Mein Schweden                       

von Dieter Lenz

3. Auflage

156 S. Softcover, 18 x 11,5 cm, 8,50 €

 

Kleine Geschichten aus Småland/Schweden, geschrieben in einem Tagebuch von einem jungen Mann, der zur Adenauerzeit Deutschland verließ.

Er kommt in ein Land vollkommen anders als seine Heimat. Dort lernt er nicht nur eine großartige Landschaft und Natur kennen, sondern auch eine völlig andere Denk- und Lebensweise.

 

ISBN 978-3-922299-44-8

 

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Dieter Lenz

Kurzgeschichten

                                          Die Erkenntnis

Es war mal wieder so ein Tag. Er grübelte und kam zu keinem Ende. Und so ging er zu seinem Meister und fragte: „Warum haben wir das Paradies verlassen?“
Und der Meister sah ihn an, schwieg eine Weile und sagte dann: „Wir haben es nicht verlassen.“
Schon oft hatte der Meister seinen Schüler mit einem Witz erhellt, und so wollte er auch diesmal in ein verständnisvolles Gelächter ausbrechen, aber der Meister fuhr fort:
„Es stimmt, der Mensch aß vom verbotenen Apfel, aber als er den ersten Biss schmeckte, wunderte er sich: Der Apfel schmeckte nicht anders als die gewöhnlichen Äpfel. Wieso sollte an diesem etwas Besonderes sein? Und das war der Augenblick, mit dem das Paradies für ihn zu Verschwinden begann. Er hatte eine Frage gestellt! Und die nächste war auch schon da: Warum habe ich überhaupt den verbotenen Apfel haben wollen? Und so reihte sich eine Frage an die andere, der Mensch begann die Antworten zu suchen, dabei untersuchte er alles, was um ihn herum war, er sah unter die Steine, er zerschnitt das Blatt vom Baum, er löste die Dinge in ihre Bestandteile auf und formte neues daraus. Und das alles geschieht im Paradies, er weiß es bloß nicht, denn sein Fragen hat bis heute kein Ende gefunden.“
Darauf schwieg der Meister und als der Schüler genau hinsah, sah er, wie der Meister schlief. Und während er davon ging, dachte er: „Er ist eingepennt. Warum nicht auch ich?“ Und schon kam die nächste Frage, darauf die nächste und so weiter. Der Schüler versank ins Grübeln, rannte gegen einen Baum und verstand schlagartig: Grübeln war seine Art des Schlafes. Aber wie kann man beim Grübeln schlafen? Und wieder begann eine Frage nach der anderen durch sein Gehirn zu laufen.

Der Meister öffnete ein Auge, kniff das andere zu und sah seinem Schüler nach. Dann seufzte er: "Der Kerl kapiert doch nie..", schloss das Auge und schlief jetzt wirklich ein.

 

 

 

Der Hund, der Nofretete war

 

Ein Hund ist mir zugelaufen, und der ist merkwürdig. Ich lese einen Artikel über Nofretete und immer wenn ich den Namen lese, bellt der Hund. Das nutze ich aus - ich rufe: "Nofretete!", und, tatsächlich, er kommt zu mir.

Wir gehen zur Ausstellung mit der Nofretete-Büste, er setzt sich davor und weint. Das sagen die Leute, aber er kneift nur das linke Auge zu, da ist nämlich die Nofretete blind.

Sie schicken mich hinaus, es ist gegen die Museumsordnung, einen Hund mitzubringen. Es hat sicher keinen Sinn, wenn ich ihnen sagte, dass mich der Hund mitgenommen hat.

Zu Hause seh ich ihn mir genauer an. Ja, das Gesicht ist spitz, aber sonst wenig Ähnlichkeit. Wahrscheinlich eine Seelenwanderung.

„Also, du bist Nofretete“, sage ich. „Und ich muss dich wie eine Königin behandeln?“

Er bellt zustimmend und ab sofort wird er königlich verwöhnt. Nur noch teures Hundefutter, kraulekraule und so weiter. Geradezu alles darf er. Liegt auf meinem Bett und schnarcht.

Bis ich ihn reden höre, mit einem anderen Hund. Der versteht ihn nicht. Na klar, er spricht ja auf einmal in meiner Sprache.

Ich schnappe ihn mir: „So, wie ein Mensch reden kannst du also auch.“

„Ja“, sagt er.

„Und hast mich reingelegt. Wer bist du nun wirklich?“

„Albert Einstein.“

Gestern war ich im Haus vom Einstein, das ist jetzt ein Museum, und tatsächlich ging er mir voraus, obwohl er nicht eintreten durfte, aber er schmuggelte sich zwischen den Beinen der Leute durch.

Und dann kamen wir an eine Wand, da war ein Foto, auf dem streckt der alte Einstein die Zunge heraus.

Und was tat mein Hund? Er setzte sich davor und tat dasselbe.

Was mach ich mit einem Hund, der Einstein ist? Nofretete wär mir lieber gewesen.

Ich mach jetzt einen Abendkurs in Mathematik. Er besteht darauf. Sonst, sagte er, wird er mich vor allen Leuten „Dummkopf“ nennen.

 

 

 

Am Anfang war ein Elch.

 

Im Herbst besuchte mich ein Elch.

„Verzeihung. Darf ich eintreten?“

„Warum?“

„Draußen wird geschossen.“

„Ist es schon wieder so weit?“

Der Elch nickte, und ich ließ ihn herein. Er versuchte, auf Hufspitzen zu gehen. Beim letzten Mal hatte mich sein Poltern auf dem Dielenboden gestört.

„Ich sehe, Sie haben jetzt Flickenteppiche...“

Ich erwiderte, dass ich sie auch meinetwegen hätte, ich laufe gern in Socken durch die Hütte.

„Aja.. Socken, das wäre etwas Feines, auch für mich.“

Er blieb nicht lange, er hatte Hunger und ich konnte ihm nichts servieren, darum verließ er mich. Kurz darauf stand er wieder an der Tür.

„Entschuldige“, sagte er. „Kannst du mir nicht eine rote Mütze leihen? Es ist vielleicht besser, die Jäger halten mich nicht für einen Elch.“

Ich gab ihm meine rote Wollmütze, er bedankte sich und verschwand, die Mütze auf dem Kopf.

Ein paar Minuten später kam er wieder.

„Es hilft nichts“, sagte er, „sie erkennen mich immer noch. Darf ich bei dir mein Geweih liegen lassen? Nur für die Jagdzeit.“

Ich hatte nichts dagegen, und als er ging, trug er die rote Mütze und sonst nichts. Und ich trug das schwere Geweih in den Abstellraum. Eine Stunde später war er wieder da. Er sah verzweifelt aus.

„Sie erkennen mich nicht mehr!“ klagte er.

„Na, ist doch großartig!“ erwiderte ich.

„Überhaupt nicht.. Meine Frauen und meine Kinder! Sie sagen, ich bin es nicht. Ich muss mein Geweih wieder haben!“

Ich gab’s ihm. Er setzte es nicht auf, sondern machte es sich auf dem Sofa gemütlich.

„Ich kann im Moment nicht mehr raus, das siehst du doch. Da stehen sie! Die waren hinter mir her.“

Tatsächlich standen am Waldrand zwei Männer, die Gewehre unter dem Arm und starrten zu meiner Hütte herüber.

Ich ging hinaus und sagte: „Sie sind herzlich willkommen, aber bitte, legen Sie die Waffen vor meiner Grundstücksgrenze ab...“

Die beiden Männer, die sehr erschöpft waren von der Jagd, taten dies und folgten mir in die Hütte.

„Ihr Halunken“, brummte der Elch. „Zwei gegen einen, das ist unfair.“

„Überhaupt nicht“, sagte einer der Männer. „Du hast vier Beine, also müssen wir zu zweit sein, damit wir auch vier Beine haben."

Und der andere meinte: „Reg dich nicht auf, wir kommen in friedlicher Absicht.“

Und dann tranken wir Kaffee, aßen meinen Kuchen und plauderten. Das musste sich herumgesprochen haben, denn plötzlich kam ein junger Elch hereingestürmt und bat, bei mir bleiben zu dürfen. Der Jäger, der ihn verfolgte, hatte schon das Gewehr abgelegt und trat hinter ihm ein.

„Kaffee und Kuchen sind eine feine Sache, besonders, wenn es regnet.“

Ja, wirklich, es regnete und auf einmal kam ein Elch nach dem andern und mit ihnen die Jäger und saßen alle in meiner Hütte.

„So, meine Herren Jäger und Elche, ich muss Sie bitten, zu gehen, weil ich müde bin.“

Aber die Elche wollten nur gehen, wenn die Jäger ihnen versprachen, nicht mehr auf sie zu schießen. Dagegen hatten die Jäger was, denn ein Jäger muss nun einmal schießen, sonst ist er kein Jäger, sagte der älteste der Jäger.

