Harald Schmid

 *22.10.1947     20.1.2020

Sein Leben und Schaffen

Vergrößern wir das Wesentliche, fassen wir uns kurz.
Harald Schmid wurde 1946 in Tittmoning/Oberbayern geboren, lebte seit 1965 in Berlin.Er war Schweißer, Klein-Verleger, Altenpfleger, im Jahre 2010 erster Preisträger der Förder-Vereins des Deutschen Aphorismus-Archivs e.V. in Hattingen, 1970 Preisträger in einem Reportage-Wettbewerb des „Werkkreises Literatur der Arbeitswelt“. So steht es in Wikipedia.
Ich kann ergänzen: Er kam schnell und leicht mit Menschen in Kontakt, vielleicht auch durch die für Berliner Ohren ungewöhnliche bayrische Einfärbung seiner Sprache? „Des is mei Sprach, da wohn i drin...“ Seine Frau Rosi und er zogen gern und häufig um. Eine seiner ersten Westberliner Adressen war im „Dichter-Viertel“ Friedenau. Hier kam der trinkfeste junge Schweißer – damals noch Junggeselle - mit „68er-Jungliteraten“ in Kontakt, die sich freuten, endlich mal einen Arbeiter kennen zu lernen.
Er entdeckte in ihrem Kreis seine Begeisterung für Literatur und erinnerte sich daran, dass er als Kind schon Verse geschrieben hatte. Er wurde zum Aphoristiker, traf oft und genau den Nagel auf dem Sprachkopf: „Morgens um sechs, wenn der Wecker klingelt, erhebt sich die Arbeiterklasse.“ In seinem Leben hat er sich häufig selbst überrascht, war aber auch sonst für Überraschungen gut. So klingelte – war es 1978? – in meiner Zweizimmerwohnung, in die ich nach zehn Jahren Wohngemeinschaft gezogen war, das Telefon: „Hier ist Harald Schmid. Ist das schöne Gedicht in der letzten „ZITTY“ von Ihnen? Ich habe da so einen kleinen Verlag...“
Sein Verlag, die „PEGASUS-REIHE“, hatte als Logo ein geflügeltes Pferd, das von einem Arbeiter, der ihm ähnlich sah, am Schwanz festgehalten wurde. In der Anthologie von 1980 „UMSTEIGEN BITTE Gedichte aus Berlin“ wurden auch erste Texte von mir gedruckt.

