Die letzten Tage des Kommissars       

Erzählungen 

140 S. Softcover, 18 x 11,5 cm, 9,50 €

 

Ein gerade pensionierter Kommissar wird von einem Genetiker in ein teuflisches Spiel verwickelt.

Ein Dorf schrumpft, weil ein Wissenschaftler mit Gott eine Rechnung hat.

Ein Mann erkämpft sich die Herrschaft über das Universum.

Eine Birke treibt einen Dramaturgen in den Wahnsinn.

Ein Mann, süchtig nach der virtuellen Welt, findet durch den Sex zurück in die Wirklichkeit.

       Zu bestellen im Onlineshop. Auch als eBook lieferbar

 

Dieter Lenz

Leseschnipsel

                               

                                       Der Kater und ich

Wir haben einen  Kater. Anders als beim Kater nach einem Zechgelage haben wir den dauernd. Meine Frau sagt jedem, der es wissen will, er sei uns zugelaufen. Aber das stimmt nicht. Mir ist er nicht zugelaufen.
Meine Frau mag ihn, unsere kleine Tochter auch. Ich jedoch ahnte:  mit ihm würde es Ärger geben. Und dann kam alles viel schlimmer.
Er ist schwarz. Ich behaupte: schwarz wie die Hölle, und sein Blick ist der eines Teufels.
Er sah sofort, wo mein Platz auf dem Sofa war.
Und so fing es an. Eines Abends saß er dort. Auf meine Aufforderung, den Platz frei zu machen, reagierte er nicht. Ich forderte ihn zwei-, dreimal auf. Er gähnte. Darauf schubste ich ihn runter. Er fauchte und seine Augen sprühten. Egal. Ich wusste: Ich durfte nicht nachgeben, wenn ich meine Stellung im Haus nicht verlieren wollte.
Es war ein erbitterter Kampf, doch dank meiner Körpergröße gewann ich jedes Mal. Allerdings musste ich mehr und mehr auf seine Krallen achten.
Dann passierte es. Wieder einmal hatte ich gewonnen. Ich saß bequem auf meinem Platz, der Kater hatte sich aus dem Zimmer geschlichen. Meine Frau erschien und sagte „Das Abendbrot ist fertig!“
Ich wollte die Nachrichten zu Ende ansehen und antwortete: „Ja, ich komme gleich..“  Aber zu meiner Verblüffung entfuhr mir ein „Miau“. Und dann noch einmal, weil ich glaubte, mich sprachlich korrigieren zu müssen. Die Tür zuschlagend, verschwand meine Frau.
Ich sprang auf, eilte ihr nach. Ich wollte ihr erklären, dass ich unbewusst miaut habe und sie keinesfalls auf den Arm nehmen wollte. Aber weiß der Kuckuck, was mit meinen Mund los war: Er miaute die gesamte Erklärung. Am Ende klang es sogar jämmerlich.
Und der Zustand war nicht nur vorübergehend, das ging den ganzen Abend so, ich konnte mich nur katzenmäßig äußern. Statt perfektes Deutsch zu sprechen, miaute ich.
Folge: Geschimpfe, Türenschlagen, Tränen, schließlich Androhung der Scheidung.
Glücklicherweise fiel mir ein: Du kannst doch schreiben. Also schreib ihr die ganze Teufelei des Katers auf. Und ich schrieb es auf einem weißem DIN A 4 Blatt, jedes Wort genau überlegend, schließlich war es ihr Lieblingskater. Als ich fertig war, staunte ich nicht schlecht: 83mal „Miau“ geschrieben!
Und dann hörte ich hinter mir ein kleines Miauen. Ich drehte mich um. Das war mein Töchterchen. Es strahlte mich an und miaute noch einmal. Zwei Jahre alt, konnte schon ganze Sätze mit drei Wörtern sagen, aber jetzt: „Miau!“
Ein fürchterlicher Rückschritt.
In mir breitete sich Entsetzen aus. Ich hatte das Kind mit meinem Fluch angesteckt. Ich sank in den Sessel (das Sofa war auf einmal besetzt), meine Frau nahm die Kleine und brachte sie ins Bett. Da schrie das Mädchen: „Will zu Papakatze!“
Na bitte. Bestes Deutsch. Hatte mich bloß nachgemacht, das Schätzchen. Gott, war ich erleichtert.
Als meine Frau die Treppe runter kam, sprach sie von einem Rechtsanwalt, den sie gleich morgen aufsuchen würde. Was sagt man in solch einem Fall? Dazu noch auf Katzisch? Lieber nichts.
Die Nacht war höllisch. Was immer ich im Bett mit meinem Mund versuchte, welche Wörter ich mir ausdachte: Es miaute!
An Schlaf war nicht zu denken und dass ich am nächsten  Morgen nicht ins Büro ging, versteht sich.
Meine Frau brachte die Kleine in die Kita, von da zur Arbeit, ich war mit dem Kater allein. Ich versuchte, ihn in seiner Sprache höflich darauf aufmerksam zu machen, dass ich ihn umbringen würde, wenn er nicht den Fluch von mir nähme. Er gähnte. Und dann flitzte er durch die Katzenklappe ins Freie.
Aus dem Bad holte ich den Frisierspiegel meiner Frau, stellte ihn auf den Wohnzimmertisch, setzte mich davor. Seh ich vielleicht aus wie eine Katze? Nein! Keineswegs! Ich sah da einen ausgewachsenen Menschen, auch der Mund war durchaus menschlich. Mit den Fingern zog ich die Lippen nach allen Seiten, bog und rollte die Zunge. Es änderte nichts am Ergebnis: ein Miau in allen Tonlagen.
Dieser teuflische Kater! Ich holte ein Küchenmesser und wartete auf ihn. Er kam nicht.
Am Nachmittag kehrten Frau und Kind heim, ich sagte kein Wort, ich hatte – hol’s der Kuckuck oder besser: hol's der Teufel – ich hatte sogar Angst, etwas zu denken. Aber dann dachte ich doch was. Nämlich: Nicht Wörter, Taten zählen! Ging also zur Frau, küsste sie im Nacken und flüsterte ihr ins linke Ohr: „Ich liebe dich!“
Ich hatte vergessen, dass ich miaue. Nach dem Ausbruch von Frauenpower ging ich mit geröteter Wange in mein Zimmer. Vor mir sah ich eine Zukunft voller Missverständnisse und Ausschreitungen.
Am Abend am Tisch. Für mich stand nichts da, kein Glas, kein Teller, kein Bier, keine Schrippe. Offensichtlich existiere ich für meine Frau existierte nicht mehr. Da kam mein Töchterchen und schob mir den Fressnapf des Katers hin. Gefüllt mit seinem Lieblingsfutter: Pastete „Ente mit Gans“.
So eine Mutter!, denke ich. Verleitet ihr eigenes Kind zu solch einer Schandtat.
Da! Katzengekreisch! Nicht von mir, sondern vom Kater, mit einem Sprung ist er auf dem Tisch und ich, zornig, wütend, vielleicht auch verzweifelt, ich schreie in extremer Lautstärke: „Runter, du Satansbraten!“
Danach Stille. Wir alle staunten. War vorzüglich gesprochen. Kein bisschen Miau!
Ja, was sagt man dazu. Mein Töchterchen hatte mich gerettet. So ein kluges Kind! Nur, weil ich die Lieblingsspeise des Katers essen sollte, fiel der aus der Rolle.
Der machte sich über seine Pastete her und ich brach in Tränen aus..
Danach vielseitige Umarmung, Entschuldigung meinerseits und Versöhnung mit Frau und – auf ihre Bitte hin – mit dem Kater.
Am nächsten Tag kaufte ich mir ein eigenes Sofa.

