Ursula Eisenberg

 

 

 

Von der Großstadt ins Dorf -

und umgekehrt.

Ein Leben zwischen den Stühlen 

SCHULE, KIND und LITERATUR.

Kreuzweisheit - zwischen Großstadt und Dorf

                                                

                                               VON RANG

Wird Zeit, einmal über Rangordnungen nachzudenken.
Ich habe mir zum Geburtstag gewünscht, meinen jüngsten Bruder und seine Familie in Nordfriesland zu besuchen. Er hat früher mehrere Berufe gelernt und ist inzwischen dort Öko-Kuhbauer geworden. Die Liebe hat ihn in diese Gegend gelockt. Ida, die Tochter von Gesa und Schorsch, ist inzwischen schon elf. Nun hat sich die Familie einen Hund angeschafft: „Robin“, sechs Monate alt, und bereits doppelt so groß wie unser längst schon erwachsener Dackel-niedriger „Rudi“.
Das ist der Grund für unsern Geburtstags-Besuch: „Rudi“ und „Robin“ sollen sich arrangieren, bevor der kleine große Köter erwachsen ist. Es geht um „Rangfolge klären“, sonst werden wir die Nordfrieslinge nie wieder besuchen können.
Also: Wir fahren nach B. Zutraulich, unterwürfig kommt der riesige Kleine aus dem Haus. Er wird von „Rudi“ mit giftigem Knurren empfangen und durch die Gegend gejagt. Der Große lässt sich jagen. Im Laufe der nächsten Tage wird aus Jagd und Verfolgung langsam, langsam ein Spiel. Die Situation entspannt sich und lässt uns hoffen.
Wir genießen die Vielfalt des Hofes. Hühner laufen frei über das Gelände, unbehelligt von Katzen, dem großen Hund. Am Elektro-Zaun vor einer Weide lassen wir uns die Rangordnung unter den Kühen erklären. Eine beinahe schwarze Kuh mit einem herzförmigen weißen Fleck auf der Stirn ist die ranghöchste in dieser Gruppe. Sehr niedrig im Rang: Eine weiß-rote Kuh, die gerade liegt.
Ich kann nicht vermeiden, über Rangordnungen nachzudenken. Wie ist das zum Beispiel unter uns vielen Geschwistern (wir waren sieben)? Es gibt auch hier eine Rangordnung, doch ist das Thema tabu.
Aber bemerkenswert ist: Vor gut drei Jahren starb unser ältester Bruder. Er war mit Sicherheit nicht der höchste im Rang, aber seit seinem Tod ist der Zusammenhalt unter Schwestern/Brüdern gestört.  Er war auf seine Weise offenbar unentbehrlich, Rang hin oder her – wie wohl eine Jede, ein Jeder von uns. Welche  Schlüsse lassen sich daraus ziehen für Menschheit und Welt? Ich wage (noch) nicht, etwas zu verallgemeinern.
Bleiben wir bei den Menschen: Rang – auch gesellschaftliche Stellung genannt – wird allgemein für sehr wichtig erachtet; doch es gibt Menschen, denen ist dies egal. Sie fühlen sich dort wohl, wo sie sich gerade befinden. Wieder andere – viele – verbringen ihr Leben im Kampf oder mindestens  im Streben um einen höheren Rang. Dazu gehört auch, die Nähe zu ranghöheren Menschen zu suchen – allein dies zieht weiter nach oben.
Doch auch dieser Drang gilt nicht für alle Menschen – zeigt allein schon eine Selbst-Beobachtung: Ich habe immer gern Kontakte zu ranghöheren Menschen gemieden. Nicht, dass es viele Gelegenheiten gegeben hätte, aber einige schon.
Warum also gemieden? Sie bekamen mir nicht. Als Beispiel erwähne ich hier Daniel Barenboim. Ich musste mit ihm aus beruflichen Gründen einmal ein paar Stunden verbringen. Es mag im Jahr 2007 gewesen sein. Es gibt ein Foto von dieser Begegnung: Barenboim vorne, groß, aufrecht in gelber Jacke, die Arme verschränkt.
Im Hintergrund: Ich. Kopf geneigt, Haare gesträubt, mit dem charakteristischen schmerzlich verzogenen Gesicht – Migräne. 
Warum Migräne? Fragen Sie einen Psychiater…

 

                                                            VON UNTEN

Rückenlage mit Blick auf die niedrige Decke. Ich fühle mich angekommen hier unten, will nie wieder hoch, genieße den besonderen Blickwinkel auf unsere alte Küche. Das Spinnennetz rechts oben gab es gestern noch nicht – und was ist mit diesen Rissen im weißgrauen Putz?
Anspannen, Arme ausstrecken – die Gymnastik beginnt. Seit drei Jahrzehnten, jeden Tag fünf Minuten.  Wenn ich sie ausfallen lasse, kommen die Rückenschmerzen, bringen den ganz besonderen Tag vor dreißig Jahren zurück: Den Tag mit dem Blick von unten aus dem Rückfenster eines Krankenwagens. Die Aussicht von unten auf die Straßen von Westberlin: Neuer Putz, Gerüste an alten Bauten, Werbung, Graffiti, noch ein paar Einschusslöcher, sich verändernder Himmel, ab und zu eine Taube…
Verdacht auf Bandscheiben-Vorfall. Ich hatte es gerade so vom Bett auf die Bahre geschafft. Zwei Männer in Arbeitskleidung schoben mich in den Wagen.
Mein Kind war bei einer Schulfreundin untergebracht, notfalls für längere Zeit…
Nach dem Hoch-Straßen-Blickwinkel kamen Baumwipfel, dann Decken, Türen, Wände der Klinik-Fluren. Ich brauchte nur zu gucken, mich schieben und später betasten, befragen zu lassen – erholsam für eine beruflich vollbeschäftigte, alleinerziehende Mutter. Wurde dann zwischengelagert in einem Warteraum und schließlich geröntgt: doch kein Bandscheiben-Vorfall, nur ein katastrophaler Hexenschuss. Spritzen, Anweisungen, Medikamente, im Krankenwagen zurück…
Wie haben wir die nächsten Tage bewältigt, Tochter Kathi und ich? Weiß ich nicht mehr.
Doch die Faszination des Blickes von unten ist mir geblieben. Es gab dreimal die Woche Nachsorge bei einer Kranken-Gymnastin. Diese legte mich auf diverse elektronisch betriebene Geräte. Ich sollte spannen, entspannen, Widerstand leisten, alles war Interaktion  mit ihren Geräten. Schließlich wurde die Kranken-Gymnastin selber krank.
Es kam eine junge Vertretung. Unabhängig von den Gymnastik-Geräten begann sie mit mir zu üben: in Rückenlage, auf Knien, am Ende im Stand. Es war ein überschaubarer Ablauf von fünf Minuten, sehr zur Freude von meinem Kind und der Katze, besonders die Phasen: „Hunde-Schütteln“ und „Katzen-Buckel“.
Seit dieser Praxis-Vertretung gönne ich meinem Rücken die fünf Minuten, mittlerweile auch gern von unserm Hund „Rudi“ begleitet…
Übrigens entdecke ich noch mehr Risse im Putz. Stört mich nicht – ich finde sie interessant. Niemand kann mir befehlen zu renovieren, das alte Haus gehört mir.
Jeden Morgen kommt die junge Vertretung in mein Gedächtnis zurück. Blond, mit kinnlangem Haar und rosigen Wangen, und drei Leberflecken am Hals. Konnte ich von unten genauso gut sehen wie die Risse im Putz und das Spinnennetz in der Ecke…

 

                                        

