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Leseproben aus Büchern des Stadthaus-Verlages

 

 

Die Stadt, ein Bauhelm und der Atomdoktor (Dieter Lenz)

 

....voll eingesetzt. Wir werden es Ihnen mit dem Wiederaufbau des alten Stadtschlosses danken.“
„Vielen Dank, mein Lieber. Das klang, als spräche das Volk zu seinem König.“ spöttelte Martens.
„Da Sie vom Volk sprechen, erlauben Sie mir noch eine Bemerkung.“ Der Historiker warf sich in die Brust. „Nur alte  Bauten machen aus einem Volk eine Nation.“
„Jaja, das kann man von meinen Bauten natürlich nicht sagen, wie traurig.“ Martens Stimme war sanft, jedoch scharf akzentuiert. „Ich dagegen, lieber Freund, behaupte: Heutzutage gibt es keine Nation mehr und wenn, dann ist es eine Halluzi-Nation.“
Die Schauspielerin lachte ihr schallendes Bühnenlachen. Der Historiker errötete, schwieg aber.
„Ich wünschte, wir hätten eine Demokratie”, sagte Gritt.
„Und ich dachte, wir haben eine.“ Der Baustadtrat genehmigte sich einen tiefen Schluck aus dem Weinglas. „Wir im Osten der Stadt vermissen die Schlösser nicht. Es sei denn, an unseren Türen.“ Damit spielte er sehr feinsinnig auf die gestiegene Kriminalität in der Stadt an. „Ja, erlauben Sie, auch ich bin gegen den Aufbau des alten Stadtschlosses, selbst wenn es nur die Fassade ist. Drinnen herrschte ein Kaiser im Prunk und draußen stand das Volk, der Untertan, in aller Bescheidenheit, wenn nicht Armut. Es buckelte oder stand stramm. Soll daran erinnert werden? Womöglich als Vorbild für eine neue Gesellschaft?“
„Das ist Polemik, entschuldigen Sie“, widersprach der Historiker heftig. „Gerade die Bürger unserer Stadt sind für ihre Freiheitsliebe bekannt! 1848! Die Revolution. Und bitte sehr, in unseren Tagen der Fall der Mauer. Nein, hier lebte schon immer ein aufmüpfiges Volk.“
„Ja, der Mauerfall. Erinnert ihr euch?!“ Mit feuchten Augen sah die Schauspielerin entzückt in die Runde. „Wie sich die Menschen in die Arme fielen. Und das Tanzen auf der Mauer!“
Der Chefredakteur winkte ab.
„Ja, sehr romantisch. In Wirklichkeit.. Pardon!“ Er nahm sein Glas. „Erst muss ich meine Stimme schmieren. Wenn ich schon eine Rede halte.“ Er genehmigte sich einen großen Schluck. „Ja. Tanzen und Juchheirassa und so weiter. Wissen Sie, was wirklich passiert ist? Ich sag’s Ihnen. Erstens. Seit dem Mauerfall und dem Zusammenbruch glauben die da drüben an nichts mehr. Zweitens. Hier im Westen glauben sie schon immer alles und seit dem Mauerfall an noch viel mehr. Folglich herrscht ein völliges Durcheinander. Jeder tut, was er will, denkt, was er will, und das ist das, was ich einen Sauhaufen nenne.“
Die Schauspielerin neigte sich hinüber zu Martin. ...

 

 

 

 

Das Dorf, ein Hund und die anderen (Ursula Eisenberg)

