Die letzten Tage des Kommissars        Erzählungen  von Dieter Lenz

140 S. Softcover, 18 x 11,5 cm, 9,50 €

Ein gerade pensionierter Kommissar gerät in das teuflische Spiel eines Genetikers...

Ein Dorf schrumpft, weil ein Wissenschaftler in ein göttliches Computerspiel gerät.

Ein Mann erkämpft sich die Herrschaft über das Universum…

Eine Birke treibt einen Dramaturgen in den Wahnsinn…

Ein Mann findet aus der virtuellen Welt durch Körperkontakt (Sex)  zurück in die Wirklichkeit ...

 

Zu bestellen im Onlineshop. Auch als eBook lieferbar

 

Dieter Lenz

Kurzgeschichten

                                  

                                   Stille in der Nacht

Diese schrecklichen langgezogenen Schreie am ersten Abend, als er am offenen Fenster stand, dazu weitere ähnliche, nicht ganz so laute Schreie... Ein Rudel Wölfe? Nein, sagte ihm ein Bauer am nächsten Tag, die Schreie hätte eine kalbende Kuh ausgestoßen  und andere Kühe hätten geantwortet.
Aber heute Nacht hörte er gar nichts. Die Stille war mittlerweile schlimmer als die Schreie der letzten Nacht. Die Stille schien die Luft im Zimmer einzusaugen, das Atmen fiel ihm schwer. Er öffnete das Fenster und beugte sich hinaus, obwohl er wusste, dass dies ein Fehler war, denn je mehr er sich anstrengte, um etwas zu hören, umso deutlicher wurde die Stille. Nicht mal die Bäume rauschten. Einmal knackte es, das war das Haus, dessen Holz sich in der Nachtkühle dehnte. Er setzte sich wieder aufs Sofa.
Und dann, direkt hinter ihm, ein leise, schnelles Ticken. Eine Uhr! Wie kommt eine tickende Uhr hierher... Hatte jemand seine Armbanduhr verloren - er besaß ja keine - und lag sie zwischen Wand und Sofa? Und sie ging! Das Haus hatte er vor ein paar Wochen gemietet.  Er zog das Sofa nach vorn, nichts, der Linoleumboden war leer. Im Sofa vielleicht? Er griff in die Spalten. Nichts. Er lauschte. Kein Ticken mehr. Er schob das Sofa zurück, setzte sich wieder. Stille. Und plötzlich erneut das zarte Ticken, und dann erinnerte er sich an die Sommerferien in einer Hütte am Waldrand: Eine Grille. Eine Grille zirpte in der Hauswand.
Das beruhigte ihn, er hatte Gesellschaft von einem Wesen, das ebenso ruhelos war wie er. 

 

 

Der Hund, der Nofretete war

 

Ein Hund ist mir zugelaufen, und der ist merkwürdig. Ich lese einen Artikel über Nofretete und immer wenn ich den Namen lese, bellt der Hund. Das nutze ich aus - ich rufe: "Nofretete!", und, tatsächlich, er kommt zu mir.
Wir gehen zur Ausstellung mit der Nofretete-Büste, er setzt sich davor und weint. Das sagen die Leute, aber er kneift nur das linke Auge zu, da ist nämlich die Nofretete blind.
Sie schicken mich hinaus, es ist gegen die Museumsordnung, einen Hund mitzubringen. Es hat sicher keinen Sinn, wenn ich ihnen sagte, dass mich der Hund mitgenommen hat.
Zu Hause seh ich ihn mir genauer an. Ja, das Gesicht ist spitz, aber sonst wenig Ähnlichkeit. Wahrscheinlich eine Seelenwanderung.
„Also, du bist Nofretete“, sage ich. „Und ich muss dich wie eine Königin behandeln?“
Er bellt zustimmend und ab sofort wird er königlich verwöhnt. Nur noch teures Hundefutter, kraulekraule und so weiter. Geradezu alles darf er. Liegt auf meinem Bett und schnarcht.
Bis ich ihn reden höre, mit einem anderen Hund. Der versteht ihn nicht. Na klar, er spricht ja auf einmal in meiner Sprache.
Ich schnappe ihn mir: „So, wie ein Mensch reden kannst du also auch.“
„Ja“, sagt er.
„Und hast mich reingelegt. Wer bist du nun wirklich?“
„Albert Einstein.“
Gestern war ich im Haus vom Einstein, das ist jetzt ein Museum, und tatsächlich ging er mir voraus, obwohl er nicht eintreten durfte, aber er schmuggelte sich zwischen den Beinen der Leute durch.
Und dann kamen wir an eine Wand, da war ein Foto, auf dem streckt der alte Einstein die Zunge heraus.
Und was tat mein Hund? Er setzte sich davor und tat dasselbe.
Was mach ich mit einem Hund, der Einstein ist? Nofretete wär mir lieber gewesen.
Ich mach jetzt einen Abendkurs in Mathematik. Er besteht darauf. Sonst, sagte er, wird er mich vor allen Leuten „Dummkopf“ nennen.

