern) Hallo, hier R4.2. Guten Tag, Frank. Sonja traurig. Sehr traurig. Wartet auf dich. Ja, hier R4.2. Guten Tag.. (gibt ihr das Smartphone zurück) Er kommt. Heute Abend.

SONJA (umarmt ihn): Mein lieber Robi!

VATER (der gerade dazu kommt): Ja, so ist es recht! Habt euch gern! (Stellt den Spiegel an die Wand) Und jetzt, Sonja, lass uns sehen, wie weit es mit ihm ist. Beginnen wir mit dem Test..

SONJA: Mit dem Spiegel? Das ist alles?

VATER: Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist der Mensch im ganzen Land? Fragen wir ihn.. R4.2, komm her, stell dich hierhin.. (ROBOTER stellt sich neben ihn) Blick geradeaus! Was siehst du.

ROBOTER: Spiegel.

VATER: Sonja, zeig ihm mal, was man mit einem Spiegel macht..

SONJA (stellt sich vor den Spiegel): Am Schminktisch geht es leichter. (prüft Gesicht ) Ich werde alt. Ich habe Falten um die Augen.. Und hier..

VATER: Na und? Wenn ich in den Spiegel sehe, sehe ich meinen Großvater.. Moment. Was machen wir da? Der Spiegel ist für ihn da, nicht für uns. (zu ROBOTER) Schau rein. Was sieht dich an? Ein Affe? Ein Haus? Ein Müllhaufen? Na! Erkennst du dich? Nicht mal ein bisschen Eitelkeit? Du bist hübsch, mein Junge, sehr hübsch... (ROBOTER bleibt still vorm Spiegel stehen ) Er starrt hinein und sieht nichts. Mach mal Platz .. Ich zeig ihm, was hier vorm Spiegel steht. Siehst du das? (klopft an seine Stirn) Da ist Einstein. Jawohl. Seine Atome schwirren darin. (tippt die Nase an) Die Nase, da ist Kleopatra und ihre Schlange.. Atome von beiden, guck sie dir an. (tippt an den den Mund) Und der Mund ist von Atomen aus dem Schwanz eines Dinosauriers und dem von Robespierre, dazu ein paar Atome vom ersten Stern und dem letzten Mohikaner. (tippt eine Wange an) Die Backe hier hängt schwer von Napoleons Atomen und (tippt Kinn an) das Kinn spitzen Atome vom Stoßzahn eines Elefanten und von der Borke einer Eiche... Und Atome vom Dreck an den Hufen des Pferdes von Alexander des Großen, von erloschenen Vulkanen, von der Flut vergangener Ozeane, von Wüstenstürmen aus den Zeiten Kleopatras und noch mehr, alles formt mich von Kopf bis Fuß.. (hustet) Jetzt hab ich ein Sandkorn in die Kehle bekommen.. (kichert) Also.. Alles ist zusammengesetzt aus unsterblichen Atomen.Von der Bettwanze bis zum Mont Everest, du auch, R4.2, und – pass auf - jetzt schön die Atome verknüpfen, elektrische Ladungen verschicken und hopps.... Was bist du?

ROBOTER: R4.2.

VATER: Himmel noch mal. Sag „Ich!“, du Rindvieh.

SONJA: Papa, so geht das nicht... Wir müssen seine Spannung messen, vielleicht ist sein Akku defekt oder sonst was.

VATER: Und wie er defekt ist. Ich tret ihn gleich in dem Arsch.

SONJA: Paps, er hat doch keinen..

VATER: Schweinerei.. (weinerlich) Ich will jetzt meinen Pudding mit Blaubeersaft.

SONJA: Ja, Paps.. Komm, wir machen uns einen... (zu ROBOTER) In den Kasten! (ROBOTER links ab, SONJA und VATER rechts ab)

 

BLACKOUT

 

 

 

 

Wohnzimmer, abends. Gedämpftes Licht. SONJA und FRANK

 

SONJA: Keine Gefahr. Er schläft. Es ging ihm schlecht..

