DieFliege an der Wand


Manchmal ziehe ich mir die Bettdecke über den Kopf. Ein gutes Gefühl von Sicherheit und Wärme. Der Vergleich mit dem Fötus im Mutterleib liegt nahe. Ich sollte mich also schämen. Aber ich genieße es. Es dauert nur eine halbe Minute, dann muss ich Luft schnappen. Aber in dieser kurzen Zeitspanne denke ich freundlich an den Tod.
Die Zeit arbeitet für das Leben. Ich bin ihr Werkzeug. Doch manchmal gelingt es mir, dass sie mich aus der Hand legt. Dann bin ich ganz bei mir – und weiß meinen Namen nicht mehr, weiß mein Geschlecht nicht mehr, nicht mein Alter, nicht meine Nationalität. Nichts weiß ich von mir. Ein äußerst glücklicher Zustand.
Klappern des Briefkastens. Das Signal, das mich sofort in Bewegung setzt. Ich bin wie der pawlowsche Hund. Und dann: wieder bloß Werbung. Wenn es einen gibt, der dich nie vergisst, dann ist es die Werbung.
Was rede ich von mir. Es geht gar nicht um mich. Es geht immer nur um das Leben.
Und das Leben sucht sich seine Formen aus. Ich bin eine davon.
So hat es sich den verschiedensten Formenüber über die ganze Erde verteilt.
Und wenn wir das Leben wirklich spüren, so spüren wir uns mit allen Lebensformen verbunden.
Ich küsse die Fliege an der Wand.

Aus Die letzten Tage des Kommissars, Erzählungen