                                        SCHWEINEBÄUCHE

„Nee, ick lass mir nüscht bieten. Ha' Knie…“

Brigitte ist die älteste meiner noch lebenden ehemaligen Kollegen, Jahrgang 1930.
Ich hole sie vom U-Bahnhof ab. Strahlend, geschminkt, in hellem geblümtem Sommerkleid mit türkisenem Krückstock kommt sie die Treppe herab.
„Warum nimmst du nicht den Aufzug?“
„Treppe kann ick janz jut…“ Aber dann: „Nich so schnell. Muss das noch üben mit meinen neuen Knien.“
Wir gehen den Fußgänger-Streifen der dröhnenden Gitschiner Straße entlang. Erinnerungen purzeln aus ihr heraus: „…hierher zu meiner Oma. Musste immer mit der Straßenbahn fahren. Und später dann…na, du weißt schon: Kreuzberger Nächte sind lang…“ Sie deutet ein Singen an. „Bist du nie?“
Bin ich nie. Ich komme nicht dazu, dies weiter auszuführen. Wir sind jetzt da. Alles funktioniert: Das elektronische Schwingtür-System, der kleinere Aufzug wartet bereits auf uns.
 „Herzlich willkommen!“ Ich schließe die Tür auf.
Brigitte hatte mich schon am Dienstag besuchen wollen, aber es war zu heiß, sie „fühlte sich nicht“. Aber dann rief sie mich gestern an: „Morgen kann ick.“
Bei meinem letzten Berlin-Aufenthalt habe ich sie besucht in ihrer Dahlemer Villa. Brigitte war immer sehr gastfreundlich gewesen, lud das Kollegium zum Essen ein, stellte im Herbst große Töpfe mit Kürbissuppe ins Lehrerzimmer. Immer wieder gibt es Logier-Besuch in ihrem Haus, Freundschafts-Untermieter aus vielen Teilen der  Welt wohnen hier monatelang, nicht zu vergessen: die Rasse-Kater mit Stammbaum. Ich war gespannt, ob ich etwas wieder erkenne, aber mein Ortssinn ist eher rudimentär.
Jetzt aber ist sie hier, sieht sich neugierig um, auch auf der Suche nach eigenen Erinnerungen. Schon sind wir wieder bei den alten Kollegen:
„Walter S., der hat sich ja umjebracht. Schade, den mocht ick sehr…“  Eva Z. fand sie „spießig“; die hatte ich nun wieder besonders gern. „Erwin P. war schon ein besonderer Kollege, aber mit dem habe ick nich geschlafen. Mit dem  nich.“ Ich muss irgendwie komisch geguckt haben, denn sie legt nach: „Das war eben eine andere Zeit.“
Was ich gegen die Schulleiterin Jutta K. habe, möchte sie wissen.
„Die hat mir  zum Beispiel den Zugang zum Schularchiv verboten, als ich mal was über die Schule schreiben wollte…“
„Geht denn das überhaupt?“ Sie sieht mich ungläubig an. Brigitte hat vor ein paar Tagen meine Chronik gelesen, die ich zu meinem Abschied verfasst und meinen Kollegen hinterlassen habe. „Hat mir sehr gut gefallen.“
„…haben sie dreißig Stück von weggeworfen“, sage ich „und mir das auch noch erzählt.“
„Versteh ick nich.“
„Ich auch nicht“, sage ich und zucke die Achseln. „Eben, weil es von mir ist. Aber das bin ich gewohnt.“ Arme verkannte Autorin!
„Aber weißt du noch das Abschiedsfest von Edith L.?“ Ihre Augen leuchten. „Wie da plötzlich ganz überraschend ihre Kinder auftauchten und Theater spielten? Vergesse ick nie!“
„Weiß  ich noch“, sage ich, „nur war das nicht der Abschied von Edith sondern von Anna, und das mit den  Kindern habe ich arrangiert.“ – Da haben wir es mal wieder!
So bürsten wir unsere Vergangenheit durch, jede von uns in eine andere Richtung und essen Kekse dabei. Manchmal tauchen Kollegen auf, die ich gar nicht mehr kennengelernt habe:     
„Der YX war vonner CDU. Haben wir weggeekelt…“, fügt sie hochzufrieden hinzu.
„Soll ich gleich was für uns kochen?“, schlage ich vor.
„Ne! Wozu sind wir in Kreuzberg. Ick will mit dir essen gehen.“
„…und? Was machst du politisch?“, fragt sie später im Aufzug. Ehe ich das „Nichts“ in Worte fassen kann, erklärt sie mit leuchtenden Augen: „Ick bin bei Attack!“ Wir gehen in Richtung Kottbusser Tor.
„Schweinebäuche“, sagt sie und tritt noch mal nach auf die großen Platten im Gehweg. „Gab es zu meiner Kinderzeit schon. Die sind unten rund – deshalb: Schweinebäuche.“
Wir finden einen freien Tisch in einem kleinen Lokal am Erkelenz-Damm. Ich erzähle von der Max-Liebermann Villa, in der ich vorgestern war.
„Ick hab mal ein Original-Öl-Gemälde geschenkt gekriegt.“ Sie guckt traumverloren „In den Sechzigerjahren. War  ne Kalaschnikow drauf…“
Das Essen ist lecker und günstig. Wir teilen uns die Gerichte mit Garnelen und Scampi. „Kennst du jemand, der älter ist als ich?“ fragt Brigitte mich plötzlich. „Muss ich nachdenken. Erst einmal fällt niemand  mir ein…“
Die Leute im Lokal verhalten sich so, als wären sie hier zuhause. Die Kellner sind nett.
„Ick lade dich ein“, sagt Brigitte, „habe gestern ganz viel von der Beihilfe wieder gekriegt. Wegen der Zähne.“ Sie bittet den Kellner um eine steuerabzugsfähige Rechnung. „Für meinen Sohn, kann der als Arbeitsessen…“
Wir gehen über die Schweinebäuche weiter zum Kottbusser Tor, haben uns warm geredet. Mir fällt immer mehr ein, was ich sie fragen möchte, aber nun ist es zu spät. „Nein, keinen Aufzug!“ Sie will lieber Treppen steigen.
Ich steige mit ihr die endlose Treppe zum Bahnsteig U3/U1. „So viele nette junge Leute gibt es“, erzählt sie, „ die mir einen Platz anbieten. Ick war nich so nett, früher.“
Schon kommt die U3 „Krumme Lanke“, schon ist sie drin. Ich muss sie unbedingt bald wieder sehen. Sie möglichst viel von dem fragen, was ich sie fragen will.
Ich gehe den vertrauten Weg zurück, die U-Bahn-Strecke entlang. Am Himmel ist ein zarter gebogener Mond, wie der Teil eines großen Ringes, sanft durchschnitten von ebenso zarten Wolken. Ich blicke fasziniert hoch. Nach einer Kurve verschwinden Wolken und Mond.
In meiner Wohnung klingelt das Telefon: „Ihre Sprachbox“. Christa  aus dem zehnten Stock ist dran. Sie ist erst sechsundachtzig.
„Draußen ist so ein eleganter Mond“, sagt sie. „Guck mal raus!“

 

 

 

                                  ABENTEUER „WASCHGANG“

Heute, Dienstag, habe ich hier in Berlin nicht viel vor. „Waschen“ steht auf dem kleinen Zettel neben der Blumenvase. Die Dreckwäsche wartet im Plastikkorb auf dem Balkon. Ich habe mir schon eine Zeitung gekauft, werde, während die Wäsche gedreht wird, im Garten sitzen und lesen.
Drei Euro kostet die Nutzung der Waschmaschine. Ich habe Münzen gesammelt an einem geheimen Ort, den ich hier nicht verrate. Stopfe die Wäsche in einen Eimer und fahre ins Erdgeschoss. Auf einem Tisch liegt ein Wasch-Maschinen-Belegungsplan. Der letzte Eintrag ist von 2014…
Ich werfe die Euro ein, die Waschmaschine öffnet ihr Maul. Wäsche und Waschmittel rein, Schließen des runden Fensters, das Rauschen und Drehen beginnt. Auf dem Display leuchtet die Wasch-Zeit: „25 Minuten“, kommt mir sehr kurz vor. Ich bringe den Müll weg, blicke noch einmal auf die Maschine – jetzt leuchten „45 Minuten“. Verstehe ich nicht, aber gut! Ich fahre hoch in die Wohnung, frühstücke, telefoniere. Dann wieder in den Waschraum – die Wäsche ist durch.
Druck auf das Schlüssel-Symbol, das runde Fenster bleibt zu. Erneutes Drücken, Zerren an der Tür – nichts bewegt sich. Draußen: ich. Drinnen: die gewaschene Wäsche. Raus aus dem Waschraum, um wieder Abstand zu kriegen.
Ein junger Handwerker betritt das Haus. Ob er vielleicht…? Er kommt mit, probiert auf die gleiche Weise wie ich, schlägt vor, mit weiteren 3 € den „Start“ auszulösen, dann den Knopf mit dem Schlüssel-Symbol…
Aufseufzend steige ich mit ihm in den Lift, wir beide füllen die für sechs Personen ausgelegte Kabine aus und lachen darüber. Er muss in den elften Stock, ich nur in den fünften – na dann: „Schönen Tag!“
Die neuen 3 € verschwinden für immer im Schlitz, es öffnet sich nichts. Mir fällt ein, dass es  wieder einen Hausmeister gibt, seine Rufnummer hängt aus. Zwei Frauen kommen herein, die eine davon im Rollstuhl, beide mit Lockenköpfen, Blumenröcken und Spitzenblusen, schön wie welkende Blumen.
„Haben Sie einen Stift?“
„Nein, nur ein Handy“   
Das mit dem Waschmaschinen-Schloss kennen  sie auch, raten, den Stecker herauszuziehen, dann wieder einstecken, warten… Es dauert, bis ich den Stecker finde, er ist gewaltig,  rot und hat sechs Anschluss-Zapfen. Ich ziehe mit aller Kraft, warte, stecke ihn mühsam zurück – es tut sich nichts.
Im Flur bewegt eine Frau mit dunklen Locken mühsam ihren mit Einkaufswaren bepackten Rollator. Nein, einen Stift hat sie auch nicht. Aber sie kennt das Problem mit der Waschmaschinen-Tür. Ihr Mann hat es dann mit „nochmal drei Euro“ geregelt. Aber er schläft noch, der Mann. Sie kann ihn mir ja später schicken.
Noch mal drei Euro? Ich fahre hoch in den Fünften, hole Papier und Stift, notiere die Hausmeister-Nummer, wähle sie oben in meiner Wohnung vom Festnetz aus. Der polnische Hausmeister heißt heute „Neumann“, er ist – so verspricht er – in fünf Minuten im Waschraum… Er hat, als ich wieder unten ankomme, das Fenster bereits geöffnet. Er ist ein sympathischer junger Mann mit freundlichen Augen. Ich könnte vor Freude weinen.
Die Wäsche ist gut geschleudert. Nein, die 50 C für den Trockner gönne ich niemand mehr. Ich hänge alles auf dem Balkon, bin irgendwie sehr zufrieden. Habe immerhin fünf freundliche hilfsbereite Menschen kennengelernt.
PS. Stunden später spricht mich ein Mann an: Ob ich die Nummer vom Hausmeister kenne. Im Keller läuft wieder Wasser. Na klar, ich kenne die Nummer! Aber wir stellen zusammen fest, dass der Hausmeister, auch „Kümmerer“, genannt nur zwischen 9.00 und 10.00 morgens erreichbar ist. Da habe ich noch mal Glück gehabt –  und das Wasser soll gefälligst zwischen 9.00 und 10.00 Uhr austreten!
Ps.Ps. Inzwischen ist Sonntag, mein Abreise-Tag. Bei der ersten Abfahrt im Lift höre ich Plätschern, lieblich wie ein Bergbach. Im jedem niedrigeren Stockwerk verstärkt sich das Wasser-Geräusch. Im Keller wird es sehr laut.  Eine gewaltige Pfütze breitet sich auf dem Fußboden aus. Ich versuche – diesmal vergeblich – den Hausmeister telefonisch zu erreichen. Der Notdienst will von mir wissen, welch technischer Schaden da vorliegt.
„Ich kann Ihnen nur sagen, was ich sehe und höre.“
Ich werde mehrere Male weitergeschaltet, alle fragen das Gleiche. Ich wundere mich, dies ist der dritte Wasserschaden seit einigen Wochen, der müsste doch dokumentiert sein. Mein Telefon meldet: „Gleich ist der Akku leer!“ Schließlich verspricht jemand, „etwas zu unternehmen“.
Sie haben was unternommen: Die Aufzüge stehen still. Eine Katastrophe in diesem 11-Stockwerke- Haus, wo so viele gehbehinderte Menschen leben. Nach drei Tagen – erfahre ich telefonisch – sind die Aufzüge immer noch abgeschaltet.

