Dieter Lenz

Kärleken

 

An diesem Abend war die Hauswand im Licht der untergehenden Sonne rot wie ein Fuchsfell, sogar die Luft schimmerte rötlich und auch Lillemors Haar war von der Sonne rot gefärbt. Sie stand vor mir auf der untersten Treppenstufe. Das Rot fesselte mich. Ein Rot, das sich an den Schläfen kräuselte, ein Rot, das einen schlanken, kräftigen Nacken verbarg. Und je mehr ich es betrachtete, um so mehr erfreute es mich, und es sollte später in Berlin sein, dass ich das Rot der APO-Fahnen nie mit Blut oder Feuer gleichsetzte, sondern mit dem Rot dieses Abends vor einem falunroten Haus und dem roten Haar eines Mädchens. Und auch heute noch stimmt mich das Rot vergnügt, ja, auch heute noch. Aber an diesem Abend betrank ich mich zum ersten Mal an dieser Farbe und mein mickriges Herz schwoll an.

Leises, kehliges Lachen. Ein Zucken 1äuft über den Nacken unter mir. Entfernt scheppert ein Blecheimer. Etwas in mir rollt sich behaglich zusammen. Drüben schöpft Oskar in seiner Fichtengrotte noch mal Wasser aus dem Brunnen, bevor er schlafen geht.

Wieder das Lachen. Lillemor dreht sich um.

,,Träumst du?“

Ihre Augen sind dunkel, ihre Stimme ist hell und knirschig wie Fußtritte im Schnee.

,,Rauchst du?“

Mechanisch nick ich, zupf linkisch eine Zigarette aus der zerknautschten Packung. Sie knipst eine Flamme an, mit ausgestrecktem Arm reicht sie mir Feuer, ich beug den Kopf. Die Haustür schlägt gegen meinen Rücken, Sven-Gösta, der Pflegesohn der Svenssons, bellt durch den Spalt:

,,Rauchen verboten!“

Lillemor fragt: ,,Willst auch eine?“

Knallend zieht der Junge die Tür zu. Wir hören seine dröhnende Stimme: ,,Mörderin! Mörderin!.. Lisa! Schaff Lillemor fort! Sie will mich vergiften!"

Wir lachen. Sie lehnt sich an mich.

Karamellrotes Haar. Es war nicht gefärbt, das Haar, es war wirklich so rot.

 

Wir hatten das Geschirr gespült und unterhielten uns. Der See blinkte durch das Birkengrün am Ufer zu uns herauf, da sagte sie plötzlich: ,,Du hast mir versprochen, mit mir auf dem See zu rudern!“

Ich erinnerte mich. Sie hatte behauptet, sie sei zu schwach, um zu rudern, und dabei hatte sie mir ihre spindeldürren Arme hingehalten. Jetzt aber waren sie wieder gerundet. ,,Versprochen ist versprochen.. .“ schnitt sie mir das Wort ab, und so zogen wir los. Beim Mittagessen hatte es wolkenbruchartig geregnet. Jetzt dampfte die Erde in der Sonne. Jeder Busch, jedes Kraut strömte seinen Geruch aus. Die noch nassen Birkenblätter blitzten im Licht. Das Ruderboot war schwarz vor Nässe, ich wendete die Sitzbretter auf die trockene Seite, währenddessen begann Lillemor mit der Schöpfschaufel das Wasser in weitem Bogen aus dem Boot zu schütten.

Ich setzte mich auf die Ruderbank und sah zu. Sie kauerte barfüßig vor mir, das Kinn beinahe auf den Knien, das Kleid hatte sie über die Schenkel aufgerollt. Ohne aufzublicken, schippte sie das Regenwasser in den See. In der Nähe bestiegen zwei Männer mit Angelruten ein weißes Ruderboot. Sie ließ die Schaufel sinken und sah ihnen zu, und auch ich betrachtete das Ruderboot mit den Männern, die mit tiefen ruhigen Ruderschlägen das Ufer und uns zurückließen. Wir hörten das Knarren der Ruder, und wenn die Ruderblätter eintauchten, schmatzte der See. Die Männer warfen sich nur selten Worte zu, dann klang es wie das Wechseln von Signalen. Immer kleiner wurde das Boot. Bald sahen wir nur noch das rhythmische Aufblinken der roten Ruderblätter: sie glichen zwei Rubinenaugen weit draußen im See, die ihre Lider auf- und niederschlugen.

