Ursula Eisenberg

 

 

 

Von der Großstadt ins Dorf -

und umgekehrt.

Ein Leben zwischen den Stühlen 

SCHULE, KIND und LITERATUR.

Kreuzweisheit - zwischen Großstadt und Dorf

 

GENDER-FRAGEN

 

 

 

Die Gender-Fragen unserer Zeit reichen bei mir bis zum Stift. Wie ist das mit Sternchen, /innen und anderer Gender-Correctness? Ich will es ja alles richtig machen, bin schließlich 'ne Frau. Aber was kann ich tun, dass die Sprache trotzdem noch klingt?

 

Natürlich beschäftigen mich diese Fragen nicht nur am Schreibtisch. Nehmen wir etwa: „Me too“. Bei uns zuhause gab's mehr Schläge als Küsse. Ich hätte mir schon ein paar mehr Küsse gewünscht, doch das ist sehr lange her…

 

Heute sitze ich – selten genug – mit vier alten Brüdern am Tisch und komm nicht zu Wort – wie schon vor sechzig Jahren. Ich sitze, lausche auf das Stimmengewirr. Es macht mir nicht so viel aus – ich bin´s ja gewohnt. Warum soll ich das ändern und meine Brüder verjagen?

 

Auch in unserem Dorf stellt kaum jemand Gender-Fragen. Männer reden mit Männern, Frauen mit Frauen – wenn auch nicht mit allen. Was Männer und Frauen zusammen machen, geht niemand was an.

 

Ein Ehepaar stirbt. Die Sargträger heben eine der Holzkisten an und stellen sie wieder hin – da lag ja die Frau drin…

 

Kurz: Wo ich bin, ist „Gender“ noch lange kein Thema – ist wohl nicht der richtige Ort.

 

Aber ich habe ja nun die Wohnung in Berlin/Kreuzberg, komme in unserem Fahrstuhl mit einem Mann ins Gespräch. Wir gehen zum U-Bahnhof „Prinzenstraße“ und reden weiter.

 

Plötzlich stürzt eine Frau mit wehendem Kopftuch aus einer der Eingangstüren:

 

„Helfen Sie mir! Mein Schlüssel ist in den Müll-Container gefallen!“

 

Wir gehen ins Haus. Das Smartphone bescheint Flaschen, Büchsen, einen einzelnen Handschuh und altes Obst, dazwischen: Ein Schlüsselbund. Tief unten liegt es und wartet. Was tun?

 

Vor den Häusern sind Büsche. Ich finde zwischen ihnen einen fast geraden Ast, knicke ihn so zurecht, dass ein Haken entsteht.

 

Im Hausflur nimmt mir der Mann das Gerät aus der Hand, zieht damit den Schlüssel heraus.

 

Die Frau bedankt sich bei ihm mit feuchten Augen. Ich stehe daneben, niemand sieht mich mehr an.

 

Ich lasse mich und dies alles hier erst mal so stehen…

 

 

 

 

 

EIGENBEDARF und auf Wohnungssuche in Berlin

 