 

                                                                     SPITZE

Die Erde ist rund, wissen alle. Ich aber kriege Zweifel daran. Mir scheint, die Welt wird mehr und mehr eine Sammlung von Spitzen.
Ich meine nicht das kunstvoll geklöppelte Garn, das an einigen Fenstern aufgehängt ist. Nein – es geht um das jeweils Höchste in unterschiedlichsten Bereichen, das dann auch das Wichtigste ist. Schon das Zweithöchste ist kaum noch der Rede wert. Niedrigeres erst recht nicht.
Nehmen wir etwa den Eismann, von dem heute Morgen im Radio die Rede war: Er hat es geschafft, auf einer Ein-Kugel-Waffel 124 Eiskugeln zu balancieren. Muss eine Eis-Kugel-Balancier-Olympiade gewesen sein. Gab es auch jemand, der 120 oder 116 Kugeln schaffte? Uninteressant. Übrigens: Wer soll die Kugeln nun essen? Ich schätze, sie sind nach fünf Sekunden von der Waffel gestürzt und auf dem Boden geschmolzen. Aber der Eismann ist Spitze. Lebenslänglich vielleicht, bis jemand 130 Kugeln schafft.
Ebenfalls Spitze, haltbarer als das Eis, ist zum Beispiel die Hamburger Elbphilharmonie, Betätigungsort für Spitzen-Musiker/innen.
Etwas weniger haltbar sind viele Spitzen im Sport, täglich in der Zeitung zu finden. Spitzen-Kräfte präsentiert fast ohne Pause der Rundfunk, ebenfalls in der Musik, auch in der Literatur – ach ja!!! 
Manchmal heißt es nicht „Spitze“ sondern „zahlreiche Preise“. Aber jeder einzelne wird nur an Spitzen vergeben.
Zum Beispiel: An meinen Bruder, der in diesem Herbst wieder eine Ehrung bekommt. Es ist der Grimm-Preis. Mein Bruder macht die Grammatik, ich die Geschichten. Will ich etwa auch Spitze sein?
Mir fällt ein Dialog mit unserem Schulleiter ein, es mag in den frühen achtziger Jahren gewesen sein. Anlass war eine dienstliche Beurteilung.
„Wie finden Sie sich denn?“, fragte er mich.
„Spitze“, kam spontan und aus tiefstem Herzen.
Er drückte mir einen Stift in die Hand: „Kreuzen Sie an!“ (LehrerInnen bekamen regelmäßig Zensuren.) 
„Das ist Ihr Job.“ Ich gab ihm den Stift zurück, er kreuzte die „2“ an. Heute noch frage ich mich, ob mein Bruder die „1“ angekreuzt hätte.
Spitzen-Leistungen erwarteten sie auch in meiner Familie. Ich war Spitze darin, sie nicht zu liefern. Ich mag 17 Jahre gewesen sein, da gab mir jemand den Tipp, mich mit meinem Cello bei „Jugend musiziert“ zu bewerben. Ich zog meinen besseren Rock an, packte das Cello ein, vor Ort wieder aus. Im Warteraum – wortlos-angespannte Atmosphäre. Was und wie gespielt wurde, hörten wir durch die Tür. Eben wurde ein Cello-Duett aufgerufen. Die beiden spielten so schön, dass ich ruhig wurde – da käme ich nicht gegen an. Ich spielte zwei Stücke, die ich gerade für den Unterricht übte so gut ich konnte…
„Na?“, fragte meine Mutter, als ich mit dem Cello zurück war. „Hast du gewonnen?“
„Natürlich nicht.“, sagte ich.
„Pfui schäm dich.“ Sie sah mich nicht an.
Es gibt gar keine Zweifel, unsere Erde ist rund – aber auch voller Pickel. Alle die Spitzen…

                                          

                                           ELTERN–GRAB

Kassel Kirchditmold. Ich verbringe vier Tage im Familien-Haushalt meiner Schulfreundin Adele. Aus dem Schlafzimmerfenster habe ich Ausblicke auf Spielorte meiner Kindheit. Nach dem Klassentreffen bleibt immer noch Zeit zum Suchen und Wiederentdecken.
Es ist Adeles Idee: „Wo sind eigentlich eure Eltern begraben?“
„Friedhof Wehlheiden“, sage ich. Ich habe Lust, das Grab wieder einmal zu sehen. Seit 1981 liegt unser Vater dort. Unsere Mutter versorgte die Stätte in großen Abständen mit Plastikblumen („Die sind so praktisch…“ Zitat). Nach ihrem Tod im Jahre 2004 schmuggelten wir einen selbstgestalteten Grabstein in einer Tasche dorthin – es war ein großer Feldstein mit weißer Schrift – Provokation zwischen dem standardisierten glänzenden Marmor, der zu dieser Zeit offenbar auf vielen Friedhöfen Vorschrift war.
Unsere Geschwister-Stein-Schmuggel-Aktion war spannend, ich habe sie noch in guter Erinnerung. Ja! Ich möchte gerne zu unseren Eltern, bin auch auf den Grabstein gespannt.
Adele fährt uns zum Friedhof Wehlheiden – wir irren zwischen schnurgeraden breiten Hauptwegen und schmaleren Nebenwegen hin und her, zu beiden Seiten gepflegte Grabstätten unterschiedlicher Größe. Keine Chance, das Grab meiner Eltern zu finden.
Wir fragen im Friedhofs-Büro. Ein Mitarbeiter öffnet seinen PC, fährt mit der Computer-Maus suchend über den Plan. Die Maus ist übrigens ein winziger Leichenwagen. Name, Beisetzungsjahr der Toten? Er wird fündig: Sie liegen im West-Friedhof.  Peinlich – nicht einmal den Friedhof habe ich behalten! Wir kriegen den Friedhofs-Abschnitt und eine Grabnummer.
Die liebe Adele fährt uns zum West-Friedhof. Riesen-Gelände, mein Richtungs-Sinn narrt uns, noch nicht mal den Abschnitt können wir finden. Wir fragen ein paar Männer in Arbeitskleidung, die mit dem gärtnerischen Erhalt der Ruhestätten beschäftigt sind. Ein freundlicher hagerer Gärtner schließt sich uns an, hilft suchen. So finden wir immerhin schon den richtigen Abschnitt. Die Grab-Nummer? 38.
 „Hier ist es“, sagt er, steht still. Vor, hinter, neben und unter ihm: nichts. Ich kann es nicht glauben, würde gerne in Ruhe allein weiter suchen.
„Vielen Dank“, sage ich, „Sie müssen ja wieder…“
„Ich habe um 16.00 Feierabend. Die halbe Stunde kann ich genauso gut…“ Er steht und beobachtet uns.
„Und der Grabstein?“
„Entsorgt“, sagt er, geht einen Kreis um den leeren Platz 38.
Er bleibt, wir verabschieden uns. Das kann doch nicht wahr sein! 2004 -2019 sind gerade mal 15 Jahre! Die können doch nicht einfach das Grab zerstören und unseren Feldstein abschleppen!
Wer hat hier versagt, keine Gebühren bezahlt, Mahnschreiben nicht geöffnet? Während wir den Hauptweg zwischen Familiengräbern, Einzelgräbern und Urnenfeldern zur Pforte zurück gehen, formiert sich in meinem Kopf die bewährte Abrechnung mit meinen vielen Geschwistern.
Irgendjemand ist schuld. Ich nicht. 

 

 

DURCHS DORF


Backstein in vielen Farben von Rot,  Fachwerk mit  gewachsener Maserung. So lebendig, die Wände. Ich weiß in vielen Fällen genau, wer dahinter wohnte und wohnt.
Drüben – die Gastwirtschaft Schmidke, früher mal beliebtes Fahrrad-Ziel für Tochter Steffi und mich – ist nun schon lange geschlossen. Schräg gegenüber: Töpfe mit Orchideen vor sauber gefalteten Stores – alles hinter riesiger glänzender Scheibe, die einmal Schaufenster war. Der kleine Laden von Ulrich und Waltraud Mager, Ziel für ortsnahen Einkauf, war auch Ort spontaner Treffen und Austausch, vieler Verabredungen. In der Nähe: Der leere Spielplatz – einsam schwankende Schaukel, eine vergessene Schaufel im gehäufelten Sand. Kinder sind hier nur noch in Begleitung Erwachsener.
Dieses Dorf wird überwiegend von „Zugezogenen“ bewohnt. Das gelbrote „Atomkraft? Nein, danke!“ prangt noch an Scheunen und Türen – auch noch das gelbe „X“, Anspielung an den „Tag X“, an dem alle Kämpfe gegen Atomkraft gewonnen sein werden  –  noch ist er nicht erreicht. Die Kampfkraft schwindet aus Altersgründen, und es gibt viele neue Probleme auf unserer Welt.
Doch viele „Zugezogene“ sind hiergeblieben, und es wurde dieses, jenes gegründet. Etwa ein kleiner Dorf-Chor, Schmelztiegel für Einheimische und Zugezogene, der  lange froh und erfolgreich sang, bis W., der Leiter, nicht mehr gut hörte und einen Nachfolger suchte. Dieser warf vor drei Jahren ein Notenblatt hin: „Keine Lust mehr…“
In dem Anwesen mit den vielen Nebengebäuden wohnt Professordoktordoktor K. Mit ihm haben wir einen Lesezirkel gegründet, der nicht länger als sechs Wochen überlebte, weil Prof. Dr. das Lesen des zweiten vom Zirkel ausgewählten Buches als „Zeitverlust“ abtat.
Kurz danach entstand die „Bio-Mühle“, ein Genossenschaftsladen für regionale Produkte, von vielen freudig begrüßt, bis der Gründer, Dr. B., ohne vorher zu warnen, die Schlösser austauschte. Im Anschluss daran kam  ein Stammtisch. Alle vierzehn Tage trafen wir uns an wechselnden Orten: Vorne bei H., drei Häuser weiter bei W., in Kaisers Hütte am Waldrand und in der stolzen Rüben-Baron-Villa von S. Einige Jahre funktionierte das Treffen. Es zerbrach an Partner-Wechseln und an lähmenden Ritualen: Die Männer erzählten lautstark „von früher“, und die Frauen unterhielten sich gleichzeitig leise über dieses und jenes. Der gegen redende Männer gegründete „Frauen-Stammtisch“ erstickte im Keim.
Als länger haltbar erwies sich der sogenannte „Hunde-Stammtisch“. Donnerstags trafen sich Hunde mit ihren Menschen – unter ihnen auch Veganer*Innen – starteten zu einem Rundweg durch Wald, über Felder. Unser Hündchen genoss das Laufen mit größeren, kleineren Freunden und begrüßte auch alle Menschen mit freudigem Wedeln. Ich dagegen fühlte mich zunehmend fremder, denn wir füttern Hund „Rudi“ mit Trockenfutter. Alle anderen Hunde bekommen Frischfleisch…
Irgendwann fiel mir auf: Keiner der Hunde-Stammtisch-Menschen redete mehr mit mir. Wie auch die vom Literaturkreis und vom Genossenschaftsladen…
Trotzdem gehe ich hin und wieder durchs Dorf. Fachwerkhäuser mit Namen – gleichzeitig leere Kartons. Hündchen „Rudi“ zieht es zu Pforten und Türen – ich halte es mühsam zurück. Manchmal kommt ein „Hallo Rudi!“ aus einem Garten. Für mich selbst gibt's weder Grüße noch Blick …
Ob sie womöglich befürchten, dass ich was über sie schreibe? Absurder Gedanke!