„Aber wie geben euch einen Vorsprung! Und außerdem ist Nacht. Da jagen wir nicht.“

Die Elche misstrauten ihnen, sie blieben, auch die Jäger. Und am nächsten Tag kam das Fernsehen, der Bericht ging um die Welt, und da hatte ich genug.

Ich bin jetzt in Afrika, weit weg von Elchen und Jägern, ich sitze in einer Hütte und schreibe an einem Buch über Elche. Bis jetzt ging alles bestens.

Moment, da klopft es. Ach, es ist ein Elefant.

 

 

 

Die Zeit

 

Es war in den Sommerferien, er war im See geschwommen, und obwohl auf seiner Armbanduhr „Waterproof“ stand, hatte sich unter dem Uhrglas eine Wasserblase gebildet.

Mit Mühe gelingt es ihm, das Glas abzuheben. Dabei fallen ihm die Zeiger heraus, glücklicherweise auf ein weißes Papierblatt. Er schiebt sie spielerisch mit dem Fingernagel nebeneinander und wie er sich wieder mit der Uhr beschäftigen will, sieht er aus den Augenwinkeln, wie sich die Uhrzeiger zu drehen,und, immer schneller werdend, auf dem Papier einen kleinen Wirbel erzeugen.. Am Fenster sieht er den Kastanienbaum wie im Zeitraffer sein Aussehen nach den Jahreszeiten wechseln, hastig drückt er den Daumen auf die Zeiger, sie stehen still, es ist wieder Sommer, in diesem Augenblick kommt seine Frau ins Zimmer mit einem 6jährigen Mädchen, ob er mit zum See geht.. Er blickt auf den Kalender an der Wand. Neun Jahre sind vergangen..

„Was machst du da? Reparierst du schon wieder die Uhr?“

Und sie nimmt die Zeiger und legte sie spielerisch zusammen, er will es verhindern. zu spät.. Wieder drehen sich die Zeiger, Jahreszeiten fliegen vorbei. Er greift in die Zeiger und hält sie fest,

Erneut ist es Sommer. Neben ihn steht eine junge Frau, seine Tochter, er staunt, sie wird heute 20 Jahre alt. Sie feiern den Geburtstag in der Hütte.

Und diesmal ist es die Tochter, die mit den Zeigern spielt, zu spät greift er nach ihrer Hand.

Wieder sausen Jahreszeiten vorbei, schnell tastet er nach den Zeigern, als er sie fest hält, ist es Sommer, Gelächter vor der Hütte und Musik, ein herrlicher Sommertag. Man feiert auf der Wiese an einem langen gedeckten Tisch seinen 50. Geburtstag.

Erschrocken wirft er die Zeiger auf den honigfarbenen Dielenboden.

Ein kleiner Junge, sein Enkel, findet sie und bevor der Mann es verhindern kann, hat der Junge die Zeiger zusammengelegt. Wieder dreht sich alles, der Mann tappt mit den Händen nach den Zeigern, endlich hat er sie..... Und es ist Sommer, seine Haare sind grau geworden, seine Gelenke steif... Wieso ist er allein in der Hütte?

Und warum hat er die Hand zur Faust geballt? Er öffnet sie und sieht die winzigen Uhrzeiger. Er denkt nach. Dann geht er auf die Veranda und wirft den kleinen Zeiger weg. Er fällt nicht weit, landet vor dem Geländer im Gras. Ein Vogel kommt, pickt ihn auf und fliegt davon..

Und er ist voller Dankbarkeit dem Vogel gegenüber.

Er überlegt, was er mit dem großen Zeiger machen soll, da reißt ihm ein Windzug den Zeiger aus der Hand, er sieht nicht einmal, wohin er fliegt.

Und er dankt dem Wind dafür.

Er geht hinaus auf die Wiese, sieht sich um, ist das nicht der Vogel von vorhin? Genau betrachtet er ihn, und als er einen Wind spürt, dreht er ihm sein Gesicht zu, er hört sogar ein kleines Pfeifen an der Ohrmuschel, er lächelt..

Und so geht er an diesem Tag umher, alles aufmerksam betrachtend, tief fühlend und nachdenklich.

Am Abend ist der Tag noch lange nicht zu Ende. Und als der Mond aufgeht, sieht er ihm zu und er weiß, dass er die richtige Zeit, die wahre Zeit gefunden hat. Die Lebenszeit.

 

 

 

Der Glücksbringer

 

Einmal sprach ein deutscher Tourist in Småland (Schweden) einen Bauern an, der, die Kettensäge neben sich, am Waldrand eine Kaffeepause machte. Ob er nicht alte Hufeisen hätte? Der Bauer betrachtete den Mann von den Turnschuhen über die Shorts bis zum gelben T-Shirt, und fragte dann, ob er ein Pferd zu Hause hätte?

Nein, sagte der Tourist verlegen, aber ein Hufeisen sei doch ein Glücksbringer, jedenfalls nach altem Glauben. Er würde gern eines davon nachhause mitbringen, als Geschenk für einen Freund. Er würde auch gerne dafür zahlen.

Bei dem letzten Wort legte der Bauer den Rest seiner Stulle in die Plastikdose und sagte: „Komm morgen früh auf meinen Hof, dann hab ich was für dich.“ Setzte den Helm auf und machte sich wieder ans Auslichten seines Waldes.

Als der Tourist – jetzt in Jeans und kariertem Holzfällerhemd – am nächsten Morgen beim Bauern aufkreuzte, lagen drei rostige Hufeisen auf dem Küchentisch, er sollte sich eins aussuchen. Er kaufte alle drei für 300 Kronen.

Am selbenTag nagelte der Bauer an einen Pfosten des Hofeinganges ein Schild in deutscher Sprache: „Glücksbringer! Hufeisen zu verkaufen!“

Und damit begann ein erfolgreicher Handel mit alten Hufeisen. Anfangs bekam er sie noch von den Bauern in der Umgebung. Dann dehnte er seine Suche auf das ganze Land aus und kaufte so viele Hufeisen auf, wie er konnte. Darunter waren auch unbenutzte, seltsamerweise wurden die von den Touristen sogar besser bezahlt, worauf er Hufeisen aus Gusseisen herstellte. Er bot sie im Internet an, mit Echtheitszertifikat.

Bald hatte er seinen Hof in eine Fabrik verwandelt. Das Hufeisen machte er zum Firmenzeichen, er ließ es in Übergröße über dem Eingangstor zu seiner Fabrikshalle – der ehemaligen Scheune – anbringen. Und er wurde reicher und reicher.

Als er eines Tages in die Halle ging, löste sich das Hufeisen und fiel ihm auf den Kopf. Bewusstlos wurde er in die Klinik eingeliefert.

Nach seiner Entlassung saß er tagein, tagaus auf der Bank vor seinem Bauernhaus gegenüber der alten Kastanie und lächelte vor sich hin. Seine Firma ging pleite, auch weil sich herumsprach, dass ihm sein eigenes Hufeisen Unglück gebrachte hatte.

Aber wer ihn so sitzen sah, musste sich eingestehen: Er sah viel glücklicher aus als vorher.

 

 

                                    

                                 Modische Zeiten

Jeden Tag gibt es etwas Neues, es sind modische Zeiten. Gerade tragen die Leute Nasen aus Plastik, da kommt schon der nächste, der hat einen dritten Arm, einen  aus Plastik. Wie interessant und so originell – darauf läuft jeder mit einem dritten Arm herum. Und da kommt einer, der hüpft auf einem Bein, weil das andere Bein angewinkelt in einer Schlinge hängt, das ist so auffallend, dass es alle nachmachen. Schulen bilden sich, Übungsstudios, es gibt spezielle Hüpfkleidung, Hüpfschuhe und für die Bequemeren eine Auswahl individuell geformter Krücken.
Reichere könne sich sogar etwas Besonderes leisten: eine Krücke mit integriertem Klappstuhl.
Nur einer macht das alles nicht mit, er ist einfach zu faul dazu. Seine Familie schämt sich für ihn und sein Chef entlässt ihn: er stört die Gemeinschaft, ja, schlimmer, er boykottiert den Fortschritt, ohne den die Wirtschaft nicht existieren kann.
Ein Journalist schreibt über den Fall und jetzt wird es interessant. Der Sonderling wird zu Talkshows eingeladen, erst sind alle verwirrt, dann begeistert. Der Mann ist ja glücklich mit seiner Masche! Und so, mit seiner fleischigen Nase, keinem dritten Arm und dem Gehen auf zwei Beinen, das sieht doch ganz originell aus.
Und sogleich machen sie ihn nach. Das Natürlichsein kommt wieder in Mode.
Als der Sonderling merkt, dass er sich nicht mehr von den anderen unterscheidet, setzt er sich eine Augenklappe auf, aber schon machen sie ihm das nach. Überall laufen Einäugige herum. Darauf steckt er die Füße in Kartons und schlurft so durch die Straßen. Die Leute tun das gleiche. Ein Geschlurfe ist das! Fast schon lauter als der Verkehrslärm.
Er ist ihr Idol geworden. Und er denkt: Daraus kann man doch bequem ein Geschäft machen. Er stülpt sich eine Perücke über mit täglich wechselnder Farbe, das wird ein Schlager, er verkauft die Perücken massenweise, steinreich wird er.. Dann hat er es satt. Es war doch mehr Arbeit dabei, als er gdachte hat. Er will wieder so sein wie früher und ein faules Leben führen. Aber was tun? Die Leute verfolgen ihn geradezu mit ihrer Aufmerksamkeit. Also muss er verschwinden. Und das schafft er – plötzlich ist er weg, er hat sich versteckt, aber keiner findet ihn.
Die Leute sind sprachlos. Dann sagt erst einer und dann sagen es alle: Das ist ja das Neuste! Verschwinden! Toll! Aber wie hat er das gemacht?
Und die Wissenschaft erhält den Auftrag, ein Mittel zum Verschwinden zu finden.
Wie’s weitergeht? Keine Ahnung. Die Leute gibt es nicht mehr.