 

 

Die Tänzerin

 

Ein Märztag, frühmorgens um halb acht. Am Grab seiner Frau hatte er die grüne Plastikvase mit seinen roten Tulpen in die Erde gesteckt. Heute, vor fünf Jahren, war sie gestorben. Ihm schien, als müsste er noch etwas mehr tun als sonst. Vielleicht mit ihr plaudern wie damals kurz nach ihrem Tod? Aber heute? Zu komisch.

Am Abend zuvor hatte er im Fernsehen einen Bericht über die Entstehung des Universums gesehen. Danach besteht alles aus Atomen, vom Sandkorn bis zu den Gestirnen, und als er jetzt am Grab seiner Frau stand, musste er wieder daran denken. Ihr Körper war ja schon gar nicht mehr da. Zersetzt war, löste sich auf sich auf in seine Bestandteile bis zu den Molekülen und Atomen.

Und was sind Atome? Punkte, bloß Punkte, und was er hier um sich herum sah, waren geformte Ansammlungen von Punkten, sie haben sich gefunden und sie verstreuen sich wieder. Das Dasein - ein Kommen und Gehen von Punkten. In einem dunklen Raum aus Nichts. Ja. Sieh dich um: der Himmel, die Kiefern, die Grabsteine, dort die beiden um den Baumstamm kratzenden Eichhörnchen ja, und du selbst, dein kompletter Körper: nichts als Punkte. Wer das erfunden hat, muss ein Pointillist sein.

Er fühlte das Kommen einer Depression. „Auch das“, so versuchte er sich spöttelnd dagegen zu wehren, „bloß Punkte, geformt zu einem schwarzen Loch.“

Und in diesem Moment hörte er Musik. Schräg gegenüber, etwa dreißig Schritte entfernt, stand eine Frau vor einem frischen Grab, sie hatte den Mantel ausgezogen und über die Einkaufstasche am Boden gelegt. Daneben stand ein Kofferradio, daraus ertönten Diskoklänge,wahrscheinlich kam es von einer einegschobenen Kassette,  und sie, im einem hellgelben kurzärmeligen Sommerkleid, tanzte dazu. Sie tanzte selbstvergessen wie in Trance, nein, es war weit mehr: sie schien ihren Körper zu genießen. Ein wunderbarere Körper, dachte er. Hingerissen blickte er zu. Sie war höchstens 40. Ihr halblanges, dunkles Haar flog rechts und links über die Schultern. Warum tat sie das? Tanzte sie für ihren Mann, der dort begraben lag? Das musste wohl so sein. Wieso hätte sie sonst das dünne Sommerkleid an diesem kühlen Märzmorgen angezogen? Wahrscheinlich war es das Kleid, das er so gern gemocht hatte.

Abrupt hörte sie auf zu tanzen, schaltete das Radio aus, zog den Mantel an, verstaute das Radio in die Tasche, klemmte sie unter den rechten Arm und ging davon.

Verblüfft sah er ihr nach. Tanzen! Am Grab tanzen. Das war ja geradezu was Voodoohaftes. Und während er das dachte, hatte er sich bewegt, eine kleine Bewegung aus dem Stehen heraus, es war ein leichter Hüftschwung nach links. Er spürte in der Hüfte einen Sog, dem sein Fuß folgen musste, er zögerte, dann trat er auf die Erde wie einer, der erst einmal ihre Haltbarkeit ausprobierte, doch schon plumpste der Körper nach, und jetzt, nachdem er fest stand, spürte er eine Kraft kommen, die seinen Körper ausfüllte. Er drehte sich nach rechts, hob die Arme nicht so hoch wie die Frau, nur bis in Schulterhöhe. Und dann tanzte er, sich nach links und rechts drehend, dabei gesenkten Kopfes mit dem Oberkörper wippend, als wollte er wie eine Katze etwas mit dem Kopf anstoßen.

„Und du hast immer gesagt, ich könnte es nicht“, dachte er.

Er hörte ein metallisches Klappern, der Friedhofsgärtner näherte sich mit seiner Schubkarre, beladen mit Gartenwerkzeug. Sofort brach er die Tanzerei ab, atmete tief durch und beugte sich über das Grab, um die Tulpen zu ordnen und die Plastikvase noch einmal kräftig in die Erde zu drücken. Nachdem der Gärtner hinter seinem Rücken vorbeigezogen war, richtete er sich auf und verließ den Friedhof.

Als er im Auto saß, brach er in Gelächter aus, bis er merkte, dass er schluchzte.

