In Arbeit

Kinderbuch (6-10 Jahre)

 

Das Geheimnis der Wikinger

 

Es war an einen Sommertag des Jahres 1085. Zwei Wikinger, Vater und Sohn, aus einem Nachbardorf wollten in Odinsvik beim Schmied Alvik ihre bestellten Schwerter abholen. Der aber war nicht da, ja, das ganze Dorf war menschenleer, und die Haustiere liefen im Wald frei umher. Auf den Tischen in den Häusern standen Gefäße mit Esswaren, als würden die Hausbewohner gleich wieder kommen, aber wie lange die beiden Männer auch warteten – und sie harrten zwei Tage und Nächte aus – es zeigte sich kein einziger aus dem Dorf. Etwas musste passiert sein. Aber was?
Das will ich euch erzählen, denn ich stamme aus Odinsvik und habe alles am eigenen Leibe erlebt. Dass ich heute, über tausend Jahre später,  unter euch bin, ist manchmal erschreckend für mich – aber wie ihr am Ende der Geschichte sehen werdet, gibt es dafür einen guten Grund.
Unser Dorf stand auf einem kleinen Hügel in der Bucht, in jedem Haus wohnte eine Sippe, Männer, Frauen,. Kinder und ihr Vieh. Unser Häuptling war Olaf Blaufeuer, so genannt wegen seines roten Bartes und seiner blauen Augen. Er hatte das größte Haus, ein Langhaus. Das sah so aus: Gleich am Eingang war die große Halle, in ihr trafen wir uns alle zu Beratungen. An jeder Wand rechts und links zog sich eine Bankreihe hin, in Hallenmitte war die Feuergrube mit den Kochkesseln und am Ende der Halle kamen die  Kammern für den Häuptling, seine Frau und dem Jungen. Für die Sklaven gab es eine kleinere Kammer. Auch ich, der ich allein lebte, besaß ein Haus, wenn auch ohne Halle, aber mit drei Kammern, zwei davon hielt ich für Odin und Thor bereit, falls sie mich besuchen sollten, denn ich war der Skalde, ein Diener Odins und Bewahrer der Gesetze und Geschichten unseres Volkes. Das Dorf  lebte von Fischfang, Jagd und Ackerbau, und manchmal fuhren wir mit drei Drachenbooten übers Meer zu Beutezügen.
Es geschah beim letzten Beutezug, wir verstauten gerade die vollen Säcke und Krüge auf dem Schiff, als es Olaf einfiel, wir könnten doch auch noch ein paar Frauen mitnehmen. Das fanden wir auch und so machten wir uns noch mal auf den Weg. Wir kamen nicht weit.
Ein Weib zierlich und hübsch, wie aus Elfenbein geschnitzt, tauchte plötzlich auf, jeder wollte sie haben,  aber wir standen wie angewurzelt, und unsere Schwerter fielen zu Boden, als hätte sie uns jemand aus der Hand geschlagen. Da rannte das Weib auf Olaf los, ihre Haare flatterten wie Flammen im Wind, Olaf zog den Dolch, doch auch der fiel zu Boden, und wie er sich bücken wollte, um ihn aufzuheben, umschlang sie ihn mit beiden Armen und ließ ihn nicht mehr los.
Wir standen starr vor Staunen. Olaf  handelte blitzschnell, er warf sich die Frau auf den Rücken, trug sie wie eine Beute aufs Boot und schrie: „Ja, schaut nur her! Das ist meine Frau! Damit ihr's wisst! Ich wollte schon immer so eine haben!“
Ehrlich gesagt, ich war mir nicht sicher, ob es nicht andersrum war.
Wir waren schon weit auf dem Meer, der Wind füllte die Segel und wir kamen gut vorwärts, als Alvik unter Fuchs- und Schafsfellen plötzlich eine seltsame Figur hervorzog. Dem Anschein nach war's ein Mann, nur war der so klein, fast ein Zwerg. Er war in braunes Leinen gehüllt und sein Gesicht war faltig wie die Rinde von einer alten Eiche. Keinen Laut gab er von sich, sah uns nur an mit bösen Augen, und Olaf befahl das einzig Richtige: „Schmeißt den Wicht ins Meer!“.
Da erklang zum ersten Mal die Stimme der Frau und die war laut und kräftig, was gar nicht zu ihrem Aussehen passte.
„Mein Herr und Gebieter. Das ist mein treuer Diener! Er ist mir heimlich gefolgt.. Schenkt ihm das Leben!“
Olaf kaute eine Weile auf seinem Bart, dann sagte er: „Ihr habt es gehört, Männer. Ich bin ihr Herr und Gebieter! Ich befehle euch: Lasst ihn los!“ Und dann sagte er barsch zu seiner Frau: „Er ist dein Diener, aber mein Sklave! Merk dir das! Ich nenne ihn Eilif. Und dich, Weib, nenne ich Heidrun. Kein Wort mehr! Schweig still!"
Und wieder dachte ich: „Na, das werden wir sehen..“
Zwei Tage nach Ankunft in Odinsvik bemerkte Olaf, dass sich Heidrun jedes Mal die Ohren zuhielt, wenn er mit den Männern sprach. Als er nach dem Grund fragte, sagte sie: „Dein Gebrüll tut meinen Ohren weh!“
„Aber ich muss brüllen. Damit sie hören, wie zornig ich bin!“
„Das musst du nicht. Sprich mit dem Gesicht! Man kann nämlich schon mit dem Gesicht zeigen, was man fühlt.“
Aber wie sollte das bei Olafs Gesicht gehen? Es war bis über die Hälfte mit einem roten Bart bedeckt. Eigentlich sah man nur seine blauen Augen und die Knorpelnase. Heidrun dachte nach, dann sagte sie, Eilif, der Sklave, solle für ihn das Gesicht machen.
Olaf kaute an seinem Bart, dann knurrte er: „Heidrun! Merk dir eins für die Zukunft! Ich bin nicht dumm. Was du da sagst, das dachte ich schon die ganze Zeit. Übrigens, Eilif, ich bin gerade zornig, sehr zornig!“
Der Sklave zog die Brauen zusammen, machte die Augen schlitzig und bleckte die Zähne.
„Und jetzt ein ernstes Gesicht! Ich muss den Männern was sagen.“
Als die Wikinger hörten, sie müssten ab sofort nicht nur auf seine Worte hören, sondern auch auf das Gesicht des Sklaven achten, murrten sie. Sie fanden, das sei ausländisch und passe nicht zu ihnen. Aber nach und nach gefiel es ihnen. Denn jetzt verstanden sie den Häuptling schon, noch bevor er ein Wort sagen konnte.