 

 

Miau!

 

Da lümmelte sich doch unser Kater auf meinem Sofaplatz. Genau dort sitze ich beim Fernsehen.

Ich forderte ihn auf, umgehend den Platz zu verlassen.
„Noch ein Wort und ich fress dich mit Haut und Haaren!“ Das sagte sein Blick. Und das mit einem Gesicht.. Wirklich,ein echtes Teufelsgesicht. Na, das zieht vielleicht bei anderen, aber nicht bei mir.
Ich schubste ihn runter. Das war vor fünf Tagen. Und jeden Abend die gleiche Prozedur: Befehl. Null Reaktion. Runtergeschubst.
Und dann das. Genau zur Nachrichtenzeit. Ich, nach üblicher Katerentferung, also auf dem Sofa. Die Zimmertür geht auf, das liebliche Gesicht meiner Frau erscheint, und sie verkündet wie gewohnt: „Abendbrot ist fertig!“
"Ja, gleich!", antworte ich, auch das wie immer, denn ich sehe grundsätzlich die Nachrichten bis zum Ende, doch aus meinem Mund kommt – nanu  –

etwas ganz anderes. Es ertönt ein „Miau!“.

Sofortiges Türeknallen.
Das wollte ich keinesfalls gesagt haben. Ist mir wohl so gedankenlos rausgerutscht. Daher eilte ich meiner Frau nach, um das Missverständnis auszuräumen. Jedoch, weiß der Teufel, was mit meinem Mund los war: er miaute. Meine komplette Entschuldigung miaute er, am Ende kippte er sogar ins Weinerliche.
Nicht zu glauben, den ganzen Abend blieb das so. Was ich auch sagte, ich sagte es katzenmäßig.
Geschimpfe, Türenschlagen, Tränen, schließlich Androhung der Scheidung.
Was sollte ich tun? Meine Sprache war weg. Aber schreiben konnte ich doch noch. Also schreib ich ihr die ganze Katerteufelei auf, denn dass der Kater schuld war, das war offensichtlich. Dabei überlegte ich jedes Wort, schließlich war es ihr Lieblingskater. Als ich fertig war, staunte ich nicht schlecht: 118mal hatte ich „Miau“ geschrieben! Plötzlich hinter mir ein kleines Miauen. Ich drehte mich um. Mein Töchterchen. Es strahlte mich an und miaute. Ich dachte, aus kindlichem Spaß. Aber als die Mutter sagte, es sei Schlafenszeit, miaute unsere Kleine wieder. Und dann ging es hin und her: die Mutter sagt was – Antwort: „Miau!“, wieder eine Frage und darauf wieder Miautes und so weiter. Entsetzlich! Drei Jahre alt ist unser Töchterchen, konnte doch schon ganze Sätze sprechen, jetzt aber nur noch: „Miau!“
Ein fürchterlicher Rückschritt. Ein Schock. Und natürlich meine Schuld. Klar, ich hatte das Kind angesteckt. Na, das wird jetzt was geben..

Schon packte meine Frau das unglückliche Geschöpf und ab nach oben. Und da schrie es, Beine strampelnd: „Will zur Papakatze!“
Na bitte. Einwandfrei. Bestes Deutsch. Hatte mich bloß nachgemacht, das Schätzchen. Gott, war ich erleichtert. Meine Frau auch, dachte ich.
Von wegen. Als sie die Treppe runter kam, sprach sie von einem Rechts-anwalt, den sie nächstens aufsuchen würde. Was sagt man in solch einem Fall? Dazu noch auf Katzisch? Lieber nichts.

In dieser Nacht bekam ich das Sofa als Schlaflager zugewiesen. Großartig. Nun hatte ich das ganze Sofa für mich. Aber konnte ich schlafen? Nein. Die ganze Nacht übte ich mich in der Aussprache von vielerlei Wörtern. Sogar Fremdwörter waren darunter. Half nichts, ich miaute. Wenn wir Mäuse hatten, so waren sie jetzt alle aus dem Haus verschwunden, bestimmt.
Dass ich am nächsten  Morgen nicht ins Büro ging, versteht sich.
Auf dem Weg zur Arbeit brachte meine Frau die Kleine in die Kita, so war ich jetzt mit dem Kater allein. Höflich, vielleicht sogar ein wenig anbiedernd machte ich ihn aufmerksam (und zwar in seiner Sprache!), ich würde ihn umbringen, wenn er nicht sofort den Fluch von mir nähme. Er gähnte. Was für ein herrliches Gebiss... Sollte ich ihm ein Kompliment machen? Aber da sauste er schon durch die Katzenklappe davon.
Ich holte den Frisierspiegel meiner Frau, stellte ihn vor mir auf den Wohnzimmertisch. Seh ich aus wie eine Katze? Nein! Ich bin ein Mensch! Auch die Lippen sind durchaus menschlich, ebenso die Zähne. Mit den Fingern zog ich die Lippen rauf und runter, schnalzte mit der Zunge und züngelte mit ihr in jeder Richtung. Die reinste Morgengymnastik für den Mund. Umsonst. Es blieb ein Miauen in allen Tonlagen.
Und alles die Schuld von dem blöden Kater. Ich nahm ein Messer aus der Küchenschublade und wartete. Er kam nicht.
Am Nachmittag kehrten Frau und Kind heim, ich schwieg, hielt mich eisern zurück, ich hatte, hol’s der Kuckuck, sogar Angst, etwas zu denken. Aber dann dachte ich doch was. Nämlich: Nicht Wörter, Taten zählen! Ging daher zur Frau, küsste sie auf den Nacken und flüsterte: „Schatz, ich liebe dich!“
Nein, selbst ein zärtliches Miauen bleibt wohl auf ewig missverständlich. Nach der Frauenpower schlich ich mit brennender Backe in mein Zimmer. Vor mir eine Zukunft voller Missverständnisse und Ausschreitungen.
Am Abend saß ich am Tisch, nichts stand vor mir, kein Glas, kein Teller, kein Bier, keine Schrippe, ganz deutlich war ich Luft für meine Frau – da kam mein Töchterchen und schob mir den Fressnapf des Katers hin. Gefüllt mit dessen Lieblingsfutter: Entenpastete.
Ich denke: So eine Mutter! Verleitet ihr eigenes Kind zu einer Verhöhnung des eigenen Vaters.
Da! Plötzlich Katzengekreisch. Nicht von mir, sondern vom Kater. Mit einem Sprung ist er auf dem Tisch und ich, erfüllt von Zorn und endgültiger Verzweiflung, ich schreie in extremer Lautstärke: „Das ist mein Fressen, du Satansbraten!“
Danach große Stille. War vorzüglich gesprochen. Einwandfreies Deutsch. Kein bisschen Miau!
Was sagt man dazu. Mein Töchterchen hat den Kater reingelegt und mich gerettet. So ein kluges Kind.
Der Kater verschlang seine Pastete. Ich brach in Tränen aus.
Danach vielseitige Umarmung, Entschuldigung meinerseits und Versöhnung mit Frau sowie Kater.

Am nächsten Tag kaufte ich mir ein eigenes Sofa.

 

 

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            Dieter Lenz

          Die letzten Tage des Kommissars

            In den Erzählungen geht es

  • um einen faustischen Kampf zwischen einem Genetiker und einem Kommissar
  • um einen IT-Professor, der vom Schöpfer der Welt verlangt, seine verstorbene Frau ins Leben zurück zu bringen,
  • um die unheimlich Macht der Natur,
  • um den Sinn des Lebens
  • und um einen Mann, der - verrfallen der virtuellen Welt - durch Sex geheilt wird.