FRANK: Ist er durchgedreht?

SONJA: Du bist herzlos, echt. R4 hat versagt. Wie würdest du dich nach einer großen Enttäuschung fühlen?

FRANK: Wissenschaftler sind nie enttäuscht ... Die machen immer weiter, und wennd abei die Welt untergeht... Wo leben die denn? Die haben ihren eigenen Mond und hinter dem leben sie.. Sie tun wenigstens so..  Und du, wie lebst du? Dein Roboter hat mich angerufen!

SONJA: Ja, ich tat ihm leid.. Stell dir vor!.. Ich hab dich dreimal angerufen! Aber du hast nicht reagiert!

FRANK: Auf Befehle reagiere ich nicht.. Und er, der Menschenfreund Roboter, er hat gesehen, wie traurig du bist? Dieser stumpfsinnige Kerl? Das glaubst du doch selber nicht.. (Schweigen)

SONJA: Du bist immer noch sauer..

FRANK: Da kannst du Gift drauf nehmen..

SONJA: Und bist doch gekommen.

FRANK: Ja, weil ich deinen Vater sprechen will.

SONJA (erschrocken): Das kannst du nicht tun.

FRANK: Hör mal.. So geht es nicht weiter. Ich sag nichts Böses, ich sag ihm nur die Wahrheit. Ein Roboter wird nie ein Bewusstsein haben! Nie! Nicht so eines wie wir! Dann wär er ja blöd. Will er denn leiden wie wir?

SONJA: Wir leiden doch nicht immer. Wir sind auch glücklich...

FRANK: Ich nicht. Und warum? Weil hier alles verlogen ist. Wir müssen aufhören damit. Das sag ich ihm.

SONJA: Du hast ja keine Ahnung. Hier geht es um etwas Großes! Er macht ein Geheimnis daraus, aber ich weiß es: es wird etwas Geniales sein! Aber dein Denken ist kleinbürgerlich, so kleinbürgerlich! Angst vor dem Neuen, Furcht vor Grenzüberschreitung.. Nur Gartenzwerge wollen im Garten bleiben! Wo wären wir heute mit solchem Denken.

FRANK: Vielleicht wären wir verheiratet und hätten schon Kinder...

SONJA: Jetzt träumst du.

FRANK: Meinetwegen. Wo ist der Alte?

SONJA: Du wirst nicht mit ihm sprechen.

FRANK: Und ob ich das werde.

SONJA.: Du weißt ja nicht, was du tust.. Du nimmst ihm das Leben!

FRANK: Das nennst du Leben? Seid ihr beide schon Roboter geworden, du und dein Vater?

SONJA: Das reicht! Geh! Geh!

FRANK: Ich bleibe.

SONJA: Geh, oder ich rufe R4! Er schmeißt dich raus! Geh, geh!

FRANK: Mich kriegst du nicht los! Ich komme wieder. (ab)

(SONJA bleibt einen Moment stehen, dann macht sie das Licht aus und geht ab. FRANK kommt zurück, schaut sich um, versteckt sich unterm Tisch)

 

BLACKOUT

 

 

 

(Das Wohnzimmer im Morgenlicht. VATER kommt, geht ans Fenster, öffnet es, bleibt stehen. FRANK kommt unterm Tisch hervor, räuspert sich, VATER reagiert nicht)

 

FRANK (stellt sich neben ihn): Was gibt es da zu sehen?

VATER: Faszinierend. Vögel. Niedlich. Pieps, pieps.. Robotervögel!

FRANK: Robotervögel? Die gibt es doch gar nicht.

VATER: Sehen aus wie Naturvögel, bewegen sich wie Naturvögel. Eindeutig Roboter. Alls, was sich bewegt: Roboter. . (sieht FRANK an seiner Seite) Was willst du?

FRANK: Hören Sie..