 

 

                                          

                                            Die Kälte

Im Fernsehen gab es das Endspiel der Champions League. Wenn ich Fußball gucke, lässt mich alles andere kalt, das muss meien Freundin abkönnen. Als sie sich vor mich stellte, schob ich sie beiseite und fragte, ob ihr Vater Glaser sei?
Nach dem Spiel - die Bayern hatten gewonnen - rief ich nach einem Bier. Keine Antwort. Noch mal. Wieder nichts. Ich ging in die Küche, da war sie nicht, sie war nirgends, sie war gegangen. Tolle Freundin.
Die Tür klingelte.
„Aha!“, dachte ich, „sie hat ein Pizza geholt! Genau das, was ich jetzt brauche.“
Aber draußen im Flur stand ein Eisbär. Die Tür zuzuschlagen ging nicht, er hatte eine Tatze dazwischen.
„Du erlaubst?“ sagte er. Der Bär sprach Deutsch!  Er schob sich an mir vorbei und fläzte sich auf die Couch.
„Wann kommt das Fressen?“, brummte er.
Ein Kinnhaken, dachte ich, und der blöde Schauspieler verschwindet. Aber, Teufel auch, die Tatzen waren echt.
„Beruhig dich“, sagte er, „ich will dich nicht vertreiben, ganz im Ggenteil. Am Nordpol wird es immer wärmer. Ich brauch einen kalten Platz. Als ich deine Freundin traf, lobte sie deine Eiseskälte! Bei dir würde ich mich wohl fühlen, meinte sie... Na, da bin ich.“
„Blödsinn“, sagte ich. „Ich bin nicht eiskalt. Das meinte sie bildlich!“
„Naja,, dann nimm meine Anwesenheit auch bildlich“, antwortete der Schlaumeier.
Nach schön. Ich geb ihm nichts zu fressen, dachte ich, dann haut er ab.
Aber das tat er nicht, er blieb und ging nachts heimlich an den Kühlschrank. Gut, dann ignoriere ich ihn, sagte ich, dann geht er aus Langeweile.

Ich sah ihn nicht mehr an und redete nicht mehr mit ihm.
„Deine Kälte erinnert mich an die gute alte Zeit vor dem Klimawandel“, sagte er. „Nicht nachlassen, bitte!“
Zugegeben, jetzt wurde ich nachdenklich. Am Ende schafft er es und bleibt bei mir!
Ich rief den Zoo an, dort glaubte mir keiner, und die Polizei meinte, ich solle versuchen, nüchtern zu werden.
Schon wieder war der Kühlschrank leer. Ich liebe geräucherte Makrelen. Ich kaufte neue.
Die Nachbarn beschwerten sich. Es würde bei mir poltern und stinken.
Nein, so ging es nicht weiter. Entweder wird der Nordpol wieder kälter... Laut Nachrichten bestand da keine Aussicht. ...oder... Ja, was? Ich fand die Lösung bei Schiller. Feuer bekämpft man mit Feuer! Mit anderen Worten: Was der eine Nordpol kann, kann der andere auch. Ich beschloss, wärmer zu werden. Bildlich gesehen, natürlich.
Es kostete mich einen Haufen Geld. Ich schenkte dem Bär einen eigenen Kühlschrank, ständig gefüllt mit Makrelen. Dann richtete ich ihm ein eigenes Zimmer ein. Ganz in weiß. Und mit Kühlanlage. Zärtlich fragte ich ihn, ob er noch etwas wünsche?
Er sah mich mit traurigen Augen an.
Und am nächsten Morgen war er weg. Überall suchte ich ihn, in jeder Zimmerecke,  aber er war nicht mehr da. Ein Sieg auf ganzer Linie. Wo mag er jetzt sein? Lebt er noch? Oder hat ihn der Klimawandel umgebracht?
Als ich eines Abends die Nachrichten sah, sprang ich vor Freude aus dem Sessel. Mein Bär saß zur Rechten eines bekannten Politikers, der die Grenzen gegen Flüchtlinge mit einer Mauer schließen wollte. Der Bär sah glücklich aus.
Und was mich betrifft...
Liebling, wenn du das hier liest: Komm zurück! Ich bin jetzt wärmer als der Nordpol!

 

 

                              

                               Die neunmonatige Reise

Seit vielen Jahren war der König verheiratet, aber es wollte sich keine Nachkommenschaft einstellen.
Eines Tages ging der König auf Reisen, in der Nacht vor der Abreise schlief er mit seiner Frau. Nach neun Monaten kehrte er zurück, und siehe: seine Frau brachte ein Kind zur Welt. Freilich nur ein Mädchen. Weil es beim ersten Mal so gut geklappt hatte, ging er, nachdem er seiner Frau beigelegen hatte, wieder für neun Monate auf Reisen, denn er wünschte sich einen Sohn, und siehe:  nach seiner Heimkehr gebar seine Frau ein zweites Kind, wieder ein Mädchen.
Es musste aber einen Sohn sein und so machte er eine dritte Reise. Wie immer schlief er in der Nacht davor mit seiner Frau. Als er nach genau neun Monaten heimkehrte, fand er in den Armen seiner Frau endlich einen neugeborenen Sohn.
Es wäre alles gut gegangen, wenn die Königin eines Tages nicht ein Kind bekommen hätte, obwohl der König nicht neun Monate auf Reisen gewesen war.
Sofort ließ der König im ganzen Land forschen, wer am Tage der Geburt des Kindes von einer neunmonatigen Reise heimgekehrt sei. Man fand einen Bäckergehilfen. Zwar schwor die Königin, dass der König der Vater sei. Doch der König hatte seine Erfahrungen, er bestand auf der Hinrichtung des Bäckergehilfen, und die Königin musste erleben, dass man ihr das Kind wegnahm.
In der nächsten Nacht schlief er mit der Königin und ging auf eine neunmonatige Reise. Als er heimkehrte, hatte die Königin kein Kind in den Armen, aber eine ihrer Hofdamen.
Worauf sich die Königin von ihm trennte und das Volk sich von ihm.