            136 S. , 105 x 185 mm, Softcover, 9,50 €     

ISBN 978-3922299-43-1

Zu bestellen im Online-Shop

 

 

Buddhas auf Küchenstühlen

 

 

Das rot gestrichene Häuschen stand im Schatten zweier Kastanien. Eine Wiese mit Büschen und Apfelbäumen schützte es vor dem Staub der Dorfstraße. Es hatte einen liebevoll geschnitzten Windfang und hinter den Fenstern mit den weißen Zierbrettern hingen geklöppelte Gardinen, die sich nie bewegten.
   „Das ist das Sterbehaus und drinnen wohnen die Jungs!“ hieß es. Alle im Dorf betrachteten „die Jungs“ mit einer Mischung aus Spott und Zärtlichkeit.
   „Die Jungs“, das waren drei Männer, drei Brüder. Als wollten sie das auch deutlich zeigen, trug jeder einen „Tropfenfänger“ unter der Nase, ein borstiges Bärtchen im Briefmarkenformat.
   Vor mehr als 20 Jahren war ihr Vater gestorben, und seitdem hieß ihr Haus „Sterbehaus“, so wurden in Schweden die Häuser bezeichnet, die als Erbe zur Verteilung anstanden. Doch die Brüder hatten das Erbe nie angetreten, sie teil­ten es nicht auf, weiß Gott warum, vielleicht um Steuern zu sparen, vielleicht auch vergaßen sie es einfach.
   Man sah sie nur zu dritt, und wenn sie das Haus verließen, schritt einer hin­ter dem anderen in immer gleichem Abstand voneinander, wie eine Patrouille. Angesichts ihrer würdevollen Gesichter wäre ich bereit gewesen, ihnen unauf­gefordert meinen Pass zu zeigen. Immer ging der jüngste in der Mitte. Blieb er stehen und betrachtete etwas, einen Busch, einen Baum oder einen kreisenden Vogel am Himmel, wartete seine Brüder geduldig, bis er von selbst weiter ging.
   Sie waren nicht arm, im Gegenteil, ihr Waldbesitz war groß. Fast täglich marschierten sie mit Axt und Säge in den Wald. Im Frühling trugen sie Spaten geschultert. Ihr Wald hatte einen Sumpf, die Gräben musste von Pflanzenbe­wuchs befreit werden, sollte der Waldboden trocken bleiben.
   Bei günstigem Wetter saßen sie abends auf Küchenstühlen vor ihrem Haus, gekleidet in ihren Arbeitsklamotten, blauen Overalls, auf den Schädeln hatten sie grünweiße Baseballkappen. Stumm und fast regungslos beobachteten sie die staubige Dorfstraße. Die Straße war leer, aber sie sahen etwas, für das wir keine Augen hatten, und erst wenn die Nacht hereinbrach und die Straße weiß zu schimmern begann, nahm einer nach dem andern seinen Stuhl und ging ins Haus.
   Auf meiner Radtour kam ich oft an ihnen vorbei, dann rief ich: „Hej!“ Fast gleichzeitig hoben sie ihre schweren Bauernhände und ließen sie langsam auf ihre Schenkel zurück sinken.
   Sie hatten den grünen Schatten der Kastanien im Gesicht und es waren schwedisches Buddhas, Buddhas auf Küchenstühlen.

 

 

 

 

Das Leben ist herrlich!

 

Als junger Mann verließ er den heimatlichen Bauernhof und trampte quer durch Europa von Jugoslawien bis Spanien. Dann heiratete er, bekam vier Kinder, verliebte sich in eine Deutsche, die in der Nachbarschaft ein Sommerhäuschen hatte, wartete bis seine Kinder erwachsen waren, dann ließ er sich scheiden und machte der Deutschen einen Heiratsantrag. Die war aber längst verheiratet. Also zog er allein in eine Blockhütte, wenn er nicht gerade auf Reisen war, zum Beispiel nach Estland, wo er einer jungen Frau ein Haus baute. Es dauerte drei Jahre, bis er entdeckte, dass die Frau einen anderen hatte, und so machte er sich wieder auf Reisen, diesmal mit der Transsib nach China.

Recht besehen war er wohl auf den Weg zu seinem Ursprung, denn er war ein Buddha, wenn auch seine dürre, lange Gestalt dem widersprach.

 Klaus H., der deutsche Sommergast, mochte ihn vom ersten Augenblick an. Gleich am Tag nach seiner Ankunfter hatte sich gerade in der Ferienhütte eingerichtetklopfte der lange, vollbärtige Mann an die verglaste Eingangstür, sagte "Hej" und überreichte ihm einen blank geschälten, wie eine Wünschelrute geformten Ast mit der in perfektem Deutsch geäußerten Bemerkung, damit könne er nach Wasser suchen, aber da ja ein See in der Nähe war, sei das nur im Falle der Austrocknung nötig.

 Sie wurden Freunde und jeden Sommer mietete der Deutsche dieselbe Ferienhütte und ließ sich von dem alten Schweden die Wunder dieser Welt zeigen. Der fing Bienenvölker ein, veredelte Kirschbäume, zog in seinem Treibhaus, gebaut aus Abrissfenstern, Tomaten und Weintrauben, ließ sich von Mücken stechen, um sich gegen sie immun zu machen und verriet dem Deutschen die Geheimnisse der Mittsommerzeit, indem er ihn um Mitternacht zu einer Waldlichtung führte, wo ein Elch graste. Mit dem sprach er und Klaus lauschte interessiert. Eine ganze Weile ging das Gespräch, aber der Elch war nicht der klügste und sagte immer nur: „Jaha, jaso, jaha, jaso..“

 Der alte Schwede behauptete auch, dass die Sonne mindestens einmal am Tag nur für einen Menschen allein scheine, nur dürfe der nicht den Augenblick verpassen. Er jedenfalls verpasste keinen der Augenblicke, garantiert sprang er mehrmals an einen sonnigen Tag in die Höhe, egal wo er sich gerade befand, sogar auf einem Dachfirst, schwenkte die Arme, als wolle er davonfliegen, und schrie: „Ja, ja, danke! Danke!“ Dann sah er sich  entzückt um und rief allen Menschen unseres Planeten zu: „Das Leben ist herrlich!“

 Und das war der einzige Grund, warum seine Familie Regentage mochte.

 

 
 

 

Der Unfall

 

Der Himmel war schon hell, aber die Straßenlampen brannten noch.  Er fuhr zur Arbeit. An der Dorfausfahrt würde er die aufgehende Sonne tief zwischen den Baumstämmen sehen, und darauf freute er sich.

Plötzlich gab es einen Bums am linken Kotflügel, er bremste, stieg aus. Sein Wagen war neu. Gab es einen Schaden? Nein. Aber irgend etwas musste das Auto berührt haben. Er sah zurück. Da lag etwas auf der Straße, dreißig Meter entfernt.

Er ging hin und sah, dass es eine Katze war Die Beine von sich gestreckt, sah es aus, als schliefe sie. Er staunte, wie schön sie war in ihrem goldfarbenem Fell.  Er glaubte, sie sei nur bewusstlos, aber da entdeckte er Blut unter ihrem Kopf. Es floss noch, in kurzer Zeit lag der Kopf in einer Blutlache. Er tippte den Körper an, nein, da war kein Leben mehr. Er sah sich um. Er könnte einfach weiterfahren, aber dann würden andere Autos darüber fahren und er stellte sich vor, was mit dem Körper geschehen würde. Darum fasste er mit spitzen Fingern die Katze an den Pfoten, der Kopf baumelte, jetzt konnte er den Riss am Hals sehen, eine klaffende Wunde, und legte sie am Vorgartenzaun des nächsten Hauses nieder.

Beim Weiterfahren überlegte er, wieso das Tier tot war, am Auto gab es doch nichts Scharfes.

Diesmal hatte er keinen Blick für die Morgensonne.

Als er am Spätnachmittag über dieselbe Straße heimfuhr, erkannte er sofort den schwarzen Fleck auf der Straße, aber die tote Katze war verschwunden.

Zwei Tage später, bei seinen Jogging-Lauf, kam er an einem Baum vorbei, am Stamm hing eine Klarsichthülle mit einem Foto und einem Text, er blieb stehen. Das Foto war war die Katze, die er getötet hatte. Jemand bat um telefonischen Bescheid bei Sichtung der entlaufene Katze. Lange betrachtete er das Foto. Das Tier war wirklich ungewöhnlich schön.

Er rannte weiter, dann entdeckte er den gleichen Aushang an einem anderen Baum. Er brach seinen Lauf ab und kehrte nachhaus zurück.

