Die Existenzfrage


Er wollte wissen: Was bin ich? Darum las er viele Bücher. Er erfuhr: alles ist aus Atomen gemacht. Das sind kleinste Teilchen in einer unendlichen Leere.
So waren er und alle anderen Dinge.
Und dann las er, dass sogar diese Teilchen keine Materie sind, sie sind formlos und ohne Gewicht, sie sind nichts als pulsierende Energie.
Es gibt nichts Festes auf dieser Welt.
Und er glaubte, damit das Rätsel seiner Existenz gelöst zu haben: Ich bin ein elektronisches Bild. Ich lebe in einem Computer.
Er fragte sich, wer da jenseits des Computer sitzt und ihn geschaffen hat. Er versuchte, Kontakt mit seinem Schöpfer zu bekommen. In manchen Nächten sprach er zu ihm wie zu einem alten Bekannten.
Aber er bekam keine Antwort. Darüber ärgerte er sich.
Dann, eines Tages fiel ihm auf, wie sich alles in ihm spannte, sobald er auch nur einen Finger bewegte.
Moment. Hatte er das jetzt gewollt – oder hatte ein anderer befohlen, dass er es wollte?
Und das war der Augenblick seiner Rebellion.
Ab sofort tat er genau das Gegenteil von dem, was er wollte. Und jedes Mal dachte er triumphierend: „Na, dein Gesicht möchte ich jetzt sehn!“
Eines Nachmittags trat er auf die Straße. Als ein Auto kam, blieb er stehen, er war auf der Stelle tot.

 

Aus Die letzten Tage des KommissarErzählungen