Die Sandgrube wird zur Falle, die Düne zur Wand. Die Bäume um mich herum werden zu sperrigen Gittern – dies alles nur wegen des eingeschriebenen Briefs: „Eigenbedarf des Vermieters…“  
Dabei habe ich diese Wohnung kaum noch genutzt: 100 qm, vier Zimmer, umgeben von einem großen verwilderten Garten. Sie liegt in Berlin-Hermsdorf, ein landschaftlich schöner Vorort, direkt an der einstigen Mauer auf westlicher Seite.
35 Jahre habe ich hier gewohnt, mein Kind großgezogen, Unterricht vorbereitet, Bücher geschrieben und musiziert. Mich mit den Vermietern gestritten und wieder vertragen – es waren die Eltern des jungen Manns mit dem „Eigenbedarf“, der dicht neben meiner Tochter Katharina aufgewachsen ist. Wir haben  ihn damals „Wohnbruder“ genannt…
Seit der Verrentung hat sich mein Schwerpunkt verlagert zu Partner Joachim, „Rudi“, dem Hund, zu Sand, Wald, Wiesen, Dünen im „Zweihundert-Seelen-Dorf“ Lomitz.
In den vier Hermsdorfer Zimmern wohnen zwei junge Menschen zum „Freundschaftspreis“ – gut für mein Gewissen. Wenn ich doch einmal dort bin, trinken wir Kaffee zusammen…
Jetzt also die Kündigung, und die Lomitzer Dorf-Landschafts-Idylle verwandelt sich in ein Bündel von Fragen, die auch mein liebster Joachim  nicht beantworten  kann. Er kommt aus der Großstadt Hamburg, hat sich aber längst entschieden, im Dorf zuhause zu sein.
Seine Entscheidung! Für mich stimmt nichts mehr, wenn ich hier nicht mehr weg kann. Wenn ich nur wüsste, was stimmt!
Ich quäle mich bis zum Bauchweh…
…bis ich eine andere Wohnung in Hermsdorf bekommen kann, und plötzlich bin ich mir sicher: Das stimmt für mich nicht. 
Bauchschmerzen – weg, und ich beginne zu suchen: Wohnungs-Portale im Internet, Freunde, Bekannte ansprechen: „Wenn ihr etwas wisst…“, tägliches  Öffnen der Wohnungs-Mails, Dutzende von Angeboten in allen Teilen Berlins: 2 Zimmer, 3 Zimmer,  Mieten  –  ungefähr doppelt so hoch wie das, was ich bisher gezahlt…, Besichtigungs-Termine zu für mich unmöglichen Zeiten. Ich weiß, ich wäre eine von mindestens  hundert Bewerbern…
Schwindel-Gefühle, Ratlosigkeit  – und nun eine Einzel-Mail:
„Habe für euch eine Wohnung am Mülleimer gefunden – in dem Haus, wo ich wohne. 5. Stock. Wird im September frei. Miete…, Bewerbung  bis…. Wär doch schön! LG, Heinz.“
Ich kenne Heinz seit ungefähr fünfzig Jahren – einer der Menschen, die in meinem Leben immer mal auftauchten und danach verschwanden. Jetzt ist er wieder da. Im tiefsten Kreuzberg, in einem Haus „Ü 50“ im achten Stock. Blick auf einen Park, den glitzernden Landwehr-Kanal und weit über Berlin. Menschen – von Kopf bis zu Füßen  bedeckt und andere in knappen Textilien bewegen sich über die Wege, Hunde rennen auf Wiesen, Kinder spielen im Sand. Zwischen Büschen zwei riesige Ratten. Ist mir egal – ich mag Tiere.
Heinz, schon immer ein guter Organisator, hat uns – als Fensterputzer getarnt – zur Besichtigung  der Wohnung im 5. Stock angesagt. Es öffnet uns eine junge Türkin im Kittel, Tochter des alten Mannes, der hier lebt – beziehungsweise: im Bett liegt, seit Monaten schon. Er will in seine türkische Heimat zurück. Die Wohnung hat sterilen Klinik-Charakter bis auf das Bad mit roten Blüten auf gesprungenen Kacheln…
Der Park ist von hier aus näher gerückt, der Blick in die Ferne dafür etwas verstellt. Ich weiß nun, was ich will.
Wir schreiben eine Bewerbung für mich, Joachim und „Rudi“ den kleinen Hund.
Ich fasse mich kurz: Wir bekommen die Wohnung zu einem halbwegs bezahlbaren Mietpreis. Sie wird vom Vermieter renoviert. Joachim macht den Wohnungswechsel zu seiner eigenen Sache. Wir wenden uns meinen alten vier Zimmern zu…

 

PACK DICH - Treibgut des Lebens


Vier Zimmer, ein Kellerraum voller Vergangenheit: Zwischen den Schriften Adornos: Zigaretten-Kippen. Stapel von Zeitschriften, die erste Texte von mir abgedruckt haben – welch Ereignis war das!  Bis zur Unkenntlichkeit verstaubt: Die Blauen Bände von Marx. Überhaupt: Bücher, Bücher, und Bücher! Fachbücher, Romane und Lyrik-Bände, zentnerweise Kinderbücher für unterschiedliches Alter. Audio-Kassetten – vieles selbstaufgenommen, hunderte von Langspielplatten und Singles. Lieblingsschallplatten dabei, die ich unendlich oft hörte. Einige davon vorzugsweise bei unserer Abwasch-Disco, die etwa zwei bis dreimal in der Woche stattfand. Dann stritten Tochter Kathi und ich über die Begleit-Musik, und wenn wir uns nicht einigen konnten, blieb der Abwasch erst einmal stehen…
Es überschwemmt mich wie Wasser: unser persönliches Vorleben, aber noch einschneidender die Mahl-Zeit des technischen Fortschritts. Was mache ich mit dem Plattenspieler, dem Kassetten-Rekorder, dem Vorsintflut-Computer von 2001?
Zwischen den Kisten finde ich Sport-Geräte, vom langen Warten beleidigt und verdreckt. Kinder-Schlittschuhe unterschiedlicher Größen, Langlauf-Skier, höchstens drei Mal benutzt. Starr gewordenes Schlechtes-Mutter-Gewissen. Weil ich selbst so bewegungsfaul war, sollte es meiner Tochter aber an nichts fehlen. Hat sie diese Sachen benutzt? Ich weiß es nicht mehr.
Auch an die Schweine kann ich mich nicht erinnern. Prallvolle Tüte: Schweine aus Plüsch, Porzellan und Plastik, mit oder ohne Schlitz. Dass meine Tochter Schweine sammelte, habe ich  gar nicht gemerkt… Neben den Schweinen ein Packen gebündelter Briefe aus ihrer Pubertätszeit. Nein! Die lese ich nicht. Soll sie selber entscheiden, was damit geschieht.
Je dunkler die Winkel, umso erstaunlichere Erinnerungen finde ich dort:
Eine hohle Papp-Ente mit grünem Hut und langem roten Schnabel – wie die Nase meiner Lieblings-Oma. Sie hat mir damals diese Ente geschenkt. Was habe ich mit dieser Oma für Spiele gemacht – sie war so fantasievoll wie ich.
Ein Holz-Elefant, gebaut von einem der Brüder. Der Lehrer fand ihn so schön, dass er ihn ausstellen wollte, er aber: „Nein! Meine Schwester braucht ihn in Berlin!“ Jetzt bin ich mit dem Bruder verkracht, kann mich erst recht nicht trennen von diesem Tier.
Ein Teddybär, den ich selber hergestellt  habe, etwa drei Jahre vor Kathis Geburt. War wohl ein kompensierter Kinderwunsch. All dies kommt in die kleine Kiste „Muss mit!“ aber – wohin?
An meiner Seite der Mann, der nichts wegwerfen kann. Ich freue mich so, dass er hilft – aber bei jedem Berlin-Aufenthalt lädt er wortkarg seinen VW-Bus mit Dingen voll, die ich überflüssig finde.