Während er sich umzog, fragte er sich, ob er anrufen solle. Aber dann müsste er noch mal zurück, um sich die Telefonnummer zu notieren. Und was dann? Er konnte schon das entsetzte Schweigen am anderen Ende der Leitung hören. Dann dachte er, bestimmt würde der unbekannte Katzenbeseitiger den Aushang lesen und anrufen.

Aber der Aushang wurde in den nächsten Tagen nicht abgenommen, im Gegenteil. Fast an jedem dritten Baum hing das Bild der Katze.

Er wurde wütend. Wieso schweigt der, der die tote Katze gefunden hatte? Das muss der doch jeden Tag lesen! Merkt der denn nicht, wie sehr er den Katzenbesitzer hinhält? Wie der immer noch hofft? Dabei ist die Katze tot! Die kommt nie wieder!

Er beschloss, seine Joggingstrecke zu ändern.

Um den Fleck auf der Straße nicht zwei Mal am Tag sehen zu müssen, nahm er einen Umweg, der Umweg kostete Zeit und Benzin, das ärgerte ihn. Es kam ihm wie eine Strafe vor, eine ungerechte Strafe.

Endlich kam der Regen. Der würde den Fleck verwischen.

Trotzdem fuhr er jetzte nur noch den Umweg zur Arbeit und auch seine neue Joggingstrecke hielt er bei.

 

 

 

 

 Die Wettbrüder

 

Die Brüde nannte man im Dorf "Die Wettbrüder", denn sie wetteten gerne miteinander.

Einmal, im Frühherbst, wetteten sie um die Anzahl der Blätter des Apfelbaums vor ihrem Haus. Um herauszukriegen, wie viele es waren, wollten sie die Blätter zählen. Sie warfen über den Baum eine Plane und banden sie am Stamm fest. Die abgefallenen Blätter würden sie zählen und so sehen, wer von ihnen mit seiner vorausgesagten Zahl am nächsten kam.

Nach vier Wochen - die Plane hatte sich schon deutlich gefüllt - lagen eines Morgens Äpfel und Blätter verstreut auf der Erde. Sie hatten nicht mit den Äpfeln gerechnet. Die Plane war geplatzt

Sofort wetteten sie, wie viele Äpfel dort lagen. Der jüngere Bruder kam mit seiner geschätzten Zahl am nächsten, da verlangten der andere, auch die restlichen Äpfel in der Plane müssten gezählt werden. Sie nahmen die Plane ab, dabei purzelten weitere Äpfel vom Baum herunter. Sie beschlossen, alle Äpfel noch einmal zu zählen, aber auf eine präzisere und zugleich bequemere Art: Sie wollten sie einen nach dem anderen in einer Rinne herunter rollen lassen. Im Schuppen stöberten sie nach einer ausrangierten Dachrinne, fanden aber keine. Als sie wieder ins Freie traten, sahen sie, wie zwei Elche sich an den Äpfeln gütlich taten.

Sie jagten die Tiere weg und schlossen eine neue Wette ab: ob die beiden Elche am nächsten Tag wiederkämen. Die Männer lauerten bei Tagesanbruch am Küchenfenster, und tatsächlich, es kamen Elche zum Apfelbaum, aber es waren drei.

Wieder hatte keiner gewonnen, obwohl der eine Bruder behauptete, unter den Elchen wären die beiden von gestern gewesen und darum hätte er gewonnen. Das aber akzeptierten der andere nicht.

Um sicher zu gehen, dass die nächste Wette klappt, wetteten sie jetzt, wer die nächste Wette gewinnt. Aber was für eine Wette? Während sie noch diskutierten, begann es zu regnen. Da hatte der ältere Bruder eine Idee: Einen Blecheimer unter das Abflussrohr der Daches stellen und wetten, wie viel Wasser nach einer Stunde darin wäre. Und das taten sie dann auch.

Bis sie entdeckten, dass der Eimer ein Loch hatte.

Und wenn sie nicht gestorben sind, wetten sie heute noch.

 

 

 

 

Der Mann und sein Schatten

 

Sie sollten seinen Schatten wie seinen Bruder behandelten, das verlangte er. Sie sollten ihn respektvoll grüßen und ihn nicht mit den Schatten von Gegenständen belasten. Trat ein Mensch auf seinen Schatten, forderte er ihn auf, dies zu unterlassen, er spüre nämlich am eigenen Leibe, wie sein Schatten leide.

Natürlich wollte man ihn von seinem Tick heilen. Vor allem sein Freund gab sich Mühe.

So sagte er eines Nachts im Schein der Tischlampe: „Pass mal auf. Wenn ich jetzt die Lampe ausmache, verschwindet dein Schatten. Er gehört der Lampe, nicht dir!“

Sekundenlang war es still im Dunkeln, dann sagte der Schattenfreund und man konnte hören, wie erheitert er war: „Sieh mal, was du erreicht hast! Mein Schatten ist ins Maßlose gewachsen! Und er hat uns beide verschluckt!“

Worauf sein Freund den Kontakt zu ihm abbrach.

Zwar hatte er seinen Freund verloren, aber das machte nichts, er fand viele neue Freunde in den Schatten der anderen Menschen. Er sprach mit ihnen. Aber die Menschen eilten weiter und er bedauerte ihre Schatten wegen der schlechten Behandlung.

Durch eine Erbschaft wurde er reich. Er begann das Geld dazu verwenden, die Menschen zu bezahlen, wenn sie ihre Schatten liebevoll behandelten. Dann würden sie spüren, dass ihre Schatten lebten, und sie würden entdecken, dass sie nicht mehr einsam seien.

Die Leute nahmen sein Geld und immer, wenn sie ihm begegneten, verbeugten sie sich vor seinem Schatten. Er glaubte schon, sein Ziel erreicht zu haben, bis er begriff, sie behandelten nur seinen Schatten respektvoll, ihren eigenen Schatten hingegen würdigten sie keines Blickes, ja, sie schienen ihn sogar zu verachten.

Er verteilte kein Geld mehr. Von den Menschen enttäuscht, zog er sich zurück.

Aber da war ein Mädchen, das ihn schon längere Zeit liebte. Es gelang ihr, ihn auf sich aufmerksam zu machen, indem sie sich so ins Licht stellte, dass der Schatten vor ihr lag. Durch behutsame Bewegungen zeigte sie, wie vorsichtig, ja liebevoll sie mit ihrem Schatten umging.

Darauf näherte er sich ihr und umarmte sie. Und er sah: Auch ihrer beider Schatten umarmten sich. Von diesem Moment an verließ er das Mädchen nicht mehr, denn er wusste, sein Schatten hatte seine Liebste gefunden. Sie heirateten und bekamen Kinder. Beglückt und staunend sah er, wie auch ihre Schatten zur selben Zeit Kinder bekommen hatten.

Ja, dachte er, so vermehren sich Menschen und Schatten. Spöttisch befragt, ob sich die Schatten vermehren, weil sich die Menschen vermehren oder sich die Menschen vermehren, weil sich die Schatten vermehren, antwortete er: Das sei eine akademische Frage, er hätte Wichtigeres zu tun.

Er müsse sich jetzt um zwei Familien kümmern, um seine eigene und um die seines Schattens.

 

 

 

Das Horoskop

 

Seit gut sieben Monaten  lebe ich mit meiner Frau in Spanien, weit weg vom grauen, feuchten Norddeutschland, und genieße meine Rente.

Ja, ich kann sagen, ich hatte Glück in meinem Leben, aber, wie man so sagt, ich war auch meines eigenen Glückes Schmied.

Ich war Angestellter in einem Zeitungsverlag, den Namen der Zeitung will ich nicht nennen. Ich arbeitete in der Werbeabteilung, nicht ohne Erfolg, möchte ich bescheiden sagen. Mit meinen Werbeaktionen konnten wir stets neue Abonnenten gewinnen.

Es war im dritten Jahr meiner Tätigkeit, ich erinnere mich genau, es war am 2. Mai, nachmittags. Gerade hatte ich das Bürofenster geöffnet, um frische Luft hereinzulassen, und der Himmel war wie blankgeputzt, auf dem Fluss nicht weit von unserem Verlagshaus lag ein Glitzern, die Sonnenstrahlen schlitterten  darüber, wobei silberne Funken aufstieben, so schien es mir.

Da ging die Tür auf, mein Chef – Halbglatze mit vollem, welligem Haar an den Seiten, das über die Ohren fiel, und mit  Augen, die immer feucht waren. Diesmal wohl passend, denn nach seinem Gesichtsausdruck zu urteilen, gab es in seiner Familie einen Trauerfall.

Und da sagte er auch schon mit tragischer Stimme: „Er lebt nicht mehr...“

Ich erinnerte mich, dass kürzlich eine Kollegin zu Arbeitsbeginn heftig weinend ins Büro kam, und ich sie sofort tröstend in die Arme nahm in der Überzeugung, dass ihre Mutter gestorben war. Es stellte sich aber heraus, dass ihr Hund überfahren worden war, und so war ich diesmal vorsichtig, ich schwieg und wartete ab.