Nach Arnos Verhaftung wurde sie oft gesehen, mal auf der Hauptstraße, mal auf einem der Äcker, im Rundling, wo sie einen Papierkorb durchstöberte, auf dem Komposthaufen von Bayers.
„Man muss da was machen“, sagten die Leute im Dorf, „fünf Jahre hatter gekricht… Muss doch was passieren!“
Maren Grobe stellte an jedem Abend einen gefüllten Napf vor die Tür. Bratenknochen, Müslireste, Reis und was sonst so anfiel. Die Schüssel war morgens blank. Können aber auch Katzen gewesen sein oder ein Fuchs.
Einmal sah sie „Bella“ von Weitem. Maren zog sich hinter die Scheune zurück und wartete ab, zwanzig Minuten, dreißig, aber die Hündin kam nicht. Glücklicherweise. Das war kein Tier, das sich anlocken ließ oder gar greifen. „Bella“ war „nicht ganz dicht“, das fanden manche im Dorf.
Wie ihr „Herrchen“, der Arno. Alkoholiker. Gut, kommt ja vor. Trotzdem, auch wenn einer duhn ist, sticht er nicht bei einer Hochzeitsfeier auf seine Geliebte ein! Bloß, weil die mit Kalle Hedemann tanzt? Überhaupt, was heißt schon Geliebte – nur weil die zwei manchmal ficken, wenn Falko Hopf auf der Schicht ist! Deswegen gehört dem Arno die Annelie Hopf doch nicht!
Übrigens hätte das alles viel schlimmer ausgehen können. Zum Glück trug sie die Korsage, die Annelie, damit sie schlanker aussieht. Ist das Messer dran abgeprallt. Sonst wären aus den fünf Jahren vielleicht lebenslänglich geworden…
Jetzt läuft die Hündin ohne zuhause herum. Traut keinem. Niemand traut ihr. Hat früher schon Fahrradfahrer gerissen und Hühner gejagt. Wenn die mal ein Kind… Gefährlich, so klein wie sie ist. Eben Jack Russell. Und schlau! Schwierig, ihr aufzulauern, sie ist mal hier und mal da.
Wird Rebhühner reißen, Kaninchen und kleine Nager. ..

 


Mein Freund zieht in den Krieg (Marianne Müller-Brettel)

...Das sind seltene Ausnahmen. Es ist schon traurig, wie wenig Pro­ test es heute gegen Rüstung und Krieg gibt.“
„Die Mehrheit der Bevölkerung lehnt Kriege nach wie vor ab.“
„Meinungen können sich rasch ändern. Ich erinnere mich, wie 1991 Schülerinnen und Studenten auf die Straße gingen, um gegen den Krieg zu protestieren. Überall wurde diskutiert. Im Institut haben wir uns in der Mittagspause versammelt. Drucker und Direktoren, Sekre­ tärinnen und Wissenschaftlerinnen, alle waren wir empört, dass ameri­ kanische Soldaten von deutschen Flughäfen aus in den Krieg gegen den Irak flogen. Acht Jahre später, als die ersten Bomben auf Belgrad fielen, blieben die Straßen leer. Die Menschen waren schockiert, blie­ ben aber stumm. Wir waren dabei, uns an den Krieg zu gewöhnen.“
„Du siehst wieder zu schwarz. Krieg ist nur das al­ lerletzte Mittel, wenn alle anderen Möglichkeiten aus­ geschöpft sind.“
„Kriege haben viele Funktionen. Nicht selten dienen Kriege dazu, die Einheit im Innern zu festigen. Der Staat ist etwas Abstraktes, der Zusammenhalt einer Ge­ meinschaft benötigt auch emotionale Bindun­ gen. Diese können weder durch Gesetze noch durch eine Verfas­ sung hergestellt werden. Hierfür braucht es Personen, Rituale, nationale Symbole und Institutionen, mit denen man sich identifizieren kann.“
„Das haben wir doch“, triumphiert Meike. „Entwi­ ckelte Gesell­ schaften benötigen für ihren Zusammen­ halt kein Militär, sie haben eine gemeinsame Kultur.“
„Wenn aber das Militär Bestandteil der Kultur ist?  Bei der Bildung der Nationalstaaten im neunzehnten Jahrhundert spielte das Militär eine große Rolle. Es galt, eine Gemeinschaft über alle religiösen, eth­ nischen und lokalen Unterschiede hinweg zu schaffen. Neben dem all­ gemeinbildenden Schulwesen war die Einfüh­ rung der Wehrpflicht ein Mittel, um die jungen Männer aus den unterschiedlichen Regionen und sozia­ len Schichten zu Staatsbürgern zu machen.“
„Oma, wir leben im einundzwanzigsten Jahrhundert. Heute ist das Militär nicht mehr die Schule der Nation.“
„Unterschätze nicht ....