 

 

                                         

                                     Die Erkenntnis

Es war mal wieder so ein Tag. Er grübelte und kam zu keinem Ende. Und so ging er zu seinem Meister und fragte: „Warum haben wir das Paradies verlassen?“
Und der Meister sah ihn an, schwieg eine Weile und sagte dann: „Wir haben es nicht verlassen.“
Schon oft hatte der Meister seinen Schüler mit einem Witz erhellt, und so wollte er auch diesmal in ein verständnisvolles Gelächter ausbrechen, aber der Meister fuhr fort:
„Es stimmt, der Mensch aß vom verbotenen Apfel, aber als er den ersten Biss schmeckte, wunderte er sich: Der Apfel schmeckte nicht anders als die gewöhnlichen Äpfel. Wieso sollte an diesem etwas Besonderes sein? Und das war der Augenblick, mit dem das Paradies für ihn zu Verschwinden begann. Er hatte eine Frage gestellt! Und die nächste war auch schon da: Warum habe ich überhaupt den verbotenen Apfel haben wollen? Und so reihte sich eine Frage an die andere, der Mensch begann die Antworten zu suchen, dabei untersuchte er alles, was um ihn herum war, er sah unter die Steine, er zerschnitt das Blatt vom Baum, er löste die Dinge in ihre Bestandteile auf und formte neues daraus. Und das alles geschieht im Paradies, er weiß es bloß nicht, denn sein Fragen hat bis heute kein Ende gefunden.“
Darauf schwieg der Meister und als der Schüler genau hinsah, sah er, wie der Meister schlief. Und während er davon ging, dachte er: „Er ist eingepennt. Warum nicht auch ich?“ Und schon kam die nächste Frage, darauf die nächste und so weiter. Der Schüler versank ins Grübeln, rannte gegen einen Baum und schon fragte er sich, was das wohl zu bedeuten hätte.

Der Meister, der sich nur schlafend gestellt hatte, hatte das gesehen. "Der Kerl kapiert doch nie..", seufzte er, schloss die Augen und schlief jetzt wirklich ein

 

                               

                                Der Glücksbringer

Mühsam hatte der deutsche Tourist im Wörterbuch nach den Wörtern gesucht, mit denen er sein Anliegen höflich auszudrücken hoffte, und jetzt stand er vor dem Bauern mit dem Zettel in der Hand und las die schwedischen Wörter ab: „Hufeisen. Kaufen.“
Der Bauer saßam Waldrand auf einem Findling, Kettensäge und Schutzhelm zu den Füßen und machte Kaffeepause. Er hatte so blondes Haar, dass man weder Brauen noch Wimpern sehen konnte. Während er an seinem Brot kaute, betrachtete er aufmerksam den Deutschen: von den Turnschuhen über die Shorts bis zu dem gelben T-Shirt, dann fragte er auf Englisch: Wozu? Ob er ein Pferd zuhause hätte?
„No, Sir“, sagte der Tourist verwirrt vom plötzlichen Englisch. Und antwortete, erleichtert auch auf Englisch, dass in Deutschland das Hufeisen ein Glücksbringer sei und er würde gern eines oder zwei davon für Freunde nach Deutschland mitnehmen.
Schweigend wickelte der Bauer den Stullenrest ins Papier, dann sagte er: „Komm morgen früh auf meinen Hof da drüben.“ Rutschte vom Findling, setzte den Helm auf, griff zur Kettensäge und ging wieder zum Bäumefällen..
Als der Deutsche am nächsten Morgen beim Bauern aufkreuzte, lagen drei rostige Hufeisen auf dem Küchentisch. Er kaufte alle drei für 150 Kronen.
Zwei Tage später stellte der Bauer an den Hofeingang ein Schild, darauf stand in deutscher Sprache: „Echte Glücksbringer! Hufeisen zu verkaufen!“ Das Schild hatte er vom Dorfkünstler, einem deutsche Einwanderer, malen lassen..
Das Schild wäre gar nicht nötig gewesen, denn der Verkauf muss sich unter den Touristen herumgesprochen haben. Innerhalb weniger Tage hatte der Bauer sämtliche Hufeisen aus seinem früheren Pferdestall verkauft, worauf er die Nachbarhöfe aufsuchte, um alte Hufeisen gegen ein kleines Entgelt einzusammeln. Es dürften über hundert gewesen sein, darunter auch einige, die wie neu glänzten, seltsamerweise wurden diese von den Touristen sogar besser bezahlt.
Im Winter baute er seine Scheune zu einer Fabrikationsstätte von gusseisernen Hufeisen um. Als er sich eine Website mit Online-Shop einrichtet und die Hufeisen mit dem Slogan „Qualitätshufeisen aus biologischem Landbau“ anbot, erhielt er Bestellungen aus der gesamten EU. Die Idee, die Hufeisen zusätzlich als vegan zu bezeichnen, musste er verwerfen: Schließlich hingen die Dinger ja einmal an Pferdehufen, so stand es jedenfalls auf dem Zertifikat, das jeder Lieferung beilag.

Bald beschäftigte er 14 Arbeiter. Über das Eingangsportal zu seinem Hof befestigte er sein Firmenzeichen, ein großes eisernes Hufeisen.
Eines Tages, als er den Torbogen durchschritt, löste sich das Hufeisen aus der Halterung und fiel ihm auf den Kopf.
Nach seiner Entlassung aus der Klinik saß er nur noch auf der Bank vor seinem alten Hof und lächelte vor sich hin. Zwar ging sein Unternehmen pleite, aber wer ihn so sitzen sah, musste sich ehrlicherweise gestehen: Er sah viel glücklicher aus als vorher.

 

 

Am Anfang war ein Elch.

 

Im Herbst besuchte mich ein Elch.

„Verzeihung. Darf ich eintreten?“

„Warum?“

„Draußen wird geschossen.“

„Ist es schon wieder so weit?“

Der Elch nickte, und ich ließ ihn herein. Er versuchte, auf Hufspitzen zu gehen. Beim letzten Mal hatte mich sein Poltern auf dem Dielenboden gestört.