Und tatsächlich, niemand aus der Familie war  hingeschieden, sondern der Astrologe, der uns das Tageshoroskop für die Zeitung lieferte. Er war bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen.

„Was machen wir jetzt?“ jammerte mein Chef, sein linkes Augenlid flatterte. „Da bricht morgen die Hölle los, wenn kein Horoskop in der Zeitung steht.“

Ich musste ihm zustimmen. Nicht weil ich zu den Horoskopgläubigen gehöre, sondern meine Frau. Da werde ich vielleicht was zu hören bekommen, dachte ich, wenn sie morgen nicht ihr Horoskop lesen kann! Und als nächstes: Konnte der Mann denn nicht voraussehen, was ihm passiert, und uns rechtzeitig Bescheid geben?

Und da - es entfuhr mir sozusagen - sagte ich spontan, ich würde das Horos-kop schreiben.

„Um Himmels willen..“ Entsetzt sah mich mein Chef an. „Wie soll das ge-hen?“

„Ganz einfach.. Ich seh mir die letzten Horoskope an und bastel daraus ein aktuelles.“

Der Gedanke behagte ihm gar nicht, das sah ich ihm an, aber die Redaktion hatte schon nach dem Horoskop gefragt, also gab mir widerstrebend grünes Licht, was blieb ihm auch anderes übrig.

Und da fiel mir was ein. Für meine Frau gibt es nichts Wichtigeres, als am Morgen sofort ihr Tageshoroskop in unserer Zeitung zu lesen. Und so schrieb ich in ihr Tageshoroskop, eine Überraschung sei zu erwarten und man solle die Überraschung mit Großzügigkeit beantworten.

Als ich am Abend meiner Frau einen Strauß roter Rosen mitbrachte, strahlte ihr Gesicht auf, sie umarmte sie mich und sagte: „Jetzt darfst du dir was wünschen.“

Nicht zu glauben! Es hatte funktioniert.

Ohne lange zu überlegen, sagte ich: „Ich hätte gern einen frisch gebackenen Käsekuchen.“ Am folgenden Abend fand ich meinen Lieblingskuchen warm und duftend auf dem Tisch, und – ich muss es gestehen – ich ärgerte mich ein wenig, dass ich mir nicht etwas Bedeutenderes gewünscht habe. Zum Bei-spiel einen größeren Fernseher, den wünschte ich mir schon lange.

Aber was einmal klappt, klappt vielleicht auch ein zweites Mal.  Also kurz und gut, ein paar Tage später schrieb ich in ihrem Horoskop, in ihrer Um-gebung sei ein heimlicher Verehrer und es könnte sein, dass er sich bemer-kbar macht.

Am nächsten Morgen, kurz nachdem sie das Horoskop gelesen hatte, muss der Postbote einen anonymen Brief gebracht haben. Darin stand ein mit Schreib-maschine geschriebenes Liebesgedicht (ich fand es in einem Taschenbuch mit Lyrik der Romantik) und es endete: „Von einem heimlichen Verehrer“.

Ich muss schon sagen: selten habe ich meine Frau so gut gelaunt gesehen. Ich kam nach Nachhause und sie sang und tanzte durch die Küche, als hätte sie im Lotto gewonnen. Offen gestanden: Ich war ein wenig unangenehm berührt. 

„Was ist passiert?“ fragte ich, und sie antwortete: „Ich hab prächtig geschlafen, ich bin wie neu geboren.“

Als ich darauf andeutete, es würde auch meine Laune heben, wenn ich mir endlich einen größeren Fernseher kaufen dürfte, stimmte sie sofort zu.

Und wie das so ist, es wurmte mich, mir kein neues Auto gewünscht zu haben. Mit dem alten konnte ich weiß Gott keinen Eindruck mehr machen.

Ich überlegte mir gerade ein neues Horoskop für sie, da erschrak ich: Was, wenn mein Chef schon einen neuen Astrologen sucht? Zwar sparten wir jetzt das Honorar für den Astrologen, denn es war ein Teil unseres Werbeetats, aber ich kannte meinen Chef. Wenn er auch behauptete, nicht an Horoskope und solchen Humbug zu glauben, so hatte er doch vor Fachleuten einen großen Respekt und ein Astrologe war nun mal ein Fachmann, während ein Werbetexter…

Mehr brauchte er nicht zu sagen, aber ich war in meinem Stolz getroffen. Außerdem war ich sicher, dass er sehr wohl sein Horoskop las, zweimal erwischte ich ihn dabei, wenn er das auch mit einem spöttischen Lachen abtun wollte.

Als er einmal nicht in seinem Zimmer war, stibitzte ich sein Telefonbuch vom Schreibtisch. Am Nachmittag suchte er wie ein Irrer danach. Schließlich war er überzeugt, es verloren zu haben, er war verzweifelt, und ich bedauerte ihn kräftig.

Am nächsten Tag stand in seinem Horoskop (der Mann ist ein Löwe), er würde heute eine erfreuliche Entdeckung machen.

Und tatsächlich, als er sich nach der Mittagspause an seinen Schreibtisch setzte und die Schublade aufzog, um seine Pfeife herauszuholen, fiel sein Telefonbuch auf den Teppichboden. Es hatte zwischen Tischwand und Schublade geklemmt.

Er kam zu mir, klopfte mir bewundernd auf die Schulter und murmelte: „Sie haben da ein Talent, mein Lieber... Wer hätte das gedacht! Wissen Sie was?  Sie sind ab sofort für das Horoskop zuständig.“

Und dann ging es fast Schlag auf Schlag. Ich schrieb ins Horoskop meiner Frau, sie dürfe ein größeres Geschenk erwarten. Zwei Tage später schenkte ich ihr einen kostbaren Ring mit einem großen Saphir, weiß Gott, ich hatte mich das was kosten lassen. Als ich in ihren Freudenausbruch hinein sagte, ein neues metallicblaues Auto würde gut dazu stehen, stand dem Kauf nichts mehr im Wege.

Und so ging es weiter, Jahr für Jahr. Ich erreichte, was ich wollte. Ich musste nur wissen, unter welchem Tierkreiszeichen jemand geboren war und ob er ans Horoskop glaubte. Auf diese Weise erreichte ich sogar, dass der knickrige Hausbesitzer bei uns endlich das gewünschte Schallschutzfenster einbauen ließ. Sein Horoskop hatte ihn gewarnt: Wenn er nicht endlich eine gewisse Forderung erfülle, würde er Ärger bekommen – womöglich juristischen. Und, nebenbei bemerkt, über die Höhe meiner Gehaltserhöhungen bestimmte ich, nicht mein Chef.

Ja, ich kann wohl sagen: ich bekam in meinem Leben, was ich wollte.

Nachdem ich genug Erspartes hatte, beschloss ich, 6 Jahre früher in Rente zu gehen. Als ich das meinen Chef mitteilte – ihn gibt es tatsächlich noch, mittlerweile ist er fast ganz kahl und seine Augen sind so wässerig, dass er sie öfters mit einem Taschentuch wischt – schlug er mir vor, als freier Astrologe für die Zeitung tätig zu bleiben. Aber bitte: Was hätte ich davon, hier in Spanien? Wenn die Zeitung mit dem Horoskop erst nach drei Tagen ankommt?

Trotzdem lass ich mir die Zeitung nachschicken. Warum? Ganz einfach. Ich studiere das Horoskop, selbstverständlich aus rein kollegialem Interesse. Und wenn ich dann lese, der oder die unter diesem Sternenbild Geborene solle am Abend lieber zuhause bleiben, es könnte etwas passieren, frage ich mich: „Will der der Astrologe seine Geliebte besuchen? Oder will er verhindern, dass seine Frau ihren Geliebten besucht?“

Übrigens stand heute in meinem Horoskop, ich solle ein Geheimnis für mich behalten.

Na, das galt ja vor drei Tagen. Und außerdem, mich kann der Astrologe nicht gemeint haben, mich kennt er ja gar nicht.

 

 

 

 

Mein Geld arbeitet schlecht.

 

Vor ein paar Jahren hatte ich der Bank mein Geld gegeben, weil in der Anzeige stand: Lassen Sie Ihr Geld bei uns arbeiten.

Bei mir lag es ja nur rum und faulenzte. Also nichts wie hin zur Bank.

Und es arbeitete gut, wirklich. Am Anfang erhielt ich jedes Jahr fast 20 Euro. Aber zuletzt bekam ich nur 3,20 Euro. Was ist da los? Wieso arbeitet mein Geld so schlecht?