 

 

                                             AB NACH KASSEL

Aufbruch zum Klassentreffen. Ich habe mich in der Uhrzeit geirrt. Der Zug fährt später ab, als ich dachte. Macht nichts – so warte ich eben eine halbe Stunde in der neuen Salzwedeler Bahnhofshalle und habe Zeit, die Errungenschaften dieses Ortes zu studieren. Schalter und Reisezentrum: Gerade geschlossen. Imbiss: An diesem Wochentag – wir haben Dienstag – geschlossen. Kiosk: Geöffnet.
Breites Regal voller Periodika: „ALTMARK-ZEITUNG“, „SALZWEDELER VOLKSSTIMME“, „HÖR ZU!“; „FRAU IM SPIEGEL“, „FREUNDIN“ etc.
„Ham Sie'n SPIEGEL?“ frage ich die Frau an der Kasse. 
„Haben wir nicht“, sagt sie in einem Ton, in dem das „so etwas“ mitschwingt. Na gut. Dann eben ein Eis. Briefmarken gibt es auch.  Ich bin arm, habe nur 50.-€-Scheine. 
„Vergessen Sie nicht Ihr Eis!“ sagt die Frau nach dem Wechseln.
Danke. Hätte ich fast. Kein Mülleimer in der glänzenden neuen Halle.  Ich lege das Eis-Papier auf den Sitz zu meiner Rechten, nehme mir fest vor, es hinterher zu entsorgen…
Auf dem Bahnsteig lächelt mich eine alte Frau an (alt? Vielleicht ist sie 74 Jahre – wie ich…): „Was für einen schönen Blumenstrauß haben Sie da!“
Kornblumen, Kamille, Mohn – wird ein Geschenk sein für meine Schulfreundin Anni, bei der ich wohne.
Im „Metronom“ nach Uelzen suche ich vergeblich mein Handy. Ich habe Anni doch extra die Nummer gegeben. Was wenn wir  Verspätung haben? Das Suchen beschleunigt die Zeit. Schon sind wir in Uelzen.
„Hundertwasser-Bahnhof“. Vor etwa 55 Jahren habe ich diesen Künstler zufällig getroffen und drei Sätze mit ihm gewechselt, werde das hier aber nicht vertiefen…
In 35 Minuten kommt der ICE, mit dem ich weiterfahre. Natürlich gibt es hier einen „SPIEGEL“ am Kiosk. Ich setze mich in die Sonne, esse mein Brot und wieder: Wohin das Papier? Neben mir ist ein Behälter für Raucher-Reste – und wenn es womöglich dann brennt?
Verantwortungsvoll gehe ich etwa zehn Schritte zum nächsten Papierkorb. Sofort eine Ansage: „Werte Fahrgäste, lassen Sie Ihr Gepäck nicht unbeaufsichtigt stehen. Der Besitzer des schwarzen Koffers möchte sich bitte melden…“
Dreimal wiederholt sich der Satz. Dann bin ich zurück. Es ist Ruhe…
Wann bin ich zuletzt in einem ICE gefahren? Hier ist an jedem Platz das elektronische Zeichen „reserved“, aber die anderen Fahrgäste setzen sich einfach hin – also auch ich. Suche das Handy weiterhin ohne Erfolg.
Später finde ich das WC, lasse jedoch eine junge Frau mit glänzenden schwarzen Haaren und einem kleinen Kind vor. Lange, lange, lange warte ich vor der Tür. Denke an meinen alleingelassenen Koffer. Diesmal kommt keine Ansage, dass ich mich melden soll…
Endlich tritt eine völlig veränderte Frau aus dem Toilettenraum. Ihre glänzenden Haare sind nun verdeckt  von einem schwarzen, muslimisch korrekt gebundenen Tuch. Sie wird wahrscheinlich vom Ehemann abgeholt.
Ich freue mich auf die Strecke Göttingen-Kassel und bin enttäuscht: Tunnel, Tunnel und Tunnel. Auch von der Stadt meiner Kindheit ist kaum was zu sehen. Jetzt aber: Wilhelmshöhe. Anni steht an der strategisch richtigen Stelle und wartet auf mich. Um mich herum: Vertrautes. Der alte Schulweg, Grundschule, Kirche – Ort meiner Konfirmation. Straßenbahnschienen, welche die enge Fahrbahn noch mal halbieren, beinah unveränderte Familien-Häuser, in gepflegten üppigen Gärten. Vorbei am Großmutter-Haus, wo unsere Familie einige Jahre lebte. Auf dem nun verglasten Balkon lernte ich Rollschuhlaufen. Herzlicher Empfang auch von Annis Mann, den ich auch schon viele Jahrzehnte kenne. Ich bewohne ein Zimmer im 2. Stock, habe ein eigenes Bad.
Aus dem Badezimmer-Fenster blicke ich in die Richtung, in die ich abhauen wollte, wenn ich mich zuhause unglücklich fühlte. „Ich lauf weg und komme nie wieder“, drohte ich dann meiner Mutter. „Was?“, kam zur Antwort, „du fällst in'n  Dreck und singst Lieder?“
Übrigens finde ich nun mein Handy in der Tiefe des Koffers… 

                                

                                    ALTER UND FORTSCHRITT

 

Klassentreffen in Kassel. Schon Wochen vorher denke ich an die Zugfahrt, bitte W., meinen PC-Berater, zu mir. Er kommt geradelt, loggt uns bei der Bundesbahn ein. Ich sitze gespannt mit startbereitem Kugelschreiber daneben, will unbedingt lernen, wie so etwas geht…lasse den Stift nach den ersten Klicks wieder fallen, gebremst vom „Weiter!“, „Zurück!“.

Immer wieder der freundliche Mann auf dem Display, der sein Ticket schon hat. Nun darf ich endlich entscheiden: „Start- und Zielbahnhof“, „Fahrzeiten“, „Preise“. Jetzt aber geht's ans Bezahlen. Ich habe kein Online-Banking, will es auch nicht.

Abbuchen? Überweisen? Nichts funktioniert.

Nach anderthalb Stunden sagt W.: „Ich lass mir was einfallen, komme morgen wieder.“ Am nächsten Tag weitere vergebliche anderthalb Stunden.

Dann die Idee: Ich frage H. Sie hat Kinder und Enkel in den USA, lebt mit dem Internet täglich. „Ja!“ Sie hilft gerne. Aber auch H. stellt fest, dass sich das Bahn-Ticket-Online-Verfahren kompliziert hat, doch wir bewältigen gemeinsam die Anforderung. Große Erleichterung, Freude, ich bezahle in bar…

…Betrachte die Tickets vor meiner nächsten Berlin-Fahrt genauer, und mir gerinnt das Blut in den Adern: Das Rück-Ticket ist einen Monat zu spät terminiert. Ich habe es nicht gemerkt.

Anruf bei H. Sie ist nicht da und ruft auch nicht zurück.

Also muss ich in Berlin… Der Anlass für diese Berlin-Fahrt ist eine Geburtstagsfeier. Auf dem Weg dorthin gehe ich zum Fahrkarten-Schalter im Bahnhof Zoo.

„TÄGLICH GEÖFFNET VON 6.00 – 21.30“ Der Schalter ist durch Jalousien fest verschlossen. Zwischen den Fahrkarten-Automaten ein wartendes Paar.

„Frechheit!“, fange ich an, „täglich geöffnet von - bis – und nun das hier?“

Die beiden sehen mich an. Nach einer Weile öffnet der Mann den Mund: „We do´nt understand…“

Auf dem Geburtstagsfest kriege ich einen Tipp: Am Bahnhof Charlottenburg geht alles viel schneller. Zu Fuß von hier in zehn Minuten.

Nach der Feier mache ich mich auf den Weg, schlängele mich zwischen Rudeln von Radfahrern über die Straße – schließlich ist Fahrrad-Sternfahrt in unserer Hauptstadt. Obwohl ich hier schon so oft war, muss ich den Bahnhof suchen. Der mir empfohlene Schalter ist hinter einer Baustellen-Plane…

…Bleibt nur noch der Hauptbahnhof. Rein in die S-Bahn zwischen Menschen, Rädern, Gepäck. Schwieriger Ausstieg – und wohin soll ich mich wenden? Der Pfeil zum „I“ für „Information“ zeigt in entgegengesetzte Richtungen. Doch endlich entdecke ich eine Schlange von Reisenden und stelle mich an. Die Frau am Schalter ist ratlos: „Da müssen Sie schon ins Reise-Zentrum, Rolltreppe rauf und dann links.“

Großer Saal, es sind Wartenummern zu ziehen, aber wo? „Nehmen Sie meine…“ Eine Frau drückt mir ein Zettelchen in die Hand. Nummer „N 7559“ – die höchste Zahl auf dem Display ist „N 7478“, und es geht nicht voran. Jetzt weiß ich, weshalb die Frau ihr Zettelchen loswerden wollte.

„Das dauert“, sage ich zu der jungen Frau links neben mir. „Das ist der technische Fortschritt..“

„…Wenn Sie meinen…“ Sie blickt auf ihr Smartphone.

Endlich komme ich dran. Die Frau am Schalter fühlt sich nicht zuständig: „Das ist ein digitales Problem, das müssen Sie schon mit Ihrer Freundin lösen.“

Mir rutscht das Herz in die Hose, ich rühre mich nicht vom Fleck. „…Oder Sie bleiben einfach so lange in Kassel…“ Sonst noch was? Aber nach längerem Nachdenken hat sie eine Idee: Wir stornieren die Rückfahrt und sie verkauft mir ein nicht-digitales Rückfahrt-Ticket zum Super-Sparpreis.