Ich bemerkte es kaum, aber dann musste ich es spüren. Lillemor hatte meine linke Hand ergriffen und bog und streckte meine Finger, einen nach dem anderen. Und plötzlich beugte sie sich nach vorn und küsste die Kuppe des Mittelfingers. Sie ließ meine Hand fallen, schaute wieder zu dem Boot hinaus, dessen Rubinenaugen erloschen waren. Die Männer hatten ihr Ziel erreicht und warfen ihre Angeln aus.

Das Nachmittagslicht der Sonne glitt über den See, es schuf um uns einen Kreis, als wollte es uns vor der Welt schützen. Ich sah, dass Lillemor leise lächelte. Ein sumpfiger Luftzug aus dem Birkenwäldchen am Ufer riffelte Flecken in den Seespiegel. Ich hätte ewig so sitzen können, Lillemor an meiner Seite und den See vor Augen. Aber dann verlangte sie, umzukehren.

Als das Boot am Steg anlegte, stand sie auf, strich ihr Kleid zurecht, schlüpfte mit den nackten Füßen in die Holzschuhe und lief hinauf zum Haus. Sie beeilte sich, um beim Kuchenbacken zu helfen.

Spät in der Nacht, alle waren schon in ihren Zimmern, betrachtete ich immer wieder die Spitze meines Mittelfingers: wie weich ihre Lippen sind, Teufel auch! Erst jetzt spürte ich es richtig.

Draußen war ein mandelweißer Mond. Er warf von der Birke einen belaubten Zweig durchs Fenster, da lag er wie verkohlt vor meinem Bett, und ich sah, wie er zitterte..

 

In der Diele klopft der Schallplattenspieler einen Letkajenka. Die finnische Polka für Hasen. Hopp, hopp, hopp - ich hüpfe dem Leithasen nach und halte ihn bei den Hüften gefasst. Herrje, der Hase ist ja eine Häsin!

Lillemor stößt ihren linken Fuß seitwärts. Der züngelte wie eine Schlange. Aber gerade so lebendig muss der Fuß sein beim Letkajenka. Sie schüttelt die Clogs von den Füßen und tanzt jetzt barfuß. Klatsch, klatsch, klatsch . . . ,,In die Hocke gehn!“ schreit sie. Aber da ist die Polka vorbei. Sie setzt die Nadel wieder auf die Platte. ,,Los, noch mal.“ Diesmal steht sie hinter mir, fasst mich an den Hüften und lenkt mich. Sie hat kräftige Hände. Ich spüre ihre Wärme durch mein Hemd.

Inzwischen klatschen auch meine nackten Sohlen auf das Linoleum. Die Sonne, die durchs Dielenfenster fä1lt, malt rote Vierecke darauf. Das Haus hebt seinen Rock, hüpft vorsichtig unter dem misstrauischen Blick der Nachbarhäuser. Möwen stehen still in der Luft, der Atem der Birken ist gewebt aus Mückentänzen.

Am Nachmittag stöberte ich im Bibliothekszimmer, fand ein Tucholsky-Buch: Mit 5 PS. Genau meine Pferdestärke. Und damit zog ich durch das Berlin der zwanziger Jahre. Interessant. Aber dass sich Tucholsky in Schweden umbrachte, beunruhigte mich. Wie kann man in dieser Umgebung sein Leben beenden? Leise ging die Tür auf, mein Zimmer war dämmrig vom Birkenlaub am Fenster. Ich hatte die kleine Leselampe über meinem Kopf angeknipst. Aus dem Dunkel kam ein leises Wellenschlagen, mit zwei Schwimmstößen glitt jemand neben mir aufs Bett, es war Lillemor. Als sie mir die Jeans aufknöpfte und ihre Finger an meinem Glied zu spielen begannen, glaubte ich, in Ruhe weiterlesen zu können. Aber dann griff sie fester zu und die Zeilen gerieten durcheinander, und ich erlebte etwas, was ich damals nicht nennen konnte, erst später in West-Berlin verriet mir ein Student die wissenschaftliche Bezeichnung. Danach schmiegte sie sich an mich, seufzte: ,,Großer Gott! Seit vier Monaten hab ich keinen Mann gehabt . . . Kannst du dir das vorstellen?“

Lautlos, wie sie gekommen war, huschte sie davon. Unten läuteten die Messingstäbe zum Kaffeetisch. Nach einer Weile ging auch ich hinunter, Lillemor saß schon dort, lachte ihr perlendes Lachen.