„Ich sehe, Sie haben jetzt Flickenteppiche...“

Ich erwiderte, dass ich sie auch meinetwegen hätte, ich laufe gern in Socken durch die Hütte.

„Aja.. Socken, das wäre etwas Feines, auch für mich.“

Er blieb nicht lange, er hatte Hunger und ich konnte ihm nichts servieren, darum verließ er mich. Kurz darauf stand er wieder an der Tür.

„Entschuldige“, sagte er. „Kannst du mir nicht eine rote Mütze leihen? Es ist vielleicht besser, die Jäger halten mich nicht für einen Elch.“

Ich gab ihm meine rote Wollmütze, er bedankte sich und verschwand, die Mütze auf dem Kopf.

Ein paar Minuten später kam er wieder.

„Es hilft nichts“, sagte er, „sie erkennen mich immer noch. Darf ich bei dir mein Geweih liegen lassen? Nur für die Jagdzeit.“

Ich hatte nichts dagegen, und als er ging, trug er die rote Mütze und sonst nichts. Und ich trug das schwere Geweih in den Abstellraum. Eine Stunde später war er wieder da. Er sah verzweifelt aus.

„Sie erkennen mich nicht mehr!“ klagte er.

„Na, ist doch großartig!“ erwiderte ich.

„Überhaupt nicht.. Meine Frauen und meine Kinder! Sie sagen, ich bin es nicht. Ich muss mein Geweih wieder haben!“

Ich gab’s ihm. Er setzte es nicht auf, sondern machte es sich auf dem Sofa gemütlich.

„Ich kann im Moment nicht mehr raus, das siehst du doch. Da stehen sie! Die waren hinter mir her.“

Tatsächlich standen am Waldrand zwei Männer, die Gewehre unter dem Arm und starrten zu meiner Hütte herüber.

Ich ging hinaus und sagte: „Sie sind herzlich willkommen, aber bitte, legen Sie die Waffen vor meiner Grundstücksgrenze ab...“

Die beiden Männer, die sehr erschöpft waren von der Jagd, taten dies und folgten mir in die Hütte.

„Ihr Halunken“, brummte der Elch. „Zwei gegen einen, das ist unfair.“

„Überhaupt nicht“, sagte einer der Männer. „Du hast vier Beine, also müssen wir zu zweit sein, damit wir auch vier Beine haben."

Und der andere meinte: „Reg dich nicht auf, wir kommen in friedlicher Absicht.“

Und dann tranken wir Kaffee, aßen meinen Kuchen und plauderten. Das musste sich herumgesprochen haben, denn plötzlich kam ein junger Elch hereingestürmt und bat, bei mir bleiben zu dürfen. Der Jäger, der ihn verfolgte, hatte schon das Gewehr abgelegt und trat hinter ihm ein.

„Kaffee und Kuchen sind eine feine Sache, besonders, wenn es regnet.“

Ja, wirklich, es regnete und auf einmal kam ein Elch nach dem andern und mit ihnen die Jäger und alle saßen in meiner Hütte.

„So, meine Herren Jäger und Elche, ich muss Sie bitten, zu gehen, weil ich müde bin.“

Aber die Elche wollten nur gehen, wenn die Jäger ihnen versprachen, nicht mehr auf sie zu schießen. Dagegen hatten die Jäger was, denn ein Jäger muss nun einmal schießen, sonst ist er kein Jäger, sagte der älteste der Jäger.

„Aber wie geben euch einen Vorsprung! Und außerdem ist Nacht. Da jagen wir nicht.“

Die Elche misstrauten ihnen, sie blieben, auch die Jäger. Das sprach sich in der Nachbarschaft herum. Und am nächsten Tag kam das Fernsehen, ganz Schweden erfuhr davon und dann ging es um die Welt und da hatte ich genug.

Ich bin jetzt in Afrika, weit weg von Elchen und Jägern, ich sitze in einer Hütte und schreibe an einem Buch über Elche. Bis jetzt ging alles bestens.

Moment, da klopft es. Ach, es ist ein Elefant.

 

 

                                