Ich könnte sie küssen, die runde Frau hinterm Schalter – aber da ist etwas zwischen uns…

 

 

                                      

                                         EUROPA-WAHL PLUS

24.5. Natürlich gehe ich zur Kinder-Freitags-Demonstration, wenn ich schon in Berlin bin. Sie findet um 12.00 am Brandenburger Tor statt. Ich steige „Französische Straße“ aus der U6 und beobachte Gruppen von sechs- bis achtjährigen Kindern, die einige Erwachsene zum Kundgebungsort begleiten. Dort gibt es viele selbst gestaltete Plakate, bunt auf Karton, auch Plastik-Monster, die „abgeschafft werden wollen“. Zwei orange verpackte  „Müllwerker“, etwa 12 Jahre alt, sammeln Spenden in einem rollbaren kleinen Container.
Ich suche mir am Rand der Versammlung einen Anlehne-Baum, bin umgeben von weiteren alten Menschen. Fühle mich wie auf Besuch.
Die Kundgebung beginnt. Die Musikgruppen kenne ich nicht. Was in den Reden gesagt wird, finde ich auch…
Auf dem Rückweg beobachte ich misstrauisch  alte Paare an Tischen der Unter-den-Linden-Kaffees. Wieso sitzen die da? Sind sie etwa für die Klima-Krise?
  
26. 5. So nah hatte ich's noch nie. Das Wahl-Lokal ist unten in meinem Wohnhaus. Bevor ich zur Wahl gehe, führe ich unseren Hund aus. Im Fahrstuhl ist schon ein Mann. Ich will witzig sein und zeige auf Terrier  „Rudi“: „Der wählt jetzt die Hunde-Partei.“
Der Mann denkt sehr lange nach, bevor er redet: „Eine Hunde-Partei gibt es nicht. Nur eine Kinder-Partei…“
Später gehe ich wählen. Zwei junge Frauen, ein junger Mann begrüßen mich freundlich. Die erste kontrolliert meinen Pass, der Mann sagt: „Schön, dass Sie da sind“ und gibt den Wahlzettel aus.
Die Wahl-Kabinen sind noch besetzt. Die Liste der zu wählenden Parteien ist unerhört lang. Vielleicht hat sich doch eine Hunde-Partei eingeschlichen?
Plötzlich großes Gepolter. Mit lautem Gedonner fällt eine Wahl-Kabine vom Tisch – ein großes Blech, zweimal rechtwinklig gebogen und auf die Platte gestellt. Nun stürzt auch die zweite „Kabine“. Die Wählenden sitzen wie nackt.
Die Wahlhelfer springen auf und stellen die Bleche zurück.
Mein Wahlgang dauert nicht länger als drei Sekunden, aber ich bleibe noch sitzen, betrachte Bleche und Tisch von innen und unten.
„Die müssten festgeklebt werden“, sage ich dem Wahl-Personal. „Ich könnte Klebstreifen holen, dann mache ich das für  euch.“
„Nein danke!“, sagen die drei. „Wir machen das schon…“
Der Wahlgang endet bekanntlich um 18.00 Uhr. Wir kommen an diesem Tag noch oft am Wahl-Ort vorbei. Jedes Mal denke ich an die donnernden Bleche.
Wie haben die drei das Problem gelöst? Ich könnte hineingehen und gucken, aber ich bin weder Mutter, noch Oma, noch Lehrerin der Europa-Wahl.

 

NORMAL

 
Es ist wie immer. Du fährst mich nach Wittenberge. Hund „Rudi“ wedelt auf Bahnsteig 4 zum Abschied matt mit dem Schwanz, ich steige in RB 17 der ODEG (Ost-Deutsche-Eisenbahn-GmbH), suche mir einen Sitzplatz, winke von oben herab euch noch einmal zu.
Du hast – als Kirchenvorstandsmitglied – noch vor ein paar Tagen die alte Frau L. besucht, sie lag matt auf den Kissen, richtete mir einen Gruß aus und schlief dann ein. Vorgestern ist sie gestorben. Wir haben während des Frühstücks von ihr geredet.
Wie schön, lebendig zu sein, die Orte wechseln zu dürfen!
Ich bin die Strecke so oft gefahren, dass ich draußen kaum etwas sehe. „Glöwen“, „Breddin“, „Neustadt Dosse“ – abgeblätterte, nicht mehr benutzte Bahnhofs-Gebäude, eins davon über und über bemalt.
Ich träume, spiele „Sudoku“, notiere einen Reim, der mir durch den Kopf geht, suche eine Toilette. „Außer Betrieb!“ Wandere durch die Länge des fahrenden Zuges, finde eine zweite… Zurück zum Gepäck. Die dicke Frau im blaurot gestreiften Pullover habe ich mir gemerkt, da muss ich die Treppe hinauf.
„Paulinenaue“. Wir nähern uns deutlich Berlin. Der Bahnhof „Nauen“ wirkt städtischer als die Stationen zuvor. Das Oberdeck füllt sich.
Mir gegenüber setzen sich zwei junge Männer, grüßen. „Sie ist nicht mehr zu sich gekommen“, sagt einer leise zum andern. Ich denke an unser Frühstücks-Gespräch.
Am Bahnhof „Berlin Spandau“ ist Einstiegs-Gedränge. Nun sind auch hier oben alle Sitzplätze voll.
„Sie hat mich nicht mehr erkannt“, sagt eine Männerstimme, dieses Mal hinter mir. Ich bin heute Morgen von Sterbe-Berichten umgeben. Zufall? Unheimlich ist es schon…
Das schnelle Berlin vor den Fenstern lenkt mich wieder ab. „Jungfernheide“, „Charlottenburg“, „Savigny-Platz“, meine Vergangenheit rast an mir vorbei. Erst am „Zoologischen Garten“ hält der Zug und fährt schnell wieder an. Gespannter Blick aus dem Fenster. Nein – heute keine Aussicht auf ein Kamel. Noch zwei Halte-Stationen vor meinem Ziel.
Bahnhofs-Kommerz und Menschen-Gewimmel am „Alex“. Hier steige ich aus, muss hinunter zum Bahnsteig „U 8“. Nur vier Stationen zum „Kottbusser Tor“, dann bin ich beinah zuhause  –  und pralle beim Ausstieg zurück: wüstes Männergeschrei, Körper in aufgebrachter Bewegung und drohender Haltung, geschwungene Fäuste. Horden schwarzgekleideter junger Männer bekämpfen einander. Ich drücke mich zur Mitte des Bahnsteigs durch und strebe zur Treppe.
Es knallt. Hat jemand geschossen?
Das Getöse geht weiter. Es knallt ein zweites, ein drittes Mal. Niemand reagiert. Ich habe die Stufen erreicht, finde mich feige und verantwortungslos, will aber nichts wie weg. Oben übt ein junger Mann auf dem Skateboard an einem besonderen Trick: Mit einen Tritt den Roll-Untersatz zum Schleudern bringen, dass er sich um sich selber dreht, danach mit beiden Füßen wieder darauf landen. Es klappt nicht immer. Sicherlich gibt es eine Bezeichnung für dieses Kunststück, irgendetwas  mit „Looping“ nehme ich an. Jedenfalls klingt der Schlag des Boards auf dem Boden wie die Schüsse am  Bahnsteig. Ich atme erleichtert durch, es ist alles normal.
Vom „Kotti“ zu „meinem“ Haus sind es zehn Minuten zu Fuß. Die große Schwingtür am Eingang funktioniert. In meinem Briefkasten ist wieder Post eines Telefon-Betreibers, dem ich vor einem Dreivierteljahr gekündigt habe. Sie wollen mich wieder mahnen, Gebühren zu zahlen.
Einer der beiden Aufzüge ist „AUSSER BETRIEB“.
Alles normal.   
   
PS. Es ging durch die Medien: Mehrere Menschen haben sich gegenseitig mittels Armbrüsten getötet. Es wird angenommen, dass sie der „Gothic-Szene“ angehört haben, einer Bewegung, die sich seit 1981 aus der Punk-Szene entwickelt hat. Eins der vielen Merkmale: Schwarze Kleidung. Ob ich in ein Ritual der „Gothic-Szene“ geraten bin? Wäre dann – in diesem Rahmen – auch wieder „normal“.   

 