Am späten Abend schlich ich über den schmalen Flur zu ihr. Sie hatte das Zimmer meinem gegenüber. Sie lag im Bett, eine Illustrierte lesend, über ihr brannte die Leselampe. Sie blickte auf, sah mich, zog die Bettdecke an den Mund und kicherte.

Wir mussten leise sein und so verwandelte sie sich in eine Wildgans, flog über mir, mit jedem Flügelschlag sank tiefer auf mich zu, bis ihr Gesicht nahe dem meinen war. Plötzlich schloss sie die Augen und begann mit den Zähnen zu knirschen, schließlich fiel sie zur Seite, murmelte: ,,Genug! Nicht mehr . . .“ und schlief ein. Ich konnte es nicht glauben, beugte mich über ihr Gesicht. Auf der Wange eine Spur. Tränen. Weinte sie? Sie öffnete die Augen, sah meine Verwirrung, lächelte und bat mich, ihren Rücken zu streicheln. Das tat ich, bis sie wirklich eingeschlafen war.

Noch einmal kam ich nachts zu ihr. Und diesmal redete sie. Es war, als sei ein Damm gebrochen.

Ihr Vater fuhr zur See. Kam er von langer Fahrt zurück, knöpfte er sich sofort die Frau vor, ob sie wollte oder nicht. Einmal konnte sie wegen ihrer Tage nicht, da nahm er einen Eierkuchen vom Tisch, onanierte damit und warf ihn zum Fenster hinaus.Auch der winzige Knick in Lillemors Nasenbein stammte von ihm. Er hatte sie gegen die Tischkante gestoßen.

Ja, sie wurde süchtig, aber das merkte niemand bis zu dem Tag, als sie im Schwimmbecken ohnmächtig wurde und unterging. Danach schickte man sie zu den Svenssons. Auf dem Land würde sie, anders als in Stockholm, keine Rauschmittel mehr bekommen und clean werden. Sie schilderte, wie junge Mädchen sich das Geld für Rauschmittel verschaffen. In Stockholms Centralstation lassen sie sich von einem Fotoautomaten knipsen. Sie knien auf dem Sitz, heben ihr Kleid bis über den Kopf, drunter tragen sie nichts. Die Fotos bringen sie teuer an den Mann.

Und dann flüsterte sie, sie hätte zur Stockholmer Unterwelt Verbindung. Sie müsse um für Leben fürchten, wenn ihre Adresse in Stockholm bekannt würde. Mir schien, als hörte sie ihrer eigene Geschichte zu.

Ich wollte ihre Brüste streicheln, sie drückte sich mit dem Rücken gegen die Wand, riss die Decke an sich: ,,Rühr sie nicht an! Kein Mann darf das! Keiner!“

 

Ein Sonntagmorgen im Mai. Halbnackt steh ich am offenen Fenster. Ich sauge die frische Luft ein, dabei schnappt meine Nase die verschiedensten Gerüche auf, und jeder knipst ein Bild in mir an. Staubfeuchte, klamm und scharf: Smålands Sandstraßen, tagsüber braune, in der Nacht weiße Muskelstränge, die Wälder und Seen zusammenschnüren. Dann ein Wind, mit Wurmgeruch, schau: sprießende Felder, darüber ein Porzellanhimmel, in der Ferne das Silbergeknitter eines Sees. Ein neuer Luftzug, schwer vom Fliederduft, vermischt mit Harzaroma - ja, das kommt von Oskars Grundstück und ich sehe den Alten, wie er seine Fische schuppt.

Unten schlägt die Haustür gegen das Eisengeländer, mit knallenden Clogs schlappt Gunnar nach draußen. Unter seinem T-Shirt im verwaschenen Rot spannen sich seine Rückenmuskeln. Er ist auf dem Weg zum Treibhaus Aus der Tür schlüpft Lillemor, sie springt barfüßig auf die Sandstraße, wendet sich mir zu.

Zum ersten Mal trägt sie einen Rock, er ist üppig geblümt, darüber eine weiße Bluse. ,,Schluckst wohl schon wieder Pervitin“, ruf ich.

Als Antwort hebt sie den Rocksaum bis zur Brust. Auf dem knallroten, mit Spitzen versehenen Slip steht vorne in Schwarz ,,Nej“. Mit einer kleinen Handbewegung schlägt sie ein Tuch zurück und jetzt sehe ich ein weißes ,,Ja“. Sie lacht auf und rennt ins Haus zurück.