                               Das Ende des Diktators

Nachdem er alle seine Gegner in Arbeitslager verbannt oder hatte hinrichten lassen, war der Diktator auf der Höhe seiner Macht.
Und doch fühlte er sich mehr denn je bedroht.
Abends standen Wachposten vor seiner Wohnung. Von Schlaflosigkeit gequält ging er auf und ab, bis er sich erschöpft auf das Bett setzte, den Kopf senkte und die Arme zwischen den Knie baumeln ließ. Nach einer Weile, als verlöre er die Herrschaft über seinen massigen Körper, neigte er sich zur Seite und schlief ein.
Eines Nachts, als er wieder einmal unruhig hin und her ging, geriet er vor den großen Wandspiegel im Flur, erschrocken blieb er stehen, da stand ein fremder Mann, er griff nach der Pistole und in dem Moment als er schoss, schoss auch der andere. Der Spiegel splitterte, die Wachposten stürmten herein.
Er stand verwirrt vor dem zerbrochenen Spiegel, die Pistole in der Hand.
Nachdem er sich beruhigt hatte, befahl er, die Spiegel in der Wohnung zu entfernen.
Eines Tages bekam er von einer Delegation einen glänzenden Samowar geschenkt. Als er ihn ergriff, sah er das verzerrte Gesicht des Mannes, auf den er nachts geschossen hatte, er schleuderte den Samowar von sich. Den Überbringer des Samowars ließ er verhaften.
Alles, was metallen glänzte, musste anschließend aus seiner Umgebung entfernt werden.
Wochen später -  es war nach Mitternacht -  ging er wieder hin und her.  Sein Körper schien ihm schwerer als sonst. Und es war zu viel Stille im Zimmer. Auch sie war eine Last, die er zu tragen hatte. Als ihm das Atmen schwer fiel, wollte er ein Fenster öffnen
Er schob den Brokatvorhang beiseite, eine dunkle Gestalt stand vor ihm. Mit der Hand, die den Fenstergriff fassen wollte, schlug er zu. Er sah noch die Faust des anderen auf sich zukommen, dann stürzte er zu Boden.
Nachdem am Morgen um 9.30 Uhr noch immer keine Bewegung in der Wohnung zu bemerken war, schaute sein persönlicher Adjutant durch einen Türspalt, er sah ihn vor dem Fenster auf dem Parkettboden liegen. Man beriet sich. Jeder wusste, der Diktator würde keinem verzeihen, ihn so liegen gesehen zu haben, darum blieb Hilfe aus.
Um die Mittagszeit verstummte das Stöhnen. Man befahl einem Militärarzt, nachzusehen. Nach einer kurzen Untersuchung bestätigte er den Tod des Diktators.
In der Presseverlautbarung hieß es: Gestorben durch Gehirnschlag.

 

 

 

Die Zeit

 

Es war in den Sommerferien, er war im See geschwommen, und obwohl auf seiner Armbanduhr „Waterproof“ stand, hatte sich unter dem Uhrglas eine Wasserblase gebildet.

Mit Mühe gelingt es ihm, das Glas abzuheben. Dabei fallen ihm die Zeiger heraus, glücklicherweise auf ein weißes Papierblatt. Er schiebt sie spielerisch mit dem Fingernagel nebeneinander und wie er sich wieder mit der Uhr beschäftigen will, sieht er aus den Augenwinkeln, wie sich die Uhrzeiger zu drehen,und, immer schneller werdend, auf dem Papier einen kleinen Wirbel erzeugen.. Am Fenster sieht er den Kastanienbaum wie im Zeitraffer sein Aussehen nach den Jahreszeiten wechseln, hastig drückt er den Daumen auf die Zeiger, sie stehen still, es ist wieder Sommer, in diesem Augenblick kommt seine Frau ins Zimmer mit einem 6jährigen Mädchen, ob er mit zum See geht.. Er blickt auf den Kalender an der Wand. Neun Jahre sind vergangen..

„Was machst du da? Reparierst du schon wieder die Uhr?“

Und sie nimmt die Zeiger und legte sie spielerisch zusammen, er will es verhindern. zu spät.. Wieder drehen sich die Zeiger, Jahreszeiten fliegen vorbei. Er greift in die Zeiger und hält sie fest,

Erneut ist es Sommer. Neben ihn steht eine junge Frau, seine Tochter, er staunt, sie wird heute 20 Jahre alt. Sie feiern den Geburtstag in der Hütte.

Und diesmal ist es die Tochter, die mit den Zeigern spielt, zu spät greift er nach ihrer Hand.

Wieder sausen Jahreszeiten vorbei, schnell tastet er nach den Zeigern, als er sie fest hält, ist es Sommer, Gelächter vor der Hütte und Musik, ein herrlicher Sommertag. Man feiert auf der Wiese an einem langen gedeckten Tisch seinen 50. Geburtstag.

Erschrocken wirft er die Zeiger auf den honigfarbenen Dielenboden.

Ein kleiner Junge, sein Enkel, findet sie und bevor der Mann es verhindern kann, hat der Junge die Zeiger zusammengelegt. Wieder dreht sich alles, der Mann tappt mit den Händen nach den Zeigern, endlich hat er sie..... Und es ist Sommer, seine Haare sind grau geworden, seine Gelenke steif... Wieso ist er allein in der Hütte?

Und warum hat er die Hand zur Faust geballt? Er öffnet sie und sieht die winzigen Uhrzeiger. Er denkt nach. Dann geht er auf die Veranda und wirft den kleinen Zeiger weg. Er fällt nicht weit, landet vor dem Geländer im Gras. Ein Vogel kommt, pickt ihn auf und fliegt davon..

Und er ist voller Dankbarkeit dem Vogel gegenüber.

Er überlegt, was er mit dem großen Zeiger machen soll, da reißt ihm ein Windzug den Zeiger aus der Hand, er sieht nicht einmal, wohin er fliegt.

Und er dankt dem Wind dafür.

Er geht hinaus auf die Wiese, sieht sich um, ist das nicht der Vogel von vorhin? Genau betrachtet er ihn, und als er einen Wind spürt, dreht er ihm sein Gesicht zu, er hört sogar ein kleines Pfeifen an der Ohrmuschel, er lächelt..

Und so geht er an diesem Tag umher, alles aufmerksam betrachtend, tief fühlend und nachdenklich.

Am Abend ist der Tag noch lange nicht zu Ende. Und als der Mond aufgeht, sieht er ihm zu und er weiß, dass er die richtige Zeit, die wahre Zeit gefunden hat. Die Lebenszeit.