                                DIE MENSCHENRECHTS-KONTROLLEURIN   

Ich bin bei mir selbst angestellt und werde vom Staat bezahlt.
Die anderen Kontrolleurinnen und Kontrolleure in dieser Region arbeiten für Betriebe – etwa  für die Milchwirtschafts-GmbH, für Behörden oder das Amt für Lebensmittelkontrolle. Nicht  zu vergessen: Die  Katzen-Sterilisations-Kater-Kastrations-Kontrolleure.
Es gibt auch außerhalb der Region unendlich viele Kontrollen: Bei Kindern und alten Leuten, bei Soldaten, bei der Marine, bei Tierfutter und bei Wein, und natürlich in der U- oder S-Bahn.
Wie werden Kontrolleure bezahlt? Ich weiß darüber nicht viel, ich denke: mal besser, mal schlechter. Gibt es ein Leistungs-System – je höher die Zahl der entdeckten Verstöße, desto höher der Lohn?
Es heißt, dass Bußgelder zu Wirtschaftsfaktoren werden. Gibt es Abmahnungen, Disziplinarmaßnahmen, Lohnkürzungen, Entlassungen bei zu wenig entdeckten Verstößen?
Und wer kontrolliert, ob die Kontrolleure anständig kontrollieren?
Auf jeden Fall sind Kontrollen sehr wichtig geworden in den vergangenen Jahren.
Bei jedem öffentlich gewordenen Missstand ertönt der Schrei nach Kontrollen.
Missstände werden täglich, stündlich enthüllt, es folgen: Staunen, Entsetzen, die Suche nach dem Verantwortlichen sowie immer wieder der Ruf nach immer neuen Kontrollen.
Die Vielfalt der Kontrollen (siehe oben) vergrößert sich unaufhörlich: Es gibt Kontrolleure, die sitzen nur vorm PC. Andere müssen reden, Reagenzgläser schwenken, Menschen an ihren Arbeitsplätzen begleiten. Oder sie gehen Hinweisen aus der Nachbarschaft nach, denn jeder Nachbar darf mit kontrollieren.
Es ist auch immer einfach, alles, was kontrolliert wird, gerecht zu bewerten: Die Grenzwerte zwischen Missstand und tragbarer Realität sind häufig fließend.
Am leichtesten ist es hier für die BVG (Berliner Verkehrs-Gesellschaft)-Kontrolleure. Fahrgäste haben einen Fahrschein oder auch nicht.
Bußgelder hin oder her – jede Kontrolle will Missstände aufdecken, orten, beschreiben, damit diese abgeschafft werden können. Abgeschafft: Wie? Und wodurch? Zum Beispiel durch neue Gesetze, die gewährleisten sollen, dass irgendetwas nie und nie wieder vorkommen darf. Danach lässt sich kontrollieren, ob das Gesetz nun auch wirklich….
Und dann? Diese Frage stellen wir erst mal zurück.
Nun aber wieder zu  mir. Ich habe mich selber als Kontrolleurin beauftragt. Würde auch keiner sonst tun. Doch es bezahlt mich der Staat. Er überweist mir Rente und ich bezahle mir selbst daraus die Kontroll-Tätigkeit. Der Gegenstand meiner Kontrollen: Die Menschenrechte.
Nun könnten Sie aber sagen: „Das ist wie bei der BVG: Entweder die Menschenrechte gelten
oder sie gelten nicht.“
Es gibt die Länder mit Menschenrechten und Länder ohne. Es gibt die Menschenrechtler und Menschen, die diese verfolgen. Es gibt Häuser für Menschenrechte und Menschen, denen daran liegt, die zu zerstören.
Meine innere Stimme sagt mir: Die Menschenrechte sind fließend, Grenzwerte schwanken auch hier.
Etwa hier in Mitteleuropa, Deutschland, in den kleinen, wechselnden Biotopen, in die ich Einblick habe.
Ich werde Stichproben nehmen und diese analysieren, fragen, beobachten, immer wieder notieren – hoffentlich ohne Menschen dabei zu denunzieren.
Ich interessiere mich auch für die Menschenrechte in mir.
Wozu? Einfach so und natürlich, um etwas zu ändern.
Wie – ändern? Das ist eine schwierige Frage. Wir stellen sie erst mal zurück.

                                        HAUS - MUSIK

Er wird im nächsten Jahr achtzig. Wir spielen Cello-Duett in meiner Berliner Wohnung im fünften Stock. Das müssen die Nachbarn zu dieser Tageszeit ertragen. Die gleichen Nachbarn, die mir Drohbriefe an die Tür geklemmt haben, als „Rudi“, der Hund einmal bellte. Ich lasse ihn seitdem im Dorf, obwohl er mir fehlt.
Jetzt aber spielen wir Cello, ein Duo von Friedrich August Kummer, 1770 – 1849. Ein Satz klingt schon ganz gut, der zweite geht so, der dritte ist grauenvoll. Ich denke an meine Nachbarn mit Schadenfreude. Sie können nichts unternehmen, musizieren ist zu dieser Tageszeit erlaubt.
Nun machen wir Pause, improvisieren ein Essen. Leo schneidet Tomaten.
Wir kennen uns schon sehr lange, mindestens fünfzig Jahre. Haben schon damals zusammen Cello gespielt. Eines der schönsten Kammermusik-Stücke, die es gibt: Schuberts Streichquintett C-Dur. Ich spielte das zweite Cello, das übrigens etwas schwerer ist als das erste, damit das klar ist!
Manfred – genannt „Leo“, so wie ein Löwe –  ist der große Bruder meines früheren Partners Gerd, Vater unserer Tochter Katharina, die inzwischen in Bayern lebt.
Leo und ich haben viel zu reden.
„München…“, sagt er verträumt, „…war so ein Sehnsuchtsort. Bin ich mit sechzehn Jahren einmal hin getrampt. Hab mich dafür als Mädchen verkleidet, um schneller weg zu kommen. Aber der Autofahrer, der mich mitgenommen hat, hat es gemerkt und gelacht…“
Ich schlage vor, dass er sich auf das Sofa legt, während  ich den Tisch abräume und abwasche. Geht schneller allein. Außerdem muss ich denken…
Wir waren zwei Mädchen zuhause, hatten fünf Brüder. Abwaschen war vor allem Sache der Mädchen. „Die Jungen müssen dafür zur Bundeswehr“, sagte der Vater. Er wusste ja damals noch nicht, dass nur zwei von den Fünfen zur Bundeswehr gingen und auch diese beiden nachträglich zu Kriegsdienst-Verweigerern wurden.
 „Lieber ein Jahr zur Bundeswehr, als ein Leben lang Mädchen sein“, entgegnete ich damals, ohne genau zu wissen, warum, denn es gab auch für Mädchen Vorteile im Leben. Etwa den: beim Trampen schneller vorwärts zu kommen…
Das könnte Mitte der fünfziger Jahre gewesen sein – Leos Tramp-Mädchen-Versuch.
Was hatte sich der Autofahrer wohl versprochen? „Me too!“ klingelt mir jetzt im Ohr. Ein paar Jahre später bin auch ich viel getrampt – immer in einer Zwei-Mädchen- Kombination, das wurde uns von den Erwachsenen dringend geraten. Weshalb, wurde verschwiegen, aber wir ahnten es ja…
Leo liegt auf dem Sofa und schnarcht. Ich wecke ihn auf.
„Jetzt spielen wir noch einmal Kummer, den dritten Satz.“ Das ist der Satz, der noch gar nicht gut klingt. „Lass uns diese Passage richtig fortissimo spielen!“ Damit der Nachbar im dreizehnten Stock – egal, wer das ist – das auch hört.

 

 

                                            AM ALEX

Am Alexanderplatz findet eine große Kundgebung statt mit anschließender Demonstration – gegen die Wohnungsmisere.
Wir sind dabei, auch unser Hund „Rudi“. Könnten bei der Gelegenheit noch einen neuen Maulkorb besorgen. Der vorige ist gestern beim Spaziergang zum Oranien-Platz verloren gegangen. Bestimmt gibt es einen Maulkorb am großen Alex!
Die U8 vom Kottbusser Tor zum Alex ist fürchterlich voll, aber „Rudi“ steht die Fahrt souverän durch. Auch auf dem Alex sind Füße, Beine und Menschenkörper dicht an dicht.
Ein Sechzehn-Jähriger verkauft Buttons, 1 € das Stück. Ich stutze: Was soll der traditionell
gelb-rote  „Atomkraft-Nein-Danke“-Button, diesmal mit Marx in der Mitte? „Marx-Nein-Danke“ auf einer solchen Demo – kann ja wohl nicht wahr sein! Bei genauerem Hinsehen lese ich: „KAPITALISMUS? NEIN DANKE!“ OK, ich kaufe ihn mir.
Es geht längst noch nicht los. Ich werde die Vorlauf-Zeit nutzen, um den Maulkorb zu kaufen. Wir verabreden genau eine Stelle zum Wiederfinden.
Ich studiere den Übersichtsplan in der „Galleria Kaufhof“: „HERREN“, „DAMEN“, „KINDER“, „PARFÜMERIE“ , „TIERE?“ – Fehlanzeige!
Auch in den anderen Geschäften in der Umgebung gibt es nur Dinge für Menschen. Allerdings werden an einem Stand vor „Peek & Cloppenburg“ Gasmasken angeboten, warum auch immer. Die Ähnlichkeit zu Maulkörben ist unverkennbar. Trotzdem ziehe ich eine Socke für „Rudis“ Schnauze vor…
Langsam kommt die Kundgebung nun in Gang. 
Viele Teilnehmer tragen selbstgestaltete Schilder: „Schluss mit der Gentrifizierung!“
„MIETEN RUNTER STATT HOCH!“ „MIETPREIS-BREMSE-EINE DER VIELEN LÜGEN!“
Zeitungen und Flyer werden verteilt. Ich nehme alles.
„Aber lesen!“ sagt jeder, der mir was in die Hand drückt. Gedrucktes vom „Neuen Deutschland“, von der „U Z“, von „VERDI“. Von den „Imaginären Kommunisten“ hatte ich noch nie was gehört. 
Unterschriften-Listen werden herumgereicht: „DEUTSCHE WOHNEN ENTEIGNEN!“
Ich bin seit einem Jahr Mieterin der „Deutschen Wohnen“. Dank meinem alten Freund Heinz, der auch in dem Haus wohnt, gibt es seit ein paar Monaten regelmäßigen Austausch zwischen Mietern und Wohnungs-Gesellschaft, was bereits ein paar Verbesserungen bewirkt hat. Was wird nach der Enteignung? Ich unterschreibe nicht, mit schlechtem Gewissen.
Überhaupt – schlechtes Gewissen! Ich habe diese Berliner Wohnung und mein Häuschen im Dorf, allerdings nicht bewohnbar, weil bis zu den Decken gefüllt mit gesammeltem Gut.
Gerade schreit eine Obdachlose ihre Verzweiflung ins Mikrophon…
Wir treffen zufällig Luise. Sie hat eine Wohnung in Prenzlauer Berg, die leer steht, weil sie bei ihrem Ehemann Kurt in Wilmersdorf wohnt.
Nein, sie sei jetzt doch wieder mehr in der eigenen Wohnung, antwortet sie auf meine Frage. „…bekommt unserer Ehe besser.“
Ich sehe mich um: Wie viele Zweit-Wohnungen und Zweit-Häuser werden von Menschen auf diesem Platz hier bewohnt? Wie viele leer stehende Zimmer sind bis zur Decke mit Krimskram gefüllt? Trotzdem sind wir „Die Guten?“ Wieso eigentlich?
Mein Blick streift den Hund. Ach so! Wir wollten ja noch etwas anderes am Alexanderplatz. Ach so! Es gibt keinen Maulkorb!
Jemand kommt mit einem selbstgeschriebenen Plakat an uns vorbei: „DIE ERDE HAT PLATZ FÜR ALLE!“ –  wie wahr!
Kurzzeitig ist es ganz still. Etwas klirrt leise, ich greife neben den Kragen. Der    „KAPITALISMUS? NEIN DANKE!“-Button ist runtergefallen. In meiner Jacke steckt nur noch die Halte-Nadel. Ich steche mir in den Finger...

