Hätte der Pressefotograf Martin Falk gewusst, was da auf ihn zukommt, wäre er sofort auf die nächste Brücke gerannt und hätte seine komplette Fotoausrüstung in den Fluss geworfen, der sich durch die Stadt schlängelte.
Es war eine besondere Stadt, gesteilt durch eine Mauer, die im Ostteil streng bewacht wurde. Er wohnte im Westteil der Stadt im dritten Stock eines fünfstöckigen Miethauses mit zwei Seitenflügeln und einem sogenannten Gartenhaus. Sein Fotolabor befand sich im Kabuff seiner Wohnung, das in alter Zeit als Vorratskammer diente. Bettina Manzoni, die Hausbesitzerin, hatte es erlaubt. Ein sonderbarer Name für eine deutsche Frau. Um es kurz zu machen: Gaetano Manzoni, ehemals Pizzabäcker in Palermo, dann Gastarbeiter in Deutschland, heiratete 1967 Bettina Berg, Inhaberin eines Mietshauses, in dem sie und ihre Familie wohnten. Neun Monate später bekamen die beiden eine Tochter und nannten sie Katja.
Mit dem Haus hatte Frau Manzoni von ihren Eltern auch den Frisiersalon geerbt. Es war drei Jahrzehnte später an ihrem 54. Geburtstag, als sie mitteilte, sie wolle möglichst bald den Salon ihrer Tochter übergeben, einer von ihr selbst ausgebildeten Friseurin, oder – falls diese es ablehne – ihn verkaufen.
Bevor ihr Mann, von ihr zum Herrenhaarschneider umgeschult, etwas entgegnen konnte, fügte sie hinzu, er solle sich da raus halten, das bestimme sie. Und er möge sein Toupet auf dem Kopf lassen.
Als dieses einseitige Gespräch stattfand, sprach der Nachrichtensprecher im Radio gerade von einer Wirtschaftskrise in Deutschland. Es war Anfang November 1989.
In der engen Straße des Manzonihauses war es schon früh am Tage dunkel, trotz der Laternen, dafür strahlten die kleinen Läden wie Schmuckkästchen. Mit Ausnahme des Kohlen- und Brennholz-Geschäftes gegenüber dem Manzonihaus. Es handelte sich dabei um eine typische Ladenwohnung, die Wohnung befand sich auf der Hofseite, im Anschluss des Ladens, und war von der Straße durch das Büro erreichbar.
Eines der Schaufenster verhüllte eine Gardine, dahinter brannte das spärliche Licht einer Bürolampe. Im anderen Schaufenster funkelte die Illusion eines Luxusgeschäftes -– das Spiegelbild von „Tinas Frisiersalon“ gegenüber. Dahinter verbarg sich der Lagerraum für abgepackte Brikettbündel.
Wie gewöhnlich saß an diesem Nachmittag Erna Jahnke an ihrem Schreibtisch, sie hatte die Lampe auf das Ungetüm einer alten Rechenmaschine gelenkt und prüfte die Umsatzahlen. Im Kiez hieß sie „Kohlen-Erna“.
Noch in den 70er Jahren florierte das Geschäft mit vier Kohleschleppern und zwei Kleinlastern. Sie belieferten das ganze Viertel mit allen Sorten von Kohle. Nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes übernahm Erna das Geschäft. Die Zeiten änderten sich, Öl- und Gasheizungen begannen die Kohlenheizungen zu ersetzen. Nach und nach musste sie ihre Arbeiter entlassen. Notfalls schleppte sie die Brikettbündel selbst zu den Mietern. Das tat den Knien nicht gut und die Mieter rieten ihr, sich zu schonen. Die Leute hatten gut reden, sie musste für die Zukunft ihres Sohnes Klaus sorgen.
Mittlerweile war er erwachsen und genauso ein Kleiderschrank wie sein Vater.
Jetzt lieferte er die Kohlen aus, sie selbst verließ Laden und Wohnung nur noch selten der Schmerzen in den Kniegelenken wegen.
Die Glocke der Eingangstür bimmelte, Martin Falk trat ein und sprach in Richtung der Lampe, er brauche mal wieder Briketts.
 „Freut mich, Falki.“
Kohlen-Erna hatte eine brüchige, aber kräftige Stimme, manchmal unterbrochen von einem kurzen, trockenen Husten.
„Aber nu mal vernünftig! Lassen Sie sich die Dinger von meinem Klaus rauf tragen, der hat die Knochen dazu.“
„Nee“, antwortete Martin schon aus dem Lagerraum. „Nehmen Sie mir bloß nicht meinen Sport.“
Als er sich zu den Brikettbündeln bückte, berührte ihn etwas am Hintern. Er drehte sich um. Bis zur Brust ragte Klaus aus dem Boden. Mit der linken Hand hielt er die Falltür über dem Kopf, mit der anderen machte er ein Pst-Zeichen und reichte Martin einen Zettel. Lautlos verschwand er wieder.
Der Fotograf...