 

 

                                    

                                 Modische Zeiten

Jeden Tag gibt es etwas Neues, es sind modische Zeiten. Gerade tragen die Leute Nasen aus Plastik, da kommt schon der nächste, der hat einen dritten Arm, einen  aus Plastik. Wie interessant und so originell – darauf läuft jeder mit einem dritten Arm herum. Und da kommt einer, der hüpft auf einem Bein, weil das andere Bein angewinkelt in einer Schlinge hängt, das ist so auffallend, dass es alle nachmachen. Schulen bilden sich, Übungsstudios, es gibt spezielle Hüpfkleidung, Hüpfschuhe und für die Bequemeren eine Auswahl individuell geformter Krücken.
Reichere könne sich sogar etwas Besonderes leisten: eine Krücke mit integriertem Klappstuhl.
Nur einer macht das alles nicht mit, er ist einfach zu faul dazu. Seine Familie schämt sich für ihn und sein Chef entlässt ihn: er stört die Gemeinschaft, ja, schlimmer, er boykottiert den Fortschritt, ohne den die Wirtschaft nicht existieren kann.
Ein Journalist schreibt über den Fall und jetzt wird es interessant. Der Sonderling wird zu Talkshows eingeladen, erst sind alle verwirrt, dann begeistert. Der Mann ist ja glücklich mit seiner Masche! Und so, mit seiner fleischigen Nase, keinem dritten Arm und dem Gehen auf zwei Beinen, das sieht doch ganz originell aus.
Und sogleich machen sie ihn nach. Das Natürlichsein kommt wieder in Mode.
Als der Sonderling merkt, dass er sich nicht mehr von den anderen unterscheidet, setzt er sich eine Augenklappe auf, aber schon machen sie ihm das nach. Überall laufen Einäugige herum. Darauf steckt er die Füße in Kartons und schlurft so durch die Straßen. Die Leute tun das gleiche. Ein Geschlurfe ist das! Fast schon lauter als der Verkehrslärm.
Er ist ihr Idol geworden. Und er denkt: Daraus kann man doch bequem ein Geschäft machen. Er stülpt sich eine Perücke über mit täglich wechselnder Farbe, das wird ein Schlager, er verkauft die Perücken massenweise, steinreich wird er.. Dann hat er es satt. Es war doch mehr Arbeit dabei, als er gdachte hat. Er will wieder so sein wie früher und ein faules Leben führen. Aber was tun? Die Leute verfolgen ihn geradezu mit ihrer Aufmerksamkeit. Also muss er verschwinden. Und das schafft er – plötzlich ist er weg, er hat sich versteckt, aber keiner findet ihn.
Die Leute sind sprachlos. Dann sagt erst einer und dann sagen es alle: Das ist ja das Neuste! Verschwinden! Toll! Aber wie hat er das gemacht?
Und die Wissenschaft erhält den Auftrag, ein Mittel zum Verschwinden zu finden.
Wie’s weitergeht? Keine Ahnung. Die Leute gibt es nicht mehr.

 

 

 

Der Unfall

 

Der Himmel war schon hellgrau, aber die Straßenlampen brannten noch. Er fuhr zur Arbeit. An der Dorfausfahrt würde er die aufgehende Sonne tief zwischen den Baumstämmen sehen, und darauf freute er sich.
Plötzlich gab es einen Bums am linken Kotflügel, er bremste, stieg aus. Sein Wagen war neu. Gab es einen Schaden? Nein. Aber irgend etwas musste das Auto berührt haben. Er sah zurück. Da lag etwas auf der Straße, dreißig Meter entfernt.
Er ging hin und sah, dass es eine Katze war Die Beine von sich gestreckt, sah es aus, als schliefe sie. Er staunte, wie schön sie war in ihrem goldfarbenem Fell. Er glaubte, sie sei nur bewusstlos, aber da entdeckte er Blut unter ihrem Kopf. Es floss noch, in kurzer Zeit lag der Kopf in einer Blutlache. Er tippte den Körper an, nein, da war kein Leben mehr. Er sah sich um. Er könnte einfach weiterfahren, aber dann würden andere Autos darüber fahren und er stellte sich vor, was mit dem Körper geschehen würde. Darum fasste er mit spitzen Fingern die Katze an den Pfoten, der Kopf baumelte, die klaffende Wunde am Hals wurde sichtbar, er legte die Katze am Vorgartenzaun des nächsten Hauses nieder. Beim Weiterfahren überlegte er, wieso das Tier tot war, am Auto gab es doch nichts Scharfes.
Diesmal hatte er keinen Blick für die Morgensonne.
Als er am Spätnachmittag über dieselbe Straße heimfuhr, erkannte er sofort den schwarzen Fleck auf der Straße, aber die tote Katze war verschwunden.
Zwei Tage später, bei seinen Jogging-Lauf, kam er an einem Baum vorbei, an dessen Stamm war eine Klarsichthülle geheftet mit einem Foto und einem Text. Er blieb stehen. Das Foto zeigte die getötete Katze, die er getötet hatte. Jemand bat um telefonischen Bescheid bei Sichtung der entlaufene Katze. Lange betrachtete er das Foto. Das Tier war wirklich ungewöhnlich schön.
Er rannte weiter, dann entdeckte er den gleichen Aushang an einem anderen Baum. Er brach seinen Lauf ab und kehrte nach Haus zurück.
Während er sich umzog, fragte er sich, ob er anrufen solle. Aber dann müsste er noch mal zurück, um sich die Telefonnummer zu notieren. Und was dann? Er konnte schon das entsetzte Schweigen am anderen Ende der Leitung hören. Dann dachte er, bestimmt würde der unbekannte Katzenbeseitiger den Aushang lesen und den Katzenbesitzer anrufen.
Aber der Aushang wurde in den nächsten Tagen nicht abgenommen, im Gegenteil. Fast an jedem dritten Baum hing das Bild der Katze.
Er wurde wütend. Wieso schweigt der, der die tote Katze gefunden hatte? Das muss der doch jeden Tag lesen! Merkt der denn nicht, wie sehr er den Katzenbesitzer hinhält? Wie der immer noch hofft? Dabei ist die Katze tot! Tot, tot, tot! Die kommt nie wieder!
Er änderte seine Joggingstrecke. Und die Strecke aus dem Dorf zu seiner Arbeit. Um den Fleck auf der Straße nicht zwei Mal am Tag zu sehen, nahm er einen Umweg. Das ärgerte ihn,  der Umweg kostete Zeit und Benzin, das empfand er wie eine ungerechte Bestrafung.
Endlich kam der Regen. Der würde den Fleck verwischen.
Trotzdem fuhr er nur noch den Umweg zur Arbeit und auch seine neue Joggingstrecke hielt er bei.

