Dieter Lenz

Körperkontakt

Mein früheres Leben kommt mir vor wie in Wasserfarben gemalt. Alles fließt ineinander. Vermutlich weil ich zwischen zwei Leben hin- und herpendelte. Dann aber entschied ich mich für nur ein Leben, und das hat klare Umrisse,  hat Grenzen … ja, Grenzen. Darin bin ich dem Bullen ähnlich, der am Elektrozaun stehen blieb und uns Davongerannten einen langen Blick nachsandte. Ich hätte nie gedacht, dass ich mich jemals mit einem Tier vergleichen würde, noch dazu mit einem Bullen, schließlich ist nichts von einem Bullen an mir. Innerhalb meiner Grenzen bin ich jetzt glücklich und letzten Endes war die grenzenlose Freiheit in Vita Univers nur eine Droge, deren elektronischer Finger mein Hirn berührte und etwas schuf, das ich heute so nennen möchte: ein recyceltes Leben.

Mein Name ist Ralf Benedikt, ich bin ein „Staatskind“. Mein Vater ist der Staat, meine Mutter die Menschheit. Wie viele Frauen, die an ihren Neugeborenen nicht interessiert sind, hatte mich eine nach der Geburt dem Staat überlassen.

Man kann es sicher als Witz bezeichnen, dass mein Job darin bestand, als Vertreter der Staatlichen Samenbank männerlosen Frauen zu ihrem Mutterglück zu verhelfen.

Zwei Jahre machte ich es schon, als ich zu Beatrice Bäumler geschickt wurde. Gerade war sie 25 Jahre alt geworden.

Man hatte mich gewarnt. Sie sei im Vorstand der Naturkolonie und sie sei schwierig.

Ich war überzeugt, es handele sich nur um eine Prüfung. Womöglich glaubte man im Vorstand der Kolonie, ich überrede ihre Frauen zu einer künstlichen Befruchtung. Dabei war mir das ganz egal. Wozu war die Naturkolonie überhaupt nütze? Sollten doch alle aussterben. Die dort lebenden Menschen hatten etwas Triebhaftes und Raubtierhaftes. Und bestimmt ohne Gehirn, wie konnte man sonst auf die Errungenschaften unserer Zeit verzichten.

 

Ihr Haus stand in Sichtweite eines Sees. Das Gespräch fand in Parterre statt in einem Eckzimmer mit gläsernen Bücherschränken und einem Flügel.

Während ich eingeklemmt in einem Korbsessel saß, der bei jeder Bewegung knarrte, lehnte sie mit dem Rücken am Flügel, die Ellbogen auf der Klaviatur, und starrte mich an.

Ich hielt meine Standardrede. Sie könne sich aus der Samenbank bedienen, die Eigenschaften jedes Samenspenders seien ausführlich dokumentiert. Kosten entstünden ihr keine, im Gegenteil, der Staat finanziere sogar die Entbindung.

Dann reichte ich ihr das Informationsmaterial, sie stieß sich vom Flügel ab, der gab einen dunklen Ton von sich. Ich zuckte leicht zusammen.

Sie lachte auf und griff nach den Papieren.

„Ich will nicht nur den Samen. Wenn Sie erlauben: ich will auch den Mann. Und ich weiß auch schon wen: Sie.“

Sie nahm mich auf den Arm. Oder war das ihre Art von Humor? Ich lachte höflich, packte meine Sachen zusammern und ging.

Gerade als sich hinter mir die Haustür schloss, besprang unten an der Treppe ein gelbfarbiger Kater eine Katze. Ich gab beiden einen Fußtritt. Aufkreischend verschwand der Kater, die Katze duckte sich, blieb liegen.

Die Sonne strahlte, die Bäume waren grün. Die Erde dampfte, es war Frühling und die Natur zeigte sich wie immer mit ihrer ungeheuren Wut der Begattung und Befruchtung.

Was für ein viehisches Leben.

 

Nachdem ich mit meine Besuchsprotokolle an die Zentrale geschickt hatte, machte ich es mir gemütlich. Ich gönnte mir einen Ausflug ins Vita Univers. Den Brainer aufgesetzt. Wunschort, Wunschzeit: Ägypten, Zeit der Pharaonen. Wüste .. Ein sanftes Ocker .. Ich schmeckte Sand zwischen den Zähnen, reduzierte die Windstärke. Lufttemperatur und das Gefühl der nackten Füße im Sand, das war die erste Stufe des Vergnügenst. Und jetzt: Kleopatra! Über eine marmorne Treppe kam sie mir entgegen, in ein leichtes Seidengewand gekleidet, doch als sie vor mir stand und mich mit schwarz untermalten Augen ansah, gefiel sie mir nicht. Zu große Nase, zu dick geschminkt, und ihre Figur glich mehr einer Bauchtänzerin als einer blutjungen Kaiserin, also formte ich mir etwas Feineres, schlank und geschmeidig mit einem mädchenhaften Gesicht. Gefiel mir auch nicht. War nicht geheimnisvoll genug, das lag wohl an den blassen Augen. Spontan verpasste ich ihr eine Männerkleidung. Reiner Übermut, hinaus geschmissenes Geld. Steckte ihr eine Zigarette in den Mund, entdeckte eine Ähnlichkeit mit einem Vamp, rückte sie wieder ins Majestätische, was aber misslang: sie glich jetzt einer Voodoo-Priesterin. Schließlich überließ ich alles Weitere dem Zufallmodus. Ich wurde zum Tempelherrn, ließ mich mit ihr in einer Sänfte durch das Volk tragen, , als mich ein widerliche Signal aufscheuchte. Das Trompetensignal meines Chefsl. Es musste etwas Wichtiges sein, wenn er mein Spiel zerstörte. Er behauptete zwar, er nutze Vita Univers, weil man dort Geheimgespräche führen könne, aber ich meine, er spielte einfach gerne, auch während der Arbeit. Ich brach das Spiel ab, loggte mich ein in seines und schon stand ich vor ihm. Er saß in seiner Lieblingspose als Kosakengeneral auf einer Bank mit Blick auf einen Seerosenteich. Er mochte das Kitschige. 

Er trug eine weiße Pelzmütze und einen dunkelblauen Mantel mit rotem Schultertuch, am Gürtel ein kurzer Dolch. Und ich war wie befohlen der getreue Leutnant im hellblauen Waffenrock, einer gelben Reithose, Schaftstiefeln und einem Tschako auf dem Kopf.

Die Schwänze seines Seelöwenbartes baumelten an den Mundwinkeln.

Ich salutierte.

„Setzen!“

Ich gehorchte, kam dabei fast zu Fall. Der verdammte Säbel war mir zwischen die Beine geraten....

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