Nach dem Frühstück schaukeln Gunnar und ich im Ruderboot auf dem See, Gunnar wirft ein Netz aus. Die Wasserfläche ist eine Glasscheibe über einer atemberaubend tiefen Grotte. Eisverkrustete Schneegehänge reichen in ihre Tiefe. Es sind die Spiegelbilder der Wolken. Eine Lachmöwe zieht mit trägem Flügelschlag an uns vorbei. Unterhalb der Glasscheibe fliegt eine Möwe mit. Den Schnabel einander zugekehrt, beäugen sie sich im Flug. Sie ziehen schnurgerade über den See, bis ich die Möwe aus den Augen verliere.

Wir kehren heim, und Lillemor neckt uns, weil wir nicht wie die Dörfler in der Kirche waren.

Gunnar zeigt zum See und sagt: ,,Wir waren aber in der Kirche. Dort!“

Und ich geb ihm recht.

 

An einem Nachmittag - die Svensson waren im Hembygdspark, gemeinsam räumten die Dörfler den Park auf für den Flaggentag am 6. Juni - ging Lillemor an die Truhe in der Diele, in der Stoffreste und abgelegte Kleidungsstücke als Material für Flickenteppiche lagen. Sie wühlte darin, hob das Gefundene gegen das Dielenfenster und begann sich auszukleiden und in die verschiedenen Gewänder zu schlüpfen.

Sie war zierlich, von kleiner Gestalt, das meiste, was sie fand, war daher viel zu groß für sie. Sie genoss das Versinken in Leinen, Flanell und Seide, sie verschwand in einem langen violetten Umhang, einer Art Morgenrock mit dickem Kordelgürtel, und versuchte ein würdevolles Schreiten durch die Diele. Der Umhang schleifte nach, ich trat darauf. Zornig schrie sie auf, drehte sich und purzelte hin. Der Morgenrock schlug auseinander, sie blieb liegen, räkelte sich, strampelte sich immer freier, bis sie völlig nackt auf dem Umhang lag. Die Nachmittagssonne lappte ihre Zunge durchs Fenster, sie leckte den Körper, der wie Bernstein aufschimmerte.

Es machte Lillemor nichts aus, vom Fensterlicht beleuchtet zu werden, sie sagte: ,,Veckors flicka!" und damit meinte sie das unbekleidete Wochenmädchen in der Zeitschrift ,,Aktuellt“. Sie bewegte sich vor dem Spiegel des Tages, vor dem Auge des Himmels, und wäre ein Bauer vorbeigekommen, sie würde sich auch unter seinen Blicken gerollt haben wie unter der herein langenden Sonne. Es war eine Orgie aus Strahlen und Farben, eine stille, einsame Lust des Selbstvergessens, des gedankenlosen Augenblicks.

Nachher hüpfte sie in einem Männerpullover umher, er hing ihr bis über die Knie, eine Pipi Langstrumpf, sie hatte das Radio angeschaltet, bewegte sich im Rhythmus des Schlagers.

,,Komm, tanzen wir!“ rief sie.

,,Ich kann nicht“, sagte ich.

,,Ich bring es dir bei!“

Anstatt mich zu führen, kitzelte sie mich, ich wehrte mich, dabei fielen wir auf die Matratze in der Schlummerecke, ich kitzelte sie an allen verfügbaren Stellen, sie schnappte nach Luft, und wäre ich nicht in einer dunklen Ahnung aufgesprungen, um einen Blick nach draußen werfen, die Svensson hätten uns in einer Situation überrascht, die schwer zu erklären gewesen wäre.

Sie näherten sich auf der Sandstraße, abgearbeitet und sichtlich müde, wir fanden noch eben Zeit, unsere Spuren zu verwischen. Lillemor huschte in ihr Zimmer, ich tat geschäftig in der Küche, klatschte in gespielter Gleichgültigkeit Sommerfliegen tot, eine Aufgabe, die mir die Hausfrau schon öfters ans Herz gelegt hatte.

 

Seit Weihnachten war Lillemor bei den Svenssons und mittlerweile hatte sie wieder normales Körpergewicht. Mit dem Frühling, erst recht zum Mittsommer, schienen ihre Lebensgeister zu wachsen. Sie begann sich zu schminken und türmte ihre Haare hoch. Die Frisur sah aus wie ein Bienenkorb, und tatsächlich musste sie sich bisweilen gegen Bienen wehren: sie sprühte parfümierten Haarfestiger ins Haar. In die Ohrläppchen hängte sie Silberringe. So aufgedonnert brütete sie schon am Vormittag am Schreibtisch vorm Dielenfenster, auf Telefonanrufe wartend.