Harald Schmid hatte zu der Zeit bereits vielfältige Kontakte in der Berliner Klein-Literaten-Szene und war selber bekannt. Es gibt ein Foto von ihm, wie der kleine Mann einen riesigen Bücherstapel durch eine Messehalle trägt. Etwas später planten wir zusammen mein erstes eigenes Buch. Ich wagte inzwischen auch, Geschichten zu schreiben, es entstand eine sehr persönliche Sammlung von Texten unterschiedlicher Art zu dem Thema, was mich zu dieser Zeit am meisten beschäftigte: Dem Kinderkriegen.
Harry unterstützte mich nach Kräften: Er vermittelte mir den Zeichner Marcus Herrenberger, der gegen das Honorar „Einmal bei McDonald satt essen“ meine Texte hervorragend illustrierte. Als das Buch fertig war, kümmerte er sich um Werbung, Lesungen und Vertrieb. Nie wieder habe ich mich – auch bei großen Verlagen – so gut betreut gefühlt. Er schleppte ein Jahr später, als mein Baby geboren war, mir Kohlen vom Keller in den dritten Stock, wo ich inzwischen mit meiner kleinen Familie wohnte. Er unterhielt mich mit vielen Geschichten über „seine“ anderen Autoren, die er ebenso gründlich betreute wie mich und brachte uns in Kontakt. Einige von ihnen – wie Hans-Ulrich Treichel und Ralph Rothmann – sind sehr erfolgreich geworden, aber niemand von uns hat, soviel ich weiß, das Schreiben je wieder aufgegeben. „Beständig ist nur das Unbeständige.
Harry war inzwischen kein Schweißer mehr, sondern hatte in der Bayrischen Straße in Schöneberg einen Zeitungsladen eröffnet. Neben den üblichen Ablagen für Zeitungen und Wochenzeitschriften gab es einen Ständer für die Bücher seines Verlages. Der Laden lag in der Nähe der Schule, in
der ich unterrichtete, und es kam vor, dass ich ihn nach der Arbeit dort besuchte. Auch hier verbreitete sich eine Atmosphäre warmer Vertraulichkeit.
„Das Übliche?“ fragte er, als ein Kunde den Laden betrat und reichte einen bestimmten Flachmann über den Tisch. „Rettet die Freiheit! Zeigt ihr die Grenzen!
Im Laufe der Jahre ging unser Kontakt zurück, doch die seltenen Telefonate zwischen uns waren immer sehr lang. „Wir irren immer genauer.“ Das Ehepaar Schmid zog weiterhin häufig um. Harry war inzwischen Altenpfleger geworden, hatte Witziges von dieser Arbeit zu erzählen und konnte – wie „seine“ Autoren – das Schreiben nicht lassen. Was immer er hörte, sah und erlebte, gerann in seinem Kopf und floss als Aphorismus wieder heraus. Weisheiten, die sich, weil sie kurz sind, in Gehirnen festklammern können.
Wer – wie ich – mehr Wörter braucht, könnte vor Neid erblassen. Ansonsten redete er, wie schon erwähnt, gerne und viel. Seine Reden wurden zu Sträuchern mit vielen vergänglichen Zweigen. Doch an den Zweigen – oh Wunder! – saßen als leuchtende Blüten die Aphorismen. Sie wurden von Harrys Stift gepflegt, geerntet und in kleinen Büchern gesammelt. „Schlank ist schön. Meine Bücher sind schlank.“ Sechzehn ihrer Art sind es über die Jahre geworden.
In vielen seiner Aphorismen gerinnt die Zeit. „Auch die Moral rennt mit der Mode mit.“ Etwas darin ist haltbar, blitzt hervor aus der Masse vergänglicher Informationen, denn „Unsere Wege sind mit Wegweisern verstellt.“
In den letzten Jahren wurde unser Kontakt wieder intensiver. Harry empfahl mir für meine neuen Bücher den Stadthaus-Verlag von Dieter Lenz, der ebenfalls ein Autor der „PEGASUS-REIHE“ gewesen war. Er selber veröffentlichte inzwischen dort, war für Dieter Lenz auch ein hilfreicher Verlags-Berater.
Immer wieder lange Telefonate mit Harry, Besuche an den wechselnden Wohnadressen, Spaziergänge mit seiner Frau Rosi und ihm in der jeweiligen Umgebung. Menschen jeden Alters und Hunde jeglicher Rasse, auch die Kaninchen, freuten sich, wenn sie das Ehepaar trafen. „Die schöne Aussicht vor dem Abgrund trügt.“
Dann kam über Dieter Lenz die schlechte Nachricht: „Harry ist krank.“ Ratlosigkeit, wie immer in solch einem Fall: „Wie gehe ich damit um?“ Aber Harry half mir heraus mit der Nachricht: „I bin a Beuteltier.“ Weitere lange Telefonate. Berichte von Klinik-Phasen mischten sich mit Neuigkeiten über „seine“ Autoren. Aber bei meinem letzten Besuch in Siemensstadt war er sehr matt und die Telefonate wurden beängstigend kurz. „Er hatte HUNGER auf das Leben, aber das Leben hatte den größeren Appetit.“
Dienstag, den 21. 1. 2020 musste ich plötzlich beim Frühstück intensiv an ihn denken und erfuhr einen Tag später von Dieter Lenz: Am Tag zuvor ist er gestorben.

„Harald Schmid ist einer von denen, die es können: auf ihn zu hören ist sinnvoll und produktiv für den weiteren Weg unseres Geistes in der Spirale von Zeit und Ewigkeit.“ So schreibt Hartmut Heinze, ebenfalls einer von Harrys Autoren, über den Aphoristiker und stellt ihn in eine stolze Reihe u.a. mit Goethe, Nietzsche, Kafka, Ebner-Eschenbach.
Und ich selber füge noch etwas hinzu:

Lieber Harry, ich muss Dir jetzt noch was gestehen. Ich hatte längst aufgegeben, meinem Liebsten abends im Bett etwas vorzulesen, denn er schläft sofort ein. Aber ein Aphorismus von Dir.. Er lacht, wird noch einmal wach.
Man kann Lebende zum Schweigen bringen, aber keine Toten.
                                                                                                              URSULA EISENBERG

 

Aus Harald Schmids letzten Aphorismen:

 

Reden die ewig Gestrigen von der Zukunft, reden sie von vorgestern.
Auch die ewig Gestrigen werden immer jünger.
Wer die Wahrheit schön geschrieben haben will, hat sich für die Lüge entschieden.
Je mehr Ordnung in einem Land herrscht, um so weniger hat das Volk zu lachen.

Aus Warnungen an mich selbst