 

                                     

                                      DAS KLEINSTE

Bei uns im Dorf blüht neuerdings klassischer Konkurrenzkampf.
Vor etwa einem Jahr hat ein junges Bauernpaar den „fabelhaften digitalen Kuhstall“ eröffnet. Die Kühe können entscheiden, ob sie sich im Freien oder unter dem Dach auf halten wollen, wann und was sie fressen und werden, wann immer sie möchten, digital massiert. Jede  Kuh hat ihren Platz an der Melk-Milch-Mess-Anlage, sie finden sich pünktlich dort ein, getrieben vom Milch-Drang. Und – für uns Konsumenten besonders wichtig – es gibt eine Milch-Tankstelle. Da tanken auch wir unsere Milch.
Früher haben wir ja die Milch bei Freundin Birgit geholt, doch die ist lange schon tot…
Aber zurück zum digitalen Kuhstall –  da hat den alten Großbauer etwas gejuckt. Auf einmal stand auf seinem Hof ein Kartoffel-Verkaufs-Schrank… Nur, das nützte ihm nicht, denn nun gab es bei der Milchtankstelle ebenfalls Kartoffeln. Und  frische Bio-Eier von glücklichen Hühnern, die vor dem Haus der jungen Bauern den Boden aufscharren.
Das mit den Eiern tat mir besonders leid. Wir haben hier einen Vorort: „Jerusalem“. Dort lebt unter anderen Oskar. Er hat einen etwas zwielichtigen Ruf, aber ebenfalls glückliche Hühner und bietet seit vielen Jahren Eier an. 5 C billiger als bei der Milchtankstelle, aber auf einmal reden die Menschen im Dorf seine Eier schlecht.
Ich wollte nun – was die Eier angeht – doch lieber ihn unterstützen, dehnte meinen Hundespaziergang nach „Jerusalem“ aus und war überrascht:
Oskar bietet seinen Konkurrenten die Stirn. Er hat nun Wachtel-Eier im Angebot: Winziges beigefarbenes Gelege mit spritzigen tiefbraunen Flecken. In winzigen Wachtel-Eier-Kartons, die zugekauft werden müssen.
Jetzt führt mich vor jeder Berlin-Fahrt mein Weg nach „Jerusalem“, weil ich den Berlinern gern  etwas  mitbringen will.
Ich weiß, dass  Menschen der Hauptstadt alles Mögliche haben, aber so etwas kleines Geflecktes haben die meisten nicht…

 

                                     

                                       DAS LINKE OHR

 

Mein Ausweis ist abgelaufen – ich muss ins Bürgeramt Kreuzberg.

Als ich vor einem Vierteljahr zum Ummelden hier war, musste ich zwei Stunden warten. Heute ist wohl mein Glückstag. Das Display über der Tür schickt mich bereits nach zehn Minuten in den Raum 17b.

„Moment…“, sagt die sympathische ältere Mitarbeiterin, die gerade telefoniert: „…ja, willst du nun Schluss machen oder nicht…?“

Sie legt auf und wendet sich mir zu: „Sie brauchen jetzt nur noch ein biometrisches Foto.“

Kein Problem – es gibt ja den Foto-Automaten im Wartesaal. Kann der auch meinen 50-Euro-Schein wechseln?

Achselzucken: „Lebensmittel-Geschäft.“

Der Aufzug trägt mich zurück ins Erdgeschoss. Raus aus dem Rathaus. Ich sehe nur einen Getränke-Tabak-Zeitungs-Kiosk.

Die freundliche arabische Frau wechselt meine 50 € in kleinere Scheine.

„Und Münzen?“

„Die brauche ich selber.“

…aber in meiner Jackentasche finde ich Kleingeld. Der Automat nimmt mein Wechselgeld an und gibt elektronisch Anweisung für die biometrisch korrekte Körperhaltung und Mimik. Leider ist gleichzeitig eine Stimme in meinem Kopf: „Mochensemo 's linge Ohr frei.“

Viermaliges Blitzen. Ergebnis: vier Fotos mit rotem Rand, unbrauchbar für den Pass.

Erst langsam begreife ich mein inneres Missverständnis: „…'s linge Ohr frei.“, das war der Befehl der DDR-Grenzbeamten bei der Kontrolle der Menschen, die Westberlin verlassen wollten – vor mindestens dreißig Jahren. Jetzt leben wir in der Zeit des beginnenden digitalen Zahlungsverkehrs.

Ich aber muss wieder wechseln. Niemand im großen Wartesaal hat das passende Kleingeld. Also noch einmal runter.

Die Frau im Kiosk braucht Kleingeld selber. Ich kaufe eine Tüte Gummibärchen bei ihr, bekomme eine blanke 2-Euro-Münze und  noch mehr zurück. Guten Mutes wieder zum Foto-Automaten. Den ersten 5-Euro-Schein spuckt er gleich wieder aus, meldet: „Nur glatte Scheine!“ Aber den zweiten behält er. Jetzt bloß alles richtig machen! Ich starre in das Gesichtsfeld, hebe das Kinn. Keinesfalls lächeln!

Schreckliches Bild, aber mit grünem Rand.

Die freundliche Frau in 17b nimmt es gerne. Jetzt noch die Finger-Abdrücke – alles gut!

Die Gummibärchen-Tüte raschelt in meiner Tasche. Ich werde sie im Dorf verschenken, zusammen mit der Geschichte.

 

                                         

                                        DAS RUFEN

 

Immer, wenn's dämmert, hör ich seinen sanften Ruf und bin ein bisschen gerührt, weil in ihm doch ein Hauch von Fürsorge liegt.

Verheiratet sind sie seit ungefähr fünfzig Jahren, haben schon längst getrennte Schlafzimmer, er noch das große Wohnzimmer dazu – mit Polstergruppe und Flachbildschirm, den er nutzt, wenn er nicht gerade Holz macht.

Sie hat den Raum neben der Eingangstür – schmales Bett mit Aussicht auf ein kleines Fernseh-Gerät – das „von früher“. Reden müssen sie nicht mehr miteinander.

Es gibt schlimmere Arten, alt zu sein.

Beide wissen genau, was zu tun ist: Er macht – wie gesagt – Holz, sie macht die Wäsche und kocht.

Beide führen den Hund aus: Sie geht mit dem Rollator um die verlängerte Ecke – Ben, der Collie ist eher zuhause als sie. Er fährt mit dem Motorroller zur nächsten Kreuzung und ist eher zurück als der Hund.

So ist alles geregelt seit Jahr und Tag. Was gibt's da zu reden?

Dann aber noch dieser Ruf in der Dämmerung: Er ruft die kleine Katze, sie kommt, er bringt sie ins Haus, damit sie etwas Warmes im Bett hat. Deswegen bin ich gerührt.

Ach so – was er eigentlich ruft? Na, was denn wohl: „Muschi, Muschi!"

 

 

GENDER-FRAGEN

 

Die Gender-Fragen unserer Zeit reichen bei mir bis zum Stift. Wie ist das mit Sternchen, /innen und anderer Gender-Correctness? Ich will es ja alles richtig machen, bin schließlich 'ne Frau. Aber was kann ich tun, dass die Sprache trotzdem noch klingt?

Natürlich beschäftigen mich diese Fragen nicht nur am Schreibtisch. Nehmen wir etwa: „Me too“. Bei uns zuhause gab's mehr Schläge als Küsse. Ich hätte mir schon ein paar mehr Küsse gewünscht, doch das ist sehr lange her…

Heute sitze ich – selten genug – mit vier alten Brüdern am Tisch und komm nicht zu Wort – wie schon vor sechzig Jahren. Ich sitze, lausche auf das Stimmengewirr. Es macht mir nicht so viel aus – ich bin´s ja gewohnt. Warum soll ich das ändern und meine Brüder verjagen?

Auch in unserem Dorf stellt kaum jemand Gender-Fragen. Männer reden mit Männern, Frauen mit Frauen – wenn auch nicht mit allen. Was Männer und Frauen zusammen machen, geht niemand was an.

Ein Ehepaar stirbt. Die Sargträger heben eine der Holzkisten an und stellen sie wieder hin – da lag ja die Frau drin…

Kurz: Wo ich bin, ist „Gender“ noch lange kein Thema – ist wohl nicht der richtige Ort.

Aber ich habe ja nun die Wohnung in Berlin/Kreuzberg, komme in unserem Fahrstuhl mit einem Mann ins Gespräch. Wir gehen zum U-Bahnhof „Prinzenstraße“ und reden weiter.

Plötzlich stürzt eine Frau mit wehendem Kopftuch aus einer der Eingangstüren:

„Helfen Sie mir! Mein Schlüssel ist in den Müll-Container gefallen!“

Wir gehen ins Haus. Das Smartphone bescheint Flaschen, Büchsen, einen einzelnen Handschuh und altes Obst, dazwischen: Ein Schlüsselbund. Tief unten liegt es und wartet. Was tun?

Vor den Häusern sind Büsche. Ich finde zwischen ihnen einen fast geraden Ast, knicke ihn so zurecht, dass ein Haken entsteht.

Im Hausflur nimmt mir der Mann das Gerät aus der Hand, zieht damit den Schlüssel heraus.

Die Frau bedankt sich bei ihm mit feuchten Augen. Ich stehe daneben, niemand sieht mich mehr an.