Nachmittags verzog sie sich in ihr Zimmer, dann, abends, rasselte sie plötzlich die Holzstiege herunter, das Haar hing lose, sie hatte sich das Zeug heraus gewaschen, in ihrem frischen Gesicht kräuselte sich die Nase, der kleine Knick im Nasenbein glänzte unterm Lampenlicht: ,,Wie wär's mit nem Kartenspiel?"

Und dann bogen wir uns über den Kartentisch, wir spielten paarweise gegeneinander, Gunnars Frau und Lillemor gegen Gunnar und mich, und nichts auf der Welt brauchte anders zu sein, als es war.

 

Wieder einmal lag sie bäuchlings auf der Wiese beim Haus, blätterte gelangweilt in einer Zeitschrift. Sie hatte die Bluse abgelegt und die Träger des BHs abgestreift. Es war Samstagnachmittag, die Zeit, in der sich regelmäßig das schwedische Volk erhebt und das Land von Süden bis Norden mit seinen Autos in Besitz nimmt. Nichts anderes ist es als eine unorganisierte Völkerwanderung, alle sind auf der Suche nach Kaffee und Kuchen, die jüngeren mehr nach geistigen Getränken, Scheunentanz und Stelldichein im Waldesdunkel. Manch einer der Autofahrer trägt einen unsichtbaren Wikingerhelm, und vielleicht hielt Lillemor gerade nach solch einem Ausschau, wenn sie bei jedem Autogeräusch die Augen hob.

Wieder näherte sich Staub wirbelnd ein Auto. Sie streckte katzenhaft den Hals, wie immer glitten dabei ihre Brüste aus dem BH, und tatsächlich – ihre Schultern bebten – das Auto bremste beim Haus. Und sie steht auf, geht hin. Ein wenig zu schnell, denke ich.

Endlich hat sie einen Kille. (Auf Deutsch: Kerl). Oder wie soll ich das sehn?

 

Gunnar saß schon im Skoda, wir wollten zum Bauplatz der zweiten Hütte fahren. Ich zögerte . . . Mir fiel Lillemor ein. Sie war nicht am Frühstückstisch gewesen, Lisa hatte angedeutet, sie sei schon beim Packen des Koffers . . . Ich fürchtete, sie nie wieder zu sehen wie alle „Durchreisenden“ des Hauses.

Ich ließ den Autotürgriff los, sprang die Stiege hinauf, öffnete, ohne anzuklopfen, die Tür zu Lillemors Zimmer. Sie stand mit dem Rücken zu mir, nackt bis zur Hüfte, sie blickte in den Spiegel und richtete ihr Haar. Sie drehte sich um, schaute mich fragend an. Vorsichtig umarmte ich sie.

,,Ajö“, sagte ich.

,,Ajö“, sagte sie.

,,Jag älskar dig“, murmelte ich. Das war übertrieben, aber irgendwie auch nahe dran, wir wusste es beide, sie lächelte, drehte sich wieder zum Spiegel und nestelte an ihrem Haar.

Ich rannte zum Auto. Erleichtert lehnte ich mich in den Sitz. „Fahr los..“

Als wir mittags zurückkehrten, saß sie am Esstisch. Der Haarturm war so hoch, dass er in die Suppe zu fallen drohte. Am Abend wurde sie von einem Auto abgeholt. Der Fahrer kam nicht ins Haus, aber er war in meinem Alter, ich sah es. Es hieß, sie fuhr zum Tanzen.

Ich war auf sie sauer. Entweder, weil sie nicht abgereist war – trotz großer Abschiedszeremonie – oder weil sie am Abend mit einem Kavalier nach Ljungby davon rauschte. Und ich ärgerte mich in den nächsten Tagen immer mehr. Sie hatte keine Zeit mehr für mich. Ihr Outfit beschäftige sie, das Make-up, die Frisur. Stundenlang saß sie vorm Spiegel, als würde sie sich mit ihm unterhalten.