VATER (sieht hinaus): Und jetzt fliegen sie! Sieh mal! Viel schöner als in der Natur!

FRANK: Erlauben Sie: Sie spinnen.

VATER: Was sagtest du da? Was soll das, R4.2. Seit wann siezt du Homo sapiens?

FRANK: Seit jetzt.

VATER: Fehlfunktion... Das werden wir korrigieren..

FRANK: Schluss jetzt! (schreit) Hör zu, Alter!

VATER: Was für eine Lautstärke! Wer hat am Regler gespielt?

FRANK: Was hast du gegen die Liebe?

VATER: Liebe? (kichert) Großartig. Sieht sich nicht im Spiegel und spricht von Liebe... Trottel! Wo hast du das Wort aufgeschnappt?

FRANK: Bei deiner Tochter.

VATER: Ja, sie redet oft dummes Zeug..

FRANK: Du verbietest ihr die Liebe!

VATER: Soll lieben, darf lieben, alles lieben... Aber keinen Homo sapiens! Sind dumm, organisch, sie faulen..

FRANK: Aber sie leben. Und nur wer liebt, lebt richtig!

VATER: Dummes Zeug. Du philosophierst! Lass das.. Schaff dir lieber ein Bewu.. Bewu ...

FRANK: Bewusstsein heißt das.

VATER: Genau. Sag, was du jetzt fühlst.

FRANK: Die Fäuste zucken schon!

VATER: Fehlfunktion. Dreh dich um, muss mal nachsehen... (FRANK gehorcht, VATER sucht am Rücken die Klappe) Nanu? Was ist das für ein Material?

FRANK: Fleisch und Blut.

VATER: Was redest du für einen Blödsinn. (ruft) Sonja!

FRANK: Still. Lass sie schlafen. Kein Wort mehr oder.. (droht ihm mit der Faust)

VATER (weicht zurück): Drei Meter Sicherheitsabstand, laut Vorschrift.. .

FRANK: R4.2, das ist der andere. Verstehst du? Der andere!

VATER: Ja, ja. Der andere bist du.. Natürlich, das ist normal. Die Traumphase, gleich hebt er an, der Geburtsvorgang... Erkläre! Spürst Sehnsucht? So was wie ein magnetisches Ziehen.. Fühlst dich zu Homo sapiens hingezogen? Willst wie sie sein? Wäre gutes Zeichen. Wie schizophren, weil halb dies und halb das.. . Jaja.. Halb Gott, halb Homo sapiens... Geduld, Geduld.. Sieh mich an! Komm näher.. Was ist mit deinem Gesicht? Zuckungen? Erst die Fäuste, jetzt im Gesicht.. Wieso? Etwa Schmerz? Aber wie... wie kam es dazu?  Muss sie holen. (will gehen)

FRANK: Zurück! Oder ich hau dir in die Fresse. (hebt die Faust)

VATER: Gut, gut. Aber mit dir geschieht was.. In diesem Augenblick.. Das muss bezeugt werden. Hol Sonja!

FRANK: Ja, her mit ihr! Die ist schuld! Nein, stimmt nicht, du bist schuld!

VATER: Großartig! Du, er, sie.. Es fehlt das Ich!

FRANK: Deine Gene! Sie ist wie du! Sie befiehlt, ob man kommt oder geht. Als wär man ihr Roboter!

VATER: Als wär man.. Siehst du, siehst du.. Du bist auf schönste Weise durcheinander. Das ist schon fast Menschsein.. Und mecker nicht! Schließlich hat dich Sonja ausgedacht.. Bist ihr Traummann.. Wo ist sie eigentlich? (ruft) Sonja! (zu sich) Wozu die Evolution Millionen Jahre brauchte – vom Affen zum Homo Sapiens... Das geht heute so: hopps! Großartig. Universen bilden sich, Galaxien, Sonnen entstehen, Planeten, Lebewesen.. Alles ruckzuck.. Muss eine Mutation sein..Von der Raupe zum Schmetterling? Spürst du's?