 

 

 

 Die Wettbrüder

 

Man nannte sie im Dorf  „Die Wettbrüder“, weil die beiden Brüder oft und gerne  miteinander wetteten.
Einmal wetteten sie um die Anzahl der Blätter des Apfelbaums vor ihrem Haus. Um herauszukriegen, wie viele es waren, wollten sie im Herbst die Blätter zählen. Sie warfen über den Baum eine Plane und banden sie am Stamm fest. Die abgefallenen Blätter würden sie zählen und so sehen, wer von ihnen mit seiner vorausgesagten Zahl am nächsten kam.
Ende August lagen eines Morgens Äpfel und Blätter verstreut auf der Erde. Sie hatten nicht mit den Äpfeln gerechnet. Die Plane war gerissen.
Sofort wetteten sie, wie viele Äpfel dort lagen. Der jüngere Bruder kam mit seiner geschätzten Zahl am nächsten, da verlangten der andere, auch die restlichen Äpfel in der Plane müssten gezählt werden. Sie nahmen die Plane ab, dabei purzelten weitere Äpfel vom Baum herunter. Sie beschlossen, alle Äpfel noch einmal zu zählen, aber auf eine präzisere und zugleich bequemere Art: Sie wollten sie einen nach dem anderen in einer Rinne herunter rollen lassen. Im Schuppen stöberten sie nach einer ausrangierten Dachrinne, fanden aber keine. Als sie wieder ins Freie traten, sahen sie, wie ein Elch sich an den Äpfeln gütlich tat.
Sie jagten das Tier weg und schlossen eine neue Wette ab: ob der Elch am nächsten Tag wiederkäme. Die Männer lauerten bei Tagesanbruch am Küchenfenster, und tatsächlich, es kam ein Elche zum Apfelbaum, aber hinter ihm kam ein zweiter und dann ein dritter.
Wieder hatte keiner gewonnen, obwohl der eine Bruder behauptete, unter den Elchen wären die beiden von gestern gewesen und darum hätte er gewonnen. Das aber akzeptierten der andere nicht.
Um sicher zu gehen, dass die nächste Wette klappt, wetteten sie jetzt, wer die nächste Wette gewinnt. Aber was für eine Wette? Während sie noch diskutierten, begann es zu regnen. Da hatte der ältere Bruder eine Idee: Einen Blecheimer unter das Abflussrohr der Daches stellen und wetten, wie viel Wasser nach einer Stunde darin wäre. Und das taten sie dann auch.
Bis sie entdeckten, dass der Eimer ein Loch hatte.
Und wenn sie nicht gestorben sind, dann wetten sie noch heute

 

 

Der Mann und sein Schatten

 

Sie sollten seinen Schatten wie seinen Bruder behandelten, das verlangte er. Sie sollten ihn respektvoll grüßen und ihn nicht mit den Schatten von Gegenständen belasten. Trat ein Mensch auf seinen Schatten, forderte er ihn auf, dies zu unterlassen, er spüre nämlich am eigenen Leibe, wie sein Schatten leide.

Natürlich wollte man ihn von seinem Tick heilen. Vor allem sein Freund gab sich Mühe.

So sagte er eines Nachts im Schein der Tischlampe: „Pass mal auf. Wenn ich jetzt die Lampe ausmache, verschwindet dein Schatten. Er gehört der Lampe, nicht dir!“

Sekundenlang war es still im Dunkeln, dann sagte der Schattenfreund und man konnte hören, wie erheitert er war: „Sieh mal, was du erreicht hast! Mein Schatten ist ins Maßlose gewachsen! Und er hat uns beide verschluckt!“

Worauf sein Freund den Kontakt zu ihm abbrach.

Zwar hatte er seinen Freund verloren, aber das machte nichts, er fand viele neue Freunde in den Schatten der anderen Menschen. Er sprach mit ihnen. Aber die Menschen eilten weiter und er bedauerte ihre Schatten wegen der schlechten Behandlung.

Durch eine Erbschaft wurde er reich. Er begann das Geld dazu verwenden, die Menschen zu bezahlen, wenn sie ihre Schatten liebevoll behandelten. Dann würden sie spüren, dass ihre Schatten lebten, und sie würden entdecken, dass sie nicht mehr einsam seien.

Die Leute nahmen sein Geld und immer, wenn sie ihm begegneten, verbeugten sie sich vor seinem Schatten. Er glaubte schon, sein Ziel erreicht zu haben, bis er begriff, sie behandelten nur seinen Schatten respektvoll, ihren eigenen Schatten hingegen würdigten sie keines Blickes, ja, sie schienen ihn sogar zu verachten.