Nach einem Jahr gebar Heidrun einen Sohn. Sie gaben ihm den Namen Thorbjörn. Danach war Heidrun bei allen als Häuptlingsfrau anerkannt. Geheimnisvoll blieb sie trotzdem. Auch wegen des Kräutergartens hinter ihrem Haus. Nur sie und Eilif durften ihn betreten. Immer brachten sie etwas aus dem Garten mit, das noch keiner gesehen hatte. Einmal waren es schneeweiße, leicht zerbrechliche Trinkgefäße, keine Becher oder Trinkhörner, sie nannte sie Tassen, und manchmal waren Süßspeisen dabei, die hießen Kuchen und Torte. Auf all unseren Fahrten hatte ich noch nie so was gesehen. Wie sie an die Sachen kam, verriet sie nicht, nicht einmal ihrem Mann. Das gefiel ihm nicht, schließlich war er ihr Mann und dazu noch Häuptling. Darum befahl er jedesmal dem Sklaven, ein sehr ärgerliches Gesicht zu machen, dieser blickte dann grimmigböse, aber vielleicht hatte er auch einen Grund dazu, denn Olaf schob sich eine Leckerei in den Mund und schloss vor Entzücken die Augen.
Eines Morgens war Heidrun so guter Dinge, dass er sie fragte, was mit ihr los sei, sie würde ja wie ein Vogel zwitschern? Da erzählte sie, sie hätte...

 

In Arbeit. Voraussichtlicher Erscheinungstermin: Ende 2019