 

 

Die Fliege an der Wand

 

Die Zeit arbeitet für das Leben. Ich bin ihr Werkzeug. Doch manchmal gelingt es mir, dass sie mich aus der Hand legt. Dann bin ich ganz bei mir – und weiß meinen Namen nicht mehr, weiß mein Geschlecht nicht mehr, nicht mein Alter, nicht meine Nationalität. Nichts weiß ich von mir. Ein äußerst glücklicher Zustand.
Klappern des Briefkastens. Das Signal, das mich sofort in Bewegung setzt. Ich bin wie der potemkinsche Hund. Wieder bloß Werbung.  Wenn du einen hast, der dich nie vergisst, dann ist es der, der dich zu seiner Ware lockt.
Und hast du dann sein Ding gekauft, heißt es aufpassen, dass es nicht kaputt geht, du musst es pflegen, damit es funktioniert, es steht dir im Weg und du musst um es herumgehen. Es nimmt einen Platz in deiner Welt ein, die mit jedem neuen Gegenstand etwas enger wird.
Gehorchen die Dinge mir oder ich ihnen?
Ich bin doch einer von den Typen, die dabei sind, den Weltraum zu erobern. Was rede ich von mir. Das Einzige, was zählt, ist das Leben. Es  sucht sich seine Formen aus – vom Menschen bis zur Amöbe.
Ich küsse die kleine Fliege an der Wand.

Zetteltext aus Die letzten Tage des Kommissars

 

 

Der Hund, der Nofretete war

 

Ein Hund ist mir zugelaufen, und der ist merkwürdig. Ich lese einen Artikel über Nofretete und immer wenn ich den Namen lese, bellt der Hund. Das nutze ich aus - ich rufe: "Nofretete!", und, tatsächlich, er kommt zu mir.
Wir gehen zur Ausstellung mit der Nofretete-Büste, er setzt sich davor und weint. Das sagen die Leute, aber er kneift nur das linke Auge zu, da ist nämlich die Nofretete blind.
Sie schicken mich hinaus, es ist gegen die Museumsordnung, einen Hund mitzubringen. Es hat sicher keinen Sinn, wenn ich ihnen sagte, dass mich der Hund mitgenommen hat.
Zu Hause seh ich ihn mir genauer an. Ja, das Gesicht ist spitz, aber sonst wenig Ähnlichkeit. Wahrscheinlich eine Seelenwanderung.
„Also, du bist Nofretete“, sage ich. „Und ich muss dich wie eine Königin behandeln?“
Er bellt zustimmend und ab sofort wird er königlich verwöhnt. Nur noch teures Hundefutter, kraulekraule und so weiter. Geradezu alles darf er. Liegt auf meinem Bett und schnarcht.
Bis ich ihn reden höre, mit einem anderen Hund. Der versteht ihn nicht. Na klar, er spricht ja auf einmal in meiner Sprache.
Ich schnappe ihn mir: „So, wie ein Mensch reden kannst du also auch.“
„Ja“, sagt er.
„Und hast mich reingelegt. Wer bist du nun wirklich?“
„Albert Einstein.“
Gestern war ich im Haus vom Einstein, das ist jetzt ein Museum, und tatsächlich ging er mir voraus, obwohl er nicht eintreten durfte, aber er schmuggelte sich zwischen den Beinen der Leute durch.
Und dann kamen wir an eine Wand, da war ein Foto, auf dem streckt der alte Einstein die Zunge heraus.
Und was tat mein Hund? Er setzte sich davor und tat dasselbe.
Was mach ich mit einem Hund, der Einstein ist? Nofretete wär mir lieber gewesen.
Ich mach jetzt einen Abendkurs in Mathematik. Er besteht darauf. Sonst, sagte er, wird er mich vor allen Leuten „Dummkopf“ nennen.

 

 

                                  

                                   Stille in der Nacht

Dieser Lärm in der ersten Nacht, als er am offenen Fenster stand, dumpfe, gestöhnte Schreie.... Ein Rudel Wölfe? Nein, sagte ihm ein Bauer am nächsten Tag, die Schreie kamen von einer kalbende Kuh und andere Kühe hätten geantwortet.
Aber heute Nacht hörte er gar nichts. Die Stille war mittlerweile schlimmer als die Schreie der letzten Nacht. Die Stille schien die Luft im Zimmer einzusaugen, das Atmen fiel ihm schwer. Er öffnete das Fenster und beugte sich hinaus, obwohl er wusste, dass dies ein Fehler war, denn je mehr er sich anstrengte, um etwas zu hören, umso deutlicher wurde die Stille. Nicht mal die Bäume rauschten. Einmal knackte es, das war das Haus, dessen Holz sich in der Nachtkühle dehnte. Er setzte sich wieder aufs Sofa.
Und dann, direkt hinter ihm, ein leise, schnelles Ticken. Eine Uhr! Wie kommt eine tickende Uhr hierher... Hatte jemand seine Armbanduhr verloren - er besaß ja keine - und lag sie zwischen Wand und Sofa? Und sie ging! Das Haus hatte er vor ein paar Wochen gemietet.  Er zog das Sofa nach vorn, nichts, der Linoleumboden war leer. Im Sofa vielleicht? Er griff in die Spalten. Nichts. Er lauschte. Kein Ticken mehr. Er schob das Sofa zurück, setzte sich wieder. Stille. Und plötzlich erneut das zarte Ticken, und dann erinnerte er sich an die Sommerferien in einer Hütte am Waldrand: Eine Grille. Eine Grille zirpte in der Hauswand.
Das beruhigte ihn, er hatte Gesellschaft von einem Wesen, das ebenso ruhelos war wie er. 

 

                                         

                                     Die Erkenntnis

Es war mal wieder so ein Tag. Lauter Grübelei und kein Ende. Er fand die Antwort nicht. Und so ging er zu seinem Meister und fragte: „Warum haben wir das Paradies verlassen?“
Und der Meister sah ihn an, schwieg eine Weile und sagte dann: „Wir haben es nicht verlassen.“
Schon oft hatte der Meister seinen Schüler mit einem Witz erhellt, und so wollte er auch diesmal in ein verständnisvolles Gelächter ausbrechen, aber der Meister fuhr fort:
„Es stimmt, der Mensch aß vom verbotenen Apfel, aber als er den ersten Biss schmeckte, wunderte er sich: Der Apfel schmeckte nicht anders als die gewöhnlichen Äpfel. Wieso sollte an diesem etwas Besonderes sein? Und das war der Augenblick, mit dem das Paradies für ihn zu Verschwinden begann. Er hatte eine Frage gestellt! Und die nächste war auch schon da: Warum habe ich überhaupt den verbotenen Apfel haben wollen? Und so reihte sich eine Frage an die andere, der Mensch begann die Antworten zu suchen, dabei untersuchte er alles, was um ihn herum war, er sah unter die Steine, er zerschnitt das Blatt vom Baum, er löste die Dinge in ihre Bestandteile auf und formte neues daraus. Und das alles geschieht im Paradies, er weiß es bloß nicht, denn sein Fragen hat bis heute kein Ende gefunden.“
Darauf schwieg der Meister und als der Schüler genau hinsah, sah er, wie der Meister schlief. Und während er davon ging, dachte er: „Er ist eingepennt. Warum nicht auch ich?“ Und schon kam die nächste Frage, darauf die nächste und so weiter. Der Schüler versank ins Grübeln, rannte gegen einen Baum und schon fragte er sich, was das wohl zu bedeuten hätte.