Sofort ging ich zur Bank und fragte, ob mein Geld überhaupt noch arbeiten würde. Das sähe doch sehr nach Nichtstun aus. Oder ist es krankgeschrieben?

Darauf sagte der Bankmensch: „Das Geld arbeitet wie immer. Nur die Umstände hätten sich geändert.“

Worauf ich sagte: „Na, dann tun Sie was! Schließlich hat der Arbeitgeber für gute Arbeitsbedingungen zu sorgen!“

Worauf der Bankmensch sagte: „Sie missverstehen was.“

„Wollen Sie damit andeuten, ich bin blöd?“ sagte ich und verlangte, sofort den Arbeitsplatz meines Geldes zu sehen. Wer weiß, unter welchen miserablen Umständen es arbeiten muss!

Worauf der Bankmensch zusammenzuckte und flüsterte, er müsse mal zu seinem Chef.

Und der kam auch gleich, übrigens eine Chefin. Sehr hübsch. Unter so was, dachte ich, sollte die Arbeit doch Spaß machen.

Sie ließ mir einen Kaffee bringen und einen Schokoladenkeks. Nur einen?

„Die Bank muss sparen“, lächelte sie.

Da fiel mir ein, warum ich gekommen war, und ich sagte: „Ich hoffe, Ihr Geld arbeitet besser als meins.“

Da lachte sie.

„Sie machen Witze!“ sagte sie.

„Wieso Witze?“ sagte ich. „Es stand doch in Ihrer Anzeige: Lassen Sie Ihr Geld bei uns arbeiten! Und im letzten Jahr, muss ich schon sagen, hat es bei Ihnen miserabel gearbeitet!“

Wieder lachte sie, und es hüpfte in ihrer weißen Bluse.

„Aber das war doch nur bildlich gemeint! Tatsächlich ist es doch so: Wir verleihen es an Menschen, die Geld brauchen, und die zahlen es zurück mit etwas mehr Geld, und das bekommen dann Sie. Mehr oder weniger …“, setzte sie  hinzu.

„Moment mal“, sagte ich, „muss ich das so verstehen, dass die, die mein Geld bekommen, mir was von ihrem eigenen Geld abgeben?“

„Ja“, hauchte sie. „Denken Sie bloß!“

„Aber die müssen doch für ihr Geld erst einmal arbeiten? Genau wie ich.“

„Ja!“ schluchzte sie. „Wie klar Sie das sehen!“ Ihr ganzes Gesicht strahlte vor Freude. 

„Dann ist es also so: die Leute arbeiten für mein Geld?“

Sie röchelte und ihre Schultern zuckten. So aufgeregt war sie, dass ich sie verstanden hatte.

Auf dem Nachhauseweg dachte ich: Na so was. Nicht das Geld, sondern Menschen arbeiten für mein Geld. Und überall lese ich, wie sehr die Menschen arbeiten, viele werden krank vor Überarbeitung... Burnout und so. Und trotzdem wird mein Geld weniger. Da stimmt doch was nicht!

Ich geh jetzt zur Bank und hol mein Geld zurück. Erstens, weil ich ja selbst schon mal für das Geld gearbeitet habe, warum sollen andere es noch mal tun? Zweitens, weil mein Geld trotzdem weniger wird und drittens, ich finde, die Menschen arbeiten schon mehr als genug.

 

 

 

Der Heilige ohne Fuß

 

Es gilt, die Kirche schön und attraktiv zu machen, damit Touristen ins Dorf kommen. Daher beschließt die Dorfgemeinschaft auf einer Versammlung den Heiligen der Dorfkirche zu reparieren. Es ist eine mittelalterliche Holzfigur des Hl. Christophorus. Ihr fehlt der rechte Fuß.

Da erhebt sich ein junges Mädchen und spricht: Ob man nicht lieber abstimmen solle, dass die Flüchtlinge aus Afghanistan im Dorf bleiben können? Deren Asylantrag sei abgelehnt worden.

Die Frage des Mädchens wird nicht angenommen, sie beträfe keine kirchlichen Belange.

Ob man das Geld für die Reparatur dann nicht den Flüchtlingen schenken könne?

Auch das gehöre nicht zur Sache, dafür sei das Sozialamt zuständig.

Also wird eine Spendenaktion zur Finanzierung der Reparatur beschlossen.

Christophorus im Himmel sieht das und ist nicht einverstanden. Auch er will das Geld den Asylanten zukommen lassen. Ausnahmsweise erlaubt ihm Gott, auf der Erde Gestalt anzunehmen – allerdings mit einem anderen Gesicht, doch ohne den rechten Fuß.

Und so geschieht es. Der Heilige humpelt auf einer Krücke zum Pfarrer, der ihn für einen Asylanten hält, und trägt ihm seinen Wunsch vor. Der Kirchenmann zeigt Verständnis, verweist aber auf das Sozialamt und dass die Asylanten ohnehin bald das Land verlassen müssen.

„Ja“, sagt Christophorus, „aber wenn die Gemeinde den Flüchtlingen das Geld für meinen Fuß spendet, dann werden Zeitungen und Fernsehen darüber berichten und der Druck auf die Behörde wird so stark, dass sie die Ausweisungsanordnung zurückziehen wird."

„Ihren Fuß?“ Der Pfarrer lächelt.

„Ich bin der Heilige“, sagt der Mann.

Der Pfarrer lächelt noch mehr.

„Bis auf den fehlenden Fuß haben sie überhaupt keine Ähnlichkeiten mit dem Heiligen. Ist Ihnen das bewusst?“

„Gewiss“, sagt Christophorus. „Aber ist nicht der fehlende Fuß das Entscheidende? Gesichter sind verschieden, aber Füße haben wir alle. Jeder Mensch hat Füße, auch Sie!“

„Was wollen Sie damit sagen?“ Mit halb geschlossenen Augen lauscht der Pfarrer seinen Worten nach. Dann blickt er den Mann müde an. „Ja, ich weiß. Wir Menschen sind alle gleich. Das ist es, nicht wahr? Aber wissen Sie, was meine Gemeinde denkt? Da ist ein dunkles Gesicht mit schwarzen Augen, und es gehört nicht zu uns, es gehört nach Afghanistan. Ich kann da nichts machen, entschuldigen Sie.“

„Nein, ich entschuldige das nicht“, sagt der Mann mit der Krücke und humpelt davon.

Schließlich ist das nötige Geld für die Restaurierung gesammelt und man lässt den Fuß von einem Restaurateur anbringen. Die fertige Arbeit soll mit der Enthüllung der Statue gefeiert werden.

Da erscheint der Heilige beim Pfarrer, diesmal ohne Krücke und er humpelt auch nicht. Der Pfarrer freut sich für ihn, dass er eine Prothese bekommen hat. Christophorus zieht Schuh und Socke aus. Es ist keine Prothese, sondern ein richtiger Fuß. Mit den Worten, dass man ihn ab jetzt nicht mehr sehen würde, geht er davon. Der Pfarrer sieht ihm nach und hält alles für einen gelungenen Scherz.

Um 11 Uhr beginnt die Enthüllung. Als das Tuch fällt, ist das Podest leer: die Statue ist verschwunden.

Alles spricht von einem Diebstahl. Der Vorstand des Touristenvereins ist empört. Womöglich hat ein Asylant den Heiligen gestohlen, um die Gemeinde vor aller Welt lächerlich zu machen. Man wird die Statue bestimmt im Heim der Flüchtlinge finden! Sofort machen sich alle auf den Weg dahin.

Der Pfarrer bleibt zurück, er fällt auf die Knie und bereut. Als er aufblickt, ist die Statue wieder da, aber ohne Fuß.

In der Sakristei sieht er, dass die Zeit auf den Tag der Versammlung zurückgedreht ist, sie findet gerade statt. Er beeilt sich und kommt in dem Augenblick in den Gemeindesaal, als das Mädchen vorschlägt, das Geld den Asylanten zur Verfügung zu stellen. Er drängt sich nach vorn und unterstützt mit eindringlichen Worten den Vorschlag. Man stimmt ab und als die Stimmen gezählt sind, zeigt es sich, dass der Vorschlag angenommen wurde.

Die Statue blieb unrepariert. Aber weil die Abstimmung durch die Medien ging, kommen jetzt Menschen aus aller Welt, um den „Heiligen ohne Fuß“ zu besichtigen. Und die Behörde gab den Asylanten eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis. Darauf berichteten die Medien vom „Wunder des Heiligen ohne Fuß“.