Er verteilte kein Geld mehr. Von den Menschen enttäuscht, zog er sich zurück.

Aber da war ein Mädchen, das ihn schon längere Zeit liebte. Es gelang ihr, ihn auf sich aufmerksam zu machen, indem sie sich so ins Licht stellte, dass der Schatten vor ihr lag. Durch behutsame Bewegungen zeigte sie, wie vorsichtig, ja liebevoll sie mit ihrem Schatten umging.

Darauf näherte er sich ihr und umarmte sie. Und er sah: Auch ihrer beider Schatten umarmten sich. Von diesem Moment an verließ er das Mädchen nicht mehr, denn er wusste, sein Schatten hatte seine Liebste gefunden. Sie heirateten und bekamen Kinder. Beglückt und staunend sah er, wie auch ihre Schatten zur selben Zeit Kinder bekommen hatten.

Ja, dachte er, so vermehren sich Menschen und Schatten. Spöttisch befragt, ob sich die Schatten vermehren, weil sich die Menschen vermehren oder sich die Menschen vermehren, weil sich die Schatten vermehren, antwortete er: Das sei eine akademische Frage, er hätte Wichtigeres zu tun.

Er müsse sich jetzt um zwei Familien kümmern, um seine eigene und um die seines Schattens.

 

 

 

Der Heilige ohne Fuß

 

Es gilt, die Kirche schön und attraktiv zu machen, damit Touristen ins Dorf kommen. Daher beschließt die Dorfgemeinschaft auf einer Versammlung den Heiligen der Dorfkirche zu reparieren. Es ist eine mittelalterliche Holzfigur des Hl. Christophorus. Ihr fehlt der rechte Fuß.

Da erhebt sich ein junges Mädchen und spricht: Ob man nicht lieber abstimmen solle, dass die Flüchtlinge aus Afghanistan im Dorf bleiben können? Deren Asylantrag sei abgelehnt worden.

Die Frage des Mädchens wird nicht angenommen, sie beträfe keine kirchlichen Belange.

Ob man das Geld für die Reparatur dann nicht den Flüchtlingen schenken könne?

Auch das gehöre nicht zur Sache, dafür sei das Sozialamt zuständig.

Also wird eine Spendenaktion zur Finanzierung der Reparatur beschlossen.

Christophorus im Himmel sieht das und ist nicht einverstanden. Auch er will das Geld den Asylanten zukommen lassen. Ausnahmsweise erlaubt ihm Gott, auf der Erde Gestalt anzunehmen – allerdings mit einem anderen Gesicht, doch ohne den rechten Fuß.

Und so geschieht es. Der Heilige humpelt auf einer Krücke zum Pfarrer, der ihn für einen Asylanten hält, und trägt ihm seinen Wunsch vor. Der Kirchenmann zeigt Verständnis, verweist aber auf das Sozialamt und dass die Asylanten ohnehin bald das Land verlassen müssen.

„Ja“, sagt Christophorus, „aber wenn die Gemeinde den Flüchtlingen das Geld für meinen Fuß spendet, dann werden Zeitungen und Fernsehen darüber berichten und der Druck auf die Behörde wird so stark, dass sie die Ausweisungsanordnung zurückziehen wird."

„Ihren Fuß?“ Der Pfarrer lächelt.

„Ich bin der Heilige“, sagt der Mann.

Der Pfarrer lächelt noch mehr.

„Bis auf den fehlenden Fuß haben sie überhaupt keine Ähnlichkeiten mit dem Heiligen. Ist Ihnen das bewusst?“

„Gewiss“, sagt Christophorus. „Aber ist nicht der fehlende Fuß das Entscheidende? Gesichter sind verschieden, aber Füße haben wir alle. Jeder Mensch hat Füße, auch Sie!“

„Was wollen Sie damit sagen?“ Mit halb geschlossenen Augen lauscht der Pfarrer seinen Worten nach. Dann blickt er den Mann müde an. „Ja, ich weiß. Wir Menschen sind alle gleich. Das ist es, nicht wahr? Aber wissen Sie, was meine Gemeinde denkt? Da ist ein dunkles Gesicht mit schwarzen Augen, und es gehört nicht zu uns, es gehört nach Afghanistan. Ich kann da nichts machen, entschuldigen Sie.“

„Nein, ich entschuldige das nicht“, sagt der Mann mit der Krücke und humpelt davon.

Schließlich ist das nötige Geld für die Restaurierung gesammelt und man lässt den Fuß von einem Restaurateur anbringen. Die fertige Arbeit soll mit der Enthüllung der Statue gefeiert werden.

Da erscheint der Heilige beim Pfarrer, diesmal ohne Krücke und er humpelt auch nicht. Der Pfarrer freut sich für ihn, dass er eine Prothese bekommen hat. Christophorus zieht Schuh und Socke aus. Es ist keine Prothese, sondern ein richtiger Fuß. Mit den Worten, dass man ihn ab jetzt nicht mehr sehen würde, geht er davon. Der Pfarrer sieht ihm nach und hält alles für einen gelungenen Scherz.

Um 11 Uhr beginnt die Enthüllung. Als das Tuch fällt, ist das Podest leer: die Statue ist verschwunden.

Alles spricht von einem Diebstahl. Der Vorstand des Touristenvereins ist empört. Womöglich hat ein Asylant den Heiligen gestohlen, um die Gemeinde vor aller Welt lächerlich zu machen. Man wird die Statue bestimmt im Heim der Flüchtlinge finden! Sofort machen sich alle auf den Weg dahin.