Heimkehr in Schweden (Dieter Lenz)

Der notarielle Brief mit der Kopie des Testamentes erreichte sie zwei Wochen nach dem Tod des Vaters, da war er schon beerdigt. Schon das kam bei den Söhnen nicht gut an, aber so richtig empört waren sie über einen Passus im Testament: Sie bekämen das Erbe nur nach der Lektüre des Tagebuchs ihres Vaters.
„Und um sicher zu gehen, dass sie auch wirklich mein Tagebuch lesen, schlage ich zwei Wege vor: Das Tagebuch wird von meiner Frau in Anwesenheit meiner Söhne verlesen. Oder sie einigen sich mit ihr auf eine andere Lösung.“
Das lehnten sie kategorisch ab.
Darauf ihre Mutter: „Gefühle dürfen bei einer Immobilie keine Rolle spielen.“ Und nach einem Moment der Stille: „Vielleicht rechnete er sogar mit eurer Ablehnung, damit sie das Haus bekommt.“
Worauf Jens, der Ältere, in seiner Haltung zu wanken begann.
Friedrich dagegen verzichtete lieber auf das Haus als lesen zu müssen, wie der Alte die Zeit mit seiner neuen Frau verbracht hätte.
Darauf habe er wahrhaftig keinen Bock.
Und außerdem: in der Provinz sei ein Haus sowieso nichts wert.
„Es ist doch nicht Stockholm oder?“
Nein, es war in Småland, wo die Familie regelmäßig ihre Sommerferien verbracht hatte, bis die Mutter eines Tages entschied, zukünftig lieber nach Spanien zu fahren, der garantierten Sonne wegen. Der Vater blieb dem schwedischen Ferienort treu. Drei Jahre später ließen sich die Eltern scheiden, der Vater wanderte nach Schweden aus, Mutter und Söhne blieben in Hamburg. Nur einmal hörten sie von ihm: als er sich mit einer Schwedin verheiratete.
Über drei Wochen ließen sie verstreichen,  dann schrieb Jens der Witwe auf einem seiner Geschäftsbriefe, er könne nur allein kommen, sein Bruder sei gegenwärtig gesundheitlich dazu nicht in der Lage. Er würde das Tagebuch vor Ort lesen und anschließend für seinen Bruder nach Hause mitnehmen.
Die Antwort kam postwendend auf einer Karte in einer schwungvollen Schrift und in einwandfreiem Deutsch: Einverstanden. Und sollte er abends eintreffen, würde sie alle Zimmer zur Straßenseite beleuchtet lassen, damit er das Haus sofort fände...


Mein Schweden (Dieter Lenz)

Irgendwie verdreht er beim Laufen seine Füße oder sie wol len anders als er. Er stolpert mehr vorwärts, als dass er läuft. Seine Lippen zittern wie Gummi, manchmal hängen Spei­cheltropfen daran, die er – sofern er es be merkt – einschlürft.
Seine braunen Augen sind immer in Bewe­ gung, entweder su­chen sie nach etwas Essba­rem oder sie drehen sich anklagend zum Himmel. Und dann schallen schreckliche Flüche durchs Haus.
„Keiner versteht mich in diesem verdammten Dorf! O Herr Gott, warum leb ich? Warum? Lisa, Eric, sagt es! Warum? O du satanischer Gott, was hab ich getan..."
Er leidet, und das man kann es ihm ansehen.
Manchmal ver­sucht er an seinen Fingern bis 10 zu zäh len. Ich soll ihm dabei helfen und sage ihm die Zahlen vor, aber bei ihm beginnt das Chaos schon bei der 3, danach bringt er die Zah­len durcheinander.
Er stöhnt, starrt böse auf seine Finger. Plötzlich springt er auf, holt tief Luft und beginnt die Welt zu ver fluchen.
Es sind fast biblische Flüche, mit sprühendem Speichel ausgestoßen.
Aber als ich mal fluchte, drohte er mir mit der Faust: Fluchen sei in Schweden verboten.
In seinen schlimmsten Momenten greift er sich mit der Hand ins Haar, dreht sich um und stapft leise vor sich hin jammernd hinauf in sein Zimmer, das neben mei nem liegt. Und dann geschieht etwas.
Als ich es zum ersten Mal hörte, stürzte ich sofort in sein Zimmer.
Angekleidet liegt er auf dem Bett, in den Händen eine alte aufgeschlagene Bibel. Er liest, dabei kann er gar nicht le sen. Und singt aus voller Kehle, als sänge er ein Lied aus ei nem Kirchengesangbuch. Es sind keine Worte, nur Vokale.
Das klingt düster und schön wie der gregoriani sche Gesang eines Mönchs. Ab und zu blättert er eine Seite um, dann verstummt er, gleich darauf geht es wieder los.
Ein Stockwerk tiefer unterbrechen wir unser Ge spräch. Wir lauschen. Es ist, als wehte uns etwas Jen seitiges an. Herrscht wieder Stille, geht das Gespräch im Satz weiter, als sei nichts gesche­hen...