Ich lasse mich und dies alles hier erst mal so stehen…

 

 

EIGENBEDARF und auf Wohnungssuche in Berlin

 

Die Sandgrube wird zur Falle, die Düne zur Wand. Die Bäume um mich herum werden zu sperrigen Gittern – dies alles nur wegen des eingeschriebenen Briefs: „Eigenbedarf des Vermieters…“  
Dabei habe ich diese Wohnung kaum noch genutzt: 100 qm, vier Zimmer, umgeben von einem großen verwilderten Garten. Sie liegt in Berlin-Hermsdorf, ein landschaftlich schöner Vorort, direkt an der einstigen Mauer auf westlicher Seite.
35 Jahre habe ich hier gewohnt, mein Kind großgezogen, Unterricht vorbereitet, Bücher geschrieben und musiziert. Mich mit den Vermietern gestritten und wieder vertragen – es waren die Eltern des jungen Manns mit dem „Eigenbedarf“, der dicht neben meiner Tochter Katharina aufgewachsen ist. Wir haben  ihn damals „Wohnbruder“ genannt…
Seit der Verrentung hat sich mein Schwerpunkt verlagert zu Partner Joachim, „Rudi“, dem Hund, zu Sand, Wald, Wiesen, Dünen im „Zweihundert-Seelen-Dorf“ Lomitz.
In den vier Hermsdorfer Zimmern wohnen zwei junge Menschen zum „Freundschaftspreis“ – gut für mein Gewissen. Wenn ich doch einmal dort bin, trinken wir Kaffee zusammen…
Jetzt also die Kündigung, und die Lomitzer Dorf-Landschafts-Idylle verwandelt sich in ein Bündel von Fragen, die auch mein liebster Joachim  nicht beantworten  kann. Er kommt aus der Großstadt Hamburg, hat sich aber längst entschieden, im Dorf zuhause zu sein.
Seine Entscheidung! Für mich stimmt nichts mehr, wenn ich hier nicht mehr weg kann. Wenn ich nur wüsste, was stimmt!
Ich quäle mich bis zum Bauchweh…
…bis ich eine andere Wohnung in Hermsdorf bekommen kann, und plötzlich bin ich mir sicher: Das stimmt für mich nicht. 
Bauchschmerzen – weg, und ich beginne zu suchen: Wohnungs-Portale im Internet, Freunde, Bekannte ansprechen: „Wenn ihr etwas wisst…“, tägliches  Öffnen der Wohnungs-Mails, Dutzende von Angeboten in allen Teilen Berlins: 2 Zimmer, 3 Zimmer,  Mieten  –  ungefähr doppelt so hoch wie das, was ich bisher gezahlt…, Besichtigungs-Termine zu für mich unmöglichen Zeiten. Ich weiß, ich wäre eine von mindestens  hundert Bewerbern…
Schwindel-Gefühle, Ratlosigkeit  – und nun eine Einzel-Mail:
„Habe für euch eine Wohnung am Mülleimer gefunden – in dem Haus, wo ich wohne. 5. Stock. Wird im September frei. Miete…, Bewerbung  bis…. Wär doch schön! LG, Heinz.“
Ich kenne Heinz seit ungefähr fünfzig Jahren – einer der Menschen, die in meinem Leben immer mal auftauchten und danach verschwanden. Jetzt ist er wieder da. Im tiefsten Kreuzberg, in einem Haus „Ü 50“ im achten Stock. Blick auf einen Park, den glitzernden Landwehr-Kanal und weit über Berlin. Menschen – von Kopf bis zu Füßen  bedeckt und andere in knappen Textilien bewegen sich über die Wege, Hunde rennen auf Wiesen, Kinder spielen im Sand. Zwischen Büschen zwei riesige Ratten. Ist mir egal – ich mag Tiere.
Heinz, schon immer ein guter Organisator, hat uns – als Fensterputzer getarnt – zur Besichtigung  der Wohnung im 5. Stock angesagt. Es öffnet uns eine junge Türkin im Kittel, Tochter des alten Mannes, der hier lebt – beziehungsweise: im Bett liegt, seit Monaten schon. Er will in seine türkische Heimat zurück. Die Wohnung hat sterilen Klinik-Charakter bis auf das Bad mit roten Blüten auf gesprungenen Kacheln…
Der Park ist von hier aus näher gerückt, der Blick in die Ferne dafür etwas verstellt. Ich weiß nun, was ich will.
Wir schreiben eine Bewerbung für mich, Joachim und „Rudi“ den kleinen Hund.
Ich fasse mich kurz: Wir bekommen die Wohnung zu einem halbwegs bezahlbaren Mietpreis. Sie wird vom Vermieter renoviert. Joachim macht den Wohnungswechsel zu seiner eigenen Sache. Wir wenden uns meinen alten vier Zimmern zu…

 

 

PACK DICH - Treibgut des Lebens


Vier Zimmer, ein Kellerraum voller Vergangenheit: Zwischen den Schriften Adornos: Zigaretten-Kippen. Stapel von Zeitschriften, die erste Texte von mir abgedruckt haben – welch Ereignis war das!  Bis zur Unkenntlichkeit verstaubt: Die Blauen Bände von Marx. Überhaupt: Bücher, Bücher, und Bücher! Fachbücher, Romane und Lyrik-Bände, zentnerweise Kinderbücher für unterschiedliches Alter. Audio-Kassetten – vieles selbstaufgenommen, hunderte von Langspielplatten und Singles. Lieblingsschallplatten dabei, die ich unendlich oft hörte. Einige davon vorzugsweise bei unserer Abwasch-Disco, die etwa zwei bis dreimal in der Woche stattfand. Dann stritten Tochter Kathi und ich über die Begleit-Musik, und wenn wir uns nicht einigen konnten, blieb der Abwasch erst einmal stehen…
Es überschwemmt mich wie Wasser: unser persönliches Vorleben, aber noch einschneidender die Mahl-Zeit des technischen Fortschritts. Was mache ich mit dem Plattenspieler, dem Kassetten-Rekorder, dem Vorsintflut-Computer von 2001?
Zwischen den Kisten finde ich Sport-Geräte, vom langen Warten beleidigt und verdreckt. Kinder-Schlittschuhe unterschiedlicher Größen, Langlauf-Skier, höchstens drei Mal benutzt. Starr gewordenes Schlechtes-Mutter-Gewissen. Weil ich selbst so bewegungsfaul war, sollte es meiner Tochter aber an nichts fehlen. Hat sie diese Sachen benutzt? Ich weiß es nicht mehr.
Auch an die Schweine kann ich mich nicht erinnern. Prallvolle Tüte: Schweine aus Plüsch, Porzellan und Plastik, mit oder ohne Schlitz. Dass meine Tochter Schweine sammelte, habe ich  gar nicht gemerkt… Neben den Schweinen ein Packen gebündelter Briefe aus ihrer Pubertätszeit. Nein! Die lese ich nicht. Soll sie selber entscheiden, was damit geschieht.
Je dunkler die Winkel, umso erstaunlichere Erinnerungen finde ich dort:
Eine hohle Papp-Ente mit grünem Hut und langem roten Schnabel – wie die Nase meiner Lieblings-Oma. Sie hat mir damals diese Ente geschenkt. Was habe ich mit dieser Oma für Spiele gemacht – sie war so fantasievoll wie ich.
Ein Holz-Elefant, gebaut von einem der Brüder. Der Lehrer fand ihn so schön, dass er ihn ausstellen wollte, er aber: „Nein! Meine Schwester braucht ihn in Berlin!“ Jetzt bin ich mit dem Bruder verkracht, kann mich erst recht nicht trennen von diesem Tier.
Ein Teddybär, den ich selber hergestellt  habe, etwa drei Jahre vor Kathis Geburt. War wohl ein kompensierter Kinderwunsch. All dies kommt in die kleine Kiste „Muss mit!“ aber – wohin?
An meiner Seite der Mann, der nichts wegwerfen kann. Ich freue mich so, dass er hilft – aber bei jedem Berlin-Aufenthalt lädt er wortkarg seinen VW-Bus mit Dingen voll, die ich überflüssig finde.

„Damit kann man doch noch…“ murmelt er auf meinen fragenden Blick.
Doch zum Glück  bin ich auch oft allein in der alten Wohnung. Dann fülle ich die Glas-Kleider-Müll-Container in meiner Umgebung nach Herzenslust, nutze dankbar und ausgiebig jeden Sperrmüll-Termin und komme mir schlecht vor…

 

 

UNTER NACHBARN


Mein  Auszug ist unübersehbar: Dies deutliche  Ausatmen der vier Zimmer im Souterrain, in denen wir weit über dreißig Jahre lebten.
Jenseits der Straße sehe ich von fern eine Nachbarsfamilie sich nähern: Henkes – zwei ehemalige Lehrer – wie ich. Ab und zu haben wir ein paar Sätze gewechselt…
Ich kenne nach dieser langen Zeit etliche Gesichter aus der Nachbarschaft – aber kaum Namen. Gegrüßt wurde nur in Ausnahmefällen.
Einsam waren wir nicht, es waren Verbindungen da: Kinder im Alter meiner Katharina, später: der Hund. Mindestens so etwas brauchst du in Hermsdorf, um wahrgenommen zu werden. Besser: ein Eigenheim, Ehepartner mit Trauschein, Kinder, Garten und Hund.
Ist nichts von alledem da, wirst du zum Fremdkörper ohne Chance auf Verbindung. Wir aber hatten Kontakt, haben ja immerhin eine Freundesfamilie nach Hermsdorf gelockt, Petra und Horst. Wir haben eine gemeinsame Wohngemeinschafts-Vergangenheit… Die  brachten ihren kleinen Florian mit und kauften ein Haus mit Garten, wie es sich gehört.
Es gab auch die Musiker-Familie jenseits der Straße, die Ex-Kollegin  ein paar Grundstücke weiter, die Menschen in unserem Haus – es waren genug Kontakte für uns, und wir waren beschäftigt genug, um bei Laune zu bleiben.
Selten hörte ich etwas Verräterisches: „Hier haust du!“ sagt eine Kindergarten-Mutter zu mir, als sie das erste Mal unsere Wohnung betritt.
Ich schüttele die drei Worte ab und vergesse sie nicht…
Petra, die alte Freundin, bedauert, dass ich hier wegziehe, aber: „Du hast doch sowieso keine Freunde mehr hier!“
„Stimmt nicht“, denke ich, lasse es aber so stehen.
Je mehr ich räume, umso klarer wird mir: Es ist richtig zu gehen. Alt werden im gemieteten Souterrain zwischen Jung-Familien-Eigenheim-Wohlstand  –  ein Alptraum.
Jetzt ist Familie Henke näher gekommen: Großeltern, Tochter, zwei Enkel. Die ganz alten Leute sind sicherlich Urgroßeltern.
Henkes starren zu mir, während ich Sperrmüll sortiere. Gleich werden sie halten und fragen:
„Ach, du ziehst um? Warum denn? Wohin denn?“ Aber sie starren und starren, grüßen nicht, gehen vorbei…
Mir fällt nun ein, wann ich zuletzt etwas hören durfte von ihnen: Ich war auf der Höhe des Zeitungsladens am Waldseeweg. Bernd Henke rief von der anderen Straßenseite herüber:
„Na du, in deinem Keller…“