Der Meister, der sich nur schlafend gestellt hatte, hatte das gesehen. "Der Kerl kapiert doch nie..", seufzte er, schloss die Augen und schlief jetzt wirklich ein.

 

                                

                               Das Ende des Diktators

Nachdem er alle seine Gegner in Arbeitslager verbannt oder hatte hinrichten lassen, war der Diktator auf der Höhe seiner Macht.
Und doch fühlte er sich mehr denn je bedroht.
Abends standen Wachposten vor seiner Wohnung. Von Schlaflosigkeit gequält ging er auf und ab, bis er sich erschöpft auf das Bett setzte, den Kopf senkte und die Arme zwischen den Knie baumeln ließ. Nach einer Weile, als verlöre er die Herrschaft über seinen massigen Körper, neigte er sich zur Seite und schlief ein.
Eines Nachts, als er wieder einmal unruhig hin und her ging, geriet er vor den großen Wandspiegel im Flur, erschrocken blieb er stehen, da stand ein fremder Mann, er griff nach der Pistole und in dem Moment als er schoss, schoss auch der andere. Der Spiegel splitterte, die Wachposten stürmten herein.
Er stand verwirrt vor dem zerbrochenen Spiegel, die Pistole in der Hand.
Nachdem er sich beruhigt hatte, befahl er, die Spiegel in der Wohnung zu entfernen.
Eines Tages bekam er von einer Delegation einen glänzenden Samowar geschenkt. Als er ihn ergriff, sah er das verzerrte Gesicht des Mannes, auf den er nachts geschossen hatte, er schleuderte den Samowar von sich. Den Überbringer des Samowars ließ er verhaften.
Alles, was metallen glänzte, musste anschließend aus seiner Umgebung entfernt werden.
Wochen später -  es war nach Mitternacht -  ging er wieder hin und her.  Sein Körper schien ihm schwerer als sonst. Und es war zu viel Stille im Zimmer. Auch sie war eine Last, die er zu tragen hatte. Als ihm das Atmen schwer fiel, wollte er ein Fenster öffnen
Er schob den Brokatvorhang beiseite, eine dunkle Gestalt stand vor ihm. Mit der Hand, die den Fenstergriff fassen wollte, schlug er zu. Er sah noch die Faust des anderen auf sich zukommen, dann stürzte er zu Boden.
Nachdem am Morgen um 9.30 Uhr noch immer keine Bewegung in der Wohnung zu bemerken war, schaute sein persönlicher Adjutant durch einen Türspalt, er sah ihn vor dem Fenster auf dem Parkettboden liegen. Man beriet sich. Jeder wusste, der Diktator würde keinem verzeihen, ihn so liegen gesehen zu haben, darum blieb Hilfe aus.
Um die Mittagszeit verstummte das Stöhnen. Man befahl einem Militärarzt, nachzusehen. Nach einer kurzen Untersuchung bestätigte er den Tod des Diktators.
In der Presseverlautbarung hieß es: Gestorben durch Gehirnschlag.

 

 

 

Die Zeit

 

Er war im See geschwommen, und obwohl auf seiner Armbanduhr „Waterproof“ stand, hatte sich unter dem Glas eine Wasserblase gebildet.

Mit Mühe gelingt es ihm, das Glas abzuheben. Dabei fallen ihm die Zeiger heraus, glücklicherweise auf ein weißes Papierblatt. Er schiebt sie spielerisch mit dem Fingernagel nebeneinander und wie er sich wieder mit der Uhr beschäftigen will, sieht er aus den Augenwinkeln, wie sich die Uhrzeiger zu drehen,und, immer schneller werdend, auf dem Papier einen kleinen Wirbel erzeugen.. Am Fenster sieht er den Kastanienbaum wie im Zeitraffer sein Aussehen nach den Jahreszeiten wechseln, hastig drückt er den Daumen auf die Zeiger, sie stehen still, es ist wieder Sommer, in diesem Augenblick kommt seine Frau ins Zimmer mit einem 6jährigen Mädchen, ob er mit zum See geht.. Er blickt auf den Kalender an der Wand. Neun Jahre sind vergangen..

„Was machst du da? Reparierst du schon wieder die Uhr?“

Und sie nimmt die Zeiger und legte sie spielerisch zusammen, er will es verhindern. zu spät.. Wieder drehen sich die Zeiger, Jahreszeiten fliegen vorbei. Er greift in die Zeiger und hält sie fest,

Erneut ist es Sommer. Neben ihn steht eine junge Frau, seine Tochter, er staunt, sie wird heute 20 Jahre alt. Sie feiern den Geburtstag in der Hütte.

Und diesmal ist es die Tochter, die mit den Zeigern spielt, zu spät greift er nach ihrer Hand.

Wieder sausen Jahreszeiten vorbei, schnell tastet er nach den Zeigern, als er sie fest hält, ist es Sommer, Gelächter vor der Hütte und Musik, ein herrlicher Sommertag. Man feiert auf der Wiese an einem langen gedeckten Tisch seinen 50. Geburtstag.

Erschrocken wirft er die Zeiger auf den honigfarbenen Dielenboden.

Ein kleiner Junge, sein Enkel, findet sie und bevor der Mann es verhindern kann, hat der Junge die Zeiger zusammengelegt. Wieder dreht sich alles, der Mann tappt mit den Händen nach den Zeigern, endlich hat er sie..... Und es ist Sommer, seine Haare sind grau geworden, seine Gelenke steif... Wieso ist er allein in der Hütte?

