Der Heilige ohne Fuß

 
Die Kirche soll schön und für Touristen attraktiv werden. Daher beschließt die Dorfgemeinschaft auf einer Versammlung den Heiligen der Dorfkirche zu reparieren. Es ist eine mittelalterliche Holzfigur des Hl. Christophorus. Ihr fehlt der rechte Fuß.
Da erhebt sich ein junges Mädchen und spricht: Ob man nicht lieber abstimmen solle, dass die Flüchtlinge aus Afghanistan im Dorf bleiben können? Deren Asylantrag sei abgelehnt worden.
Die Frage des Mädchens wird nicht angenommen, sie beträfe keine kirchlichen Belange.
Ob man das Geld für die Reparatur dann nicht den Flüchtlingen schenken könne?
Auch das gehöre nicht zur Sache, dafür sei das Sozialamt zuständig.
Also wird eine Spendenaktion zur Finanzierung der Reparatur beschlossen.
Christophorus im Himmel sieht das und ist nicht einverstanden. Auch er will das Geld den Asylanten zukommen lassen. Ausnahmsweise erlaubt ihm Gott, auf der Erde Gestalt anzunehmen – allerdings mit einem anderen Gesicht, doch ohne den rechten Fuß.
Und so geschieht es. Der Heilige humpelt auf einer Krücke zum Pfarrer, der ihn für einen Asylanten hält, und trägt ihm seinen Wunsch vor. Der Kirchenmann zeigt Verständnis, verweist aber auf das Sozialamt und dass die Asylanten ohnehin bald das Land verlassen müssen.
„Ja“, sagt Christophorus, „aber wenn die Gemeinde den Flüchtlingen das Geld für meinen Fuß spendet, dann werden Zeitungen und Fernsehen darüber berichten und der Druck auf die Behörde wird so stark, dass sie die Ausweisungsanordnung zurückziehen wird."
„Ihren Fuß?“ Der Pfarrer lächelt.
„Ich bin der Heilige“, sagt der Mann.
Der Pfarrer lächelt noch mehr.
„Bis auf den fehlenden Fuß haben sie überhaupt keine Ähnlichkeiten mit dem Heiligen. Ist Ihnen das bewusst?“
„Gewiss“, sagt Christophorus. „Aber ist nicht der fehlende Fuß das Entscheidende? Gesichter sind verschieden, aber Füße haben wir alle. Jeder Mensch hat Füße, auch Sie!“
„Was wollen Sie damit sagen?“ Mit halb geschlossenen Augen lauscht der Pfarrer seinen Worten nach. Dann blickt er den Mann müde an. „Ja, ich weiß. Wir Menschen sind alle gleich. Das ist es, nicht wahr? Aber wissen Sie, was meine Gemeinde denkt? Da ist ein dunkles Gesicht mit schwarzen Augen, und es gehört nicht zu uns, es gehört nach Afghanistan. Ich kann da nichts machen, entschuldigen Sie.“
„Nein, ich entschuldige das nicht“, sagt der Mann mit der Krücke und humpelt davon.
Schließlich ist das nötige Geld für die Restaurierung gesammelt und man lässt den Fuß von einem Restaurateur anbringen. Die fertige Arbeit soll mit der Enthüllung der Statue gefeiert werden.
Da erscheint der Heilige beim Pfarrer, diesmal ohne Krücke und er humpelt auch nicht. Der Pfarrer freut sich für ihn, dass er eine Prothese bekommen hat. Christophorus zieht Schuh und Socke aus. Es ist keine Prothese, sondern ein richtiger Fuß. Mit den Worten, dass man ihn ab jetzt nicht mehr sehen würde, geht er davon. Der Pfarrer sieht ihm nach und hält alles für einen gelungenen Scherz.
Um 11 Uhr beginnt die Enthüllung. Als das Tuch fällt, ist das Podest leer: die Statue ist verschwunden.
Alles spricht von einem Diebstahl. Der Vorstand des Touristenvereins ist empört. Womöglich hat ein Asylant den Heiligen gestohlen, um die Gemeinde vor aller Welt lächerlich zu machen. Man wird die Statue bestimmt im Heim der Flüchtlinge finden! Sofort machen sich alle auf den Weg dahin.
Der Pfarrer bleibt zurück, er fällt auf die Knie und bereut. Als er aufblickt, ist die Statue wieder da, aber ohne Fuß.
In der Sakristei sieht er, dass die Zeit auf den Tag der Versammlung zurückgedreht ist, sie findet gerade statt. Er beeilt sich und kommt in dem Augenblick in den Gemeindesaal, als das Mädchen vorschlägt, das Geld den Asylanten zur Verfügung zu stellen. Er drängt sich nach vorn und unterstützt mit eindringlichen Worten den Vorschlag. Man stimmt ab und als die Stimmen gezählt sind, zeigt es sich, dass der Vorschlag angenommen wurde.
Die Statue blieb unrepariert. Aber weil die Abstimmung durch die Medien ging, kommen jetzt Menschen aus aller Welt, um den „Heiligen ohne Fuß“ zu besichtigen. Und die Behörde gab den Asylanten eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis. Darauf berichteten die Medien vom „Wunder des Heiligen ohne Fuß“.