„Damit kann man doch noch…“ murmelt er auf meinen fragenden Blick.
Doch zum Glück  bin ich auch oft allein in der alten Wohnung. Dann fülle ich die Glas-Kleider-Müll-Container in meiner Umgebung nach Herzenslust, nutze dankbar und ausgiebig jeden Sperrmüll-Termin und komme mir schlecht vor…

 

UNTER NACHBARN


Mein  Auszug ist unübersehbar: Dies deutliche  Ausatmen der vier Zimmer im Souterrain, in denen wir weit über dreißig Jahre lebten.
Jenseits der Straße sehe ich von fern eine Nachbarsfamilie sich nähern: Henkes – zwei ehemalige Lehrer – wie ich. Ab und zu haben wir ein paar Sätze gewechselt…
Ich kenne nach dieser langen Zeit etliche Gesichter aus der Nachbarschaft – aber kaum Namen. Gegrüßt wurde nur in Ausnahmefällen.
Einsam waren wir nicht, es waren Verbindungen da: Kinder im Alter meiner Katharina, später: der Hund. Mindestens so etwas brauchst du in Hermsdorf, um wahrgenommen zu werden. Besser: ein Eigenheim, Ehepartner mit Trauschein, Kinder, Garten und Hund.
Ist nichts von alledem da, wirst du zum Fremdkörper ohne Chance auf Verbindung. Wir aber hatten Kontakt, haben ja immerhin eine Freundesfamilie nach Hermsdorf gelockt, Petra und Horst. Wir haben eine gemeinsame Wohngemeinschafts-Vergangenheit… Die  brachten ihren kleinen Florian mit und kauften ein Haus mit Garten, wie es sich gehört.
Es gab auch die Musiker-Familie jenseits der Straße, die Ex-Kollegin  ein paar Grundstücke weiter, die Menschen in unserem Haus – es waren genug Kontakte für uns, und wir waren beschäftigt genug, um bei Laune zu bleiben.
Selten hörte ich etwas Verräterisches: „Hier haust du!“ sagt eine Kindergarten-Mutter zu mir, als sie das erste Mal unsere Wohnung betritt.
Ich schüttele die drei Worte ab und vergesse sie nicht…
Petra, die alte Freundin, bedauert, dass ich hier wegziehe, aber: „Du hast doch sowieso keine Freunde mehr hier!“
„Stimmt nicht“, denke ich, lasse es aber so stehen.
Je mehr ich räume, umso klarer wird mir: Es ist richtig zu gehen. Alt werden im gemieteten Souterrain zwischen Jung-Familien-Eigenheim-Wohlstand  –  ein Alptraum.
Jetzt ist Familie Henke näher gekommen: Großeltern, Tochter, zwei Enkel. Die ganz alten Leute sind sicherlich Urgroßeltern.
Henkes starren zu mir, während ich Sperrmüll sortiere. Gleich werden sie halten und fragen:
„Ach, du ziehst um? Warum denn? Wohin denn?“ Aber sie starren und starren, grüßen nicht, gehen vorbei…
Mir fällt nun ein, wann ich zuletzt etwas hören durfte von ihnen: Ich war auf der Höhe des Zeitungsladens am Waldseeweg. Bernd Henke rief von der anderen Straßenseite herüber:
„Na du, in deinem Keller…“