Und warum hat er die Hand zur Faust geballt? Er öffnet sie und sieht die winzigen Uhrzeiger. Er denkt nach. Dann geht er auf die Veranda und wirft den kleinen Zeiger weg. Er fällt nicht weit, landet vor dem Geländer im Gras. Ein Vogel kommt, pickt ihn auf und fliegt davon..

Und er ist voller Dankbarkeit dem Vogel gegenüber.

Er überlegt, was er mit dem großen Zeiger machen soll, da reißt ihm ein Windzug den Zeiger aus der Hand, er sieht nicht einmal, wohin er fliegt.

Und er dankt dem Wind dafür.

Er geht hinaus auf die Wiese, sieht sich um, ist das nicht der Vogel von vorhin? Genau betrachtet er ihn, und als er einen Wind spürt, dreht er ihm sein Gesicht zu, er hört sogar ein kleines Pfeifen an der Ohrmuschel, er lächelt..

Und so geht er an diesem Tag umher, alles aufmerksam betrachtend, tief fühlend und nachdenklich.

Am Abend ist der Tag noch lange nicht zu Ende. Und als der Mond aufgeht, sieht er ihm zu und er weiß, dass er die richtige Zeit, die wahre Zeit gefunden hat. Die Lebenszeit.

 

 

                                    

                                 Modische Zeiten

Jeden Tag gibt es etwas Neues, es sind modische Zeiten. Gerade tragen die Leute Nasen aus Plastik, da kommt schon der nächste, der hat einen dritten Arm, einen  aus Plastik. Wie interessant und so originell – darauf läuft jeder mit einem dritten Arm herum. Und da kommt einer, der hüpft auf einem Bein, weil das andere Bein angewinkelt in einer Schlinge hängt, das ist so auffallend, dass es alle nachmachen. Schulen bilden sich, Übungsstudios, es gibt spezielle Hüpfkleidung, Hüpfschuhe und für die Bequemeren eine Auswahl individuell geformter Krücken.
Reichere könne sich sogar etwas Besonderes leisten: eine Krücke mit integriertem Klappstuhl.
Nur einer macht das alles nicht mit, er ist einfach zu faul dazu. Seine Familie schämt sich für ihn und sein Chef entlässt ihn: er stört die Gemeinschaft, ja, schlimmer, er boykottiert den Fortschritt, ohne den die Wirtschaft nicht existieren kann.
Ein Journalist schreibt über den Fall und jetzt wird es interessant. Der Sonderling wird zu Talkshows eingeladen, erst sind alle verwirrt, dann begeistert. Der Mann ist ja glücklich mit seiner Masche! Und so, mit seiner fleischigen Nase, keinem dritten Arm und dem Gehen auf zwei Beinen, das sieht doch ganz originell aus.
Und sogleich machen sie ihn nach. Das Natürlichsein kommt wieder in Mode.
Als der Sonderling merkt, dass er sich nicht mehr von den anderen unterscheidet, setzt er sich eine Augenklappe auf, aber schon machen sie ihm das nach. Überall laufen Einäugige herum. Darauf steckt er die Füße in Kartons und schlurft so durch die Straßen. Die Leute tun das gleiche. Ein Geschlurfe ist das! Fast schon lauter als der Verkehrslärm.
Er ist ihr Idol geworden. Und er denkt: Daraus kann man doch bequem ein Geschäft machen. Er stülpt sich eine Perücke über mit täglich wechselnder Farbe, das wird ein Schlager, er verkauft die Perücken massenweise, steinreich wird er.. Dann hat er es satt. Es war doch mehr Arbeit dabei, als er gdachte hat. Er will wieder so sein wie früher und ein faules Leben führen. Aber was tun? Die Leute verfolgen ihn geradezu mit ihrer Aufmerksamkeit. Also muss er verschwinden. Und das schafft er – plötzlich ist er weg, er hat sich versteckt, aber keiner findet ihn.
Die Leute sind sprachlos. Dann sagt erst einer und dann sagen es alle: Das ist ja das Neuste! Verschwinden! Toll! Aber wie hat er das gemacht?
Und die Wissenschaft erhält den Auftrag, ein Mittel zum Verschwinden zu finden.
Wie’s weitergeht? Keine Ahnung. Die Leute gibt es nicht mehr.

 

 

 

Der Unfall

 

Der Himmel war schon hellgrau, aber die Straßenlampen brannten noch. Er fuhr zur Arbeit. An der Dorfausfahrt würde er die aufgehende Sonne tief zwischen den Baumstämmen sehen, und darauf freute er sich.
Plötzlich gab es einen Bums am linken Kotflügel, er bremste, stieg aus. Sein Wagen war neu. Gab es einen Schaden? Nein. Aber irgend etwas musste das Auto berührt haben. Er sah zurück. Da lag etwas auf der Straße, dreißig Meter entfernt.
Er ging hin und sah, es war eine Katze. Die Beine von sich gestreckt schien sie zu schlafen. Er staunte, wie schön sie war in ihrem goldfarbenem Fell. Er glaubte, sie sei nur bewusstlos, aber da entdeckte er Blut unter ihrem Kopf. Es floss noch, sehr schnell entstand eine Blutlache. Er tippte den Körper an, nein, da war kein Leben mehr. Er sah sich um. Er könnte einfach weiterfahren, aber dann stellte er sich vor, was mit dem Körper geschehen würde, wenn die nächsten Autos darüber fahren. Mit spitzen Fingern fasste er die Katzenpfoten, er legte die Katze am Vorgartenzaun des nächsten Hauses nieder. Beim Weiterfahren überlegte er, wieso das Tier tot war, am Auto gab es doch nichts Scharfes.
Diesmal hatte er keinen Blick für die Morgensonne.
Als er am Spätnachmittag über dieselbe Straße heimfuhr, erkannte er sofort den schwarzen Fleck auf der Straße, aber die tote Katze war verschwunden.
Zwei Tage später, bei seinen Jogging-Lauf, kam er an einem Baum vorbei, an dessen Stamm war eine Klarsichthülle geheftet mit einem Foto und einem Text. Er blieb stehen. Das Foto zeigte die getötete Katze, die er getötet hatte. Jemand bat um telefonischen Bescheid bei Sichtung der entlaufene Katze. Lange betrachtete er das Foto. Das Tier war wirklich ungewöhnlich schön.
Er rannte weiter, dann entdeckte er den gleichen Aushang an einem anderen Baum. Er brach seinen Lauf ab und kehrte nach Haus zurück.
Während er sich umzog, fragte er sich, ob er anrufen solle. Aber dann müsste er noch mal zurück, um sich die Telefonnummer zu notieren. Und was dann? Er konnte schon das entsetzte Schweigen am anderen Ende der Leitung hören. Dann dachte er, bestimmt würde der unbekannte Katzenbeseitiger den Aushang lesen und den Katzenbesitzer anrufen.
Aber der Aushang wurde in den nächsten Tagen nicht abgenommen, im Gegenteil. Fast an jedem dritten Baum hing das Bild der Katze.
Er wurde wütend. Wieso schweigt der, der die tote Katze gefunden hatte? Das muss der doch jeden Tag lesen! Merkt der denn nicht, wie sehr er den Katzenbesitzer hinhält? Wie der immer noch hofft? Dabei ist die Katze tot! Tot, tot, tot! Die kommt nie wieder!
Er änderte seine Joggingstrecke. Und die Strecke aus dem Dorf zu seiner Arbeit. Um den Fleck auf der Straße nicht zwei Mal am Tag zu sehen, nahm er einen Umweg. Das ärgerte ihn,  der Umweg kostete Zeit und Benzin, das empfand er wie eine ungerechte Bestrafung.
Endlich kam der Regen. Der würde den Fleck verwischen.
Trotzdem fuhr er nur noch den Umweg zur Arbeit und auch seine neue Joggingstrecke hielt er bei.