Abends röhrten zwei oder drei Autos an der Straßengabelung, bei Oskars Hütte, die Scheinwerfer stachen uns in die Augen. Dann surrte Lillemor wie eine aufgedrehte Puppe hinaus, auf dem Kopf den Feuerturm, die kunstvoll gewebte Nachtmütze mit Leichenstarre, und darunter Augen wie Mauselöcher, schwarz ummalt, in ihnen flitzte etwas Kleines fiebrig und hungrig hin und her. Die Lippen waren grellrot geschminkt und das Fetzchen, das sie Sommerkleid nannte, reichte knapp an die Oberschenkel. Wir seien ja vom Dorf, erklärte sie uns, und wüssten nicht, dass die Minimode jetzt in den Städten normal sei.

Wir sahen durchs Webzimmerfenster, wie sie mit ihren Pumps über die Sandstraße zu den Autos stakelte, die Scheinwerfer spritzten schlohweiß um ihre nackten Beine, und dann sausten die Wagen davon, als hätte die Falle zugeschnappt. Gunnars Frau klärte uns auf: Lillemor wolle endlich heiraten und suche einen Mann.

Und den fand sie mit einer Schnelligkeit, als lägen die Männer in Schweden gut sortiert in Schubläden herum. Eines Nachmittags stand ein Auto vorm Haus und wartete auf sie. Schon mit einem Fuß auf der Straße, verriet sie uns hastig, wer der Mann war. Jan hieß er, bewirtschaftete alleine einen Bauernhof, 125 km von hier entfernt, arbeitete tagsüber als Automechaniker, jetzt wolle sie zu ihm ziehen, um ihm bei der Bewirtschaftung des Hofes zu helfen. Sie hätte ihn bei einer Tanzerei in Ljungby kennengelernt.

Sie muss mein verdutztes Gesicht gesehen haben, sie lachte, warf den Kopf in den Nacken – und weg war sie. Die Staubwolke geriet mir in den Mund und ich hatte Sandkörner zwischen den Zähnen.

Und dann kamen ab und zu Anrufe, die sie mit Gunnars Frau führte, Gespräche von Frau zu Frau.

Eines Tages bekam ich eine Mitfahrgelegenheit, sie zu besuchen. Der kleine Hof in Falunfarbe lag wie ein Stück Glut auf einem Bergkamm, über verschlungene Landwege, an Wäldern und Wiesen vorbei hatten wir ihn erreicht. Hier war das småländische Hochland.

Lillemor kam aus dem Haus gelaufen und fiel uns um den Hals, das war nicht die feine schwedische Art. Hinter ihr sausten zwei Schäferhunde heran, ein schwarzer, der ihr eigener war, und ein brauner, der gehörte Jan.

Im Vorraum des Hauses, leer bis auf eine alte Schlafbank, hing an der dem Eingang gegenüber liegenden Wand ein Arsenal von Waffen: Zwei langläufige Pistolen, zwei Jagdgewehre, ein Dolch und eine lederne Hundepeitsche. Lillemor erzählte von ihrem Leben, während wir am Küchenfenster saßen, Kaffee tranken und immer wieder ins Tal hinuntersahen. Unausgesprochen fürchteten wir, Jans Auto zu sehen. Der Kerl trug bestimmt auch eine Kanone im Gürtel. Sie ackere ganz schön, meinte Lillemor, die Kühe, die Hühner, das Gemüsefeld forderten ihre ganze Kraft, aber sie glaube doch, dass Jan sie heiraten würde, ja, das schon . . . Und sie griff hastig nach einer Pillenfolie auf dem Fensterbrett: Huch, meine Pille! und sie deutete an, dass sie sehr wohl ein Kind bekommen könne. Aber das erst später, weil . . . wenn er nachts im Bett schliefe, liege sie noch wach, er mache es sich ziemlich einfach, bums und Schluss, aber sie meine, dass sie einen Anspruch auf mehr hätte . . . Und sie sei überzeugt, dass sie ihn ändern könne, jedenfalls habe sie schon viel Sympathie und Respekt bei den benachbarten Bauern gewonnen . . .

Vier Monaten später verließ sie Hof und Mann, er hatte ihren Hund zu peitschen begonnen, erfuhr Gunnar telefonisch. Später erzählte man sich, dass sie in Halmstad Fischverkäuferin geworden war, und zwei Jahre später erhielt ich in Berlin eine Hochzeitsmitteilung mit einem Hochzeitsfoto in Farbe: Darauf war sie wieder mit dem Feuerturm zu sehen. Und noch viel später hieß es, dass sie geschieden sei und als Zugbegleiterin einen Job gefunden hätte.

Und mit 50 nahm sie sich das Leben, indem sie von einem Stockholmer Dach sprang... Kära Lillemor.. Liebe Kleine Mutter..