Wer laut denkt, lebt gefährlich (Harald Schmid)

Man weiß mehr als man denkt, aber weniger als man zu wissen glaubt.
Es wird heute allemal mehr über die Dinge herumgeklügelt als über sie nachgedacht.
Es hat sich nicht viel geändert am Menschen, weil die Weisen immer noch das Gleiche sagen.
Das Werk eines Weisen – ein Fragenkatalog.
Ausgewogene geistige Ernährung und gesunder Wissensdurst gehören zur Lebensfreude wie gutes Essen und Trinken.
Unwissenheit – Neuland, das es zu erobern gilt.
Dem Gefühl eine Fassung geben – einen Gedanken.
Wer sich verinnerlicht, braucht auch große Fenster und Türen nach draußen.
Wo ein Traum zu Ende geht, endet ein Leben.
Wir glauben, uns gehört die Welt. Dabei schreiben wir uns nur in die Gästeliste ein...



Die letzten Tage des Kommissars (Dieter Lenz)

Der 31.3. war mein letzter Tag in der Mordkommission, ich wurde verabschiedet, und ehrlich gesagt: ich war froh darüber. Genug Leichen gesehn.
Am nächsten Tag gegen 9 Uhr holte ich meine Privatsachen ab. Da klingelte das Telefon.
„Ich habe was Wichtiges verloren. Helfen Sie mir!“ 
Ein Aprilscherz. Nicht sehr originell.
„Wenden Sie sich ans Fundbüro“, sagte ich.
Ich verließ das Präsidium um 10.30. Auf dem Weg zur U-Bahn dudelte mein Handy. Dieselbe Stimme, diesmal scharf und scheppernd.
„Man hat mich ermordet, meine Leiche wird es Ihnen beweisen. Also suchen Sie mich gefälligst.“
Ich sagte: „Idiot“ und schaltete das Handy aus.
Am nächsten Morgen, während des Frühstücks, eine SMS: „Meine Leiche liegt im Tiergarten nahe einer Bank, bei einer Eiche.“
Diesmal wurde ich nachdenklich. Immerhin, hier wurden präzise Angaben gemacht. Offensichtlich sollte ich im Tiergarten etwas suchen. Bestimmt keine Leiche. Aber was? Und wer redet so? Die Kollegen fielen aus, so geschmacklos waren die nicht. Vielleicht eine Art Abschiedsgeschenk für mich von „alten Bekannten“ aus dem Rotlichtmilieu. Es gab Spaßvögel unter ihnen.
Erst dachte ich: Lass es! Andererseits: die alte professionelle Neugier! Und da ich nun alle Zeit der Welt zur Verfügung hatte, warum nicht einen Spaziergang durch den Tiergarten machen?
Mantel, Hut und los. Es nieselte. Der erste Tag meines neuen Lebens - und es nieselte. Von meiner Wohnung aus sind es mit der U-Bahn zehn Minuten zum Tiergarten...


68 – Es gab nicht nur Demos

Der Buchladen (Dieter Lenz)
Wir kamen aus Bremen, der Stadt  der Pfeffer­ säcke, nach Westberlin. Sigi brachte total, die Literari­ sche Il­ lustrierte mit. Er war schon eine kleine Berühmtheit: die Post hatte die Beförderung seiner Zeitschrift wegen Porno­ graphie verweigert, die Presse bezeichnete ihn als Deutsch­ lands jüngsten Verleger. Dabei sei die Ab­ bildung reine Kunst gewesen, versi­ cherte er mir und blick­ te treuherzig durch seine Brille.
In Berlin-Friedenau mietete ich in der Bennigsen­ straße, dicht an der Haupt­ straße, eine La­ denwohnung – der Laden war eine Leihbü­ cherei mit einem Schau­ fenster und ei­ ner angeschlos­ sener 2-Zimmerw­ ohnung, ziemlich dun­ kel und nur mit mit Kohle be­ heizbar. Weil Sigi sei­ nen „total-hirsch-ver­ lag“ mit ein­ bringen wollte, nannten wir den Bücherladen „to­ tal-büchershop“.
Die Umgestaltung des Verkaufsraumes ging rasch und problemlos. Wir überklebten die Flecken an den Ta­ peten mit Poster. Als erstes ein großformatiges: „Die erogenen Zo­ nen der Frau“. Kleine rote Pfeile wiesen..