 

 

 

 Die Wettbrüder

 

Man nannte sie „Die Wettbrüder“, weil die beiden Brüder oft und gerne  miteinander wetteten.
Einmal wetteten sie um die Anzahl der Blätter des Apfelbaums vor ihrem Haus. Um herauszukriegen, wie viele es waren, wollten sie im Herbst die Blätter zählen. Sie warfen über den Baum eine Plane und banden sie am Stamm fest. Die abgefallenen Blätter würden sie zählen und so sehen, wer von ihnen mit seiner vorausgesagten Zahl am nächsten kam.
Ende August lagen eines Morgens Äpfel und Blätter verstreut auf der Erde. Sie hatten nicht mit den Äpfeln gerechnet. Die Plane war gerissen.
Sofort wetteten sie, wie viele Äpfel dort lagen. Der jüngere Bruder kam mit seiner geschätzten Zahl am nächsten, da verlangten der andere, auch die restlichen Äpfel in der Plane müssten gezählt werden. Sie nahmen die Plane ab, dabei purzelten weitere Äpfel vom Baum herunter. Sie beschlossen, alle Äpfel noch einmal zu zählen, aber auf eine präzisere und zugleich bequemere Art: Sie wollten sie einen nach dem anderen in einer Rinne herunter rollen lassen. Im Schuppen stöberten sie nach einer ausrangierten Dachrinne, fanden aber keine. Als sie wieder ins Freie traten, sahen sie, wie ein Elch sich an den Äpfeln gütlich tat.
Sie jagten das Tier weg und schlossen eine neue Wette ab: ob der Elch am nächsten Tag wiederkäme. Die Männer lauerten bei Tagesanbruch am Küchenfenster, und tatsächlich, es kam ein Elche zum Apfelbaum, aber hinter ihm kam ein zweiter und dann ein dritter.
Wieder hatte keiner gewonnen, obwohl der eine Bruder behauptete, unter den Elchen wären die beiden von gestern gewesen und darum hätte er gewonnen. Das aber akzeptierten der andere nicht.
Um sicher zu gehen, dass die nächste Wette klappt, wetteten sie jetzt, wer die nächste Wette gewinnt. Aber was für eine Wette? Während sie noch diskutierten, begann es zu regnen. Da hatte der ältere Bruder eine Idee: Einen Blecheimer unter das Abflussrohr der Daches stellen und wetten, wie viel Wasser nach einer Stunde darin wäre. Und das taten sie dann auch.
Bis sie entdeckten, dass der Eimer ein Loch hatte.
Und wenn sie nicht gestorben sind, dann wetten sie noch heute

 

 

Der Mann und sein Schatten

 

Sie sollten seinen Schatten wie seinen Bruder behandelten, das verlangte er. Sie sollten ihn respektvoll grüßen und ihn nicht mit den Schatten von Gegenständen belasten. Trat ein Mensch auf seinen Schatten, forderte er ihn auf, dies zu unterlassen, er spüre nämlich am eigenen Leibe, wie sein Schatten leide.

Natürlich wollte man ihn von seinem Tick heilen. Vor allem sein Freund gab sich Mühe.

So sagte er eines Nachts im Schein der Tischlampe: „Pass mal auf. Wenn ich jetzt die Lampe ausmache, verschwindet dein Schatten. Er gehört der Lampe, nicht dir!“

Sekundenlang war es still im Dunkeln, dann sagte der Schattenfreund und man konnte hören, wie erheitert er war: „Sieh mal, was du erreicht hast! Mein Schatten ist ins Maßlose gewachsen! Und er hat uns beide verschluckt!“

Worauf sein Freund den Kontakt zu ihm abbrach.

Zwar hatte er seinen Freund verloren, aber das machte nichts, er fand viele neue Freunde in den Schatten der anderen Menschen. Er sprach mit ihnen. Aber die Menschen eilten weiter und er bedauerte ihre Schatten wegen der schlechten Behandlung.

Durch eine Erbschaft wurde er reich. Er begann das Geld dazu verwenden, die Menschen zu bezahlen, wenn sie ihre Schatten liebevoll behandelten. Dann würden sie spüren, dass ihre Schatten lebten, und sie würden entdecken, dass sie nicht mehr einsam seien.

Die Leute nahmen sein Geld und immer, wenn sie ihm begegneten, verbeugten sie sich vor seinem Schatten. Er glaubte schon, sein Ziel erreicht zu haben, bis er begriff, sie behandelten nur seinen Schatten respektvoll, ihren eigenen Schatten hingegen würdigten sie keines Blickes, ja, sie schienen ihn sogar zu verachten.

Er verteilte kein Geld mehr. Von den Menschen enttäuscht, zog er sich zurück.