FRANK: Ich? Was bin ich denn? Was meinst du? Ich sag's dir. Ich bin ein Mensch. Oder? Ist hier jemand anderer Meinung?

VATER: Halleluja! Er sagt ich!

FRANK: Ja, ich bin ein Mensch! (wischt sich die Augen) Bloß ein Mensch!

VATER: Großartig, großartig.. Er weint. Ecce homo!  (ruft) Sonja! (Zu FRANK) Mein Lieber, mein Guter.. Du hast ein Bewu.. Bewu.. (SONJA kommt)

SONJA: Warum rufst du mich? (zu FRANK) Was willst du hier?

FRANK: Ich glaub, ich such mich...

VATER: Er hat es, Töchterchen, er hat es!

SONJA: Was? (sieht FRANK genauer an)  Was ist... Du weinst? Das spielst du doch.. Was soll das?

VATER: Er spielt es nicht. Er hat es! Er hat es! Das Bewu.. Das Bewu... Das Bewusstsein! (Er erstarrt, hinter seinem Rücken steigt Rauch auf)

SONJA: Papa, du brennst.. (läuft zu ihm hin, schlägt auf seinen Rücken, es klingt hohl, entsetzt) Er ist ein Roboter!

FRANK: Ahh...  Jetzt kapier ich! Mensch ist Roboter, Roboter ist Mensch.. Was ist das für ein Saustall hier!

SONJA: Er rührt sich nicht, er ist tot!

FRANK: Das gönn ich ihm.. Verfluchter Kerl...

SONJA: O Gott. Und mein Vater? Wo ist er? Hat ihn der Roboter umgebracht?

FRANK: Ach was.. Der lebt. Begreif doch.. Das hier, das hat er sich alles ausgeheckt!

SONJA (ruft): Papa, wo bist du? (zu FRANK) Schaff den da weg, ich kann ihn nicht mehr sehen..

FRANK: Das muss dein Roboterliebling machen. Ich greif mir den Alten. (ab)

SONJA (drückt die Fernbedienung): Na komm schon.. (ROBOTER kommt) Hier.. (zeigt auf die starr stehende Gestalt) Weg damit! Nur zu. Das ist kein Mensch... Warte! (geht noch einmal zum kaputten ROBOTER, schaut in sein Gesicht) Vater? (weicht dann zurück. Zu ROBOTER) In den Keller damit! Zum Schrott! (ROBOTER trägt den Doppelgänger-VATER weg. SONJA setzt sich.) Bewu..Bewu.. Ich dachte, das sei ne Macke.. Kriegt man doch im Alter.. (seufzt) Man kann seinem eignen Vater nicht mehr traun... (FRANK kommt, trägt VATER und Stock)

SONJA (springt auf): Papa! Geht es dir gut?

VATER: Großartig, ganz großartig..

FRANK (stellt VATER hin, gibt ihm den Stock): Er war unterm Dach. Die reinste Haschhöhle. Ich musste ihn runter tragen. Er behauptet, so mach ich es immer.

VATER: Stell dir vor, Sonja, er hat es vergessen.. Interessant. Ein weiteres Zeichen von Menschlichkeit. Was meinst du?

SONJA: Ich weiß nicht..

VATER: Ich habe nachgedacht. Meine Lieben! Halleluja! Es ist so weit!

SONJA: Was? Was ist so weit?

FRANK: Zugedröhnt bis unter die Schädeldecke!

VATER: Still! Hört zu! Der Augenblick, der große Augenblick ist da! Ein Augenblick.. Ja, reißt nur die Augen auf.. (zu FRANK) Erst mal, wie willst du heißen, R4?

SONJA: Frank.

VATER: Frank und frei, sehr schön. Also R4, nein Frank, du und Sonja, meine Tochter, die ich liebe, auch wenn sie oft bockig - sehr unschön, wirklich - der ich gleichwohl versprach.. Nämlich..Was war es noch mal? Ich darf den Faden nicht verlieren..