„Kannst du schreiben, Kumpel?“ oder Wie man einen Arbeiterschriftsteller macht (Harald Schmid)
Gerne denke ich an meine wilde Zeit in Schöneberg zu­ rück, in der ich einmal sogar sehr bekannt war. Ich war noch ein junger Mann, Mitte zwanzig, hatte einen harten Job als Schweißer, der mich nicht gerade zufrie­ den stell­ te, aber die gutbürgerliche, ruhige Umgebung in Friede­ nau machte alles wieder wett. Eigentlich hät­ te es so bleiben können, wäre ich nicht eines Tages in meiner Stammkneipe auf eine seltsame Trauergemein­ de gesto­ ßen.
Da saßen, während ich am Tresen gemütlich mein Fei­ erabendbier trank, hinter mir ein paar verdächtige Person­ en, die nicht ins Bild dieser Umgebung passten. Sie spra­ chen lauthals über die Revolution, gemeint war die Stu­ dentenrevolte, die seinerzeit das Gemüt der bra­ ven Spie­ ßer in Westberlin erregte. Es schienen Studen­ ten zu sein, da sie mit den selbster­ nannten Revoluzzern die­ ser Zeit unmissverständlich sympathisierten.

Meine Begnung mit Günter Grass (Sigi Hirsch)
Ich wohnte gerade mal zwei Wochen in Berlin-Friede­ nau, da traf ich G. Grass  auf dem Wochenmarkt vor dem  Rat­ haus in Friedenau. Der Wochenmarkt war nicht sehr groß, aber interessant. Unmittelbar gegen­ über lag die Buch­ handlung „Montanus“.
Auch die Niedstraße fing hier an. Ziemlich am An­ fang wohnte Erich Kästner, wenn er in Berlin war, und in der Nr. 17 Günter Grass. Ich wohnte in der Handje­ rystr.  38, mir gegenüber Günther Herburger. Das war für mich die richtige angenehme literarische Umge­ bung für meine Zeitschrift „total“. Vorher wohnte ich bei mei­ nem Redak­ tionsleiter Klaus M. Rarisch in Schöneberg, aber nur 14 Tage lang. Grass wohnte also bei mir um die Ecke. Die Bremer Nachrichten brachte damals einen Ar­ tikel über mich mit der Überschrift „toal-hirsch teilt mit Grass die Mülltonne“,  was natür­ lich nicht ganz stimm­ te.

Zimmersuche 1968 (Marianne Müller-Brettel)
Zum Wintersemester 1967/68 kam ich aus der Schweiz zum Studium nach West-Berlin. Für West-Berlin hatte ich mich ent­ schieden, weil eine Freundin meiner Oma, die ich sehr mochte, dort lebte. Zudem wollte ich gerne in eine Groß­ stadt und war begeistert von der Philhar­ monie und der Deutschen Oper. Die Studentenproteste ge­ gen den Schah und den Vietnamkrieg interessierten mich nicht. In der Schule hatte ich gelernt, dass der Ka­ pitalismus gut, der Kommunismus schlecht ist.
Als erstes musste ich ein Zimmer finden. In Bern, wo ich vorher studierte, wohnten die meisten Studie­ renden in Mansarden. Mansarden waren ehemalige Dienstbo­ tenzimmer unter den Dächern der Altstadt­ häuser, die man, ohne an den neugierigen Blicken von Zimmerwir­ tinnen vorbeizugehen, direkt vom Treppen­ haus aus er­ reichen konnte. Meine frisch gewonnene Anonymität der Groß­ stadt wollte ich nicht der Neugier einer Vermie­ terin op­ fern und suchte daher nach einem Sepa­ ratzimmer.