Der Pfarrer bleibt zurück, er fällt auf die Knie und bereut. Als er aufblickt, ist die Statue wieder da, aber ohne Fuß.

In der Sakristei sieht er, dass die Zeit auf den Tag der Versammlung zurückgedreht ist, sie findet gerade statt. Er beeilt sich und kommt in dem Augenblick in den Gemeindesaal, als das Mädchen vorschlägt, das Geld den Asylanten zur Verfügung zu stellen. Er drängt sich nach vorn und unterstützt mit eindringlichen Worten den Vorschlag. Man stimmt ab und als die Stimmen gezählt sind, zeigt es sich, dass der Vorschlag angenommen wurde.

Die Statue blieb unrepariert. Aber weil die Abstimmung durch die Medien ging, kommen jetzt Menschen aus aller Welt, um den „Heiligen ohne Fuß“ zu besichtigen. Und die Behörde gab den Asylanten eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis. Darauf berichteten die Medien vom „Wunder des Heiligen ohne Fuß“.

 

 

 

Die Tänzerin

 

Ein Märztag, frühmorgens um halb acht. Am Grab seiner Frau hatte er die grüne Plastikvase mit seinen roten Tulpen in die Erde gesteckt. Heute, vor fünf Jahren, war sie gestorben. Ihm schien, als müsste er noch etwas mehr tun als sonst. Vielleicht mit ihr plaudern wie damals kurz nach ihrem Tod? Aber heute? Zu komisch.

Am Abend zuvor hatte er im Fernsehen einen Bericht über die Entstehung des Universums gesehen. Danach besteht alles aus Atomen, vom Sandkorn bis zu den Gestirnen, und als er jetzt am Grab seiner Frau stand, musste er wieder daran denken. Ihr Körper war ja schon gar nicht mehr da. Zersetzt war, löste sich auf sich auf in seine Bestandteile bis zu den Molekülen und Atomen.

Und was sind Atome? Punkte, bloß Punkte, und was er hier um sich herum sah, waren geformte Ansammlungen von Punkten, sie haben sich gefunden und sie verstreuen sich wieder. Das Dasein - ein Kommen und Gehen von Punkten. In einem dunklen Raum aus Nichts. Ja. Sieh dich um: der Himmel, die Kiefern, die Grabsteine, dort die beiden um den Baumstamm kratzenden Eichhörnchen ja, und du selbst, dein kompletter Körper: nichts als Punkte. Wer das erfunden hat, muss ein Pointillist sein.

Er fühlte das Kommen einer Depression. „Auch das“, so versuchte er sich spöttelnd dagegen zu wehren, „bloß Punkte, geformt zu einem schwarzen Loch.“

Und in diesem Moment hörte er Musik.an  Schräg gegenüber, etwa dreißig Schritte entfernt, stand eine Frau vor einem frischen Grab, sie hatte den Mantel ausgezogen und über die Einkaufstasche am Boden gelegt. Daneben stand ein Kofferradio, daraus ertönten Diskoklänge, und sie, im einem hellgelben kurzärmeligen Sommerkleid, tanzte dazu. Sie tanzte selbstvergessent wie in Trance, nein, es war weit mehr: sie schien ihren Körper zu genießen. Ein wunderbarere Körper, dachte er. Hingerissen blickte er zu. Sie war höchstens 40. Ihr halblanges, dunkles Haar flog rechts und links über die Schultern. Warum tat sie das? Tanzte sie für ihren Mann, der dort begraben lag? Das musste wohl so sein. Wieso hätte sie sonst das dünne Sommerkleid an diesem kühlen Märzmorgen angezogen? Wahrscheinlich war es das Kleid, das er so gern gemocht hatte.

Abrupt hörte sie zu tanzen auf. Sie schaltete das Radio aus, zog den Mantel an, verstaute das Radio in die Tasche, klemmte sie unter den rechten Arm und ging davon.

Verblüfft sah er ihr nach. Tanzen! Am Grab tanzen. Das war ja geradezu was Voodoohaftes. Und während er das dachte, hatte er sich bewegt, eine kleine Bewegung aus dem Stehen heraus, es war ein leichter Hüftschwung nach links. Er spürte in der Hüfte einen Sog, dem sein Fuß folgen musste, er zögerte, dann trat er auf die Erde wie einer, der erst einmal ihre Haltbarkeit ausprobierte, doch schon plumpste der Körper nach, und jetzt, nachdem er fest stand, spürte er eine Kraft kommen, die seinen Körper ausfüllte. Er drehte sich nach rechts, hob die Arme nicht so hoch wie die Frau, nur bis in Schulterhöhe. Und dann tanzte er, sich nach links und rechts drehend, dabei gesenkten Kopfes mit dem Oberkörper wippend, als wollte er wie eine Katze etwas mit dem Kopf anstoßen.

„Und du hast immer gesagt, ich könnte es nicht“, dachte er.

Er hörte ein metallisches Klappern, der Friedhofsgärtner näherte sich mit seiner Schubkarre, beladen mit Gartenwerkzeug. Sofort brach er die Tanzerei ab, atmete tief durch und beugte sich über das Grab, um die Tulpen zu ordnen und die Plastikvase noch einmal kräftig in die Erde zu drücken. Nachdem der Gärtner hinter seinem Rücken vorbeigezogen war, richtete er sich auf und verließ den Friedhof.

Als er im Auto saß, brach er in Gelächter aus, bis er merkte, dass er schluchzte.