 

 

 

Aus der Zeit der schwedischen Prohibition

 

Wegen seiner Moore, Fichtenwälder und einsamen Seen heißt in Schweden ein Teil Smålands das „dunkle Småland“. Als wollten die dortigen Bewohner den Rest der Schweden wegen ihrer Furcht verspotten, verstärken sie den Eindruck mit dem Erzählen von Geschichten, bei denen der Tod eine Rolle spielt, of in Verbindung mit Alkohol, was mich vermuten lässt, dass es sich durchweg um Geschichten mit einer Moral handelt. Berühmt ist die Geschichte der beiden Betrunken, die auf dem See angelten. Einer stürzte aus dem Ruderboot und versank, der andere ruderte zurück und alarmierte die Polizei. Als die fragte, wo der Mann ins Wasser gestürzt sei, zeigte der Betrunkene auf eine Kerbe am Bootsrand und sagte: „Genau hier, da hab ich ein Zeichen gemacht.“

Aber lassen wir doch einmal zwei Bauern aus dem „dunklen Småland“ eine Geschichte erzählen. Sie soll sich abgespielt haben zur Zeit der „schwedischen Prohibition“. Damals erhielt nur der moralisch einwandfreie Erwachsene vom staatlichen Schnapsladen eine monatliche Branntweinration.

Beide Bauern unterhielten sich auf einer Bank vor dem Konsum.

„Jaha.. Der Alkohol ist ein wahrhaftiges  Teufelszeug. Was der so anstellt, nicht zu fassen. Ich hab da eine Geschichte gehört… Willst du sie hören?“

Ja, man wollte. Und so legte er los im Tonfall des schwedischen Singsangs: „Also gut. Da hat sich einer aufgehängt, im Wald vom Karlsson.“

„Wart mal. Welchen Karlsson meinst du?“ unterbrach ihn der andere.

„Weiß ich nicht. Ich nenn ihn mal so.“

„Jaso...“

„Und weil Karlsson das nicht melden konnten, er hatte nämlich dort seine Schwarzbrennerei, hat er den Toten woanders hingehängt. In den Wald von Johansson..“

„Welchem Johansson?“

„Weiß ich nicht... Ich nenn ihn mal so.“

„Jaso...“

„Aber Johansson, wie er den Erhängten da baumeln sah, holte ihn sofort runter, er hatte nämlich auch ne Schwarzbrennerei. Er hängte die Leiche an einen Baum im Wald von Persson.“

„Welchen Persson?“

„Weiß ich doch nicht. Ich nenn ihn mal so.“

„Jaso..“

 „Aber der hatte auch ne Schwarzbrennerei. Und weil nebenan der Wald vom Karlsson war.. Erinnerst du dich? Das war der erste, ich nenn ihn mal so. Also, als Persson die Leiche in Karlssons Wald schleppte, erwischte der ihn und es gab ne Schlägerei. Danach setzten sie sich hin und überlegten, wie’s weitergehen sollte. Und da begruben sie die Leiche auf der Grund-stücksgrenze, zur Hälfte auf Karlssons Grundstück und zur Hälfte auf Perssons Grundstück. Am nächsten Tag steht in der Zeitung, dass eine Frau ihren Mann sucht und wer ihn findet, kriegt eine Belohnung von 10.000 Kronen.“

„10.000! Verflucht viel Geld.“

„Jaha, du. Also treffen sich Karlsson und Persson beim Grab und prügeln sich.“

„Warum?“

„Jeder will die Leiche für sich. Geteilt wird nicht.“

„Jaso.“

„Und wie sie sich prügeln, kommt Johansson, buddelt die Leiche aus und bringt sie zur Polizei, der Tote sah natürlich nicht mehr gut aus, aber es war der Mann, und Johansson bekam das ganze Geld und baute sich dafür ne neue Schnapsbrennerei, weil ihm die alte grad vor einem Tag abgebrannt war.“

„Nehej, du.. Das glaub ich nicht. Das kann nur in Dalarna gewesen sein. Für 10.000 Kronen kauft sich ein Småländer nen Wald.“

„Jaha.. Ich glaub, du hast Recht. Das war in Dalarna.“

Die Geschichte fand  Eingang in die Predigt eines Pastors, der seit dem Eintritt Schwedens in die EU das Land vom Alkohol bedroht sah. Er erzählte diese Geschichte etwas anders, als warnendes Beispiel sozusagen: Danach kehrt die Leiche immer wieder zu Karlssons Baum zurück, so oft er sie abhängt und in einen anderen Wald bringt. Er sieht sich vom Teufel verfolgt, zündet seine Schnapsbrennerei an, dabei verbrennt sein Wald und mit ihm die Leiche. Karlsson rettet sich grade noch, kann aber seitdem keinen Schnaps mehr trinken, ohne dass sein Haar zu brennen beginnt.

 

 

 

 

Die Tänzerin

 

Ein Märztag, frühmorgens um halb acht. Am Grab seiner Frau hatte er die grüne Plastikvase mit seinen roten Tulpen in die Erde gesteckt. Heute, vor fünf Jahren, war sie gestorben. Ihm schien, als müsste er noch etwas mehr tun als sonst. Vielleicht mit ihr plaudern wie damals kurz nach ihrem Tod? Aber heute? Zu komisch.

Am Abend zuvor hatte er im Fernsehen einen Bericht über die Entstehung des Universums gesehen. Danach besteht alles aus Atomen, vom Sandkorn bis zu den Gestirnen, und als er jetzt am Grab seiner Frau stand, musste er wieder daran denken. Ihr Körper war ja schon gar nicht mehr da. Zersetzt war, löste sich auf sich auf in seine Bestandteile bis zu den Molekülen und Atomen.

Und was sind Atome? Punkte, bloß Punkte, und was er hier um sich herum sah, waren geformte Ansammlungen von Punkten, sie haben sich gefunden und sie verstreuen sich wieder. Das Dasein - ein Kommen und Gehen von Punkten. In einem dunklen Raum aus Nichts. Ja. Sieh dich um: der Himmel, die Kiefern, die Grabsteine, dort die beiden um den Baumstamm kratzenden Eichhörnchen ja, und du selbst, dein kompletter Körper: nichts als Punkte. Wer das erfunden hat, muss ein Pointillist sein.

Er fühlte das Kommen einer Depression. „Auch das“, so versuchte er sich spöttelnd dagegen zu wehren, „bloß Punkte, geformt zu einem schwarzen Loch.“

Und in diesem Moment hörte er Musik.an  Schräg gegenüber, etwa dreißig Schritte entfernt, stand eine Frau vor einem frischen Grab, sie hatte den Mantel ausgezogen und über die Einkaufstasche am Boden gelegt. Daneben stand ein Kofferradio, daraus ertönten Diskoklänge, und sie, im einem hellgelben kurzärmeligen Sommerkleid, tanzte dazu. Sie tanzte selbstvergessent wie in Trance, nein, es war weit mehr: sie schien ihren Körper zu genießen. Ein wunderbarere Körper, dachte er. Hingerissen blickte er zu. Sie war höchstens 40. Ihr halblanges, dunkles Haar flog rechts und links über die Schultern. Warum tat sie das? Tanzte sie für ihren Mann, der dort begraben lag? Das musste wohl so sein. Wieso hätte sie sonst das dünne Sommerkleid an diesem kühlen Märzmorgen angezogen? Wahrscheinlich war es das Kleid, das er so gern gemocht hatte.

Abrupt hörte sie zu tanzen auf. Sie schaltete das Radio aus, zog den Mantel an, verstaute das Radio in die Tasche, klemmte sie unter den rechten Arm und ging davon.

Verblüfft sah er ihr nach. Tanzen! Am Grab tanzen. Das war ja geradezu was Voodoohaftes. Und während er das dachte, hatte er sich bewegt, eine kleine Bewegung aus dem Stehen heraus, es war ein leichter Hüftschwung nach links. Er spürte in der Hüfte einen Sog, dem sein Fuß folgen musste, er zögerte, dann trat er auf die Erde wie einer, der erst einmal ihre Haltbarkeit ausprobierte, doch schon plumpste der Körper nach, und jetzt, nachdem er fest stand, spürte er eine Kraft kommen, die seinen Körper ausfüllte. Er drehte sich nach rechts, hob die Arme nicht so hoch wie die Frau, nur bis in Schulterhöhe. Und dann tanzte er, sich nach links und rechts drehend, dabei gesenkten Kopfes mit dem Oberkörper wippend, als wollte er wie eine Katze etwas mit dem Kopf anstoßen.

„Und du hast immer gesagt, ich könnte es nicht“, dachte er.

Er hörte ein metallisches Klappern, der Friedhofsgärtner näherte sich mit seiner Schubkarre, beladen mit Gartenwerkzeug. Sofort brach er die Tanzerei ab, atmete tief durch und beugte sich über das Grab, um die Tulpen zu ordnen und die Plastikvase noch einmal kräftig in die Erde zu drücken. Nachdem der Gärtner hinter seinem Rücken vorbeigezogen war, richtete er sich auf und verließ den Friedhof.

Als er im Auto saß, brach er in Gelächter aus, bis er merkte, dass er schluchzte.