„68“ und der Sumpf einer Bil­dungsbürger-Familie (Ursula Eisenberg)
Meine Kleinkinderjahre wurden von Tanten beglei­ tet. Sie strahlten Düsternis aus – Fremdkörper, die sich für kurze Zeit durch unsern Haushalt bewegten. Eine von ih­ nen setzte sich auf einen Hamster. Das war die Tante, die spä­ ter „ins Wasser ging“ – sollten wir Kinder nicht wis­ sen.
Wir lebten in einem Haushalt voller Kultur: Fünf Jun­ gen, zwei Mädchen, ich genau in der Mitte. Es gab Mu­ sikunterricht, wir sangen dreistimmig in der Küche, die Mutter zitierte die allerlängsten Balladen und las uns abends vor. Ich selber durchschmökerte jedes Buch, das ich in unseren Regalen und Schrän­ ken fand.
Wir gingen aufs Gymnasium und lernten Latein. „Wer sitzenbleibt geht ab und macht eine Lehre“ - ein ständiger Spruch unseres Vaters.
Das war die Kehrseite unseres Familien-Lebens: Dro­ hung, Angst, viel Gewalt auch unter uns Geschwis­ tern.
Bei den häufig sehr interessanten Tischgesprä­ chen kam ich selten zu Wort, aber ich plapperte in der Schu­ le nach, was ich beim Abendbrot hörte, und meine Lehre­ rinnen wunderten sich. Ich liebte das Auf­ satz-Schreiben, verfehlte häufig das Thema..

Berlin - gesehen und erlebt (Fotobuch mit Texten)

 

Coming hone (Eika Aue)
In meinem alten und neuen Berliner Leben spielen sich Szenen ab, die für einen Fortsetzungsroman taugen. Sich abends mit  Freunden, Kommilitonen, Arbeitskollegen zu treffen, war in West-Berlin genau so einfach wie heute in Berlin, aber es sah natürlich ganz anders aus. Kam  man aus Westdeutschland, versuchte man, in Kreuzberg eine Wohnung oder wenigstens ein möbliertes Zimmer zu beziehen, denn hier war das Mekka für Neu-Zugezogene. Hier gab es alles, wovon wir in der Provinz träumten. In jeder Kneipe saßen Schriftsteller, Filmemacher, Sektengründer, Arbeitslose und Lebenskünstler. Immer wur­ de viel geraucht und viel getrunken. In bestimmten Kneipen konnte man auch schon in den Siebzigern problemlos Haschisch oder LSD kaufen. Das waren dann schon die höheren Weihen. Ein kräftiger Rausch war normal.
Mein erstes großes Erlebnis dieser Art hatte ich..

Feierabend im Hinterhof (Dieter Lenz)
Im Hinterhof wird renoviert. Die Bauarbeiter haben den losen Putz abgeklopft und sich in den Feier­ abend verabschiedet. Ein Bauhelfer blieb zurück, kehrt den Schutt auf und schüttet ihn in den Contai­ ner. Es staubt.
Innerhalb weniger Sekunden kommen aus geöffneten Fenstern folgende Bemerkungen:
„Frieda! De Jasmaske!“
„Fenster zu!“
„Mistkerl! Aufhörn! Ick hau dir die Fresse, Flegel!“
„Polizei!“
„Welcher Idiot schreit hier nach den Bullen?“
„Wat issn los?“
Raschke und seine Frau Karla stehen am offenen Küchenfenster.
„Typisch Baubranche!“ knurrt er. „Der Kerl will bestochen wern. Jib ihm wat in die Pfoten und det staubt nich mehr.“..

Als Berlin am schönsten war. (Jürgen Mahrt)
Am Abend umkreisten die Besucher den Reichstag und liefen dann über die Wiese, um einen Blick aus der Totale zu finden. Aber sie gingen nicht weg, weil mit der untergehenden Sonne die Schatten einen anderen Blick auf das Kunstwerk zuließen. Wenn alles gesehen war, lagerten sich Gruppen auf der Wiese, aber auch direkt am Haus, es wurde musiziert, gesungen in vielen Sprachen.
Jeanne-Claude, die mit ihren roten ungebändigten Haaren wirkte, als ob sie in Flammen steht, und Christo, wie der Zwillingsbruder von Woody Allen aussehend, die beiden lehnten jeden Kommerz ab. Es gab keine Verkäufer, keine sonst in Berlin üblichen Händler. Jeder durfte so viel fotografieren, wie er wollte, aber nur für private Zwecke.
Vor 20 Jahren, am 17.Juni 1995 begann etwas Einmaliges, Wunderschönes in Berlin. Aber 21 Tage später war alles vorbei. Ich schreibe von der Verhüllung des Reichstages des Künstlerpaares Jeanne-Claude und Christo. Vorher und nachher habe ich niemals wieder eine solche Stimmung erlebt. Der meckernde, durch nichts zu beeindruckende Berliner war für drei Wochen ausgestorben.
Bereits am ersten Abend kamen...