Aber da war ein Mädchen, das ihn schon längere Zeit liebte. Es gelang ihr, ihn auf sich aufmerksam zu machen, indem sie sich so ins Licht stellte, dass der Schatten vor ihr lag. Durch behutsame Bewegungen zeigte sie, wie vorsichtig, ja liebevoll sie mit ihrem Schatten umging.

Darauf näherte er sich ihr und umarmte sie. Und er sah: Auch ihrer beider Schatten umarmten sich. Von diesem Moment an verließ er das Mädchen nicht mehr, denn er wusste, sein Schatten hatte seine Liebste gefunden. Sie heirateten und bekamen Kinder. Beglückt und staunend sah er, wie auch ihre Schatten zur selben Zeit Kinder bekommen hatten.

Ja, dachte er, so vermehren sich Menschen und Schatten. Spöttisch befragt, ob sich die Schatten vermehren, weil sich die Menschen vermehren oder sich die Menschen vermehren, weil sich die Schatten vermehren, antwortete er: Das sei eine akademische Frage, er hätte Wichtigeres zu tun.

Er müsse sich jetzt um zwei Familien kümmern, um seine eigene und um die seines Schattens.

 

 

 

Der Heilige ohne Fuß

 

Die Kirche soll schön und für Touristen attraktiv werden. Daher beschließt die Dorfgemeinschaft auf einer Versammlung den Heiligen der Dorfkirche zu reparieren. Es ist eine mittelalterliche Holzfigur des Hl. Christophorus. Ihr fehlt der rechte Fuß.

Da erhebt sich ein junges Mädchen und spricht: Ob man nicht lieber abstimmen solle, dass die Flüchtlinge aus Afghanistan im Dorf bleiben können? Deren Asylantrag sei abgelehnt worden.

Die Frage des Mädchens wird nicht angenommen, sie beträfe keine kirchlichen Belange.

Ob man das Geld für die Reparatur dann nicht den Flüchtlingen schenken könne?

Auch das gehöre nicht zur Sache, dafür sei das Sozialamt zuständig.

Also wird eine Spendenaktion zur Finanzierung der Reparatur beschlossen.

Christophorus im Himmel sieht das und ist nicht einverstanden. Auch er will das Geld den Asylanten zukommen lassen. Ausnahmsweise erlaubt ihm Gott, auf der Erde Gestalt anzunehmen – allerdings mit einem anderen Gesicht, doch ohne den rechten Fuß.

Und so geschieht es. Der Heilige humpelt auf einer Krücke zum Pfarrer, der ihn für einen Asylanten hält, und trägt ihm seinen Wunsch vor. Der Kirchenmann zeigt Verständnis, verweist aber auf das Sozialamt und dass die Asylanten ohnehin bald das Land verlassen müssen.

„Ja“, sagt Christophorus, „aber wenn die Gemeinde den Flüchtlingen das Geld für meinen Fuß spendet, dann werden Zeitungen und Fernsehen darüber berichten und der Druck auf die Behörde wird so stark, dass sie die Ausweisungsanordnung zurückziehen wird."

„Ihren Fuß?“ Der Pfarrer lächelt.

„Ich bin der Heilige“, sagt der Mann.

Der Pfarrer lächelt noch mehr.

„Bis auf den fehlenden Fuß haben sie überhaupt keine Ähnlichkeiten mit dem Heiligen. Ist Ihnen das bewusst?“

„Gewiss“, sagt Christophorus. „Aber ist nicht der fehlende Fuß das Entscheidende? Gesichter sind verschieden, aber Füße haben wir alle. Jeder Mensch hat Füße, auch Sie!“

„Was wollen Sie damit sagen?“ Mit halb geschlossenen Augen lauscht der Pfarrer seinen Worten nach. Dann blickt er den Mann müde an. „Ja, ich weiß. Wir Menschen sind alle gleich. Das ist es, nicht wahr? Aber wissen Sie, was meine Gemeinde denkt? Da ist ein dunkles Gesicht mit schwarzen Augen, und es gehört nicht zu uns, es gehört nach Afghanistan. Ich kann da nichts machen, entschuldigen Sie.“

„Nein, ich entschuldige das nicht“, sagt der Mann mit der Krücke und humpelt davon.

Schließlich ist das nötige Geld für die Restaurierung gesammelt und man lässt den Fuß von einem Restaurateur anbringen. Die fertige Arbeit soll mit der Enthüllung der Statue gefeiert werden.

Da erscheint der Heilige beim Pfarrer, diesmal ohne Krücke und er humpelt auch nicht. Der Pfarrer freut sich für ihn, dass er eine Prothese bekommen hat. Christophorus zieht Schuh und Socke aus. Es ist keine Prothese, sondern ein richtiger Fuß. Mit den Worten, dass man ihn ab jetzt nicht mehr sehen würde, geht er davon. Der Pfarrer sieht ihm nach und hält alles für einen gelungenen Scherz.

Um 11 Uhr beginnt die Enthüllung. Als das Tuch fällt, ist das Podest leer: die Statue ist verschwunden.

Alles spricht von einem Diebstahl. Der Vorstand des Touristenvereins ist empört. Womöglich hat ein Asylant den Heiligen gestohlen, um die Gemeinde vor aller Welt lächerlich zu machen. Man wird die Statue bestimmt im Heim der Flüchtlinge finden! Sofort machen sich alle auf den Weg dahin.

Der Pfarrer bleibt zurück, er fällt auf die Knie und bereut. Als er aufblickt, ist die Statue wieder da, aber ohne Fuß.

In der Sakristei sieht er, dass die Zeit auf den Tag der Versammlung zurückgedreht ist, sie findet gerade statt. Er beeilt sich und kommt in dem Augenblick in den Gemeindesaal, als das Mädchen vorschlägt, das Geld den Asylanten zur Verfügung zu stellen. Er drängt sich nach vorn und unterstützt mit eindringlichen Worten den Vorschlag. Man stimmt ab und als die Stimmen gezählt sind, zeigt es sich, dass der Vorschlag angenommen wurde.

Die Statue blieb unrepariert. Aber weil die Abstimmung durch die Medien ging, kommen jetzt Menschen aus aller Welt, um den „Heiligen ohne Fuß“ zu besichtigen. Und die Behörde gab den Asylanten eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis. Darauf berichteten die Medien vom „Wunder des Heiligen ohne Fuß“.