Der Begriff Volkstheater geht auf das 18. Jahrhundert zurück und bezieht sich ursprünglich auf Theater für das Volk im Sinne des Dritten Standes. Nach dem Literaturwissenschaftler Jürgen Hein gibt es Volkstheater als „Intention“ (nämlich Theater für das Volk zu machen) oder als „Institution“ (also als „Haus“, privatwirtschaftliches Unternehmen oder öffentliche Einrichtung).

(wikipedia.de)

Gebt Berlin ein Volkstheater!

Szenenfoto aus "Nie wieder Köpenick" (Von links nach rechts: Ezard Haußmann, Wolfgang Bahro, Debora Weigert, Horst Pinnow)
Szenenfoto aus "Nie wieder Köpenick" (Von links nach rechts: Ezard Haußmann, Wolfgang Bahro, Debora Weigert, Horst Pinnow)

 

Es gibt zwei Kulturen in Deutschland. Die Hochkultur und die.. wie nennt man die? Niedere Kultur? Das wäre wahrscheinlich der Ausdruck, den man von Anhängern der Hochkultur hören würde. Ich  nenne sie mal „Normale-Leute-Kultur“. Oder „Kleine-Mann-Kultur“?  Nein, denn der Kleine Mann oder die Kleine Frau sind gar nicht so klein, sie sind in der Mehrzahl und müssten in unserer Gesellschaft eine gewichtige Stimme haben – aber es sind die Anhänger der Hochkultur, die bestimmen, was in unserer Gesellschaft gefördert wird: nämlich ihre Kultur.
Beide Kulturen halte ich für gerechtfertigt. Aber es soll gerecht zugehen. Kurz gesagt: Der Staat muss die „Normale-Leute-Kultur“ genau so fördern wie die Hochkultur!
Das ging mir schon vor Jahrzehnten durch den Kopf. Anlass war die Aufführung meines Stückes „Nie wieder Köpenick“ vor vollem Haus, vier Wochen lang. Es hätte so weiter gehen können, doch die Veranstalter vom „Tag der offenen Tür“ hatten das Hebbel-Theater nur für eine befristete Zeit gemietet. Ich bot das Stück anderen Berliner Theatern an - es gab nur Ablehnungen. Versteht sich. Volkstheater in einem Hochkultur-Theater! Unvorstellbar.. Es ist so, als würde die FAZ mit der Bildzeitung kooperieren.

Ohne den Erfolg damals hätte ich keine weiteren Stücke geschrieben. Aber ich tat es.  Welch ein Fehler. Hamburg hat ein Volkstheater, München hat's, Köln hat's – Berlin aber nicht. Also alles umsonst? Nein. Ich eröffnete mein Lesetheater.

Und bin weiter überzeugt, in die berliner Theaterlandschaft  gehört neben den anderen Theatern auch ein Volkstheater. Ein aufregend modernes Volkstheater mit festem Ensemble und aktuellen städtischen Themen vom Schwank bis zur Satire.

Übrigens.. Wer geht eigentlich ins Theater? Hier eine Statistik:

 

                                       Demographische Merkmale des Bühnenpublikums
72 % verfügten über ein Studium, 17 % über das Abitur und nur eine kleine Minderheit war ohne gehobene formale Bildung. Ähnlich war dies bei den Opernbesuchern, hier besaßen sogar 75 % ein Studium. Die formale Bildung der Besucher und speziell der Akademikeranteil ist damit im Vergleich zu früheren Studien außergewöhnlich hoch (vgl. Reuband 2012; Keuchel/ Larue 2012). Im Hinblick auf die Geschlechterzusammensetzung war ein überproportionaler Anteil von weiblichen Besuchern beobachtbar (63% Theater, 58 % Oper). Die Besucher entstammten zu 2/3 aus der Stadt selbst und kamen fast ausnahmslos in Begleitung.
                                                                                            Zitat aus www.kulturmanagement.net

 

Und das mit der Minderheit soll so bleiben? Nein. Doch wo ist in Berlin ein Theaterangebot für Menschen ohne akademische Bildung? Auch sie verdienen ein Theater und das sollte genauso öffentlich gefördert werden wie die anderen Theater. Wahrscheinlich wäre eine große Förderung gar nicht nötig. Das bewies die Publikumszustimmung bei der Aufführung meines Stückes. Außerdem kämen nicht nur Berliner in ein Volkstheater, sondern auch Berlin-Besucher, die das Leben in der deutschen Hauptstadt als Drama, Komödie, Schwank oder Satire sehen wollen.

Heute, wo es einen Kulturkampf in der Gesellschaft gibt (denn das Aufkommen der AfD ist ein Symptom davon), appelliere ich an die Kulturschaffenden dieser Stadt:
Gebt Berlin ein Volkstheater! Ein deftiges Volkstheater soll es sein mit Berliner Geschichten von heute! Und so wird - ganz nebenbei - Berlins Theaterlandschaft lebendiger und reicher.

Und das Auseinanderklaffen von Oben und Unten wird zumindest kulturell etwas kleiner..

                                                                                                                                       Dieter Lenz

 

Siehe auch Ideen zur Gründung eines modernen Volkstheaters