FRANK: Ich geh noch mal rauf in seine Bude. Ich will auch was von dem Zeug.

SONJA: Du bleibst!

VATER: Jawohl, hier geblieben, du wirst jetzt gebraucht.. Er ist nämlich da.. ja was? Achja. Mein Töchterchen! Jetzt kriegst du dein Kind!

SONJA: Papa! Also weißt du...

VATER: Jawohl, ich weiß... Ich bin Gott. Das bleibt unter uns. (schaut sich um) Wo ist mein Doppelgänger?

FRANK:  Er ist futsch, total im Eimer.

VATER: Gut, den konnte ich sowieso nicht mehr leiden... Wollte wohl meinen Platz einnehmen.. Als wär er intelligernter als ich!  Hm.. Sonja, mein Liebes.. Höre! Es ist so weit! Der große Augenblick ist gekommen! .. ... Bitte, tretet einen Schritt zurück... (sie tun es, er kichert) War ein Witz. (hebt den Stock) Hiermit befehle ich: Heiratet! Und macht ein Kind! Die Kreation des 21. Jahrhunderts! Ihr habt meinen Segen!

FRANK: Moment mal, ist da nicht was falsch? Ich bin kein Roboter, ich bin ein Mensch.

VATER: Nicht übertreiben, Frank. Vergesslichkeit und Minderwertigkeitskomplex.... Das ist zu viel Menschlichkeit! .. Also... Was steht ihr noch rum? Husch! Ab ins Zeugungslager!

SONJA: Ich mach's gern. Wirklich, Paps.

VATER: Meine Tochter!

FRANK: Ich weiß noch nicht...

SONJA: Wirst du wohl!

VATER: Ja, zeig's ihm, und wenn er sich dumm anstellt.. Immerhin ist er noch Jungfrau.. Ach, du ja auch ... Soll ich euch ..?

FRANK: Um Gottes willen.. (zieht SONJA mit sich, beide nach links ab)

VATER: Brav, mein Lieber. So ziehet hin und machet euch das Weltall untertan... Gott! Er hat Gott zu mir gesagt!  Na, bitte.. Es ist geschafft.. Und in neun Monaten ist er da, der neue Mensch. Bestens für den Mars geeignet. Höchste Zeit.. Die Menschheit platzt aus den Nähten..(sieht am Boden den Stock seines Doppelgängers) Nanu? Ein Stock.. Ein Zwilling von meinem? Moment..  Der ist ja von meinem Roboter... Was, sollte der Stock schon selbständig gehen können? Was ist denn los heute? Alles macht ja rasende Fortschritte..  Na, was ist? (berührt den Stock mit seinem Stock) Lebt noch nicht.. Na, wer weiß..  ... Hm... Was jetzt? Achja. Gott ist müde .. Hm... Muss in meinen Himmel.. Blöde Treppe... (ROBOTER kommt von rechts) Das ging aber flott, mein Lieber.. Naja, war ja auch nur ein kleines Bigbang... (kichert) Ich erinner mich...  Wieso kommst du von dort? (zeigt mit dem Stock nach rechts) Verstehe. Völlig konfus, was? Das heißt Glücklichsein!

ROBOTER: R5 total kaputt.

VATER: Das sagtest du schon. Und jetzt trag mich zurück in den Himmel! (ROBOTER  nimmt ihn auf die Arme) Aua.. Vorhin warst du vorsichtiger! Denkst wohl, seit du Mensch bist, kannst du brutal sein. Ich warne dich! Ich bin Gott! (beide ab)

 

FRANKs Stimme: Wird doch wieder bloß ein Mensch

SONJAs Stimme: Bist du sicher?

FRANKs Stimme: Na, was denn sonst?

SONJAs Stimme: Was, wenn ich ein Ro... ein Ro... ein Roboter bin?

 

 

 

ENDE